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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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12. Pronomen(ir)regularität

12.  Pronomen(ir)regularität

12.1  Definition

Formelhafte (Ir-)Regularitäten sind nicht auf Satzebene beschränkt, sondern auch satzübergreifend auf Textebene anzutreffen in Form von pronominalen Bestandteilen fester Wortverbindungen. Hierbei handelt es sich um Pronomen, die ohne Antezedens realisiert sind (vgl. BURGER 2010: 20; RÖMER/SOEHN 2007: 7 sowie ROOS 2001: 16).190 Diese formelhafte (Ir-)Regularität ist somit nicht in ihrer inneren Struktur „irregulär“, sondern in Bezug auf ihre syntaktische Relation zum Kontext. Als Beispiele nennt FLEISCHER (1997a: 48) u. a. es leicht/schwer/gut/schlecht haben, wie geht es?, jmdm. eins auswischen und einen in der Krone haben.

Bei der freien Verwendung eines sogenannten referenziellen es wird mithilfe des Pronomens auf eine Nominalphrase oder einen anderen sprachlichen Ausdruck Bezug genommen (vgl. DUDEN 2009: 822). Eine solche kohäsive Verwendungsweise ist in folgendem Beispiel zu beobachten:

     (86)  „Absurd, inakzeptabel und weit entfernt von der Realität.“ Dieses strenge Urteil hat CDU-Generalsekretärin Angela Merkel gesprochen. Es galt nicht einem Politiker der Grünen oder der SPD. Adressat war vielmehr der streitbare Heiner Geißler […]“. (Nürnberger Nachrichten, 16.12.1998)

Die „Anomalie“ im Gebrauch des Pronomens es innerhalb mancher Phraseme wird daran festgemacht, dass die Bezugnahme auf ein Kontextelement fehlt (vgl. WOTJAK 1992: 58) und es somit „weder anaphorisch noch kataphorisch verstanden werden kann“ (BURGER 2002: 394). Beispielsweise besitzt das Pronomen es innerhalb der Wendung es auf jmdn. abgesehen haben nicht die „normale“ pronominale Funktion, da es nicht auf eine Größe im umliegenden Kontext verweist und deswegen „nur scheinbar das Produkt einer Pronominalisierungstransformation [ist]“ (BURGER 1973: 33):

     (87)  Immer wieder wird in den Medien vor Betrügern gewarnt, die mit allerlei Tricks gutgläubige Bürger hereinlegen. Oft haben es die Kriminellen auf die Bankdaten der Menschen abgesehen, die sie zum Beispiel mit gefälschten E-Mails zur Preisgabe ihrer vertraulichen Daten bewegen. Doch offenbar schrecken solche Täter auch vor Telefonanrufen nicht zurück. (Mannheimer Morgen, 13.04.2013) ← 235 | 236 →

Neben Phrasemen mit es gelten Phraseme mit eins, einen, eine als Pronomen(ir) regularitäten (z. B. jmdm. eins auf die Nase geben, einen fahren lassen und eine geschmiert bekommen/kriegen). Während der pronominale Charakter bei es relativ eindeutig ist, gestaltet sich die Wortarteneinteilung bei eins, einen, eine schwieriger:

Bei eins, einen, eine ergibt sich die zusätzliche Schwierigkeit, sie einer bestimmten Wortart (Adverb, Pronomen, Numeral, unbestimmter Artikel) zuzuordnen. (FELLBAUM u. a. 2004: 167)

So werden eins, einen, eine teilweise auch als unbestimmte Artikel klassifiziert. Diesen Standpunkt vertritt u. a. SCHEMANN (1993: LXI), der einen bei solchen Wendungen wie einen heben/saufen/etc. unter diachroner Perspektive als Ellipse von einen Becher/Krug/etc. auffasst. Die vorliegende Arbeit folgt bezüglich der Wortartenklassifikation jedoch DIETZ (1999: 373f.), der betont, dass das verbleibende Element einen trotz der ellipsenähnlichen Struktur nicht als unbestimmter Artikel fungiert. Mit DIETZ (1999: 374) kann festgehalten werden, dass

[d]ie Elemente ‚einen‘, ‚eine‘ oder ‚ein(e)s‘ […] als Proformen zu bezeichnen [sind], die aus syntaktischer Sicht keine weiteren Ergänzungen zulassen.

Im Folgenden werden formelhafte Wendungen mit es und eins, einen, eine genauer betrachtet und ihre Charakteristika herausgearbeitet. Dabei stellt sich vor allem die Frage, ob sich bestimmte Typen voneinander abgrenzen lassen und wie die einzelnen Phraseme semantisch beschrieben werden können. Fokussiert wird ferner, ob es sich bei diesen tatsächlich um „irreguläre“, d. h. vom außerphraseologischen Sprachgebrauch abweichende Erscheinungen handelt, oder ob Wendungen, die diese Proformen enthalten, nicht doch „regulärer“ bzw. grammatischer sind, als sie zunächst den Anschein erwecken.

12.2  Das Pronomen es in formelhaften Wendungen

Um ein genaueres Bild über das Vorkommen des Pronomens es in formelhaften Wendungen zu erhalten, wird eine Liste an Phrasemen erstellt, in denen es als Komponente auftritt. Auf Grundlage der Beispiele, die in der Forschungsliteratur zu finden sind, sowie mittels Recherchen in den Wörterbüchern RÖHRICH (2006), DUDEN (2008) und SCHEMANN (2011) können insgesamt 145 Wendungen festgestellt werden, z. B.:

es auf etw. ankommen lassen, es jmdm. besorgen, es dick(e) haben, es geht drunter und drüber, es funkt (bei jmdm.), es ist um jmdn. geschehen, etw. hat es in sich, und damit hat es sich, ich glaub, es hackt!, es geht um Kopf und Kragen, es kurz machen, es nicht mehr lange machen, als gebe/gäbe es kein Morgen, wie man’s nimmt, es faustdick hinter den Ohren ← 236 | 237 → haben, jmdm. reicht es, jetzt geht’s rund, jmdm. fällt es wie Schuppen von den Augen, es hat nicht sollen sein, es tut sich etwas/einiges/nichts, es nicht besser/anders verdienen, es weit bringen, es jmdm. zeigen

Mit 145 Belegen, die selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit besitzen, sind Phraseme mit es im Komponentenbestand eine häufig anzutreffende Klasse und sicherlich keine Randerscheinung innerhalb des weiten Spektrums an festen Wortverbindungen (vgl. STERNKOPF 1993: 8). Ferner zeigt sich, dass es nicht auf einige wenige phraseologische Klassen beschränkt ist, sondern in nahezu allen Klassen auftritt, z. B. in Idiomen (z. B. es faustdick hinter den Ohren haben), Paarformeln (z. B. es drehen und wenden (wie man will)), komparativen Phrasemen (z. B. es gießt wie aus Kübeln/Kannen/Eimern), Routineformeln (z. B. Wie geht’s?), gesprächsspezifischen Formeln (z. B. wenn ich es (dir/Ihnen) sage) und Sprichwörtern (z. B. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist).

Um beantworten zu können, ob es sich bei diesen Wendungen tatsächlich um „Anomalien im Gebrauch von Pronomina“ (FLEISCHER 1997a: 48) handelt, müssen die Verwendungsmöglichkeiten von es in den Blick genommen und mit dem phraseologischen Gebrauch abgeglichen werden. Insgesamt lassen sich vier verschiedene Verwendungsweisen unterscheiden, die verkürzt und mit Beispielen in Übersicht 12–1 zusammengefasst sind (vgl. DUDEN 2009: 822f.; PITTNER/BERMAN 2013: 126–132; HELBIG/BUSCHA 2002: 239–244 sowie VON POLENZ 2008: 129):

Übersicht 12-1:  Verwendungsweisen des Pronomens es

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Nach DUDEN (2009: 822) kann zwischen zwei Verwendungsarten unterschieden werden. Auf der einen Seite steht der referenzielle Gebrauch des Pronomens es (1) und auf der anderen Seite der sogenannte expletive (2–4). Während das referenzielle es die Funktion besitzt, auf Elemente im Kontext (sowohl anaphorisch als auch kataphorisch) Bezug zu nehmen, tragen expletive es „eine undeutliche oder gar keine semantische Rolle“ (DUDEN 2009: 822). VON POLENZ (2008: 126; Hervorhebung im Original) spricht hierbei auch von „Pseudopronomen“, da „mit dem Pronomen inhaltlich kein BEZUGNEHMEN auf ein Bezugsobjekt verbunden ist“. Unter die expletive Verwendung fallen erstens das unpersönliche es, das nicht referiert und bei dem man auch von einem formalen Subjekt bzw. Objekt spricht, zweitens sogenannte Korrelate, in denen sich es auf einen folgenden Nebensatz bezieht, und drittens das sogenannte Platzhalter-es, das in bestimmten Satzformen im Vorfeld statt eines richtigen Satzglieds realisiert ist.

Angesichts der im DUDEN (2009) registrierten Verwendungsmöglichkeiten muss die „Irregularität“ dieses Phänomens relativiert werden. Denn im Grunde handelt es sich bei dem Gebrauch von es innerhalb der 145 gesammelten Wendungen um einen unpersönlichen (2). Die phraseologische Verwendung weist alle Eigenschaften des unpersönlichen es auf: Auch innerhalb fester Wortverbindungen ist es nicht pronominal, nicht referenziell, nicht weglassbar, in der Regel nicht durch eine semantisch ähnliche Nominalphrase substituierbar und kann im Mittelfeld auftreten (vgl. PITTNER/BERMAN 2013: 132). Zudem tritt es in formelhaften Wendungen sowohl als formales Subjekt (88) als auch als formales Objekt (89) auf (vgl. FLEISCHER 1991: 67):

     (88)  Für einen Moment verschlug es dem CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Michael Meister fast die Sprache. Dann machte er seiner Empörung Luft. (Mannheimer Morgen, 23.02.2002)

     (89)  Ralf Rangnick will es beim Fußball-Bundesligisten Schalke 04 noch einmal wissen. Der 52-Jährige kehrt als Nachfolger von Felix Magath zu den „Königsblauen“ zurück. (Hannoversche Allgemeine, 18.03.2011) ← 238 | 239 →

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass im DUDEN (2008: 822f.) sowie in PITTNER/BERMAN (2013: 129) und HELBIG/BUSCHA (2002: 243f.) sogar Phraseme als Beispiele für das unpersönliche es angegeben werden (z. B. Die Jugendlichen trieben es in dieser Nacht allzu bunt. Nimmst du es mit Christine auf? Es fehlt uns an nichts. Er hat es darauf abgesehen. Es geht ihm gut. Sie hat es ihm angetan.). An keiner Stelle ist von „irregulärem“ Pronomengebrauch zu lesen, was bei anderen in der vorliegenden Arbeit vorgestellten phraseologischen Besonderheiten durchaus der Fall ist – so werden beispielsweise die Bewahrung des Dativ-e, des unflektierten Adjektivattributs sowie des adverbialen Genitivs in formelhaften Wendungen im DUDEN (2009: 207, 343 und 821) explizit angesprochen. Lediglich in HELBIG/BUSCHA (2002: 244) findet sich der Verweis, dass „[d]ie Verben, bei denen die Pronominalform es als formales Objekt steht, […] feste Verbindungen (Wendungen) [bilden]“. Dies scheint in der Tat korrekt zu sein, da sich in den Grammatiken keine nicht-formelhaften Beispiele für formale Objekte finden lassen. Es sollte jedoch nicht vergessen werden, dass das unpersönliche es in formelhaften Wendungen mindestens genauso oft – wenn nicht sogar öfter – die Funktion eines Subjekts einnimmt.

Vereinzelt sind neben der großen Anzahl an unpersönlichen es-Phrasemen zudem Wendungen zu finden, in denen das Pronomen auf einen Nebensatz vorausweist und es somit als Korrelat verwendet wird. Dabei ist der Nebensatz nicht direkt vom übergeordneten Satz abhängig, sondern nur indirekt durch das Verweiswort es (vgl. DUDEN 2009: 1054). Gerade bei diesen Fällen kann nicht davon gesprochen werden, dass sich „das Pronomen textlinguistisch ‚auf nichts‘ bezieht“ (BURGER 2010: 20), da es als Korrelat kataphorisch auf den nachfolgenden Nebensatz referiert:

     (90)  Trotzdem will Bill nicht aus seiner Wahlheimat Hamburg ins anonymere Amerika ziehen: „Hier lebt meine Familie, hier ist mein Zuhause. Ich könnte es nicht übers Herz bringen, Deutschland den Rücken zu kehren.“ (Hamburger Morgenpost, 25.02.2010)

Insgesamt kann konstatiert werden, dass die in der Forschung als phraseologische „Irregularität“ bzw. „Anomalie“ bezeichnete Verwendung von es in Phrasemen nicht „irregulär“ im Sinne einer vom „normalen“ Sprachgebrauch abweichenden Verwendung ist, sondern es sich hierbei lediglich um den (phraseologisch gebundenen) Gebrauch des unpersönlichen es und des Korrelats handelt. ← 239 | 240 →

12.3  Die Pronomen eins, einen, eine in formelhaften Wendungen

12.3.1  Vorbemerkungen zum Vorgehen und zum pronominalen Status der eins/einen/eine-Wendungen

Ebenso wie für Phraseme mit dem Pronomen es im Komponentenbestand wird eine Liste mit Wendungen erstellt, die die Pronomen eins, einen oder eine in ihrer Struktur aufweisen. Als Basis dienen einerseits die in der Forschungsliteratur zu findenden Beispiele (vor allem FELLBAUM u. a. 2004 und BALNAT 2012) und andererseits eine Auswertung der phraseologischen Wörterbücher RÖHRICH (2006), DUDEN (2008) und SCHEMANN (2011). Die gesammelten eins/einen/eine-Phraseme stellen mit einer Anzahl von 225 (token, d. h. Varianten werden mitgezählt) ebenso wie Wendungen mit es einen frequenten Typ der gegenwartssprachlichen Phraseologie dar.191 Die Komponenten eins, einen und eine sind dabei ausschließlich Bestandteile von verbalen Phrasemen, was bereits FLEISCHER (1992b: 23) generell für Pronomen in Phrasemen betont. Angesichts der umfangreichen Liste ist es verwunderlich, dass diese Wendungen von der Forschung bisher wenig Beachtung finden bzw. komplett vernachlässigt werden (vgl. FELLBAUM u. a. 2004: 167 sowie BALNAT 2012: 142f.).

Obwohl die Elemente eins, einen und eine (rein formal) auch als unbestimmte Artikel interpretiert werden können, herrscht in den wenigen Arbeiten, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, Konsens darüber, dass sie einen pronominalen Status besitzen. So listet PALM (1997: 43) sie als pronominale Komponenten auf, DIETZ (1999: 373f.) betont, dass sie „Proformen“ darstellen, FLEISCHER (1997a: 48) subsumiert sie zusammen mit es-Phrasemen unter Pronomina-Anomalien und bezeichnet sie darüber hinaus explizit als „Indefinitpronomen“:

Das Indefinitpronomen ein- erscheint als phraseologische Komponente vorwiegend in der maskulinen oder in der neutralen Form: einer, Akkusativ einen, und eins. (FLEISCHER 1992b: 34; Hervorhebung im Original) ← 240 | 241 →

12.3.2  Onomasiologische Bereiche

Nach einer Untersuchung von FELLBAUM u. a. (2004) lassen sich eins/einen/eine-Idiome aus semantischer Perspektive in drei größere onomasiologische Bereiche einteilen: erstens in Handlungen wie ‚lachen‘ und ‚grinsen‘, die zur Beschreibung emotionaler und mentaler Zustände dienen, zweitens in Idiome, die sich auf den Alkoholkonsum beziehen (wobei nochmals unterteilt werden kann zwischen dem Vorgang des Alkoholtrinkens und dem Zustand des Betrunkenseins), und drittens in Wendungen, die eine Handlung des Schlagens und Tadelns ausdrücken (auch hier wird wiederum unterteilt, ob jemand schlägt/tadelt oder ob jemand geschlagen/getadelt wird).192

Die Analyse der 225 gesammelten Phraseme zeigt, dass neben den von FELLBAUM u. a. (2004) aufgedeckten onomasiologischen Bereichen weitere angesetzt werden können (siehe Übersicht 12–2):

Übersicht 12-2:  Onomasiologische Bereiche der eins/einen/eine-Wendungen

 

onomasiologischer Bereich

Beispiele (Bedeutungsangabe nach DUDEN 2008)

1

„positive“ emotionale/mentale Zustände (,lachen‘/,grinsen‘)

sich eins ins Fäustchen lachen (,von heimlicher Schadenfreude, Genugtuung sein‘), sich eins lachen/grinsen/feixen/kichern (,insgeheim über jmdn. lachen, sich amüsieren‘)

2

„negative“ emotionale/mentale Zustände (,Verwirrtheit‘)

eins mit dem Holzhammer abgekriegt haben (,nicht recht bei Verstand sein‘), einen an der Klatsche/Waffel haben (,nicht recht bei Verstand sein‘)

3

Alkoholkonsum (,sich betrin-ken‘ sowie ‚betrunken sein‘)

sich einen andudeln (,sich betrinken‘), jmdm. einen ausgeben (,jmdm. etw./Alkohol spendieren‘), (sich) einen hinter die Binde kippen (,ein alkoholisches Getränk zu sich nehmen‘), einen in der Krone haben (,betrunken sein‘)

4

Tabak- und Drogenkonsum (,Anfertigen des zu rauchen-den Gegenstands‘ sowie ‚das Rauchen selbst‘)

eine rauchen, sich eine ins Gesicht stecken, eine drehen, einen durchziehen, einen bauen (zu diesem Bereich existieren keine Einträge im DUDEN 2008; die Beispiele sind Balnat 2012 entnommen)

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5

körperliche Gewalt/Schlagen (,jmdn. schlagen‘ sowie ‚geschlagen werden‘)

jmdm. eine/ein paar ballern (,jmdm. eine kräftige Ohrfeige/mehrere kräftige Ohrfeigen geben‘), eine/ein paar gefeuert kriegen/bekommen (,eine Ohrfeige, ein paar Ohrfeigen bekommen‘), jmdm. einen/eins auf die Glocke geben (,jmdm. einen Schlag (auf den Kopf) versetzen; jmdn. verprügeln‘)

6

Tadel/Zurechtweisung (,jmdn. tadeln‘ sowie ‚getadelt werden‘)

eins aufs Dach kriegen/bekommen (,zurechtgewiesen, getadelt werden‘), jmdm. einen/eins/was auf den Deckel geben (,jmdn. zurechtweisen‘)

7

Schusswaffengebrauch (,auf jmdn. schießen‘)

jmdm. eins/(eine Kugel) auf den Pelz brennen (,auf jmdn. schießen; jmdn. mit einem Schuss treffen‘), jmdm. eins überbrennen (1. ‚auf jmdn. schießen‘ 2. ‚jmdm. einen Schlag versetzen‘)

8

Sexualität

jmdm. geht einer ab (,jmd. hat einen Samenerguss (ohne Geschlechtsverkehr auszuüben)‘), jmdm. einen blasen (,bei jmdm. die Fellatio ausüben‘), sich einen von der Palme wedeln (,masturbieren‘), einen wegmachen (,koitieren‘)

9

Blähung/Fäkalbereich

einen fahren/fliegen/gehen/sausen/streichen/ziehen lassen (,eine Blähung abgehen lassen‘), einen abseilen (kein Eintrag im DUDEN 2008)

10

Restklasse (weitere unspezifische Belege)

sich einen abfrieren (,sehr frieren‘), jmdm. eins/etwas auswischen (,jmdm. (aus Rache) übel mitspielen‘)

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Zunächst einmal kann genauer zwischen positiven und negativen emotionalen/mentalen Zuständen differenziert werden. Während Handlungen wie ‚lachen‘ und ‚grinsen‘ als positiv klassifiziert werden, sind es besonders Wendungen, die auf eine ‚Verwirrtheit‘ einer Person Bezug nehmen (z. B. einen an der Klatsche/Waffel haben), die eine negative Konnotation besitzen. Neben Wendungen, die den Konsum von alkoholischen Getränken thematisieren, existieren solche, die auf ‚Tabak- und Drogenkonsum‘ verweisen. Die entsprechenden Phraseme charakterisieren „entweder das Drehen oder Anfertigen des zu rauchenden Gegenstands oder das Rauchen selbst“ (BALNAT 2012: 147). Des Weiteren werden Wendungen, die das Auf-jemanden-schießen ausdrücken, trotz ihrer relativ geringen Frequenz, jedoch aufgrund ihrer semantischen Besonderheit (,Schusswaffengebrauch‘) als eigenständiger onomasiologischer Bereich kategorisiert (z. B. jmdm. eins/(eine Kugel) auf den Pelz brennen). Besonders frequent sind Idiome, in denen auf sexuelle Handlungen referiert wird (z. B. sich einen von der Palme wedeln). Ebenfalls häufig ist die Reihenbildung einen fahren/fliegen/gehen/ ← 242 | 243 → sausen/streichen/ziehen lassen, die die Bedeutung ‚eine Blähung abgeben‘ besitzt und demnach ebenso wie einen abseilen (,defäkieren‘) im Fäkalbereich zu verorten ist. Wendungen, die nicht den ersten acht Bereichen zugeordnet werden können, bilden eine kleine Restklasse.

Besonders auffällig ist die enge Verbindung zwischen den Bereichen ‚körperliche Gewalt/Schlagen‘ und ‚Tadel/Zurechtweisung‘. Es existieren oftmals polyseme Wendungen, die in beide Bereiche einzuordnen sind. Die Polysemie kann dabei „als eine Stufung der Metaphorisierung“ (BURGER 2010: 74) angesehen werden. So entwickelte sich aus der primären Bedeutung des Idioms jmdm. eins auf die Nase geben ‚jmdn. verprügeln‘ die sekundäre ‚jmdn. zurechtweisen‘ (vgl. BURGER 2010: 74). Der Prozess verläuft dabei in der Regel vom onomasiologischen Bereich ‚körperliche Gewalt/Schlagen‘ hin zum abstrakteren ‚Tadel/Zurechtweisung‘.

Bezüglich der „Irregularität“ der eins/einen/eine-Pronomina kann mit FELLBAUM u. a. (2004: 188) festgehalten werden, dass sie als Bestandteile von Phrasemen größtenteils andere referenzielle Eigenschaften besitzen als in ihrer freien Verwendung. So weisen sie überwiegend keine und seltener eine sehr vage Referenz auf. Pronomen, die keine Referenz besitzen, übernehmen spezifische aspektuelle Funktionen. Das Pronomen eins macht beispielsweise in der Wendung sich eins lachen „das vom Idiom zum Ausdruck gebrachte Ereignis zu einem einmaligen und spezifischen“ (FELLBAUM u. a. 2004: 185). Pronomen mit aspektueller Funktion gehören überwiegend den Bereichen ‚Gewalt/Schlagen‘ und ‚positive emotionale/mentale Zustände‘ an (vgl. FELLBAUM u. a. 2004: 186). Pronomen mit vager Referenz stammen vor allem aus dem onomasiologischen Bereich ‚Alkoholkonsum‘. Bei einigen solcher Wendungen können diese durch substantivierte Adjektive oder Substantive mit einer sehr vagen Referenz ersetzt werden (z. B. einen/einen Kleinen in der Krone haben) (vgl. FELLBAUM u. a. 2004: 184).193

12.3.3  Ellipsenähnlicher Charakter zur Vermeidung von Tabuausdrücken

Für MUNSKE (1993: 504) sind die hier vorgestellten eins/einen/eine-Phraseme „[i]n der Nähe der Ellipse“ anzusiedeln. Es ist also durchaus fragwürdig, ob es ← 243 | 244 → sich tatsächlich um (prototypische) Ellipsen handelt (vgl. DIETZ 1999: 275).194 Die Besonderheit ist darin zu sehen, dass „jeweils das Element, dessen Bedeutung auf die anderen Konstituenten übergeht, nicht völlig eliminiert, sondern in seiner syntaktischen Funktion durch ein entsprechendes Pronomen ersetzt wird“ (DIETZ 1999: 374). Nach DIETZ (1999: 375) liegt demnach in solchen Fällen „keine Ellipse im üblichen, d. h. syntaktischen Sinne vor, sondern gewissermaßen eine ‚semantische Ellipse‘“. Diesen Aspekt hebt er deutlich hervor, weshalb im Folgenden lediglich von einem „ellipsenähnlichen“ Charakter gesprochen wird:

Syntaktisch gesehen fehlt in diesen Wortgruppen also nichts, und es darf auch nichts ergänzt werden. Es liegt eindeutig keine Ellipse im grammatischen Sinne vor. Die unbestimmte Proform bildet vielmehr nur unter semantischen Gesichtspunkten eine Leerstelle: sie übernimmt syntaktisch die Stellvertreterfunktion für ‚einen Schnaps‘ o.ä. und ermöglicht es so, die Nennung des alkoholischen Getränks zu umgehen (Verhüllung), ohne aber die Satzstruktur zu verletzen, wie das bei Ellipsen im eigentlichen Sinne der Fall ist. (DIETZ 1999: 276)

Nach BURGER (1973: 34) lassen sich in vielen Fällen die Ausdrücke, die ausgespart werden, rekonstruieren, wobei er die beiden folgenden Beispiele anführt:

einen [Schnaps] trinken

einen [Rausch] sitzen haben

Weitere Beispiele sind u. a.:

jmdm. eine [Ohrfeige] verpassen

einen [Furz] ziehen lassen

einen [Schlag] auf die Glocke bekommen/kriegen

(k)eine(n) [Erektion/Steifen/Ständer] (hoch-)kriegen

Es ist jedoch zu betonen, dass es auch viele Fälle gibt, in denen sich kein Nomen unmittelbar anbietet, das im Genus mit dem Artikel kongruiert (beispielsweise jmdm. eins (?) aufs Dach geben) (vgl. BURGER 1973: 34). Dies spricht wiederum dafür, dass es sich hierbei nicht um unbestimmte Artikel, sondern um Proformen mit ellipsenähnlichem Charakter handelt.

Die ellipsenähnliche Auslassung ist dabei durchweg euphemistischer Natur, indem der konkrete negativ konnotierte Begriff ausgespart wird (vgl. MUNSKE 1993: 504). Die Proformen eins, einen und eine fungieren als Platzhalter, wobei ihre semantische Unbestimmtheit dem Zweck der Verhüllung dient (vgl. DIETZ 1999: 373). Das Verwendungsmotiv referenzloser Pronomina ist in den meisten ← 244 | 245 → Fällen also die Vermeidung von Tabuausdrücken. So stammen die zu verhüllenden Elemente – wie es bei euphemistischem Sprachgebrauch üblich ist – aus mehr oder weniger starken tabuisierten Bereichen. In der Regel sind es besonders „[n]egative Konnotationen, zusammen mit gesellschaftlichen Tabus“ (LÖBNER 2003: 49), die als Gründe für euphemistischen Sprachgebrauch dienen. Im Hinblick auf die onomasiologische Einteilung sind dies bei eins/einen/eine-Idiomen vor allem die Bereiche ‚Gewalt‘, ‚Verwirrtheit‘, ‚Alkoholkonsum‘, ‚Tabak- und Drogenkonsum‘, ‚Fäkalbereich‘ und ‚Sexualität‘, weshalb die entsprechenden Wendungen im DUDEN (2008) bezüglich ihrer Stilistik fast durchweg als umgangssprachlich, salopp oder derb gekennzeichnet sind. Phraseme mit Pronomen(ir-)regularität besitzen somit eine „gesellschaftsakzeptable“ Funktion, da auf sie als „neutrale Alternativen“ zurückgegriffen werden kann, ohne die tabuisierten Lexeme gebrauchen zu müssen. Dennoch besitzen bestimmte Wendungen trotz ihrer euphemistischen Intention eine negative Semantik bzw. gehören einer saloppen oder auch derben Stilschicht an (z. B. jmdm. einen blasen, einen wegmachen, sich einen von der Palme wedeln und einen fahren lassen), da wohl alle Sprachteilnehmer aufgrund des konventionalisierten Charakters der Wortverbindungen genau wissen, was mit ihnen gemeint ist.195 Auch hier lassen sich die „immer wieder eintretende[n] Pejorisierungen“ (NÜBLING u. a. 2010: 116) von euphemistischen (Ersatz-)Ausdrücken feststellen:

Eine auffällige Eigenschaft euphemistischer Rede ist, daß sie oft einem starken Verschleiß unterliegt. Die erfolgreiche euphemistische Verwendung wird schnell routinisiert, verliert dadurch den euphemistischen Charakter und muß durch einen neuen Euphemismus ersetzt werden. (FRITZ 2006: 46)

Auch bei Phrasemen mit es im Komponentenbestand kann die Auslassung des konkreten Wortes dazu dienen, „etwas zu vertuschen, was keusche Ohren nicht hören sollen“ (LEFÈVRE 2006: 70). Beispielsweise tritt das „nahezu inhaltslose“ es in der Wendung es mit jmdm. treiben „an die Stelle einer konkreteren Bezeichnung für sexuelle Handlungen“ (DIETZ 1999: 271). Euphemistisch motiviert ist auch der Gebrauch des Pronomens in der Wortverbindung es nicht mehr lange machen, die im Tabubereich ‚Tod, Sterben‘ anzusiedeln ist. ← 245 | 246 →

12.3.4  Relativierung des „irregulären“ Charakters aus psycholinguistischer und framesemantischer Sicht sowie mithilfe konversationeller Implikaturen

Der „irreguläre“ Charakter der eins/einen/eine-Wendungen muss aufgrund von drei unterschiedlichen – zum Teil aber auch zusammenhängenden – (theoretischen) Überlegungen relativiert werden:

    Psycholinguistische Perspektive: Die „Irregularität“ dieser Phraseme erscheint in einem anderen Licht, wenn man bedenkt, dass Sprachbenutzern der ellipsenähnliche Charakter häufig nicht bewusst ist und sie ihn deshalb auch nicht als auffällig, unvollständig, lückenhaft oder „irregulär“ empfinden (vgl. DIETZ 1999: 375).196 Dies resultiert nach MUNSKE (1993: 504) daraus, dass durch den zunehmenden Idiomatisierungsprozess das Mitverstehen des Kontextes überflüssig wird und die Phraseme somit ihre situative Motiviertheit, die als Bedingung ihrer Entstehung angesehen werden kann, verlieren. Mit anderen Worten: Die Idiomatisierung der gesamten Wortverbindung verschleiert den ellipsenähnlichen Charakter. Diesen Aspekt betont DIETZ (1999: 375) explizit:

     Entscheidend ist, daß auch bei Verkürzungen der zuletzt diskutierten Art die inhaltliche ‚Lücke‘, die der Austausch eines konkreten Begriffs durch ein grammatisches Morphem wie ‚einen‘ ja zunächst hinterläßt, im Prozeß der Phraseologisierung, genauer durch die Herausbildung einer idiomatischen Gesamtbedeutung, aus Sicht des Sprachbenutzers wieder geschlossen und insofern nicht mehr als ‚Auslassung‘ oder ‚Mangel‘ empfunden wird.

     Dass Sprachbenutzer trotz des ellipsenähnlichen Charakters, bei dem ja das entscheidende konkrete autosemantische Element ausgespart bleibt, die Wendungen dennoch verstehen bzw. ihnen die scheinbar „defizitäre“ Struktur nicht einmal bewusst ist, lässt sich also durch den Idiomatisierungsprozess erklären. Denn dieser trägt sowohl zur strukturellen als auch zur psycholinguistischen Festigkeit der Wortverbindungen bei. Das Phrasem wird mental als Einheit gespeichert und aufgrund der ganzheitlichen Bedeutung, die sich im Laufe der Idiomatisierung herausbildet, als gewöhnliche polylexikalische Einheit abgerufen und reproduziert (vgl. BURGER 2010: 16).

    Framesemantische Perspektive: Der unproblematische Verstehensprozess von „irregulären“ Pronominalphrasemen kann zudem auf Grundlage ← 246 | 247 → framesemantischer Erkenntnisse erklärt werden.197 Die Framesemantik geht davon aus, dass „sprachliche Kommunikation […] im Kern ‚elliptisch‘ [ist]“ (BUSSE 2009: 83f.). Durch explizite sprachliche Zeichen wird demnach immer nur so viel artikuliert, wie es in der konkreten Sprechsituation notwendig erscheint (vgl. BUSSE 2009: 83). Im Sinne der Framesemantik fungieren sprachliche Ausdrücke „so gesehen […] als Anspielungen auf vorausgesetztes Wissen“ (BUSSE 2009: 84). Gerade der ellipsenähnliche Charakter der eins/einen/eine-Idiome ist hierfür ein Beispiel par excellence. Neben einem rein semantischen Erklärungsansatz stützt sich die Framesemantik zudem auf pragmatisch orientierte Argumente. Das framesemantische Kommunikationsmodell vertritt die Auffassung, dass sprachliche Zeichen dazu dienen, in Kommunikationszusammenhängen Anhalts- und Markierungspunkte zu setzen, „die es ermöglichen, den Bedeutungsinhalt inferentiell (schlussfolgernd), d. h. im impliziten Rückgriff auf Weltwissen, zu konstruieren“ (BUSSE 2009: 83).

    Konversationelle Implikaturen: Dieser Inferenzprozess, der nur durch Rückgriff auf Weltwissen und durch die Interpretation des Gemeinten aus dem Gesagten erfolgen kann, erinnert nicht nur stark an die (konversationelle) Implikaturtheorie nach GRICE (1975), sie kann auch im Rahmen dieser interpretiert werden. So verweisen FELLBAUM u. a. (2004: 185) im Zusammenhang ihrer Analyse der eins/einen/eine-Phraseme auf die Notwendigkeit der Implikatur:

     Da schwingt das fehlende Element (,Getränk, Alkohol, Rausch, Schlag‘) immer mit […]. D. h., der Sprecher ist durchaus in der Lage, aus dem Gesagten das eigentlich Gemeinte zu erschließen. Ohne diesen Schlussprozess des Hörers/des Sprechers auf das implizit Gemeinte wäre die Äußerung wenig informativ oder sinnvoll.

     Phraseme mit eins/einen/eine sind also als Verstöße gegen die Quantitätsmaxime zu interpretieren, da in ihnen ein wichtiges Element ausgelassen bleibt und es dem Gesprächsbeitrag dadurch an nötiger Informativität fehlt. In konkreten Kommunikationssituationen ist der Hörer auf einen Schlussfolgerungsprozess angewiesen, der es ihm ermöglicht, das (Mit-)Gemeinte aus dem Gesagten zu eruieren. Konversationelle Implikaturen spielen jedoch wohl weniger eine Rolle bei bereits (psycholinguistisch) verfestigten und idiomatisierten eins/einen/eine-Wendungen als vielmehr bei ad hoc gebildeten. Auf die Möglichkeit der okkasionellen Bildung pronominaler ← 247 | 248 → Wortverbindungen macht bereits BURGER (1973: 34) aufmerksam, wenn er herausstellt, dass Wendungen, die mit eins, einen und eine konstruiert werden, „geradezu modische Produktivität (vor allem im Jargon der Jugend)“ gewinnen. Auch ANDROUTSOPOULOS (1998: 237) bemerkt, dass Phraseme mit pronominalen Komponenten in der Jugendsprache hochproduktiv sind. Als Beispiele führt er einen reindrücken ‚schlagen‘ sowie einen reinmoven/reinsaugen ‚sich betrinken‘ an, die aufgrund ihres okkasionellen Charakters in den einschlägigen phraseologischen Wörterbüchern nicht verbucht sind (vgl. ANDROUTSOPOULOS 1998: 237 und 407).198 Vor dem Hintergrund der Implikaturtheorie kann nachvollzogen werden, warum Sprachbenutzer in der Lage sind, für sie völlig unbekannte und ad hoc konstruierte eins/einen/eine-Wendungen in konkreten Kommunikationssituationen zu entschlüsseln und zu verstehen. Neben dem Inferenzprozess ist vor allem auch die Musterhaftigkeit dieser Phraseme ein entscheidender Faktor, der das Verstehen okkasioneller Wendungen erleichtert. Denn die meisten ad hoc formulierten eins/einen/eine-Phraseme werden in Analogie zu bereits existierenden (verfestigten) Konstruktionsmodellen gebildet und interpretiert.

12.3.5  Konstruktionsmodelle mit eins, einen und eine

Formelhafte Wendungen, die die Pronomen eins, einen oder eine aufweisen, können in den meisten Fällen als Modellbildungen bzw. im Sinne der Konstruktionsgrammatik als teilspezifizierte Konstruktionen beschrieben werden. D. h. es gibt bestimmte strukturelle Konstruktionsmodelle mit Leerstellencharakter, die eine geschlossene Gesamtbedeutung besitzen. Während die Proformen durchgängig zu den festen Bestandteilen gehören, sind es vor allem die Verbalkomplexe (z. B. einen heben/nehmen/pfeifen etc.) sowie die nominalen Bestandteile (z. B. eins auf die Finger/Glocke/Klappe bekommen/kriegen), die stark variieren bzw. relativ frei besetzt werden können. Auf diesen Modellcharakter verweist bereits ČERNYŠEVA (1980: 91), indem sie jmdm. (eins, etwas) geben als ein invariantes Modell mit zahlreichen konkreten Realisierungsformen beschreibt. Und auch FELLBAUM u. a. (2004: 189) machen darauf aufmerksam, wenn sie die Fähigkeit zur Reihenbildung hervorheben: ← 248 | 249 →

Bei der Untersuchung der semantischen und syntaktischen Funktionen der Pronomen eins, einen, eine in Idiomen fällt ihre Fähigkeit auf, mit anderen Idiom-Komponenten strukturelle Verbindungen einzugehen, was dann zur Reihenbildung führt.

In Übersicht 12–3 sind – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – verschiedene Konstruktionsmuster, deren Konstruktionsbedeutung und konkrete Beispiel-Phraseme illustriert:

Übersicht 12-3:  Konstruktionsmuster mit Pronomen(ir)regularität

Konstruktionsmuster

(lexikalisch verfestigte) Beispiel-Phraseme

Bedeutung

eins + Reflexivpronomen + Verb

sich eins lachen/grinsen/feixen/kichern

,insgeheim über jmdn. lachen, sich amüsieren‘

einen + Präpositionalphrase mit an + haben

einen an der Birne/Hacke/Mütze/Rassel/Waffel haben

,verrückt sein‘

einen + Reflexivpronomen + an-Verb

sich einen andudeln/-kümmeln/-saufen/-säuseln/-trinken/-zwitschern

,(viel) Alkohol trinken‘/(,sich betrinken‘)

einen + Reflexivpronomen + Präpositionalphrase (häufig mit hinter) + Verb

sich einen hinter die Binde/Krawatte/den Schlips/Kehlkopf/Kragen kippen/brausen/gießen/in die Figur schütten/auf die Lampe gießen

einen + Verb

einen abbeißen/ballern/bechern/dudeln/heben/kippen/knallen/kümmeln/neh-men/pfeifen/picheln/pietschen/saufen/schmettern/stemmen/süffeln/trinken/verlöten/zechen/zischen/zwitschern

einen + Präpositionalphrase (mit im/in) + haben

einen im Hacken/Kahn/Kasten/Tee/Timpen/in der Krone/Kiste haben

,betrunken sein‘

eine + Verb

eine rauchen/schmöken/dampfen/durchziehen/quarzen

,eine Zigarette rauchen‘

einen + Verb

einen rauchen/schmöken/kiffen/dampfen/durchziehen/quarzen/buffen/harzen/knispeln/pofen

,einen Joint rauchen‘

einen + Verb[handwerkliche Semantik]

einen drehen/bauen/kurbeln/schrauben

,einen Joint anfertigen‘

← 249 | 250 →

jmdm. + eine + Verb

jmdm. eine auflegen/ballern/bewilligen/feuern/kleben/knallen/krachen/langen/löffeln/pfeffern/pflastern/reiben/reinhau-en/reinsemmeln/reißen/runterhauen/schalle(r)n/scheuern/schießen/schmieren/stecken/verpassen/verplätten/wichsen/wienern/wischen

,jmdm. einen Schlag versetzen‘/,jmdn. ohrfeigen‘

jmdm. + eine + Präpositionalphrase mit vor + knallen

jmdm. eine vor den Bug/Latz knallen/(ballern/donnern)

jmdm. + eins + Präpositionalphrase mit auf/(hinter/über) + geben

jmdm. eins auf die Fresse/Klappe/Mütze/Nase/Nuss/Rübe/Glocke/Schnauze/den Pelz/Ranzen/hinter die Löffel/Ohren/über die Rübe geben

eine + Partizip II + bekommen/kriegen

eine geballert/gefeuert/gelangt/gepfeffert/geschallt/geschallert/gescheuert/geschmiert/gesteckt/gewichst/gewienert/gewischt/verpasst bekommen/kriegen

,geschlagen/geohrfeigt werden‘

eins + Präpositionalphrase mit auf/(hinter/über) + bekommen/kriegen

eins auf die Figur/Fresse/Glocke/Klappe/Mütze/Nase/Rübe/Schnauze/den Ranzen/hinter die Löffel/Ohren/über die Rübe bekommen/kriegen

jmdm. + eins + Präpositionalphrase mit auf/(über) + geben

jmdm. eins aufs Dach/auf den Deckel/Hut/die Nase/Rübe/über die Rübe geben

,jmdn. zurechtweisen/tadeln‘

eins + Präpositionalphrase mit auf/(über) + bekommen/kriegen

eins aufs Dach/auf den Deckel/Hut/Kopf/die Finger/Rübe/über die Rübe bekommen/kriegen

,zurechtgewiesen/getadelt werden‘

einen + jmdm./Reflexivpronomen + Partikelverb

jmdm./sich einen abgeigen/-strampeln/-wichsen/runterholen/-hauen

,onanieren‘

einen + jmdm./Reflexivpronomen + Verb

jmdm./sich einen hobeln/keulen/kloppen/reiben/rubbeln/schrubben/scheuern/schleudern/wichsen

einen + jmdm./Reflexivpronomen + von der Palme + Verb

jmdm./sich einen von der Palme wedeln/locken/schütteln

einen + Verb[Infinitiv] + lassen

einen fahren/fliegen/gehen/sausen/streichen/ziehen lassen

,eine Blähung abgehen lassen‘

← 250 | 251 →

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Die exemplarisch aufgelisteten Konstruktionsmodelle zeigen, dass in der Phraseologie im Gegensatz zur Lexik Synonymie häufig der Normalfall ist (vgl. BURGER 2010: 76f.).199 Dies resultiert aus der Tatsache, dass ein mehr oder weniger abstraktes Konstruktionsmuster mit einer (oder mehreren) Bedeutung(en) versehen ist, innerhalb des Konstruktionsmusters die lexikalischen Stellen jedoch relativ frei besetzt werden können und es somit zu mehreren lexikalisch verfestigten Phrasemen mit ein und derselben Semantik kommen kann. Als ein wichtiger Faktor ist hierbei die Polylexikalität anzusehen, die es erlaubt, „immer neue Abwandlungen eines Musters ad hoc zu erfinden, solange das Muster erkennbar bleibt“ (BURGER 2010: 77). Zudem spielen Analogieprozesse eine nicht zu unterschätzende Rolle, wenn es darum geht, neue Phraseme mit Pronomen(ir)regularität zu bilden. Gemäß einem Schema, das wir beherrschen, sind wir in der Lage, neue Wendungen zu konstruieren und zu verstehen, sprich „neue Ausdrücke in Analogie zu anderen Ausdrücken zu erzeugen“ (SCHNEIDER 2014: 366). Die auf den Pronomen eins, einen und eine basierenden Strukturmuster tragen insgesamt zur Produktivität formelhafter Wendungen bei, da sie als formal-strukturelle Grundlage die Entstehung von phraseologischen Neologismen ermöglichen (vgl. FELLBAUM u. a. 2004: 189). Letztlich sind sie auch ein Beweis dafür,

dass Idiome in der Rede nicht einfach produziert werden, sondern möglicherweise doch nach eigenen strukturellen Gesetzmäßigkeiten generiert werden. (FELLBAUM u. a. 2004: 189)

Phraseme mit eins, einen oder eine im Komponentenbestand unterstützen somit die von FLEISCHER (1997a: 191–197) aufgeworfene Vermutung, dass Phraseme ebenso wie Wortbildungsprodukte nach gewissen Strukturmodellen erzeugt werden (können). Wie sich zeigt, trifft diese Modellierbarkeit nicht nur auf „unmarkierte/reguläre“, sondern auch auf „markierte/irreguläre“ Phraseme zu (siehe 17.4.3). ← 251 | 252 → ← 252 | 253 →


190  Für detailliertere Auseinandersetzung mit der Wortart „Pronomen“ siehe u. a. BETHKE (1990); TAUCH (1995) und FOBBE (2004); speziell zum Pronomen es siehe CZICZA (2014).

191  Es ist anzumerken, dass eine vollständige Erfassung aller eins/einen/eine-Phraseme „[a]ufgrund der starken Aktivität dieser Strukturen“ (BALNAT 2012: 158) nicht möglich ist. Denn durch den schablonenartigen Aufbau dieses Phrasemtyps (z. B. einen im Hacken/Kahn/Kasten/Tee/etc. haben), können die Leerstellen okkasionell mit mehr oder weniger beliebigen Lexemen besetzt werden.

192  Die hohe Produktivität an Wendungen, die dem Bereich des ‚Alkoholkonsums‘ zuzuordnen sind, hebt bereits FLEISCHER (1992b: 34) hervor.

193  FELLBAUM u. a. (2004: 181–183) gehen zudem der Frage nach, ob es sich bei eins, einen und eine um Argumente zum Verb handelt. Mittels verschiedener syntaktischer Tests (z. B. Passivierung) kommen sie zu dem Ergebnis, dass es zum einen Idiome gibt, in denen diese keine Argumente darstellen, und zum anderen solche, in denen sie Argumentstatus besitzen, wobei diese alle dem Bereich ‚sich betrinken‘ angehören.

194  Generell zur Ellipse siehe die neuesten Veröffentlichungen von HENNIG (2011, 2013) sowie die darin enthaltenen weiteren Literaturhinweise.

195  Siehe hierzu auch die stilistischen Markierungen der entsprechenden Wendungen im DUDEN (2008).

196  Generell zu Verstehensstrategien von Ellipsen in der Interaktion siehe IMO (2013a).

197  Generell zur Framesemantik siehe KONERDING (1993); ZIEM (2008, 2009a, 2014a) und BUSSE (2012).

198  Weitere Hörbelege aus alltäglichen (Sprech-)Situationen sind u. a. einen bollern/brennen/donnern/machen/rüsseln/pötten/tanken/verhaften/vernaschen/vernichten, die ‚(exzessives) Sich-Betrinken‘ bedeuten. Die Liste solcher Ad-hoc-Bildungen erscheint – zum einen aufgrund der modellhaften Struktur und zum anderen aufgrund von Analogiebildungen – geradezu endlos erweiterbar.

199  Generell zur Synonymie phraseologischer Einheiten siehe HÜMMER (2009).