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Kriegstaumel und Pazifismus

Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg

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Edited By Hans Richard Brittnacher and Irmela von der Lühe

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde von der überwiegenden Zahl der deutschen Intellektuellen und Schriftsteller emphatisch begrüßt – auch von den deutschen Juden, die im Kampf fürs Vaterland eine Möglichkeit sahen, ihren Patriotismus und ihre gelungene Assimilation unter Beweis zu stellen. Diese Ansicht hat lange die Forschung dominiert. Die im vorliegenden Band versammelten Beiträge überprüfen aus interdisziplinärer Sicht diese These und gelangen bei der Lektüre und Analyse von Schriften, Briefen, Dichtungen und Dokumenten tonangebender jüdischer Intellektueller zu einem komplexeren Befund, der zwischen Kriegsbegeisterung und -skepsis, Duldung und Protest oszilliert.
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Irmela von der Lühe (Berlin) - „Ein Riss ging plötzlich durch die Welt.“ Margarete Susman im Ersten Weltkrieg

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Irmela von der Lühe (Berlin)

„Ein Riss ging plötzlich durch die Welt.“ Margarete Susman im Ersten Weltkrieg

In der zwei Jahre vor ihrem Tod erschienenen Autobiographie Ich habe viele Leben gelebt reflektiert Margarete Susman auf knapp zehn Seiten ihr Weltkriegserlebnis. Tatsächlich handelt es sich um ein Schuldbekenntnis, um ein religiös-metaphysisch grundiertes Eingeständnis, dass sie selbst und viele ihrer Generation sich auf fatale Weise für unpolitisch gehalten und allenfalls aus den Geschichtsbüchern dunkle Ahnungen an den Krieg bewahrt hatten: „Krieg war damals fast zu einer Sage geworden für Menschen, die wie ich und die meisten geistigen Menschen völlig unpolitisch lebten.“1 Margarete Susman hatte nicht in jenen inzwischen immer wieder erörterten Hurrapatriotismus eingestimmt, der über Parteien, Konfessionen und soziale Milieus hinweg in Reaktion auf die bekannte kaiserliche Verlautbarung ausgebrochen war. Immer wieder wird auch betont, dass Margarete Susman anders als Martin Buber und Karl Wolfskehl, mit denen sie in engem persönlichen und intellektuellen Kontakt stand, zu den wenigen Pazifisten2 gehört habe, die wie Ernst Bloch, Gustav Landauer und Rosa Luxemburg dem Kriegstaumel nicht verfallen seien und im anschwellenden Chor der Kriegsapologetik nicht mitgesungen hätten.

Auch wenn diese Behauptung im Folgenden nicht bestritten werden soll, so stellt sich doch die Frage nach der praktischen und nach der politischen Reichweite, vor allem aber nach den ideengeschichtlichen Implikationen eines ‚Pazifismus’, der den Krieg zwar einerseits als reales „Grauen“, andererseits aber als Aufforderung...

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