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Formelhafte (Ir-)Regularitäten

Korpuslinguistische Befunde und sprachtheoretische Überlegungen

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Sören Stumpf

Das Buch thematisiert phraseologische Irregularitäten, also Phraseme, die strukturelle oder semantische Abweichungen gegenüber dem freien Sprachgebrauch aufweisen. Der Autor zeigt systematisch deren Vielfalt auf, wertet ihren tatsächlichen Gebrauch mithilfe von Korpusanalysen aus und reflektiert ihre Spezifika aus sprachnorm- und sprachwandeltheoretischer sowie konstruktionsgrammatischer Perspektive. Er kommt zu dem Ergebnis, dass phraseologische Irregularitäten innerhalb der Phraseologie beziehungsweise der formelhaften Sprache keine Randstellung einnehmen. Ihr irregulärer Charakter muss daher aus verschiedenen Blickrichtungen relativiert werden.
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14. Weitere formelhafte (Ir-)Regularitäten

14.  Weitere formelhafte (Ir-)Regularitäten

14.1  Vorbemerkungen

Das folgende Kapitel widmet sich weiteren formelhaften (Ir-)Regularitäten, die auf verschiedenen Ebenen des sprachlichen Systems zu finden sind: auf semantischer (semantische Fossilierung), phonologischer (e-Apokope), orthografischer (onymische Phraseme) und nonverbaler, gestischer Ebene (Pseudokinegramme). Neben diesen vier größeren Klassen sollen vereinzelt auftretende formelhafte (Ir-)Regularitäten nicht unerwähnt bleiben. Da es sich bei diesen jedoch mehr oder weniger um Unikate handelt, werden sie lediglich tabellarisch erfasst.

14.2  Semantische (Ir-)Regularitäten: Semantische Fossilierung

Die formelhafte (Ir-)Regularität der semantischen Fossilierung betrifft phraseologische Komponenten, die innerhalb formelhafter Wendungen eine ältere Bedeutung bewahren. DOBROVOLSKIJ (1979: 54) bezeichnet diese als „semantische Archaismen“ und versteht darunter Wörter, „deren Bedeutung (und nicht deren Formativ) veraltet ist“. Als Beispiel führt er die Wendung in fremden Zungen reden an, in der Zunge die ältere Semantik -Sprache‘ innehat.

In den meisten Fällen treten semantische Fossilierungen in Paarformeln auf. Diese phraseologische Klasse besitzt durch ihre feste paarige Struktur eine gute Voraussetzung für die Tradierung vergangener Sprachverhältnisse, weshalb KANTOLA (1987: 111) Paarformeln als „interessante Fundgruben für ältere Wörter, Wortformen und Bedeutungen“ ansieht. Neben unikalen Komponenten (z. B. klipp und klar und mit Fug und Recht) findet man in ihnen des Öfteren auch Wörter mit veralteter Bedeutung. Im Folgenden werden Paarformeln, aber auch nicht paarförmige Wendungen vorgestellt, innerhalb derer sowohl Adjektive als auch Substantive semantisch fossiliert sind:

1)  recht und billig sein: Die Bedeutung der Paarformel ist im DUDEN (2008: 612) mit ‚angemessen, gerecht sein‘ verbucht. Während das Adjektiv recht diese Semantik auch außerhalb der Wendung besitzt, hat billig einen Bedeutungswandel vollzogen. Billig bedeutet im gegenwärtigen Deutsch so viel wie ‚niedrig im Preis, nicht teuer, für verhältnismäßig wenig Geld [zu haben]‘ (vgl. DUDEN 1999: 600). In der Paarformel ist die noch im 18. Jahrhundert gängige Bedeutung ‚angemessen, fair‘ bewahrt (vgl. KELLER/KIRSCHBAUM 2003: 84). Noch vor circa 200 Jahren ist billig somit ein Synonym zu recht. ← 265 | 266 → Mit der formelhaften Wendung konnte man feststellen, „dass etwas sowohl den rechtlichen Normen, den Rechtsgrundsätzen (= recht) als auch dem natürlichen Rechtsempfinden (= billig) entspricht“ (DUDEN 2008: 613; Kursivierung von SöSt). Bemerkenswert ist, dass die ältere Bedeutung nicht nur innerhalb des Phrasems, sondern auch in den Verben etw. billigen/missbilligen erhalten ist (vgl. NÜBLING u. a. 2010: 115). Zudem taucht das Adjektiv in der alten Bedeutung zum Teil noch in der juristischen Fachsprache auf (vgl. FRITZ 2006: 133). Semantische Fossilierung ist daher kein ausschließlich phraseologisches Phänomen, sondern auch in der Wortbildung/Morphologie und in bestimmten Fachsprachen/Varietäten zu finden.

2)  schlecht und recht // (mehr/eher) schlecht als recht: Die Wendung bedeutet so viel wie ‚so gut es eben geht, gerade noch, mit großer Mühe‘ (vgl. DUDEN 2008: 670). Das Adjektiv schlecht hat innerhalb der Wortverbindung die Bedeutung ‚schlicht, glatt, richtig‘ bewahrt. Durch die Bedeutungsverschiebung hin zur heutigen – negativ konnotierten – Semantik hat sich der Sinn der Paarformel geradezu ins Gegenteil verkehrt (vgl. DUDEN 2008: 671).

3)  jmdm. lieb und teuer sein: Das Adjektiv teuer besitzt noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Bedeutung ‚vortrefflich, lieb, wert, geschätzt‘ (vgl. KELLER/KIRSCHBAUM 2003: 89). Diese ist in der Paarformel jmdm. lieb und teuer sein fossiliert, deren Semantik DUDEN (2008: 488) mit ‚jmdm. sehr viel bedeuten, sehr wertvoll für jmdn. sein‘ paraphrasiert. Teuer ist somit in älterer Zeit synonym zu lieb, was durch die paarige Struktur der Wendung ebenfalls ausgedrückt wird. Der Bedeutungswandel erfolgt dabei durch eine metonymische Verschiebung in dem Sinne, dass etwas Wertvolles auch viel kosten muss (vgl. KELLER/KIRSCHBAUM 2003: 90). Dass teuer in älteren Sprachepochen die oben genannte Bedeutung besitzt, lässt sich auch daran erkennen, dass DUDEN (2008: 488) wert als Variation neben teuer anführt (jmdm. lieb und teuer/wert sein).

4)  auf Treu und Glauben: Nach DUDEN (2008: 785) bedeutet die Paarformel ‚[ohne formale juristische Absicherung] vertrauend‘ und stammt ursprünglich aus der Rechtssprache, in der sie in etwa meint, dass etwas „den guten Sitten entspricht (ohne dass es im formalen Recht verankert sein muss)“ (ebd.). Innerhalb der Wendung hat das apokopierte Substantiv Treue die Semantik ‚Glaube‘ bewahrt (vgl. DUDEN 2008: 785). Die doppelte Nennung der bedeutungsgleichen Wörter Treue und Glauben dient – wie für Paarformeln typisch – zur Verstärkung bzw. Intensivierung des Ausdrucks (vgl. DUDEN 2008: 786). ← 266 | 267 →

5)  eine Tracht Prügel: Die Wendung eine Tracht Prügel ist ein Beispiel dafür, dass sich die semantische Fossilierung nicht nur auf Paarformeln beschränkt. Das nominale Phrasem besitzt die Bedeutung ‚[reichlich] Prügel‘ (vgl. DUDEN 2008: 782) und wird u. a. mit den Verben verpassen, kriegen, bekommen, beziehen oder einstecken realisiert. DUDEN (2008: 782) verweist darauf, dass Tracht hier mit der veralteten Semantik ‚aufgetragene Speisen‘ gebraucht wird, und präzisiert, dass „Prügel, die man jemandem verabreicht, […] früher oft mit Gerichten, die man jemandem serviert, verglichen [wurden].“

6)  viel/kein Wesen(s) um jmdn. machen // viel/kein Wesen(s) von etw. machen // sein Wesen treiben: Innerhalb dieser drei Wendungen ist das Substantiv Wesen in seiner älteren Bedeutung ‚Tun, geschäftiges Treiben‘ erhalten (vgl. DUDEN 2008: 866). Es handelt sich um drei verbale mehr oder weniger idiomatische Phraseme, die wiederum zeigen, dass die semantische Fossilierung nicht an Paarformeln gebunden ist.

Die formelhafte (Ir-)Regularität der semantischen Fossilierung verdeutlicht, dass nicht nur ältere formale Erscheinungen (wie z. B. das Dativ-e, das unflektierte Adjektivattribut oder das vorangestellte Genitivattribut), sondern auch die Bedeutung von Formativen in der festen Struktur von Phrasemen tradiert werden können. Formelhafte (Ir-)Regularitäten sind folglich nicht nur Besonderheiten, die sich in der Ausdrucksebene, sondern auch in der Inhaltsebene sprachlicher Zeichen manifestieren. Die Identifizierung von Phrasemen mit semantischer Fossilierung ist jedoch ungleich schwieriger, da man es hierbei mit der signifié-Seite sprachlicher Zeichen zu tun hat und die Besonderheit nicht aus der „materiellen“ Nennform des Phrasems erschlossen werden kann.

14.3  Phonetisch/Phonologische (Ir-)Regularitäten: Apokope

Sogenannte e-Apokopen lassen sich als formelhafte (Ir-)Regularitäten auf phonetisch/phonologischer Ebene beschreiben. Sie zeigen sich im Fehlen des auslautenden -e bei bestimmten phraseologischen Komponenten (z. B. in Reih und Glied und etw. ist für die Katz) (vgl. FLEISCHER 1997a: 45). Grafisch ist die Auslassung bei einigen konkreten Realisierungen durch einen Apostroph gekennzeichnet; in den meisten Korpusbelegen findet sich diese Markierung aber nicht:

     (91)  In Reih’ und Glied stehen Doris Plumeyers Ährenfische aus Madagaskar abends an der Frontscheibe des Aquariums und warten hungrig auf Lebendfutter – zum Beispiel frische Mückenlarven. (Braunschweiger Zeitung, 06.02.2009) ← 267 | 268 →

Korpuslinguistisch können Schwankungen zwischen der Realisierung und der Nicht-Realisierung des auslautenden -e festgestellt werden (siehe Übersicht 14–1). Zum einen lassen sich Wendungen anführen, die (fast) ausschließlich ohne -e realisiert werden (z. B. Katz und Maus spielen und Speis und Trank), und zum anderen Wendungen, in denen der Auslaut kaum weggelassen wird (z. B. das Wohl und/oder Wehe und Angst und Bange). Zwischen diesen beiden Polen finden sich Phraseme, bei denen eine mehr oder weniger ausgeglichene Varianz bezüglich der Realisierung der e-Apokope herrscht (z. B. mit Müh(e) und Not, der Wahn ist kurz, die Reu(e) ist lang, aus Spaß an der Freud(e) und (ohne) Rast und Ruh(e)).

Übersicht 14-1:  Variation der Apokope bei formelhaften Wendungen

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Während beispielsweise DOBROVOLSKIJ (1978: 71, 1989: 73) und GRÉCIANO (1999: 4) die Besonderheit als eine morphologische ausweisen, wird sie in der vorliegenden Arbeit als eine phonetisch/phonologische klassifiziert. In den meisten Fällen fehlt die e-Endung in Paarformeln und ergibt sich dort in erster Linie aus rhythmischen und metrischen Bedürfnissen. Die Auslassung ist nicht primär morphologisch motiviert – wie beispielsweise beim Dativ-e, das als Kasusmarkierung dient –, sondern lässt sich vor allem auf phonologische Aspekte wie die Silbenzahl und den daraus resultierenden binären Rhythmus der Komponenten zurückführen (vgl. HAMMER 1993: 40); so weisen Komponenten innerhalb von Paarformeln in den meisten Fällen die gleiche Silbenzahl auf, weshalb HAMMER (1993: 39) feste Wortpaare auch als „binäre rhythmische Einheit[en]“ bezeichnet.

Dies zeigt sich bei Wendungen, in denen das -e (fast) immer apokopiert wird. Die Apokope geschieht nicht willkürlich, sondern aus dem rhythmischen Bedürfnis, die Silbenanzahl der ersten Komponente an die der zweiten anzupassen. Dies kann mithilfe einiger Wendungen verdeutlicht werden, in denen sich die erste Komponente durch die Tilgung des Auslaut-e der Silbenzahl der zweiten anpasst: Hab und Gut, seit/wie eh und je, Katz und Maus spielen, in Reih und Glied, Speis und Trank, Spitz auf Knopf und auf Spitz und Knopf. Würde die erste Komponente nicht apokopiert werden, widerspreche dies „dem Gesetz der wachsenden Glieder“ (ČERNYŠEVA 1975: 221), das aus phonetischen Gründen vorsieht, dass „weniger Silben vor mehr Silben“ (FEILKE 1996: 170) stehen (siehe hierzu ROOS 1980 sowie LENZ 1999). In anderen Fällen wird ebenfalls die erste Komponente apokopiert, besitzt dann jedoch weniger Silben als die zweite, was ebenfalls den Stellungsregeln entspricht (z. B. auf/nach Treu und Glauben und Hirt und Herde). In Fällen, in denen das -e kaum apokopiert wird, handelt es sich meist um die zweite Komponente (z. B. (ohne) Rast und Ruh(e), der Wahn ist kurz, die Reu(e) ist lang und Angst und Bang(e)). Die Apokope bewirkt hier keine Angleichung an die regelmäßige Struktur von Paarformeln und tritt daher nicht so häufig in Erscheinung.

Insgesamt zeigt sich, dass die e-Apokope in den meisten Fällen in Paarformeln vorkommt und dort der Angleichung der Silbenzahl der beiden Komponenten dient. Durch sie wird die phonetisch/phonologisch motivierte Komponentenreihenfolge gewährleistet, indem die Silbenanzahl der ersten Konstituente verringert ← 269 | 270 → und somit der nachfolgenden Konstituente angepasst wird. Die formelhafte (Ir-) Regularität der e-Apokope besitzt demnach „regulierende“ bzw. „reguläre“ Züge, indem sie die unmarkierte Reihenfolgenstruktur von Zwillingsformeln überhaupt erst ermöglicht. Dieser formelhaften (Ir-)Regularität liegen somit spezifische Regularitäten zugrunde, weshalb der „irreguläre“ Charakter relativiert werden sollte.

14.4  Orthografische (Ir-)Regularitäten: Phraseonyme und phraseologische Termini

Nicht nur in der Werbesprache und der Chat- bzw. SMS/WhatsApp-Kommunikation finden sich „Normabweichungen auf orthographischer Ebene“ (DÜRSCHEID 2005a: 40) bzw. „Abweichungen von den Regeln für die verschiedenen Teilbereiche der Orthographie“ (STEIN 2002: 393), sondern auch in Phrasemen treten orthografische Besonderheiten auf, die sich vom außerphraseologischen Usus unterscheiden. In erster Linie handelt es sich dabei um die Großschreibung von nicht-substantivischen Wortarten.204 Zentral sind hierbei vor allem onymische Phraseme/Phraseonyme:

Während im Deutschen in bezug auf die graphische Repräsentation des substantivischen Einzelwortes kein Unterschied zwischen Eigenname und Appellativum besteht (beide mit großem Anfangsbuchstaben), wird dieser Unterschied für die Wortgruppe relevant: onymische Wortgruppen werden auch bei adjektivischem ersten Element groß-, entsprechende appellativische (auch phraseologische) Wortgruppen kleingeschrieben. (FLEISCHER 1997a: 74)205

An dieser Stelle muss Folgendes betont werden: Auf den ersten Blick handelt es sich bei der Großschreibung von Adjektiven in onymischen Phrasemen um eine Art „Abweichung“ von außerphraseologischen Orthografieregeln, die Setzung der Majuskel ergibt sich jedoch aus dem Eigennamenstatus der entsprechenden ← 270 | 271 → Wortgruppe und darf somit strenggenommen nicht als „irregulär“ bezeichnet werden.206 So hält GALLMANN (1995: 133) fest, dass „[i]n Eigennamen, die den syntaktischen Status einer mehrteiligen Substantivphrase haben, […] attributive Adjektive groß geschrieben [werden].“ Und auch im DUDEN (2009: 86) findet sich diesbezüglich ein Regeleintrag. Aus diesem Grund sollte in Bezug auf die Adjektivmajuskel in Phraseonymen korrekterweise lediglich von einer formelhaften Besonderheit, statt von einer „Irregularität“ oder „Anomalie“ gesprochen werden.

Neben onymischen Wortverbindungen ist die Adjektivgroßschreibung auch häufiger bei sogenannten phraseologischen Termini zu beobachten:207

     (92)  Der Rechte Winkel taucht in der Geschichte der Trigonometrie schon bei den frühen Griechen auf. Am Anfang der Winkelrechnung gab es noch keine Gradeinteilung. Maßeinheit war deshalb der Rechte Winkel. (Berliner Morgenpost, 20.04.1999)

Während die Majuskel bei onymischen Phrasemen – wie weiter oben dargelegt – obligatorisch und durch eine Regel gedeckt ist, besitzt sie bei Mehrworttermini strenggenommen einen „normwidrigen“ (STEIN 2010b: 64) Charakter. ← 271 | 272 → So sind phraseologische Termini nach FLEISCHER (1997a: 72) nicht von „orthographische[n] Konsequenzen“ in Form der Adjektivgroßschreibung betroffen. BUSSE (2002: 411) und STEIN (2010b: 51) verweisen jedoch auch auf polylexikalische Termini, in denen das Adjektiv des Öfteren groß geschrieben wird (z. B. der Graue Star). Und auch FLEISCHER (1997a: 73) merkt an, dass vor allem bei appellativisch zu klassifizierenden Bezeichnungen von Pflanzen (z. B. der Gemeine Löwenzahn) und Tieren (z. B. die Gemeine Hausfliege) durch die Setzung einer Majuskel häufig ein onymischer Status evoziert wird. Dabei darf jedoch nicht aus dem Blick geraten, dass es sich bei den meisten Pflanzen- und Tiernamen schlichtweg nicht um Eigennamen handelt, was auch NÜBLING u. a. (2012: 17f.) anhand zweier Beispiele hervorheben:

Dass man bei Stolze Fregatte das Adj. großschreibt, hat nichts mit einer möglichen Namenfunktion zu tun. Auch das Fleißige Lieschen ist eine Pflanzenart mit Tausenden Mitgliedern und schreibt sein Adj. groß. […] Die oft anzutreffende mangelnde Unterscheidung von EN und APP betrifft meist Fachausdrücke für (biologische) Arten.

Die Markierung durch eine Majuskel reicht folgerichtig nicht aus, um eine Wortverbindung als onymisch zu klassifizieren. Auch STEIN (2010b: 53) führt „vor dem Hintergrund der wechselvollen Orthographiegeschichte“ an, dass es äußerst zweifelhaft erscheint, „auf eine orthographische Konvention zu vertrauen“. Die Durchsicht des DUDENS (2006) bestätigt seine Zweifel. Es zeigt sich hierbei ein mehr oder weniger uneinheitlicher Umgang mit der Großschreibung von Adjektiven, da sowohl „Eigennamen wie auch appellativisch gebrauchte Wortgruppen großgeschrieben werden“ (STEIN 2010b: 54) sowie „bei ein und derselben Wortgruppe“ Schreibvarianten existieren, „die aus der Unsicherheit in der Abgrenzung zwischen Proprium und Appellativum und aus der Verwechslung zwischen Onymisierung und Phraseologisierung resultieren dürften“ (ebd.). Insgesamt – so kann man wiederum mit STEIN (2010b: 64) festhalten – wäre es daher „ein sehr fragwürdiges Unterfangen, wollte man eine Grenzziehung solcher Tragweite auf orthographische Konventionen stützen.“

Die Großschreibung von appellativischen Wortgruppen ist laut STEIN (2010b: 59) nicht normkonform; FLEISCHER (1997a: 71) bezeichnet sie gar als „Falschschreibung“, wobei er die Ursache „in der Verwechslung von Onymisierung und Phraseologisierung oder Terminologisierung“ (ebd.) sieht. Denn „[d]ie Abgrenzung zwischen Mehrwortnamen und Mehrworttermini ist oft mit Schwierigkeiten verbunden“ (STEIN 2010b: 57). Primär sind es „die mannigfachen Wechselbeziehungen zwischen diesen Klassen“, die „im konkreten Einzelfall zu Abgrenzungsschwierigkeiten führen können“ (FLEISCHER 1997a: 75). NERIUS (2007: 224) stellt im Hinblick auf die Unsicherheit der Schreiber Folgendes fest: ← 272 | 273 →

Es besteht im schriftlichen Sprachgebrauch des Deutschen bisher eine erhebliche Ungewissheit darüber, wann in mehr oder weniger festen Wortgruppen aus Adjektiv oder Partizip und Substantiv das Adjektiv/Partizip großgeschrieben wird und wann nicht.

Da die Grenze zwischen onymischen Phrasemen und phraseologischen Termini nicht immer klar gezogen werden kann, ist gleichsam die grafische Realisierung (Majuskel oder nicht) mit Problemen behaftet. Die Abgrenzungsschwierigkeiten sind auch – oder vor allem – darauf zurückzuführen, dass phraseologische Termini im Laufe der Zeit die „Funktion von Eigennamen“ (BUSSE 2002: 411) übernehmen können bzw. onymische Phraseme teilweise „ein unverzichtbarer Bestandteil des Benennungsinventars einer Fachdisziplin“ (GLÄSER 2007: 490) sind (z. B. der Stille Ozean und der Dreißigjährige Krieg). Aus diesem Grund fasst BUSSE (2002) onymische und terminologische Wortverbindungen mehr oder weniger als eine Klasse zusammen. Die beiden Prozesse der Deonymisierung von Phraseonymen und die Determinologisierung von phraseologischen Termini tragen zur Abgrenzungsproblematik sicherlich auch einen nicht zu unterschätzenden Teil bei (vgl. FLEISCHER 1997a: 75).

Ohne weiter auf die Differenzierungs- bzw. Kategorisierungsschwierigkeiten einzugehen, ist für die vorliegende Arbeit primär die Tatsache von Bedeutung, dass in beiden Klassen de facto im tatsächlichen Schreibgebrauch großgeschriebene Adjektive auftreten. Nach DONALIES (2009: 61) kennzeichnet die „[g]rafische Besonderheit“ der Adjektivgroßschreibung die „Zusammengehörigkeit der Verbindung“. Sie dient als Erkennungszeichen dafür, dass es sich bei der mehrgliedrigen Einheit überhaupt um eine feste Wendung mit Eigennamenbzw. mit terminologischem Charakter handelt. Unter dem Strukturschema „Adjektiv/Partizip + Substantiv“ findet sich eine ganze Palette an Wendungen mit Adjektivmajuskel, z. B. Flussnamen (die Weiße Elster), Namen von Meeresteilen (der Indische Ozean), Straßen- und Flurnamen (die Afrikanische Straße, Berlin), Namen von Staaten (die Dominikanische Republik), Institutionen (die Europäische Union), Veranstaltungen (die Internationale Funkausstellung), Kriege (der Peloponnesische Krieg), wissenschaftliche Theorien (die Generative Grammatik), ideologische Richtungen (der Deutsche Idealismus) und viele mehr.208

Generell stellt sich die Frage, ob onymische und terminologische Mehrwortverbindungen überhaupt der Phraseologie angehören. Denn sollten sie nicht zur Phraseologie gerechnet werden, ließe sich deren Adjektivgroßschreibung logischerweise auch nicht als formelhafte (Ir-)Regularität klassifizieren. Vor dem ← 273 | 274 → Hintergrund des gegenwärtigen Forschungsstands lässt sich eine Integration dieser beiden Klassen in die Phraseologie jedoch durchaus begründen:

1)  Für einen Einbezug phraseologischer Termini spricht u. a. die Tatsache, dass sie „die konstitutiven Phraseologizitätskriterien Polylexikalität und Festgeprägtheit bzw. Festigkeit […] erfüllen“ (STEIN 2010b: 59). So handelt es sich bei einem Mehrwortterminus um „eine feststehende Abfolge von mindestens zwei Wörtern“, die „im Gegensatz zu freien Syntagmen als Einheit reproduziert und lexikographisch erfasst werden (müssen)“ (KÜHTZ 2007: 44). Und auch BURGER (2005: 29) betrachtet polylexikalische Termini als Bestandteile der (allgemeinsprachlichen) Phraseologie, da „zahlreiche fachsprachliche Bereiche für den Alltag unmittelbar relevant sind oder heutzutage zunehmend relevant werden.“ Es gibt demnach „keinen Grund, sie aus der Phraseologie auszuschließen“ (STEIN 2010b: 59).

2)  Im Gegensatz dazu ist die Einordnung onymischer Wortverbindungen in den Gegenstandsbereich der Phraseologie umstritten und kontrovers diskutiert. Für FLEISCHER (1997a: 71) beispielsweise

     sprechen mehr Gründe dafür, die onymischen Wortgruppen nicht mit den nichtonymischen phraseologischen Wortgruppen zu vermischen, sondern für sich zu stellen.

     Demgegenüber spricht sich STEIN (2010b) für eine Integration onymischer Wortverbindungen in die Phraseologie aus. Er plädiert dafür,

     die allgemeinsprachliche Phraseologieforschung nicht nur für Mehrworttermini, sondern auch für Mehrwortnamen zu öffnen und sie als Phraseonyme in den Gegenstandsbereich der Phraseologie zu integrieren. (STEIN 2010b: 69)

     Während BURGER (2010: 49) sie als eine eigenständige Klasse neben referentiellen, strukturellen und kommunikativen Phrasemen betrachtet, stuft STEIN (2010b: 68) sie als Subklasse referentieller Phraseme ein, da sie „[a]ufgrund ihrer Wortklassenzugehörigkeit […] als Teil der nominativen Phraseologismen [erscheinen].“

Angesichts eines weiten Verständnisses von Phraseologie bzw. formelhafter Sprache schließt sich die vorliegende Arbeit diesem Plädoyer an und rechnet onymische Phraseme als „phraseologisches Randphänomen“ (STEIN 2010b: 67) und phraseologische Termini zum phraseologischen Inventar. Durch die Einordnung dieser Erscheinungen als formelhaft (ir-)reguläre Wortverbindungen erweitert sich die Menge an formelhaften (Ir-)Regularitäten des Deutschen nochmals beträchtlich. ← 274 | 275 →

14.5  Nonverbale, gestische (Ir-)Regularitäten: Pseudokinegramme

Eine sich von allen bisherigen formelhaften (Ir-)Regularitäten unterscheidende Besonderheit stellen sogenannte Pseudokinegramme dar. Die phraseologische Eigentümlichkeit manifestiert sich hierbei nicht auf sprachlicher (z. B. lexikalischer, morphologischer, syntaktischer, semantischer etc.), sondern auf einer nonverbalen, gestischen Ebene. Bei Kinegrammen handelt es sich generell um Phraseme, die konventionalisiertes nonverbales Verhalten sprachlich erfassen und kodieren (beispielsweise die Achseln zucken oder die Nase rümpfen (über etw.)) (vgl. BURGER 2010: 47). Während mit Kinegrammen also „tatsächliches oder zumindest mögliches außersprachliches Verhalten“ (BAUR/CHLOSTA 2005: 70) ausgedrückt wird, sind Pseudokinegramme dadurch gekennzeichnet, dass

das mit dem Phraseologismus bezeichnete nonverbale Verhalten heute nicht mehr praktiziert wird und daher nur noch die phraseologische Bedeutungsebene erhalten geblieben ist. (BURGER 2010: 47)

Nach BURGER (1976: 314) können u. a. folgende Beispiele angegeben werden: sich die Haare raufen, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und für jmdn./etw. die Hand ins Feuer legen. Parallel zur Bewahrung älterer lexikalischer, morphosyntaktischer oder semantischer Erscheinungen können somit auch ältere Gebärdenpraktiken innerhalb der festen Struktur formelhafter Wendungen konserviert werden, wobei die sprachliche Kodifizierung das Vorstellungsvermögen für derartiges nonverbales Verhalten bei den Sprechern für längere Zeit am Leben halten kann (vgl. BURGER u. a. 1982: 58). Für BURGER (1976: 315) zeigt sich in Gestalt von Pseudokinegrammen wieder einmal das Phänomen der „Diachronie in der Synchronie“.

Es muss betont werden, dass nicht alle Pseudokinegramme „nonverbales Verhalten sprachlich tradieren, das faktisch nicht mehr ausgeführt wird“ (BURGER 2010: 65). Neben diesen historisch motivierten Pseudokinegrammen existieren „[e]xpressions that were never based on real behaviour and whose real level of meaning is only imagined“ (BURGER 2007: 101). SCHMALE (2011: 187) bezeichnet diese Art der Pseudokinegramme treffend als „imaginäre […] nonverbale Handlungs- oder Verhaltensweisen“. Bei diesen kann „die wörtliche Bedeutung gar nicht oder nur unter grotesken Umständen realisiert werden“ (BURGER u. a. 1982: 59). Hierzu gehören beispielsweise die Phraseme jmdm. in den Arsch kriechen, jmdm. auf der Nase herumtanzen und jmdm. den Buckel runterrutschen. Darüber hinaus existiert eine spezielle Gruppe an Pseudokinegrammen, die ← 275 | 276 → „bestimmte Verhaltensweisen, Gestik und Mimik aus den Bereichen der Tierwelt übertragen“ (BUDVYTYTE/LAPINSKAS 2007: 153). So werden in den Wendungen die Ohren spitzen, die Ohren steifhalten, mit den Ohren schlackern oder auch den Kopf in den Sand stecken Verhaltensweisen von Tieren metaphorisch auf Menschen übertragen (vgl. BURGER 2007: 101 sowie DIETZ 1999: 306f.).

Die Abgrenzung zwischen Kinegrammen und Pseudokinegrammen kann in einigen Fällen nicht eindeutig getroffen werden. Es erweist sich teilweise als äußert schwierig, nonverbales Verhalten, das auch heute noch ausgeführt wird, von nonverbalem Verhalten, das heute nicht mehr praktiziert wird, zu trennen. Beispielsweise müssen meines Erachtens die Anmerkungen BURGERS (2007, 2010) zum Idiom sich die Haare raufen relativiert werden. Sich die Haare raufen ist laut BURGER (2007: 101) im 17. Jahrhundert „a behaviour performed in reality, which is not the case these days“. BURGER (2010: 65) führt an, dass die in der Wendung enthaltene Praktik „realiter nicht (mehr) ausgeführt wird“ und klassifiziert sie demnach als Pseudokinegramm. Durch Google-Abfragen lassen sich jedoch zahlreiche Bild-Text-Belege finden, die verdeutlichen, dass das nonverbale Verhalten des Sich-die-Haare-raufens auch im 21. Jahrhundert noch ausgeführt wird.209 Zwar rauft man sich heutzutage nicht mehr die Haare aus Trauer in Form einer Trauergebärde (vgl. DIETZ 1999: 301), in zahlreichen anderen Situationen – vor allem im Sportbereich – ist dieses Verhalten aber gang und gäbe.210 So raufen sich Fußballspieler die Haare, wenn ihre Mannschaft gerade verliert bzw. sie große (spielentscheidende) Chancen auslassen. Dies spiegelt sich auch in der phraseologischen Bedeutung des Kinegramms wider, die im DUDEN (2008: 310) mit ‚vor Verzweiflung nicht wissen, was man tun soll, völlig ratlos sein‘ paraphrasiert wird. Als recht anschauliches Beispiel dient das Bild des verzweifelten Lionel Messi, der mit seiner Fußballmannschaft, dem FC Barcelona, im Champions League Achtelfinale-Hinspiel der Saison 2010/2011 einen 1:0 Vorsprung gegen den FC Arsenal London verspielte (siehe Abbildung 19211). In der Bildunterschrift „Zum Haare raufen: Lionel Messi und sein Team gaben das Spiel aus der Hand“ kommen die beiden gleichzeitig realisierten Lesarten des Kinegramms sich die Haare raufen zum ← 276 | 277 → Ausdruck: zum einen die Gebärde (das nonverbale Verhalten) und zum anderen die phraseologische Bedeutung (das Verzweifeln).212

Abbildung 19:  sich die Haare raufen

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Abbildung 20:  jmdm. den Buckel runterrutschen

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Besonders interessant sind Belege, die verdeutlichen, dass sich Sprecher durchaus auch für Pseudokinegramme, in denen nonverbales Verhalten sprachlich fixiert ist, das außersprachlich kaum umgesetzt werden kann und auch historisch gesehen niemals existierte, durch Sprachspiele Kontexte kreieren (können), in denen dieses zumindest in der Fantasie vorstellbar ist. Mit anderen Worten: Die menschliche Vorstellungskraft ist imstande, (physikalisch) mehr oder weniger unausführbares nonverbales Verhalten – aufgrund der starken Bildhaftigkeit der Phraseme – zu motivieren und die wörtliche Lesart zu aktualisieren (vgl. BURGER 2010: 71). Dies zeigt sich beispielsweise in zwei ausgewählten Comics (siehe Abbildung 20213 und Abbildung 21214):

Abbildung 21:  jmdm. in den Arsch kriechen

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Es kann konstatiert werden, dass sich die Kategorie der Pseudokinegramme insgesamt als eine dynamische erweist, da oft nicht eindeutig zwischen Kinegrammen und Pseudokinegrammen unterschieden werden kann (vgl. DIETZ 1999: 301). Es bestehen fließende Übergänge zwischen „echten und unechten Kinegrammen“ (BURGER u. a. 1982: 61) und somit auch zwischen „regulären“ und ← 278 | 279 → „irregulären“ Kinegrammen. Diese graduellen Grenzen zeigen sich vor allem bei historisch bedingten Pseudokinegrammen, da hier nicht von einem auf den anderen Tag ein bestimmtes nonverbales Verhalten aufhört zu existieren, sondern sich dieser Prozess für gewöhnlich über einen längeren Zeitraum erstreckt.

14.6  Vereinzelte formelhafte (Ir-)Regularitäten

Die in den bisherigen Kapiteln vorgestellten Besonderheiten stellen größere und homogene Klassen an formelhaften (Ir-)Regularitäten dar (z. B. Unikalia, Pronomen(ir)regularitäten und Valenz(ir)regularitäten). Darüber hinaus existieren weitere spezifische und vereinzelt auftretende formelhafte (Ir-)Regularitäten, deren (grammatische) Besonderheiten keinen der größeren Gruppen zugeordnet werden können. Das Wesen der „Irregularität“ ergibt sich in den meisten Fällen aus der Bewahrung älterer Sprachzustände. Übersicht 14–2 gibt – ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit – einen Überblick über weitere (singuläre) formelhafte (Ir-)Regularitäten:

Übersicht 14-2:  Vereinzelte formelhafte (Ir-)Regularitäten

formelhafte Wendung

Besonderheit

Hinweis/Erläuterung in

(das Paradies/die Hölle/der glücklichste Mensch) auf Erden

Bewahrung des alten schwachen Dativs

DSOBROVOLSKIJ (1978: 69); FLEISCHER (1997a: 45f.); WEICKERT (1997: 94–96)

zu jmds. (Un-)Gunsten/Diensten

Bewahrung des umlautlosen Dativs

FLEISCHER (1997a: 46)

gehupft wie gesprungen

Bewahrung der oberdeutschen umlautlosen Form von hüpfen

DOBROVOLSKIJ (1978: 71);

FLEISCHER (1997a: 46)

es dicke haben, es kommt zu dicke, sich dicke tun

Bewahrung des -e bei Adjektiven in Adverbialfunktion

DOBROVOLSKIJ (1978: 69);

FLEISCHER (1997a: 45)

nicht viel Aufhebens machen von (etw.)

Genitiv nach viel

BURGER (1973: 35);

DOBROVOLSKIj (1978: 72); FLEISCHER (1997a: 46)

jmd./etw. ist nicht (so ganz) ohne

Präposition ohne Ergänzung

DOBROVOLSKIJ (1978: 73);

FLEISCHER (1997a: 49)

Wes’ Brot ich ess’, des Lied ich sing’

Wortstellung

SCHINDLER (1997: 275)

er ist es zufrieden, Ich bin es los, es nimmt mich wunder

es als Objektsgenitiv

DUDEN (2011: 302); FILATKINA (2013: 37)

← 279 | 280 →

Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen

Bewahrung der älteren Form des Plurals Präteritum von singen

DUDEN (2011: 839); FILATKINA (2013: 38)

haste nicht gesehen, dass die Fetzen fliegen

Satz-(Teilsatz-)Struktur

BURGER (1973: 33)

auf Teufel komm raus

Präposition und Satzstruktur mit Vokativ + Imperativ

BURGER (1973: 33); SCHINDLER (1996b: 122)

eigner Herd ist Goldes wert, Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert, etw. ist nicht der Rede wert

wert + Genitiv

STRICKER u. a. (2012: 138)

mit allen Wassern gewaschen sein

veralteter Plural von Wasser im Sinne von ‚Gewässer‘

DUDEN (2008: 848); DRÄGER (2012: 126)

alles Ernstes, die Wurzel alles Übels

starke Deklination

EISENBERG (2008: 112)

siehe […], siehe da!

Imperativform

HANAUSKA (2014: 50)

← 280 | 281 →

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204  Bereits DOBROVOLSKIJ (1978: 74) macht neben morphologischen und syntaktischen auch auf „orthographische Anomalien“ in festen Wortverbindungen aufmerksam. Er verweist dabei ausschließlich auf solche Phraseme wie den kürzeren ziehen, im argen liegen und auf dem trockenen sitzen, in denen das Substantiv kleingeschrieben wird. Diese orthografische Besonderheit ist im gegenwartssprachlichen Deutsch jedoch – zumindest auf normierter Ebene – nicht (mehr) vorzufinden.

205  Neben Adjektiven werden auch Präpositionen innerhalb von onymischen Wortgruppen mit Majuskel geschrieben (vgl. FLEISCHER u. a. 2001: 655 sowie STEIN 2010b: 48) (z. B. Die Straße Am Birnbaum befindet sich im Trierer Stadtteil Kürenz.). Im vorliegenden Kapitel stehen primär onymische Wendungen mit Adjektivmajuskel im Vordergrund.

206  Dabei muss die heutige Adjektivkleinschreibung auch unter diachroner Perspektive betrachtet werden. Nicht in allen Sprachepochen herrscht die heutige Regel der alleinigen Substantivgroßschreibung. Beispielsweise legt WEGERA (1996: 385) dar, dass „[d]ie ‚große Zeit‘ der Adjektivgroßschreibung“ im 16. Jahrhundert beginnt und im 17. Jahrhundert ihren „Höhepunkt“ erreicht. Für weitere Ausführungen zur Adjektivmajuskel aus historischer Sicht siehe u. a. RISSE (1980: 174–177); MOULIN (1990: 236–244) und BERGMANN (1999: 75f.).

207  Während sich (phraseologische) Termini dadurch auszeichnen, dass ihre Bedeutung strikt festgelegt ist und diese Normierung vorrangig nur innerhalb des fachsprachlichen Subsystems gilt (vgl. BURGER 2010: 49), besteht die Hauptfunktion von – sowohl monolexikalischen wie auch polylexikalischen – Eigennamen darin, „Einzelobjekte zu benennen und zu identifizieren“ (WILSKE 1992: 189). Im Gegensatz zu Gattungsnamen besitzen Eigennamen eine „spezifische extensionale Zuordnung zu einem individuellen Objekt“ (STEIN 2010b: 49), da sie sich für gewöhnlich „monoreferentiell auf einen bestimmten Referenten beziehen“ (ebd.). Oder wie NÜBLING u. a. (2012: 17; Hervorhebung im Original) es ausdrücken: „Die unbestrittene Hauptfunktion von Namen ist ihr sprachlicher Bezug auf nur EIN Objekt, auf EIN bestimmtes Mitglied einer Klasse.“ Neben der „Festigkeit der Ausdrucksstruktur“ (STEIN 2010b: 61) ist es demzufolge vor allem die vom Kontext unabhängige „Zuordnung zu einem Einzelobjekt“ (FLEISCHER 1996: 152), die zum stabilisierenden Effekt onymischer Wortverbindungen beiträgt. Bei phraseologischen Termini ist die Festigkeit dadurch bedingt, dass sie „als Ganzes eine Fachbezeichnung darstellen“ (KÜHTZ 2007: 44), wobei diese je nach fachlichem Kontext unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann (vgl. BURGER 2010: 49).

208  Die genannten sowie weitere Beispiele finden sich in EISENBERG (1999: 162); FLEISCHER u. a. (2001: 655); BUSSE (2002: 411) und NERIUS (2007: 221–227).

209  Zum Zusammenspiel von Bild und (phraseologischer) Sprache siehe STÖCKL (2004).

210  Es lässt sich die Vermutung anstellen, dass hier ein Bedeutungswandel vorliegt. Die früher an den Trauerkontext gebundene Verzweiflungs-Semantik hat sich mit der Zeit zu einer Verzweiflung jedweder Art erweitert bzw. speziell in den Sport-Kontext verschoben. So findet sich die Wendung sich die Haare raufen in zahlreichen Bildunterschiften von Pressetexten; jedes Mal mit der allgemeineren Bedeutung ‚Verzweiflung‘.

211  http://media4.news.ch/news/680/267314-messi.jpg (Stand 18.02.2015).

212  Zu den verschiedenen Lesarten von Phrasemen siehe BURGER (2010: 61–68). Kinegramme stellen dabei die einzigen Phraseme dar, in denen zwei Lesarten vorhanden sind, die simultan realisiert werden (können) (vgl. BURGER 2010: 63).

213  http://www.artflakes.com/de/products/buckel-runterrutschen-2 (Stand 07.07.2015).

214  www.nicofauser.de (Stand 18.02.2015).