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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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6. Unflektiertes Adjektivattribut

6.  Unflektiertes Adjektivattribut

6.1  Definition

Die in diesem Kapitel vorgestellte formelhafte (Ir-)Regularität betrifft die Nicht-Flexion attributiv gebrauchter vorangestellter Adjektive sowie die Nachstellung des (unflektierten) Adjektivattributs. Die beiden Besonderheiten spiegeln ältere grammatische Verhältnisse wider, die in der festen Struktur formelhafter Wendungen bis heute bewahrt werden (z. B. auf gut Deutsch und Forelle blau) (vgl. HENTSCHEL/WEYDT 1990: 180f.).125

Zu dieser formelhaften (Ir-)Regularität werden nur attributiv gebrauchte Adjektive gezählt. Denn in adverbialer und prädikativer Verwendung werden Adjektive grundsätzlich nicht flektiert (vgl. TROST 2006: 374). Die Besonderheit dieser Erscheinungen liegt somit primär in ihrer attributiven Nicht-Flektiertheit sowie bei einigen Adjektiven in ihrer Nachstellung (vgl. KLEIN 2010: 105). Der unmarkierte Fall lautet demnach:

Für attributive Adjektive ist Voranstellung und Flexion der Normalfall. Die Adjektive stimmen dann mit dem Substantiv in Kasus, Numerus und Genus überein […]. (DUDEN 2009: 342)

Belege, in denen das vorangestellte attributive Adjektiv unflektiert bleibt, bilden somit „Sonderfälle“ (DUDEN 2009: 343). Und auch der Nachstellung des Adjektivattributs wird im gegenwärtigen Deutsch eine „Sonderrolle“ (MARSCHALL 1992: 71) zugesprochen. Für die vorliegende Arbeit ist vor allem die Tatsache interessant, dass DUDEN (2009) nicht nur „feste Verbindungen“, sondern auch noch andere sprachliche Erscheinungsformen als Bewahrer des unflektierten Adjektivattributs anführt. Für die Nachstellung ist augenfällig, dass diese in bestimmten Konstruktionen und Kontexten sogar als der Normalfall und somit als regelhafte Erscheinung betrachtet werden sollte.

Es kann festgehalten werden, dass adjektivische Attribute im heutigen Deutsch auf die Position zwischen Artikel und Substantiv festgelegt sind und mit ihrem Bezugswort in Genus, Numerus und Kasus kongruieren (vgl. STOLTENBURG 2008: 139). Dass dies nicht immer der Fall gewesen ist, d. h. sie zum einen nicht immer vor ihrem Bezugswort standen und zum anderen auch nicht immer flektiert wurden, zeigt die diachrone Entwicklung des attributiven Adjektivs. ← 127 | 128 →

6.2  Diachrone Entwicklung: Flexions- und Stellungswandel von Adjektivattributen

Bereits BEHAGHEL (1930: 166) stellt fest, dass zu Beginn des Germanischen sowohl die Vor- als auch Nachstellung des Adjektivattributs möglich sind. Und auch im Althochdeutschen ist die Stellung noch nicht festgelegt; das Adjektiv kann seinem Bezugswort entweder voranstehen oder nachfolgen (vgl. WEGERA/WALDENBERGER 2012: 172) und dabei sowohl in prä- als auch in postnominaler Stellung flektiert oder nicht-flektiert werden (vgl. NÜBLING u. a. 2010: 100).126 Der Einfluss des Lateinischen kann hierbei nicht mit Sicherheit erforscht werden; Tatsache ist jedoch, dass schon in den frühesten althochdeutschen Quellen die Voranstellung dominiert und diese sich bereits im Mittelhochdeutschen als Standard etabliert (vgl. SCHRODT 2004: 28). So konstatieren EICHINGER/PLEWNIA (2006: 1061), dass die Nachstellung zwar auch im Mittelhochdeutschen möglich ist, das Adjektiv dann aber unflektiert bleibt. Unflektierte nachgestellte Adjektivattribute sind im Mittelhochdeutschen daher vor allem in Verstexten und in der Reimposition zu finden (vgl. PAUL 2007: 326). Die Regel der obligatorischen Voranstellung des flektierten Adjektivs setzt sich in mittelhochdeutscher Zeit durch und verfestigt sich im Frühneuhochdeutschen (vgl. NÜBLING u. a. 2010: 100). Doch selbst im Frühneuhochdeutschen sind unflektierte Formen noch in attributiver Stellung zu beobachten (vgl. HARTWEG/WEGERA 2005: 168).127 Zu Beginn des Neuhochdeutschen repräsentieren vorangestellte flektierte Adjektivattribute allerdings die Norm und kommen unflektiert laut ÁGEL (2000a: 1859) nur noch in formelhaften Wendungen vor.128 ← 128 | 129 →

Als Grund für die divergente Entwicklung – flektiertes attributives und unflektiertes prädikatives Adjektiv – führen NÜBLING u. a. (2010: 100) die deutlichere Grenzziehung zwischen Nominal- und Verbalbereich an, wodurch sich das attributive Adjektiv eindeutig vom nicht-flektierten prädikativen unterscheiden lässt (vgl. auch VOGEL 1997: 428f.). Während im Althochdeutschen flektierte Prädikatsadjektive noch die Regel sind, werden diese im Mittelhochdeutschen seltener und während des 16. Jahrhunderts endgültig aufgegeben (vgl. SZCZEPANIAK 2011: 107 sowie Grubmüller 2000: 1337). Im Frühneuhochdeutschen ist die Fixierung des Adjektivs im Vorfeld des Substantivs – wie oben bereits angeführt – fast abgeschlossen, die Stellung im Nachfeld ist nur noch selten anzutreffen und geht mit Flexionslosigkeit einher (vgl. WEGERA/SOLMS 2000: 1550). Aufgrund dieser Tatsache hat die Festigung des pränominalen flektierten Adjektivattributs einen entscheidenden Anteil an der Herausbildung der Nominalklammer: Durch die endgültige Etablierung der Voranstellung entwickelte sich die grammatische Konstruktion „Definitartikel + Nomen“ zu der Nominalklammer mit der Rahmenstruktur „der [große, schöne, alte] Mann“, wie wir sie heute kennen (vgl. SZCZEPANIAK 2011: 105). Dadurch, dass längerfristig nur pränominale Adjektive flektiert wurden, erhöhte sich somit zusätzlich die innere Strukturiertheit der Nominalphrase (vgl. SZCZEPANIAK 2011: 106).

6.3  Korpusauswertung

6.3.1  Vorgehensweise

Die im Folgenden vorgestellte Korpusanalyse umfasst nur feste Wortverbindungen mit pränominalem Adjektivattribut.129 Der erste Schritt der empirischen Analyse besteht in einer möglichst umfangreichen Listenerstellung „aller“ im heutigen Deutsch anzutreffenden formelhaften Wendungen, die ein unflektiertes Adjektivattribut enthalten. Hierfür werden zum einen Belege verwendet, die ← 129 | 130 → in der einschlägigen Forschungsliteratur bereits angeführt sind, und zum anderen durch die Analyse folgender phraseologischer Wörterbücher weitere Wendungen zusammengetragen: RÖHRICH (2006), DUDEN (2008) und SCHEMANN (2011).

Die erstellte Liste umfasst 58 formelhafte Wendungen mit vorangestelltem unflektiertem Adjektivattribut.130 Die erfassten Wendungen werden mithilfe des DEREKO dahingehend analysiert, ob die Adjektive im tatsächlichen Sprachgebrauch immer unflektiert realisiert sind oder ob es entgegen der vorherrschenden Forschungsmeinung auch Fälle gibt, in denen sie zur flektierten Form tendieren. Insgesamt lassen sich mithilfe detaillierter Suchanfragen 27 der 58 formelhaften Wendungen auswerten. Die übrigen Fälle können aufgrund ihrer nicht vorhandenen oder nur sehr geringen Trefferzahl nicht in die Analyse miteinbezogen werden. Als Mindesttreffermenge werden 20 Belege angesetzt.

6.3.2  Ergebnis: Schwankungen zwischen unflektierten und flektierten Adjektivattributen

Anhang 3 zeigt die Ergebnisse der Korpusauswertung. Neben den genauen Trefferzahlen für unflektierte und flektierte Varianten ist die errechnete Prozentzahl des nicht-flektierten Gebrauchs angegeben. In Fällen, in denen neben der unflektierten Form auch flektierte Belege zu finden sind, ist jeweils ein Textbeispiel aus dem DEREKO angeführt.

Die Korpusanalyse verdeutlicht, dass im Bereich der Adjektivflexion teilweise Schwankungen innerhalb einzelner Wendungen bestehen. Zwar existieren solche, in denen das Adjektivattribut (fast) ausschließlich unflektiert realisiert ist, in einigen Wortverbindungen sind aber auch flektierte – und somit „normgerechte“ – Belege zu finden. Im Folgenden wird einer Auswahl an fünf Phrasemen, die diese Schwankungen verdeutlichen, besondere Aufmerksamkeit geschenkt:

1)  (nur (immer)) ruhig Blut (bewahren): Im DEREKO ist diese Wendung in 96% der Belege mit unflektiertem Adjektiv realisiert. Betrachtet man die einzelnen Belege genauer, muss eine exaktere Differenzierung vorgenommen werden. Denn im Grunde handelt es sich hierbei um zwei verschiedene formelhafte Wendungen: zum einen um das verbale Phrasem ruhig Blut bewahren und ← 130 | 131 → zum anderen um die Routineformel (nur (immer)) ruhig Blut! Auch DUDEN (2008: 131) verweist auf zwei unterschiedliche Phraseme, wobei die Varianz des flektierten Adjektivattributs innerhalb des Lemmas des verbalen Phrasems durch Klammersetzung kenntlich gemacht wird: ruhig(es) Blut bewahren. Zieht man nur das verbale Phrasem in die Analyse mit ein, kommt man zu dem Ergebnis, dass dieses in 194 Belegen mit unflektiertem und in 11 Belegen mit flektiertem Adjektivattribut realisiert ist, z. B.:

     (14)  Röslers Umweltkollege Peter Altmaier warnte hingegen: „Wir müssen ruhiges Blut bewahren.“ Er will ein Langfristkonzept zur Reformierung der Ökostromfinanzierung im Konsens und das sei vor der Bundestagswahl nicht zu realisieren. (VDI Nachrichten, 19.10.2012)

     Durch die Korpusanalyse ergibt sich weiterhin, dass die verbale Ergänzung nicht immer bewahren sein muss, sondern beispielsweise auch die Verben behalten, wahren und beweisen vorkommen. Entscheidend ist, dass sich bei genauerer Durchsicht kein einziger Beleg finden lässt, in dem in der Routineformel (nur (immer)) ruhig Blut! das Adjektiv flektiert wird. Es kann demnach festgehalten werden, dass nur im Rahmen des verbalen Phrasems Variationsmöglichkeiten zwischen unflektierter und flektierter Form bestehen; wird die Wendung als Routineformel gebraucht, steht diese immer mit flexionslosem Adjektiv.

2)  eitel Freude: In 8% der Belege wird das Adjektiv dieses nominalen Phrasems flektiert. Ergänzt werden kann die Wendung u. a. durch die Verben herrschen, auslösen, aufkommen und bereiten. Am häufigsten steht die flektierte Form in kasueller Verbindung mit dem Nominativ, z. B.:

     (15)   Angeblich herrscht aber nicht nur eitle Freude über die Aufnahme der Säblerinnen, weil dadurch die Mannschaftswettbewerbe komplett umgekrempelt werden. (Rhein-Zeitung, 14.12.2001)

     Für die Anpassung des Adjektivs an den Nominativ müssen lediglich die letzten beiden Phone vertauscht werden (eitel à eitle), was eventuell als ein Grund für den Gebrauch der flektierten Form angesehen werden kann. Neben dem Phrasem eitel Freude gibt es noch weitere, in denen das Adjektiv eitel auftritt und auch dort variiert (z. B. eitel Wonne).

3)  ein gerüttelt Maß von/an etw.: Die Unflektiertheit des adjektivisch gebrauchten Partizips lässt sich u. a. darauf zurückführen, dass es sich bei dieser Wendung um ein geflügeltes Wort handelt. Nach DUDEN (2008: 511) geht der Ausdruck auf das Lukasevangelium zurück. Eine signifikante Eigenschaft geflügelter Worte ist ihre hohe strukturelle Festigkeit, da sie genaugenommen ← 131 | 132 → Zitate darstellen, die von Sprechern rezipiert und in gewisser Weise über eine längere Zeitspanne hinweg – ohne (formale) Veränderung – gebraucht werden. Die Korpusanalyse zeigt jedoch, dass diese Wortverbindung nicht frei von Varianz ist. So findet sich in 12% aller Belege nicht die ursprüngliche unflektierte, sondern die flektierte Form:

     (16)  Die Eltern tragen ein gerütteltes Maß an Verantwortung, aber auch die Schulen, Erzieher, Sozialpädagogen – alle, die mit Kindern umgehen, tragen diese Verantwortung. (Hannoversche Allgemeine, 25.10.2007)

     Dies könnte daran liegen, dass der Zitatcharakter des Phrasems den heutigen Sprechern nicht mehr bewusst ist und das ehemals geflügelte Wort daher nicht mehr vor der phraseologietypischen Eigenschaft der Variation verschont bleibt. Anzumerken ist noch, dass die Wendung fast ausschließlich mit der Präposition an und nur in 2% aller Belege mit von gebraucht wird.

4)  etw. wie sauer Bier anbieten/anpreisen: Die Korpusanalyse offenbart, dass das hier vorliegende komparative Phrasem bezüglich der Adjektivrealisierung zwei Varianten aufweist: In 72% der Belege ist sauer unflektiert, in 28% kongruiert es mit seinem Bezugswort. Diese Variationsmöglichkeit ist auch im DUDEN (2008: 120) durch die Nennform etw. wie sauer/saures Bier anbieten/anpreisen kodifiziert.

     (17)  Schulleitungsstellen müssen in Oberbayern wie saures Bier angeboten werden, weil die zeitliche Belastung unerträglich geworden ist. (Protokoll der Sitzung des Parlaments Bayerischer Landtag am 06.04.2001)

5)  jmds. eigen Fleisch und Blut: Während im DUDEN (2008) auf die Flexionsvarianten des Adjektivs in der Wendung etw. wie sauer Bier anbieten/anpreisen aufmerksam gemacht wird, ist dies bei jmds. eigen Fleisch und Blut nicht der Fall. Dies ist vor allem aus dem Grund verwunderlich, da eigen noch häufiger als sauer flektiert wird, insgesamt in 37% der Belege. Im DEREKO ist somit in über einem Drittel aller Verwendungsweisen die flektierte Form realisiert. Auffällig ist darüber hinaus eine pragmatische Besonderheit: In vielen Belegen wird die Wendung in einem negativen Kontext gebraucht. Dort dient sie u. a. dazu, auf die Tragödie von Verbrechen, die im engsten Familienkreis geschehen, aufmerksam zu machen (z. B. Missbrauch von Kindern und Mord an Familienangehörigen). Dieser pragmatische Aspekt kommt auch in folgendem Beispiel zum Ausdruck:

     (18)   Die gesellschaftliche Empathie ins Kind erreicht seinen Tiefstpunkt, wenn ein Vater oder eine Mutter sich hilflos gegen das eigene Fleisch und Blut wendet. Es ist zum Heulen! (Braunschweiger Zeitung, 09.11.2010) ← 132 | 133 →

6.4  Unflektierte Adjektivattribute außerhalb formelhafter Wendungen

6.4.1  Pränominale Adjektivattribute

Neben der Voranstellung unflektierter Adjektivattribute in Phrasemen müssen weitere Konstruktionen und Kontexte hervorgehoben werden, in denen dieses Phänomen auch gegenwartssprachlich noch zu beobachten ist. U. a. werden in der Forschung folgende Bereiche angeführt, die anschließend kurz vorgestellt werden: Dialekt (z. B. dem arm Kerl), Volkslieder (z. B. kein schöner Land), Literatursprache (z. B. Wir wollen ein einzig Volk von Brüdern), Warenbezeichnungen (z. B. Kölnisch Wasser), Personennamen (z. B. Jung Siegfried), Geografische Bezeichnungen (z. B. Preußisch Oldendorf), Ableitungen auf -er (z. B. die Zürcher Altstadt), Adjektive auf Vollvokal (z. B. ein prima Auto) und Farbadjektive (z. B. das lila Kleid).131

1)  Dialekt: Der unflektierte Gebrauch des pränominalen Adjektivattributs ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch in einigen Dialekten anzutreffen. So stellt BONNER (1986: 116f.) gewisse Regelmäßigkeiten in der Verwendung der Nicht-Flexion in der Umgangssprache von Neunkirchen fest. Beispielsweise stehe das unflektierte Adjektivattribut, wenn diesem ein betontes Demonstrativpronomen vorausgeht oder wenn das nachfolgende Substantiv betont ist.132

2)  Volkslieder: Das unflektierte Adjektivattribut ist in den Zeilen vieler Volksbzw. Kinderlieder konserviert (vgl. STOLTENBURG 2008: 139). TROST (2006: 387) verweist darauf, dass es in diesen Fällen meist rhythmische Motive sind, aus denen sich die Nicht-Flexion ergibt. Bei einer Durchsicht von 45 Kinderliedern habe ich u. a. die folgenden beiden Beispiele gefunden: es trägt auf seinem Haupte schwarz Käppelein („Ein Männlein steht im Walde“) sowie mit einer hölzern Wurzel („Jetzt fahrn wir übern See“). Die Durchsicht der Kinderlieder offenbart außerdem noch weitere Besonderheiten, die für gewöhnlich als phraseologiespezifisch deklariert werden, z. B. das Dativ-e (Flocken froh im ← 133 | 134 → Winde treiben „A a a, der Winter der ist da“ und vor dem Hunde hüte dich „Häschen in der Grube“) sowie die Voranstellung des Genitivattributs (Als eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt „Der Mond ist aufgegangen“ und die zeigen im Traum dir Christkindleins Baume „Guten Abend, gut’ Nacht“). Es kann demnach konstatiert werden, dass die feste rhythmische bzw. metrische Struktur von Liedern generell eine gute Bewahrungsmöglichkeit für ältere grammatische Phänomene bietet.

3)  Literatursprache: Auch in (älteren) literarischen Werken lassen sich unflektierte Adjektivattribute finden (vgl. Best/Zhu 1993: 19 sowie Helbig/Buscha 2002: 273). Hierbei handelt es sich vor allem um die poetische Sprache des 18. und 19. Jahrhunderts, z. B. ein griechisch Trauerspiel (Goethe), meiner Mutter einzig Kind (Mörike), wie ein blutig Eisen (Büchner) und von einem steinalt, lieb Mütterlein (Fallada) (vgl. Engel 2009: 291 sowie Duden 2009: 344). Weitere Beispiele führt u. a. Marschall (1992: 72) an, der auch im literarischpoetischen Bereich metrisch-rhythmische Gründe für die Elision der Endung sieht. Hierbei spielt auch die Frage eine Rolle, ob manche Textstellen zum Teil den Weg der Phraseologisierung gehen und somit zu geflügelten Worten werden. Ein gewisser Zitatcharakter zeigt sich beispielsweise bei der Goethe-Stelle Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied! Ein leidig Lied!, die dadurch heutzutage sicherlich mehr oder weniger formelhafte Züge aufweist.

4)  Warenbezeichnungen: Werden pränominale Adjektivattribute in Warenbezeichnungen verwendet, ergibt sich fast zwangsläufig eine Idiomatisierung des Ausdrucks (vgl. Spiekermann/Stoltenburg 2006: 319). Sie fungieren dann als feste Eigennamen und können somit einen formelhaften Charakter besitzen. Beispiele sind u. a. Kölnisch Wasser, Russisch Brot, Irisch Moos und Holländisch Bütten (vgl. Hentschel/Weydt 1990: 180f.). Dass es sich hierbei um Eigennamen handelt, verdeutlichen Schreibweisen, in denen beide Wörter zusammengeschrieben werden, wie in Kölnischwasser oder auch die Produktnamen Englischleder und Indischrot. Trost (2006: 388) hält daher fest:

     Nachdem diese Produktbezeichnungen sich vom ursprünglichen Herkunftsland loslösten und sich zu Bezeichnungen von Produkten mit einer ganz bestimmten Beschaffenheit entwickelten, mutierten diese ursprünglichen Herkunftsbezeichnungen auch in der Schreibweise zu Komposita.133 ← 134 | 135 →

5)  Personennamen: Ähnlich wie bei dem Beispiel Kölnisch Wasser fungieren unflektierte Adjektivattribute in Personennamen bereits als eine Art Namensbestandteil. Dies wird auch durch die Großschreibung verdeutlicht (vgl. TROST 2006: 389). Im Grunde handelt es sich also auch bei solchen Konstruktionen wie Jung Siegfried und Klein Erna aufgrund ihres onymischen Charakters um mehr oder weniger formelhafte Wendungen.

6)  Geografische Bezeichnungen: Wie bereits bei Warenbezeichnungen mit unflektiertem Adjektiv zeigt sich auch bei geografischen Bezeichnungen bezüglich der Zusammenschreibung von Adjektiv und Nomen deutlich der Übergang zu substantivischen Komposita (vgl. TROST 2006: 389). Dass diese Konstruktionen ebenfalls Eigennamencharakter besitzen und daher als semantische Einheiten zu betrachten sind, verdeutlicht die Adjektivmajuskel. Als Beispiele können u. a. Groß Schwabhausen, Neu Isenburg oder auch Schwäbisch Gemünd angeführt werden (vgl. DUDEN 2009: 344). Im Sinne eines weiten Phraseologiebegriffs handelt es sich somit genau genommen um onymische Phraseme.

7)  Ableitungen auf -er: Herkunftsadjektive, die aus topografischen Eigennamen abgeleitet sind, gelten schon aufgrund ihrer Großschreibung als etwas Besonderes (vgl. SCHWINN 2012: 57). Sie werden vor dem Bezugsnomen nur flexionslos verwendet. Als Beispiele führt DUDEN (2009: 345) u. a. die Kieler Innenstadt, der Bad Dürkheimer Wurstmarkt und das Annaberg-Buchholzer Kneipenfest an. Zum Teil wird in der Forschung darüber diskutiert, ob es sich hierbei nicht vielmehr um Substantive in der Funktion eines vorangestellten Genitivattributs handelt (siehe FUHRHOP 2001 sowie HENTSCHEL/WEYDT 1990: 181).134 Diese Frage kann bis heute nicht mit absoluter Sicherheit beantwortet werden. Im Großen und Ganzen geht die Tendenz aber in Richtung des Adjektivs. Zu diesem Ergebnis gelangt nach einer detaillierten Analyse auch FUHRHOP (2001: 56):

     Die Argumentation zeigt, daß an dieser Stelle wohl mehr Argumente für die Interpretation als Adjektiv sprechen, ohne daß es letztendlich entschieden werden kann.

     Auch bei diesen handelt es sich im Endeffekt aufgrund ihres Eigennamencharakters um onymische Phraseme. ← 135 | 136 →

8)  Adjektive, die generell nicht flektierbar sind: Eine spezielle Kategorie stellen Adjektive dar, die generell nicht flektierbar sind (vgl. DÜRSCHEID 2002: 69). Diese verfügen über keine Endungen und sind meist aus anderen Sprachen entlehnt (vgl. STOLTENBURG 2008: 140f.). Sie können in zwei Klassen unterteilt werden: zum einen in qualifizierende Adjektive wie prima, klasse und super (ein super Auto vs. *ein superes Auto) (vgl. SCHMITZ 1999: 153), wobei es sich hierbei hauptsächlich um Adjektive auf Vollvokal handelt (vgl. DUDEN 2009: 344), und zum anderen in Farbadjektive wie lila, rosa und orange (vgl. HENTSCHEL/WEYDT 1990: 181 sowie DARSKI 2010: 320).135 Bemerkenswert ist, dass bei diesen teilweise die Entwicklung hin zur Flexion erkennbar ist. So lassen sich vor allem in der Umgangssprache und auch in Zeitungstexten eigentlich nicht flektierbare Farbadjektive in flektierter Form beobachten (vgl. TROST 2006: 390f.). Während in der Standardsprache normalerweise nur Zusammensetzungen mit -farben bzw. -farbig (z. B. lilafarben und lilafarbig) als korrekt angesehen werden (vgl. DUDEN 2009: 345), zeigen die folgenden beiden Belege, dass bei Adjektiven, die auf einen Vollvokal enden, die Endungslosigkeit mithilfe eines eingeschobenen -n- behoben werden kann (vgl. STOLTENBURG 2008: 141):136

     (19)  Poppiges ist im neuen Botschaftsgebäude häufig zu erblicken, rote Säulen zum Beispiel oder gekrümmte, lilane Wände. Solche Elemente, so Fischer, setzen hier den „ironischen Kontrapunkt: Knallbunt, schräg und frech“. (Nürnberger Nachrichten, 19.07.2000)

     (20)  Am Donnerstag nachmittag entwendete ein Dieb an einem Verbrauchermarkt am Franconvilleplatz ein weißes Herrenfahrrad Marke Trumberg. Es hat die Nummer 702174 und war mit einem rosanen Korb ausgerüstet. (Mannheimer Morgen, 20.03.1999)

6.4.2  Adjektivattribute postnominal

Postnominale Adjektivattribute werden generell nicht flektiert, da sie nicht Teil der Nominalklammer sind und daher nicht mit ihrem Bezugswort kongruieren (vgl. PÉRENNEC 1992: 1). Nach der vorherrschenden Forschungsmeinung ← 136 | 137 → unterscheidet sich die Nachstellung von der Voranstellung unflektierter Adjektivattribute insofern, als postnominale Adjektive als gängiger Bestandteil des modernen Sprachgebrauchs angesehen werden (vgl. BROMMER 2005: 119). Zwar konstatiert BROMMER (2005: 120), der Sprachwandel habe aus der ehemals möglichen und üblichen Wortstellung ein Phänomen mit Außenseitercharakter gemacht,137 zahlreiche Verwendungsmöglichkeiten mit postnominalem Adjektiv sind jedoch ein Beweis für die hohe Frequenz und Produktivität dieser Stellungsvariante.

Die Forschung verweist auf zahlreiche Konstruktionen oder Kontexte, in denen die Nachstellung auch heute noch auftritt, und zum Teil sogar die unmarkierte Form repräsentiert. Folgende Bereiche werden immer wieder angeführt: Volkslieder, Literatursprache, Inserate/Kleinanzeigen, Stellenangebote, Produktbezeichnungen, Markennamen, Speisekarten, Zeitungsüberschriften, Fernsehsendungen, Wert- und Vergleichsgrößen138 und Modellbildungen nach dem Muster X[Nomen] pur/satt/brutal. Im Folgenden werden diese Verwendungsmöglichkeiten vorgestellt, wobei in Anlehnung an MARSCHALL (1992: 72) in zwei Bereiche unterteilt wird: zum einen in den Bereich der poetischen Sprache und zum anderen in den Bereich ‚Waren, Handel, Werbung, Konsum, Medien‘. Der Modellbildung X[Nomen] pur/satt/brutal wird in einem eigenständigen Kapitel besondere Aufmerksamkeit geschenkt (siehe Kapitel 6.5.2).

1)  Bereich der poetischen Sprache (Volkslieder und Literatursprache): Laut MARSCHALL (1992: 76) ist das nachgestellte unflektierte Adjektivattribut seit Anfang des 18. Jahrhunderts nach dem Vorbild dichterischer Frühformen wieder gehäuft anzutreffen. Und auch STOLTENBURG (2008: 139) bemerkt, dass vor allem in der historisierenden Sprache des 19. Jahrhunderts auf die „romantisch-poetische Kraft dieser Konstruktionen“ oft zurückgegriffen wird. U. a. führt er folgende Beispiele an: bei einem Wirte wundermild (L. Uhland) sowie O Täler weit, o Höhen (J.F.v. Eichendorf). BROMMER (2005: 139) stellt nach einer umfangreichen empirischen Studie des postnominalen Adjektivs in der Lyrik fest, dass dieses besonders in der Romantik seine „zweite Blüte“ erlebt. Die Gründe für die Hinwendung zur nachgestellten und unflektierten Form sieht MARSCHALL (1992: 76) in der Suche nach Schlichtheit, Liedhaftigkeit und „Volkston“. Und auch ein metrischer Aspekt spielt eine große Rolle: In den meisten Fällen ist das Auftreten durch einen regelmäßigen, ← 137 | 138 → metrisch-rhythmischen, meist jambischen Rahmen zu erklären. So kommt BROMMER (2005: 131f.) zu dem Ergebnis, dass 90% der von ihr ausgewerteten postnominalen Adjektive direkt in einen Endreim integriert sind. Eine weitere Textsorte, innerhalb der nachgestellte Adjektive bewahrt werden, sind Kinderlieder. Auch hier sind es überwiegend metrische Motive, die die Nachstellung veranlassen; meist fungieren die Formen als Endreim einer Zeile, z. B. Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein („Hänschen klein“). Im Gegensatz zu den im nächsten Unterpunkt behandelten nachgestellten Adjektiven kann im Bereich der poetischen Sprache jedoch konstatiert werden, dass die Anzahl dieser Phänomene sehr begrenzt ist und diese „wohl auch nicht weiter wachsen [wird]“ (STOLTENBURG 2008: 140).139

2)  Bereich ‚Waren, Handel, Werbung, Konsum, Medien‘: Entgegen der vorherrschenden Meinung, postnominale Adjektivattribute würden keine produktiven Sprachmuster mehr darstellen, finden sich im Gegenwartsdeutsch sehr wohl Textsorten bzw. Bereiche, in denen diese Konstruktion hoch produktiv ist (vgl. STOLTENBURG 2008: 140 sowie TROST 2006: 382). Größtenteils handelt es sich hierbei um Speisekarten, Kleinanzeigen, Stellenangebote, Zeitungsüberschriften, Markennamen, Produktbezeichnungen etc., in denen „diese Form der Attribute den präponierten ernsthafte Konkurrenz macht“ (BEST/ZHU 1993: 21) (z. B. Spaghetti italienisch, Erbsen fein, Polstergarnitur neu und Sport aktuell).140 Im Gegensatz zu nachgestellten Adjektiven in poetischer Sprache sind diese Konstruktionen jedoch nicht durch formale Kriterien wie Reim und Metrik motiviert, sondern vielmehr durch stilistische und pragmatische Kriterien wie Wirkung, Prägnanz und Sprachökonomie (vgl. BROMMER 2005: 140). Das Konstruktionsverfahren ist dabei jeweils dasselbe: Benennung des Referenzobjekts mit einem an das Referenzobjekt anschließenden, näher bestimmenden Zusatz, wobei DÜRSCHEID (2002: 62) folgendes Strukturschema ansetzt: [Gattungs- bzw. Produktname + X[Adjektiv]]. Zur Beantwortung der entscheidenden Frage, warum in diesen Bereichen die markierte Adjektivstellung der unmarkierten vorgezogen wird, bedient sich DÜRSCHEID (2002: 63) eines kommunikativ-funktionalen Erklärungsansatzes: ← 138 | 139 →

     Das Element mit dem höheren Grad an kommunikativer Dynamik steht in der linearen Abfolge an erster Stelle, dann folgt dasjenige mit dem niedrigeren Mitteilungswert, der erläuternde Zusatz. Die Struktur dient also der Informationsgliederung, das substantivische Referenzobjekt wird in den Vordergrund gerückt. Nicht von ungefähr findet sich dieses Wortstellungsmuster gerade in der Werbe- und Anzeigensprache.

     Im Zusammenhang mit diesen Verwendungskontexten muss auf ein Problem aufmerksam gemacht werden: Es stellt sich bei einigen solcher nachgestellten Adjektiv-Konstruktionen die Frage, ob es sich zum Teil um verfestigte formelhafte Wendungen handelt oder nicht. Dies betrifft vor allem solche Beispiele wie Whisky pur, Forelle blau, Schauma mild, Henkell trocken etc., die zu einem bestimmten Grad den Charakter eines Eigennamens besitzen und darüber hinaus idiomatische Züge aufweisen können (vgl. MARSCHALL 1992: 78). Ich schließe mich diesbezüglich den Ausführungen DÜRSCHEIDS (2002: 64f., 71, 77f.) an, die im Falle solcher Konstruktionen von teilidiomatisierten Verbindungen spricht. So zeigt sie auf, dass die teilidiomatische, ganzheitliche Bedeutung der Formel Forelle blau beispielsweise durch verschiedene transformationelle Umformungen verloren geht (vgl. DÜRSCHEID 2002: 77 sowie TROST 2006: 383). Des Weiteren können bestimmte Konstruktionen mit nachgestelltem Adjektivattribut als onymische Verbindungen identifiziert werden, wodurch sich ihre Einordnung in den Bereich der formelhaften Sprache ergibt, z. B. Aktie gelb und KontoDirekt 141 (vgl. DÜRSCHEID 2002: 65, 78).

Letztlich ist ein wichtiger Aspekt besonders in Bezug auf den Bereich formelhafter (Ir-)Regularitäten hervorzuheben: Die Nicht-Flektiertheit des postnominalen Adjektivattributs ist regelkonform, da die Kongruenz im Deutschen nur auf den pränominalen Bereich beschränkt ist (vgl. DÜRSCHEID 2002: 63):

Markiert an dieser Konstruktion ist im Neuhochdeutschen nicht die unflektierte Form des attributiven Adjektivs, markiert ist einzig die Nachstellung. Die Flexionslosigkeit ist nur ein Nebeneffekt. (DÜRSCHEID 2002: 64)

Die aufgelisteten Verwendungskontexte sind laut SCHMIDT (1998: 92) ein Indikator dafür, dass diese „modische Formulierungstendenz“ im Begriff ist, „die grammatische Eiszeit für nachgestellte unflektierte Adjektive tatsächlich zu beenden“. Aus dieser Perspektive relativiert sich zwangsläufig der „irreguläre“ ← 139 | 140 → Status von formelhaften Wendungen, in denen diese Form bewahrt ist bzw. in Zukunft auftreten wird.

6.5  Beispielanalysen: Neue produktive Konstruktionen mit Adjektivbesonderheiten

6.5.1  lecker Gaumenschmaus – Eine Modellbildung mit unflektiertem Adjektivattribut

Wie bereits aufgezeigt wurde, hat sich bei pränominalen Adjektivattributen im Laufe der Zeit die flektierte Form durchgesetzt, wodurch diese gegenwartssprachlich den unmarkierten Fall bildet. Trotzdem gibt es im heutigen Deutsch eine Konstruktion, die dieser Entwicklung gegenübersteht: der unflektierte Gebrauch von lecker (z. B. lecker Bratwürste/Schnittchen/Sushi). Lecker scheint sich demnach in die entgegengesetzte Richtung zu entwickeln: vom flektierten zum unflektierten pränominalen Adjektivattribut.

SCHWINN (2012: 58) stellt fest, dass dieses Phänomen ab circa der 1990er Jahre zunächst in den Medien auftaucht und die Verwendung seitdem auf dem Vormarsch ist (vgl. auch STOLTENBURG 2008: 130). Zunächst findet das unflektierte lecker primär in der Umgangssprache bzw. der gesprochenen Alltagssprache Verwendung, mit der Zeit geht es jedoch auch in die Standardsprache über (vgl. SPIEKERMANN/STOLTENBURG 2006: 321f.):

     (21)  Die Kinder erfreuten sich im Jugendhaus an der Kinderbetreuung. Auf dem Holste-Hof am Kinderkarussell herrschte ebenfalls Hochbetrieb. Dort drehten die Kinder eine Runde nach der anderen, während Mama, Papa und Großeltern einen lecker Glühwein schlürften und nach adventlichen Geschenken Ausschau hielten. (Braunschweiger Zeitung, 04.12.2006)

Das Besondere an dieser Konstruktion ist, dass in solchen Belegen wie lecker Glühwein die flektierte Form als Alternative zur Verfügung steht (leckeren Glühwein), diese aber nicht genutzt wird. Diesbezüglich unterscheidet sich lecker deutlich von – weiter oben angeführten – generell nicht-flektierbaren Adjektiven (z. B. Farbadjektive lila und rosa oder auch Ableitungen von Ortsbezeichnungen auf -er wie Trierer Weihnachtsmarkt) (vgl. STOLTENBURG 2008: 144).

Die Konstruktion kann im Sinne von FILLMORE u. a. (1988: 505) als „extragrammatical“ bezeichnet werden, da sie aufgrund der nicht vorhandenen Flexion einen Sonderfall im allgemeinen Regelsystem der Sprache darstellt (vgl. SPIEKERMANN/STOLTENBURG 2006: 323). SPIEKERMANN/STOLTENBURG (2006) analysieren die Konstruktion daher im Rahmen eines konstruktionsgrammatischen Ansatzes auf formaler, semantischer und pragmatischer Ebene. Während ← 140 | 141 → sie formal nachweisen, dass es sich bei solchen Konstruktionen nicht um die adverbiale Verwendung von lecker handelt und darüber hinaus einen Formalismus für diesen Konstruktionstyp entwerfen, sind vor allem die semantischen und pragmatischen Erkenntnisse aufschlussreich. Aus semantischer Perspektive gehen nicht nur Substantive aus dem Bereich „Nahrungsmittel“ eine Verbindung mit unflektiertem lecker ein, sondern es kann eine Ausweitung der Semantik auf weitere Bereiche festgestellt werden (vgl. SPIEKERMANN/STOLTENBURG 2006: 324):

Nachdem die semantische Kongruenz und das Flexionsmuster nicht mehr den allgemeingültigen Regeln gehorchen, ist es für lecker ein Leichtes, neue Beziehungen einzugehen. (SCHWINN 2012: 62)

Das bekannteste Beispiel hierfür ist wohl die Verbindung ein lecker Mädchen, in der lecker durch metonymische und/oder metaphorische Übertragung auf (weibliche) Personen mit einer sexuellen Konnotation versehen wird (vgl. SCHWINN 2012: 60f.):

     (22)  Timo Glock (26) hat ein süßes Geheimnis: Er ist frisch verliebt! Die MOPO entdeckt den Toyota-Piloten im Hockenheimer Fahrerlager turtelnd mit einer geheimnisvollen Blonden im gelben T-Shirt. Glocks bisherige Freundin war brünett. Da hat sich der schnelle Odenwälder aber ein lecker Mädchen geangelt. (Hamburger Morgenpost, 19.07.2008)

Doch lecker kann nicht nur mit Nahrungsmitteln und Personen kongruieren. Der Gebrauch hat sich bereits auf Ereignisse und Gegenstände ausgedehnt. Exemplarisch können die folgenden zwei Belege angeführt werden, in denen lecker die Substantive Wohnung und Fußball attribuiert:

     (23)  Bester Fotograf Berlins sucht lecker Wohnung für günstig. Tier(besuch) sollte möglich sein, denn et jibbt Freundin mit Hund. (http://www.wg-gesucht.de/1795331.html, Stand 03.12.2013)

     (24)  Moin Moin, gleich gibt’s wieder lecker Fussball: 13.30 FC ST. PAULI – HANSA ROSTOCK!!!!!!!!!!!!!!! 15.30 Augsburg – Schalke 17.30 Hannover – Freiburg (https://www.facebook.com/lottakoeln/posts/388838091136591, Stand 03.12.2013)

Übersicht 6–1 zeigt eine von mir zusammengestellte Auswahl an Substantiven, die mit lecker in einer unflektierten Nominalphrase im DEREKO sowie durch Google-Abfragen zu finden sind. Dabei kann zwischen den drei onomasiologischen Bereichen ‚Nahrungsmittel‘, ‚Personen‘ und ‚Ereignisse bzw. Sachgegenstände‘ unterschieden werden: ← 141 | 142 →

Übersicht 6-1:  Nominalergänzungen zu lecker X[Nomen] nach onomasiologischen Bereichen

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In Bezug auf pragmatische Besonderheiten verweisen SPIEKERMANN/STOLTENBURG (2006: 326f.) einerseits auf Belege aus der Werbung, andererseits konstantieren sie, dass die Konstruktion in der Regel zur Kontextualisierung von Informalität und somit besonders der Beschreibung privater, familiärer und persönlicher Interaktionskontexte dient. Darüber hinaus legen sie dar, dass tendenziell eine regionale Beschränkung der Konstruktion zu beobachten ist. Nach ihren Korpusauswertungen ist sie vor allem im Mitteldeutschen mit Schwerpunkt des Rheinlands und Ruhrgebiets anzusiedeln.

SCHWINN (2012: 58, 63) sieht den Ursprung dieses unflektierten Adjektivattributs im Niederländischen. Er stellt die Vermutung an, dass das im Niederländischen fast ausschließlich unflektierte lekker sozusagen als Lehnkonstruktion im Rheinland übernommen worden ist. SPIEKERMANN/STOLTENBURG (2006: 336) widersprechen jedoch dieser Hypothese, indem sie darauf hinweisen, dass im Rahmen eines Sprachkontaktphänomens dieser Kontakt tatsächlich stattfinden muss. Dies treffe aber auf viele Sprecher dieser Region nicht zu. Weiter führen sie aus, dass der Abbau der Nominalflexion alle niederländischen Adjektive tangiert und sich daher die Frage stellt, warum sich im Deutschen nur bei lecker und nicht noch bei weiteren Adjektiven die Nicht-Flexion zeigt. Letztlich führen sie außerdem an, dass die Verbreitungsgeschwindigkeit und Akzeptanz dieses Phänomens in anderen – nicht rheinländischen – Regionen der Vermutung, man habe es hier mit einer niederländischen Entlehnung zu tun, widersprechen. ← 142 | 143 →

Weitaus interessanter als die Herkunftsfrage ist, ob es sich bei der Konstruktion um eine singuläre Erscheinung handelt oder ob auch in Zukunft weitere pränominale Adjektivattribute flexionslos auftreten werden. Mit anderen Worten: Handelt es sich bei lecker um das erste produktive Beispiel eines sich weiter ausbreitenden Konstruktionstyps (vgl. STOLTENBURG 2008: 150)? Dieser Frage geht auch SCHWINN (2012: 62) nach, wenn er den Verdacht hegt, dass sich noch weitere Adjektive analog zu lecker innerhalb der Entwicklung in Richtung des unflektierten Adjektivattributs befinden. Hierfür betrachtet er Adjektive, die ebenso wie lecker auf -er auslauten und zweisilbig sind. Seine Annahme resultiert also vor allem aus phonetischen Überlegungen:

Bei den zwei- (und mehr-) silbigen Adjektiven auf -er könnte man vermuten, dass die flexionsbedingte Verdoppelung von -er aus phonetischen Gründen zur generellen Tilgung der Flexionsmarker (-er, -en, -em, -es, -e) führt […]. (SCHWINN 2012: 62)

Im Zuge seiner Korpusanalyse entdeckt SCHWINN (2012: 63) tatsächlich weitere Belege unflektierter Adjektive; für die nicht-flektierten Adjektivattribute heiter und finster findet er jeweils einen, für bitter drei Belege. Diese Beispiele stellen bezüglich ihrer geringen Quantität – im Gegensatz zu lecker – zwar eine recht marginale Erscheinung dar, können aber dennoch auf eine Entwicklung hindeuten, die zurzeit noch in ihren Kinderschuhen steckt. Und auch SPIEKERMANN/STOLTENBURG (2006: 334) betonen, dass pränominale unflektierte Attribute in vereinzelten Fällen auch bei anderen Adjektiven als lecker zu beobachten sind. Zur Verdeutlichung führen sie Belege an, in denen die drei Adjektive stark, bar und unheimlich flexionslos gebraucht werden (vgl. SPIEKERMANN/STOLTENBURG 2006: 335). Ein weiteres – im Gegenwartsdeutsch relativ usuelles – unflektiertes Adjektiv ist teuer in der Konstruktion für teuer Geld. Im DEREKO ist dieses 75mal belegt:

     (25)  Es ist ein so genannter Graumarkt entstanden mit WM-Tickets, die man bei Internet-Händlern für teuer Geld erwerben kann, deren Herkunft aber unergründbar ist. (Hamburger Morgenpost, 30.05.2006)

In Anbetracht der geringen Belegzahl anderer unflektierter Adjektive lässt sich mit SCHWINN (2012: 63) konstatieren, dass das flexionslose lecker in attributiver Stellung momentan „(noch) mit einem Alleinstellungsmerkmal versehen ist.“ Die Frage, ob es sich hierbei um den Anfang einer produktiven Konstruktion handeln könnte, vermag auch STOLTENBURG (2008: 150) nicht zu beantworten:

Inwieweit dieses randgrammatische Phänomen die Kerngrammatik beeinflusst und ob es sich überhaupt über längere Zeit durchsetzen kann, wird die Zukunft zeigen. ← 143 | 144 →

6.5.2  Formelhaftigkeit pur – Eine Modellbildung mit nachgestelltem Adjektivattribut

Einen in der Gegenwartssprache produktiven Typ adjektivischer Nachstellung stellen solche Verbindungen dar wie Spannung pur, Sonne satt und Fußball brutal. DÜRSCHEID (2002: 67) sieht das Besondere an diesen Konstruktionen in folgenden vier Punkten begründet:

    Das Bezugsnomen dient nicht zur Kategorisierung von Objekten. Deutlich wird dies darin, dass überwiegend Kontinuativa anstatt Appellativa die Verbindung eingehen.

    Mithilfe der Adjektive kann eine wertende Sprechereinstellung ausgedrückt werden.

    Die attributive Lesart bleibt bei Einbettung der Konstruktion in die Satzsyntax erhalten.

    Nachgestellte Adjektive dieses Konstruktionstyps stellen eine geschlossene Liste dar.142

Diese Fälle grenzen sich darüber hinaus insofern von anderen Typen mit Adjektiv-Nachstellung ab, als dass sie Konstruktionen mit Leerstellencharakter darstellen und sie somit „nach dem Prinzip der Phraseoschablonen Formen produzieren, die selbst nicht mehr produktiv sind“ (GRÉCIANO 1999: 4f.). Die Modellbildung setzt sich aus dem unflektierten postnominalen Adjektivattribut und der Leerstelle einer Substantivergänzung (in fast allen Fällen ohne Artikel) zusammen, woraus sich folgende Strukturformel ergibt: X[Nomen] pur/satt/brutal.

1)  X[Nomen] pur

Das wohl bekannteste Beispiel der hier behandelten Modellbildungen ist X[Nomen] pur. So widmet sogar SICK (2004) diesem Phänomen in seinem Bestseller „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ ein ganzes Kapitel namens „Die reinste Puromanie“. Entgegen allen sprachkritischen Stimmen sieht die vorliegende Arbeit diese Konstruktion jedoch nicht als eine von der Grammatik abweichende, „irreguläre“ Form an, sondern als eine (hoch-)produktive formelhafte Wendung, in der die Nachstellung des Adjektivs bei einigen Substantiven gar der unmarkierte Fall ist. ← 144 | 145 →

Übersicht 6-2:  Korpusauswertung der Voran- und Nachstellung von pur

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Dies verdeutlichen die Ergebnisse einer von mir durchgeführten Korpusanalyse. Im Zuge derer werden bestimmte Substantive im Hinblick auf die Nach- bzw. Voranstellung des Adjektivattributs pur überprüft. Wie Übersicht 6–2 zu entnehmen ist, wird bei bestimmten Bezugswörtern fast ausschließlich die Postposition bevorzugt (z. B. Stimmung, Sonne, Spannung und Dramatik).

Die Semantik des Adjektivs pur innerhalb dieser Wendungen muss von der in der bereits angeführten Wortverbindung Whisky pur abgegrenzt werden. In Whisky pur trägt das Adjektiv die Bedeutung ‚unvermischt‘, in den hier vorliegenden Modellbildungen wird diese aber von weiteren Konnotationen, die sich mit ‚unverfälscht, ungetrübt, durch und durch‘ beschreiben lassen, angereichert (vgl. DÜRSCHEID 2002: 67). Eine Frage, die ebenfalls die Semantik betrifft, ist die, ob sich die Position des Adjektivs auf die Bedeutung der Wendung auswirkt. Mit anderen Worten: Besteht ein semantischer Unterschied zwischen den beiden Alternativen X[Nomen] pur[unflektiert] versus pur[flektiert] X[Nomen]? Insgesamt ergibt sich bei den ausgewerteten Fällen kein signifikanter Bedeutungsunterschied, der mit dem post- bzw. pränominalen Gebrauch des Adjektivs in Verbindung gebracht werden könnte. Zur Verdeutlichung dieser Bedeutungskonstanz seien hier drei Beispiele angeführt, in denen bei unterschiedlicher Nominalphrase (jedoch mit derselben Verbalergänzung!) dieselbe Semantik zum Ausdruck kommt:

„Stimmung pur“/„pure Stimmung“ war angesagt

     (26)  Stimmung pur war angesagt, als es mit der Tanzgruppe La Vida auf Weltreise ging. (Rhein-Zeitung, 29.01.2013)

     (27)  Pure Stimmung war bei Sängerin Claudia Damiani aus Burgbrohl angesagt. (Rhein-Zeitung, 04.02.2008)

Das ist „Abstiegskampf pur“/„purer Abstiegskampf“

     (28)  „Das ist ein sehr delikates Spiel. Das ist Abstiegskampf pur. Ich hoffe, dass wir weitere Fortschritte machen“, sagte VfB-Trainer Christian Gross und unterstrich die Bedeutung der heutigen Partie. (Mannheimer Morgen, 22.01.2010)

     (29)  „Das ist purer Abstiegskampf jetzt. Wir haben aber vollstes Vertrauen in die Mannschaft – egal, wer heute aufläuft“, sagt der Kästorfer Trainer, der erneut einige Personalsorgen und Fragezeichen im Kader hat. (Braunschweiger Zeitung, 13.05.2009)

Es herrschte „Begeisterung pur“/„pure Begeisterung“

     (30)  Nach sieben Spielen ohne Gegentor herrscht bei den noch ungeschlagenen Stuttgartern Begeisterung pur. (Mannheimer Morgen, 30.09.2003) ← 146 | 147 →

     (31)  Bei den Kindern herrschte am Mittwoch im Goldacher Freibad Seegarten pure Begeisterung – so erzählt etwa eine sichtlich stolze Erstklässlerin, dass sie erst seit kurzem 25 Meter ohne Probleme schwimmen könne. (St. Galler Tagblatt, 21.06.2013)

Auch wenn die Voran- bzw. Nachstellung von pur keinen signifikanten Einfluss auf die denotative Bedeutungskomponente der Nominalphrase nimmt, kann dennoch ein konnotativer/assoziativer Unterschied festgestellt werden. Der postnominale Gebrauch führt zu einer stärkeren Intensivierung gegenüber der pränominalen Verwendung; er dient in der Umgangssprache als ausdrucksverstärkendes Stilmittel (vgl. DUDEN 2011: 50). Die Nachstellung stellt im Grunde eine Verabsolutierung dar, die mithilfe der Voranstellung nicht im gleichen Maße erzeugt werden kann (z. B. Begeisterung < pure Begeisterung < Begeisterung pur). So ist der Abstiegskampf pur (noch) nervenaufreibender, kraftzehrender, dramatischer, leidenschaftlicher etc. als der pure Abstiegskampf und die Begeisterung pur (noch) emotionaler, freudig-erregter, enthusiastischer etc. als die pure Begeisterung. Im Sinne der Frame-Semantik eröffnet beispielsweise die Formel Abstiegskampf pur aufgrund ihrer Modellhaftigkeit und (psycholinguistischen) Festigkeit einen (für Fußballinteressierte) sehr konkreten Frame und mehrere mit ihr vernetzte Frames.143 Sie weist eine detailliertere und ausdifferenziertere Semantik auf als lediglich die freie Wortverbindung purer Abstiegskampf. Hierzu trägt mit Sicherheit auch die mehr oder weniger feste Struktur bei, in der diese Verbindung in Form einer Modellbildung eingelassen ist.

2)  X[Nomen] satt

Im Gegensatz zu X[Nomen] pur ist die Modellbildung X[Nomen] satt weitaus geringer im DEREKO zu finden, besitzt aber ebenso wie die Konstruktion mit pur eine intensivierende Funktion (vgl. DÜRSCHEID 2002: 69). Am häufigsten ist satt mit dem Bezugswort Sonne in postnominaler Stellung realisiert (873mal):

     (32)  Der Sommer 2011 wird den Toggenburgern nicht in guter Erinnerung bleiben. Statt Sonne satt war das Wetter durchzogen, es hat häufig geregnet und war kühl. (St. Galler Tagblatt, 13.08.2011) ← 147 | 148 →

Am zweithäufigsten ist satt in Verbindung mit Fußball belegt (174mal).

     (33)  Bei den Bucher Kickers steht am Wochenende Fußball satt auf dem Programm: Heute Abend stehen sich ab 19 Uhr ein Jubiläums- und ein Nachwuchsteam des Sportvereins gegenüber. (Rhein-Zeitung, 19.05.2006)

Stichprobenartig durchgeführte COSMAS-II- sowie Google-Abfragen ergeben u. a. die in Übersicht 6–3 aufgelisteten Substantive, die die Leerstelle der Modellbildung X[Nomen] satt ausfüllen. Diese lassen sich grob in vier onomasiologische Bereiche aufteilen: ‚Lebensmittel‘, ‚Emotionen‘, ‚Freizeit/Urlaub/Sport‘ und ‚Wetter‘:

Übersicht 6-3:  Nominalergänzungen zu X[Nomen] satt nach onomasiologischen Bereichen

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Innerhalb dieser Konstruktion erfährt das Adjektiv satt im Zuge der Nachstellung eine Bedeutungsveränderung. Während es pränominal in etwa die Bedeutung von ‚ansehnlich‘ (z. B. ein satter Gewinn) sowie in Bezug auf Farben bzw. Klänge ‚kräftig‘ (z. B. ein sattes Grün und satte Basslines) besitzt, bedeutet es in postnominaler Stellung so viel wie ‚reichlich, genug‘ (vgl. DÜRSCHEID 2002: 69).

3)  X[Nomen] brutal

Das Adjektiv brutal geht mit sehr verschiedenen Bezugswörtern eine Verbindung ein. Besonders viele Beispiele stammen aus den Bereichen ‚Sport‘ (z. B. Basketball und Eishockey) und ‚Fest‘ (z. B. Weihnachten und Hochzeit). Übersicht 6–4 gibt einen Überblick über Substantive, die mit postnominalem brutal in einer Nominalphrase stehen können. Als Grundlage dienen COSMAS-II- und Google-Abfragen: ← 148 | 149 →

Übersicht 6-4:  Nominalergänzungen zu X[Nomen] brutal nach onomasiologischen Bereichen

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Ebenso wie bei Wendungen mit pur und satt weisen die Bezugswörter mit nachgestelltem brutal auch keinen Artikel auf. Im Gegensatz zu pur und satt besitzt brutal innerhalb dieser Konstruktion jedoch keine primär intensivierende Wirkung, sondern in erster Linie eine deskriptiv-wertende Funktion (vgl. DÜRSCHEID 2002: 69), wie an folgender Bildunterschrift zu erkennen ist:

     (34)  Fußball brutal: Belgiens Keeper Stijn Stijnen (r.) verpasst Lukas Podolski einen Kung-Fu-Tritt. Poldi trägt eine Rippenverletzung davon (l.). (Hamburger Morgenpost, 21.08.2008)

Besonders interessant an der Verbindung Fußball brutal ist, dass das Adjektiv nicht nur in Bezug auf zu hartes bzw. körperbetontes Spiel gebraucht wird (wie im obigen Beispiel), sondern auch mit der Bedeutung ‚ungerecht, unfair, bitter etc.‘:

     (35)  Rheinbreitbachs Spielertrainer Carsten Lelke verstand hinterher die Fußball-Welt nicht mehr. „Das war Fußball brutal. Wir machen das Spiel, treffen aber die Kiste nicht.“ (Rhein-Zeitung, 02.04.2005)

Trotz dieses Belegs, in dem sich brutal nicht auf physische Gewalt bezieht, wird mit der Modellbildung X[Nomen] brutal in den meisten Verbindungen dieser Bedeutungsaspekt fokussiert. Auffällig ist darüber hinaus, dass die Konstruktion häufig als Aufhänger für eine Schlagzeile verwendet wird und somit nicht in die Satzstruktur miteingebettet ist, sondern isoliert als „Eyecatcher“ fungiert:

     (36)  Schule brutal: Bei einer tätlichen Auseinandersetzung in einer Mainzer Hauptschule verletzte am Dienstag vormittag ein 15- jähriger Hauptschüler eine 52-jährige Lehrerin. (Rhein-Zeitung, 29.01.2004)

     (37)  Wahlkampf brutal: Weil sich Dennis K. über die NPD-Plakate vor seinem Geschäft beschwerte, bedrohten Neo-Nazi Thomas Wulff und seine Partei-Freunde den 29-Jährigen mit einer Axt, spuckten ihm ins Gesicht -und traten auf ihn ein. (Hamburger Morgenpost, 27.01.2011) ← 149 | 150 →

     (38)  Karneval brutal: Gleich mehrere Schlägereien haben die Polizei Koblenz am Wochenende auf Trab gehalten. (Rhein-Zeitung, 27.02.2006)

Insgesamt können die hier vorgestellten Modellbildungen X[Nomen] pur/satt/brutal als (hoch-)produktive Konstruktionen der deutschen Gegenwartssprache angesehen werden. Sie zeigen, dass die als „phraseologische Irregularität“ bezeichnete Nachstellung des attributiven Adjektivs auch heute noch – zumindest im Rahmen der hier analysierten Modellbildungen – als produktiver Konstruktionstyp vorkommen kann. Ebenfalls von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die X[Nomen] pur/satt/brutal-Konstruktion entgegen der Annahme DÜRSCHEIDS (2002: 80) gehäuft auch in gesprochener Sprache zu finden ist. So führen BEST/ZHU (1993: 21) Belege für diese Beobachtung an und konstatieren, dass die Konstruktion nicht mehr nur auf die geschriebene Gegenwartssprache beschränkt ist. Dem aufmerksamen Beobachter fallen vermehrt gesprochensprachliche Beispiele auf. So spricht der Moderator der ARD Sportschau bezüglich des Fußballvereins Dynamo Dresden von Tradition pur144 und in einem Spielbericht über den Hamburger SV bezeichnet der Kommentator die Abwehr der Hanseaten als Unordnung pur145. ← 150 | 151 →


125  Bereits ROTHKEGEL (1973: 77) führt Beispiel-Phraseme sowohl für voran- als auch nachgestellte unflektierte Adjektive an.

126  Einen Grund für die Nachstellung des Adjektivattributs im Althochdeutschen führt SCHRODT (2004: 29) an, indem er stilistische und/oder rhythmische bzw. metrische Aspekte sowie die Nachbildung der lateinischen Vorlage – speziell in Otfrids Evangelienbuch – erwähnt.

127  Bemerkenswert ist hierbei trotz der endgültigen Eliminierung des flexivlosen Gebrauchs im Neuhochdeutschen die Beobachtung, dass der Anteil flexivloser Adjektivattribute in der Zeit vom Mittelhochdeutschen zum Frühneuhochdeutschen zunimmt, was laut ÁGEL (2000a: 1859) „gewiß eine Herausforderung für die Forschung darstellt“.

128  Während Adjektivattribute schon ab dem Althochdeutschen vermehrt vor ihrem Bezugswort realisiert werden, muss die Situation bei Mehrfachattribuierungen gesondert betrachtet werden (vgl. EICHINGER/PLEWNIA 2006: 1061). Im Falle, dass mehrere Adjektive ein Substantiv näher bestimmen, gruppieren diese sich zu althochdeutscher Zeit entweder gemeinsam vor oder gemeinsam nach oder voneinander getrennt um das Bezugswort. Es kann allerdings konstatiert werden, dass die Fälle eins und zwei eher die Ausnahme bilden und die Splitstellung im Althochdeutschen der Normalfall darstellt (vgl. BEHAGHEL 1930: 170f.). Bemerkenswert ist, dass hierbei beide Adjektive flektiert werden. Im Mittelhochdeutschen ist dieses Muster zwar auch noch möglich, das postnominale Adjektiv bleibt jedoch oft unflektiert. Im Verlauf des Frühneuhochdeutschen kommt es dann zu der Einschränkung, dass nur noch das pränominale Adjektiv flexionsfähig ist und attributive Adjektive somit nicht mehr regulär rechts von ihrem Bezugswort stehen können (vgl. EICHINGER/PLEWNIA 2006: 1061).

129  Da es sich bei Belegen mit nachgestelltem Adjektivattribut häufig nicht um formelhafte Wendungen handelt bzw. dies sehr schwer zu entscheiden ist, schenkt Kapitel 6.4.2 diesen Typen gesonderte Aufmerksamkeit. Darüber hinaus wird in Kapitel 6.5.2 eine aktuell hochproduktive Wendung mit postnominalem Adjektivattribut näher betrachtet.

130  Diese Zahl sollte jedoch nicht verabsolutiert werden, da sie – je nach Perspektive – auch kleiner bzw. größer ausfallen könnte. So kann die Quantität variieren, je nachdem ob man für eine bestimmte Wendung eine Nennform mit verschiedenen Varianten ansetzt oder aber mehrere Nennformen (sprich: mehrere verschiedene formelhafte Wendungen).

131  Darüber hinaus existieren weitere Kontexte und Konstruktionen, in denen das Adjektivattribut unflektiert bleibt; beispielsweise in bestimmten Bezeichnungen für Buchstaben und Zahlen (groß B, römisch 2), bei den Adjektiven ganz und halb vor geografischen Bezeichnungen ohne realisiertes Determinativ (ganz Deutschland, halb Rheinland-Pfalz) sowie in manchen Fällen bei viel und wenig (viel Zeit, wenig Geld) (vgl. DUDEN 2009: 343; ENGEL 2009: 291 sowie GALLMANN/SITTA 2010: 70).

132  Weitere Ausführungen zur Nicht-Flexion des Adjektivattributs in Dialekten finden sich u. a. in STEITZ (1981) zur Saarbrücker Mundart sowie in SEIDELMANN (1983) zur Sprachlandschaft am Bodensee.

133  TROST (2006: 389) argumentiert weiter, dass bei diesen Fällen vor allem deswegen die Flexion blockiert wird, weil sie bereits kompositionell-semantischer Bestandteil der rechten Nominalklammer sind. Diesen kompositionellen Charakter verdeutlicht er mithilfe einer weiteren Attribuierung: [das teure (kölnisch Wasser)]. Nach ihm handelt es sich hierbei also um die Vorstufe eines Determinativkompositums.

134  Diese Interpretation ergibt sich aus einer historischen Perspektive. Denn diachron betrachtet sind diese Erscheinungsformen – zumindest laut (DUDEN 2009: 345) – aus dem vorangestellten Genitivattribut entstanden.

135  Zu Gründen für die Nichtflektierbarkeit dieser Adjektive siehe FUHRHOP (2001: 49f.). Eine Beispielanalyse von nicht-flektierbaren Adjektiven findet sich in TELSCHOW (2014: 194–198).

136  MOTSCH (1973: 11) verweist zudem darauf, dass die Flexion von Farbadjektiven in bestimmten deutschen Umgangssprachen durchaus korrekt ist, da dort diese Beschränkung nicht besteht.

137  SCHNEIDER (2005: 160) spricht von „Ausnahmefall“: „Die Nachstellung von Adjektiven ist in der deutschen Grammatik eher der Ausnahmefall.“

138  Wie beispielsweise fünfhundert Euro bar.

139  Bereits BEHAGHEL (1927: 29) verweist auf diesen archaischen Charakter: „Wenn das Volkslied noch immer singt von Röslein rot, so bewahrt es damit eine Wortstellung, die seit etwa einem Jahrtausend in der lebendigen Sprache abgestorben ist.“

140  Für weitere Beispiele siehe vor allem MARSCHALL (1992: 74); BEST/ZHU (1993: 21f.) sowie WEINRICH (2005: 532).

141  Im Falle von KontoDirekt liegt darüber hinaus ein weiteres besonderes (orthografisches) Phänomen vor: die sogenannte Binnenmajuskel. Diese wird neben dem sogenannten Binnen-I (LehrerInnen) heutzutage vor allem im Bereich der Werbe- und Mediensprache eingesetzt (siehe hierzu GABLER 1995; STEIN 1999 sowie MÜLLER 2014).

142  DÜRSCHEID (2002) erläutert aus dieser geschlossenen Liste die fünf Adjektive pur, brutal, satt, total und light (z. B. in Linguistik light) näher. Ich werde lediglich auf die ersten drei eingehen und verweise für weitere Ausführungen auf DÜRSCHEID (2002).

143  Der Frame zu Abstiegskampf pur beinhaltet dabei solche Prädikationen wie ‚psychische und physische Belastung‘, ‚schwierige (sportliche) Situation‘, ‚Existenzängste der Spieler, des Vereins und der Fans‘ etc.

144  Hörbeleg, ARD, Sportschau, 2014 (genaues Datum nicht mehr bekannt).

145  Hörbeleg, ARD, Sportschau vom 30.08.2014.