Show Less
Restricted access

Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

Series:

Edited By Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.
Show Summary Details
Restricted access

Marijan Bobinac (Zagreb) - Schnitzlers Pazifismus und das Medardus-Drama

Extract

| 33 →

Marijan Bobinac (Zagreb)

Schnitzlers Pazifismus und das Medardus-Drama

Ein gewisser Teil der Bevölkerung ist stets unter gewissen Bedingungen bereit, die Elemente der Bestialität, Raubsucht und Tücke frei walten zu lassen, und bei aller verhältnismäßigen Gutmütigkeit der Österreicher läge es durchaus nicht außerhalb aller Möglichkeit, auch sie entsprechenden Falls zu Akten der Brutalität und Grausamkeit anzueifern.1

An dieser Stelle aus Arthur Schnitzlers Betrachtungen über den Ersten Weltkrieg und die Möglichkeiten einer dauerhaften Friedensstiftung, die postum unter dem Titel Und einmal wird der Friede wiederkommen… erschienen sind und häufig kurz auch als „Friedensschrift“ bezeichnet werden2, bezieht der Wiener Dichter Stellung zu Repressalien, denen zahlreiche Staatsangehörige der Mittelmächte in den ersten Kriegswochen in einigen westeuropäischen Ländern ausgeliefert waren. Über den konkreten Anlass hinaus kann diese Äußerung aus dem Oktober 1914 – einer Zeit, in der Schnitzler Deutschland und Österreich-Ungarn immer noch für Opfer eines ungerechten Angriffs der Entente-Staaten hielt, ohne allerdings die Kriegsbegeisterung der großen Mehrheit seiner Schriftstellerkollegen zu teilen – auch zur Beleuchtung des Zusammenhangs zwischen Schnitzlers grundlegend pazifistischer Einstellung und seinem Drama Der junge Medardus (1909) beitragen: Im Bühnenwerk, das den Untertitel „dramatische Historie“ trägt und in mehreren, miteinander lose verbundenen Handlungssträngen die Ereignisse um den österreichisch-französischen Kriegskonflikt des Jahres 1809 thematisiert, wird nämlich die Rolle der ‚kleinen Menschen’ bei der Entfachung jenes brutal-martialischen Patriotismus inszeniert, der sich in bestimmten...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.