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Postkommunismus und verordneter Nationalismus

Gedächtnis, Gewalt und Geschichtspolitik im nördlichen Schwarzmeergebiet

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Dittmar Schorkowitz

Seit dem Systemwechsel in Osteuropa werden Vergangenheitsbilder, sprachliche Zuordnung und Konfessionszugehörigkeit zum Ausbau der Herrschaft nationaler Eliten benutzt. Dieser Prozeß beinhaltet die Ersetzung der kommunistischen Ideologie durch ethnonationale Identitäten und
die Überformung der territorial-administrativen Umgestaltung durch die Renaissance der nationalen Idee. Mögen die Auswirkungen dieser Transformation in den postsozialistischen Ländern auch regional unterschiedlich sein, so ist der Entwicklung doch gemein, daß Konsens und Gemeinschaft seither im Zuge einer Abgrenzung entsteht, die das Eigene dem Anderen gegenüberstellt und dabei auf Feindbilder zurückgreift. Dieses Buch will daher das Verhältnis von Nationsbildung, Geschichtspolitik und Eskalationsdynamik erhellen, um die Funktion einer historischen Sinnstiftung im Kontext nationalistischer Gewaltentfaltung für einen Teilbereich des östlichen Europas aufzudecken.

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III. HISTORISIERUNG, ETHNISIERUNG UND ERINNERUNGSKULTUR 173

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173 III. HISTORISIERUNG, ETHNISIERUNG UND ERINNERUNGSKULTUR Im Umgang mit Geschichte stechen für die untersuchten Regionen - Krasnodar, Abchasien, Transnistrien - schon jetzt drei Besonderheiten ins Auge. Da ist er- stens der Umstand, daß die politischen Konflikte mit den voneinander abwei- chenden Erinnerungskulturen der jeweiligen Region aufs engste korrelieren. Aufgrund der ethnisch aufgeladenen Situation impliziert diese Verbindung eine Ethnisierung auch von Erinnerung. Zweitens wurde deutlich, daß der postkom- munistische Nationalismus mit dem kolonialen und imperialen Nachlaß aus prä- kommunistischer Zeit nicht nur auf vielfältige Weise verwoben ist, sondern hierdurch auch die erforderliche Unterfutterung erhält. In gewisser Weise han- delt es sich also um einen geborgten Nationalismus. Schließlich und drittens er- kennt man durchweg die zutage tretenden Absichten einer Geschichtspolitik, deren abgrenzende bzw. unifizierende Zielsetzung den öffentlichen sowie den akademischen Diskurs bestimmen. Wesentliche Felder und Strategien einer solch ethnopolitisch ausgerichteten Erinnerungskultur werden in diesem Kapitel für das Krasnodarer Gebiet und Moldova bzw. Transnistrien vorgestellt. Sie sollen exemplarisch Auskunft geben über eine umfassende Indienststellung von Geschichtsschreibung und Kultur, die der Ethnisierung politischer und sozialer Prozesse zuarbeitet. Das Krasnodarer Gebiet Einen prominenten Platz nimmt in Nordwestkaukasien wie überhaupt in der Rußländischen Föderation auch heute dabei immer noch das öffentlich-amtliche Gedenken an den Sieg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg gegen das fa- schistische Deutschland ein. Die besondere Funktion, die dem Gedenktag des Großen Vaterländischen Krieges im Rahmen der postkommunistischen Ideolo- gie zugedacht wird, läßt sich als identitätsbildender Mechanismus beschreiben und pr...

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