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Im Spannungsfeld zwischen Konflikt und Versöhnung

Die Netzwerke Gilbert Badias und der deutsch-deutsch-französische Kulturtransfer

von Imke Schultz (Autor:in)
©2026 Dissertation 664 Seiten

Zusammenfassung

Diese Studie befasst sich mit der Mittlerfigur Gilbert Badia (1916–2004) und seinen Netzwerken innerhalb der konflikthaften deutsch-deutsch-französischen Beziehungen.
Seit den 1940er-Jahren etabliert sich um Gilbert Badia – in seiner Rolle als Übersetzer, Universitätsprofessor, Germanist und Historiker – ein diachrones Geflecht aus Personen- und Textnetzwerken, in dem spezifische Diskurse und Wahrnehmungsschemata zirkulieren. Am Beispiel des Akteurs Badia zeigt sich eine zentrale Problematik, der sich im 20. Jahrhundert zahlreiche Mittler:innen ausgesetzt sahen: das Bemühen, kritisches Denken und die Treue zu einem (politischen) Ideal miteinander zu vereinbaren. Badias Engagement steht exemplarisch für eine Epoche großer ideologischer Hoffnungen, für intellektuelle Auseinandersetzungen und utopische Projektionen über kulturelle und nationale Grenzen hinweg. Es eröffnet den Blick auf die ambivalenten Verflechtungen zwischen Partei, Staat und Individuum sowie auf die Frage, wie Geschichte erinnert, verdrängt oder neu verhandelt wird.

Inhaltsverzeichnis

  • Abdeckung
  • Titelblatt
  • Copyright-Seite
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Danksagung
  • Abkürzungsverzeichnis
  • I. Einleitung
  • 1-1. Begründung des Forschungsthemas
  • 1-2. Stand der Forschung und Quellenlage
  • 1-2-1. Internetquellen
  • 1-2-2. Archivarbeit
  • 1-2-3. Kontakte mit Zeitzeug:innen
  • 1-3. Methodik und Aufbau der Arbeit
  • Teil 1 Theoretische Analyse
  • II. Methodische Grundlagen
  • 2-1. Der Kulturbegriff im Wandel
  • 2-2. Kulturtransfer und histoire croisée
  • 2-2-1. Die Anfänge der Kulturtransferforschung und deren Weiterentwicklung
  • 2-2-2. Weiterentwicklungen des Ansatzes: Histoirée croisée als Lösung aller konzeptuellen Probleme?
  • 2-2-3. Die Interdependenzen von Selbst- und Fremdbildern
  • 2-2-4. Vom Gegner lernen – Feindschaft als Antrieb für Lernprozesse
  • 2-3. Der Mittlerbegriff
  • 2-3-1. Der traditionelle Mittlerbegriff
  • 2-3-2. Problematik der traditionellen Definition
  • 2-3-3. Erweiterung des Mittlerbegriffs
  • 2-4. Das intellektuelle Feld
  • 2-4-1. Der Netzwerkbegriff als neue Leitkategorie in der Analyse internationaler Beziehungen?
  • 2-4-2. Die Arbeiten Hans Manfred Bocks und Sirinellis
  • 2-4-3. Bruno Latour und die Akteur-Netzwerk-Theorien (Ant)
  • III. Historische Annäherungen
  • 3-1. Die Geschichte der DDR als Streitgeschichte – Tendenzen in der Forschung
  • 3-2. Allgemeine geschichtliche Eckdaten
  • 3-3. Deutsch-deutscher Legitimationswettstreit
  • 3-4. Von „Erbfeinden“ zu besten Freunden? Die Eingliederung der BRD ins westliche Bündnissystem
  • 3-5. „La bonne Allemagne“ – Zwischen Utopie und Realität
  • 3-5-1. Die Zwei-Deutschland-Theorie als Leitmotiv
  • 3-5-2. Der PCF als Türöffner zur französischen Gesellschaft?
  • 3-5-3. Einschränkende Rahmenbedingungen
  • 3-6. „Die süßeste Versuchung, seit es Klassenfeinde gibt“ – Frankreichs Anziehungskraft auf die DDR
  • 3-7. Zusammenfassung und Überleitung
  • Teil 2 Empirische Analyse
  • IV. Die jungen Jahre: Prägende Erfahrungen und der Grundstein für spätere Netzwerke bis 1944
  • 4-1. Badia im nationalsozialistischen Deutschland
  • 4-2. Die Widerstandserfahrung als Schlüsselereignis
  • 4-3. Einordnung und Überleitung
  • V. Periode 1944–1960: Von der Euphorie der Nachkriegszeit zur eskalierenden Systemkonkurrenz
  • 5-1. Personennetzwerke
  • 5-1-1. Verankerung des Ehepaares Badia im kommunistischen Milieu
  • 5-1-2. Der Heine Kreis
  • 5-1-3. Anfänge als Marx-Übersetzer
  • 5-1-4. Badia im Brecht-Übersetzer: innen-Stab
  • 5-2. Textgewebe
  • 5-2-1. Im Einsatz für das neue Deutschland
  • 5-2-2. Erste Marx-Engels-Übersetzungen
  • 5-2-3. Entstehung eines neuen Textgewebes: Brecht
  • 5-2-4. Übersetzungen, Rezeption und Weiterverbreitung Brechts
  • 5-2-5. Zwischenfazit und Einordnung der Bedeutung von Badias Engagement
  • 5-3. Transit und Zwischenfazit
  • VI. Periode 1961–1972: Ausbau der Tätigkeitsfelder & der Netzwerke
  • 6-1. Personennetzwerke
  • 6-1-1. Badias Streben nach einem Platz im Universitätsmilieu: zur Situation der französischen Germanistik nach 1945
  • 6-1-2. Kontaktbörse Kommunismus
  • 6-1-3. Hin zu einer Führungsrolle bei den Marx-Übersetzer:innen
  • 6-2. Textuelle Netzwerke
  • 6-2-1. „Mein Bruder würde noch leben“: Festigung der Interpretationsmuster Badias
  • 6-2-2. Die Entstehung des Textfeldes rund um Rosa-Luxemburg
  • 6-2-3. Marx-Engels-Übersetzungen
  • 6-2-4. Im Einsatz für Brecht: weitere Übersetzungen und Artikel
  • VII. Periode 1973–1982: Alle Wege führen …. zu Badia – Etablierung als zentrale Leitfigur
  • 7-1. Personennetzwerke
  • 7-1-1. Badias neue Wirkungsstätte: Paris Vincennes
  • 7-1-2. Direkte Kontakte in der DDR
  • 7-1-3. Zunehmende Distanzierung von der offiziellen Linie des PCF
  • 7-1-4. Alfred Grosser und Gilbert Badia: produktive Antagonisten
  • 7-1-5. Annäherung mit anderen Rosa-Luxemburg Forscher:innen
  • 7-1-6. Marx-Umfeld
  • 7-1-7. Die Entstehung einer neuen Arbeitsgruppe: deutschsprachiges Exil und Widerstand unter Hitler
  • 7-2. Textgewebe
  • 7-2-1. Rezeption der DDR
  • 7-2-2. ,,Les barbéles de l’exil: Études sur l’emigration allemande et autrichienne’’: Vermitteltes Weltbild
  • 7-2-3. Rosa Luxemburg
  • 7-2-4. Marx-Übersetzungen
  • 7-2-5. Weitere Brecht-Übersetzungen und Publikationen
  • VIII. Periode 1982–1990: Auf dem Weg zu einer nuancierteren Herangehensweise
  • 8-1. Personennetzwerke
  • 8-1-1. Der Beginn des Austausches Paris Vincennes – Humboldt-Berlin
  • 8-1-2. Direkte Kontakte in der DDR
  • 8-1-3. Die Entstehung der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft
  • 8-2. Textgewebe
  • 8-2-1. Fonds RDA & Laboratoire de recherches Histoire de la RDA
  • 8-2-2. „Aber das ist ja ein feindliches Buch!“: Hin zu einer nuancierten Wahrnehmung der DDR
  • 8-2-3. Fortführung der Exil- und Widerstandsforschung
  • 8-3. Ausbau weiterer Textnetzwerke um Marx, Luxemburg und Brecht
  • IX. Periode 1990–2003: Neue Realitäten und alte Kämpfe Neue Realitäten und alte
  • 9-1. Personengewebe
  • 9-2. Textgewebe
  • 9-2-1. Folgen der deutschen Wiedervereinigung: Das Aufleben alten Misstrauens „L’Allemagne inquiète et inquiétante“
  • 9-2-2. Exil und Widerstand: ein fundamentaler Themenkomplex
  • 9-3. Weitere Textproduktionen zu bereits etablierten Themenkomplexen
  • 9-3-1. Die Zeit der Biographien
  • 9-3-2. Badia als Marx-Experte
  • 9-3-3. Brecht
  • X. Was bleibt heute?
  • 10-1. „C’est pour demain… c’est pour jamais!“ Nachrufe und Reaktionen auf den Tod Badias
  • 10-2. Fortbestehen der von Badia beeinflussten Netzwerke im 21. Jahrhundert
  • 10-2-1. Wissenschaftlicher Nachlass und Kollaborationen
  • 10-3. Polemik um die Einordnung Badias
  • XI. Schluss
  • Bibliographie
  • XII. Annexes
  • Index

Vorwort

Die Idee zu dieser Arbeit entwickelte sich im Laufe meines deutsch-französischen Masterstudiums in Aix-en-Provence und Tübingen und während eines Kolloquiums in Cerisy la Salle im Juni 2015. Die Entwicklung von transkulturellen Beziehungen im Allgemeinen und besonders die involvierten Akteur:innen, die über „den Anderen” schreiben, sprechen, Netzwerke aufbauen, zogen mich in den Bann. So widmete ich meine Arbeiten Jean Girdaudoux’ Deutschlandbild und Friedrich Sieburgs „Gott in Frankreich”.

Inspiriert von Frau Prof. Dr. Nicole Colins Arbeiten beschäftigte ich mich intensiv mit den Fragestellungen der Mittlerforschung und den Akteur:innen, die innerhalb der deutsch-französischen Beziehungen eine wichtige Rolle spielen. Für mich standen zwei Aspekte fest: Ich wollte mich einerseits mit Persönlichkeiten beschäftigen, die bisher nicht in öffentlichen Narrativen als Mittlerfiguren normativ zelebriert wurden. Zweitens fiel mir schnell auf, dass die DDR in vielen historischen (Mittler-)Studien zu den deutsch-französischen Beziehungen ausgeklammert worden war. Ich war erstaunt, wie viele „blinde Flecken“ insbesondere in den ostdeutsch-französischen Beziehungen weiterhin existierten. Und so stieß ich sehr schnell auf den Namen Gilbert Badia, dessen Lebensgeschichte und Engagement mich unmittelbar faszinierten. Gemeinsam mit Nicole Colin entschied ich mich dafür, diesen Akteur nicht ausschließlich vor dem Hintergrund einer biographischen Perspektive zu analysieren. Vielmehr erschien es mir notwendig, in meiner Forschung eine Netzwerkanalyse durchzuführen und damit weiteren mit Badia verbundenen Akteur:innen Sichtbarkeit zu verleihen. Dieser Ansatz ermöglichte es zudem, transkulturelle Dynamiken nachzeichnen zu können. Es erschien mir essenziell, das komplexe und (bis heute) umstrittene Engagement Badias in dieser historisch hoch explosiven Zeit ohne normative Zuschreibungen zu analysieren.

Wer sich mit einem solch vielschichtigen Mittler wie Gilbert Badia beschäftigt, kommt nicht umhin, sich jenen Fragen zu stellen, mit denen intellektuelle Akteur:innen im 20. Jahrhundert immer wieder konfrontiert waren. Dies betrifft insbesondere die Herausforderung, kritisches Nachdenken und die Treue zu einem (politischen) Ideal miteinander zu vereinbaren, ebenso wie die Untersuchung individueller biographischer Prädispositionen, die das Interesse am „Anderen“ prägen. Es geht ferner darum, Aspekte wie Konflikte, Ambivalenzen und staatliche Beeinflussung als notwendige, nicht als störende Bestandteile des Kulturtransfers zu begreifen. Nicht zuletzt drängen sich Fragen auf nach der spezifischen Rolle staatlicher oder parteiischer Einflussnahme in ideologisch aufgeladenen Epochen und der retrospektiven Selbstreflexion der Beteiligten.

Die Geschichte Badias zeichnet nicht nur die (ost-)deutsch-französischen Beziehungen nach. Sie ermöglicht zudem Einblicke in die Organisation des französischen Widerstandes im 2. Weltkrieg und die Entwicklung des französischen Kommunismus im 20. Jahrhundert. Darüber hinaus ist Badias Engagement ein Zeitzeugnis von (ideologischen) Träumen, der Sehnsucht nach einer anderen Gesellschaftsordnung, intellektuellen Machtkämpfen, utopischen transkulturellen Projektionen, Interferenzen zwischen Partei, Staat und Individuum, sowie der Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit.

Die vorliegende Arbeit geht diesen Fragen auf den und zielt weiterhin darauf ab, das Engagement Badias und der ihn umgebenen Persönlichkeiten sichtbar zu machen und damit ihre Rolle in den ostdeutsch-französischen Beziehungen anzuerkennen. So viel sei an dieser Stelle inhaltlich zur Arbeit vorausgeschickt.

Danksagung

Was die Fertigstellung der Arbeit betrifft, so bin ich verschiedenen Personen zu Dank verpflichtet. Meinen beiden Doktormüttern Prof. Dr. Nicole Colin und Prof. Dr. Dorothee Kimmich in Aix-en-Provence und Tübingen, deren wertvolle Unterstützung bei der Konzeption und Weiterentwicklung dieses Vorhabens mir stets Orientierung bot. Ihre fachliche Expertise und wertvollen Ratschläge begleiteten mich kompetent durch die Herausforderungen dieser binationalen Promotion. Weiterhin möchte ich einen besonderen Dank an Prof. Dr. Florence Baillet und Prof. Dr. Christoph Vatter aussprechen, die sich mit großem Engagement und wertvollen Kommentaren in den Begutachtungsprozess eingebracht haben. Ihre kritischen Rückfragen und fachlichen Anregungen haben diese Arbeit maßgeblich bereichert und verfeinert.

Großer Dank gebührt der Aix Marseille Université, sowie der Deutsch-Französischen Hochschule für die finanzielle Förderung meines Vorhabens.

Mein herzlicher Dank gilt außerdem all jenen, die sich zu einem persönlichen Austausch bereit erklärt, mich offen empfangen und der Veröffentlichung ihrer wertvollen Erfahrungsberichte zugestimmt haben: Dr. Jean Mortier, Dr. Hélène Roussel, Prof. Dr. Claude Mazauric, Prof. Dr. André Burguière (in memoriam), Prof. Dr. Jean-Claude François (in memoriam), Dr. Renate Lance Otterbein, Alain Lance und Roland Simon. Weiterhin herzlichen Dank für den interessanten Austausch an Nicole Bary, Dr. Jean-Louis Leprêtre, Prof. Dr. Jean-Louis Besson, Dr. Rudolf Rach, Prof. Dr. Johannes Großmann, Prof. Dr. Thomas Keller.

Durch meine Promotion durfte ich Doktorand:innen kennenlernen, die mich durch ihr Wissen und ihre Persönlichkeit tief beeindruckt haben: Dr. Theresa Wagner, Dr. Thomas Nolte, Dr. Antonio Piccolomini D’Aragona, Dr. Suzanne Canessa-Lay, Dr. Yulia Yurchenko und Dr. Nuria Verdet.

Diese Arbeit wäre ohne die bedingungslose Unterstützung und das tiefe Verständnis der Menschen, die mir am nächsten stehen, nicht möglich gewesen. Meiner großen und wunderbaren Familie danke ich von Herzen, dass sie Höhen und Tiefen dieses Weges immer mit mir geteilt haben: zuallererst meinen Eltern, meiner Oma, meinem Bruder Torben und Janna, Simone und Christian, Sarah und Matthias, Jonas und Cúc.

Ein unendliches Danke geht an meinen großartigen Freund:innen für jedes offene Ohr und dafür, dass sie mir stets das Gefühl gegeben haben, nicht allein zu sein, besonders an: Isabel, Meike, Sarah-Anne, Andrea, Eric, Natalie, Theresa, Amélie, Nuria, Suzanne, Mareike, Maria, Max und den Super-Girls.

Leandro danke ich für alles. Du warst in dieser Zeit nicht nur mein größter Unterstützer, sondern auch mein dringend benötigter Ruhepol.

Abkürzungsverzeichnis

AGESAssociation des germanistes de l’enseignement supérieur (Verband französischer Hochschulgermanist:innen)

BnFBibliothèque nationale de France (Französische Nationalbibliothek)

BRD – Bundesrepublik Deutschland

CAPESCertificat d’Aptitude au Professorat de l’Enseignement du Second Degré (Befähigungszeugnis für das Lehramt an weiterführenden Schulen in Frankreich)

CDU – Christlich Demokratische Union Deutschlands

CDRDAConnaissance de la République Démocratique Allemande (von 1973–1991 existierende, von Gilbert Badia lancierte Zeitschrift mit Fokus DDR)

CNRSCentre national de la recherche scientifique (renommierte französische Forschungsorganisation)

DDR – Deutsche Demokratische Republik

FTP-MOIFrancs-tireurs et partisans – main d’œuvre immigrée (Widerstandsgruppe in der französischen Résistance)

ENSÉcole normale supérieure (Elitehochschule des französischen Hochschulsystems)

FKP – Französische Kommunistische Partei (= PCF)

GESTAPO – Geheime Staatspolizei

KPD – Kommunistische Partei Deutschlands

MaitronDictionnaire biographique du mouvement ouvrier, du mouvement social (Biographisches Wörterbuch der Arbeiterbewegung und der sozialen Bewegung, französisches Projekt)

MEGAMarx-Engels-Gesamtausgabe

MfS – Ministerium für Staatssicherheit (DDR)

PCF – Parti communiste français (Französische Kommunistische Partei)

PDS – Partei des Demokratischen Sozialismus

RDA – République Démocratique Allemande (DDR)

RFA – République fédérale d’Allemagne

SA – Sturmabteilung (paramilitärische Kampforganisation der NSDAP)

Schupo – Schutzpolizei (uniformierte Polizei der Länder, im Nationalsozialismus gleichgeschaltet)

SED – Sozialistische Einheitspartei Deutschlands

SPD – Sozialdemokratische Partei Deutschlands

Stasi – Ministerium für Staatssicherheit (der DDR)

SU – Sowjetunion (informelle Abkürzung, die oft synonym mit UDSSR verwendet wurde)

TATravail Allemand (Widerstandsbewegung in Frankreich während des 2. Weltkrieges)

UDSSR – Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken

USA – Vereinigte Staaten von Amerika

ZK – Zentralkomitee (zentrales Organ der SED)

Kapitel 1 Einleitung

1-1. Begründung des Forschungsthemas

Es ist nur ein kleiner Satz des französischen Politikers Jean-Luc Mélenchon, den er Ende Oktober 2019 twittert, aber dieser erregt großes Aufsehen. Als Reaktion auf die Titelseite der Le Monde diplomatique, welche die Wiedervereinigung nach 1989 als Annexion bezeichnet, äußert sich der Gründer von La France insoumise dementsprechend: „Enfin le mot juste pour nommer ce qui s’est passé il y a trente ans. Une violence qui n’en finit plus de se payer.“1 Eingeladen von France Inter am 04.11.2019, bezieht Daniel Cohn-Bendit Stellung zu Mélenchons Aussagen und verurteilt diese aufs schärfste: „Qu’on arrête ces bêtises. [Q]ue le capitalisme allemand, que les Allemands aient fait des erreurs en Allemagne de l’Est, […] c’est évident, mais de dire ,annexion’ […] c’est reprendre ce que dit l’AfD en Allemagne de l’Est […].“2

Mélenchons Aussage zeigt, dass die deutsche Wiedervereinigung mehr als 30 Jahre später in französischen Diskursen weiterhin eine Streitfrage darstellt. Darüber hinaus offenbart sie das traditionelle französische Bedürfnis, an aktuellen deutschen Entwicklungen teilzuhaben. Tatsächlich erinnert Mélenchons Stellungnahme an die Einschätzungen des kommunistisch orientierten französischen Historikers und Germanisten Gilbert Badia (19162004), der sich zeitlebens für die DDR einsetzt und in ihr „das bessere Deutschland“ sieht. Analog zu Mélenchon deutet auch Badia die Wiedervereinigung als Annexion, aus welcher die ostdeutsche Bevölkerung als Verlierer hervorgehe.

Nun lässt sich berechtigterweise fragen, ob die Wahrnehmung und das Engagement eines Akteurs wie Badia, 30 Jahre nach dem Ende der DDR, für aktuelle Entwicklungen überhaupt von Relevanz sind oder ob seine Weltsicht durch den Verlauf der historischen Ereignisse überholt wird?

Tatsächlich zeigen Umfragen und Interviews 2019, anlässlich der Feierlichkeiten zur 30-Jährigen Deutschen Wiedervereinigung, dass sich derzeit keinesfalls von einer innerdeutschen Verbundenheit sprechen lässt. In der Satire-Sendung „Extra-Irrsinn der Woche“ werden anlässlich des Feiertags 2019 Passant:innen in Lübeck und Rostock interviewt. Angesprochen auf den Mauerfall, winken viele ab. Äußerungen wie „Hören Sie auf. Sie wollen doch bestimmt keine ehrliche Meinung von mir hören.“ Oder „Das löst bei mir keine Freude aus. Ich bin da eher Realist.“ fallen. Eine Interviewte in Lübeck erklärt, sie würde „dort nicht hinziehen, für kein Geld der Welt.“ Eine andere Passantin führt aus, sie wisse „gar nichts“ über Ostdeutschland, weil „es sie nie interessiert“ habe. In Rostock wiederum werden viele Stimmen laut, die Westdeutsche als „arrogant, gierig, wehleidig“ charakterisieren. Außerdem habe man als rückständig gegolten: „Als die Grenze fiel, haben viele gedacht, sie müssten uns erstmal das Schreiben und Lesen beibringen.“3 Nun sind ein Tweet aus dem Social-Media-Bereich und eine Satire-Sendung des öffentlich-rechtlichen deutschen Rundfunks keine wissenschaftlichen Quellen im konventionellen Sinne. Dennoch sind beide, vor allem Satire, durchaus Spiegelungen gesellschaftlicher Stimmungen und geben Aufschluss darüber, welche Narrative in öffentlichen Diskursen zirkulieren. Sie erlauben darüber hinaus pointiert Einblicke in tieferliegende gegenseitige Wahrnehmungsstrukturen. Schließlich finden sich die hier aufgezeigten Diskurse auch in zahlreichen wissenschaftlichen Artikeln oder politischen Analysen wieder. Diese berichten vom Eindruck vieler Ostdeutscher, sich im gesamtdeutschen Diskurs nicht repräsentiert zu fühlen. Sie sprechen weiterhin von teils als traumatisch erlebten Brüchen in ostdeutschen Biographien und einer von vielen Menschen empfundenen Marginalisierung, einhergehend mit einer Art „Entwertung“ der eigenen biographischen und kulturellen Identitäten vor der Wende. Deutlich werden auch Frustration, Enttäuschung und Unverständnis in den alten Bundesländern: über die als hoch empfundenen finanziellen Kosten nach 1989 und die Überzeugung, dass die westdeutsche Solidarität nicht genug wertgeschätzt wurde und werde.4

Die Landtagswahlen 2024 in den Bundesländern Brandenburg, Thüringen und Sachsen verstärken darüber hinaus das „Bild des rechtsextremen Ostens“: während die rechtsextremistische Partei Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen und Brandenburg zweitstärkste Partei wird – und dies mit wenigen Prozentpunkten Abstand zur Erstplatzierten – wird sie in Thüringen mit Abstand stärkste Kraft. Auch bei der Europawahl im Juni 2024 schneidet die AfD deutschlandweit als zweitstärkste Partei ab und gewinnt ebenso bundesweit in jedem einzelnen Bundesland im Vergleich zu 2019 Prozentpunkte hinzu. Es lässt sich also keinesfalls von einer spezifisch ostdeutschen Entwicklung sprechen.5

Frank Greul erklärt die Erfolge der AfD im Osten, insbesondere bei jungen Menschen, mit ostdeutschen Erfahrungen und Perspektiven, welche denen ähneln, die auch in der 3-Sat-Sendung zur Sprache kommen. Weiterhin führt sie aus:

Wir leben in einer Zeit, die sehr krisenhaft ist. Es gibt weltweit Kriege und Konflikte, die sich verschärfen. Es gibt eine ökonomische Krise, auch eine ökologische Krise. Und das ist für junge Menschen besonders schwerwiegend. Sie fangen an, ihr Leben zu planen und haben eine Sensibilität gegenüber Krisen und eine Sensibilität gegenüber dem, was ihnen vielleicht genommen wird oder wo sie ein hohes Risiko dafür sehen. Sie sind besonders betroffen.6

Die Wahlerfolge der rechtsextremen AfD werden ebenso in der französischen Intellektuellen-Landschaft teils sorgenvoll beobachtet.7 Aber auch innerhalb der deutsch-französischen Beziehungen scheinen sich vor allem in den letzten 20 Jahren angesichts des diskursiv bestens etablierten Mythos der „deutsch-französischen Versöhnung“ Ermüdungserscheinungen und nachlassendes Interesse am „Anderen“ bei den jüngeren Generationen einzubürgern. Es scheint allgemeiner Konsens zu sein, dass die Beziehung in einer Krise stecke – oder zumindest ihre frühere Dynamik oder Anziehungskraft partiell misse. Dies betonen bereits 2012 unter anderem die allesamt im deutsch-französischen Feld engagierten Forscher:innen Wolfgang Asholt, Henning Kraus, Michael Nerlich, Dietmar Rieger, Evelyne Sinnassamy und Joachim Umlauf in einem gemeinsam verfassten Artikel in Le Monde:

Cela nous inquiète […] nous lançons à cette occasion un appel pour un renouveau des rapports franco-allemands en rappelant que le rapprochement à la France après 1945 a été constitutif pour la reconstruction de l’identité (culturelle) allemande. […] Nous sommes convaincus qu’il faut d’urgence prendre des mesures concrètes dans le sens du Traité de l’Élysée et des déclarations du Conseil Ministériel franco-allemand, restées lettres mortes […].8

Natürlich gehört diese Krisenbeschwörung fast schon zum guten Ton, es scheint, als vergewissere das deutsch-französische Milieu sich dadurch ständig seiner selbst.9 Gleichzeitig sprechen aber die Fakten für einen realen Handlungsbedarf: Immer weniger Studierende und Schüler:innen lernen die Sprache des Nachbarn und an französischen Universitäten schließen Lehrstühle der Germanistik.10 Die zunehmende Relativierung der historischen Dimension und der damit verbundene Generationswechsel tragen ebenfalls zu einer gewissen Banalisierung und Normalisierung bei.11 Die politischen Narrative wirken häufig routiniert, wenn nicht gar kraftlos.

Zusammenfassend lässt sich folgendes festhalten: Die Gegenwart ist geprägt von einer Vielzahl sich überlagernder Krisen, sei es ökologischer, ökonomischer und geopolitischer Art, die insbesondere von jüngeren Generationen als Herausforderungen empfunden werden. In einem Klima wachsender Unsicherheiten und multipler geopolitischer Herausforderungen rücken auch Fragen nach Orientierungspunkten, historischer Verortung und neuen Wegen der transkulturellen Verständigung (erneut) in den Fokus. Gerade die deutsch-französischen Beziehungen, die lange als vorbildhafter Motor europäischer Integration galten, scheinen, wie soeben erläutert, heute von wachsender Gleichgültigkeit im Alltag und institutioneller Ermüdung gezeichnet. Zu konstatieren ist ein Bedürfnis nach neuen und alternativen Diskursstrukturen, jenseits von normativ-wertenden Zuschreibungen.

Es scheint daher nötig, altbewährte Diskursstrukturen aufzubrechen, sowohl innerdeutsch als auch im internationalen Kontext. Ein erster Schritt dazu ist die Öffnung der Historiographie der deutsch-französischen Beziehungen hin zu einer dreidimensionalen Perspektive durch die Einbeziehung der DDR in die deutsch-französischen Beziehungen nach 1945.

Vor diesem Hintergrund erscheint es lohnend, historische Konstellationen und individuelle Akteur:innen in den Blick zu nehmen, die diesen Beziehungen einst Dynamik und Komplexität verliehen – und dabei bisher weniger unter den Aspekten der transkulturellen Vermittlung untersucht worden sind. Löst man sich von moralischen Prämissen und akzeptiert Krisen, Konflikte, Hybriditäten, Feindschaft und Scheitern als natürliche Bestandteile interkultureller Begegnungen, so richtet sich der Blick auf die bisherigen „blinden Flecken“ der deutsch-deutsch-französischen Kontakte – was eine differenzierte Sichtweise erlaubt.

Die vorliegende Arbeit rückt daher mit dem eingangs erwähnten Gilbert Badia einen solchen Akteur ins Zentrum. Eine Analyse seines Engagements scheint vielversprechend, da er bereits vor Jahrzehnten zentrale Problematiken anspricht, die in aktuellen Debatten weiterwirken. So kritisiert Badia eine systematische Marginalisierung der DDR-Geschichte und deutet die Wiedervereinigung seit Beginn der 1990er Jahre als Annexion – Themen, die in der gegenwärtigen Diskussion über nationale Identität und Erinnerungspolitik fortbestehen. Insbesondere angesichts der jüngsten Wahlerfolge der AfD und vergleichbaren Erfolgen rechtsextremer oder zumindest rechtspopulistischer Parteien in zahlreichen europäischen Ländern, die einen Wiederaufstieg nationalistischer und xenophober Narrative belegen, gilt zu hoffen, dass Badias Perspektive wertvolle Impulse liefern könnte. Dieser Ansatz eröffnet eventuell einen Raum, um den fortwährenden Konflikt zwischen den etablierten deutsch-französischen Versöhnungsidealen und der Realität politischer sowie gesellschaftlicher Brüche kritisch zu beleuchten und alternative Diskursstrukturen zu entwickeln. Denn die Aussagen Mélenchons untermauern es: Die Historiographie der DDR ist weiterhin ein gesellschaftspolitisch brisanter Schauplatz und die Einordnung der Geschichte von DDR und BRD ist keinesfalls abgeschlossen.

Insofern bietet sich das Engagement Gilbert Badias in einem historisch spezifischen Kontext an, um diesen dekonstruierenden Ansatz anzuwenden und daraus neue Erkenntnisse zu gewinnen, die sich eventuell sogar auf aktuelle Konfliktfälle transferieren lassen. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit seinem Wirken bietet, so die These dieser Arbeit, nicht nur Erkenntnisse zur Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen im Kalten Krieg, sondern auch Impulse für Debatten über Erinnerung, Vermittlung und politische Instrumentalisierung.

1-2. Stand der Forschung und Quellenlage

Im Folgenden werden ein Überblick über die Quellenlage, zentrale historische Forschungstendenzen sowie gegenwärtig bedeutende Strömungen der Forschung präsentiert. Dabei gelten die DDR und die deutsch-deutsch-französischen Beziehungen ab 1945 im Allgemeinen und sämtliche mit Badias Leben und Schaffen in Zusammenhang stehende Quellen im Besonderen als wissenschaftliches Untersuchungsfeld.

Über die deutsch-französischen Beziehungen im 20. Jahrhundert mitsamt ihren Institutionen und bekanntesten Figuren gibt es eine Vielzahl von Publikationen, die besonders die Entwicklungen ab 1945 genauer untersuchen. Zu nennen wäre dabei das 2013 erstveröffentlichte „Lexikon der deutsch-französischen Kulturbeziehungen seit 1945“ unter der Herausgeberschaft von Nicole Colin et al., das mittlerweile im deutsch-französischen Bereich als Standardwerk anzusehen ist. Es informiert nicht nur ausführlich über zentrale Institutionen oder Entwicklungen, sondern auch über Konzepte und Akteur:innen im deutsch-französischen Kontext.12

Neben historisch ausgerichteten Forschungsarbeiten zu prägenden Wendepunkten wie dem Elysée-Vertrag 196313 lassen sich zahlreiche biographische Studien zu individuellen Akteur:innen im deutsch-französischen Feld ausmachen.14 Zusätzlich treten in den letzten Jahrzehnten vermehrt Bemühungen hervor, konzeptuelle Herangehensweisen zu entwickeln. Grundlegende theoretische Konzepte wie der Kulturtransfer sind seit den 1980er Jahren von der Forschungsgruppe um Michael Werner/Michel Espagne geprägt und werden weiterhin, durchaus kritisch, ausgehandelt.15 Parallel zur Kulturtransferforschung rückt die Figur des interkulturellen deutsch-französischen Mittlers in den Fokus16 und in jüngster Zeit mit ihr Fragen nach einer Neubestimmung ihrer wissenschaftlichen Analysekriterien.17

Obwohl allgemein festzustellen ist, dass die historische geprägte Dominanz der westdeutsch-französischen Perspektive sich auch in den Publikationen niederschlägt, erscheinen seit einigen Jahren vermehrt Publikationen zu unterschiedlichsten Bereichen der ostdeutsch-französischen Beziehungen. Hervorzuheben wäre dabei zunächst die 1999 veröffentlichte Untersuchung „Frankreich und ,Das andere Deutschland’: Analysen und Zeitzeugnisse“18 unter der Leitung von Dorothee Röseberg. Weitere bedeutende Arbeiten sind vor allem die Forschungen Christian Wenkels und Ulrich Pfeils. Während Pfeil in „Die Anderen Deutsch-Französischen Beziehungen“19 die Beziehungen zwischen Frankreich-DDR-BRD als komplizierte Dreiecksgeschichte auffasst und diese dennoch tendenziell eher aus deutscher Sicht analysiert, stützt sich Wenkels beeindruckendes Werk „Auf der Suche nach einem anderen Deutschland“20 auf den französischen Blick auf die DDR und untersucht vor allem gesellschaftliche Zusammenhänge. Der französische Historiker Nicolas Offenstadt wiederum bemüht sich in seinen Veröffentlichungen, die Spuren der DDR in der heutigen deutschen Gesellschaft aufzuspüren und zu verstehen.21 Ferner gilt es, zwischen dem Forschungsstand vor und nach der deutschen Wiedervereinigung zu unterscheiden. Durch diese ändert sich auch die Herangehensweise an das corpus DDR: bis 1990 bietet sich für Abhandlungen über die DDR ein landeskundlicher-politischer Ansatz an, nach 1990 zusätzlich eine geschichtliche Perspektive. Auch die Rahmenbedingungen für den Forschenden gestalten sich anders durch Zugänge zu Archiven und Dokumenten, etc.

Seit dem Mauerfall vor über 30 Jahren widmen sich zahlreiche Studien und Untersuchungen dem zweiten deutschen Staat, wobei diese oft entweder die westdeutsche oder die ostdeutsche Perspektive betonen. Vermehrt sind auch Publikationen meist jüngerer Wissenschaftler:innen auszumachen, in denen die DDR multiperspektiv analysiert wird, so wie in Anna Kaminskys „Frauen in der DDR22. Dort zeigt sie die Vielfalt femininer Lebensentwürfe in der DDR und hinterfragt den „Mythos der Gleichberechtigung“ in der DDR.

Die Einordnung der DDR bleibt weiterhin ein geschichtspolitisches Kampffeld, wie beispielsweise an der Kontroverse zwischen Pfeil und Offenstadt deutlich wird, die in Artikeln gegeneinander „anschreiben“ und sich gegenseitig Geschichtsklitterung vorwerfen.23 Insgesamt ist die Quellenlage durchaus als befriedigend zu bezeichnen und auch eine Tendenz zu einer objektiveren Geschichtsschreibung lässt sich beobachten, was sicherlich u.a. mit der wachsenden zeitlichen Distanz zu den Ereignissen zu erklären ist. Mit am überzeugendsten ist die objektive und multiperspektivische Darstellung Wenkels, dessen Analyse eine der wichtigsten Sekundärquellen für diese Arbeit darstellt.

Obwohl umfassende biographische Studien zu Gilbert Badia fehlen und lediglich vereinzelte Artikel zu seiner Person vorliegen, auf die in den folgenden Kapiteln näher eingegangen wird, ist sein wissenschaftliches Werk ebenso wie das seiner Mitstreiter:innen in zahlreichen Publikationen dokumentiert und der Öffentlichkeit über digitale Plattformen wie auch über klassische Printmedien zugänglich. Badia zeigt sich sein Leben lang äußerst produktiv und hinterlässt im Jahr 2004 ein monumentales schriftliches Vermächtnis, sei es in Form von Artikeln, Monographien, Sammelbänden, TV-Interviews, Audiodokumenten, etc.

1-2-1. Internetquellen

Die moderne digitale Infrastruktur eröffnet dem Forschenden heute nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, insbesondere durch wissenschaftlich ausgerichtete Suchmaschinen wie google scholar oder OpenEdition.

Im deutsch-französischen Feld weitere relevante Online-Kataloge, die sich auch im Rahmen dieser Arbeit als wertvoll erwiesen haben, sind darüber hinaus Persée, Cairn.Info, SuDoc und das Virtuelle Deutsche Literaturarchiv (Dla Marbach). Besonders hervorzuheben ist Gallica, die digitale Bibliothek der Französischen Nationalbibliothek (Bibliothèque nationale de France) mit mehreren Millionen kostenlos zur Verfügung stehenden Dokumenten.

Auch bei herkömmlichen Google-Suchen ergeben sich – je nach Eingabe unterschiedlicher Namenskombinationen – verschiedene Suchergebnisse. Dies führt insbesondere bei der Suche nach spezifischen Verbindungen, wie etwa zwischen Gilbert Badia und Alfred Grosser, zu neuen, von einer einfachen Suche nach Badia abweichenden Resultaten.

Zahlreiche Publikationen Badias sind in den Bibliotheken der Universität Tübingen und Université d’Aix-Marseille konsultierbar – sowohl in Papierform vor Ort als auch digital.

1-2-2. Archivarbeit

Im Rahmen dieser Arbeit wird auf das digitalisierte Archiv der Zeitung Neues Deutschland, dem Zentralorgan der SED, zurückgegriffen24, in dem sämtliche Ausgaben von 1946–1990 im Volltext digitalisiert wurden. Als ergiebig hat sich ebenso das digitalisierte Archiv der Pariser Zeitung L’Humanité erwiesen, die bis 1994 als offizielles Sprachrohr des französischen PCF fungiert. Bedauerlicherweise sind deren Artikel numerisch verfügbar erst für den Zeitraum ab 1990.

In den (digitalen) Archiven Mémoire des Hommes25, die dem französischen Ministère des Armées unterstehen, lassen sich kurze biographische Informationen zu Gilbert Badia finden. Eine Anfrage seitens der Verfasserin an den Service de la mémoire et des affaires culturelles de la Préfecture de police bestätigt, dass sich über Simone und Gilbert Badia in den Archiven der Brigades Spéciales Dokumente befinden (GB-141-009 bis GB-141-017). Weitere Informationen über Badia lassen sich einmal in den Überwachungsdossiers aktiver Kommunist:innen während des 2. Weltkrieges ausmachen, namentlich in der „Affäre Raymond Jaclard“ (Unterdossier der Signatur 221 W 8) und ein Dossier in Badias Namen befindet sich in den Archiven der Polizeipräfektur (Signatur 354 W 878). Letzteres deckt die Periode 1943–1985 ab und ist ab dem Jahr 2036 frei konsultierbar.

Wichtige Sekundärliteratur findet sich weiterhin in der Bibliothèque universitaire de Paris 8Fonds Cadist RDANouveaux Länder.

Nachforschungen im Literatur-Archiv Marbach haben sich hingegen als eher fruchtlos erwiesen. Überraschenderweise gibt es im Stasi-Archiv laut Angaben des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR kein Dossier „Gilbert Badia“, sondern nur vereinzelte Informationen zu seiner Person.26

Details

Seiten
664
Erscheinungsjahr
2026
ISBN (PDF)
9783631945414
ISBN (ePUB)
9783631945421
ISBN (Hardcover)
9783631891360
DOI
10.3726/b23330
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2026 (Mai)
Schlagworte
biographische Studien Kommunismus in Frankreich und Deutschland intellektuelles Feld DDR-Geschichte Mittlerstudien Geschichte des 20. Jahrhunderts Konflikt als Annäherung deutsch-deutsch-französische Beziehungen Kulturtransfer
Erschienen
Berlin, Bruxelles, Chennai, Lausanne, New York, Oxford, 2026. 664 S.
Produktsicherheit
Peter Lang Group AG

Biographische Angaben

Imke Schultz (Autor:in)

Imke Schultz absolvierte interdisziplinäre, deutsch-französische Doppelstudiengänge im Bereich Kulturwissenschaften und Germanistik in Regensburg, Clermont-Ferrand, Aix-en-Provence und Tübingen. Es folgte eine binationale Promotion an den Universitäten Aix-Marseille und Tübingen im Graduiertenkolleg „Kulturkonflikte / Konfliktkulturen“.

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Titel: Im Spannungsfeld zwischen Konflikt und Versöhnung