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Erinnerungsorte und Erinnerungskulturen interdisziplinär – fachspezifische und fachdidaktische Annäherungen

von Elisabeth Venohr (Band-Herausgeber:in) Grażyna Krupińska (Band-Herausgeber:in)
©2026 Sammelband 316 Seiten

Zusammenfassung

Der vorliegende Sammelband beinhaltet Beiträge deutscher, polnischer und ukrainischer Forscher:innen, die Erinnerungsorte und -kulturen in interdisziplinärer Perspektive beschreiben, um diese für einen internationalen Austausch im Hinblick auf interkulturelle Fragestellungen fruchtbar zu machen. Die Vielfalt der Ansätze spiegelt sich in unterschiedlichen Themenbereichen wider. Dazu gehören: Sprache(n), Erinnerung und Gedächtnis, Grenzregionen, der DaF-Unterricht, Archive, Oberschlesien sowie verschüttete oder verblasste Erinnerungen an Orte im weitesten Sinne. Abgerundet wird der Band durch Gespräche mit den Autoren Zbigniew Białas (Korzeniec) und Matthias Steinbach (Also sprach Sarah Tustra) auf der gleichnamigen Online-Konferenz an der Schlesischen Universität in Katowice im Mai 2021.

Inhaltsverzeichnis

  • Umschlag
  • Titelseite
  • Copyright-Seite
  • Inhalt
  • Einleitung
  • Literaturverzeichnis
  • Sprache(n) als Erinnerungsort(e) (Roland Marti)
  • 1. Einleitung
  • 2. Formen sprachlicher Erinnerungsorte
  • 3. Sprachliche Erinnerungsorte im slavischen Bereich
  • 4. Sprachliche Erinnerungsorte im Sorbischen
  • 5. Schlussbemerkung
  • Literaturverzeichnis
  • I. SPRACHWISSENSCHAFT UND SPRACHDIDAKTIK
  • Erinnerungsmuster in Textsorten und Diskursen
  • „Wir sind Cherusker“. Aneignung der germanischen Vergangenheit im Rechtsextremismus – dargestellt am Beispiel des Arminius, der Cherusker und der Varusschlacht (Georg Schuppener)
  • 1. Hintergrund, Forschungsstand und Fragestellung
  • 2. Zugriffe im Rechtsextremismus
  • 3. Bewertung und Einordnung
  • Literaturverzeichnis
  • Internetquellen
  • Von Erinnerungs- zu Begegnungsorten: ein Projektbericht aus dem Saarland (Claudia Polzin-Haumann)
  • 1. Einleitende Bemerkungen
  • 2. Das Saarland und der Grenzraum SaarLorLux
  • 2.1 (Sprach-)Politische Rahmenbedingungen
  • 2.2 Wie kann man das Französische und die Mehrsprachigkeit im Saarland fördern? Ein Beispiel
  • 3. Ein interdisziplinäres Projekt zu Erinnerungs- und Begegnungsorten im Grenzraum: ExpoSaar
  • 4. Ausblick
  • Literaturverzeichnis
  • Erinnerungsorte und -kulturen als Übersetzungsproblem am Beispiel des Drehbuchs von Siegfried Lenz’ Jugendroman Der Überläufer (Aleksandra Rduch)
  • 1. Einleitung
  • 2. Der Roman und seine (lange) Entstehungs- bzw. Veröffentlichungsgeschichte
  • 3. Das Drehbuch von Bernd Lange und Florian Gallenberger
  • 4. Der Aufbau eines Drehbuches
  • 5. Inhaltsangabe und die Grundproblematik der Filmhandlung von Der Überläufer
  • 6. Interpretatorische Gedanken
  • 7. Sprachliche Besonderheiten
  • 8. Sprache als Medium ethnischer und kultureller Zugehörigkeit
  • 9. Sprache als ideologisches Werkzeug
  • 10. Ausblick: Zahlen und historische Tatsachen
  • Literaturverzeichnis
  • Internetquellen
  • Film
  • Sprache(n) und Sprachvermittlung: Erinnerungsorte im DaF-Unterricht
  • Erinnerungsorte als Instrument einer transdifferenten Kulturwissenschaft in Deutsch als Fremdsprache (Jörg Roche)
  • 1. Vorbemerkungen
  • 2. Ausgangsbasis und Ideal
  • 3. Kritik
  • 4. Auf dem Weg zu dynamischen Zugängen zur Kulturvermittlung
  • 5. Transdifferenz am Beispiel von internationalen Erinnerungsorten von „Gewalt und Widerstand“ in Für- und Widersprüche
  • 6. Ausblick
  • Literaturverzeichnis
  • Der Erinnerungsort Die Mauer 30 Jahre nach dem Mauerfall. Eine Bestandsaufnahme im Kontext des DaF-Unterrichts (Sebastian Chudak)
  • 1. Zum Auftakt
  • 2. Historische Themen im Unterricht DaF? Zur Begründung der Themenwahl
  • 3. Die Mauer und der Mauerfall – ein aktuelles und relevantes Thema für DaF-Unterricht?
  • 4. Die Mauer im gesellschaftlichen Diskurs der vergangenen 30 Jahre – einige Bemerkungen zur Vieldimensionalität dieses Erinnerungsortes
  • 5. Die Geschichte der Berliner Mauer – Eine Untersuchung der Wissensbasis polnischer DaF-Lernender
  • 6. Die Berliner Mauer in DaF-Lehrwerken
  • 7. Fazit
  • Literaturverzeichnis
  • DaF-Lehrwerke
  • Sekundärliteratur
  • Anhang
  • Interkulturelle Begegnung(en) und Erinnerungsorte: Linguistic Landscape in Grenzregionen (Elisabeth Venohr)
  • 1. Einleitung
  • 2. Linguistic Landscapes und Erinnerungsorte
  • 3. Erinnerungsorte als gemeinsame Geschichte oder „histoire partagée“ (in Grenzregionen)
  • 4. Exkurs: Sprache und Erinnerung bei Autor:innen mit Migrationsgeschichte
  • 5. Zum didaktischen Potenzial von Linguistic Landscape in Grenzregionen
  • 6. Schlussbetrachtungen
  • Literaturverzeichnis
  • Primärliteratur
  • Internetquellen
  • Sekundärliteratur
  • Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau als Erinnerungs- und Lernort (Mariusz Jakosz)
  • 1. Einleitung
  • 2. Das Museum als außerschulischer Lernort
  • 3. Vorbereitung auf den Museumsbesuch
  • 4. Stellungnahme der Jugendlichen zum Thema „Holocaust“ als Lerngegenstand
  • 4.1 Aufbau der Umfrage
  • 4.2 Ergebnisse der Untersuchung
  • 5. Schlussbemerkungen
  • Literaturverzeichnis
  • II. KULTUR- UND LITERATURWISSENSCHAFT
  • Erinnerung der Geschichte der deutschen Gemeinde in Wolhynien: die Bestände des Staatlichen Archivs des Gebiets Zhytomyr (Mykola Lipisivitskyi, Serhiy Stelnykovych)
  • 1. Geschichte der Wolhynien-Deutschen in Zhytomyr
  • 2. Erinnerung an die deutsche Gemeinde in Zhytomyr in den Beständen des Staatlichen Archivs des Gebiets Zhytomyr
  • 3. Das Gebiet Zhytomyr unter sowjetischer Herrschaft der Vor- und Nachkriegszeit
  • 4. Region Zhytomyr zur Zeit des Zweiten Weltkrieges
  • 5. Schlussbetrachtungen
  • Literaturverzeichnis
  • Archivalien
  • Sekundärliteratur
  • Oberschlesische Erinnerungsorte
  • (Ober)schlesische Erinnerungsorte in literarischen Texten von Horst Bienek und Wolfgang Bittner (Grażyna Barbara Szewczyk)
  • 1. Gleiwitzer Erinnerungsräume in der Lyrik und Prosa von Horst Bienek
  • 1.1 Die erinnerte Kindheit
  • 1.2 Geschichtliche Ereignisse und Personen
  • 1.3 Gleiwitzer Heimat
  • 2. Wolfgang Bittners Gedächtnismodelle in den Reiseberichten und Essays
  • 2.1 Familiengeschichte und Geschichte
  • 3. Horst Bieneks und Wolfgang Bittners Erinnerungsprojekte
  • 4. Schlussbemerkungen
  • Literaturverzeichnis
  • Polnische (?) Nachkriegslager in Oberschlesien. Konturen eines erinnerungsorientierten Forschungsansatzes (Nina Nowara-Matusik)
  • 1. Einleitung
  • 2. Nachkriegslager in Oberschlesien: ein historischer Abriss
  • 3. Die Nachkriegslager in Oberschlesien in der polnischen Geschichtsschreibung: ausgewählte Standpunkte
  • 4. Die Nachkriegslager in Oberschlesien in schlesischer Perspektive
  • 5. Literarische Formen der Erinnerung an die Nachkriegslager in Oberschlesien: polnische und schlesische Beispiele
  • 6. Konklusion und Ausblick
  • Literaturverzeichnis
  • Regionale Erinnerungsorte: verschüttet und verblasst
  • Filip Springer: Kupferberg. Der verschwundene Ort. Ein Memento für die Provinz, ein Memento für die verschwundene Mitte Europas (Hans-Christian Trepte)
  • Literaturverzeichnis
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Das Hultschiner Ländchen und Teschener Schlesien mit ihren Erinnerungsorten in den Prosatexten von Ota Filip und den Memoiren von Frank Sikora und Christl Lanz (Jan Kubica)
  • 1. Einleitung
  • 2. Das Hultschiner Ländchen und die Identität seiner Bevölkerung
  • 3. Ota Pilip – Autor der Ostrauer Romane
  • 4. Erinnerungsorte bei Frank Sikora
  • 5. Mehrsprachigkeit im Teschener Schlesien bei Christl Lanz
  • 6. Die Situation nach 1945
  • 7. Schlussbetrachtungen
  • Literaturverzeichnis
  • Die Bodenfliese als Erinnerungsort. Zum Roman Korzeniec von Zbigniew Białas (Grażyna Krupińska)
  • 1. Die Anfänge der Grenzstadt Sosnowiec
  • 2. Auf der Suche nach der eigenen Identität
  • 3. Literatur als Medium kulturellen Gedächtnisses
  • Literaturverzeichnis
  • III. AUTORENGESPRÄCHE
  • Sosnowiec als Erinnerungsort: Interview mit dem Schriftsteller Zbigniew Białas (Katowice)
  • Nietzsche als Erinnerungsort: Lesung und Interview mit Matthias Steinbach (Braunschweig)
  • Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren

Einleitung

„Gedächtnis haben wir, Erinnerungen sind wir“ (Andreas-Salomé 2012: 144; Herv. im Original)

Das Begriffspaar Gedächtnis und Erinnerung – entweder als kollektives, gemeinsames Erinnern oder als individuelles Gedächtnis – findet in vielen, sehr unterschiedlichen fachspezifischen Ansätzen Eingang. Als konkrete Realisierung von Gedächtnis zeigt das Konzept der Erinnerungsorte, das auf das Werk Lieux de mémoire von Pierre Nora (1984–1992) zurückgeht, mit seinen interdisziplinären Schnittmengen die gesamte Bandbreite gesellschaftsrelevanter Diskurse, sodass Erinnerungsorte nicht allein als Gegenstand der häufig nationalgeprägten Geschichtswissenschaften zu verstehen sind. „[…] Nationen […] ‘haben’ kein Gedächtnis, sie ‘machen’ sich eines und bedienen sich dafür memorialer Zeichen und Symbole, Texte, Bilder, Riten, Praktiken, Orte […].“ (Assmann 2008) Erinnerungsorte eignen sich daher in besonderer Weise Kontinuitäten und Brüche in national- und gruppenspezifischen Narrativen in interkultureller Perspektive auch im Hinblick auf transkulturelle Deutungsmuster aufzuzeigen. Der eher abstrakte Begriff des Gedächtnisses sollte laut Erll (2017: 98ff.) außerdem um das konkretere Konzept der Erinnerungskulturen ergänzt werden.

Neben historischen Ereignissen und ihren topografischen Orten gehören auch reale und imaginierte Personen, Artefakte, Symbole und deren Deutung zum Spektrum von Erinnerungsorten. Zentral für den kulturellen Wert von Erinnerungsorten ist die Frage nach ihren verschiedenen identitätsstiftenden Funktionen und ihrer Symbolkraft für die jeweilige Gruppe. Daher genügt es nicht, Erinnerungsorte nur zu beschreiben, sondern es geht auch darum, die Art und Weise des Erinnerns als Erinnerungskultur in ihren nationalen Kontexten zu begreifen, die sich in verschiedenen Medien und in sehr unterschiedlichen fachspezifischen Ausprägungen – darunter den Literatur- und Kulturwissenschaften, zunehmend aber auch in der Fremdsprachendidaktik sowie der Museumspädagogik – zusammensetzt.

Der vorliegende Band Erinnerungsorte und Erinnerungskulturen interdisziplinär mit insgesamt 14 Beiträgen aus sehr unterschiedlichen Fachgebieten sowie zwei Gesprächen mit Autoren erscheint in der Reihe „Perspektiven der Literatur- und Kulturwissenschaft“ im Peter Lang Verlag (herausgegeben von Grażyna Krupińska, Renata Dampc-Jarosz und Zbigniew Feliszewski, Humanistische Fakultät, Institut für Literaturwissenschaft/Germanische Philologie in Sosnowiec). Er versammelt Vorträge der im Mai 2021 an der Schlesischen Universität in Katowice (in Kooperation mit der Universität des Saarlandes und der Staatlichen Iwan-Franko-Universität Zhytomyr/Ukraine) organisierten gleichnamigen Online-Konferenz „Erinnerungsorte und Erinnerungskulturen interdisziplinär – fachspezifische und fachdidaktische Annäherungen“.1 Ziel der Konferenz war es, Erinnerungsorte als „verdichtete Erinnerung“ und deren Konstruktion in interdisziplinärer Perspektive zu beschreiben, kritisch zu würdigen und für einen internationalen (und somit kontrastiven) Austausch durch interkulturelle Fragestellungen fruchtbar zu machen. Der Band wird zudem durch Texte ergänzt, die durch die Konferenzdiskussionen angeregt wurden oder parallel dazu entstanden sind. Dabei werden sowohl fachtheoretische als auch (grenz-)regionale Schwerpunkte gesetzt.

Der in zwei Hauptkategorien – Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik und Kultur- und Literaturwissenschaft – unterteilte Band wird mit dem sprachraumübergreifenden Beitrag von Roland Marti eröffnet. Der Saarbrücker Slavist und Sorabist geht dem Phänomen „Sprache(n) als Erinnerungsort(e)“ nach. Er verweist dabei auf die Tatsache, dass nicht nur Sprachen als Ganzes oder in Teilaspekten, sondern Schrift bzw. das Alphabet (das gilt auch für die Orthographie in ihrer sprachpolitischen Dimension) als Erinnerungsort fungieren können. Das Interesse des Autors gilt hierbei der Slavia orthodoxa, in der kyrillische Schrift vorherrscht (anders als in der Slavia romana mit der lateinischen Schrift), und die in verschiedenen ost- und südslavischen Sprachen zu einem besonderen Erinnerungsort wird. Abschließend zeigt Marti auf, wie Sorbisch als westslavische Sprache und autochthone Minderheitensprache in Deutschland durch den Einfluss des Deutschen (auch in der Orthographie) „von anderen Slavischsprachigen in diesem Bereich oft als nicht-slavisch oder sogar als deutsch empfunden [wird].”

Das Kapitel „Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik“ enthält Beiträge, die in zwei thematische Untergruppen unterteilt sind. In Erinnerungsmuster in Textsorten und Diskursen wird der Erinnerungsdiskurs aus drei sehr unterschiedlichen fachlichen Perspektiven beleuchtet, nämlich mediendiskursanalytisch, sprachpolitisch und translatorisch. Georg Schuppener beschäftigt sich in seinem Beitrag „‘Wir sind Cherusker’. Aneignung der germanischen Vergangenheit im Rechtsextremismus – dargestellt am Beispiel des Arminius, der Cherusker und der Varusschlacht” mit dem Rückgriff auf eindeutig völkische Symbole im subkulturellen Rechtsextremismus (insbesondere: das Hermannsdenkmal). Diese Bezugnahmen, die von Verherrlichung durch rechtsextreme Musik über ein reiches Warenangebot von rechten Internetversendern bis hin zur Verarbeitung in der rechten Publizistik und Literatur reichen, haben für die Mitglieder dieser Szene eine identitätsstiftende Funktion, was zeigt, „dass zugleich das stereotype Arminius-Bild dem rechtsextremen Selbstbild entspricht.” Claudia Polzin-Haumann thematisiert in ihrem Beitrag „Von Erinnerungs- zu Begegnungsorten: ein Projektbericht aus dem Saarland“ die SaarLorLux-Grenzregion als einen mehrfach kodierten Erinnerungs- und Begegnungsort. Am Beispiel des interdisziplinären Projekts ExpoSaar werden Sprach- und Kulturkontaktphänomene in der saarländischen Grenzregion aufgezeigt, die die Erinnerung und Identität der dort lebenden Menschen geprägt haben oder immer noch prägen. Ein besonderes Anliegen des Projekts ist die Förderung der französischen Sprachkompetenzen (im Rahmen der Frankreichstrategie des Saarlandes) und die Stärkung des inter- und mehrkulturellen Bewusstseins der jungen Generation. Im Beitrag „Erinnerungsorte und -kulturen als Übersetzungsproblem am Beispiel des Drehbuchs von Siegfried Lenz’ Jugendroman Der Überläufer“ bietet Aleksandra Rduch einen Einblick in die eigene Übersetzerwerkstatt, indem sie den sprachlichen Besonderheiten als Ausdruck ideologischer bzw. individueller Erinnerungsorte im Drehbuch zum Roman Der Überläufer, das als Grundlage für die Textanalyse gebraucht wird, nachgeht. Rduch zeigt auf, wie Sprache zum ideologischen Werkzeug missbraucht wird, aber auch als Medium ethnischer und kultureller Zugehörigkeit fungieren kann.

Das Unterkapitel Sprache(n) und Sprachvermittlung: Erinnerungsorte im DaF-Unterricht umfasst vier fachdidaktisch orientierte Beiträge. Jörg Roche stellt in seinem Beitrag „Erinnerungsorte als Instrument einer transdifferenten Kulturwissenschaft in Deutsch als Fremdsprache“ das Konzept der Transdifferenz und dessen Operationalisierung für den Fremdsprachenunterricht ins Zentrum. Der Autor zeigt auf, „wie eine didaktisch sinnvolle Synthese der Kultur- und Sprachvermittlung das authentische Beziehungsgeflecht von Sprache und Kultur im ‘richtigen Leben’ abbilden kann” und plädiert für die Behandlung von Erinnerungsorten im DaF-Unterricht – auch außerhalb der „Erinnerungsorte der deutschen Geschichte, wie sie im Rahmen einer ‘traditionellen Landeskunde’ vorgenommen würde […].” Der transdifferente Ansatz stelle ein geeignetes Instrument dar, durch das die „Schein-Binarität vom Eigenen und Fremden kritisch behandelt und reflektiert werden soll.” Sebastian Chudak geht in seinem Beitrag „Der Erinnerungsort Die Mauer 30 Jahre nach dem Mauerfall. Eine Bestandsaufnahme im Kontext des DaF-Unterrichts“ auf die Bedeutung und das Potenzial von Erinnerungsorten zur Förderung interkultureller Kompetenz und Diskursfähigkeit durch die Beschäftigung mit historischen Ereignissen im DaF-Unterricht ein. Dabei reflektiert er über den Aktualitätsbezug und die Relevanz des Mauerfalls, der im deutschen und polnischen Erinnerungsdiskurs aufgrund von Ost-West-Asymmetrien teilweise unterschiedlich wahrgenommen bzw. realisiert wird. Die Ergebnisse einer eigens durchgeführten, teilweise bildgestützten Umfrage zu konkreten Wissensbeständen polnischer DaF-Lernender im Germanistikstudium an drei polnischen Universitäten über die Berliner Mauer und die Darstellung des Mauerfalls als vieldimensionalem Erinnerungsort, jedoch „in kurstragenden DaF-Lehrwerken mit dem Fokus auf die Entwicklung von Sprachkompetenzen“ (im Gegensatz zu kursunabhängigen Lernmaterialien), bilden den praktischen Teil dieses Beitrags. Elisabeth Venohr greift in ihrem Beitrag „Interkulturelle Begegnung(en) und Erinnerungsorte: Linguistic Landscape in Grenzregionen“ die Frage nach der Präsenz und Funktion von Mehrsprachigkeit in öffentlichen Räumen am Beispiel der deutsch-französischen Grenzregion im Saarland auf und illustriert an einigen ausgewählten Beispielen die didaktische Nutzbarmachung dieses interkulturellen Begegnungsortes mit seiner spezifischen Sprachenwahl und Mehrsprachigkeitspraxis mit Rückgriff auf das soziolinguistische Konzept der „Sprachlandschaften“ (oder auch Linguistic Landscape). Der Beitrag „Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau als Erinnerungs- und Lernort“ von Mariusz Jakosz rundet das sprachwissenschaftlich-didaktische Kapitel ab. Der Autor betont darin die besondere Relevanz der Vorbereitungsphase beim Besuch einer Gedenkstätte, die sowohl organisatorische als auch inhaltliche und vor allem emotionale Ebenen berühren sollte. Der analytische Teil präsentiert die Umfrageergebnisse unter Schülerinnen und Schülern einer polnischen Grundschule zum Thema „Holocaust“ und zum vorangegangenen Besuch im Museum Auschwitz-Birkenau. Sie zeigen, dass die polnischen Jugendlichen die Bedeutung der Erinnerung an den Holocaust als wichtig erachten. Die Umfrage bestätigt auch, dass das im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau verfolgte Erinnerungskonzept, das großen Wert auf Symbole legt (persönliche Dinge der Häftlinge wie Fotos, Kleider oder abgeschnittene Haare), für die Schülerinnen und Schüler den gewünschten affektiven Effekt und somit das Lernziel nachhaltig erreicht.

Auch das zweite Kapitel des vorliegenden Bandes zur „Kultur- und Literaturwissenschaft“ besteht aus zwei Unterkapiteln, in die der Beitrag „Erinnerung der Geschichte der deutschen Gemeinde in Wolhynien: die Bestände des Staatlichen Archivs des Gebiets Zhytomyr“ von Mykola Lipisivitskyi und Serhiy Stelnykovych einführt. Die Autoren beschäftigen sich mit Erinnerungskultur und deren Instrumentalisierung, also einem Thema, das durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine 2022 wieder an Brisanz gewonnen hat. Seit der Erlangung der Unabhängigkeit im Jahre 1991 wächst in der Ukraine das Bedürfnis nach einer neuen und objektiven Herangehensweise an die eigene, lange Zeit manipulierte Geschichte und Erinnerungskultur. Grundlage für das hier beschriebene Projekt sind die bisher geheim gehaltenen Bestände des Staatlichen Gebietsarchivs Zhytomyr. Anhand der aufgefundenen Materialien zeichnen die beiden Autoren zum einen die Geschichte der Wolhyniendeutschen im Gebiet Zhytomyr nach, zum anderen geben sie Einblick in die Propagandamechanismen der Nazis zur Zeit der dortigen Besatzung im Zweiten Weltkrieg.

Dem Thema Schlesische Erinnerungsorte sind zwei Beiträge von Mitarbeiterinnen der Germanistikabteilung an der Schlesischen Universität in Katowice (Sosnowiec) gewidmet. Grażyna Barbara Szewczyk nimmt in „(Ober)schlesische Erinnerungsorte in literarischen Texten von Horst Bienek und Wolfgang Bittner“ die literarischen Texte von zwei aus dem oberschlesischen Gleiwitz stammenden Autoren zum Anlass, den Begriff der Erinnerungskultur im oberschlesischen Kontext zu ergründen und stellt fest – ähnlich wie die eingangs zitierte Lou Andreas-Salomé –, dass das Erinnern für beide Autoren keine passive Wiederherstellung des Vergangenen, sondern den kreativen Akt einer neuen Wahrnehmung bedeutet. In ihrem Beitrag „Polnische (?) Nachkriegslager in Oberschlesien. Konturen eines erinnerungsorientierten Forschungsansatzes“ verweist Nina Nowara-Matusik auf ein kontrovers diskutiertes Thema in der polnischen Geschichte. Die Autorin analysiert historische und ästhetische Formen des Erinnerns an die Lager in Oberschlesien nach 1945 und gelangt zu dem Fazit, dass die polnische Geschichtsschreibung diese Lager hauptsächlich als „Arbeitslager“ bezeichnet und erinnert. Polnische Autor:innen von Reportagen oder belletristischen Werken sprechen oftmals von „polnischen Konzentrationslagern“. Die Bewusstmachung der bislang tabuisierten und traumatischen Lagererfahrung vieler Oberschlesier ist, laut Nowara-Matusik, der erste Schritt zur Überwindung und Integrierung des kollektiven Gefühls des erlittenen Unrechts und entzieht hasserfüllten und revanchistischen Ideologien ihren Nährboden.

Im letzten Unterkapitel dieses Konferenzbandes geht es um „verschüttete“ und „verblasste“ mitteleuropäische Erinnerungsorte. Im Beitrag „Filip Springer: Kupferberg. Der verschwundene Ort. Ein Memento für die Provinz, ein Memento für die verschwundene Mitte Europas“ entdeckt Hans-Christian Trepte das Buch des polnischen Reporters und Fotografen Filip Springer, das für ihn nicht nur eine Erinnerung an einen verschwundenen Ort, dessen Geschichte und die Schicksale seiner Bewohner ist. Der Leipziger Polonist verweist dabei auf „die gewaltigen Veränderungen, den schmerzhaften Verlust wie auch das plötzliche Verschwinden ganzer historischer und kultureller Räume in ihrer Einmaligkeit und Spezifik.” Um ostmitteleuropäische Erinnerungsorte mit bewegter Geschichte geht es in dem Beitrag „Das Hultschiner Ländchen und Teschener Schlesien mit ihren Erinnerungsorten in den Prosatexten von Ota Filip und den Memoiren von Frank Sikora und Christl Lanz“ von Jan Kubica. Es wird die Problematik der Koexistenz mehrerer Nationalitäten im Hultschiner Ländchen, Ostrauer Gebiet und Teschener Schlesien dargestellt, wobei ein besonderes Gewicht auf die verlorengegangene Mehrsprachigkeit dieser Gebiete gelegt wird. Der letzte Beitrag „Die Bodenfliese als Erinnerungsort. Zum Roman Korzeniec von Zbigniew Białas” von Grażyna Krupińska zeigt, wie Literatur zum identitätsstiftenden Medium und Träger des kulturellen Gedächtnisses werden kann. Der über die Anfänge der Grenz- und Industriestadt Sosnowiec erzählende Roman Korzeniec (2011) von Zbigniew Białas schuf einen Gründungsmythos der Stadt und dient seitdem deren Bewohner:innen als ein wichtiges Identifikationsangebot. Die im Roman beschriebene Bodenfliese wird auch in der gleichnamigen szenischen Adaptation im Bühnenstück Korzeniec (2012) im Teatr Zagłębia in Sosnowiec eine wichtige Rolle spielen. Für die Online-Konferenz wurde eigens ein autorisierter Mitschnitt des Stückes im polnischen Original mit deutschen Untertiteln versehen und den Teilnehmer:innen im abendlichen Kulturprogramm präsentiert. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) durch seine finanzielle Unterstützung und die Germanistikabteilung unter der Leitung von Prof. Dr. Zbigniew Feliszewski ermöglichten diese einzigartige institutionenübergreifende Kooperation.

Im abschließenden Kapitel – „Autorengespräche“ – geht es um zwei während der Konferenz durchgeführte Interviews, die für die vorliegende Publikation transkribiert und nur geringfügig gekürzt wurden. Das Gespräch mit Zbigniew Białas als Autor von Korzeniec (2011) war der o.g. Bühnenbearbeitung (Regie Remigiusz Brzyk) seines Roman-Debüts vorgeschaltet. Der Anglist an der Schlesischen Universität erzählt in dem Interview unter anderem über seine schriftstellerischen Anfänge und den sog. richtigen Moment, den seine Geschichte der an der Grenze zweier Kaiserreiche gegründeten Stadt Sosnowiec traf: […], als die Sosnowiecer immer mehr das Bedürfnis verspürten, sich selbst zu definieren und auf etwas stolz zu sein.“ In dem Interview mit Matthias Steinbach, das teilweise auch die Form einer Lesung hatte, geht es um dessen 2020 erschienenes Buch »Also sprach Sarah Tustra«. Nietzsches sozialistische Irrfahrten. Der Braunschweiger Historiker verweist darauf, dass Nietzsche für die Deutschen schon immer ein unbequemer Geist war, seine Rezeption im SED-Staat aber „Kuriosum und Politikum zugleich“, der Philosoph ein Prä-Faschist und Vordenker des politischen Irrationalismus, ein „negativer Erinnerungsort“ par excellence. Steinbach unterstreicht aber auch, dass sowohl während der Nazi-Herrschaft, als auch zu DDR-Zeiten, eine andere, subversive Lesart Nietzsches möglich war. Beide Autorengespräche rahmen die Fachbeiträge, indem sie neuartige, teilweise auch konträre Diskurse und Lesarten von Erinnerungsorten in Deutschland und Polen thematisieren und zu Anschlussdiskussionen einladen.

Unser besonderer Dank gilt dem Dekan der Humanistischen Fakultät an der Schlesischen Universität in Katowice, Prof. Dr. Adam Dziadek, für die freundliche institutionelle Unterstützung. Für die Finanzierung der Druckkosten dieses Konferenzbandes durch den Internationalisierungsfonds der Universität des Saarlandes (im Rahmen der Hochschulallianz Transform4Europe) danken wir den Mitgliedern des Internationalisierungsausschusses und des Präsidiums. Außerdem möchten wir uns bei all denjenigen bedanken, die dieses interdisziplinäre Projekt erst ermöglicht haben, darunter Prof. Dr. Renata Dampc-Jarosz, Prodekanin der Humanistischen Fakultät an der Schlesischen Universität, dem Teatr Zagłębia in Sosnowiec für die fruchtbare Kooperation, die auf den Abteilungsleiter der Filologia Germańska in Sosnowiec, Prof. Dr. Zbigniew Feliszewski zurückgeht, Przemysław Majewski für die technische Vorbereitung der deutschen Untertitel beim Mitschnitt von Korzeniec und nicht zuletzt allen Autor:innen für ihre Mitwirkung an diesem grenzenüberschreitenden Sammelband im Zeichen friedensstiftender europäischer Erinnerungsorte.

Sosnowiec/Saarbrücken im Juli 2025

Details

Seiten
316
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783631928585
ISBN (ePUB)
9783631934685
ISBN (Hardcover)
9783631883990
DOI
10.3726/b22725
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (März)
Schlagworte
Archive DaF-Unterricht Erinnerung und Gedächtnis Grenzregionen Mehrsprachigkeit Oberschlesien Sprache(n)
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 316 S., 6 farb. Abb., 40 s/w Abb.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Elisabeth Venohr (Band-Herausgeber:in) Grażyna Krupińska (Band-Herausgeber:in)

Elisabeth Venohr ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache der Universität des Saarlandes. Ihre Forschungsschwerpunkte: Textlinguistik / Kontrastive Textologie und Textsortendidaktik in DaF / DaZ, Fachsprachendidaktik, Wissenschaftliches Schreiben und Schreiben in DaF / DaZ, Interkulturelle Kommunikation, Mehrsprachigkeitsdidaktik und interkulturelles Lernen, Deutsch-französischer Dialog. Grażyna Krupińska ist Literaturwissenschaftlerin und Germanistin. Sie arbeitet am Literaturwissenschaftlichen Institut der Schlesischen Universität in Katowice. Seit 2023 ist sie Redakteurin der Zeitschrift „Wortfolge. Szyk Słów ”. Ihre Forschungsschwerpunkte: deutschsprachige Schriftstellerinnen der Jahrhundertwende, Gender- und Männlichkeitsforschung.

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Titel: Erinnerungsorte und Erinnerungskulturen interdisziplinär – fachspezifische und fachdidaktische Annäherungen