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Wissenstexturen

Literarische Gattungen als Organisationsformen von Wissen

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Gunhild Berg

Literarische Gattungen sind Wissensformate und -praktiken. Sie form(ul)ieren, organisieren, strukturieren, kurzum: texturieren Wissen. Der Band geht der Frage nach, welches Wissen Gattungen mithilfe der ihnen eigenen Texturen wie arrangieren. Welches Gattungswissen wird tradiert? Welche extratextuellen Objekte, Muster oder Bilder wirken in literarischen Gattungen? Die Beiträge analysieren etablierte ebenso wie originelle, kurzlebige Gattungen des späten 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts, deren Entstehung und Veränderung epistemische Brüche markieren. Dazu zählen Idylle, Novelle, Fragment, Rhapsodie, Ansicht, Porträt, Denkmal, Galerie, Panorama, Guckkasten, Daguerreotypie, Zukunftsbild, Experimentalroman, Studie, Dialogroman und Tatsachenroman.
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Der deutschsprachige Experimentalroman. Begriff und Wissenstextur einer (nicht)existenten Gattung narrativer „Studien“

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Der ganze experimental-belletristische Lärm Zolas ist daher nur das eitle, aus gutem Glauben und Marktschreierei vermischte Gebaren eines dialektisch ungeschickten Phrasenmachers, der die Aufgaben der Kunst und der Wissenschaft absolut verwechselt.1

Ludwig Pfaus vehemente Kritik belegt die lebhafte, obgleich unterschiedliche Aufnahme der von Émile Zola propagierten Gattung des „roman expérimental“ in der deutschsprachigen Literaturszene der 1880er Jahre. Sie zeigt außerdem, dass die Diskussion um Zolas Poetik und Werk nicht nur dem Konzept einer experimentellen Literatur, sondern zugleich auch dem Wort „Experimentalroman“ galt. „Phrasenmacher[ei]“, „Marktschreierei“ und rhetorische Effekthascherei wirft Pfau hier dem Dichterkollegen Zola vor, spricht ihm als Autoren wie als Poetologen sprachliche Kompetenz und damit die Voraussetzung für literarisches Arbeiten ab. Zu berücksichtigen ist also im Verfolg dieser Diskussion die inhaltliche (onomasiologische) wie die formal-begriffliche (semasiologische) Ebene der Auseinandersetzung zu diesem historischen Zeitpunkt. Zwar fiel das Konzept der Gattung „Experimentalroman“, das Zola 1879 entwarf,2 offenbar auf den tönernen Boden der noch ausstehenden Positionsbestimmung der Literatur im Verhältnis zu den Naturwissenschaften im Prozess der Moderne. Doch nicht dieses Nachhallen poetologischer Konzepte ist der Gegenstand der vorliegenden Studie, sondern die Frage, ob sich Zolas Programm des Experimentalromans in der deutschsprachigen Literatur wiederfindet, mithin die Frage, ob es einen deutschsprachigen Experimentalroman gibt bzw. was ihn – im Unterschied zur nicht nur französischen, sondern auch der italienischen, niederländischen, ← 247 | 248 → russischen und anderen europäischen ebenso wie der amerikanischen Literatur3 – in der deutschsprachigen Literatur verhindert haben...

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