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Erziehung zur Mündigkeit und Kants Idee der Freiheit

Markus Speidel

Obwohl der Mündigkeitsbegriff seine herausragende Stellung in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion mittlerweile eingebüßt hat, ist er immer noch als Erziehungsziel gegenwärtig. Wer von Mündigkeit redet, meint – mal mehr, mal weniger explizit – das Verantwortung begründende Freiheitsvermögen, sich selbst regieren zu können. Angenommen, die moderne Hirnforschung hätte Recht und Freiheit wäre tatsächlich nur eine Illusion, müsste mit der Unmöglichkeit von Freiheit und Verantwortung
konsequenterweise auch der Mündigkeitsbegriff verworfen werden. Kants Idee der Freiheit zeigt, warum Freiheit trotz (neuronaler) Determination widerspruchsfrei gedacht werden kann. Diese Fundierung des Mündigkeitsbegriffs in der Idee der Freiheit schränkt zugleich auch die Bandbreite dessen ein, was Mündigkeit sein kann und nimmt dem Begriff so seine Beliebigkeit.

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2 Mündigkeit – ein Einblick

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2.1 Die Wurzeln des Begriffs Nach herrschender Meinung entstand der Mündigkeitsbegriff als Rechtsbegriff im Mittelalter (Rieger-Ladich 2002a, S. 25). Der Begriff geht auf das althoch- deutsche Wort „munt“ zurück, das „Macht“ oder „Schutz“ bedeutete und die rechtliche Stellung des Hausherrn gegenüber seiner Frau, seinen Kindern und dem Gesinde beschreibt (Sommer 1988, S. 117). Es wird dabei eine sprachliche Nähe zur „Hand“ angenommen, die hier die schützende, mächtige Hand des Va- ters meint und die auch noch im Sprichwort „Morgenstund’ hat Gold im Mund“ wieder zu finden ist (Sommer 1988, S. 137). Wer sich außerhalb der väterlichen „munt“ befand, war zwar unabhängig von väterlichen Weisungen, aber er war auch auf sich selbst gestellt und für sich selbst verantwortlich, d. h., er stand zugleich auch nicht mehr unter väterlichem Schutz (Sommer 1988, S. 117). Der Vater vertrat die ihm anbefohlenen Unmündigen vor Gericht und haftete für alle Schäden, die diese verursachten (Ebersold 1980, S. 17). Männer wurden in der Regel mündig, wenn sie sich selbst versorgen und einen eigenen Hausstand gründen konnten – Frauen blieben zeitlebens unmündig, sie wechselten bei Hei- rat lediglich den Herrn (Sommer 1988, S. 117). Es wird zwar angenommen, dass der Begriff ursprünglich als reiner Rechts- begriff entstanden ist, aber im Mittelniederdeutschen bedeutete der Begriff von Anfang an auch „vernünftig“, „bei Verstande“ (Ebersold 1980, S. 26). Diese Bedeutung ist dem Mittelniederdeutschen Lexikon von Schiller-Lübben ent- nommen (Schiller...

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