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Timur Kibirovs dichterisches Werk in seiner Entwicklung (1979–2009)

Ringen um Werte in einer Zeit der Umbrüche

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Marion Rutz

Ein Paradigmenwechsel Mitte der 1990er Jahre hat in der Slavistik die Gegenwartsliteratur als Thema etabliert, allerdings betraf er vor allem die postmoderne Prosa. Die Dichtung (Lyrik) erfuhr lange Zeit wenig Aufmerksamkeit. Diese Arbeit stellt einen der wichtigsten russischen Dichter der letzten Jahrzehnte vor: Timur Kibirov (*1955). Kibirovs Verstexte sind ein Seismograph der gesellschaftlichen Prozesse im spät- und postsowjetischen Russland. Immer wieder fragen sie nach moralischen, ästhetischen und religiösen Werten. Sie suchen nach einem Mittelweg zwischen den Extremen der ideologischen Verfestigung und des postmodernen Relativismus, ob sie in konzeptualistischer Manier sowjetische Ideologie dekonstruieren oder postmodern für Moral und Glauben agitieren.

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1. Einleitung

1. EINLEITUNG1

Ein Paradigmenwechsel Mitte der 1990er Jahre hat in der deutschsprachigen Slavistik die Literatur der Gegenwart als Forschungsbereich etabliert, sich allerdings v. a. der neuen Prosa angenommen. Die zeitgenössische Dichtung erfuhr lange Zeit weit weniger Aufmerksamkeit. Einem breiteren wissenschaftlichen Publikum sind eigentlich nur die Konzeptualisten bekannt, die den Zusammenbruch der sowjetischen Utopie literarisch spiegelten, sich in das Paradigma der internationalen Postmoderne einpassten und auch Gedichte verfassten. Die vielseitigen Generationen nach Dmitrij Aleksandrovič Prigov (1940–2007) und Lev Rubinštejn (*1947) – hinzunehmen könnte man Vsevolod Nekrasov (1934–2009) – sind wenig erforscht. Allerdings hat die Dynamik in den letzten Jahren international zugenommen. Im deutschsprachigen Raum hat sich die neueste russische Dichtung u. a. zu einem Forschungsschwerpunkt der Trierer Slavistik entwickelt.2 In diesem Umfeld entstand vorliegende Arbeit zu einem der wichtigsten russischen Dichter der vergangenen drei Jahrzehnte: Timur Kibirov (so das literarische Pseudonym von Timur Jur’evič Zapoev3), geboren 1955. Was sein Werk auszeichnet und insbesondere für die Auslandsslavistik zu einem lohnenden Gegenstand macht, sind die sich mittlerweile über einen ansehlichen Zeitraum in Verstexten manifestierenden Beobachtungen und Kommentierungen der Entwicklungen der spätsowjetisch-postsowjetischen Gesellschaft, die sich inmitten einer Fülle von Kulturzitaten verschiedenster Provenzienz realisieren. Gemeinsamer Nenner vieler Texte ist dabei die Frage nach den moralischen, ästhetischen, religiösen Werten, die sich bald als Demontage sowjetischer Ideologeme, bald als kritische Reflexion postsowjetischer intellektueller Trends, bald als Aufstellen von eigenen Wertesystemen manifestiert. Dekonstruktion wie auch Konstruktion vollziehen sich vor dem Hintergrund der sich in der russi ← 1 | 2 → schen Literatur entfaltenden literarischen Postmoderne, die in Kibirovs Gedichten der 1990er auch explizit als Bezugssystem diskutiert wird.

Von der Frage nach dem Ringen um Werte ausgehend Kibirovs Werk und dessen kulturgeschichtliche Bedeutung zu erfassen, ist das Ziel vorliegender Untersuchung. Es handelt sich um die erste umfangreichere Arbeit zu diesem Klassiker der Gegenwart außerhalb Russlands.

Das Einleitungskapitel fragt zunächst grundsätzlich nach Kibirovs Status als Gegenwartsautor; zu diesem Zweck werden verschiedene Indikatoren für eine (zumindest vorläufige) Kanonisierung herangezogen. Ein wichtiges Einzelereignis war ein Literaturskandal in den Jahren 1989/1990, auf den auch die ersten philologischen Untersuchungen zurückzuführen sind. Ausgehend von einem umfassenden und systematischen Forschungsüberblick werden anschließlich Innovativität und Relevanz der eigenen Fragestellung dargelegt sowie Parallelen zu vorhandenen Ansätzen vermerkt (Kap. 1.1). Weitere Unterkapitel führen in zwei für die Arbeit zentrale Themenkomplexe ein: Zum einen werden die im Werk artikulierten Positionen zur Tradition der sog. „staatsbürgerlichen Dichtung“ (гражданская поэзия oder лирика) und die sich verändernde Bedeutung politischer Themen betrachtet (Kap. 1.2). Zum anderen wird das für Kibirovs Schreibweise wohl charakteristischste Verfahren erörtert: der außerordentliche Reichtum an Zitaten und Anspielungen. Die Relevanz von Intertextualität manifestiert sich dabei auch explizit in poetologischen Gedichten. Weiterhin werden theoretische Positionen der literaturwissenschaftlichen Intertextualitäts-forschung skizziert und ihre Anwendbarkeit auf Kibirovs Texte diskutiert (Kap. 1.3). Das Einleitungskapitel schließt mit einer allgemeinen literaturtheoretischen Verortung der eigenen Fragestellung und Arbeitsweise sowie einem Überblick über das gewählte Vorgehen und den Aufbau des Buches (Kap. 1.4). ← 2 | 3 →

1.1.     KANONISIERUNGSINDIKATOREN, FORSCHUNGSÜBERBLICK, FRAGESTELLUNG

Das Œuvre des Moskauer Autors, der während der Perestrojka, in der Endphase des literarischen Untergrunds, debütierte, umfasst in dem als äußerste zeitliche Grenze vorliegender Untersuchung gesetzten Jahr 2014 21 als künstlerische Einheiten konzipierte Gedichtbücher (im Sinne des Terminus книга стихов, ausführlicher S. 37). 2010 erschien ein erster Roman (Лада, или Радость), 2014 ein ebenfalls über die Dichtung i. e. S.4 hinausgreifendes Buch mit „musikalisch-dramatischen“ Stücken (Муздрамтеатр).5 Kibirovs Werke werden seit Mitte der 1990er Jahre regelmäßig in den auflagenstärksten Literaturzeitschriften und in bekannten Poesie-Verlagen gedruckt. Die positive Wertung der Literaturszene und der mit ihr eng vernetzten Literaturkritik lässt sich an Auszeichnungen und Stipendien ablesen, wobei vier Preisen in ihrem jeweiligen Kontext eine besondere Bedeutung zukam:6 dem mit 40 000 DM dotierten Puškin-Preis der deutschen Alfred-Töpfer-Stiftung, den Kibirov 1993 zusammen mit Dmitrij Aleksandrovič Prigov entgegennahm; dem russischen Anti-Booker in der Sparte ‚Dichtung‘ (1997); dem Italien-Stipendium des Joseph Brodsky Memorial Fellowship Fund (2000) und schließlich dem seit 2005 verliehenen, finanziell einträglichen Preis Поэт (2008).7 Auch die Präsenz seiner Texte in einer großen Zahl von in- und vor allem ausländischen Anthologien spiegelt Popularität und Renommee. Es gibt u. a. Übersetzungen ins Deutsche, allerdings kein separates ← 3 | 4 → Buch.8 In der umfassenden Auswertung von Gedichtsammlungen, Literaturgeschichten und ähnlichen Quellen, die Robert Hodel seiner Meta-Anthologie mit zwischen 1940 und 1960 geborenen russischen Dichterinnen und Dichtern zugrunde legte, teilt sich Kibirov mit Ol’ga Sedakova den 3. Platz hinter Iosif Brodskij und D. A. Prigov.9

Ein weiteres Indiz für eine fortschreitende Kanonisierung ist die Präsenz des Dichters in russischen biographischen Nachschlagewerken10 und in englischsprachigen Lexika.11 Für die langfristige Rezeption spielen Literaturgeschichten und die durch sie vorgeschlagenen Einordnungen in umfassendere Zusammenhänge eine große Rolle. Kibirov wird in allen russischsprachigen Überblicksdarstellungen behandelt, die Gegenwartsdichtung (ab ca. 1990) berücksichtigen und ← 4 | 5 → sich nicht auf Segmente des Feldes beschränken, die ihn per se ausschließen.12 Dabei wird er in der Regel in den Kontext von Postmoderne und/oder Konzeptualismus/Soz-Art eingeordnet.13 In der westlichen Slavistik ist der Dichter ebenfalls bekannt, steht jedoch eher im Hintergrund: In der Metzler’schen Literaturgeschichte wird Kibirov im Umfeld des Konzeptualismus erwähnt,14 Reinhard Lauer ordnet ihn (nicht ganz überzeugend) als einen dem „Arion-Kreis“ zugehörigen Dichter ein15 und in Stephanie Sandlers Überblick taucht der Name mehrfach passim auf.16

Neben solchen allgemeinen Daten zum Stand der Kanonisierung lässt sich ein konkreter Zeitpunkt bestimmen, zu dem Kibirov in kurzer Zeit einem größeren Publikum bekannt wurde und das Interesse von Philologen erregte. Auslöser für diesen ersten Kanonisierungsschub war sein Poem Л. С. Рубинштейну, dessen Publikation in der lettischen Sowjetrepublik und später in der Leningrader Presse als Skandal empfunden wurde. Am 21.08.1989 waren Ausschnitte des ← 5 | 6 → umfangreichen Verstextes in Atmoda (‘Erwachen’), dem halblegalen „Informationsbulletin“ (информационный бюллетень) der Volksfront Lettlands, erschienen.17 Die Publikation nicht-standardsprachlicher Lexik im Rahmen eines Gedichts ohne euphemistische Synonyme oder Auslassungen (...) rief nicht nur eine polemische Notiz in der Pravda hervor,18 sondern ebenfalls die Rigaer Behörden auf den Plan. Offiziell wurde von der Prokuratur der Lettischen Sowjetrepublik die Aufnahme eines Strafverfahrens wegen „minderschwerem Rowdytum“ (мелкое хулиганство) gegen die Redaktion erwogen und zehn Experten aus verschiedenen Disziplinen um Gutachten zur Feststellung des Tatbestandes gebeten.

Bei einigen der angeschriebenen Experten handelte es sich um angesehene Philologen, die, teils am Anfang der 1990er Jahre, teils später, in wissenschaftlichen Publikationen auf Kibirov eingingen: 1990 stellte Aleksandr Iljušin (MGU) seine Stellungnahme zu den vier Leitfragen der Rigaer Behörde an das Ende eines Aufsatzes.19 2007 gab sich der vielseitige Linguist Jurij Stepanov vom Institut für Sprachwissenschaft als weiterer Gutachter zu erkennen.20 (Stepanov gestattete mir im gleichen Jahr einen Einblick in das ihm als Gutachter zugeschickte Material.) Kibirov nannte in einem persönlichen Gespräch Michail Gasparov als weiteren Experten, was ein bei Zolotonosov erwähntes Interview bestätigt.21 In der Sekundärliteratur ist weiterhin die Rede von Evgenij Toddes, ← 6 | 7 → der 1990 in einem Artikel auf die Skandalpublikation einging.22 Toddes’ Name findet sich nicht auf der der Anfrage der Prokuratur beigelegten Gutachterliste in Stepanovs Unterlagen. Allerdings erinnert die Einleitung von Toddes’ Text an die Fragen der Staatsanwaltschaft, so dass offen bleibt, inwieweit er vielleicht doch – etwa als Ersatzkandidat – in das Verfahren einbezogen war.

Obwohl Toddes, Iljušin und weitere Kommentatoren sich auf die Frage nach der Angemessenheit von „obszöner Lexik“ im literarischen Text und auf die Publikation als kulturgeschichtlichen Wendepunkt konzentrierten, ging es bei der Affäre um mehr als Fragen des Geschmacks oder das Verständnis von „guter“ Literatur. Kibirovs Text erschien in einem politisch sensiblen Kontext. In der gleichen Nummer von Atmoda, die kurz vor dem 50. Jahrestag des Molotov-Ribbentrop-Paktes herauskam (23. August 1939 bzw. 1989, siehe Abb. 1), finden sich beispielsweise ein Entwurf für die Konstitution einer unabhängigen Lettischen Republik sowie ein Leitartikel, der faschistische und sowjetische Okkupation gleichsetzt. Kibirovs Poem wurde stark verkürzt (siehe Abb. 2) und verkündet in dieser Form die klare Botschaft vom Zusammenbruch der Sowjetunion, die so im Original nicht vorhanden ist. Л. С. Рубинштейну wurde als weitere Waffe für den Kampf um die Abspaltung bzw. Unabhängigkeit instrumentalisiert. Entsprechend zielte die Reaktion der Behörden weniger auf den Autor als auf die Redaktion des Printorgans der Lettischen Volksfront (Aleksej Grigor’ev sowie seinen Stellvertreter Vladimir Linderman) und hatte somit durchaus eine politische Stoßrichtung.23

Man fragt sich, ob eine bestimmte (antiseparatistische) Gruppe hinter der Anzeige stand und wie groß das Interesse der Behörden an einer Strafverfolgung war, da zumindest mit Iljušin, Stepanov und Gasparov wohlwollende Experten ausgewählt wurden. Im Februar 1990 benachrichtigte die Prokuratur die Gutachter von der Einstellung des Verfahrens. (Schon am 4. Mai 1990 sollte der Oberste Sowjet der Lettischen SSR die Unabhängigkeit proklamieren.) ← 7 | 8 →

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Abb. 1:    „Atmoda“ aus den Unterlagen von Jurij Stepanov; Notiz „Здесь «рижское дело» поэта Кибирова, XI–XII 1989 г.“

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Abb. 2:    „Atmoda“ aus den Unterlagen von Jurij Stepanov; verkürzter Text von Л. С. Рубинштейну

Obwohl Michail Zolotonosov, der nach Verfahrensende die Publikation des Poems in der Leningrader Zeitung Čas pik initiierte,24 2010 eine Monographie zu Л. С. Рубинштейну und den Hintergründen von Publikation und Rezeption ← 8 | 9 → veröffentlichte,25 bleibt bzgl. des baltischen Kontextes einiges offen. Für Zolotonosov erhielt der Text erst durch die Publikation in Čas pik seine kulturgeschichtliche Bedeutung, er schreibt als Zeitzeuge aus russischer Perspektive.

Ausgelöst durch das Skandal-Poem setzte früh die erste Phase einer literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit Kibirovs Werk ein. Inzwischen gibt es – vor allem in Russland – relativ viele Studien, meist kürzere (und wohl kurzlebige) Tagungsbeiträge. Neben einigen umfassenderen Aufsätzen sind an Literatur v. a. Zolotonosovs schon erwähnter Kommentar im Buchformat sowie die drei Dissertationen von Dmitrij Bagrecov (2005), Ekaterina Visnap und Roza Nurmuchamedova (beide 2008) zu nennen.26 Im englisch- und deutschsprachigen Raum kommt man auf ein Dutzend Aufsätze und Artikel, die eigenen Publikationen nicht mitgerechnet. Die Forschung – literarturkritische Artikel und Rezensionen sind in folgender Übersicht nur am Rande berücksichtigt – kreist um eine Handvoll Themen:

1. „Obszöne“ Lexik. Am Anfang der philologischen Beschäftigung steht das Interesse an Kibirovs Tabubrüchen und ihrer Einordnung in den kulturgeschichtlichen Kontext. 1990 gibt Aleksandr Iljušin einen Überblick über die Verwendung von Jargon (мат) in der Literatur und klassifiziert Kibirovs Text dabei, wie erwähnt, als legitim. Zeitgleich äußert sich Toddes in einem vierseitigen publizistischen Artikel zur Angemessenheit der „obszönen“ Sprache, 1991 bezieht Zolotonosov ähnlich Stellung.27 Beide problematisieren dabei v. a. die Vorstellungen der sowjetischen Leserschaft von „guter“ Literatur. Die Frage nach dem Kulturbruch steht auch hinter Zolotonosovs Monographie von 2010, die Л. С. Рубинштейну samt historischem Kontext ausführlich, aber subjektiv, kommentiert.28 Andrej Zorin sieht in Kibirovs Poem sogar den Moment, in dem nach der politischen und ästhetischen auch die moralische Zensur zu fallen begann.29 ← 9 | 10 →

2. Kommentierung lebensweltlicher Realien. Ähnlich wie Jurij Stepanov30 und Zolotonosov, der in seinem Buch zahlreiche in Л. С. Рубинштейну erfasste Realien und Zitate erläutert, haben weitere Wissenschaftler erkannt, dass Kibirovs Frühwerk zunehmend der Kommentierung bedarf. I. L. Fal’kovskij unternahm 1997 in Kooperation mit dem Dichter eine Aufschlüsselung des Poems Лесная школа.31 Nikolaj Bogomolov wies auf die Grenzen dieses Auto-Kommentars hin und stellte neben die auktorialen Erläuterungen die eigenen.32 Einen methodologisch und technisch innovativen Versuch zur Fixierung der entschwindenden semantischen Kontexte unternahm Oleg Lekmanov mit einem kollektiven Blog-Kommentar zum Prolog von Сквозь прощальные слезы.33 In Richtung einer Intertextualitätsanalyse im engeren Sinne, die auf Literaturzitate fokussiert, geht E. V. Markasova.34 I. S. Skoropanova erläutert in ihrem Postmoderne-Lehrbuch ebenfalls einige zentrale Referenzen des zitatdichten Textes Сквозь прощальные слезы,35 mit dem sich in auch Katharine Hodgson beschäftigte.36 ← 10 | 11 →

3. Intertextualitätsanalysen. Die Analyse einzelner Texte, bestimmter Textensembles oder auch des Gesamtwerks auf die dialogische Auseinandersetzung mit bestimmten literarischen Vorgängerinnen und Vorgängern oder bestimmten intertextuellen Formationen hin hat sich zu der wohl populärsten und produktivsten Fragestellung innerhalb der Kibirov-Forschung entwickelt: Tat’jana Čeredničenko beschäftigte sich mit Lied-Zitaten,37 Nikolaj Bogomolov und Oleg Lekmanov mit dem Verhältnis zu den sog. Barden.38 Es gibt zwei Skizzen zu Esenin-Bezügen (die allerdings kaum am Text arbeiten);39 als Dialog mit Čechov wurde Kibirovs Positivwertung des Spießertums behandelt.40 Auffallend viele Beiträge behandeln die Puškin-Bezüge in den Büchern der 1990er Jahre.41 ← 11 | 12 → Selten thematisiert wurden dagegen Bezugnahmen auf Zeitgenossen wie Sergej Gandlevskij42 sowie auf jüngere Klassiker wie Iosif Brodskij43 oder Vladimir Nabokov.44 Ljudmila Zubovas Kibirov-Kapitel untersucht schließlich Intertextualität als zentrales Merkmal seines Schaffens und unter Berücksichtigung exemplarischer Gedichte.45

Den bislang wichtigsten Beitrag zu den intertextuellen Referenzen sowie zum Werk im Ganzen stellt die Ekaterinburger Dissertation von Dmitrij Bagrecov dar, die ausgehend von den Schlüsselbegriffen „schöpferische Individualität“ und „Intertextualität“ eine Vielzahl von Aspekten behandelt – darunter Kibirovs Verhältnis zu Puškin („Autorität“), Blok („Opponent“) und den Akmeisten („Vorgänger“).46

4. Postmodernizität. Neben den Intertextualitätsanalysen ist Kibirovs Zugehörigkeit zur Postmoderne ein Thema, das in vielen Arbeiten wiederkehrt. Die Untersuchungen, die diese Frage ins Zentrum stellen, sind allerdings meist kurz, allgemein gehalten und unzureichend durch Analysen oder Textbelege gestützt.47 Einen ungewöhnlichen Fokus wählte Gurtueva, die den Moskauer Dichter Mitte der 1990er in die russischsprachige postmoderne Dichtung des ← 12 | 13 → Nordkaukasus einordnet.48 Zu Kibirovs Postmodernizität haben sich aber auch bekannte Forscher geäußert: Michail Gasparov nennt die Resemantisierung bestehender poetischer Formen als wichtige Entwicklungstendenz der aktuellsten Dichtung und führt Timur Kibirov (sowie Lev Rubinštejn) als Beispiel an.49 Er vermeidet zwar den Begriff, dennoch ist die von ihm beobachtete offene Zitation fremder Metren in das Postmoderne-Paradigma einzuordnen. Willem Weststeijn klassifiziert Kibirov explizit als Konzeptualisten, nennt seine Schreibweise (Karnevalismus, Zitathaftigkeit) explizit postmodern, sieht in dem Vorhandensein einer eigenen Stimme allerdings eine Abweichung.50 In den schon erwähnten Lehrbüchern mit Postmoderne-Fokus werden insbesondere bei Lejderman/Lipoveckij postmoderne und nicht-postmoderne Charakteristika erörtert (siehe Kap. 7, Fn.891, S. 271).

Rutten zählt Kibirov in ihrer gerade erschienenen Monographie zu den Vertretern der „Neuen Aufrichtigkeit“ (New Sincerity, Новая искренность),51 einem in der russischen Kultur sowie international zu beobachtenden Trend, der sich gegen die Postmoderne positionierte und oft als deren Ablösung verstanden wird. Rutten plädiert dabei dafür, New Sincerity nicht generell als ‚post ← 13 | 14 → postmodern‘ einzuordnen, sondern als genuines Thema der (russischen) Postmoderne zu verstehen.52 Kibirov wird mehrmals beiläufig erwähnt53 und sein Werk würde diese These stützen. Im Zentrum der Untersuchung stehen allerdings Prigov, Sorokin sowie die Neuen Medien.

5. Stilistik und Verfahren. Eine Reihe von weiteren Studien beschäftigt sich mit Besonderheiten der Sprache und Schreibweise. Zubova berücksichtigt in ihrer Monographie zu sprachlichen Archaismen in der Gegenwartsdichtung auch Texte von Kibirov54 und sichtet sein Werk in einem Aufsatz aus sprachgeschichtlicher Perspektive.55 Babenko untersucht die Präsenz von Fachlexik u. a. bei Kibirov.56 Mit bestimmten literarischen Verfahren beschäftigen sich die beiden 2008 verteidigten Dissertationen: Ekaterina Visnap entwirft eine allgemeine Klassifikation der rhetorischen Mittel und illustriert am Kibirov’schen Material Funktionen von Akkumulation und Enjambement.57 Roza Nurmuchamedova fragt nach verschiedenen Formen der Realisierung von „lyrischer Subjektivität“ und konzentriert sich dabei v. a. auf Сквозь прощальные слезы.58 Auch G. M. Kolevatychs Annäherung an Kibirovs Überschriften lässt sich hier einordnen.59

6. Analyse und Interpretation spezifischer Textzusammenstellungen. Glušakova thematisiert die in Kibirovs Auswahlpublikation Избранные послания gesammelten Versepistel als literarisches Zeugnis des sowjetischen underground.60 Rogačevskaja interpretiert den Zyklus Вариации (aus Послание ← 14 | 15 → Ленке и другие сочинения) als Gang durch die lyrischen Gattungen des 18./19. Jahrhunderts.61 S. Ju. Suchanova widmet sich klassisch einer bestimmten Gattung, nämlich den Eklogen aus Kibirovs Buch Стихи о любви.62 Ellen Rutten verlässt den reinen Text und betrachtet den illustrierten Auswahlband Стихи о любви. Альбом-портрет von seiner visuellen und materiellen Seite.63

7. Historisch-zeitgeschichtliche Dimension der Texte. Insbesondere im Ausland sind Kibirovs Gedichte, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen und Diskussionen beschäftigen, auf Interesse gestoßen. Kevin Platt wählt in seiner Monographie von 1997, die literarische Reaktionen auf die verschiedenen russischen Revolutionen untersucht, als Schlüsseltext der Nach-Perestrojka-Zeit Kibirovs Versbrief an Sergej Gandlevskij. Ein Jahrzehnt später untersucht er post-postsowjetische Geschichtsbilder u. a. anhand von Kibirovs Poem Карабарас! (aus Kibirovs gleichnamigem Buch).64 Gregory Freidin interessiert die Konservierung der spätsowjetischen Alltagswelt (des simulakren „Potemkinland“65). Ellen Rutten streift in ihrer Dissertation Gedichte, die sich mit der Nationalitätsproblematik auseinandersetzen.66 An russischen Arbeiten gibt es neben dem Russlandkapitel in Bagrecovs Dissertation (Kap. 1.3) einen (wenig ← 15 | 16 → aufschlussreichen) Aufsatz zum Verhältnis zwischen „Fremdem“ (= Ausländischem) und „Eigenem“ in Kibirovs Buch Парафразис.67

Ebenfalls von Rutten stammt ein in Richtung Literatursoziologie weisender Beitrag. Im Rahmen ihrer Forschung zu Neo-Sentimentalist Trends in Contemporary Russian Literature bzw. zur New Sincerity deutet sie die Hinwendung von Kibirov, Prigov und Sorokin zu post-postmodernen Schreibweisen („Reclaiming the Reader“, „Reviving the Author“) als sozio-ökonomische Strategien im veränderten postsowjetischen literarischen Feld. Einige Rubriken des als Grundlage für weitere Forschung umrissenen „erweiterten CV“, den sie für Kibirov anlegen will, entsprechen den in vorliegender Arbeit in Kap. 1.1 sowie 2.1 gesammelten Eckdaten zu Kibirovs schriftstellerischem Renommee.68 Auch die Frage nach Strategien der Positionierung ist stimulierend – denn tatsächlich setzt Kibirov seit der zweiten Hälfte der 1990er sein Werk mit Hilfe der Medien in Szene. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Interviews, in denen der Autor häufig Informationen positioniert, die das Werk im Ganzen und vor allem die jeweils aktuellen Texte erläutern.

Nicht wenige der hier vorgestellten Fragestellungen lassen sich in den Themen einzelner Unterkapitel sowie in den methodologischen Prämissen vorliegender Dissertation wiederfinden. Sie haben die Untersuchung befruchtet (z. B. wird in Kapitel 4, in kritischer Auseinandersetzung mit Nurmuchamedova, auf die narrative Perspektivierung eingegangen) und eigene Überlegungen bestärkt (etwa Ruttens Interesse an Kibirovs Position im literarischen Feld). In mehreren Fällen hat die vorhandene Forschung – insbesondere in den Kapiteln ‚Kibirov und die Konzeptualisten‘ (Kap. 2.3) und ‚Kibirov und die Postmoderne‘ (Kap. ← 16 | 17 → 7) – alternative methodologische Herangehensweise gefordert, um bereits bekannte Fragestellungen aus neuen Perspektiven zu betrachten und neue Aspekte beizutragen. Ruttens Monographie zur Neuen Aufrichtigkeit lieferte schließlich – kurz vor Erstellung der Druckfassung vorliegender Arbeit – einen konzeptuellen Rahmen, in den sich Kibirovs literarische Projekte einordnen lassen.

Zentral bei den eigenen Textanalysen ist, wie in der gesamten Forschung, die Aufschlüsselung und Interpretation intertextueller Bezüge (wobei schon Erarbeitetes eher ausgespart und bislang Unentdecktes bevorzugt wurde). Punktuell spielt die „obszöne Lexik“ eine Rolle, allerdings unter dem Fokus ‚Karnevalisierung‘. Soweit möglich werden kultur- und literaturhistorische Hintergründe einbezogen, aus denen heraus Kibirovs Texte entstanden und vor denen sie wahrgenommen wurden. Als produktiv hat sich ebenfalls erwiesen, Gedichte zum einen nicht isoliert, sondern innerhalb größerer kompositorischer Einheiten (Zyklen, Bücher) zu betrachten, und zum anderen, spezifische Publikationskontexte stärker zu berücksichtigen, bis hin zur Einbeziehung von Illustrationen.

Der eigenen Arbeit besonders nahe steht der letzte im Forschungsüberblick genannte Zugang, auf den die zu Anfang getroffenen Entscheidung für Timur Kibirov (und nicht etwa Sergej Gandlevskij oder Ol’ga Sedakova) letztlich zurückzuführen ist und der die Ausrichtung der eigenen Untersuchung prägte: das genuine Interesse an Gedichten, die zeitgeschichtliche Prozesse und aktuelle gesellschaftliche Probleme thematisieren. Während die vorhandene Forschung allerdings nur Einzeltexte oder Einzelthemen betrachtet, verfolgt vorliegende Monographie die Reflexion gesellschaftlicher Prozesse und v. a. die Wertediskussionen als thematische Leitlinie durch Kibirovs Gesamtwerk. Ein vergleichbarer Zugriff auf das Œuvre als Ganzes findet sich bislang nur in Bagrecovs Monographie, die – das sei hier angemerkt – manche relevante Themen bzw. Textensembles behandelt, die in vorliegender Arbeit ebenfalls untersucht werden. Allerdings zerfällt Bagrecovs Untersuchungsgegenstand in ein Mosaik an Einzelaspekten, wobei seine Leitbegriffe „schöpferische Individualität“69 (konzeptuell prägend für sein Kap. 1) und „Intertextualität“ (Kap. 2) die zentrifugale Tendenz verstärken und Zusammengehöriges trennen (z. B. das Thema ‚Spießertum‘ vom intertextuellen Dialog mit Puškin). Kap. 3 trägt schließlich den unscharfen Titel „Современное творчество Т. Кибирова“ und umfasst thema ← 17 | 18 → tisch gänzlich heterogene Analysen. Die in vorliegender Arbeit als analytisches Raster und Gliederungsprinzip gewählte chronologische Herausarbeitung von Schwerpunkten in Kibirovs fortwährender Reflexion und Kommentierung gesellschaftlich-kultureller Entwicklungen bewirkt das Gegenteil – es kommen Ähnlichkeiten zwischen auf den ersten Blick unterschiedlichen Themen bzw. Texten zum Vorschein. Gerade die diachrone Achse ermöglicht der Leserin und dem Leser auch die grundlegende Orientierung im Werk und zeigt dessen Entwicklung auf.

1.2.     „STAATSBÜRGERLICHE“ THEMATIK UND GESELLSCHAFTS-BEZUG BEI KIBIROV

                            Я считаю, что сейчас я имею полное право встать в традиционную, может быть, даже немного смешную и дурацкую позу высокомерного отношения к политике. Пусть разбираются сами.

Timur Kibirov im Interview (1996)70

Ausgangspunkt vorliegender Untersuchung ist, wie schon erwähnt, die Beobachtung, dass Kibirovs Gedichte die historischen Peripetien, sozialen Probleme und kulturellen Verschiebungen im Russland der 1980er, 1990er und 2000er Jahre nachzeichnen, Wertediskussionen im Medium der Literatur reflektieren und auch selbst Lösungen projektieren. Diese Verarbeitung von Zeitgeschichte unterscheidet sich jedoch in ihrer Zielsetzung und literarischen Gestaltung von der in Russland kulturgeschichtlich wichtigen Tradition der sogenannten ‚staatsbürgerlichen Dichtung‘ (гражданская поэзия bzw. лирика). Obwohl Kibirov immer mit Blick auf die jeweiligen gesellschaftlichen Zustände schreibt und insbesondere das Frühwerk politisch gelesen wurde, schlüpft der Dichter nicht in die Rolle des Chronisten-und-Publizisten, der die jeweiligen aktuellen Ereignisse zeitnah vertextet und politischen Einfluss ausüben will, wie etwa Vsevolod Emelin oder Dmitrij Bykov, der während der umstrittenen Wahlen 2011 die Opposition mit dem Projekt Гражданин поэт unterstützte.71 Während Bykov über das Urteil gegen Michail Chodorkovskij vom 14.02.2011 schreibt oder Emelins Blog die Naval’nyj-Affäre kommentiert,72 meiden Kibirovs Gedichte lange Zeit ← 18 | 19 → die Tagespolitik.73 Konkrete Ereignisse der 1990er und 2000er Jahre hallen nur punktuell, stark verfremdet und verallgemeinert nach, der 2. Tschetschenienkrieg etwa in dem aus alten Losungen zusammengesetzten Gedicht Новости oder in dem antinationalistischen „Разогнать бы все народы…“ (beide im Buch Нотации, 1999).74

Ende der 1980er entstandene Gedichte distanzieren sich explizit von den literarischen Stellungnahmen zu politischen Themen, die typisch für die vorangegangene Generation – die Dichter und Schriftsteller der Tauwetterzeit – waren. Man denke nur an das sprichwörtlich gewordene Zitat aus Evgenij Evtušenkos Братская ГЭС:

        Поэт в России – больше чем поэт.

        В ней суждено поэтами рождаться

        лишь тем, в ком бродит гордый дух гражданства,

        кому уюта нет, покоя нет.75

Die literarisch-politische Publizistik der Perestrojka, die von diesen Autoren mitgetragen wurde, wird im einleitenden Manifest zu Kibirovs Gedichtband Стихи о любви (1988) abgewertet; nicht weniger polemisch ist die Abrechnung mit den sog. шестидесятники in der Versepistel Мише Айзенбергу. Эпистола о стихотворстве (Сантименты, 1989).76

Um das Paradoxon aufzulösen, inwiefern die Thematisierung politischgesellschaftlichen Geschehens einen Schwerpunkt des Werks darstellen kann, obwohl einzelne Texte sich explizit von der Tradition der Staatsbürgerlichkeit absetzen, ist zuerst einmal eine Klärung des Begriffs ratsam. Die Bedeutung von гражданская поэзия / лирика lässt sich mit den deutschen Termini ‚politische‘ oder ‚engagierte Lyrik‘ sowie dem (pejorativen) Begriff ‚Tendenzdichtung‘77 ← 19 | 20 → annähernd umreißen. Bei der Suche nach genauen Definitionen, die kulturspezifische russische Bedeutungen berücksichtigen, wird man nach langer fruchtloser Recherche in einem Band der Literaturenzyklopädie von 1925 fündig: Staatsbürgerliche Dichtung beschäftige sich mit Themen, die die gesamte Gesellschaft angehen, artikuliere Stimmungen und Empfindungen und rufe zum Handeln auf. Vorgeschlagen wird die pointierte Definition „künstlerische Publizistik in Versen“ („Таким образом Г. П. есть художественная публицистика в стихах. В этом ее сила и ее слабость“).78 Sergej Čuprinins Lexikon aktueller Termini von 2007 bietet eine ähnliche Erklärung – Texte, die sich kritisch mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzen –, berücksichtigt jedoch auch die negative Konnotation des Begriffs in spätsowjetischer Zeit. Als „staatbürgerlich“ bezeichne man Literatur, die den Geschmack der oppositionell gesinnten Bevölkerungsschichten wie auch von Staat und Partei getroffen habe und weder hyperpolitisiert noch apolitisch gewesen sei79 – also eine Art von Kompromissliteratur, die auch der Macht verpflichtet war. Čuprinin erwähnt aber auch die Anthologie Время Ч als Beispiel für eine Aktualisierung der „Tendenzdichtung“ in der jüngeren Gegenwart.80

Eben auf diesen Band mit Stellungnahmen zum Tschetschenienkrieg bezieht sich Kibirovs Gedicht По прочтении альманаха «Время Ч» (ШалтайБолтай, 2002), das kritisch den Wechsel poetischer Moden vermerkt. Während der Dichter selbst früher wegen seiner politischen Verse kritisiert worden sei („за грубый утилитаризм / и неуместный прозаизм“), schlügen nun die damaligen Kritiker eben solche Themen an. Das Gedicht stellt also zumindest Kibirovs um 2000 entstandene Texte nicht in die Tradition des literarischen Engagements. Der Sprecher stilisiert sich stattdessen mit Blick auf Lomonosovs Zyklus Разговор с Анакреонтом zum apolitischen Lyriker und bevorzugt, in Opposition zu Lomonosov und wie ursprünglich Anakreon, gegenüber der heroischen Thematik die Liebe. In Kibirovs Gedicht По прочтении альманаха «Время Ч» heißt es: ← 20 | 21 →

        А я опять с дурацким понтом,

        позоря гражданина сан,

        скачу седым Анакреонтом,

        нос ворочу, как Пиндемонти

        среди воинственных граждан….81

Spöttisch wird die staatsbürgerliche Tradition ebenfalls im Gedicht „Все-таки лучше всего…“ (Нотации, 1999) bewertet. Verweise auf zwei Fabeln ironisieren den Anspruch, Einfluss auf das gesellschaftlich-politische Leben auszuüben. Zum einen wird Krylovs gereimte Fabel Слон и моська aufgerufen, in der ein Mops (der Dichter) einen Elefanten (den Staat) anbellt. Auf die Vergeblichkeit seines Tuns hingewiesen, entgegnet das Hündchen, dass es die anderen Hunde beeindrucken wolle. Zum anderen wird der engagierte Literat mit dem übermütigen Böckchen aus Kornej Čukovskijs Kindergedicht Бебека gleichgesetzt, das von seinem Kampf mit dem Bären schreibt und sich realiter als Sieger fühlt.82

Die Tagespolitik ist lange Zeit kein primäres Anliegen Kibirovs: Wie Gorbačev und die postsowjetischen Regierungschefs ist auch Putin kein Thema. Sein Name wird in dem Gedicht „Ей же Богу…“ (Кара-барас, 2002–2005) zwar erwähnt, der Text spricht sich allerdings gegen vereinfachende Parallelisierungen wie Putin = Nikolaj I. aus, nimmt sich also aus politischen Diskussionen heraus.83 Von 1988 bis 2013 realisieren die Gedichte Themen, die weniger der Gefahr ausgesetzt sind, nach kurzer Zeit obsolet und unverständlich zu werden. Der Schwerpunkt liegt auf der poetischen Suche nach tragfähigen Fundamenten für das private und soziale Leben: allgemein-menschliche Werte, reflektierter Patriotismus, Religion. Dieser Themenkomplex mit seinem Impetus, den Verfall der Gesellschaft aufhalten zu wollen, ist trotz der Bindung an die konkrete russische Situation universell und wohl auch überzeitlich.

Kibirovs Vorwort zu dem 2013 erschienenen Auswahlband Избранные поэмы skizziert eine weitere Wortmeldung zu gesellschaftlichen Funktionen von Dichtung. Es kritisiert die stereotype Annahme, dass die russische Literatur in besonderem Maße außerliterarische Ziele verfolge, während die anderen europäischen Literaturen unpolitisch seien, sowie die binäre Opposition von engagierter vs. autonomer Kunst. Wahre Dichtung vereine stets beides, literarischen Anspruch sowie den Wunsch nach einer Wirkung auf die Leser- und die Gesellschaft:

        Иными словами, поэты – это те, кто литературными средствами преследуют совсем не чисто литературные цели. То есть в некотором смысле любой ← 21 | 22 → настоящий поэт, и не только в России, но и всегда и везде, гораздо больше, чем тот воображаемый асоциальный и аполитичный, внеморальный и внерелигиозный, неживой и нечеловеческий поэт, который на самом деле и не поэт вовсе, а один из жалких честертоновских «умников». Отказ же от воображения и культуры, от упоительной игры смыслов и звуков, равно как и отказ от выражения чувств или даже пробуждения добрых чувств лирой и восславления свободы в наш жестокий век приводят в унылый и бесплодный тупик.84

Durch die Ukraine-Krise und die durch den Krieg forcierten Veränderungen des gesellschaftlichen Klimas in Russland wurde allerdings wieder eine Hinwendung zum Politischen ausgelöst. Einige 2014 erschienene Texte Kibirovs beschäftigen sich offen mit der Tagespolitik: In dem Что все это означает? überschriebenen zweiten Teil des Buches См. выше geht es u. a. um Putin, die Partei „Einiges Russland“, die Olympischen Winterspiele in Soči, die Gesetze gegen Homosexualität und Pussy Riot. Im Buch Муздрамтеатр behandelt das erste Stück die durch den Krieg in Gang gesetzten Mechanismen in einem auf dem Themenkreis des Trojanischen Krieges aufbauenden Mini-Drama. Das Gedicht, das in См. выше den tagesaktuellen Buchteil einleitet, fasst diese erneute Wende als Herabsteigen des selbst staunenden Dichters vom Helikon:

        Гляжу я на Путина и изумляюсь,

        Гляжу на себя – изумителен сам.

        Из горных высот в дольний прах приземляясь,

        Не верю своим я глазам и мозгам.85

Verstärkt wird dieser Bruch dadurch, dass den politischen Bezugnahmen im Buch ein apolitisch-idyllischer erster Teil vorangeht, der die anakreontische Position pflegt.

In Kibirovs Werk lässt sich somit – insbesondere angesichts dieser jüngsten Entwicklungen – keine kategorische Absage an die staatsbürgerliche Thematik bzw. das politische Engagement ausmachen. Die Positionen verändern sich analog zur gesellschaftlichen Realität: von parodistischen Reflexionen sowjetischer Ideologeme, denen politische Sprengkraft innewohnte, zur Distanzierung von der omnipräsenten Politisierung der Literatur im Kontext der Glasnost’, zum Plädoyer gegen eine „asoziale“ Dichtung, und schließlich wieder zum politi ← 22 | 23 → schen Engagement. Während die Kunst in den 1990ern nicht als Ersatzöffentlichkeit dienen musste und die Postmoderne den Weg der l’art pour l’art präferierte,86 wird die staatsbürgerliche Funktion in den 2010er Jahren – nicht nur bei Kibirov – wieder stärker nachgefragt. Trotz der erneuten Beschäftigung mit politischen Themen bleiben in seinen Texten allerdings Unterschiede zu der prototypischen staatsbürgerlichen Dichtung des 19. Jahrhunderts und der sowjetischen Zeit bestehen: Pathos, Aufrichtigkeit, Anklage- und Aufforderungsgesten werden unterlaufen. Die Texte sind immer ironisch, auch wo vordergründig Sentimentalität und Appell dominieren. Literarische Projekte und Polemiken verbinden sich paradoxerweise mit Selbsthinterfragung, Ambiguität und mit Distanz zu der eigenen Aussage.

1.3.     INTERTEXTUALITÄT BEI KIBIROV

Die zentralen Verfahren, die Kibirovs Texten letztlich ‚postmodern‘ zu nennende Züge verleihen, sind Karnevalisierung und Intertextualisierung.87 Dem ersten Charakteristikum ist der literarische Skandal von 1989 zu verdanken, denn im Poem Л. С. Рубинштейну wird die gewohnte „hohe“ poetische Sprachnorm durch „niedrige“ Jargonismen gestört.88 Auch in späteren Texten werden norm ← 23 | 24 → widrig Hohes und Niedriges kombiniert und Sakrales profaniert, so etwa in der 2009 erschienenen Sammlung religiöser Gedichte Греко- и римскокафолические песенки и потешки (siehe Kap. 8.5.3). Derartige Überschreitungen sorgen für amüsante Irritationen, zusätzlich zu allgemeinen Verfremdungseffekten erzeugen sie ironische Distanz zum Gesagten.

Eine ähnliche Wirkung hat die Anreicherung des eigenen Textes mit Bezügen auf andere Texte. Die Aufschlüsselung und Interpretation solcher intertextuell bedingter Anomalien,89 die den Textfluss stören und das Verstehen zumindest im ersten Augenblick behindern, sind ein wichtiger Bestandteil der folgenden Textanalysen. Wie der Forschungsüberblick gezeigt hat, wird Intertextualität noch stärker als die karnevaleske Subversion („obszöne“ Lexik) als Markenzeichen und Dominante von Kibirovs Poetik angesehen. In den Büchern der späten 1990er gibt es sogar entsprechende poetologische Gedichte: Постмодернистское (Улица Островитянова, 1999) behandelt Intertextualität als Problem der zwangsläufigen Sekundarität angesichts der dichten literarischen Tradition. Alles scheint schon gesagt bzw. geschrieben, heißt es in Str. 1:

        Все сказано. Что уж тревожиться

        и пыжиться все говорить!

        Цитаты плодятся и множатся.

        Все сказано – сколько ни ври.90

Am Anfang des folgenden Bandes Нотации (1999) wird der Charakter des eigenen Schreibens umrissen. Das Ged. „Это, конечно же, не сочинения…“ spielt verschiedene Konzepte durch und beschreibt die eigene Stimme in Str. 4–5 schließlich als eine Art (musikalische) Begleitung, die die Texte der Klassiker sozusagen rahmt:

        Кажется, даже не интерпретатор,

        просто прилежный аккомпаниатор.

        Так и писать бы:

        «ПОЭТЫ РОССИИ И МИРА

        аккомпанирует Т. Ю. Кибиров на лире».91

Klingt im ersten Gedicht Umberto Ecos Formulierung des Grundproblems der Postmoderne mit (siehe Kap. 7.2.3 und 7.3.1), erinnert die Konzeption des Autors als Interpret bzw. Begleiter im zweiten an das Modell von Kristeva und Barthes, das das schöpferische Genie auf den Schnittpunkt von Prätexten bzw. Diskursen reduziert. Wie diese beiden Beispiele zeigen, sind die Intertextuali ← 24 | 25 → tätstheorien nicht nur ein wichtiger literaturwissenschaftlicher Ansatzpunkt, sondern auch ein Motor der postmodernen Literatur.92

Bei der Gretchenfrage, welches der konkurrierenden Intertextualitätsmodelle in vorliegender Arbeit bevorzugt wird – die universale / allgemeine / ontologische Intertextualität in der Tradition von Kristeva und Barthes oder die spezifische / deskriptive nach Pfister, Broich, Genette etc.93 vertritt die Arbeit grundsätzlich die synthetische Perspektive von Franziska Schößler: Beide Modelle schließen sich in der Forschungspraxis nicht aus, sondern stellen legitime Betrachtungsweisen dar, die sich produktiv ergänzen.94 Entscheidend sind das jeweilige Erkenntnisinteresse und das Material.

Für die Begründerin der eigentlichen (ontologisch-allgemeinen) Intertextualitätstheorie, Julia Kristeva, ist „das Wort (der Text) […] Überschneidung von Wörtern (von Texten), in der sich zumindest ein anderes Wort (ein anderer Text) lesen läßt“ und „jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes.“95 Ihr Lehrer und Kollege Roland Barthes formuliert in seinem einflussreichen Manifest, das den Tod des Autors proklamierte (1967/1968):

        Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die „Botschaft“ des ← 25 | 26 → Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen [écritures], von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur.96

Dieses universale oder ontologische Intertextualitätsmodell, das jeden Text als unbewusstes Produkt früherer Texte ansieht, bietet sich für die Lektüre einiger Gedichte aus Kibirovs Frühwerk an. In den Poemen Лесная школа (Лирикодидактические поэмы, 1986), Буран (Рождественская песнь квартиранта, 1986) sowie in Л. С. Рубинштейну (Три послания, 1987/1988)97 überkreuzen sich in assoziativer Unordnung unzählige Kulturzitate, ohne dass ein stringenter Textsinn erkennbar wäre. Wohl nicht zufällig haben gerade Untersuchungen zu diesen Werken die Kommentarform gewählt (vgl. S. 10) – am nächsten kommt dem Ideal eines über die intertextuellen Links aufgespannten „Hypertextes“98 wohl Oleg Lekmanovs Blog-Projekt zu Сквозь прощальные слезы. Diese Kommentierungen zeigen allerdings auch die Grenzen des Ansatzes, da sie nur sich stets weiter verästelnde (mögliche) Schnittstellen aufzählen, ohne Aussagen zum Ganzen zu machen.

Die meisten von Kibirovs Texten sind allerdings zentriert, d. h. auf eine zu erschließende Bedeutung hin organisiert, die oft von einem kohärenten Subjekt getragen wird, das als Ich spricht. Im Buch Интимная лирика wird sogar explizit auf die (bei Kibirov: fatalen) Konsequenzen der poststrukturalistischen Modelle hingewiesen und die Intertextualitätsforschung durch eine Literaturliste provoziert (siehe Kap. 7.1.4). In den in meiner Arbeit unternommenen praktisch orientierten Analysen wird Intertextualität daher im Sinne des gegen das ursprüngliche poststrukturalistische Konzept gerichteten spezifisch-deskriptiven Intertextualitätsmodells untersucht, d. h. als Eigenschaft eines Textes bzw. als bewusst eingesetztes Verfahren. Sie wird als konkrete Bezugnahme (Zitate, Allusionen, Gattungstraditionen, …) auf einen oder mehrere andere Texte verstanden. Diese Entscheidung legen die untersuchten Gedichte nahe, in denen Text-Text-Referenzen oft deutlich als fremde Rede erkennbar sind, die aus dem eigenen Text herausragt und nach Deutung verlangt. In vielen Fällen handelt es sich um bekannte Bezugstexte wie sowjetische Massenlieder, Puškin-Zitate oder Kinderliteratur. Häufig wird durch die Erwähnung von Namen oder Titeln die intertextuelle Beziehung explizit bezeichnet, im Buch На полях «A Shropshire Lad» gibt es sogar ein erläuterndes Vorwort. ← 26 | 27 →

Im Werk ist ein breites Spektrum von Text-Text-Bezügen realisiert. Zur Erfassung dieser Bandbreite sind die bekannten Klassifizierungen von Genette (Grundtypen textueller Verwandtschaft99), Pfister (Intensität100) und Broich (Arten der Markierung101) hilfreich. Auf Russisch haben Natal’ja Fateeva102 und Natal’ja Kuz’mina103 ähnliche Systematisierungen vorgelegt, wobei letztere auch spezifische Ausprägungen im Gedicht berücksichtigt, wie z. B. das Zitieren metrischer Muster. Dieser theoretisch-terminologische Hintergrund hat den eigenen Blick geschärft, allerdings ohne dass die Klassifizierung zu einem expliziten Ziel der Arbeit geworden wäre.

Eine Frage, die in allen Textanalysen mitklingt und im Schlusskapitel resümierend betrachtet wird, ist die nach den Funktionen von Intertextualität bei Kibirov. Eine grundlegende Konsequenz des intertextuellen Schreibens lässt sich über die ursprünglichen Ideen von Michail Bachtin fassen, an die Kristeva anknüpfte.104 Bachtins Thesen entstanden im Rahmen seiner Bemühungen um ein Verständnis der Gattung Roman und eine theoretisch fundierte Gattungsgeschichte. Für die Intertextualitätstheorie war v. a. seine Klassifizierung des Prosaworts grundlegend: Die bekannte Studie zu Dostoevskij (Проблемы творчества Достоевского, 1929; überarbeitet als Проблемы поэтики Достоевского, 1963), unterscheidet zwischen dem direkten, unmittelbar auf den Redegegenstand gerichteten Wort des Autors [sic!] (прямое слово), dem objekthaften Wort der Figuren oder des Erzählers (объектное слово) sowie dem auf das fremde Wort ausgerichteten zweistimmigen Wort (слово с установкой на чужое слово, двуголосое слово).105 In anderen Arbeiten hat Bachtin seine ← 27 | 28 → Thesen auf den Roman im Allgemeinen erweitert und auch seine Klassifizierung variiert. In Слово в романе (entstanden 1930–1936)106 wird in Bezug auf den humoristischen Roman unterschieden zwischen direktem Autorwort (прямое авторское слово), allgemeiner Sprache (общий язык: die Sprache/Meinung des dargestellten Soziums, die den Grundton der Erzählung liefere) und sich davon abhebenden Stilisierungen von durch Genre, Beruf u. ä. bedingten Sprachschichten.107 Ebd. heißt es etwas später, dass das prototypische Romanwort zweistimmig und implizit-dialogisch sei. In ihm überlagern sich die Stimmen der Figuren und die des Autors (Bachtins arbeitet nicht mit den Termini der modernen Narratologie; ob er die Instanz des Erzählers oder abstrakten Autors meint, ist unklar):

        Разноречие, вводимое в роман […] – это чужая речь на чужом языке, служащая преломленному выражению авторских интенций. Слово такой речи – особое двуголос ое слово . Оно служит сразу двум говорящим и выражает одновременно две различных интенции: прямую интенцию говорящего персонажа и преломленную – авторскую. В таком слове два голоса, два смысла и две экспрессии. Притом эти два голоса диалогически соотнесены, они как бы знают друг о друге (как две реплики диалога знают друг о друге и строятся в этом взаимном знании о себе), как бы друг с другом беседуют. Двуголосое слово всегда внутренне диалогизовано.108

Dieses Mitklingen des fremden Wortes im eigenen bezeichnet man mit dem Terminus Dialogizität. Eliminiert man die Beschränkung auf die Prosa109 und deutet Bachtins „fremde Rede“ in Richtung Text-Text-Kontakte aus, bietet die Idee der dialogischen Bezogenheit auf etwas anderes, der „Brechung der Autorintention“ oder – mit einer eigenen Metapher gesagt – der Überlagerung des fremden Wortes (des Zitats) mit dem eigenen (des Sprechers) eine geeignete Basis, um der Funktion von Intertextualität in Kibirovs Gedichten nachzugehen. ← 28 | 29 →

1.4.     TERMINOLOGISCHES („BEZUGSTEXTE“, „SPRECHER“)

Was die in vorliegender Arbeit verwendete Terminologie angeht, werden Texte, die in späteren Texten als Zitate oder Allusionen aufscheinen, als Bezugstexte bezeichnet; in der deutschsprachigen Forschung verbreitet sind die Synonyme Referenztexte und v. a. Prätexte (im Sinne von Vorgängertexte).110 In früheren Aufsätzen habe ich von Intertexten gesprochen, was jedoch angesichts der Polysemie dieses Begriffs, der bald die zitierten, bald die zitierenden Texte, bald den Raum zwischen den Texten bezeichnet, zu Missverständnissen führen kann.111

Eine zweite terminologische Entscheidung betrifft den in den deutschsprachigen Philologien, jedoch nicht international bzw. nicht in der gleichen Bedeutung fest etablierten Begriff ‚lyrisches Ich‘. Kritisiert wird etwa, dass der Terminus – gegenläufig zur der ihm von Margarete Susman (1910) ursprünglich verliehenen Bedeutung als Gegenbegriff zum „empirischen Ich“ (dem realen Autor) – häufig mit der Vorstellung verbunden werde, dass im Gedicht der Dichter selbst spreche.112 Auch wenn sich diesem durch mehr terminologische Präzision abhelfen ließe, ist einzuwenden, dass die Fixierung auf das (lyrische) „Ich“ den Blick auf die Breite der auch im Gedicht möglichen Personen- und Kommunikationsstruk ← 29 | 30 → turen verstellt.113 Diese lassen sich durch narratologische Kategorien114 oder einer Skala mit verschiedenen Realisierungen des ‚lyrischen Subjekts‘115 besser beschreiben als mit nur einem Terminus.

Was die terminologischen Alternativen angeht, verwendet der Anglist Bode in seiner Einführung den englischen Terminus persona, der den Unterschied zwischen dem Autor und der Instanz, die in der 1. Person Singular spricht, absolut setzt und sie als Figur behandelt.116 Burdorf präferiert den Begriff „artikuliertes Ich“ und erwähnt „sprechendes Ich“ als schlechtere Variante.117 Müller notiert „lyrisches Subjekt“, „poetisches Ich“, „Textsubjekt“.118 Hans-Werner Ludwig verwendet in seiner Einführung „Sprecher-Ich“119 – um nur einige Beispiele zu nennen. In Fortsetzung einer von mir unternommenen vergleichenden Untersuchung der terminologischen Möglichkeiten in der deutsch-, russisch- und englischsprachigen Wissenschaftstradition möchte ich als allgemeinen Oberbegriff ‚Sprecher‘ vorschlagen.120 Einerseits erleichtert er aufgrund der semantischen Nähe zum etablierten ‚Narrator‘ die Übertragung von in der Erzähltextanalyse entwickelten Konzepten. Zum anderen markiert die Differenzierung zwischen ‚Erzähler‘ und ‚Sprecher‘ dennoch einen Unterschied: Für die Konstituierung von Dichtung wichtige Charakteristika wie Metrum, Reim und v. a. die Unterteilung in Verszeilen beruhen auf ihrem ursprünglichen Wesen als gesprochener Text. Auch die durch das – allen Einschränkungen zum Trotz – typische Sprechen in der 1. Person ausgedrückte persönliche Bindung des Textes an die sprechende Instanz und die hierdurch suggerierte Unmittelbarkeit ist inbegriffen.

Dass diese Entscheidung für eine terminologische Abweichung und die Annäherung an die Narratologie kein theoretischer Selbstzweck sind, wird sich vor allem an den in Kapitel 4 behandelten Werken zeigen, die komplexe Erzählperspektiven aufweisen. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Gedichten Kibirovs, ← 30 | 31 → die auf die erste Person verzichten oder ihr Auftauchen im Text inszenieren (vgl. das in Kap. 3.1 thematisierte Gedicht Послесловие к книге «Общие места»). Allerdings findet sich gegenläufig nach 1988 vermehrt klassische „Lyrik“, die die Instanz des Sprechers explizit an die erste Person sowie an den Autor bzw. ein zu imaginierendes „Autor-Bild“ rückbindet.

1.5.     THEORETISCHE VERORTUNG UND AUFBAU DER ARBEIT

Der Gesellschaftsbezug von Kibirovs Texten – die literarische Reflexion (Spiegelung und gedankliche Durchdringung) von Wertediskursen sowie entsprechende Reaktionen – bestimmt als Leitthema die Textauswahl, die Konzeption der Einzelkapitel der Arbeit sowie deren Zusammenfügung. Methodologisch dominiert die klassisch-literaturwissenschaftliche Perspektive, die die Frage nach Diskursen und der außerliterarischen Realität der nach den konkreten Texten und ihrer Gestaltung unterordnet. Die Arbeit versteht sich nicht als kulturwissenschaftlich im engeren Sinne; primäres Ziel ist nicht die Erarbeitung eines Themas unter paritätischer Berücksichtigung möglichst vieler literarischer sowie nicht-literarischer Quellen, sondern die Erschließung von Kibirovs dichterischem Werk. Die Untersuchungen gruppieren sich somit um den Autor, der als Urheber seiner Texte verstanden wird, und diese wiederum als intentionale Schöpfung eines Individuums.

Der methodologische Zugriff ist grundsätzlich hermeneutisch. Trotz der formalistischen und strukturalistischen Vorbehalte gegenüber der Interpretationswillkür, die der Poststrukturalismus zum Vorwurf der Gewalt gegen den Text steigerte, ist der völlige Verzicht auf den Verstehenswunsch problematisch, da mit ihm die Motivation für die intensive Lektüre verschwindet und die Analyse letztendlich zu einer Aneinanderreihung von irrelevanten Beobachtungen gerät, wie etwa in Barthes’ – theoretisch durchaus anregender – exemplarischer Monographie SZ.121 In der literaturwissenschaftlichen Praxis produktiv und theoretisch haltbar scheint nach wie vor eine reflektierte Hermeneutik, wie sie etwa Peter Szondi schon in den 1960–70er Jahren entwarf.122 Ausgangspunkt ist die Erkenntnis des eigenen geschichtlichen Standorts und der historischen Distanz zu Autor / Text, die den Interpretationsversuch unhintergehbar prägen.123 Szondi unterscheidet zwei gleichermaßen legitime Zugriffe, die er mit zwei in der hermeneutischen Tradition vorhandenen Begriffen benennt: Unter ‚allegorischer ← 31 | 32 → Interpretation‘ fasst er dabei das Verstehen aus der Vorstellungswelt von Leserin und Leser, das „dem fremd gewordenen Zeichen […] eine neue Bedeutung unterlegt, die nicht der Vorstellungswelt des Textes, sondern der seines Auslegers entstammt […].“124 Die ‚grammatische Interpretation‘ wolle hingegen das ursprüngliche Textverstehen rekonstruieren und die historische Distanz überbrücken, etwa durch Aufarbeiten von unklarer Lexik und fremden Realien. Für Szondi sind beide Ansätze gleichwertig und v. a. im Zusammenspiel produktiv: Erst der allegorische Zugriff führt über den positivistischen Stellenkommentar hinaus und generiert neue Fragen an den Text. Die grammatische Interpretation fungiert dabei als notwendiges Korrektiv, das Hypothesen auf den Text verpflichtet.125 Was die eigenen Interpretationen von Kibirovs Œuvre angeht, wird die weniger durch zeitliche als durch kulturelle Distanz geprägte allegorische Deutung v. a. durch das Erarbeiten der intertextuellen Bezüge sowie der Kontexte, auf die die Texte reagieren, geerdet.

Mit dem Plädoyer für die intensive Auseinandersetzung mit dem einzelnen Text als Vorbedingung der Interpretation sowie dem Bestreben, die Gedichte als Ganzes und in der gegenseitigen Bezogenheit ihrer Elemente zu erfassen, folgt die Untersuchung strukturalistischen Prämissen, auch wenn kein close reading der verschiedenen sprachlich-poetischen Ebenen vorliegt,126 das die Begrenzung auf sehr wenige Einzeltexte erzwungen hätte. In dem beschriebenen Willen zum Verstehen und den Sympathien für die strukturalistische Textarbeit klingen letztendlich methodologische Prämissen von Henrieke Stahl an, bei der ich das literaturwissenschaftliche Handwerk gelernt habe,127 und der Anspruch, zwar keine „allgemeingültigen“, geschweige denn „objektiven“, aber auf textuellen Fakten begründeten und intersubjektiv nachvollziehbaren Interpretationen vorzulegen.

Was die Vorgehensweise bzw. den Aufbau der Arbeit betrifft, sind die Kapitel chronologisch angeordnet und folgen dem Publikationsverlauf von Kibirovs Texten. Der Untersuchungszeitraum wird durch den 2009 erschienenen Gedichtband Греко- и римско-кафолические песенки и потешки begrenzt, auf ← 32 | 33 → den 2010 ein erster Roman folgte. Nach diesem terminus ad quem erschienene Gedichte werden nur sporadisch berücksichtigt und vergleichend eingebunden; die Erzählprosa sowie die jüngsten dramatischen Experimente verlangen per se nach einer gesonderten Betrachtung.

Mit jedem Kapitel werden zwei oder mehr Bücher abgedeckt, die einen bestimmten Aspekt von Kibirovs dichterischen Reflexionen gesellschaftlicher sowie literarischer Werte enthalten. Dieses Schwerpunktthema wird unter der notwendigen Selektion und Reduktion in exemplarischen Einzeltextanalysen erarbeitet. Die Themenbereiche umfassen die Dekonstruktion sowjetischer Denkmuster (Kap. 3), die Reflexionen der Veränderungen, die später in Glasnost’ und Perestrojka gipfeln (Kap. 4), die Neuausrichtung des Schreibens im sich neu strukturierenden literarischen Feld (Kap. 5), die Entfaltung eines postsowjetischen ideologischen Programms (Kap. 6), die Auseinandersetzung mit aus dem Westen rezipierten postmodernen intellektuellen Trends (Kap. 7) und die erneute Suche nach ideellen Grundlagen sowie literarischen Vorbildern, die sich insbesondere auf ausländische Prätexte stützt (Kap. 8). ← 33 | 34 → ← 34 | 35 →


1 Alle Links in diesem Kapitel wurden zuletzt am 17.04.2015 überprüft.

2 Siehe die Tagungsbände Шталь, Хенрике; Рутц, Марион (ред.): Имидж, диалог, эксперимент. Поля современной русской поэзии. München; Berlin; Washington: Otto Sagner 2013 sowie Stahl, Henrieke; Korte, Hermann (Hgg.): Gedichte schreiben in Zeiten der Umbrüche. Tendenzen der Lyrik seit 1989 in Russland und Deutschland. Leipzig: Biblion Media 2016. Weitere Publikationen sind im Kontext des DFG-Projekts „Typologie des Subjekts in der russischen Dichtung 1990–2010“ (2015–2018) und der DFG-Forschergruppe „Russischsprachige Lyrik in Transition“ (seit 2017) zu erwarten.

3 Im Interview Кузнецова, Инга: Тимур Кибиров – Правила игры. // ВЛ (1996) 4. 214–225. 217 gibt Kibirov/Zapoev an, dass ein Urgroßvater mit diesem Nachnamen sich im Kampf gegen die Sowjets hervorgetan habe. Letzteres habe dem Dichter damals sehr gefallen und spiegelt die anti-sowjetische Linie in seinem Frühwerk. Zur Familiengeschichte siehe das Interview mit Zapoev senior: Сид, Игорь: Юрий Запоев. Не я – отец Тимура Кибирова, а наоборот: Тимур Кибиров – мой сын. // Литер.NET. Геопоэтический сервер Крымского клуба [n. d.], http://liter.net/=/Kibirov/zapoev.htm.

4 Der Terminus ‚Dichtung‘ wird als Entsprechung für russ. поэзия zur Bezeichnung von Gedichten bzw. Verstexten verwendet; auf den in der Germanistik heimischen Begriff ‚Lyrik‘, der sich nicht mit dem russischen лирика deckt, wird bewusst verzichtet, siehe Rutz, Marion: „Wohin gehört das Gedicht?“ und „Wer spricht es?“. Russische, deutsche und englische Terminologietraditionen im Vergleich. In: Stahl, Henrieke et al. (Hgg.): Typologie des Subjekts in der russischen Dichtung 1990–2010 [Druckvorbereitung].

5 Weitere Kurzprosa beinhaltet das Buch Три поэмы (2006–2007) mit den Prosaminiaturen Покойные старухи. Der Band См. выше (publ. 2014) zeigt mit der „Synopsis eines Puppentrickfilmszenarios“ Ночь перед и после Рождества die folgenden Experimente mit dramatischen Mischformen an.

6 Die Auszeichnungen finden sich u. a. in den Kurzbiographien der Online-Portale Журнальный зал (http://magazines.russ.ru/authors/k/kibirov/) und Новая литературная карта России (http://www.litkarta.ru/russia/moscow/persons/kibirov-t/). Informationen zu den russischen Literaturpreisen liefert Чупринин, Сергей: Русская литература сегодня. Новый путеводитель. М.: Время 2009. 621–700. Ebd. sind auch akribisch die Auszeichnungen Kibirovs verzeichnet (348–350, 349).

7 Die beiden letzten Stiftungen haben ihre Arbeit in Anthologien dokumentiert: Скандура, Клаудия (сост.): «Рим совпал с представленьем о Риме…». Италия в зеркале стипендиатов Фонда памяти Иосифа Бродского (2000–2008). М.: НЛО 2010 (Kibirovs Gedichte: 53–70); Чупринин, С. И. (сост.): Национальная премия «Поэт». Визитные карточки. М.: Время 2010 (75–83).

8 In Anthologien: Nitzberg, Alexander (Hg., Übers.): Türspalt an der Kette. Russische Lyrik des „Arion“-Kreises. Düsseldorf: Grupello 1998. 74–77; Čečik, Feliks; Julius, Annette (Hgg.): Nur Sterne des Alls. Zeitgenössische russische Lyrik. Anthologie. Köln; Frankfurt: Kirsten Gutke 2002. 152–163 (übers. von Frank Göbler); Schmid, Ulrich (Hg., Komm.): Sternensalz. Russische Lyrik. Eine thematische Anthologie. Frankfurt a. M.: Fischer 2003. 94–96 (übers. von Christine Fischer); Laschen, Gregor; Thill, Hans (Hgg.): Leb wohl lila Sommer. Gedichte aus Rußland. Heidelberg: Wunderhorn 2004. 9–33 (verschiedene Übers.); Ingold, Felix Philipp (Hg., Übers.): „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann 2012. 32–33.

In Zeitschriften: Als Lenin noch ein Junge war. In: Schreibheft (1996) 48. 181–187 (übers. von Rosemarie Tietze); Für Denis Novikov. Zauberspruch. In: Kolik (2001) 16. 52–56 (übers. von Ferdinand Schmatz); [Auswahl kürzerer Gedichte]: Akzente 50 (2003) 5. 432–436 (übers. von Rosemarie Tietze); Rückkehr aus Schilkowa nach Konkowa. Ein Lehrgedicht [und andere Gedichte]. In: Wespennest (2003) 132. 47–51 (übers. von Erich Klein).

9 Ich danke Prof. Hodel für die 2013 gewährte Einsicht in seine Auswertung. Die Anthologie ist inzwischen erschienen: Hodel, Robert (Hg., Übers.): Vor dem Fenster unten sind Volk und Macht. Russische Poesie der Generation 1940–60. Leipzig: Leipziger Literaturverlag 2015 (Kibirovs Gedichte: 360–375).

10 Богданова, О. В.: Кибиров. // Русская литература ХХ века. Прозаики, поэты, драматурги. Биобиблиографический словарь. Под общ. ред. Н. Н. Скатова. В 3 т. М.: ОльмаПресс Инвест 2005. T. 2. 179–182; Богомолов, Н. А.: Кибиров. // Большая российская энциклопедия. М.: Большая российская энциклопедия 2004–. Т. 13. 631–632; Шинкарук, М. А.: Кибиров. // Новая российская энциклопедия. Т. 8,1. М.: Энциклопедия 2010. 110.

11 Weststeijn, Willem: Timur Kibirov. In: Cornwell, Neil (ed.): Reference Guide to Russian Literature. London; Chicago: Fitzroy Dearborn 1998. 450–451; Lipovetsky, Mark; Nemzer, Andrei: Timur Iur’evich Kibirov. In: Balina, Marina; Lipovetsky, Mark (eds.): Russian Writers since 1980. Detroit et al.: Thomson; Gale 2004. 137–148; Wachtel, Michael: Kibirov, Timur Iurevich. In: Smorodinskaya, Tatiana; Evans-Romaine, Karen; Goscilo, Helena (eds.): Encyclopedia of Contemporary Russian Culture. London; New York: Routledge 2007. 298–299.

12 Siehe die kritische Sichtung der Lehrbuchlandschaft in: Рутц, Марион: «Каноны» современной русской поэзии. Наблюдения и перспективы. // Шталь, Хенрике; Рутц, Марион (ред.): Имидж, диалог, эксперимент. Поля современной русской поэзии. München; Berlin; Washington: Otto Sagner 2013. 37–58. 43–47.

13 Курицын, Вячеслав: Русский литературный постмодернизм. М.: ОГИ 2001. 100–103 (Соцарт любуется-2); Эпштейн, Михаил: Постмодерн в России. Литература и теория. М.: Изд. Руслана Эллина 2000. 274–283 (Ч. 5: Границы постмодернизма > Новая сентиментальность. Тимур Кибиров и другие) sowie die erg. und erw. Ausgabe als Lehrbuch Эпштейн, М. Н.: Постмодерн в русской литературе. Учебное пособие для вузов. М.: Высшая школа 2005. 437–447; Скоропанова, И. С.: Русская постмодернистская литература. 6-е изд. М.: Флинта; Наука 2007 [11999]. 357–369 (im Anschluss an Unterkapitel zu Prigov und Rubinštejn); Богданова, О. В.: Постмодернизм в контексте современной русской литературы. 60–90-е годы XX века – начало XXI века. СПб.: Фил. фак. СПГУ 2004. 504–542 (im Rahmen des Konzeptualismus, der als eine Richtung der Postmoderne in der Dichtung eingeordnet wird); Лейдерман, Н. Л.; Липовецкий, М. Н.: Русская литература XX века (1950–1990-е годы). В 2 т. М.: Академия 2008 [die dreibändige Ausgabe datiert auf 2001]. Т. 2. 444–451 (als dritter Konzeptualist im Großkapitel zur Postmoderne).

14 Engel, Christine: Vom Tauwetter zur postsozialistischen Ära (1953–2000). In: Städtke, Klaus (Hg.): Russische Literaturgeschichte. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler 2002. 349–406. 394. In der 2., akt. und erw. Aufl. 2011: 393.

15 Lauer, Reinhard: Geschichte der russischen Literatur. Von 1700 bis zur Gegenwart. München: C. H. Beck 2000. 886. Die Einordnung resultiert aus Nitzbergs Anthologie (bei mir in Fn.8, S. 4 angeführt), vgl.: Рутц, Марион: «Каноны» современной русской поэзии, 43, Fn.25. Bei Arion handelt es sich um eine Literaturzeitschrift mit breitem Autorenprofil, Kibirov ist kein Stammautor.

16 Sandler, Stephanie: Poetry after 1930. In: Dobrenko, Evgeny; Balina, Marina (eds.): The Cambridge Companion to Twentieth-Century Russian Literature. Cambridge et al.: Cambridge UP 2011. 115–134. 120, 125. Der Überblick Smith, G. S.: Russian Poetry since 1945. In: Cornwell, Neil (ed.): The Routledge Companion to Russian Literature. London; New York 2001. 197–208 endet vor den Konzeptualisten.

17 Кибиров, Тимур: Л. С. Рубинштейну. // Атмода 21.08.1989. 16. Zum Hintergrund siehe Золотоносов, М. Н.: Логомахия. Поэма Тимура Кибирова «Послание Л. С. Рубинштейну» как литературный памятник. М.: Ладомир 2010. Die Seitenangabe der Atmoda-Publikation wurde nach Zolotonosov (Fn.16, Seite 155) korrigiert: Die Bibliographie Куллэ, Виктор; Натаров, Евгений: Тимур Кибиров: Избранная библиография. // ЛО (1998) 1. 40–43 nennt S. 5, was jedoch nicht mit dem mir zur Verfügung stehenden Material übereinstimmt. Auf der mir überlassenen Kopie (siehe unten, Abb. 2) fehlt die Seitenangabe, wahrscheinlich handelt es sich um die letzte Seite der Zeitung, was zu Zolotonosovs Angabe passt.

18 Соломенко, Евгений: Мрак да перетак. // Правда 02.09.1989. 3.

19 Илюшин, Александр: Ярость праведных. Бранное слово русской поэзии. // Русская альтернативная поэтика. М.: Фил. фак. МГУ 1990. 121–134. 130–132. Auf S. 134 wird als Anhang die Mitteilung der Rigaer Prokuratur über die Einstellung des Verfahrens zitiert.

20 Степанов, Юрий: Концепты. Тонкая пленка цивилизации. М.: Языки славянских культур 2007. 176–191 (Тимур Кибиров – поэт концептов). Er veröffentlichte, ähnlich wie Iljušin, das Schreiben über die Verfahrenseinstellung als Faksimile. Diese Quelle sowie eine knappe Kommentierung der Angelegenheit: ebd., S. 177–178.

21 Золотоносов, М. Н.: Логомахия [2010], 35–36 bzw. Endnote27 (S. 158) verweist auf ein Interview aus der Tartuer Studentenzeitschrift Alma Mater (April 1990, № 2), das wahrscheinlich in folgender Online-Version benutzt wurde: Горный, Е.; Кузовкин, Д.; Пильщиков, И.: «Я не имел намерения переводить Ариосто… Я хотел его просто прочитать.» Интервью c М. Л. Гаспаровым. 20.03.1990 [ursprünglich: Alma Mater (Тарту) 2, апрель 1990], http://www.zhurnal.ru/staff/gorny/texts/ml_gasparov.html. Mein Gespräch mit Kibirov fand am 13.05.2007 statt, ermöglicht durch ein Stipendium des DAAD.

22 Тоддес, Евгений: «Энтропии вопреки». Вокруг стихов Тимура Кибирова. // Родник (1990) 4. 67–71.

23 Zu den Jurij Stepanov für die Expertise zugesandten Materialien gehören Stellungnahmen von Grigor’ev und Linderman, jedoch nicht von Kibirov.

24 Час пик. 17.09.1990. 7. Dem Verstext geht ein einleitender Kommentar von Zolotonosov voraus; darüber steht in fetten Lettern der Gesamttitel Обломки империи.

25 Золотоносов, М. Н.: Логомахия. Поэма Тимура Кибирова «Послание Л. С. Рубинштейну» как литературный памятник. М.: Ладомир 2010.

26 Багрецов, Д. Н.: Т. Кибиров. Творческая индивидуальность и проблема интертекстуальности. Екатеринбург 2005 (als Buch unter dem abweichenden Titel: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность. Екатеринбург: Изд-во Уральского ун-та 2005); Нурмухамедова, P. А.: Лирический субъект в поэзии Тимура Кибирова. М. 2008; Виснап, Е. Э.: Фигуры как средство изображения в художественном тексте (на материале поэтических текстов Тимура Кибирова). Великий Новгород 2008. Die Typoskripte sind über die Dissertationsdatenbank der Russischen Staatsbibliothek zugänglich.

27 Илюшин, Александр: Ярость праведных (der Vortrag ist datiert auf März 1990); Тоддес, Евгений: «Энтропии вопреки». Вокруг стихов Тимура Кибирова. // Родник (1990) 4. 67–71; Золотоносов, Михаил: Логомахия. Знакомство с Тимуром Кибировым. Маленькая диссертация. // Юность (1991) 5. 78–81.

28 Auffällig ist neben dem Lob der eigenen Leistung insbesondere die ablehnende Haltung gegenüber dem Untersuchungsobjekt: Den künstlerischen Wert des Textes bewertet Zolotonosov als relativ gering (z. B. Золотоносов, М. Н.: Логомахия [2010], 87), er breitet kompromittierende Informationen zum Autor aus (43–44, 57–58).

29 Зорин, Андрей: Легализация обсценной лексики и ее культурные последствия. In: Freidin, Gregory (ed.): Russian Culture in Transition. Selected Papers of the Working Group for the Study of Contemporary Russian Culture 1990–1991. Stanford: Department of Slavic Languages and Literatures 1993. 123–144.

30 Степанов, Юрий: Концепты, 176–191.

31 Кибиров, Т. Ю.; Фальковский, И. Л.: Утраченные аллюзии. Опыт авторизованного комментария к поэме «Лесная школа». // Philologica 4 (1997) 8/10. 289–306, http://www.rvb.ru/philologica/04rus/04rus_kibirov.htm.

32 Богомолов, Николай: Из комментария к тексту Кибирова. // Богомолов, Николай: От Пушкина до Кибирова. Статьи о русской литературе, преимущественно о поэзии. М.: НЛО 2004. 509–516; 605–606 (ursprünglich als Anhang zu seinem Aufsatz «Пласт Галича» в поэзии Тимура Кибирова. // НЛО (1998) 32. 108–111).

33 Die Blogbeiträge sind über das soziale Netzwerk livejournal (russ. ЖЖ – Живой журнал), unter image alik_manov zugänglich, die Einstiegsseite vom 2005-03-12 findet sich unter http://community.livejournal.com/ru_lit/206083.html#cutid1. Das Projekt ist mit einer elektronischen Fachzeitschrift verlinkt: Лекманов, Олег & Team LJ: Опыт коллективного комментария к «Вступлению» поэмы Тимура Кибирова «Сквозь прощальные слезы». In: Toronto Slavic Quarterly (2005) 13, http://www.utoronto.ca/tsq/13/index13.shtml.

34 Маркасова, Е. В.: Историко-культурный контекст постмодернистской цитаты (времена года в поэме Т. Кибирова «Буран»). // Диалог со временем. Альманах интеллектуальной истории 2. Под ред. Л. П. Репиной, В. И. Уколовой. М.: УРСС 2000. 248–262.

35 Скоропанова, И. С.: Русская постмодернистская литература, 357–369 (Каталогизирующая деконструкция: поэма Тимура Кибирова «Сквозь прощальные слезы»).

36 Sie trug zu Сквозь прощальные слезы auf dem BASEES-ICCEES Kongress 2013 vor. Hodgson, Katharine; Smith, Alexandra: Introduction: Twentieth-Century Russian Poetry and the Post-Soviet Reader. Reinventing the Canon. In: Hodgson, Katharine; Smith, Alexandra (eds.): Twentieth-Century Russian Poetry. Reinventing the Canon. Cambridge (UK): Open Book Publishers 2017, https://doi.org/10.11647/OBP.0076. 1–42. 18–21 streift Kibirovs Werk hinsichtlich des Umgangs mit dem sowjetischen Kulturerbe und des instutionellen Umbruchs.

37 Чередниченко, Татьяна: Песни Тимура Кибирова. // Арион (1995) 1. 15–26 (= http://magazines.russ.ru/arion/1995/1/2_mono1.html).

38 Богомолов, Н. А.: «Пласт Галича» в поэзии Тимура Кибирова. // НЛО (1998) 32. 91–108 [= // Богомолов, Николай: От Пушкина до Кибирова. Статьи о русской литературе, преимущественно о поэзии. М.: НЛО 2004. 486–508; 602–605]; Лекманов, О. А.: Тимур Кибиров на фоне Булата Окуджавы. // Новый филологический вестник (2014) 4. 124–129 [via elibrary.ru].

39 Poynter, Erich: Die doppelte Utopie des lyrischen Zyklus. Sergej Esenin und Timur Kibirov. In: Ibler, Reinhard (Hg.): Zyklusdichtung in den slavischen Literaturen. Frankfurt a. M. et al.: Peter Lang 2000. 425–437; Самоделова, Е. А.: Есенинские строки в культурной традиции: момент взаимовлияний (на примере стихотворений А. Финкеля и Т. Кибирова). // Материалы и исследования по рязанскому краеведению. Т. 8. Отв. ред., сост.: Б. В. Горбунов. Рязань: Политех 2005. 262–270.

40 Vgl. das Autoreferat Бондарев, А. Г.: Чеховский миф в современной поэзии. Красноярск 2008 [via http://chekhoved.ru/index.php/library/dissert/58-bondarevavtoref].

41 Zu Kibirovs Poem Сортиры: Wachtel, Andrew: The Youngest Archaists. Kutik, Sedakova, Kibirov, Parshchikov. In: Sandler, Stephanie (ed.): Rereading Russian Poetry. New Haven; London: Yale UP 1999. 270–286; 344–347; Шапир, М. И.: Семантические лейтмотивы ирои-комической октавы (Байрон – Пушкин – Тимур Кибиров). // Philologica (2003/2005) 8. 91–168, http://www.rvb.ru/philologica/08pdf/08shapir.pdf [Kurzfassung unter: http://www.rvb.ru/philologica/08rus/08rus_shapir.htm]; Гуменная, Г. Л.: Пушкинская жанровая традиция в поэзии Тимура Кибирова (поэма «Сортиры»). // Вестник Нижегородского ун-та им. Н. И. Лобачевского (2009) 6 (2). 44–45 [via elibrary.ru]; Гуменная, Г. Л.: «Болтовня» и повествовательная манера в поэме Тимура Кибирова «Сортиры». // Известия Уральского гос. ун-та. Сер. 2: Гуманитарные науки (2011) 2. 156–163 [via elibrary.ru]. Im Rahmen der allgemeinen Puškin-Rezeption: Зубова, Людмила: Деконструированный Пушкин (Пушкин в поэзии постмодернизма). // Пушкинские чтения в Тарту 2. Тарту 2000. 364–384, http://www.ruthenia.ru/document/390753.html; Скворцов, А. Э.: Восприятие и интерпретация творчества Пушкина в современной российской поэзии 1980–1990-х гг. // Ученые записки Казанского гос. ун-та 136 (1998). 96–106; Северская, О. И.: Пушкин и его читатель (аллюзия и цитата как способы создания подтекста в поэзии 1990-х годов). // Пушкин и поэтический язык XX века. М.: Наука 1999. 270–289.

42 Епишкина, Н. Г.: Между традицией и постмодернизмом: Набоков, Кибиров, Гандлевский. // Научно-практическая конференция: МГПУ в реализации городской целевой программы «Модернизация московского образования (Столичное образование-3)». Сост., отв. ред.: Н. П. Пищулин. М. 2002. 71–73.

43 Федорова, Людмила: Суровый Дант и насмешливый Кибиров. // Литературная учеба (1998) 2. 109–114.

44 Десятов, В. В.: Набоков и русские постмодернисты. Барнаул: Изд-во Алтайского унта 2004 (zu Kibirov 265–286).

45 Зубова, Людмила: Языки современной поэзии. М.: НЛО 2010. 200–229 (Тимур Кибиров: переучет в музее словесности).

46 Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность; von ihm sind mehrere Aufsätze erschienen, die in der Regel Teilkapitel der Dissertation umfassen (siehe Literaturverzeichnis).

47 Beispielsweise Яковлева, И. П.: Элементы постмодернистского сознания в творчестве Тимура Кибирова. // Русский постмодернизм. Предварительные итоги. Ч. 1. Ставрополь: Ставропольский гос. ун-т 1998. 166–171; Оганесян, А. В.: Кибиров – постмодернист. // Филология, журналистика, культурология в парадигме современного научного знания. Ч. 1. Ставрополь: Ставропольское кн. изд-во 2004. 57–59; Пожидаева, О. В.: Своеобразие субъектно-объектной организации произведений Т. Кибирова и В. Пелевина (к вопросу о традициях в литературе современного постмодернизма). // Классика и современность. Актуальность, традиция, новаторство. Отв. ред.: О. В. Полежаева. Т. 1. Мурманск: Мурманский ГПУ 2004. 48–51. Eine positive Ausnahme ist Гуськова, Н. А.: Тимур Кибиров как антипостмодернист. // Кафедральные записки. Вопросы новой и новейшей русской литературы. Гл. ред.: А. П. Авраменко. М.: МАКС Пресс 2005. 101–119, was den 1. Teil des Aufsatzes betrifft.

48 So das Thema der Habilitationsschrift: Гуртуева, Т. Б.: Постмодернизм в системе национальной культуры (типологические связи русской литературы и русскоязычной поэзии Северного Кавказа). Автореферат. Махачкала 1997. Siehe auch ihr Buch Гуртуева, Т. Б.: Маленький человек с большой буквы. Поэзия Северного Кавказа в контексте постмодернизма. Нальчик: Эльбрус 1994 sowie diverse Aufsätze.

49 Гаспаров, М. Л.: Русский стих как зеркало постсоветской культуры. // НЛО (1998) 32. 77–83. Der Aufsatz schließt die 2. Auflage seiner Formengeschichte der russischen Dichtung ab: Гаспаров, М. Л.: Очерк истории русского стиха. Изд. 2-е, доп. М.: Фортуна Лимитед 2000 [11984]. 306–314.

50 Weststeijn, Willem: Timur Kibirov. In: Cornwell, Neil (ed.): Reference Guide to Russian Literature. London; Chicago: Fitzroy Dearborn 1998. 450–451 sowie die erweiterte Fassung: Weststeijn, Willem: Timur Kibirov. In: Andrew, Joe; Reid, Robert (eds.): Neo-Formalist Papers. Contributions to the Silver Jubilee Conference to Mark 25 Years of the Neo-Formalist Circle. Amsterdam: Rodopi 1998. 269–281.

51 Rutten, Ellen: Sincerity after Communism. A Cultural History. New Haven; London: Yale UP 2017. Ein wichtige Ideengeber war Michail Ėpštejn (ix), dessen (ins Englische übersetzte) Arbeiten auch den internationalen Diskurs geprägt hätten (169). Er klassifiziert Kibirov als Vertreter der „Neuen Sentimentalität“ (vgl. den Beitrag Новая сентиментальность. Тимур Кибиров и другие in: Эпштейн, Михаил: Постмодерн в России, 274–283 bzw. Эпштейн, М. Н.: Постмодерн в русской литературе, 437–447) und ordnet diese Strömung am Rand der Postmoderne ein; der entsprechende Buchteil trägt den Titel Границы постмодернизма. (Der zugrunde liegende Aufsatz erschien im Jahr 1996, siehe Эпштейн, М. Н.: Постмодерн в русской литературе, 447). Ėpštejn subsumierte unter ‚Neuer Sentimentalität‘ weitere Begriffe bzw. Trends und machte diese bekannt: новая искренность (D. A. Prigov) und критический сентиментализм (Sergej Gandlevskij). Diese Termini werden in Rutten, Ellen: Sincerity after Communism, 81–84 ebenfalls als Teil der Begriffsgeschichte diskutiert. Siehe auch: 89–90 (Gandlevskij) und 93–100 (Prigov).

52 Ebd. 121, 198.

53 U. a. eine kurze Charakterisierung: ebd., 83. Weitere Stellen verzeichnet der Namensindex.

54 Зубова, Л. В.: Современная русская поэзия в контексте истории языка. М.: НЛО 2000.

55 Зубова, Людмила: Прошлое, настоящее и будущее в поэтике Тимура Кибирова. // ЛО (1998) 1. 24–28.

56 Бабенко, Н. Г.: Отражение современной научной парадигмы в поэтическом языке последней четверти ХХ века. // Языкознание. Взгляд в будущее. Калининград: Янтарный сказ 2002. 116–135.

57 Виснап, Е. Э.: Фигуры как средство изображения в художественном тексте (на материале поэтических текстов Тимура Кибирова). Einen Eindruck vermittelt ihr Aufsatz: Виснап, Е. Э.: Экземплификация посредством фигуры переноса в поэзии Тимура Кибирова. // Вестник Новгородского гос. ун-та (2008) 47. 49–50 [via elibrary.ru].

58 Нурмухамедова, P. А.: Лирический субъект в поэзии Тимура Кибирова. Teilergebnisse sind als Aufsätze publiziert (z. T. in Co-Autorschaft), siehe Literaturverzeichnis.

59 Колеватых, Г. М.: Тимур Кибиров. Поэтика заглавий книг и стихотворений. // Русская литература ХХ века. Типологические аспекты изучения. Под ред. Л. А. Трубиной. М.: МПГУ 2005. 308–315.

60 Глушакова, Т. С.: Сборник Тимура Кибирова «Избранные послания» в социокультурном контексте 1980-х – 1990-х годов. // Ярославский педагогический вестник (2002) 2. 42–47 [= http://vestnik.yspu.org/releases/novye_Issledovaniy/14_7/]. Der Aufsatz steht in Zusammenhang mit ihrer Dissertation zum Thema Дружеское послание как вид художественной коммуникации в культуре позднесоветского андеграунда 1970–1980-х гг. Thematisch ähnlich – der private Raum als Chronotop des ehemaligen underground: Пахарева, Т. А.: Эволюция формулы «читатель и друг» в современной русской поэзии (Л. Лосев, С. Гандлевский, Т. Кибиров). // Русистика. Сборник научных трудов. Выпуск 2. Киев: Київский університет 2002. 91–94.

61 Rogačeva, N. A.: Kibirov, Timur Jur’evič. Variacii. In: Ibler, Reinhard et al. (Hgg.): Der russische Gedichtzyklus. Ein Handbuch. Heidelberg: Winter 2006. 542–547; russische Fassung: Рогачева, Н. А.: Поэтика «Вариаций» Тимура Кибирова. // Материалы международной научно-практической конференции «Современная русская литература: проблемы изучения и преподавания» [2005], http://inec.pspu.ru/sci_liter2005_rog.shtml [nicht mehr zugänglich].

62 Суханова, С. Ю.: Жанровая семантика эклоги в цикле Т. Кибирова «Стихи о любви». // Сибирский филологический журнал (2013) 3. 161–167 [via elibrary.ru].

63 Rutten, Ellen: Judge a Book by Its Cover. Timur Kibirov. Stichi o ljubvi. Al’bom-portret. In: Haard, Eric de; Honselaar, Wim; Steleman, Jenny (eds.): Literature and Beyond. Festschrift for Willem G. Weststeijn. Vol. 2. Amsterdam: Pegasus 2008. 689–699.

64 Platt, Kevin M. F.: History in a Grotesque Key. Russian Literature and the Idea of Revolution. Stanford (CA): Stanford UP 1997, insbesondere 165–186 (Russia at the End of History?); Platt, Kevin M. F.: The Post-Soviet Is Over: On Reading the Ruins. In: Republics of Letters. A Journal for the Study of Knowledge, Politics, and the Arts 1 (2009) 1, http://rofl.stanford.edu/node/41.

65 Freidin, Gregory: Transfiguration of Kitsch. Timur Kibirov’s Sentiments. A Farewell Elegy for Soviet Civilization. In: Balina, Marina; Condee, Nancy; Dobrenko, Evgeny (eds.): Endquote. Sots-Art Literature and Soviet Grand Style. Evanston (IL).: Northwestern UP 2000. 123–145.

66 Rutten, Ellen: Unattainable Bride Russia. Gendering Nation, State and Intelligentsia in Russian Intellectual History. Evanston (IL): Northwestern UP 2010. 215–218.

67 Толоконникова, С. Ю.: «Парафразис» Т. Кибирова. «Другие» и «мы». // Литература в современном культурном пространстве. Ред. колл.: С. М. Одинцова и др. Курган: Издво Кург. ун-та 2004. 64–71.

68 Rutten, Ellen: Strategic Sentiments. Pleas for a New Sincerity in Post-Soviet Literature. In: Brouwer, Sander (ed.): Dutch Contributions to the 14th International Congress of Slavists. Ohrid, September 10–16, 2008. Literature. Amsterdam; New York: Rodopi 2008. 201–215. Verzeichnet werden sollen Angaben zu: berufliche Tätigkeit außerhalb der Literatur; Aktivitäten im literarischen Feld; nationale und internationale Publikationen (mit Kommentierung); Preise und Auszeichnungen; Nutzung der Medienlandschaft.

Die literatursoziologische Dimension ist in der Monographie Rutten, Ellen: Sincerity after Communism generell schwächer, aber vorhanden (v. a. S. 142–151). Diskutiert wird v. a. die kommerzielle Strategie hinter Sorokins Romantrilogie Лед. Einmal ist von „Sentimentailität“ als einer Strategie die Rede, die Kibirov eingesetzt hätte, um im Ausland publiziert zu werden (S. 148). Dieser kausale Zusammenhang zwischen dem Wunsch, gedruckt zu werden – was für den Untergrund nur als Tamizdat möglich war – und der Entscheidung, der Infragestellung des eigenen Lyrismus durch Prigov standzuhalten, fehlt jedoch in dem als Quelle verzeichneten Interview (Куллэ, Виктор: «Я не вещаю, я болтаю…». Беседа Виктора Куллэ с Тимуром Кибировым 21 ноября 1997 г. // ЛО (1998) 1. 10–16. 14).

69 Den Begriff творческая индивидуальность entnimmt Bagrecov (Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 5, Fn.1) dem Aufsatz Лейдерман, Н. Л.: Творческая индивидуальность писателя как объект изучения. // Изучение творческой индивидуальности писателя в системе филологического образования. Теоретические аспекты. Под ред. Н. Л. Лейдермана, В. Ю. Столбовой. Екатеринбург: Уральский ГПУ 2005. 6–9. Wo Lejderman bei der Frage, was diese „Individualität“ ausmacht, das eigentlich Literarische ins Zentrum rückt, fokussiert Bagrecov auf den Einfluss des Biographisch-Historischen.

70 Кузнецова, Инга: Тимур Кибиров – Правила игры, 223–224.

71 Als Buch dokumentiert: Быков, Дмитрий; Ефремов, Михаил; Васильев, Андрей: Гражданин поэт (21 февраля по 3 октября). М.: Азбука-Аттикус 2012. Siehe dazu: Ganschow, Inna: Poetik der Politik und Politik der Poetik: Bykov versus Putin In: Stahl, Henrieke; Korte, Hermann (Hgg.): Gedichte schreiben in Zeiten der Umbrüche. Tendenzen der Lyrik seit 1989 in Russland und Deutschland. Leipzig: Biblion Media 2016. 415–428.

72 Емелин, Всеволод: Тучи над городом встали… // Живой журнал emelind 05.09.2013, http://emelind.livejournal.com/.

73 Zu diesem Schluss kommt 2005 auch Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 27: „Хотя Т. Кибиров никогда не был гражданским поэтом в полном смысле слова (об этом свидетельствует уже тот факт, что политические события 90-х не находят в стихах Т. Кибирова прямого отражения: у него нет стихотворений, посвященных «путчу ГКЧП» 1991 г., штурму Белого дома в 1993 г., чеченской войне и другим важным общественным событиям), однако именно это направление в его первых книгах […] является магистральным.“

74 Кибиров, Тимур: Нотации. СПб.: Пушкинский фонд 1999. 17, 18.

75 Евтушенко, Евгений: Собрание сочинений. В 3 т. М.: Художественная литература 1983–1984. Т. 1. 443–551. 443.

76 Ausführlich dargestellt in Kap. 5.1 und 5.2.

77 Im Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Hg. von Dieter Burdorf et al. 3., völlig neu bearb. Aufl. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler 2007 finden sich unter dem Schlagwort Politische Literatur (Martin Huber, 597–598) die Bezeichnungen Politische Dichtung und Tendenzdichtung. Eigenständige Einträge gibt es zu dem aus der französischen Literaturtradition übernommen Synonym Engagierte Literatur (Michael Opiz, 190) sowie zu Tendenzdichtung (Wiebke von Bernstorff, 758).

78 Эйгес, Иосиф: Гражданская поэзия. // Литературная энциклопедия. Словарь литературных терминов. В 2 т. М.; Л.: Изд-во Л. Д. Френкель 1925 [ND Tokio 1978]. Т. 1. 175–177 [= http://feb-web.ru/feb/slt/abc/lt1/lt1-1751.htm]. Zu diesem insbesondere in sowjetischer Zeit omnipräsenten Phänomen gibt es kaum Sekundärliteratur, selbst in den Lexika fehlen Einträge, so in: Литературный энциклопедический словарь. Под общ. ред. В. М. Кожевникова и П. А. Николаева. М.: Советская энциклопедия 1987; Литературная энциклопедия терминов и понятий. Гл. ред. и сост.: А. Н. Николюкин. М.: Интелвак 2001; Поэтика. Словарь актуальных терминов и понятий. Гл. науч. ред.: Н. Д. Тамарченко. М.: Изд-во Кулагиной; Intrada 2008.

79 Чупринин, Сергей: Русская литература сегодня. Жизнь по понятиям. М.: Время 2007. 118–120 (гражданственность в литературе). 119.

80 Ebd., 120. Es handelt sich um: Время «Ч». Стихи о Чечне и не только. Сост.: Н. Винник. М.: НЛО 2001.

81 Кибиров, Тимур: Шалтай-болтай. Свободные стихи. СПб.: Пушкинский фонд 2002. 25. „Пиндемонти“ verweist auf Puškins Schlüsselgedicht über die ‚innere Freiheit‘ (siehe Kap. 5.3.1, S. 186).

82 Кибиров, Тимур: Нотации, 13.

83 Кибиров, Тимур: Кара-барас. М.: Время 2006. 34–35.

84 Кибиров, Тимур: Избранные поэмы. СПб.: Лениздат 2013. 7–9 (От автора). 9. Die hier vertretene Meinung legitimiert sich durch Zitate aus Puškins bekanntem Resümee der eigenen schriftstellerischen Lebensleistung, dem Gedicht „Я памятник себе воздвиг нерукотворный,…“ (1836): „И долго буду тем любезен я народу, / Что чувства добрые я лирой пробуждал, / Что в мой жестокий век восславил я Свободу / И милость к падшим призывал.“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений. В 16 т. М.: Изд-во АН СССР 1937–1959. Т. 3,1. 424). Wie hier werden auch im Weiteren die intertextuellen Bezüge im Original und in Kibirovs Text durch Fettdruck hervorgehoben. Ungenaue Zitate und Allusionen sind unterstrichen.

85 Кибиров, Тимур: См. выше. М.: Время 2014. 37.

86 Vgl. Kibirovs Stellungnahme in einem Interview von 1996: Кузнецова, Инга: Тимур Кибиров – Правила игры, 223–224: „[…] Сейчас, конечно, можно написать и про Ельцина, и наверняка пишут. Но это уже для «Московского комсомольца». Сейчас это уже политика – грязная или какая угодно другая. Тогда же никакой политики не было, и об этом часто забывают. Существовал монолитный универсум, и писатель, который не затрагивал этого, просто врал. Это был вопрос не политический, а эстетический и нравственный. Борьба была, но не за свободу политических взглядов, а за выживание, просто за то, чтобы остаться нормальным.“

87 Auch Willem Weststeijn nennt diese beiden Eigenschaften: Weststeijn, Willem: Timur Kibirov. In: Cornwell, Neil (ed.): Reference Guide to Russian Literature, 451: „With his free use of poetic aspects of the past, his constant wavering between satire and seriousness, his ironic attitude, which often leads to bathetic [= abgedroschen; M. R.] and mock-heroic effects, Kibirov can be considered a typical postmodern poet.“ Vgl. Weststeijn, Willem: Timur Kibirov. In: Andrew, Joe; Reid, Robert (eds.): Neo-Formalist Papers, 271; 272–274.

88 Was Бахтин, М. М.: Творчество Франсуа Рабле и народная культура средневековья и ренессанса. // Бахтин, М. М.: Собрание сочинений. Т. 4,2. М.: Языки славянской культуры 2008. 7–508. 504 über Rabelais schreibt, trifft ebenso auf Kibirov zu: „Такое активное многоязычие и способность глядеть на свой язык извне, то есть глазами других языков, делают сознание исключительно свободным по отношению к языку. Язык делается чрезвычайно пластичным даже в его формально-грамматической структуре. В художественно-идеологическом плане важна прежде всего исключительная свобода образов и их сочетан ий, свобода от всех речевых норм, от всей установленной языковой иерархии . Утрачивают свою силу разделения высокого и низкого, запретного и дозволенного, священного и профанного в языке.“ (Sperrung im Original.)

89 Von „textuellen“ bzw. „diskursiven Anomalien“ spricht Фатеева, Н. А.: Интертекст в мире текстов. Контрапункт интертекстуальности. Изд. 2-е, испр. М.: URSS 2006. 16, 19 bzw. Фатеева, Н. А.: Интертекстуальность и ее функции в художественном дискурсе. // Известия АН. Серия литературы и языка 56 (1997) 5. 12–21. 12; 13.

90 Кибиров, Тимур: Улица Островитянова. М.: Проект ОГИ 1999. 51.

91 Кибиров, Тимур: Нотации, 6.

92 Vgl. Pfister, Manfred: How Postmodern Is Intertextuality. In: Plett, Heinrich F. (ed.): Intertextuality. Berlin; New York: de Gruyter 1991. 207–224, 209: „By now, intertextuality has become the very trademark of postmodernism.“ Von der Intertextualität der Moderne unterscheide sich die postmodernistische dadurch, dass sie nicht ein Verfahren unter vielen sei, sondern als wichtigstes Bauprinzip im Zentrum der Texte stehe und explizit thematisiert werde. Dabei seien die poststrukturalistischen Intertextualitätsmodelle prägend (214).

93 Die Opposition ‚universal‘ vs. ‚spezifisch‘ z. B. in: Pfister, Manfred: Konzepte der Intertextualität. In: Broich, Ulrich; Pfister, Manfred (Hgg.): Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien. Tübingen: Max Niemeyer 1985. 1–30, 11. ‚Ontologisch‘ vs. ‚deskriptiv‘: Pfister, Manfred: Konzepte der Intertextualität, 15; Herwig, Henriette: Literaturwissenschaftliche Intertextualitätsforschung im Spannungsfeld konkurrierender Intertextualitätsbegrifffe. In: Zeitschrift für Semiotik 24 (2002) 2–3. 163–176; Aczel, Richard: Intertextualität. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Hg. von Ansgar Nünning. 4., akt. und erw. Aufl. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler 2008. 330–332. 330. Als Ursprung gilt: Lachmann, Renate: Vorwort. In: Dies. (Hg.): Dialogizität. München: Wilhelm Fink 1982. 8–10, 8, wo in Bezug auf Bachtins Begriff ‚Dialogizität‘ allerdings zwischen textontologisch, textdeskriptiv und textfunktional unterschieden wird.

94 Schößler, Franziska: Markierte Zitate und Kultur als Intertext. Varianten der Intertextualität in Thomas Manns Roman Königliche Hoheit. In: Zeitschrift für Semiotik 24 (2002) 2–3. 199–202.

95 Zitiert wird die Übersetzung: Kristeva, Julia: Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman. In: Ihwe, Jens (Hg.): Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergebnisse und Perspektiven. Bd. 3: Zur linguistischen Basis der Literaturwissenschaft II. Frankfurt a. M.: Athenäum 1972. 345–375. 347–348; 348.

96 Barthes, Roland: Der Tod des Autors. In: Jannidis, Fotis et al. (Hgg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam 2000. 181–193. 190.

97 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг. Белгород: Риск 1994. 53–61; 107–123; 159–183.

98 Nach: Baßler, Moritz: New Historicism und der Text der Kultur. Zum Problem synchroner Intertextualität. In: Csáky, Moritz; Reichensperger, Richard (Hgg.): Literatur als Text der Kultur. Wien: Passagen 1999. 23–40. 29ff.

99 Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993 [frz. 1982]. 9–18.

100 Pfister, Manfred: Konzepte der Intertextualität, v. a. 25–30.

101 Broich, Ulrich: Formen der Markierung von Intertextualität. In: Broich, Ulrich; Pfister, Manfred (Hgg.): Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien. Tübingen: Max Niemeyer 1985. 31–47.

102 Фатеева, Н. А.: Интертекст в мире текстов, insbesondere 120–150 bzw. Фатеева, Н. А.: Типология интертекстуальных элементов и связей в художественной речи. // Известия АН. Серия литературы и языка 57 (1998) 5. 25–38.

103 Кузьмина, Н. А.: Интертекст и его роль в процессах эволюции поэтического языка. Изд. 5-е. М.: URSS 2009. 129–190 (Kap. 4: Цитата в стихотворном тексте).

104 Gute Erläuterungen bei: Berndt, Frauke; Tonger-Erk, Lily: Intertextualität. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt 2013, insbesondere 17–33 (Bachtin), 34–48 (Kristeva).

105 Die erste Version des Buches wurde wenig rezipiert, maßgeblich ist die Ausgabe von 1963: Бахтин, М. М.: Проблемы поэтики Достоевского. // Бахтин, М. М.: Собрание сочинений. Т. 6. М.: Русские словари; Языки славянской культуры 2002. 5–300, Kommentar 467ff. Eine tabellarische Übersicht über die unterschiedenen Arten des Wortes auf S. 222. (In der Version von 1929 – Бахтин, М. М.: Проблемы творчества Достоевского. // Бахтин, М. М.: Собрание сочинений. Т. 2. М.: Русские словари 2000. 5–175, Kommentar 431ff – findet sich die Übersicht auf S. 96.)

106 Бахтин, М. М.: Слово в романе. // Бахтин, М. М.: Собрание сочинений. Т. 3: Теория романа (1930–1961). М.: Языки славянской культуры 2012. 9–179.

107 Бахтин, М. М.: Слово в романе, 54–55.

108 Бахтин, М. М.: Слово в романе, 78 [Sperrung im Original].

109 Bachtin gilt die Lyrik ihrem Wesen nach als monologisch, da es keine Distanz zwischen Text und Dichter (im Sinne von Sprecher, lyrischem Subjekt) gebe, siehe Бахтин, М. М.: Слово в романе, 38–41 und v. a. 49. Kritisch hierzu: Lachmann, Renate: Dialogizität und poetische Sprache. In: Dies. (Hg.): Dialogizität. München: Wilhelm Fink 1982. 51–62 sowie Berndt, Frauke; Tonger-Erk, Lily: Intertextualität, 30–31.

110 Prätext findet sich in den Metzler’schen Lexika (Aczel, Richard: Intertextualität. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie [4], 331–332; Martinez, Matias: Intertextualität. In: Metzler Lexikon Literatur [3], 357–358). Berndt, Frauke; Tonger-Erk, Lily: Intertextualität, 65, 67 etc. verwendet den Terminus, wenn es um Arbeiten geht, die den deskriptiven Intertextualitätsbegriff präferieren und konkrete Bezüge untersuchen. Prätexte findet sich entsprechend bei Pfister und Broich, z. B. Pfister, Manfred: Konzepte der Intertextualität, 5–8ff. Lachmann verwendet primär Referenztext: Lachmann, Renate: Gedächtnis und Literatur. Intertextualität in der russischen Moderne. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1990. 37, 60–62 (vgl. Berndt, Frauke; Tonger-Erk, Lily: Intertextualität, 143) – allerdings auch Prätext (37, 40, 49, 63 etc.) und andere Synonyme. Termini-Listen bieten Lachmann, Renate: Gedächtnis und Literatur, 55 sowie Berndt, Frauke; Tonger-Erk, Lily: Intertextualität, 12.

111 Zur Bedeutungsfülle der Termini интертекстинтертекстуальность: Кузьмина, Н. А.: Интертекст и его роль в процессах эволюции поэтического языка, 19–20.

112 Entschieden ist die Kritik des Germanisten Dieter Burdorf, z. B. in Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. 2., überarb. und akt. Aufl. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler 1997, insbesondere 182–189. Auch die anglistisch geprägten Einführungen Ludwig, Hans-Werner: Arbeitsbuch Lyrikanalyse. 5. erw. und akt. Aufl. Tübingen; Basel: A. Francke 2005. 11–16, insbesondere 11 und Bode, Christoph: Einführung in die Lyrikanalyse. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier 2001. 162–185 sprechen sich gegen ‚lyrisches Ich‘ aus. Der Anglist Wolfgang Müller plädiert allerdings wieder für den gewohnten Terminus: Müller, Wolfgang G.: Das lyrische Ich. In: Lamping, Dieter (Hg.): Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler 2011. 56–58. Das Problem liege v. a. in der „vorkritischen Verwendung“ des Terminus; außerdem sei die Illusion, es spreche jemand in der ersten Person, charakteristisch für die Gattung und vielfach gewollt (56).

113 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse, 193–213 beschreibt die Realisierungs-möglichkeiten von Wir, Du, Ihr und der Pronomina der 3. Person.

114 Vgl. Hühn, Peter: Lyrik und Narration. In: Lamping, Dieter (Hg.): Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler 2011. 58–62, insbesondere 59; Müller-Zettelmann, Eva: Lyrik und Narratologie. In: Nünning, Vera; Nünning, Ansgar (Hgg.): Erzähltheorie transgenerisch, intermedial, interdisziplinär. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier 2002. 129–153.

115 Vgl. hierzu Rutz, Marion: „Wohin gehört das Gedicht?“ und „Wer spricht es?“ [Druckvorbereitung], Teil 4.1. Die Idee einer Skala hat Boris Korman Anfang der 1970er ausgearbeitet.

116 Bode, Christoph: Einführung in die Lyrikanalyse, 162 (Kapitelüberschrift) ff.

117 Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse, 194–195.

118 Müller, Wolfgang G.: Das lyrische Ich, 57.

119 Ludwig, Hans-Werner: Arbeitsbuch Lyrikanalyse. 5. erw. und akt. Aufl. Tübingen; Basel: A. Francke 2005. 12; 13 etc.

120 Rutz, Marion: „Wohin gehört das Gedicht?“ und „Wer spricht es?“ [Druckvorbereitung].

121 Barthes, Roland: S/Z. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007 [=1987, frz. 1970].

122 Zu Szondi als wichtiger Station der literaturwissenschaftlichen Hermeneutik siehe Klawitter, Arne; Ostheimer, Michael: Literaturtheorie. Ansätze und Anwendungen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008. 35–37. Das Folgende nach Szondi, Peter: Einführung in die literarische Hermeneutik. Hg. von Jean Bollack und Helen Stierlin. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1975. 9–20.

123 Szondi, Peter: Einführung in die literarische Hermeneutik, 14.

124 Szondi, Peter: Einführung in die literarische Hermeneutik, 19.

125 Szondi, Peter: Einführung in die literarische Hermeneutik, 19: „Die grammatische Interpretation hingegen, historisch der allegorischen vorausgehend und also primär nicht als Gegenposition, nicht als Kritik an ihr, zu verstehen, ist es dazu aus der Konsequenz ihrer Absicht geworden, das einst Gemeinte nicht in den Wirbel historischen Wandels hineinreißen zu lassen, vielmehr in seiner Identität zu bewahren.“

126 Etwa nach Lotman – die Aufteilung in einzelne Analyseebenen ist besonders deutlich in der für Studierende adaptierten Einführung: Лотман, Ю. М.: Анализ поэтического текста. // Лотман, Ю. М.: О поэтах и поэзии. СПб.: Искусство – СПБ 1996. 17–132.

127 Stahl, Henrieke: Interpretation als Dialog. Votum für eine strukturale Hermeneutik. In: Coincidentia, Beiheft 2: Bildung und Fragendes Denken. Hg. von Harald Schwaetzer. Bernkastel-Kues 2013. 117–137.