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Alexander von Humboldt: Die russischen Schriften

von Oliver Lubrich (Band-Herausgeber:in) Thomas Nehrlich (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 428 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Einführung
  • Vom Orinoco nach Sibirien: Alexander von Humboldts russische Schriften
  • Editorische Notiz
  • Karten
  • Die russischen Schriften
  • Жизненная сила, или генiй родосский (1795)
  • Выписка изъ письма Гумбольда къ Г-ну Фуркруа. Изъ Куманы отъ 16 го Октября 1800 го года (1801)
  • О ловлѣ Електрическихъ угрей (1807)
  • Отрывокъ изъ Обозрѣнiя степей (1807)
  • О водопадах рѣки Ориноко (1808)
  • Странствованiе Гумбольдта по степямъ и пустынямъ Новаго свѣта (1808)
  • Озеро Такаригва (1808)
  • О внезапномъ прекращенiи пассатнаго восточнаго вѣтра (1808)
  • О хребтахъ Внутренней Азiи (1808)
  • Америка выступила изъ нѣдръ хаоса не позже другихъ частей свѣта (1808)
  • Въ Южномъ полушарiи холоднѣе и сырѣе, нежели в Сѣверномъ (1808)
  • Объ Атласѣ (1808)
  • О первоначальномъ введенiи посѣва пшеницы в Америкѣ (1808)
  • О происхожденiи народонаселенiя Америки (1808)
  • О повсемѣстномъ разлитiи жизни (1806, 1826)
  • О растенiяхъ (1806, 1826)
  • [Brief vom 7. Januar 1812 an Carl Jakob Alexander von Rennenkampff; eingeleitet mit: «Я не могу достаточно выразить, как лестна для меня […]»] (1812)
  • О волканическихъ областяхъ (1822)
  • Устройство и дѣятельность вулканов. (Изъ новаго изданiя ‹Гумбольдтовыхъ картинъ природы›) (1823)
  • Нынѣшнее состоянiе Республики Центро-Американской или Гватемальской (1826)
  • Письмо Барона А. Гумбольдта къ Члену Парижской Академiи Наукъ, Г-ну Арраго (1829)
  • [Brief an die Royal Society; eingeleitet mit: «Изъ письма Г-на Гумбольдта къ Лондонской академiи: Journal des Débats сообщаетъ слѣдующее […]»] (1829)
  • Новая тяжба о буквѣ ъ (1830)
  • О горныхъ кряжахъ и вулканахъ внутренней Азiи, и о новомъ вулканиическомъ изверженiи в Андахъ (1830)
  • О количествѣ золота, добываемаго въ Россiйской Имперiи; соч Барона Гумбольдта (1830)
  • Изслѣдованiя о климатахъ Азiи, сдѣланныя Гумбольдтомъ, во время путешествiя его по Сибири въ 1829 году (1831)
  • О причинахъ измѣненiй въ линеяхъ равной годичной теплоты (1831)
  • Копiя с письма Барона Александра Гумбольта (1833)
  • Наблюденiя надъ температурою Балтiйскаго моря (1834)
  • Восхожденiе Александра Гумбольдта на Чимборасо (1837)
  • Каксамарка и Южное море съ высоты Андовъ (1849)
  • Письмо Александра Гумбольдта к А. П. Болотову (1851)
  • [Brief an Jakov Vladimirovič Chanykov; eingeleitet mit: «Я долженъ казаться вамъ весьма неблагодарнымъ, что столько мѣсяцевъ медлилъ выразить [. .]»] (1852)
  • Новая попытка измѣрить глубину моря (1853)
  • [Autobiographischer Abriss; eingeleitet mit: «На десятомъ году Гумбольдтъ лишился отца, который […]»] (1853)
  • Письмо барона А. Гумбольдта къ русскому моряку А. И. Бутакову (1854)
  • [Brief an Chajim Selig Slonimski; eingeleitet mit: «Многоуважаемый господинъ Слонимскiй. Я очень виноватъ передъ вами, […]»] (1858)
  • О составѣ волканическихъ породъ. Изъ четвертаго тома Гумбольдтова Космоса, переводъ Горнаго Инженеръ-Штабсъ-Капитана Барботъ де Марни (1858)
  • Verzeichnisse
  • Emendationsverzeichnis
  • Quellenverzeichnis (nach der Chronologie der Vorlagen der russischen Erstdrucke)
  • Chronologie aller russischen Drucke (nach Publikationsdatum)
  • Zeittafel und Itinerar
  • Werkübersicht
  • Abbildungsverzeichnis

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Vom Orinoco nach Sibirien: Alexander von Humboldts russische Schriften

Einführung

«Ich bin überzeugt, daß sämtliche Wilden, bei denen er gewesen war, die rothäutigen wie die kupferfarbenen, ihm weniger Unannehmlichkeiten bereitet haben als der Moskauer Empfang.»

Alexander Herzen

Alexander von Humboldt (1769–1859) unternahm zwei große Expeditionen. Als junger Mann bereiste er die spanischen Kolonien in Amerika (1799–1804). Er sah die Karibik und den Pazifik, er befuhr den Orinoco und bestieg die Anden, er besuchte Caracas, Bogotá, Quito, Lima, México und Havanna. Dreißig Jahre später durchquerte er das russische Reich in Asien (1829). Seine Route führte ihn von Sankt Petersburg und Moskau über Nischni-Nowgorod und Kasan, Katharinenburg und Tobolsk, über den Ural nach Sibirien bis an die chinesische Grenze und von dort zurück über Miask und Orenburg durch die kirgisische Steppe bis nach Astrachan am Kaspischen Meer.

Den preußischen Forscher leiteten dabei zwei leidenschaftliche Interessen: Wie lassen sich fremde Kulturen in ihrer eigenen Lebenswelt verstehen? Und wie ist die Natur als ein komplexes System von Wechselwirkungen zu begreifen? Humboldt erkannte, dass der Mensch ein Teil der Natur ist und diese beeinflusst. Er sah in der Neuen Welt, wie die koloniale Landwirtschaft Wälder vernichtete und Gewässer austrocknete. Und er warnte in Russland, dass eine ineffiziente Nutzung natürlicher Ressourcen die Umwelt zerstörte und das Klima veränderte.

Seine Beobachtungen veröffentlichte Humboldt in zwei Dutzend Büchern sowie in Hunderten von Aufsätzen, Artikeln und Essays. Seine Schriften erschienen zu seinen Lebzeiten in 15 Sprachen an mehr als 400 Orten auf fünf Kontinenten. Ein bedeutender Teil seines Werkes handelt von Russland, und ein bedeutender Teil seines Werkes erschien in Russland. Aber während der amerikanische Humboldt bereits sehr gut bekannt und erforscht ist, bleibt der russische Humboldt in vielem noch zu entdecken.

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Das russische Werk

Während und nach seiner Reise durch Zentral-Asien verfasste und veröffentlichte Humboldt zahlreiche Texte, die zusammen sein ebenso umfangreiches wie vielfältiges Russland-Werk bilden. Sie haben verschiedene Formate und unterschiedliche Adressaten – vom geologischen Fachaufsatz für die scientific community in Paris bis zur literarischen Beschreibung der Wüsten und Steppen für eine breitere Öffentlichkeit im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus.

Als umfangreichste Darstellungen der Ergebnisse seiner russischen Forschungsreise publizierte Humboldt zwei Bücher in französischer Sprache: Fragmens de géologie et de climatologie asiatiques (1831, in zwei Bänden) und Asie centrale. Recherches sur les chaînes de montagnes et la climatologie comparée (1843, in drei Bänden). Das Hauptwerk, Asie centrale, erschien 1844 in einer ersten deutschen Übersetzung und 2009 in einer vollständigen deutschen Fassung mit ergänzendem Material. Hier hat Humboldt eine für ein Reisewerk ungewöhnliche Form gewählt: Er schildert seine Expedition nicht linear von ihrem Beginn bis zu ihrem Ende, und er stellt nicht sich selbst und seine eigenen Erlebnisse in den Mittelpunkt, sondern er versucht, aus den Perspektiven verschiedener Disziplinen einen geographischen Großraum zu beschreiben: Zentral-Asien. Dabei enthält das Werk durchaus zahlreiche Fragmente eines narrativen Reiseberichts, die über den Text verteilt sind. Humboldt erzählt von mühsamen Fahrten in unbequemen Wagen, vom Durchqueren der furchtbaren Baraba-Steppe, von der Bewegung entlang der Kosaken-Linie und von der Ausfahrt aufs Kaspische Meer, von der Begegnung mit Tataren, vom Empfang beim Fürsten der Kalmücken, von der Bekanntschaft mit einem Sultan der Kirgisen und vom Besuch beim chinesischen Grenzwächter.

Zu diesem Buchwerk kommen zahlreiche Artikel mit Forschungsergebnissen der russischen Expedition in verschiedenen Wissensgebieten hinzu, die in der deutschen Ausgabe von Zentral-Asien (2009, S. 901–905) aufgeführt wurden und in die Berner Ausgabe seiner Sämtlichen Schriften (2019) eingegangen sind: Beiträge zur Geologie der Gebirge und Vulkane, zur Klimatologie der Temperaturen und Schneegrenzen, zur Ökonomie der Bodenschätze und zum Botanischen Garten in Sankt Petersburg. Eine Rede, die Humboldt zum Abschluss seiner Expedition in der russischen Hauptstadt hielt, wurde in mehreren Sprachen veröffentlicht. Hier entwirft er seine Vision internationaler wissenschaftlicher Zusammenarbeit und eines weltumspannenden Netzwerks naturkundlicher Mess- und Beobachtungsstationen.

Nicht alle seine Texte jedoch waren zur Publikation bestimmt. Weil die russische Regierung seine Expedition finanzierte und überwachte, musste sich der Wissenschaftler auf die Bedingung einlassen, kein Wort über die sozialen Zustände im Reich des Zaren zu publizieren. Er werde sich, versprach er dem russischen Finanzminister, Georg von Cancrin,

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«nur auf die todte Natur beschränken und alles vermeiden was sich auf Menschen-Einrichtungen, Verhältnisse der untern Volksklassen bezieht: was Fremde, der Sprache unkundige, darüber in die Welt bringen, ist immer gewagt, unrichtig und bei einer so complicirten Maschine, als die Verhältnisse und einmal erworbenen Rechte der höhern Stände und die Pflichten der untern darbieten, aufreizend ohne auf irgend eine Weise zu nützen!»

Von den Dissidenten, denen er begegnete, von den Deportierten, die er auf dem Weg nach Sibirien sah, musste Humboldt in der Öffentlichkeit schweigen. Von den prekären Umständen seines Unternehmens konnte er nur privat berichten – zum Beispiel in Briefen an seinen Bruder Wilhelm, zu Hause auf Schloss Tegel bei Berlin. So schrieb er ihm am 21. Juni 1829 aus Katharinenburg:

«Die Vorsorge der Regierung für unsere Reise ist nicht auszusprechen, ein ewiges Begrüßen, Vorreiten und Vorfahren von Polizeileuten, Administratoren, Kosakenwachen aufgestellt! Leider aber auch fast kein Augenblick des Alleinseins, kein Schritt, ohne daß man ganz wie ein Kranker unter der Achsel geführt wird!»

Während seiner Reise führte Humboldt ein Tagebuch, das unveröffentlicht bleiben musste, aber an der Alexander von Humboldt Forschungsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zu DDR-Zeiten transkribiert wurde: Fragmente des Sibirischen Reise-Journals 1829. (Auszüge wurden 2009 in der deutschen Ausgabe von Zentral-Asien wiedergegeben, S. 787–819.) In seinen privaten Aufzeichnungen können wir nachvollziehen, was Humboldt in Russland gesehen hatte, wovon er aber schweigen musste: «weggeschleppte Seelen», «schuldlos nach Sibirien».

Anders als bei seiner Reise durch Amerika, die er aus eigenen Mitteln bestritt, war Humboldt bei seiner Expedition durch Asien auf die finanzielle Unterstützung des Zaren angewiesen. Weil er sich selbst entsprechend zurückhalten musste, überließ er den eigentlichen erzählenden Reisebericht seinem Kollegen und Begleiter Gustav Rose (1798–1873), der ihn unter dem Titel Reise nach dem Ural, dem Altai und dem Kaspischen Meere 1837 und 1842 in zwei Bänden herausbrachte. Zwischen ausführlichen Darstellungen vor allem der mineralogischen und geologischen Forschung enthält Roses Bericht auf 1250 Seiten auch zahlreiche Episoden des Reiseverlaufs und dabei durchaus politische Beobachtungen:

«Auf diesem Wege sahen wir zum ersten Mal einen Transport von Verbannten, die nach Sibirien geschickt wurden. Er bestand aus Frauen und Mädchen, etwa 60–80 an der Zahl. Sie gingen frei, waren also nur leichtere Verbrecher; schwerere, wie wir dergleichen auf der Fortsetzung unserer Reise begegneten, gehen zu beiden Seiten eines langen Taues, an welches sie mit einer Hand befestigt sind. […] Bei allen Stationen, etwa alle 30 Werst sind auf diesem Wege, der Hauptstrasse nach Sibirien, hölzerne, mit Pallisaden umgebene Häuser erbaut, in welchen die Verschickten, wie man in Russland die nach Sibirien Verbannten nennt, die Nächte zubringen, und den vierten Tag Ruhetag halten. Das öftere Zusammentreffen mit ihnen ist keine Annehmlichkeit der Strasse nach Sibirien.» (Band 1, S. 110–111.)

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Im Zusammenhang und im Verlauf der russischsibirischen Expedition schrieb Humboldt eine Reihe von Briefen – oder genauer gesagt zwei Reihen von Briefen: einerseits diplomatische an den russischen Finanzminister; und andererseits kritische an seinen Bruder. Sie konnten erst postum ediert werden (1869 und 1880). Der Verlauf der Expedition und ihre politische Problematik lassen sich anhand einer Montage von Humboldts Reisebriefen nachvollziehen, welche die offiziellen und die privaten Dokumente gegenüberstellt (vgl. Zentral-Asien 2009, S. IX–CCVIII und Die Russland-Expedition 2019). Humboldt spricht in Russland gewissermaßen mit zwei Stimmen.

Ergänzt werden diese schriftlichen Zeugnisse der Reise von botanischen, zoologischen, mineralogischen und ethnographischen Objekten und Sammlungen, die Humboldt aus Russland mitbrachte und die heute in Berliner Museen aufbewahrt werden (vgl. den Abbildungsteil in Zentral-Asien 2009). Auch in Russland und in anderen Ländern sind materielle Zeugnisse von Humboldts Reisen zu entdecken, deren Erschließung sich noch in den Anfängen befindet.

Die Werke auf Russisch

Humboldt publizierte indes nicht nur über Russland, sondern auch in Russland. Zahlreiche seiner Texte wurden übersetzt und in russischen Zeitschriften herausgebracht. Was erschien von ihm auf Russisch und wann?

Nur drei seiner Buchwerke kamen zu Humboldts Lebzeiten in russischer Übersetzung heraus:

Fragmens de géologie et de climatologie asiatiques (1831), übersetzt von Ivan Leontevič Neronov, in Sankt Petersburg 1837;

Ansichten der Natur (1808, 1826 und 1849), zunächst übersetzt von Nikolai Christoforovič Ketcer 1853 im Moskauer Magazin zemlevedenija i putešestvij (S. 1–351), hier noch ohne die «Erzählung» über die «Lebenskraft»; und dann erstmals vollständig und in Buchform, übersetzt von A. Nazymov, in Moskau 1855 (neu aufgelegt 1862 und 1906); und schließlich

Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung (5 Bände, 1845–1862), übersetzt von Nikolaj Grigorevič Frolov, Matvej Matveevič Gusev und Jakov Vejnberg, in vier Bänden, in Sankt Petersburg und Moskau 1848–1863.

Ausgerechnet aber das Hauptwerk zur russischsibirischen Forschungsreise, Asie centrale (1843), erschien auf Russisch, übersetzt von P. I. Borodziča, nur teilweise, lediglich einer von drei Bänden, und erst 1915, während des Ersten Weltkrieges. Nach der Russischen Revolution von 1917 wurde die Ausgabe nicht fortgesetzt. Eine vollständige russische Ausgabe von Zentral-Asien steht immer noch aus.

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Alexander von Humboldt war in russischer Sprache weniger in Buchform als vielmehr in Form unselbständiger Veröffentlichungen präsent: durch Übersetzungen von Aufsätzen, Artikeln und Briefen sowie von Auszügen aus seinen Büchern, die in Zeitschriften und Zeitungen erschienen. Diese russischen Schriften wurden allerdings noch nie gesammelt herausgegeben. Sie werden hier erstmals zusammengestellt.

Die russischen Schriften

Alexander von Humboldt veröffentlichte von 1789 bis zu seinem Tod im Jahr 1859 nach gegenwärtigem Kenntnisstand rund 750 Schriften, die zusammen mit ihren Bearbeitungen und Übersetzungen in rund 3600 Fassungen weltweit erschienen. Dazu gehören rund 40 unterschiedliche Publikationen in russischer Sprache (wenn wir von Paraphrasen und Zitaten absehen). Von einigen dieser Texte wurden sogar mehrere Varianten gedruckt, zum Teil in verschiedenen Übersetzungen, so dass sich insgesamt rund 60 Drucke ergeben.

Es handelt sich dabei um Übersetzungen deutscher und französischer Vorlagen sowie um einzelne Erstveröffentlichungen aus der Korrespondenz mit russischen Adressaten aus den Jahren 1795 bis 1859, die in den Jahren 1803 bis 1859 in Russland erschienen. Humboldt wurde also bereits deutlich vor seiner russischen Expedition von 1829 im Land publiziert, und er wurde dort keineswegs nur mit seinen Beiträgen zum Zarenreich wahrgenommen, sondern fast aus dem gesamten Zeitraum und in der ganzen Breite seiner publizistischen Tätigkeit über sieben Jahrzehnte. Dabei sind die Übersetzungen auch ein Hinweis auf Humboldts Popularität in Russland – und auf seine Popularisierung. Denn Forscher und Gelehrte von Sankt Petersburg bis Barnaul waren im 19. Jahrhundert in der Regel ohnehin in der Lage, Humboldts Texte im Original zu lesen. Mit den Übertragungen ins Russische wurde daher vor allem – und ganz im Sinne des Autors – eine breitere Öffentlichkeit erreicht.

Humboldts frühester Text, der in russischer Übersetzung gedruckt wurde, ist eine allegorische Erzählung, die er 1795 in Friedrich Schillers Zeitschrift Die Horen veröffentlichte und 1826 in die zweite Ausgabe seiner Ansichten der Natur aufnahm: «Die Lebenskraft oder der Rhodische Genius». Entstanden in einer Zeit, als er mit schmerzhaften Selbstversuchen dem Phänomen der Bioelektrizität naturwissenschaftlich auf die Spur zu kommen hoffte, schildert Humboldts einziger rein fiktionaler Text, angesiedelt im antiken Syrakus, die «Lebenskraft» als ein rätselhaftes Prinzip, das die organische von der anorganischen Welt und die belebte von der unbelebten Natur unterscheidet. Die Erzählung wurde zweimal auf Russisch veröffentlicht, jeweils mit großem zeitlichen Abstand. 1829, als Humboldt sich selbst in Russland aufhielt, erschien eine erste Übersetzung («Жизненная сила, или генiй родосский») im Moskauer Telegraphen (Moskovskij telegraf); gegen Ende seines Lebens, 1856, folgte in den Naturwissenschaftlichen Mitteilungen der Moskauer Gesellschaft ←13 | 14→der Naturforscher (Věstnik estestvennych nauk) eine weitere Übertragung («Жизненная сила или родосскiй генiй»).

In beiden Fällen wurde ein politisch heikler Satz des Originals zensiert, der seinerseits eine bemerkenswerte Geschichte hat: In der Erstfassung der Erzählung von 1795 hatte Humboldt an einer offen monarchiekritischen Stelle festgestellt, dass «Fürstennähe auch den geistreichsten Männern von ihrem Geiste raubt». Dieser Widerspruch gegen absolutistische Herrschaft kam nicht von ungefähr: Obwohl adeliger Herkunft, war Humboldt ein Sympathisant der Französischen Revolution. 1790 hatte er das revolutionäre Paris besucht, zeitlebens verteidigte er das Ideal allgemeiner Menschenrechte. Als er über ein halbes Jahrhundert später notgedrungen als Kammerherr am preußischen Hof diente, erlebte er einen weiteren Versuch politischer Umwälzung. Doch die Märzrevolution 1848 scheiterte, und Humboldt konnte nicht verhindern, dass der Aufstand gewaltsam niedergeschlagen wurde. Als Zeichen seiner Anteilnahme reihte sich der fast 80-Jährige öffentlichkeitswirksam in den Trauerzug für die Gefallenen ein. Diese Geschehnisse fielen in die Zeit, als Humboldt die dritte Ausgabe seiner Ansichten der Natur vorbereitete, die 1849 erneut mit der «Lebenskraft»-Erzählung erschien. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen nahm er, als er den in seiner Jugend verfassten Text überarbeitete, an dem brisanten Satz noch die Zuspitzung vor, nämlich dass «Fürstennähe auch den geistreichsten Männern von ihrem Geiste und ihrer Freiheit raubt». In den russischen Übersetzungen wurde der provozierende Satz entschärft beziehungsweise gestrichen: In der Fassung von 1829 heißt es lediglich vage, dass «beim Besuchen der großen Welt nicht selten das Talent seinen Zauber verliert»; und in der Fassung von 1856 wurde die obrigkeitskritische Aussage sogar ganz unterschlagen. Von Fürstennähe ist hier keine Rede mehr – nachdem sie sich während der Expedition in Russland als prekär erwiesen hatte. Nicht nur Humboldts russische Reise, sondern auch seine Publikation und Rezeption im russischen Reich geschahen unter schwierigen politischen Bedingungen.

Aus heutiger Sicht ist die Erzählung noch aus einem anderen Grund brisant: Wenn sie davon handelt, wie in der Natur Gleiches mit Gleichem zur Vereinigung strebt, so lässt sich dies auch auf die Geschlechter beziehen. Wahrscheinlich homosexuell, so die Überzeugung einiger Interpreten, habe Humboldt in dieser dichterischen Verkleidung eigentlich von sich selbst gesprochen. Die Erzählung wäre so auch ein literarisches Coming-Out.

Den späten Übersetzungen einer Jugenderzählung voraus ging jedoch eine Reihe von Beiträgen zur amerikanischen Forschungsreise von 1799 bis 1804, die mit geringerer Verzögerung ins Russische übersetzt wurden, darunter ein Brief an Humboldts Freund und Kollegen Antoine François de Fourcroy vom 16. Oktober 1800 aus Cumaná im heutigen Venezuela. Cumaná war eine bedeutende Station auf Humboldts erster großer Expedition, gleichsam ihr Initiationsort: Hier hatte er am 16. Juli 1799 erstmals das amerikanische Festland, ←14 | 15→die ‹Neue Welt›, betreten. Im Original publiziert auf Französisch im Jahr 1801 («Extrait d’une lettre au C. Fourcroy»), erschien der Brief auf Russisch bereits 1803 («Выписка изъ письма Гумбольда къ Гну Фуркруа. Изъ Куманы отъ 16 го Октября 1800 го года») und erneut 1806. Das heißt: Dieser Reisebericht, in dem es unter anderem um chemische Analysen des berühmten Pfeilgifts Curare geht, war in Russland bereits zu lesen, während Humboldt selbst noch in Amerika unterwegs war.

Zum Komplex der amerikanischen Expedition gehören weitere Reise- und Feldforschungsberichte: In «Jagd und Kampf der electrischen Aale mit Pferden» (1807) schildert Humboldt den abenteuerlichen Fang von Zitteraalen, die er wegen ihrer seltenen Eigenschaft, starke Stromschläge hervorbringen zu können, physiologisch untersuchen und sezieren wollte – um so seine Studien zur Bioelektrizität beziehungsweise zur «Lebenskraft» fortzusetzen. Um Verletzungen zu vermeiden und die Aale zu ermüden, wurden zunächst Pferde in die Sümpfe getrieben, an denen sich die elektrischen Fische entluden, bis sie von Menschen gefahrlos gefangen werden konnten. Der Aufsatz, der zoologische Beschreibungen der Aale mit Beobachtungen zur Physiologie, ethnologischen Schilderungen von Jagdpraktiken und sogar etymologischen Überlegungen zu indigenen Begriffen verknüpft, steht beispielhaft für Humboldts multidisziplinäre Forschung. Noch im selben Jahr wie das deutsche Original erschien eine russische Übersetzung («О ловлѣ Електрическихъ угрей»).

In ähnlich fächerübergreifender Weise schildert Humboldt in «Über die erdefressenden Otomaken» (1807) den Brauch des heute ausgestorbenen Volksstamms der Otomaken, Erde zu sich zu nehmen, den er auf den Bedarf an bestimmten Nährstoffen zurückführt. Einer ersten russischen Übersetzung des vielgelesenen Aufsatzes im Jahr 1818 («Отрывокъ изъ Обозрѣнiя степей») folgte eine weitere 1834 («Отомаки, питающiеся землею и камедью»).

Eine der berühmtesten Episoden seiner amerikanischen Expedition schildert Humboldt in dem Reise-Essay «Über zwei Versuche den Chimborazo zu besteigen» (1837), der 1840 in Russland erschien («Восхожденiе Александра Гумбольдта на Чимборасо»). Nachdem er bereits in Europa und auf Teneriffa Hochgebirgsforschung betrieben und mit besonderem Interesse Vulkane bestiegen hatte, war Humboldt 1802 zusammen mit seinen Reisebegleitern Aimé Bonpland und Carlos Montúfar auf den Chimborazo gestiegen, einen erloschenen Vulkan im heutigen Ecuador, der damals als der höchste Berg der Welt galt. Mit ungenügender Kleidung und ohne weitere Ausrüstung, wegen der Höhenkranhkeit aus Augen und Zahnfleisch blutend, konnten sie den Gipfel wegen einer unüberwindlichen Felsspalte nicht ganz erreichen, stellten mit einer Höhe von rund 5600 Metern jedoch einen jahrzehntelang gültigen Weltrekord auf.

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Einem weiteren amerikanischen Thema widmet sich Humboldt in dem Beitrag «Ueber den neuesten Zustand des Freistaats von Centro-Amerika oder Guatemala» (1826; «Нынѣшнее состоянiе Республики Центро-Американской или Гватемальской», 1828). Das Land kannte er allerdings nicht aus eigener Anschauung, allenfalls vom Vorbeisegeln auf der Überfahrt von Guayaquil nach Acapulco im Jahr 1803, sondern er behandelte es auf der Grundlage von Quellenmaterial. Nachdem er während seiner Reise Kontakt zu Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung in den spanischen Kolonien gehabt hatte, verfolgte Humboldt die Bolivarische Revolution und die Gründung der eigenständigen Republiken in Zentral- und Südamerika, mit deren politischen und wirtschaftlichen Perspektiven er sich kontinuierlich beschäftigte.

Einem von Humboldts populärsten Büchern, den Ansichten der Natur, wurden mehrere Kapitel und Auszüge als separate russische Publikationen entnommen. Nach der Erstausgabe von 1808 erschien der Bestseller, der ästhetische Naturbeschreibung mit wissenschaftlicher Genauigkeit verbindet und eine besonders breite Leserschaft ansprach, 1826 und 1849 noch in zwei weiteren, jeweils ergänzten und überarbeiteten Ausgaben. Ein Publikumserfolg waren die Auszüge auch in Russland: Von dem Kapitel «Ueber die Wasserfälle des Orinoco» erschienen drei verschiedene Auszüge in unterschiedlichen Übersetzungen 1818 («О водопадах рѣки Ориноко») und 1834 («Оринокскiе водопады» und «О теченiи рѣки Ориноко»). Und noch 1852 wurde eine russische Übertragung des Kapitels «Das Hochland von Caxamarca, der alten Residenzstadt des Inca Atahuallpa» veröffentlicht («Каксамарка и Южное море съ высоты Андовъ»).

Mit insgesamt vier vollständigen Übersetzungen und einer TeilÜbersetzung ist aber «Ueber die Steppen und Wüsten» eindeutig der Spitzenreiter unter den russischen Auszügen aus den Ansichten der Natur («Странствованiе Гумбольдта по степямъ и пустынямъ Новаго свѣта» 1818, «О степяхъ» 1829, «Степи и пустыни» 1845, «Пустыни и степи» 1852 und als Auszug außerdem «О ловлѣ гимнотовъ» 1834). Dieser Essay, der in charakteristischer Manier weltweite Vergleiche zieht, die auch nach Zentral-Asien führen, ist damit Humboldts meistpublizierter Text in russischer Sprache.

Darüber hinaus erschienen sogar noch einzelne Anmerkungen, die Humboldt seinem Steppen-Essay als wissenschaftliche Erläuterungen beigegeben hatte, in russischer Übersetzung: «Озеро Такаригва» (Anmerkung 1, über den See Tacarigua, den heutigen Valenciasee in Venezuela), «О внезапномъ прекращенiи пассатнаго восточнаго вѣтра» (Anmerkung 7, über den Westwind der Kapverden), «О хребтахъ Внутренней Азiи» (Anmerkung 10, über das innerasiatische Gebirgsplateau), «Америка выступила изъ нѣдръ хаоса не позже другихъ частей свѣта» (ein Abschnitt aus Anmerkung 17, über die Urvölker Amerikas), «Америка выступила изъ нѣдръ хаоса не позже другихъ частей свѣта» (Anmerkung 18, über Temperatur und Feuchte der ←16 | 17→nördlichen und südlichen Erdhalbkugel), «Америка выступила изъ нѣдръ хаоса не позже другихъ частей свѣта» (Anmerkung 20, über das Atlasgebirge), «О первоначальномъ введенiи посѣва пшеницы в Америкѣ» (Anmerkung 25, über die Geschichte des Getreideanbaus), «О происхожденiи народонаселенiя Америки» (Anmerkung 27, über den Ursprung der menschlichen Sprachen). Diese Auszüge wurden 1834 in aufeinander folgenden Ausgaben der Zeitschrift Syn otečestva i Sěvernyj archiv regelrecht als Aufsatzreihe veröffentlicht.

Noch zwei weitere Auszüge aus den Ansichten der Natur erschienen auf Russisch, die weniger reiseliterarisch als naturwissenschaftlich konzipiert sind. Entstanden waren sie zunächst als Einzelpublikationen, bevor Humboldt sie in diese Sammlung aufnahm. In der Tat haben sie als programmatische Grundlagenaufsätze eine eigenständige wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung erlangt: Der 1806 veröffentlichte Aufsatz «Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse» steht am Beginn von Humboldts Auswertung seiner umfangreichen botanischen Beobachtungen und Sammlungen von der Amerika-Reise. Humboldt entwickelt darin das Konzept einer Pflanzengeographie, in dem Gewächse nicht mehr nur anhand ihrer äußeren Merkmale beschrieben, sondern als sich verbreitende, veränderliche und mit ihrer Umwelt interagierende Lebewesen aufgefasst werden. Mit dieser Vorstellung von Botanik als einer Migrationskunde erweiterte Humboldt das starre taxonomische System Carl von Linnés in Richtung eines ökologischen und sogar evolutionären Verständnisses von Natur. (Charles Darwin war ein enthusiastischer Humboldt-Leser.) Der Aufsatz erschien 1834 auf Russisch in zwei Teilen («О повсемѣстномъ разлитiи жизни» und «О растенiяхъ»).

Rund zwei Jahrzehnte später folgte mit dem 1823 entstandenen Aufsatz «Über den Bau und die Wirkungsart der Vulkane in verschiedenen Erdstrichen» außerdem Humboldts wichtigste vulkanologische Studie («Устройство и дѣятельность вулканов», 1852). Humboldt fügt darin seine über Jahrzehnte gesammelten geologischen Beobachtungen zum Phänomen des Vulkanismus und zur Funktionsweise von Vulkanen in einem wissenschaftlichen Modell zusammen, das die Entstehung der Erde erklären sollte. Um diese Frage hatte es lange Zeit eine wissenschaftliche Debatte gegeben: die Kontroverse zwischen den «Neptunisten», die das Entstehen der Erdoberfläche durch das Absinken eines Urozeans annahmen, und den «Plutonisten», die vulkanische Aktivität für die Bildung der Erdkruste verantwortlich machten. Humboldt hatte in seiner Jugend, beeinflusst von seinem Lehrer Abraham Gottlob Werner (1749–1817), selbst eher noch der neptunistischen Auffassung angehangen und in den 1790er Jahren entsprechende Artikel veröffentlicht. Durch sein Studium der Vulkane in Europa und Amerika (das er später durch Untersuchungen in Zentral-Asien erweiterte) änderte er seine Position und trug mit seiner geologischen ←17 | 18→Forschung entscheidend zur Durchsetzung des modernen Verständnisses von der Erdentstehung bei. Die Bedeutung des Aufsatzes «Über den Bau und die Wirkungsart der Vulkane in verschiedenen Erdstrichen» wurde von den Zeitgenossen bereits kurz nach Erscheinen erkannt. Goethe, mit dem Humboldt seit seiner Jugend befreundet war, zeigte sich beeindruckt und arbeitete Elemente daraus in Faust II (1832) ein – ein literarisches Denkmal für Humboldts vulkanologische Forschung.

Ebenfalls wissenschaftshistorisch bedeutsam waren die umfangreiche geologische Studie «Indépendance des formations» von 1822, die ein Jahr später in Humboldts Monographie Essai géognostique sur le gisement des roches dans les deux hémisphères einging («О волканическихъ областяхъ», 1832), sowie der 1853 veröffentlichte Versuch, die größte Tiefe des Meeres zu ermitteln («Новая попытка измѣрить глубину моря», 1854). Mit solchen Veröffentlichungen wurde Humboldt in Russland nicht nur als Reisender und Reiseschriftsteller, sondern auch als Naturwissenschaftler wahrgenommen.

Russische Forschung

Die russische Reise von 1829 stellt zweifellos das wichtigste Datum in der russischen Humboldt-Rezeption dar. Ein erster Text, den Humboldt auf dieser Reise verfasste, kam im selben Jahr im französischen Original und in russischer Übersetzung heraus, ein Reisebrief vom August 1829 aus Sibirien, genauer aus Ust-Kamenogorsk im heutigen Kasachstan, an Humboldts langjährigen Freund, den Astromonen und Physiker François Arago in Paris: «Lettre de M. de Humboldt à M. Arrago» («Письмо Барона А. Гумбольдта къ Члену Парижской Академiи Наукъ, Гну Арраго»). Humboldt berichtet darin vom Verlauf der Reise, die ungefähr ihre Halbzeit erreicht hatte, und von ihren vorläufigen Ergebnissen. Der Text erschien also noch während Humboldts Aufenthalt in Russland ebenso in Paris wie in Sankt Petersburg – und darüber hinaus in weiteren Übersetzungen unter anderem in Augsburg, Gotha, Heidelberg, Weimar, Wien, Budapest, Haarlem, Mailand, Vilnius, Edinburgh, London, Baltimore und Charleston. Die große Zahl dieser Nachdrucke veranschaulicht das Interesse, mit dem Humboldts Russland-Reise an vielen Orten der Welt verfolgt wurde.

Es folgten weitere Forschungsergebnisse der Asien-Reise, unter anderem zur Geologie, Klimatologie und Ökonomie des Russischen Reiches, die nun ohne längeren Verzug ins Russische übertragen wurden. Mit «Ueber die Bergketten und Vulcane von Inner-Asien» (1830) nahm Humboldt großräumige geographische Erweiterungen seiner bisherigen Gebirgs- und Vulkan-Forschung vor; aus eigener Anschauung konnte er nun interkontinentale Vergleiche zwischen den Anden, den Alpen und dem Altai ziehen. Seine geologische Perspektive wird hier vollends global. Eine erste russische Übersetzung dieses Aufsatzes erschien 1830 («О горныхъ кряжахъ и вулканахъ внутренней ←18 | 19→Азiи, и о новомъ вулканиическомъ изверженiи в Андахъ»), eine weitere wurde 1831 und 1832 gleich zwei Mal veröffentlicht («О горныхъ системахъ Средней Азiи»).

Aufmerksamkeit erregten auch Humboldts Erkenntnisse über die russische Edelmetallproduktion, die er unter staatswirtschaftlichen Gesichtspunkten untersuchte und mit den Erträgen in den spanischen und portugiesischen Kolonien verglich. Sein Aufsatz «Ueber die Goldausbeute im russischen Reiche» (1830) wurde binnen Kurzem in Deutschland, Frankreich, Österreich, England, Schottland, Polen und den USA veröffentlicht – sowie in Russland selbst («О количествѣ золота, добываемаго въ Россiйской Имперiи», 1830). Ein ähnliches Thema behandelt ein Brief Humboldts an die Royal Society in London über Gold und Platin im Ural, der 1829 auszugsweise in Sankt Petersburg und in Moskau veröffentlicht wurde (jeweils ohne Titel).

Seit seiner Amerika-Reise hatte Humboldt kontinuierlich Tausende von Messungen der Luft- und Wassertemperatur an den unterschiedlichsten Orten durchgeführt und zusätzliche Angaben aus anderen Quellen zusammengetragen. Als Synthese aus diesen Daten hatte er das Konzept der isothermen Linien, der erdumspannenden Zonen gleicher Durchschnittstemperatur, entwickelt und 1817 in einem Aufsatz beschrieben, der zu den Gründungstexten der modernen Klimawissenschaft gehört («Des lignes isothermes et de la distribution de la chaleur sur le globe»). Im Zuge seiner Reise durch Russland hatte er auch zu diesem Forschungsthema ergänzende Daten erhoben, die er bald darauf publik machte: 1831 in dem umfangreichen Aufsatz «Betrachtungen über die Temperatur und den hygrometrischen Zustand der Luft in einigen Theilen von Asien» («Изслѣдованiя о климатахъ Азiи, сдѣланныя Гумбольдтомъ, во время путешествiя его по Сибири въ 1829 году», 1832 und im selben Jahr erneut in einer weiteren Übersetzung) und 1832 in «Bemerkungen über die Temperatur der Ostsee» («Наблюденiя надъ температурою Балтiйскаго моря», 1835 und im selben Jahr an anderer Stelle erneut).

Sogar einen Beitrag zur russischen Sprachwissenschaft hat Humboldt geleistet: «Ein neuer Streit über den Buchstaben ъ» («Новая тяжба о буквѣ ъ», 1830 und erneut 1853). Humboldt hatte in einem Petersburger Salon halb scherzhaft erklärt, das russische Härtezeichen ‹ъ› sei eigentlich überflüssig. Alexander Puškin soll davon berichtet haben. (Vgl. Schmid, S. 259–260.) Auf Humboldts eigensinnigen Reformvorschlag reagierte der Schriftsteller Aleksej Alekseevič Perovskij (1787 –1836) mit einem Brief, den er spielerisch als Buchstabe «ъ» unterzeichnete und worin dieser beteuert, er sei keineswegs überflüssig. Humboldt nahm die Vorlage auf und entgegnete umgehend, indem er seine Auffassung mit der Gewohnheit des Naturforschers erklärte, auch in den Sprachen vor allem die «Formen» und die «Physiognomie» zu betrachten. Der Brief von Perovskij und Humboldts Antwort erschienen 1830 in einer Literaturzeitschrift ←19 | 20→in Sankt Petersburg und 1853 in den Werken Perovskijs (der unter dem Pseudonym Antonij Pogorel’skij publizierte). (Sie sind in der Ausgabe von Humboldts Briefen aus Russland 1829 wiedergegeben und übersetzt, vgl. S. 238–253.)

Russische Auszüge

Neben dem umfassenden klimatologischen Aufsatz über die Temperatur und Luftfeuchte in Asien, der bereits als Kapitel in Humboldts Fragmens de géologie et de climatologie asiatiques (1831) eingegangen war, erschien 1835 in Moskau ein weiterer übersetzter Auszug aus diesem ersten Buch Humboldts zu seiner russischsibirischen Reise, nämlich das Kapitel «Recherches sur les causes des inflexions des lignes isothermes» (in mehreren Teilen): «О причинахъ измѣненiй въ линеяхъ равной годичной теплоты».

Auch aus Humboldts letztem Werk, dem fünfbändigen Kosmos (1845–1862), wurden bereits im Jahr des Erscheinens seines ersten Bandes Auszüge in russischer Sprache veröffentlicht: «Космосъ. Опытъ физическаго мироописанiя» (1845). Ein Jahr später folgten weitere Abschnitte unter dem Titel «Kosmos. (Мiрозданiе.)» (1846). Beide Übersetzungen sind sehr umfangreich und umfassen den ersten Band des Kosmos fast vollständig (noch vor der eigentlichen russischen Buchübersetzung). Wegen ihrer Länge werden sie in der vorliegenden Ausgabe nicht wiedergegeben, sondern nur im Quellenverzeichnis bibliographisch nachgewiesen. Die weniger ausgreifenden Auszüge aus dem vierten Band, die 1859 in Humboldts Todesjahr auf Russisch erschienen, werden hingegen vollständig abgedruckt: «О составѣ волканическихъ породъ. Изъ четвертаго тома Гумбольдтова Космоса». Übersetzt hat sie Nikolai Barbot de Marny (1829–1877), später selbst ein bedeutender russischer Geologe, Bergbauingenieur und Forschungsreisender.

Russische Briefe

Neben Aufsätzen und Buchauszügen erschienen einige Briefe Humboldts, die ins Russische übersetzt wurden. Ihre Adressaten sind Jakob Heinrich Friedrich Albert (1783–1832), russischer Arzt deutscher Herkunft und Inspektor der Medizinischen Verwaltung in Tobolsk («Копiя с письма Барона Александра Гумбольта», 1833); Aleksej Pavlovič Bolotov (1803–1853), russischer Offizier, Militärtopograph und Geodät («Письмо Александра Гумбольдта к А. П. Болотову», 1851); Jakov Vladimirovič Chanykov (1818 –1862), russischer Geologe und Kartograph sowie Gouverneur von Orenburg (1852, publiziert ohne Titel); und Aleksej Ivanovič Butakov (1816–1869), russischer Seeoffizier und Geograph, der Erforscher des Aralsees («Письмо барона А. Гумбольдта къ русскому моряку А. И. Бутакову», 1854).

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Der Brief an Staatsrat Albert handelt, zum Beispiel, vom Permafrost in der russischen Arktis. Humboldt regt an, mit Hilfe von Bohrungen zu untersuchen, wie sich die Sommerwärme auf den Permafrostboden auswirkt, und die Breite der Flüsse Irtysch und Ob zu messen. Zudem interessiert er sich für die Sprache und Grammatik des «Ostjakischen» (heute Chantisch genannt) und für entsprechende Übersetzungen, zum Beispiel: «Ich habe ein großes Rentier», «Vater unser der du bist in den Himmeln», «Der Bruder meines Vaters ist entflohen.» (Vgl. Briefe aus Russland 1829, S. 258–263.)

Der Brief an Bolotov bezieht sich auf eine neue Karte von Zentral-Asien, die der General anfertigen ließ, eine Karte der «terra incognita» zwischen den Seen Balchasch und Yssykköl (entlang des Flusses Syrdarja) und der Gebirgskette Astferah (Verlängerung des Tian-Shan). Humboldt bittet um eine Kopie der neuen Karte zwischen 37ůnd 47° nördlicher Breite und 82ůnd 83° östlicher Länge.

Die Korrespondenzen deuten das Netzwerk an, das Humboldt im Zusammenhang mit seiner Reise in Russland knüpfte und pflegte. Sie sind eingebettet in ein Geflecht von Kontakten mit Vertretern des Staates und Akteuren aus der scientific community, das sich weit über Humboldt und seine Adressaten hinaus über ganz Europa erstreckte. So stand zum Beispiel Bolotov mit den Astronomen und Sternwarten-Direktoren Friedrich Georg Wilhelm Struve (1793–1864) und Heinrich Christian Schumacher (1780–1850) im Austausch, die auch zu Humboldts Korrespondenzpartnern gehörten. Auf einer Reise durch Mitteleuropa besuchte er 1845 den Mathematiker und Geodäten Carl Friedrich Gauß (1777–1855), der zu Humboldts wichtigsten wissenschaftlichen Kooperationspartnern gehörte. Mit Bolotovs Kartierung der innerasiatischen Region zwischen Kaspischem Meer und dem Tian-Shan-Gebirge setzte sich zudem der Geograph Heinrich Berghaus (1797–1884) auseinander, mit dem Humboldt darüber korrespondierte und der den Atlas zu Humboldts Kosmos erarbeitete, bevor er selbst 1852 dazu einen Artikel schrieb.

Das Besondere an diesen Briefen an russische Empfänger ist, dass sie, im Gegensatz zu den meisten hier versammelten Quellen, ausschließlich in Russland erschienen und keine weiteren Veröffentlichungen etwa in Deutschland oder Frankreich erfahren haben. (Lediglich der Brief an Butakov ist noch einmal publiziert worden, kurioserweise in schwedischer Übersetzung 1854 in Finnland, das damals allerdings ebenfalls zum Zarenreich gehörte.) Es handelt sich also um Originale, die singuläre Textzeugen darstellen und nur dank einer russischen Humboldt-Rezeption publiziert worden sind. Sie werden in der vorliegenden Ausgabe erstmals zusammen anhand ihrer Erstveröffentlichungen wieder zugänglich gemacht.

Mit einem weiteren Brief, an den deutschbaltischen Kunsthistoriker und Museumsleiter Carl Jakob Alexander von Rennenkampff (1783–1854), rundet sich schließlich sogar der biographische Kreis von Humboldts Asien-Reise: In ←21 | 22→der Sankt Petersburger Wochenzeitschrift Russkoe slovo erschien 1859, also in Humboldts letztem Lebensjahr, ohne Titel ein Schreiben, das eigentlich am Anfang seiner Russlandpläne gestanden hatte. Verfasst hatte es Humboldt fast ein halbes Jahrhundert zuvor, am 7. Januar 1812. (Vgl. Briefe aus Russland 1829, S. 57–66.) Sein Empfänger, der livländische Adelige Rennenkampff, hatte die Jahre zwischen 1805 und 1810 in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Italien verbracht und weitverzweigte Kontakte geknüpft, unter anderem mit Madame de Staël und Goethe. In Rom hatte er Humboldts Bruder Wilhelm als preußischen Gesandten kennengelernt. Als in Russland unter Zar Alexander I. gegen Ende 1811 eine Forschungsreise geplant wurde, beauftragte der Reichskanzler Nikolaj Petrovič Rumjancev (1754–1826), der Humboldt 1811 kennengelernt hatte und seine Arbeiten schätzte, Rennenkampff mit der Einladung. Humboldt hatte sich früher bereits mit Plänen für eine asiatische Reise befasst, nach Persien, Indien, Tibet, zum Himalaya; entsprechend willkommen war ihm die Anfrage. Aus Paris antwortete er Rennenkampff begeistert und kündigte an (im französischen Original): «je me ferai russe, comme je me suis fait espagnol» («ich werde mich zum Russen machen, wie ich mich zum Spanier gemacht habe» [während der Reise durch die spanischen Kolonien]). Aber er stellte auch sehr selbstbewusste Forderungen: Er skizzierte eine großangelegte Expedition von sieben bis acht Jahren Dauer über den gesamten asiatischen Kontinent, mit frei gewählten Begleitern und selbstbestimmter Route. Ob der Zar sich darauf eingelassen hätte, bleibt ungewiss. Denn wie bereits bei der beabsichtigten Reise nach Nordafrika 1798 machte ein Feldzug Napoleons, der im Juni 1812 in russisches Territorium eindrang, Humboldt einen Strich durch die Rechnung. Bis er tatsächlich Zentral-Asien bereisen konnte, sollten noch einmal 17 Jahre vergehen.

Russische Lebenszeichen

In Humboldts letzten Lebensjahren erschienen in Russland schließlich auch biographische Beiträge über den international bekannten Forscher. Ein Eintrag aus der 1853 herausgegebenen Enzyklopädie Die Gegenwart, «Alexander von Humboldt» (1855 ohne Titel auf Russisch publiziert), enthält umfangreiche Selbstäußerungen des Portraitierten. Er hatte sie auf Bitten des Brockhaus-Verlags für den Eintrag über sich selbst verfasst. Sie stellen eines der wenigen und daher umso bedeutenderen autobiographischen Zeugnisse Humboldts dar.

Eine Lebensbeschreibung in hebräischer Sprache hatte Chajim Selig Slonimski (1810–1904) zu Humboldts 88. Geburtstag verfasst (veröffentlicht 1858). Humboldts Brief an seinen Biographen (1858 ohne Titel auf Russisch publiziert) zeugt vom bewegten Dank eines greisen Mannes, der am Ende seines langen Lebens mitansieht, wie er historisch wird. Und er ist zu verstehen als öffentliche Bekundung seiner Solidarität mit dem verfolgten jüdischen Volk. ←22 | 23→ Für die Emanzipation der Juden und die Verteidigung der ihnen «gebührenden und so vielfach noch immer entzogenen Rechte», wie er im Original des Briefs formulierte, engagierte sich Humboldt lebenslang, besonders aber seit den 1840er Jahren, seit ihre Gleichstellung in Preußen wieder in Frage gestellt wurde.

Alle diese Texte waren in Russland in russischer Sprache zu lesen. Alexander von Humboldt war der internationalste Publizist seiner Zeit. Und er war auch präsent als ein russischer Autor.

Epilog: Humboldt in Russland und in der Literatur

Alexander von Humboldt erfuhr eine große Resonanz in der Literatur. Zahlreiche Schriftsteller hat er inspiriert: François-René Chateaubriand, Honoré de Balzac und Jules Verne; Robert Musil, Egon Erwin Kisch, Peter Schneider oder Hans Magnus Enzensberger; Joaquim de Sousândrade, Euclides da Cunha, Mário de Andrade; Edgar Allan Poe, Walt Whitman und Saul Bellow; Domingo Faustino Sarmiento, Alfonso Reyes, José Lezama Lima, Alejo Carpentier, Eduardo Galeano und Gabriel García Márquez.

Zu Humboldts russischer Expedition finden sich bereits zeitgenössische Zeugnisse, die vor allem eine satirische Note haben. Ortsunkundige Gelehrte, die von weither kommen, um Gräser und Steine zu sammeln, sorgten bei der einheimischen Bevölkerung, die ihnen begegnete, für Belustigung. So wunderte sich ein begleitender Adjudant über die Forschungspraxis des mitreisenden Biologen Ehrenberg:

«Dieser Herr ist so vertieft in sein Fach, daß er uns oft genug verloren ging; einmal fanden ihn die reitenden Kosaken bis an die Kniee im Sumpf im bloßen Frack; ganz durchnäßt kommt er, umgeben von ihnen, zu Fuß in seinem nassen Sommerkostüm, nur mit der Pelzmütze auf dem Kopf, in der einen Hand ein ganzes Buschel Gräser, in der andern rotes Moos, mit dem der Grund des Roten Meeres bedeckt ist, wie er sagte». (Schmid, S. 255–256)

Ein Uralkosake berichtet, wie er für den «verrückten preußischen Prinzen Gumplot» sinnfreie Verrichtungen habe ausführen müssen. Auf die Frage, was dieser denn angestellt und verlangt habe, erklärte er: «Na, so das Allernutzloseste, was es gibt: suchte sich Gras zusammen, guckte den Sand an; in den Salzmoränen sagte er einmal durch den Dolmetscher zu mir: ‹Steig ins Wasser, hol herauf, was auf dem Grund ist.›» (Herzen, S. 201)

Dieser Dialog findet sich in den Memoiren von Alexander Herzen (1812–1870). Der russische Intellektuelle erinnert sich vor allem an ein Ereignis, das neben einer Cholera-Epidemie zu «den außerordentlichen Ereignissen unseres Studiums» gehörte und zugleich einen humoristischen Höhepunkt von Humboldts Aufenthalt in Russland bildet: den Empfang an der Universität von Moskau, als die Expedition aus Asien zurückgekehrt war.

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«Humboldt, der sich auf der Rückreise vom Ural befand, wurde in Moskau mit einer feierlichen Sitzung der Gesellschaft der Naturforscher an der Universität willkommen geheißen. Mitglied in dieser Gesellschaft waren verschiedene Senatoren und Gouverneure – alles in allem Leute, die sich weder mit Naturwissenschaften noch sonst irgendwelchen Wissenschaften befaßten. Der Ruhm Humboldts, eines Geheimen Rates Seiner Preußischen Majestät, dem unser Herr und Kaiser geruht hatte, den Annen-Orden zu verleihen, mit dem Befehl, kein Geld für Material und Diplom von ihm zu verlangen, war auch zu ihnen gedrungen. Sie beschlossen also, sich nicht zu blamieren und dem Manne, der auf dem Chimborazo gewesen war und in Sanssouci lebte, die ihm gebührenden Ehren zu erweisen.

Wir blicken noch heute auf die Europäer und Europa in der Art, wie die Provinzler auf die Bewohner der Residenz blicken; unterwürfig und voller Schuldgefühl, indem wir jeden Unterschied als einen Mangel ansehen, wegen unserer Eigenarten erröten und sie zu verbergen suchen, uns den anderen unterordnen und sie nachahmen. […]

Der Empfang Humboldts in Moskau und in der Universität war keine Kleinigkeit. Der Generalgouverneur, verschiedene Kommandanten, der Senat – alles erschien: das Ordensband über der Schulter, in voller Uniform, die Professoren kriegerisch mit dem Degen an der Seite und dem Dreispitz unter dem Arm. Humboldt kam nichtsahnend in einem blauen Frack mit goldenen Knöpfen angefahren und war, verständlicherweise, verlegen. Vom Vestibül bis zum Saal der Gesellschaft der Naturforscher – überall waren Hinterhalte vorbereitet: hier der Rektor, dort der Dekan, hier ein angehender Professor, dort ein Veteran, der am Ende seiner Laufbahn stand und eben deshalb sehr langsam sprach, jeder begrüßte ihn – auf lateinisch, auf deutsch, auf französisch, und das alles in diesen fürchterlichen, Korridore genannten steinernen Röhren, in denen man sich keine Minute aufhalten konnte, ohne sich für einen Monat zu erkälten. Humboldt hörte sich entblößten Hauptes alles an und antwortete auf alles. Ich bin überzeugt, daß sämtliche Wilden, bei denen er gewesen war, die rothäutigen wie die kupferfarbenen, ihm weniger Unannehmlichkeiten bereitet haben als der Moskauer Empfang.

Kaum hatte er den Saal erreicht und Platz genommen, hieß es, wieder aufstehen. Der Kurator Pissarew hielt es für notwendig, in kurzen, aber ausdrucksvollen Worten auf russisch in einem ‹Tagesbefehl› die Verdienste Seiner Exzellenz und des berühmten Reisenden zu würdigen; wonach Sergeij Glinka, ein ‹Offizier›, mit einer Stimme aus dem Jahre 1812, einem heißen Baß, sein Gedicht vorlas, das wie folgt begann: ‹Humboldt – Prométhée de nos jours!› Humboldt aber hätte sich gerne über seine Beobachtungen der Magnetnadel unterhalten und seine meteorologischen Notizen vom Ural mit denen der Moskauer Professoren verglichen – statt dessen führte ihn der Rektor herum und zeigte ihm irgend etwas aus den allerhöchsten Haaren Peters I. Geflochtenes…» (Herzen, S. 198–201)

Diese Episode vom zweiten Aufenthalt in Moskau, auf der Rückreise, führt uns wieder zurück zur eigentümlichen Politik dieser sonderbaren Reise. In der absurden Szene mit Gelehrten in Uniform hat der spätere Dissident Herzen den prekären Charakter des Unternehmens sehr treffend erfasst. Die Wissenschaft geriet in die Enge der Politik.

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In der DDR wurde Humboldts Russlandreise in den fünfziger Jahren zum Gegenstand eines Comics: in Theo Pianas und Horst Schönfelders Alexander von Humboldt. Ein deutscher Weltreisender und Naturforscher (1959). Indem der «‹Jakobiner› Humboldt» hier den zaristischen «Polizeistaat» und das «Ausbeuterleben der Großgrundbesitzer» mit klarer Ablehnung betrachtet, tritt der Klassiker als Vordenker der sozialen Revolution mit einer Gesinnung auf, die ihn für den sozialistischen Staat anschlussfähig machte.

Ebenfalls in der DDR, aber gegenläufig und doppelsinnig, entstand der bemerkenswerteste literarische Text, der Humboldts Expedition durch Zentral-Asien gewidmet ist: Christoph Heins Briefnovelle Die russischen Briefe des Jägers Johann Seifert (1980). Sie setzt sich aus den fiktiven Mitteilungen zusammen, die Humboldts Diener unterwegs an seine Frau geschrieben haben könnte und deren Sprache Hein spielerisch nachbildet («viel Reden ueber kuenfftig zu erwartende Unbill seitens der OrdnungsHüter»). Sie schildert die Unternehmung ‹von unten›, aus der Sicht des einfachen Mannes.

Die Reisebeschreibung des Dieners handelt von einem «Blikk ueber die Grenze», von «PolizeiFurcht», «SclavenSprache» und «SelbstCensur». Ein Leitmotiv ist die Bespitzelung: Briefe werden «geoeffnet und copiert». Man beginnt, einander zu misstrauen. Ist ein mitreisender Russe ein Agent der Geheimpolizei? Am Ende erhält Seifert die Aufforderung, einen Informantenbericht abzufassen, über Humboldts «Gedanken» und «Absprachen mit Verbannten und allerley Aufsässigen». Würde er sich weigern, muss er befürchten, dass man ihn nicht wieder ausreisen lässt.

Im Archiv der Gestapo entdeckt, so die Herausgeberfiktion, werden die Briefe nach dem Krieg zunächst als Dämm-Material verklebt. Vor ihrer Edition durch eine «Zentrale Forschungsstelle» steht «die Mißlichkeit, in private Sphären einzudringen und die Tapeten von den Wänden zu entfernen». Seiferts Nachrichten haben ihre Adressatin also nie erreicht, sie wurden «abgefangen». Sämtliche Bögen tragen «die Stempel der Petersburger Geheimpolizei sowie verschiedener Dienstsiegel Preußens und des Deutschen Reiches». Nicht nur der aberwitzige Rahmen, den Hein diesen ‹Dokumenten› gibt, lässt ahnen, dass es unter der Oberfläche einer historischen Handlung eigentlich um das spätere Deutschland und um die gegenwärtige DDR geht.

In der Tradition der Gelehrtensatire steht, wie Christoph Heins Briefroman, auch einer der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit: Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt (2005). Bekannte Episoden aus Russland kehren hier wieder im Modus lakonischer Komik: «‹Nicht übel›», wird Humboldt von Gustav Rose gelobt, als im Ural ein Diamant entdeckt worden ist, wie er es vorhergesagt hatte. «‹Nur einige Wochen im Land und schon den ersten Diamanten Russlands gefunden, da spüre man die Hand des Meisters.› Er habe ihn nicht gefunden, sagte Humboldt. Wenn er ihm etwas raten dürfe, sagte Rose, es sei besser, diesen Satz nicht zu wiederholen.»

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Aber auch bei Kehlmann geschieht in Russland Bedenkliches. Seine Erzählung über Humboldt geht mit dieser Reise zu Ende. Das Kapitel mit dem Titel «Die Steppe» beginnt mit einer Frage nach dem Tod. Satirische Komik wechselt zu existentieller Melancholie: «Er wisse nichts», entgegnet er einem kalmückischen Geistlichen. «Es gebe keine Botschaft». Und kurz vor der Rückfahrt, in Astrachan, stellt der Weltvermesser sich vor, diese Expedition könne überhaupt sein Ende sein: «Eins werden mit der Weite, endgültig verschwinden in Landschaften, von denen man als Kind geträumt habe, ein Bild betreten, davongehen und nie heimkehren?» Halb Sehnsuchtsort, halb letzte Ruhestätte, würde Russland so zum Schauplatz einer ganz anderen Reise werden: «Einfach verschwinden, sagte Humboldt, am Höhepunkt des Lebens aufs Kaspische Meer fahren und nie zurückkommen?»

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Bibliographie

Alexander von Humboldt

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Fragmens de géologie et de climatologie asiatiques, 2 Bände, Paris: Gide 1831.

Asie centrale. Recherches sur les chaînes de montagnes et la climatologie comparée, 3 Bände, Paris: Gide / A. Pihan Delaforest / Delaunay 1843.

Im Ural und Altai. Briefwechsel zwischen Alexander von Humboldt und Graf Georg von Cancrin aus den Jahren 1827–1832 [herausgegeben von W. v. Schneider und F. Russow], Leipzig: F. A. Brockhaus 1869.

Briefe Alexander’s von Humboldt an seinen Bruder Wilhelm, herausgegeben von der Familie von Humboldt in Ottmachau, Stuttgart: J. G. Cotta 1880, S. 165–213. (19 Reisebriefe, davon 13 in französischer Sprache.)

Briefe Alexander von Humboldts an seinen Bruder Wilhelm, herausgegeben von der Familie von Humboldt in Ottmachau, Berlin: Verlag der Gesellschaft deutscher Literaturfreunde [1923]. (Briefe im deutschen Original und in deutscher Übersetzung aus dem Französischen.)

Zentral-Asien. Untersuchungen zu den Gebirgsketten und zur vergleichenden Klimatologie, herausgegeben von Oliver Lubrich, Frankfurt: S. Fischer 2009.

Briefe aus Russland 1829, herausgegeben von Eberhard Knobloch, Ingo Schwarz und Christian Suckow, Berlin: Akademie 2009.

Die Russland-Expedition. Von der Newa bis zum Altai, herausgegeben von Oliver Lubrich, mit einem Nachwort von Karl Schlögel, München: C. H. Beck 2019.

Zeugnisse

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Gustav Rose, Reise nach dem Ural, dem Altai und dem Kaspischen Meere auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers von Russland im Jahre 1829 ausgeführt von A. von Humboldt, G. Ehrenberg und G. Rose. Mineralogischgeognostischer ←27 | 28→Theil und historischer Bericht der Reise, 2 Bände, Berlin: Sandersche Buchhandlung 1837 / 1842.

Georg Schmid, «Zu Alexander von Humboldts Reise in Rußland. Nach russischen Quellen mitgeteilt», in: Baltische Monatsschrift 70 (1910), S. 249–262.

Selig Slonimski, Alexander von Humboldt. Eine biographische Skizze. Dem Nestor des Wissens gewidmet zu seinem acht und achtzigsten Geburtstage, Berlin: Veit & Comp. 1858.

Literatur

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Theo Piana und Horst Schönfelder, Alexander von Humboldt. Ein deutscher Weltreisender und Naturforscher [Comic], Berlin (DDR): Altberliner Verlag Lucie Groszer 1959, S. 32–37.

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Forschung

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– Ders., «El otro Humboldt, más allá de América: sus travesías por Asia» (Interview von Emma Julieta Barreiro), in: Casa del tiempo 37:5/60, Januar/Februar 2020, S. 28–32.

Nicolaas A. Rupke, Alexander von Humboldt. A Metabiography, Chicago: University of Chicago Press, 2008 [2005], S. 21f.

Aaron Sachs, The Humboldt Current. Nineteenth-Century Exploration and the Roots of American Environmentalism, New York: Viking 2006, S. 73–108.

Kurt Schleucher, Alexander von Humboldt. Der Mensch – Der Forscher – Der Schriftsteller, Darmstadt: Eduard Roether [1984], S. 355–406.

Natal’ja Georgievna Suchova, «Alexander von Humboldt in der russischen Literatur. Eine annotierte Bibliografie» (erstmals 1960), in: Alexander von Humboldt und Russland. Eine Spurensuche, herausgegeben von Kerstin Aranda, Andreas Förster und Christian Suckow, Berlin: Akademie 2014, S. 411–503.

Christian Suckow, «‹Dieses Jahr ist mir das wichtigste meines unruhigen Lebens geworden›. Alexander von Humboldts russischsibirische Reise im Jahre 1829», in: Alexander von Humboldt. Netzwerke des Wissens, Berlin: Haus der Kulturen der Welt 1999, S. 161–177.

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– Ders., «Alexander von Humboldt und Rußland», in: Alexander von Humboldt – Aufbruch in die Moderne, herausgegeben von Ottmar Ette, Ute Hermanns, Bernd M. Scherer und Christian Suckow, Berlin: Akademie 2001, S. 247–264.

Ju. I. Vinokurov et al., Александр Гумбольдт и российская география. Материалы международной конференции, Барнаул, Россия, 23-25 мая 1999 г. , Barnaul: Izdatel’stvo Altajskogo gosuniversiteta 1999.

Andrea Wulf, «Russia», in: The Invention of Nature. Alexander von Humboldt’s New World, New York: Alfred A. Knopf 2015, S. 201–216.

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Editorische Notiz

«Ich werde mich zum Russen machen.»
(«Je me ferai russe.»)
Alexander von Humboldt

Die Edition seiner russischen Aufsätze, Artikel und Essays geht hervor aus der 10-bändigen Berner Ausgabe von Alexander von Humboldts Sämtlichen Schriften, erschienen 2019 im dtv, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich.1 Diese Gesamtausgabe umfasst rund 750 Schriften, die zusammen mit ihren Bearbeitungen und Übersetzungen in 15 Sprachen erschienen.2 Einige von ihnen wurden zu Humboldts Lebzeiten ins Russische übertragen. Diese historischen Übersetzungen bilden den Gegenstand der vorliegenden Ausgabe: rund 40 verschiedene Texte, von denen mit ihren Wiederveröffentlichungen und alternativen Fassungen zu Humboldts Lebzeiten bis 1859 rund 60 Drucke erschienen.

Um das Corpus der russischen unselbständigen Veröffentlichungen Humboldts zu konstituieren und die zugehörigen Drucke zu identifizieren, wurden verschiedene Recherchen durchgeführt. Neben früheren Werkverzeichnissen von Julius Löwenberg (1872)3 und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften4 wurde vor allem die annotierte Bibliographie von Natal’ja ←32 | 33→Georgievnia Suchova ausgewertet, die nach ihrer Erstveröffentlichung 1960 in überarbeiteter Fassung 2014 unter dem Titel «Alexander von Humboldt in der russischen Literatur» neu herausgebracht wurde.5 Neben einer sprachlich und geographisch auf Russland begrenzten Sammlung zeitgenössischer Rezensio-nen, historischer Berichte, biographischer Materialien und jüngerer Forschung zu Humboldt umfasst diese Bibliographie auch die größte Anzahl bis dato bekannter Veröffentlichungen von Humboldt-Texten in Russland.

Darüber hinaus wurden Maßnahmen zur Ermittlung weiterer russischer Drucke durchgeführt:6 In sämtlichen bekannten Texten Humboldts wurden seine Selbstzitationen daraufhin geprüft, ob sie Hinweise auf bisher unbe-kannte Veröffentlichungen enthalten; desgleichen in allen Briefausgaben. Elektronische Zeitschriften-Datenbanken und Digitalisat-Sammlungen wurden umfassend durchmustert. In Bibliotheken und Archiven wurden einschlägige Bestände und relevante Jahrgänge von Zeitschriften durchsucht. Auf diese Weise wurden neun zusätzliche Drucke ermittelt, die bei Suchova noch nicht verzeichnet waren. Das Corpus der russischen Humboldt-Schriften ist damit gleichwohl nicht für immer vollendet. Weitere Neufunde sind in der Zukunft nicht ausgeschlossen, zumal wenn zusätzliche historische Periodica in Russland digitalisiert werden. Außerdem ist bei einigen Texten Humboldts der Status als eigenständige Publikation diskutabel, zum Beispiel 1838 im Fall einer kurzen Gegendarstellung in der Zeitschrift Severnaja Pčela (Biene des Nor-dens), in der Humboldt ein Missverständnis in einem Artikel eines «Herrn Ivanov aus Dorpat» aufklärte.7

Sämtliche zum Corpus gehörenden Textzeugen wurden besorgt und bibliographisch erfasst. Dabei konnten frühere Angaben ergänzt und korrigiert werden. Die Reihenfolge im Quellenverzeichnis folgt der Chronologie der Originale, das heißt den Publikationsdaten der deutschen oder französischen Vorlagen, die den russischen Übersetzungen zugrunde lagen. Die entsprechenden selbständigen und unselbständigen Erstveröffentlichungen werden ←33 | 34→in der Bibliographie unter den russischen Drucken angegeben. Russische Ori-ginalpublikationen ohne Vorlage wurden gemäß ihrem Erscheinungsdatum eingereiht – mit Ausnahme des ersten Briefes von Humboldt aus dem Jahr 1812, der seiner Reise nach Russland gilt, aber erst viel später (1859) veröffentlicht wurde. Innerhalb eines Jahrgangs wird alphabetisch anhand der Titel sortiert. Voneinander abhängige Drucke eines Texts (Nachdrucke und Wiederveröffentlichungen) sowie unterschiedliche Übersetzungen eines selben Ausgangs-texts wurden zu bibliographischen Bündeln zusammengefasst. Die Übersetzer sind angegeben, sofern sie in den Textzeugen genannt oder aus anderen Quellen zuverlässig rekonstruierbar waren. Wo kein Übersetzer identifiziert werden konnte, wird dargelegt, in welchem Verhältnis eine Übersetzung zu anderen Übersetzungen desselben Texts steht, ob die Übersetzungen einander entsprechen oder voneinander abweichen.

Die Textzeugen wurden in Russland transkribiert und anschließend im Abgleich mit den Originalen kollationiert. Orthographie und Interpunktion der edierten Texte entsprechen den Quellen, der historische Sprachstand wird bewahrt (einschließlich zum Beispiel des Härtezeichens ‹ъ›). Emendiert werden nur eindeutige Fehler, die den Textsinn entstellen. Sämtliche Emendatio-nen sind im Emendationsverzeichnis dokumentiert. Schriftbildmerkmale wie etwa Kursivierungen werden nach Möglichkeit beibehalten. Fußnoten werden aufsatzweise numeriert. Die Gestaltung der Überschriften wird vereinheit-licht. Die Seitenzahlen und -umbrüche des Originals sind markiert. Das in deutschsprachigen Textabschnitten gelegentlich vorkommende Lang-s wird in heute üblicher Form als Rund-s wiedergegeben.

In der vorliegenden Ausgabe werden jeweils die russischen Erstveröffentlichungen wiedergegeben. Nachdrucke und spätere zusätzliche Übersetzungen sind bibliographisch verzeichnet.

Bei den bibliographischen Recherchen und Besorgungen von Texten wurden wir unterstützt von Elias Bounatirou, Julia Burger, Corinne Fournier, Anna Gerber, Marco Hunziker, Matthias Stöckli, Nicolas Schupp und Selomie Zürcher (Bern), Christoph Albers und Sabine Kaiser (Staatsbibliothek zu Berlin), Gabriele Trah (Universitätsbibliothek Konstanz) sowie Evgenija Blaschtschuk, Natalia Kuznetsova, Svetlana Kuznetsova und Natalia Suchova (Sankt Petersburg). Die kyrillischen Vorlagen transkribierte Lilija Khuzeeva in Kasan; Luca Querciagrossa hat einzelne Transkriptionen per Schrifterkennungssoftware erstellt, Marco Hunziker hat sie korrigiert. Kollationiert haben sie Irina Gribi und Tamara Ulrich. Paula Steck hat die Einrichtung des Buchmanuskripts be-treut. Ihnen allen gilt unser herzlicher Dank für ihre engagierte Unterstützung.

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Abbildung 2: Alexander von Humboldts russische Reise, 1829. Karte des Reiseverlaufs in der politischen Geographie von 1829.

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Abbildung 3: Alexander von Humboldts russische Reise, 1829. Karte des Reiseverlaufs in der politischen Geographie von 2009.


1 Alexander von Humboldt, Sämtliche Schriften: Aufsätze, Artikel, Essays (Berner Ausgabe), 7 Textbände mit 3 Ergänzungsbänden, herausgegeben von Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, München: dtv 2019. Mitarbeit: Sarah Bärtschi, Michael Strobl, Mit-herausgeber: Yvonne Wübben (Band I: Texte 1789–1799), Rex Clark (Band II: Texte 1800–1809), Jobst Welge (Band III: Texte 1810–1819), Norbert D. Wernicke (Band IV: Texte 1820–1829), Bernhard Metz (Band V: Texte 1830–1839), Jutta Müller-Tamm (Band VI: Texte 1840–1849), Joachim Eibach (Band VII: Texte 1850–1859); Redakteure: Norbert D. Wernicke (Band VIII: Apparat), Corinna Fiedler (Band IX: Übersetzungen), Johannes Görbert (Band X: Forschung); Beirat: Michael Hagner (Zürich), Eberhard Knobloch (Berlin), Alexander Košenina (Hannover), Hinrich C. Seeba (Berkeley). Projekt-Website: www.humboldt.unibe.ch.

2 Vgl. Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, «Alexander von Humboldt als internationaler Publizist. Zur Edition seiner sämtlichen Schriften», in: Iberoamerikanisches Jahrbuch für Germanistik 9/2015, S. 71–88; Oliver Lubrich, «Wie verändert die Edition seiner Schriften unser Bild von Alexander von Humboldt?», in: Abhandlungen der Humboldt-Gesellschaft 43 (2020), S. 137–158.

3 Vgl. Julius Löwenberg, «Alexander von Humboldt. Bibliographische Übersicht seiner Werke, Schriften und zerstreuten Abhandlungen», in: Alexander von Humboldt. Eine wissenschaftliche Biographie, herausgegeben von Karl Bruhns, 3 Bände, Leipzig: F. A. Brockhaus 1872, Band 2, S. 485–552.

4 Vgl. «Die unselbständigen Schriften Alexander von Humboldts», http://avh.bbaw.de/uns/.

5 Natal’ja Georgievnia Suchova, «Alexander von Humboldt in der russischen Literatur. Eine annotierte Bibliografie», in: Alexander von Humboldt in Russland. Eine Spurensuche, herausgegeben von Kerstin Aranda, Andreas Förster und Christian Suckow, Berlin: Akademie 2014, S. 411–503.

6 Zum Folgenden vgl. ausführlich Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich, «Editorischer Bericht», in: Humboldt, Sämtliche Schriften, Band VIII, S. 22–76, hier: S. 27–32.

7 [Brief vom 28. Februar 1838; eingeleitet mit: «Помѣщаемъ, въ переводѣ, статью, присланную къ намъ изъ Берлина […]»] [«Poměščaem, v perevodě, statʹju, prislannuju k nam iz Berlina […]»], in: Severnaja Pčela 54 (8./20. März 1838), S. 215. Vgl. Christian Suckow, «Alexander von Humboldt und die russische Öffentlichkeit. Zu einer Korrespondenz aus dem Jahre 1838», in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Neue Folge 42/1 (1994), S. 49–63.

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ЖИЗНЕННАЯ СИЛА, или ГЕНIЙ РОДОССКIЙ*

(Сочиненiе Б. Александра Гумбольдта1)

У жиmелей Сиракузъ, mакъ же какъ у Аѳинянъ, былъ свой Песилъ. Изображенiе боговъ и героевъ, произведенiя искусmвъ Иmалiи и Грецiи, украшали различныя залы порmика, всегда наполненныя mолпою народа. Юные воины прихо |424| дили mуда созерцаmь дѣянiя своихъ предковъ; художники изучаmься произведенiямъ великихъ генiевъ. Среди безчисленнаго множесmва карmинъ, перенесенныхъ изъ главнаго города дѣяmельною ревносmью Сиракузянъ, была одна, особенно привлекавшая къ себѣ, въ продолженiе сmолѣmiя, вниманiе мимоходившихъ. Иногда въ порmикѣ не было удивляющихся Юпиmеру Олимпiйскому, Кекропсу, основаmелю городовъ, и героической смѣлосmи Гармодiя и Арисmогиmона, но въ mо-же время народъ mѣсными рядами mолпился вокругъ сей карmины. Чmо было причиною mакого предпочmенiя? Не Апеллесъ-ли былъ mворцемъ сего произведенiя, избѣгнувшаго оmъ губиmельнаго времени? Не изъ школы-ли Каллимаха вышло оно? Нѣmъ: прелесmь и красоmа, правда, были видны въ сей карmинѣ, но соединенiе красокъ, и общiй харакmеръ, сmиль ея, не могли идmи въ сравненiе со многими другими карmинами, находившимися в Песилѣ.

Народъ глядиmъ съ изумленiемъ и удивляеmся mому, чего онъ не понимаеmъ; а mакого народа очень много. Карmина сiя была на своемъ мѣ|425|сmѣ уже лѣmъ сmо, и, не смоmря на mо чmо въ Сиракузахъ искусmва процвѣmали съ бо̀льшимъ блескомъ нежели во всей осmальной Сицилiи, никmо не могъ разгадаmь мысли сего живописнаго произведенiя. Не знали даже съ mочносmью, въ какомъ храмѣ было оно прежде сего, поmому чmо его сняли съ корабля, сѣвшаго на мѣль, и mолько по нагруженнымъ на ономъ mоварамъ догадались, чmо корабль шелъ изъ Родоса. На передней часmи карmины предсmавлены были юноши и молодыя дѣвушки, собравшiяся mѣсными кружками. Всѣ они были безъ одежды; формы mѣла ихъ были удивиmельно совершенны, но сmанъ не сmоль ←39 | 40→возвышенный, какъ mоmъ, коmорый удивляеmъ въ сmаmуяхъ Праксиmеля и Алкамена. Мощные члены ихъ, носившiе на себѣ слѣды жесmокихъ усилiй, и совершенно человѣческое выраженiе ихъ желанiй и печалей, казалось оmнимали у нихъ весь небесный или божесmвенный харакmеръ и приковывали ихъ къ земному обиmалищу. Волосы ихъ просmо были украшены лисmьями и цвѣmами полей. Юноши и дѣвы просmирали другъ къ другу руки, какъ-бы изъявляя желанiе; но взгляды ихъ были усmремлены на генiя, окруженнаго блисmающимъ свѣmомъ, плававшаго посреди сихъ группъ. На плечѣ его сидѣла бабочка; въ правой рукѣ былъ зажженный факелъ. Формы mѣла его были дѣmскiя, круглыя; |426| взглядъ оживлялся небеснымъ огнемъ. Онъ повелиmельно глядѣлъ на юношей и молодыхъ дѣвушекъ, находившихся у ногъ его. Впрочемъ, въ карmинѣ сей не замѣчали ничего особеннаго. Иные думали чmо въ низу ея можно прочиmаmь буквы ζ и ω , и вслѣдсmвiе эmого – поmому чmо mогдашнiе анmикварiи были mакъ-же смѣлы какъ и нынѣшнiе – сочиняли изъ нихъ, довольно неудачно, имя Зенодора, живописца, соименнаго художнику, впослѣдсmвiи создавшему Колоссъ Родосскiй.

Zusammenfassung

Neben seinen Großwerken hat Alexander von Humboldt (1769–1859) auch ein umfangreiches publizistisches Œuvre veröffentlicht: über 750 verschiedene Aufsätze, Artikel, Essays in Zeitungen und Zeitschriften und als Beiträge zu den Werken anderer Autoren. Rund 40 davon sind auch in russischer Sprache erschienen, vor allem im Anschluss an Humboldts Reise durch Zentral-Asien 1829. Es handelt sich um eine Erzählung, Reiseberichte und Briefe sowie Fachaufsätze zum Beispiel zur russischen Geologie. Sie werden in dieser Edition erstmals gesammelt und nach den historischen Originalen wiedergegeben.

Biographische Angaben

Oliver Lubrich (Band-Herausgeber:in) Thomas Nehrlich (Band-Herausgeber:in)

Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich sind Literaturwissenschaftler und Editionsphilologen an der Universität Bern. Gemeinsam geben sie Humboldts Schriften heraus.

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Titel: Alexander von Humboldt: Die russischen Schriften