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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

Series:

Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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3. Begriffsbestimmung: Formelhafte (Ir-)Regularitäten

3.  Begriffsbestimmung: Formelhafte (Ir-)Regularitäten

3.1  Vorbemerkungen: Fragestellung und Zielsetzung des Kapitels

Bevor in Kapitel II die Vielfalt an „phraseologischen Irregularitäten“ im Einzelnen thematisiert wird, ist es notwendig, folgende Fragen zu beantworten: Wie kann der Phänomenbereich der sogenannten „phraseologischen Irregularitäten“ terminologisch einheitlich gefasst werden? Welche Studien haben sich bis dato mit diesen Besonderheiten befasst? Und schließlich die entscheidenden (Definitions-) Fragen: Welche Wendungen gehören zum Untersuchungsgegenstand und welche Eigenschaften weisen „irreguläre“ feste Wortverbindungen auf? Das erklärte Ziel des Kapitels ist es also, die Fragen „welche sprachlichen Einheiten sind formelhaft (ir-)regulär?“ und „was heißt formelhafte (Ir-)Regularität?“ zu beantworten und somit zum ersten Mal eine genaue Begriffsbestimmung dieses Phänomens vorzunehmen.69

3.2  Terminologie: Etablierung des Terminus „formelhafte (Ir-)Regularität“

Das Hauptproblem der bisherigen Terminologie besteht darin, dass zwar immer wieder bestimmte einzelne „irreguläre“ Erscheinungsformen benannt und vorgestellt werden, ein passendes Hyperonym jedoch nicht existiert. Wird ein Oberbegriff angeführt, unter den sich mehr oder weniger alle Arten an „Irregularitäten“ subsumieren lassen, spielt dieser entweder auf den „irregulären“ Charakter in Bezug auf eine außerphraseologische Norm oder aber auf die historische/diachrone (Entstehungs-)Perspektive dieser Erscheinungsformen an. Übersicht 3–1 gibt einen Einblick in die verwendeten Oberbegriffe: ← 55 | 56 →

Übersicht 3-1:  Oberbegriffe für den Untersuchungsgegenstand seitens der Forschung

 

Terminus

Autoren (in Auswahl)

„Norm“-Bezug

Abweichungen

HESSKY (1992)

Besonderheiten (Irregularitäten)

STEIN (1995)

Oberflächenanomalien

KEIL (1997)

phraseologische Anomalität (Irregularität)

VAJIČKOVÁ (2003)

gewisse „Unregelmäßigkeiten“

SCHMALE (2011)

historischer/diachroner Bezug

Konservativismus

MOKIENKO (2002)

erstarrte Sonderformen

EICHINGER/PLEWNIA (2006)

erstarrte Reste

NÜBLING u. a. (2010)

Überbleibsel/Archaismen bzw. archaische Formen

DRÄGER (2012)

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Der archaische Charakter bzw. die historische Perspektive macht sich fast ausschließlich in rein sprachhistorischen Publikationen terminologisch bemerkbar. In phraseologischen Werken spielt dieser Aspekt nur eine untergeordnete Rolle; hier wird in den meisten Fällen auf den von der Norm abweichenden Status dieser Erscheinungen Bezug genommen.70 Dies ist vor allem an den Bezeichnungen für die speziellen Unterklassen des Phänomens erkennbar (siehe Übersicht 3–2):

Übersicht 3-2:  Bezeichnungen für die Unterklassen „phraseologischer Irregularitäten“ seitens der Forschung

Terminus

Autoren (in Auswahl)

lexikalische Anomalie

FLEISCHER (1997a); KEIL (1997); PALM (1997)

morphologische Anomalie

DOBROVOLSKIJ (1978); FLEISCHER (1997a)

morphologisch-flexivische Anomalie

FLEISCHER (1997a); KEIL (1997)

morphosyntaktische Anomalie

NAUMANN (1989); DONALIES (2005)

syntaktische Anomalie

syntactic anomalies

SABBAN (1998); PTASHNYK (2009); JAKI (2014)

semantische Anomalie

DONALIES (2005); BURGER (2010)

grammatische Anomalie

WEICKERT (1997)

orthografische Anomalie

DOBROVOLSKIJ (1978)

← 56 | 57 →

phonetische Anomalie

DOBROVOLSKIJ (1978, 1989)

lexikalische Irregularität

NAUMANN (1985); FILATKINA (2013)

morpho-lexikalische Irregularität

VAJIČKOVÁ (2003)

morphosyntaktische Irregularität

HESSKY (1992); BURGER (2010); SAVA (2012)

syntactic irregularity

WRAY/PERKINS (2000)

semantische Irregularität/semantic irregularity

KOLLER (1977); WRAY/PERKINS (2000)

Die in der Forschung verwendeten Ober- und Unterbegriffe sind kritisch zu bewerten: Zum einen ist es problematisch, die hier behandelten Erscheinungen ausschließlich als Relikte vergangener Sprachzustände aufzufassen und zum anderen sind es vor allem die stark negativ konnotierten Termini der „Irregularität“ und der „Anomalie“, die die Perspektive auf diesen Untersuchungsgegenstand unnötig einschränken und diesen ungerechterweise als etwas Defizitäres brandmarken.

1)  Zur historischen Perspektive: Alle Termini, in denen zum Ausdruck gebracht wird, dass es sich bei „phraseologischen Irregularitäten“ um konservierte Phänomene aus älteren Sprachepochen handelt, treffen zwar auf viele der hier behandelten Erscheinungen zu, aber eben nicht auf alle. Trotz der weit verbreiteten Überzeugung, unikale Komponenten seien automatisch veraltete Überreste aus vergangenen Sprachverhältnissen (Archaismen, Historismen), können sie auch ad hoc gebildet werden (z. B. in der Jugendsprache: eine Flatter machen) (vgl. HÄCKI BUHOFER 1998: 162 sowie ANDROUTSOPOULOS 1998: 231). Darüber hinaus gibt es auch zahlreiche Unikalia, bei denen es sich schlichtweg um distributionell stark eingeschränkte, aber gleichzeitig hochmotivierte Wörter handelt (z. B. auf der Siegerstraße sein, in Torlaune sein und zum Nulltarif). Auch bei Pronomina, die in Phrasemen keinen Kontextbezug aufweisen (z. B. es schwer haben, sich einen hinter die Krawatte kippen, jmdm. eine knallen und jmdm. eins auswischen), spielen diachrone Erklärungsansätze wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle.

2)  Zu den Termini „Irregularität“ und „Anomalie“: DUDEN (1999: 1981) definiert „Irregularität“ u. a. als eine „vom üblichen Sprachgebrauch abweichende Erscheinung“. „Anomalie“ wird allgemeiner als „Abweichung vom Normalen, Abnormität“ paraphrasiert (DUDEN 1999: 232). Die beiden Termini drücken demnach nichts anderes aus, als dass es sich hierbei um eine Mangelerscheinung handelt (vgl. NÜBLING 2004b: 175). Während jedoch „Irregularität“ im ← 57 | 58 → sprachwissenschaftlichen Diskurs durchaus gebräuchlich ist (und im DUDEN 1999 auch mit „Sprachw.“ gekennzeichnet ist), liegt im Falle von „Anomalie“ ein innerhalb der Linguistik eher unüblicher Terminus vor. Aus diesem Grund wird dieser Negativbegriff für die Beschreibung der vorliegenden Phänomene grundsätzlich abgelehnt. Aber auch der Terminus „Irregularität“ ist stark negativ konnotiert und impliziert „die Abwesenheit eigentlich erwünschter Regularität“ (NÜBLING 1998: 36). Es stellt sich dabei zwangsläufig die Frage, was genau das „Regelhafte“ ist. Darüber hinaus ist zu überprüfen, ob die in Phrasemen anzutreffenden „Irregularitäten“ wirklich nicht (mehr) im freien Sprachgebrauch existieren. Dass dies teilweise durchaus der Fall ist, wird in der vorliegenden Untersuchung immer wieder hervorgehoben. Der Terminus „Irregularität“ verliert somit seine dichotomische Grundbedeutung (als Gegensatz zu „regulären“ Erscheinungsformen), da diese Phänomene, die nach Ansicht vieler Forscher nur (noch) in Phrasemen auftreten, zum Teil auch in außerphraseologischen Konstruktionen oder Kontexten vorzufinden sind. Und selbst wenn bestimmte Erscheinungen heute nur (noch) in festen Wendungen anzutreffen sind, muss dies nicht automatisch bedeuten, dass es sich hierbei um „irreguläre“ Formen handelt. Es wird sich zeigen, dass auch Phraseme mit „phraseologischen Irregularitäten“ nicht selten durch produktive Muster erzeugt werden (können). Nähert man sich dem Phänomen aus unterschiedlichen Richtungen, verliert die Trennung zwischen „Regularität“ und „Irregularität“ an Schärfe; auch gerade deshalb, weil innerhalb vermeintlich „irregulärer“ Phraseme gewisse Regelmäßigkeiten (z. B. in ihrer Bildung und ihrem Gebrauch) vorzufinden sind, die eine oberflächliche Etikettierung als „Irregularität“ mehr als fragwürdig erscheinen lassen.71

Die vorliegende Arbeit legt sich auf folgenden Oberbegriff für sämtliche hier behandelten phraseologischen Erscheinungen fest: „Formelhafte (Ir-) ← 58 | 59 → Regularitäten“.72 Der Terminus stellt drei entscheidende Vorteile gegenüber allen bisherigen Begrifflichkeiten zur Diskussion:

1)  Er ist nicht nur auf solche Phraseme beschränkt, die in ihrer festen Struktur ältere Sprachzustände konserviert haben, sondern auch ad hoc gebildete und synchron entstandene (Ir-)Regularitäten werden von ihm erfasst.

2)  Das Attribut „formelhaft“ verdeutlicht, dass (Ir-)Regularitäten nicht nur im klassischen Kernbereich der Phraseologie, sondern auch in Klassen der (scheinbaren) Peripherie zu finden sind (z. B. in Routineformeln, Sprichwörtern und Modellbildungen).

3)  Der Terminus relativiert – indem er in Anlehnung an PLANK (1981)73 das Präfix ir- in Klammern setzt – die vorherrschende Annahme, man hätte es bei diesem Phänomen ausschließlich mit hoch „irregulären“, von der außerphraseologischen Norm bzw. den Regeln abweichenden Erscheinungen zu tun. Er betont vielmehr das Regelmäßige innerhalb dieser „Abweichungen“ (vgl. COSERIU 1994: 160).74

3.3  Forschungsstand: Formelhafte (Ir-)Regularitäten als Forschungsdesiderat

Während Unikalia bzw. phraseologisch gebundene Formative eine mehr oder weniger umfangreiche Forschungsgeschichte besitzen, werden die übrigen formelhaften (Ir-)Regularitäten vonseiten der Phraseologie bisher eher stiefmütterlich behandelt. Dementsprechend wird zunächst ein Forschungsüberblick über Unikalia und anschließend über die weiteren formelhaften (Ir-)Regularitäten gegeben: ← 59 | 60 →

1)  Unikalia weisen ein weites Spektrum an Forschungsansätzen auf. Sie sind u. a. aus diachroner Perspektive (siehe WEICKERT 1997 sowie HÄCKI BUHOFER 1998, 2002b), unter kontrastivem Aspekt (siehe RAJCHŠTEJN 1980; DOBROVOLSKIJ 1988; PIIRAINEN 1996 sowie FEYAERTS 1990), aus dialektologischer (siehe PIIRAINEN 1991), lexikografischer (siehe MELČUK/TILMANN 1984 und Weickert 1997) und vor allem taxonomischer Sicht untersucht worden (siehe DOBROVOLSKIJ 1978, 1979, 1989b; ŠMELEV 1981; DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN 1994a, 1994b sowie FEYAERTS 1994). Die erste ausführliche Analyse der deutschen Unikalia stellt die im Jahre 1978 erschienene Dissertation von DOBROVOLSKIJ dar. Ebenso wird Unikalia in der im Jahre 1982 erstmals erschienenen Auflage des Einführungswerks „Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache“ von FLEISCHER Aufmerksamkeit geschenkt – dort jedoch fast ausschließlich als Rezeption von DOBROVOLSKIJ (1978). Bis heute wird das Phänomen in den grundlegenden Phraseologie-Einführungen zumindest am Rande erwähnt (siehe PALM 1997; FLEISCHER 1997a; DONALIES 2009 sowie BURGER 2010). Die neuesten Untersuchungen stehen vor allem in Zusammenhang mit dem Projekt A5: „Distributionsidiosynkrasien“ des Tübinger Sonderforschungsbereichs 411 unter der Leitung von Frank Richter.75 Obwohl der Schwerpunkt dieses Projekts in erster Linie nicht in der Erforschung unikaler Komponenten liegt, sind zahlreiche Arbeiten veröffentlicht worden, die dieses Phänomen zumindest tangieren (siehe SOEHN 2003, 2004, 2006a, 2006b; SOEHN/RÖMER 2006; SOEHN/SAILER 2003; SOEHN u. a. 2010; RÖMER/SOEHN 2007; RICHTER/SAILER 2003; SAILER 2004 sowie TRAWIŃSKI u. a. 2005, 2008). Darüber hinaus ist im Zuge des Projekts eine online verfügbare „Sammlung unikaler Wörter des Deutschen“ erstellt worden.76 Trotz dieser recht breit gefächerten Forschungslage lässt sich festhalten, dass

     die sogenannten unikalen Konstituenten oder phraseologisch gebundenen Formative seit den Arbeiten Dobrovol’skijs (1978, 1989, zusammen mit E. Piirainen 1994) kaum mehr nennenswerte Aufmerksamkeit gefunden [haben]; sie bedürfen dringend sowohl einer gegenwartssprachlich synchronen wie auch einer diachronen morphologischen und semantischen Analyse. (BARZ 2002: 455) ← 60 | 61 →

     Dem Appell von BARZ (2002), unikalen Komponenten wieder verstärkt Interesse zu schenken, folgten bis auf vereinzelte Aufsätze keine größeren und vor allem neue Erkenntnisse hervorbringende Studien. Die vorliegende Arbeit nimmt sich dieses Forschungsdesiderats an und versucht, mithilfe korpuslinguistischer Auswertungen ein umfangreiches Bild dieses Phänomens auf synchroner Ebene zu zeichnen.77

2)  Im Gegensatz zu (Ir-)Regularitäten auf lexikalischer Ebene sind die übrigen Besonderheiten von der Forschung bisher weitgehend vernachlässigt worden. Meist werden diese als eine besondere Form der strukturellen Festigkeit behandelt und lediglich mit wenigen Beispielen belegt (vgl. u. a. FLEISCHER 1997a: 47–49; PALM 1997: 31f.; HESSKY 1992: 81; BURGER 2010: 19f.; KEIL 1997: 21f.; PTASHNYK 2009: 15; SABBAN 1998: 31; CHANG 2003: 62f.; KORHONEN 1995: 77; MOKIENKO 2002: 234f.; DRÄGER 2012: 125–127; SOEHN 2006: 12–15; SOEHN/RÖMER 2006: 146f. und RÖMER/SOEHN 2007: 6f.). Die meines Wissens erste (deutschsprachige) Arbeit, die auf dieses Phänomen aufmerksam macht, reicht bis in die Anfänge der germanistischen Phraseologieforschung zurück. In seiner „Idiomatik des Deutschen“ beschreibt BURGER (1973) verschiedenste Arten von älteren Sprachverhältnissen, die in neuhochdeutschen Phrasemen tradiert werden. Seit 1973 hat sich der Forschungsstand bezüglich dieser Erscheinungen jedoch nicht weiterentwickelt. Am umfangreichsten sind hierbei noch die Ausführungen von FLEISCHER (1997a: 47–49), der versucht, diese Erscheinungen nach der Art ihrer grammatischen „Irregularität“ zu kategorisieren. Außer dieser Klassifizierung, der wohlgemerkt keine repräsentative und umfangreiche Analyse des deutschen Sprachgebrauchs zugrunde liegt, sind keine nennenswerten Untersuchungen vorhanden, die sich intensiver mit der Materie beschäftigen. Obwohl diese „archaischen Elemente“ (BURGER/LINKE 1998: 753) als Indikatoren für die „Diachronie in der Synchronie“ (BURGER 1998b: 82) bezeichnet werden, da sie häufig älteres Sprachgut bzw. grammatische Verhältnisse tradieren, werden sie auch in der historischen Phraseologieforschung nur am Rande erwähnt und keiner detaillierten Analyse unterzogen. Eher beiläufig verweisen phraseodidaktische Arbeiten auf formelhafte (Ir-)Regularitäten, wobei betont wird, dass sie der Grund für vielfältige didaktische Probleme sein können (vgl. VAJIČKOVÁ 2003: 602; SAVA 2012: 157f. sowie HALLSTEINSDÓTTIR 1999: 93f.). Eine speziellere Untersuchung von grammatischen „Irregularitäten“ nimmt WEICKERT (1997) vor. WEICKERT (1997: 90) analysiert in dem Kapitel ← 61 | 62 → „Grammatische Anomalien in Phraseologismen in Sprachlehren“ deren Behandlung und lexikografische Erfassung in älteren Grammatiken. Neben phraseologischen Arbeiten, in denen das Phänomen der „Irregularitäten“ angeschnitten wird, sind es vor allem auch sprachhistorische Einführungswerke und Aufsätze, die zumindest am Rande auf diese Tradierung verweisen (siehe u. a. STRICKER u. a. 2012: Kapitel 13.2, 13.4, 13.10; EICHINGER/PLEWNIA 2006: 1061; SZCZEPANIAK 2011: 105f. und NÜBLING u. a. 2010: 100, 102). Daneben stellen Idiosynkrasien in Phrasemen, sprich formelhafte (Ir-)Regularitäten, auch einen nicht zu unterschätzenden Problembereich und somit eine Herausforderung innerhalb des sogenannten Natural Language Processing dar, weshalb ihnen in diesem Bereich besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird (siehe u. a. LI/SPORLEDER 2009 und SPORLEDER u. a. 2010):

     Idiomatic expressions are abundant in natural language. They also often behave idiosyncratically and are therefore a significant challenge for natural language processing systems. (LI/SPORLEDER 2009: 1)

Die bisherigen Forschungsansätze zu formelhaften (Ir-)Regularitäten sind überwiegend deskriptiver Natur und bleiben meist auf der Ebene der Nennung und Beispielaufzählung stehen. Es existiert keine Arbeit, in der diesem Phänomenbereich sowohl aus empirischer als auch theoretischer Perspektive begegnet wird. Die vorliegende Studie setzt an dieser defizitären Forschungslage an und versteht sich als „Türöffner“ zu einem bisher zu Unrecht vernachlässigten Bereich der formelhaften Sprache.

3.4  Welche sprachlichen Einheiten sind „formelhaft (ir-)regulär“? – Das weite Spektrum formelhafter (Ir-)Regularitäten

In der bisherigen Forschungsliteratur finden sich zahlreiche Beispiele für formelhafte (Ir-)Regularitäten. Sie erstrecken sich über nahezu alle phraseologischen Klassen und manifestieren sich auf verschiedenen sprachlichen Ebenen. Diese Besonderheiten sind somit bei weitem nicht nur auf Lexik und (Morpho-) Syntax beschränkt, wie Übersicht 3–3 verdeutlicht:

Übersicht 3-3:  Sprachliche (System-)Ebenen formelhafter (Ir-)Regularitäten

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Eine genauere Kategorisierung nimmt FLEISCHER (1997a: 47–49) vor, der die „Irregularitäten“ bzw. „Anomalien“ folgendermaßen gliedert:

1)  unflektierter Gebrauch des attributiven Adjektivs (oder adjektivisch gebrauchten Partizips): frei Haus, ein gerüttelt Maß (an Schuld)

2)  adverbialer Genitiv und Genitivkonstruktion als Objekt: schweren Herzens, seines Weges gehen

3)  Voranstellung des attributiven Genitivs: auf (des) Messers Schneide stehen

4)  sonstige Rektionsanomalien: jmdn. Lügen strafen

5)  Anomalien im Artikelgebrauch: vor Ort

6)  Anomalien im Gebrauch der Pronomina, insbesondere des Pronomens es ohne Verweis auf ein Kontextelement: es sich leicht/schwer machen

7)  Anomalien im Gebrauch von Präpositionen: jmd./etw. ist nicht (so ganz) ohne

Die vorliegende Arbeit bezieht alle von FLEISCHER (1997a) genannten Erscheinungen in den Untersuchungsgegenstand mit ein, fasst jedoch noch weitere Phänomene als formelhafte (Ir-)Regularitäten auf. Da den einzelnen Besonderheiten an späterer Stelle jeweils ein eigenständiges Kapitel gewidmet ist, werden die verschiedenen Arten an (Ir-)Regularitäten im Folgenden lediglich kurz vorgestellt und mithilfe eines authentischen Textbelegs veranschaulicht.

Abbildung 3:  Beleg „Unikalia“ (www.lz.de, Stand 14.07.2015)

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Bei Unikalia bzw. phraseologisch gebundenen Formativen handelt es sich um Wörter, die nur (noch) im Konstituentenbestand von Phrasemen vorzufinden sind, die im freien Sprachgebrauch demnach nicht (mehr) auftreten (z. B. die Oberhand behalten) (siehe Abbildung 3). Obwohl FLEISCHER (1997a) Unikalia nicht als „Irregularität“ auflistet, herrscht dennoch weitgehend Konsens darüber, sie innerhalb dieses Phänomenbereichs einzuordnen (siehe u. a. STEIN 1995 und KEIL 1997). Dass Unikalia allerdings nicht denselben Status besitzen wie beispielsweise morphosyntaktische Abweichungen, erkennt man daran, dass ihnen meist ein von den übrigen Abweichungsformen getrenntes Kapitel gewidmet wird und sie somit oft nicht explizit unter den Bereich der „phraseologischen Irregularitäten“ subsumiert werden (so auch bei FLEISCHER 1997a). HESSKY (1992: ← 63 | 64 → 81) spricht daher bei unikalen Konstituenten von einem „Sonderfall der Irregularität“. Die vorliegende Arbeit stuft Unikalia als eine Unterklasse der formelhaften (Ir-)Regularitäten ein.

Abbildung 4:  Beleg „Dativ-e“ (www.zeit.de, Stand 14.07.2015)

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Phraseme, die FLEISCHER (1997a) ebenfalls nicht auflistet, sind solche, in denen eine Komponente mit sogenanntem Dativ-e realisiert ist (z. B. wie jmd./etw. im Buche steht) (siehe Abbildung 4). Diese Besonderheit wird generell äußerst selten im Rahmen der „phraseologischen Irregularitäten“ angeführt (u. a. in ŠICHOVÁ 2013: 58). Die vorliegende Arbeit bezieht sie jedoch aufgrund der Bewahrung einer veralteten Flexionsform in die Untersuchung mit ein.

Abbildung 5:  Beleg „unflektiertes vorangestelltes Adjektivattribut“ (www.sueddeutsche.de, Stand 14.07.2015)

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Abbildung 6:  Beleg „nachgestelltes Adjektivattribut“ (www.brigitte.de, Stand 14.07.2015)

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Unflektierte Adjektivattribute stellen morphosyntaktische „Abweichungen“ dar. Die Nicht-Flektiertheit hat sich aus älteren Sprachepochen in der festen Struktur von Phrasemen bewahrt. Unflektierte Adjektivattribute tauchen sowohl in Voran- als auch Nachstellung zu ihrem Bezugswort auf (z. B. Gut Ding will Weile haben und Forelle blau) (siehe Abbildung 5 und Abbildung 6).

Abbildung 7:  Beleg „vorangestelltes Genitivattribut“ (www.sueddeutsche.de, Stand 14.07.2015)

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Auf syntaktischer Ebene spiegeln u. a. vorangestellte Genitivattribute wie in dem Phrasem in Teufels Küche kommen/geraten bzw. jmdn. in Teufels Küche bringen die Verhältnisse älterer Sprachstufen wider (vgl. STRICKER u. a. 2012: 146) (siehe Abbildung 7). Während im Neuhochdeutschen nur (noch) Eigennamen vorangestellt werden, zeigen Phraseme, dass vor allem im Alt- und Mittelhochdeutschen auch bei nichtbelebten Substantiven die Voranstellung des Genitivattributs der unmarkierte Fall gewesen ist (vgl. STRICKER u. a. 2012: 139).

Abbildung 8:  Beleg „Genitivobjekt“ (www.welt.de, Stand 14.07.2015)

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Abbildung 9:  Beleg „adverbialer Genitiv“ (www.welt.de, Stand 14.07.2015)

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Abbildung 10:  Beleg „prädikativer Genitiv“ (www.motorsport-total.com, Stand 14.07.2015)

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(Ir-)Regularitäten bezüglich des Genitivs sind außerdem die von FLEISCHER (1997a) zusammengefassten Phänomene des Genitivs als Objekt (z. B. jmdn. keines Blickes würdigen) (siehe Abbildung 8) und des adverbialen Genitivs (z. B. allen Ernstes) (siehe Abbildung 9). Verben, die den Genitiv fordern, sind im Neuhochdeutschen äußerst selten (vgl. EISENBERG/VOIGT 1990: 11). Feste Wendungen mit einem Genitivobjekt verdeutlichen jedoch die frühere Aktivität dieses Kasus. Auch der adverbiale Genitiv ist im heutigen Gebrauch kaum mehr produktiv, in zahlreichen Phrasemen jedoch noch erhalten. Neben adverbialen Genitiven existieren zudem als formelhafte Wendungen tradierte prädikative Genitive (z. B. guter Dinge sein) (siehe Abbildung 10). Bei diesen handelt es sich um Prädikativa, die im Genitiv realisiert sind.

Abbildung 11:  Beleg „Artikel(ir)regularität“ (www.taz.de, Stand 14.07.2015)

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Ein relativ häufig bei formelhaften Wendungen anzutreffendes Phänomen ist die Artikel(ir)regularität. Der bei Konkreta im Singular obligatorische Artikel ist in bestimmten Phrasemen nicht existent (z. B. Flagge zeigen) (siehe Abbildung 11). ← 66 | 67 → Der „Nullartikel“ stellt eine Besonderheit in der syntagmatischen Verknüpfung phraseologischer Komponenten und somit eine syntaktische (Ir-)Regularität dar (vgl. PTASHNYK 2009: 15).

Abbildung 12:  Beleg „Valenz(ir)regularität“ (www.welt.de, Stand 14.07.2015)

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Als eine besondere Art formelhafter (Ir-)Regularität gelten sogenannte Valenz(ir) regularitäten. So ist beispielsweise die präpositionale Ergänzung an jmdm. in dem Phrasem jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen nicht aus der Valenz von fressen in freier Verwendung erklärbar (vgl. BURGER 2002: 394) (siehe Abbildung 12).

Abbildung 13:  Beleg „Pronomen(ir)regularität“ (www.recklinghaeuser-zeitung.de, Stand 14.07.2015)

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Eine weitere (Ir-)Regularität manifestiert sich gewissermaßen auf Textebene, da die kohäsive Verknüpfung von Sätzen im Mittelpunkt steht (z. B. es schwer haben) (siehe Abbildung 13). Es handelt sich hierbei um Besonderheiten in der Verwendung des Pronomens, insofern sich dieses textlinguistisch als referenzlos darstellt, d. h. weder anaphorisch noch kataphorisch interpretiert werden kann (vgl. BURGER 2010: 20). ← 67 | 68 →

Abbildung 14:  Beleg „Idiomatizität“ (www.faz.de, Stand 14.07.2015)

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Idiomatizität, wie sie beispielsweise in dem Phrasem jmdm. reinen Wein einschenken zum Vorschein kommt (siehe Abbildung 14), wird nur zum Teil als eine Variante „phraseologischer Irregularität“ aufgefasst (siehe u. a. HESSKY 1992; STEIN 1995; WRAY/PERKINS 2000 und DONALIES 2005). Da sie sich nicht in der Oberflächenstruktur bemerkbar macht, sondern semantischer Natur ist, betrachtet die vorliegende Arbeit Idiomatizität als eine besondere Art formelhafter (Ir-)Regularität.

Abbildung 15:  Beleg „semantische Fossilierung“ (www.faz.de, Stand 14.07.2015)

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Eine diachron motivierte Besonderheit stellt die semantische Fossilierung, sprich die Tradierung der Semantik einzelner Komponenten dar (siehe Abbildung 15). In der Paarformel lieb und teuer wird die veraltete Bedeutung von teuer ‚vortrefflich, lieb, wert, geschätzt‘ bewahrt (vgl. KELLER/KIRSCHBAUM 2003: 89). Auch auf semantischer Ebene kann sich demzufolge Diachronie in der Synchronie zeigen. ← 68 | 69 →

Abbildung 16:  Beleg „Apokope“ (www.stern.de, Stand 14.07.2015)

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Auf phonetisch-phonologischer Ebene ist die (Ir-)Regularität der Apokope anzusiedeln. Diese Besonderheit tritt vor allem in Paarformeln auf und ist meist aus rhythmischen Gründen motiviert. So ist in der paarigen Wendung Katz und Maus spielen das auslautende -e bei der Komponente Katze apokopiert (siehe Abbildung 16).

Abbildung 17:  Beleg „Adjektivgroßschreibung/Phraseonym“ (www.faz.de, Stand 14.07.2015)

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Eine spezielle Klasse an Phrasemen weicht auf orthografischer Ebene von der freien Sprachnorm ab. In sogenannten onymischen Phrasemen/Phraseonymen wie das Weiße Haus findet sich die in der außerphraseologischen Orthografie nicht (mehr) praktizierte Adjektivgroßschreibung (vgl. NÜBLING u. a. 2010: 198) (siehe Abbildung 17).

Abbildung 18:  Beleg „Pseudokinegramm“ (www.welt.de, Stand 14.07.2015)

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Eine besondere (Ir-)Regularität sind sogenannte Pseudokinegramme (z. B. für jmdn. die Hand ins Feuer legen) (siehe Abbildung 18). Hierbei handelt es sich um ← 69 | 70 → Phraseme, die nonverbales Verhalten beschreiben, das jedoch kaum realisierbar ist (vgl. BAUR/CHLOSTA 2005: 70). Diese Besonderheit manifestiert sich somit nicht direkt auf einer sprachlichen, sondern vielmehr auf einer nonverbalen, gestischen Ebene.

Die exemplarisch skizzierten formelhaften (Ir-)Regularitäten stellen den größten Anteil dieses Phänomens dar. Darüber hinaus gibt es jedoch noch vereinzelt vorkommende Besonderheiten wie die von FLEISCHER (1997a: 49) genannte „Anomalie im Gebrauch von Präpositionen“, die in Kapitel 14.6 tabellarisch vorgestellt werden. Im Großen und Ganzen umfasst das Phänomen der formelhaften (Ir-) Regularitäten somit folgende Erscheinungen (siehe Übersicht 3–4):

Übersicht 3-4:  Typen formelhafter (Ir-)Regularitäten

formelhafte (Ir-)Regularität

Beispiele

sprachliche Systemebene

Unikalia

etw. auf dem Kerbholz haben, im Handumdrehen

lexikalisch

Dativ-e

wie jmd./etw. im Buche steht, die Unschuld vom Lande

morphosyntaktisch

unflektiertes Adjektivattribut

Gut Ding will Weile haben, Forelle blau

morphosyntaktisch

vorangestelltes Genitivattribut

des Pudels Kern sein, auf (des) Messers Schneide stehen

syntaktisch

Genitivobjekt

sich des Lebens freuen, jmdn. eines Besseren belehren

syntaktisch

adverbialer Genitiv

letzten Endes, schweren Herzens

syntaktisch

prädikativer Genitiv

guter Dinge sein, anderer Meinung sein

syntaktisch

Artikel(ir)regularität

Lunte riechen, vor Ort

syntaktisch

Valenz(ir)regularität

jmd. hat an jmdm./etw. einen Narren gefressen, etw. brennt jmdm. auf/unter den Nägeln

syntaktisch

Pronomen(ir)regularität

es schwer haben, sich einen hinter die Krawatte kippen

textuell

Idiomatizität

den Faden verlieren, Schmetterlinge im Bauch haben

semantisch

semantische Fossilierung

recht und billig, lieb und teuer

semantisch

← 70 | 71 →

Apokope

Katz und Maus spielen, ohne Rast und Ruh

phonetisch/phonologisch

Adjektivgroßschreibung

das Weiße Haus, die Französische Revolution

orthografisch

Pseudokinegramme

jmdm. auf der Nase herumtanzen, jmdm. den Buckel runterrutschen

nonverbal/gestisch

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3.5  Was heißt „formelhafte (Ir-)Regularität“? – Eigenschaften formelhaft (ir-)regulärer Wendungen

Bereits BURGER u. a. (1982: 1) lassen in ihre Phraseologie-Definition den Aspekt der Regularität bzw. der Irregularität einfließen:

Phraseologisch ist eine Verbindung von zwei oder mehr Wörtern dann, wenn (1) die Wörter eine durch die syntaktischen und semantischen Regularitäten der Verknüpfung nicht voll erklärbare Einheit bilden, und wenn (2) die Wortverbindung in der Sprachgemeinschaft, ähnlich wie ein Lexem, gebräuchlich ist.

Es stellt sich jedoch die Frage, was genau mit „syntaktischen und semantischen Regularitäten“ gemeint ist. Eine Annäherung darauf findet sich bei SABBAN (1998: 31), die beschreibt, dass es sich hierbei um Phraseme handelt, die „in irgendeiner Weise von den üblichen syntaktischen oder semantischen Regeln abweichen“. Semantische „Irregularität“ bezieht sich somit auf das Kriterium der Idiomatizität. Mit syntaktischer „Irregularität“ werden zum einen Erscheinungsformen erfasst, die in der Oberflächenstruktur der Wendung existieren und zum anderen verweist der Terminus auf die Tatsache, dass sich viele Idiome den syntaktischen Transformationen freier Wortverbindungen widersetzen (z. B. Relativsatzbildung).

Im Grunde geht es bei dem Begriffspaar der „Regularität“ und „Irregularität“ also immer um den Abgleich mit dem außerphraseologischen, freien Sprachgebrauch und dessen (synchronem) Regelsystem. Formelhafte (Ir-)Regularitäten liegen laut der bisherigen Forschung demnach dann vor, wenn Abweichungen verschiedenster Art von außerphraseologischen Regeln das Phrasem kennzeichnen (vgl. HESSKY 1992: 81). Dieses grundlegende Charakteristikum spielt dementsprechend bei den einschlägigen Definitionen die wichtigste Rolle, wie in Übersicht 3–5 zu erkennen ist: ← 71 | 72 →

Übersicht 3-5:  Definitionsauszüge zu formelhaften (Ir-)Regularitäten

Definitionsauszüge (Hervorhebung von SöSt)

Autor

Abweichung von der Regel o. Norm. Ungewöhnliche, unregelmäßige, archaische Erscheinung.“

GÜNTHER (1990: 22)

„Im Hinblick auf die Identifizierung von Phraseologismen kann ihre Analyse nach den morphosyntaktischen und semantischen Regularitäten der Sprache ebenfalls wichtige zusätzliche Anhaltspunkte liefern: Abweichungen verschiedenster Art von diesen Regularitäten können als Zeichen für phraseologisierte, d. h. festgeprägte Fügungen gelten […].“

HESSKY (1992: 81)

„[…] ältere Konstruktionsmöglichkeiten, die außerhalb der Phraseologismen nicht mehr üblich sind, im festen Verband der Phraseologismen bewahrt worden sind […].“

FLEISCHER (1997a: 47)

„Syntaktisch-anomal sind diese Phraseologismen deshalb, weil ihre Komponenten in einer ungewöhnlichen Kombinatorik erscheinen, die in nicht-phraseologischen Wortverbindungen nicht frei produziert werden […].“

KEIL (1997: 21)

„Grundsätzlich gilt, daß grammatische Anomalien nicht als Definiens für Phraseologismen zu betrachten sind. […] Umgekehrt trifft aber auch zu, daß sie in freien Fügungen per definitionem nicht auftreten können.“

WEICKERT (1997: 90)

Anomalien zeigen sich in der Irregularität der regulären paradigmatischen und syntaktischen Beziehungen zwischen den Wörtern bei deren Eintritt in die phraseologische Einheit und bei deren syntaktischen Starrheit sowie Unvollständigkeit paradigmatischer Formen des Phrasems bzw. der Defektivität des regulären Paradigmas phraseologischer Komponenten.“

VAJIČKOVÁ (2003: 602)

„Diese Anomalien kommen nicht in freier Verwendung vor […]. Diese Konstruktionen […] folgen also nicht den normalen Syntaxregeln […].“

RÖMER/SOEHN0 (2007: 7)

Die Annahme, eine eindeutige Grenze zwischen außerphraseologischen Regeln und phraseologischen Abweichungen ziehen zu können, muss kritisch hinterfragt werden. Dabei sind für die vorliegende Arbeit vor allem drei Aspekte von Bedeutung:

    Zum einen muss geklärt werden, was überhaupt der „freie Sprachgebrauch“ bzw. das „außerphraseologische Regelsystem“ ist und wie dieser bzw. dieses adäquat erfasst werden kann. Dabei ist vor allem das Diktum zu hinterfragen, man hätte es mit einer klar zu fassenden außerphraseologischen Norm zu tun. Wie diese aussieht, ist bisher jedoch noch in keinen Arbeiten, die auf „phraseologische Irregularitäten“ verweisen, näher beschrieben bzw. konkretisiert worden (siehe Kapitel 15). ← 72 | 73 →

    Darüber hinaus darf angesichts zahlreicher konkreter Beispiele angezweifelt werden, ob die scheinbar nur in Phrasemen vorhandenen „Abweichungen“ tatsächlich nicht (mehr) im freien Sprachgebrauch auftreten. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass teilweise auch im freien Sprachgebrauch dieselben Besonderheiten anzutreffen sind, die bisher als phraseologiespezifisch deklariert werden (siehe u. a. Kapitel 18.2). Wie an vielen formelhaften (Ir-) Regularitäten zu sehen sein wird, bestehen durchaus graduelle Übergänge zwischen „regulären, außerphraseologischen“ und „irregulären, phraseologischen“ Erscheinungen. Formelhafte (Ir-)Regularitäten sind daher ein Beweis für die – zumindest aus phraseologischer Perspektive – empirisch nicht haltbare dichotomische Trennung in Norm und „Nicht-Norm“.

    Des Weiteren muss die berechtigte Frage gestellt werden, ob es überhaupt so etwas wie „(phraseologische) Irregularität“ innerhalb unseres Sprachsystems gibt oder es vor dem Hintergrund konstruktionsgrammatischer Überlegungen nicht sinnvoller wäre, eine derartige Grenzziehung zwischen „regulären“ und „irregulären“ Konstruktionen aufzugeben (siehe Kapitel 17).

Eine Besonderheit formelhafter (Ir-)Regularitäten ist die Vielfalt und das weite Spektrum dieser Erscheinungen. In allen phraseologischen Klassen lassen sich formelhafte (Ir-)Regularitäten finden (z. B. in Paarformeln wie in Reih und Glied (Apokope), komparativen Phrasemen wie wie jmd./etw. im Buche steht (Dativ-e), Modellbildungen wie was X[Nominalphrase] anbetrifft (Unikalia) und Routineformeln wie ruhig Blut! (unflektiertes Adjektivattribut)). Darüber hinaus manifestieren sie sich auf allen traditionellen Sprachbeschreibungsebenen und sind somit bei weitem nicht nur auf lexikalische oder syntaktische Phänomene beschränkt (siehe Übersicht 3–3). Zudem ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Phrasem mehrere „Irregularitäten“ aufweist und demzufolge ein und dasselbe Phrasem mitunter unterschiedlichen formelhaften (Ir-)Regularitäten zugeordnet werden kann. Beispielsweise ist erhobenen Hauptes ein adverbialer Genitiv und kann aufgrund des Nullartikels auch als Artikel(ir)regularität klassifiziert werden, die Wendung das Kind mit dem Bade ausschütten ist einerseits aufgrund ihrer hohen Idiomatizität semantisch „irregulär“, andererseits weist sie mit Bade ein Dativ-e auf und die adverbial verwendete gesprächsspezifische Formel meines Erachtens steht nicht nur im Genitiv, sondern beinhaltet zudem eine unikale Komponente.

Von formelhaften (Ir-)Regularitäten muss grundsätzlich die sogenannte „transformationelle Defektivität“ abgegrenzt werden (vgl. GLÄSER 1990: 60), die sich in Form morphosyntaktischer und lexikalisch-semantischer Restriktionen bemerkbar macht (vgl. BURGER 2010: 21–23): Morphosyntaktische Restriktionen äußern sich darin, dass bestimmte morphologische und/oder ← 73 | 74 → syntaktische Operationen, die bei freien Wortverbindungen möglich sind, bei Phrasemen nicht vorgenommen werden können, ohne dass die phraseologische Bedeutung in Mitleidenschaft gerät (z. B. Das ist kalter Kaffee ‚das ist längst bekannt, uninteressant‘ à ?Das ist Kaffee, der kalt ist). Lexikalisch-semantisch eingeschränkt sind Wendungen, wenn sich ihre Komponenten nicht durch synonyme bzw. bedeutungsähnliche Lexeme ohne Bedeutungsverlust ersetzen lassen (z. B. die Flinte ins Korn werfen à ?das Gewehr ins Korn werfen bzw. ?die Flinte in den Hafer werfen).78

In diesem Zusammenhang sei auf ein grundlegendes Problem hingewiesen: Die Beispiele, die als Beweis des transformationellen Defizits von Phrasemen angeführt werden, basieren in den meisten Fällen nicht auf empirischen Analysen. Das Kriterium der Restriktion ist rein theoretisch und gelangt dann an seine Grenzen, wenn man sich den tatsächlichen Sprachgebrauch ansieht. Als Veranschaulichung dieser Problematik sei an dieser Stelle eine etwas längere Argumentation von DONALIES (2005: 341) angeführt:

,Die syntaktisch-strukturelle Stabilität lässt sich in einer Reihe von transformationellen Defekten erfassen‘ (Chrissou 2000, S. 32). So sollen etwa Relativtransformationen nicht möglich sein, z. B. ‚*der Korb, den er mir gegeben hat‘ (ebd., S. 33). Ist das wirklich ungrammatisch? Ich habe kein Problem, sowas zu formulieren wie: den Korb, den er mir da gegeben hat, den kann er sich an den Hut stecken. Ich habe auch kein Problem, sowas zu belegen: Doch das Lamentieren der USA über den Korb, den die EU der Türkei gegeben hat, hilft nicht weiter (Die Presse, 05.05.1998), mit dem Korb, den er Festspiel-Intendant Mortier 1995 gab (Oberösterreichische Nachrichten, 22.10.1999), Jacqueline Fehr nahm den Korb, den ihr der GBKZ gegeben hatte, gestern gelassen entgegen (Züricher Tagesanzeiger, 11.09.1999).

BURGER (2002: 395f.) kommt daher zu dem Schluss, dass die formalen und semantischen Restriktionen nicht für alle Phraseme in gleich starkem Maße gelten. ← 74 | 75 → Auch handelt es sich hierbei nicht um vollkommen ungrammatische Konstruktionen, da – auch wenn ein Phrasem durch eine gewisse Transformation seinen phraseologischen Status verliert – es nicht zu fehlerhaften Äußerungen kommt. BURGER (2010: 23) stimmt außerdem mit DONALIES (2005) überein, wenn er nochmals betont, dass sich im Grunde alle Operationen, die man nach der eigenen Sprachintuition für unmöglich halten würde, sowohl in gesprochenen als auch geschriebenen Texten finden lassen.79 Die vorliegende Arbeit blendet solche transformationellen Defekte aus dem Bereich der formelhaften (Ir-)Regularitäten aus. Denn zum einen ist dieses stark generativistisch orientierte Charakteristikum – wie oben besprochen – empirisch nur schwer haltbar und zum anderen beziehen sich Verwendungsrestriktionen auf die Formveränderlichkeit einzelner Komponenten, die nur mithilfe verschiedener operationeller Tests in Form grammatischer Umformungen (z. B. Passiv-, Relativsatz- und Fragesatz-transformation) ermittelt werden können (vgl. HESSKY 2000: 2103 und KEIL 1997: 22). Für formelhafte (Ir-)Regularitäten ist es jedoch entscheidend, dass diese unmittelbar an der kontextunabhängigen Nennform bzw. in der Oberflächenstruktur der Wendung zu erkennen sind. Für ihre Identifikation sind keine Umformungstests notwendig.

Der Verweis darauf, dass formelhafte (Ir-)Regularitäten ältere Sprachbestände transportieren, ist in der Forschung häufig zu finden. Es handelt sich hierbei aber nicht um ein notwendiges Merkmal. In erster Linie geht es um den Vergleich mit dem außerphraseologischen Sprachgebrauch auf synchroner Ebene. Die Tatsache, dass es infolgedessen zu „Abweichungen“ kommen kann, weil in einer Wendung eine historische Form erhalten geblieben ist, die im heutigen freien Sprachgebrauch nicht mehr vorkommt, ist zwar für viele formelhafte (Ir-)Regularitäten charakteristisch, aber eben nicht die einzige Möglichkeit. Die „Irregularität“ muss nicht immer historisch bedingt sein, sondern kann auch in gewisser Weise synchron, ad hoc entstehen (siehe Kapitel 16.3).

Zusammenfassend weisen formelhafte (Ir-)Regularitäten folgende thesenartig aufgelisteten Merkmale auf: ← 75 | 76 →

1)  Sie sind größtenteils nur (noch) innerhalb formelhafter Wendungen anzutreffen.

2)  Sie weichen mehr oder weniger von den Regeln/Normen des außerformelhaften, synchronen Sprachgebrauchs ab.

3)  Sie befinden sich in der Oberflächenstruktur oder Semantik der kontextunabhängigen Nennform; d. h. im Gegensatz zu phraseologischen Restriktionen erkennt man formelhafte (Ir-)Regularitäten ohne transformationelle Operationen.

4)  Sie erstrecken sich über alle phraseologischen Klassen sowie über verschiedenste Sprachbeschreibungsebenen.

5)  Sie sind häufig Relikte vergangener Sprachverhältnisse, die in der festen Struktur der Wendungen tradiert werden. ← 76 | 77 →


69    Siehe hierzu auch STUMPF (im Druck1).

70    Bereits JESPERSEN (1948: 24) differenziert zwischen „regulären“ und „irregulären“ formelhaften Wendungen: „[H]ence formulas may be regular or irregular, but free expressions always show a regular formation.“

71    Eine neutralere Bezeichnung verwenden GRÉCIANO (1999: 4) und DONALIES (2005: 342). Sie sprechen von einer „gewisse[n] Eigenwilligkeit“. Einen fast schon positiv konnotierten Begriff wählt STEIN (1995: 39), wenn er von Phrasemen spricht, die „Besonderheiten“ aufweisen. Will man nur den historischen Charakter solcher Wortverbindungen betonen, die älteres Sprachgut bzw. grammatische Verhältnisse vergangener Sprachepochen tradieren, so eignet sich durchaus auch der im Grunde neutrale Terminus der „Archaizität“ (vgl. u. a. HIGI-WYDLER 1989: 63 sowie Dräger 2012: 126). Hierbei sollte aber klar sein, dass – wie weiter oben thematisiert – im Sinne dieser diachronen Perspektive längst nicht alle in der heutigen Phraseologieforschung als „irregulär“ bezeichneten Wendungen erfasst werden (siehe auch Kapitel 16.3).

72    Der Terminus „formelhafte (Ir-)Regularität“ wird in der Arbeit zum einen für die Besonderheit/Ausprägung als solche als auch für die gesamte Wendung, innerhalb der die „Irregularität“ auftritt, verwendet. Beispielsweise kann sowohl das unflektierte Adjektiv gut in auf gut Glück als auch die komplette Wortverbindung als „formelhafte (Ir-)Regularität“ bezeichnet werden, wobei im zweiten Fall des Öfteren auch auf die Umschreibung „formelhaft (ir-)reguläre Wendung/Wortverbindung“ zurückgegriffen wird.

73    PLANK (1981) behandelt in seiner Arbeit mit dem Titel „Morphologische (Ir-)Regularitäten“ derivations- und flexionsmorphologische Aspekte.

74    Die speziellen Unterklassen formelhafter (Ir-)Regularitäten können entweder nach der sprachlichen Ebene, auf der sie anzutreffen sind (morphologisch, syntaktisch, semantisch etc.), oder schlichtweg nach der exakten Ausprägung der (Ir-)Regularität bezeichnet werden (Dativ-e, unflektiertes Adjektivattribut, Artikel(ir)regularität/Nullartikel etc.) (siehe Übersicht 3–4).

75    Für nähere Informationen zu diesem Projekt siehe http://www.english-linguistics.de/sfb441/a5/ (Stand 03.11.2014).

76    Für nähere Informationen über die Sammlung siehe SAILER/TRAWIŃSKI (2006). Die komplette Sammlung ist unter folgendem Link verfügbar: http://www.english-linguistics.de/codii/ (Stand 03.11.2014).

77    Siehe auch STUMPF (2014).

78    Die angeführten Beispiele stammen aus BURGER (2010: 21f.). Für ausführlichere Informationen zu den verschiedenen Arten der morphosyntaktischen Restriktionen siehe u. a. FLEISCHER (1997a: 49–58); MÖHRING (1996a, 1996b); PIITULAINEN (1996a, 1996b) sowie DOBROVOLSKIJ (1999a). Eine besondere Form phraseologischer Gebrauchsrestriktionen stellen geschlechtsspezifische Einschränkungen dar. So gibt es nicht wenige Idiome, die – vor allem aufgrund ihres Ausgangs- und/oder Zielkonzepts – nur auf ein Geschlecht referieren (können). Als Beispiel ließe sich die Wendung sich etwas in den Bart murmeln/brummen anführen, deren Ergänzungen aufgrund biologisch-anatomischer Faktoren in sämtlichen von DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (2009: 138) ausgewerteten Belegstellen ausschließlich Männer sind. Zu geschlechtsbedingten Restriktionen siehe vor allem PIIRAINEN (1999, 2000: Kapitel 5.1, 2001, 2004) sowie DOBROVOLSKIJ/PIIRAINEN (2009: Kapitel 5).

79    So auch HESSKY (1992: 81): „Zweifellos gibt es diese Phänomene auf der Systemebene, zugleich aber findet man unschwer eine Fülle von Belegen dafür, daß in konkreten Textzusammenhängen so gut wie sämtliche Restriktionen und Irregularitäten aufgehoben werden können […].“