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Poeta philologus

Eine Schwellenfigur im 19. Jahrhundert

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Edited By Mark-Georg Dehrmann and Alexander Nebrig

Die Geschichte der Philologien kann nicht von der Geschichte der Literaturen getrennt werden: Dichtung bezieht sich immer auf Traditionen. Diese existieren aufgrund ihrer Konstitution, ihrer Bewahrung, ihrer Kritik, ihrer Interpretation – aufgrund der klassischen Tätigkeiten von Philologie bzw. Literaturwissenschaft. Der poeta philologus ist ein aufschlussreicher Sonderfall für diesen Befund, der aber auch darüber hinaus Geltung beanspruchen kann.
Der Band widmet sich der Lage des Dichterphilologen im 19. Jahrhundert. Seine Situation ist ambivalent. Innerhalb von Kulturen und Gesellschaften, die ihre ästhetischen, didaktischen und politischen Ambitionen durch einen Rückgang auf die Geschichte legitimieren, gewinnt der poeta philologus eine herausragende Bedeutung: Er verfügt als Philologe über das Vergangene, um es als Dichter wirkungsmächtig in die Öffentlichkeit zu geben. Gleichzeitig aber ist seine Doppelrolle seit den ästhetisch-poetischen Entwicklungen vom späten 18. Jahrhundert an gefährdet: Droht nicht die Gelehrsamkeit die Fähigkeit zur Dichtung abzutöten? Der Dichterphilologe ist eine Schwellenfigur zur Moderne: Er versucht noch einmal, die Sehnsucht nach dem Vergangenen in gegenwärtiges Leben umzuwandeln, das sich multiplizierende historische Wissen in die Präsenz gegenwärtiger Dichtung zu bannen.
Die Beiträge beschränken sich nicht auf eine Nationalphilologie. In exemplarischen Studien zu Dichterphilologen unterschiedlicher Länder und Literaturen wird deutlich, dass der poeta philologus ein europäisches Phänomen ist.

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EVI ZEMANEK

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Fingierte Philologie und philologische Fiktion im Werk Ugo Foscolos The younger writers tried to imitate it: the critics pronounced it to have brought about a reform in the lyrical poetry of Italy.1 Foscolo über sein Gedicht „Dei Sepolcri“ Literaturgeschichten situieren Ugo Foscolo (1778–1832) unentschieden auf der Epochenschwelle zwischen Settecento und Ottocento oder zwi- schen Neoklassizismus und Romantik. Dem deutschen Publikum ist er vor allem als Autor des Briefromans Ultime Lettere di Jacopo Ortis (Letzte Briefe des Jacopo Ortis) (1798–1817) bekannt, der einige Ähnlichkeiten zu Goethes Die Leiden des jungen Werthers (1774) aufweist, Merkmale der Empfindsamkeit mit solchen des Sturm und Drang verbindet sowie die patriotische Dichtung des Risorgimento anführt.2 Heute gilt er als erster ‚moderner‘ italienischer Roman, der in Italien zur kanonischen Schul- lektüre zählt, ebenso wie die beiden langen Gedichte Dei Sepolcri (Von den Gräbern) (1807) und Le Grazie (Die Grazien) (1812–1813). Entstanden aus aktuellem Anlass – dem napoleonischen Verbot individueller Grabgestal- tung – sowie angeregt von der frühromantischen Gräberdichtung und Pindars Oden, widmet sich Dei Sepolcri dem Andenken Verstorbener.3 1 Foscolos Werke werden fortan zitiert nach der Edizione Nazionale delle Opere di Ugo Foscolo (1933–1994) (EN). Zitat aus: Ugo Foscolo: Essay on the Present Literature of Italy. In: EN XI/2 (Saggi di letteratura italiana II, hrsg. v. Cesare Foligno, Florenz 1958), S. 399–490, hier S. 482. Der Artikel erschien 1818 unter dem Namen John Cam Hobhouse, der ihn jedoch nur übersetzt hatte. Foscolo bespricht darin zeitgenössische Dichter, die...

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