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Poeta philologus

Eine Schwellenfigur im 19. Jahrhundert

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Edited By Mark-Georg Dehrmann and Alexander Nebrig

Die Geschichte der Philologien kann nicht von der Geschichte der Literaturen getrennt werden: Dichtung bezieht sich immer auf Traditionen. Diese existieren aufgrund ihrer Konstitution, ihrer Bewahrung, ihrer Kritik, ihrer Interpretation – aufgrund der klassischen Tätigkeiten von Philologie bzw. Literaturwissenschaft. Der poeta philologus ist ein aufschlussreicher Sonderfall für diesen Befund, der aber auch darüber hinaus Geltung beanspruchen kann.
Der Band widmet sich der Lage des Dichterphilologen im 19. Jahrhundert. Seine Situation ist ambivalent. Innerhalb von Kulturen und Gesellschaften, die ihre ästhetischen, didaktischen und politischen Ambitionen durch einen Rückgang auf die Geschichte legitimieren, gewinnt der poeta philologus eine herausragende Bedeutung: Er verfügt als Philologe über das Vergangene, um es als Dichter wirkungsmächtig in die Öffentlichkeit zu geben. Gleichzeitig aber ist seine Doppelrolle seit den ästhetisch-poetischen Entwicklungen vom späten 18. Jahrhundert an gefährdet: Droht nicht die Gelehrsamkeit die Fähigkeit zur Dichtung abzutöten? Der Dichterphilologe ist eine Schwellenfigur zur Moderne: Er versucht noch einmal, die Sehnsucht nach dem Vergangenen in gegenwärtiges Leben umzuwandeln, das sich multiplizierende historische Wissen in die Präsenz gegenwärtiger Dichtung zu bannen.
Die Beiträge beschränken sich nicht auf eine Nationalphilologie. In exemplarischen Studien zu Dichterphilologen unterschiedlicher Länder und Literaturen wird deutlich, dass der poeta philologus ein europäisches Phänomen ist.

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MAXIMILIAN GRÖNE

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Von der Philologie zur Fiktion Paul Heyses Strategien der Literarisierung am Beispiel von Adam de la Halle und Raimon de Miraval Als Paul Heyse im Mai 1854 einem Ruf an den Hof des bayerischen Königs Maximilian II. folgt, steht er auf dem Wendepunkt seiner Kar- riere, ja seines Lebens. Aus dem Philologen der frühen Romanistik sollte ein Dichter werden, der geradezu als einer der letzten ‚Dichterfürsten‘ des 19. Jahrhunderts gilt.1 Der doppelte Aspekt von Heyses künftiger Entwicklung wurde in gewisser Weise bereits durch sein ausgesprochen kultursinniges Eltern- haus initiiert. Der Großvater, Johann Christian August Heyse, machte sich als Sprachforscher mit einer Grammatik einen Namen. Der Vater, Karl Wilhelm Ludwig Heyse, war seines Zeichens Professor für klassi- sche Philologie und kurzzeitig (1815–1817) Erzieher von Wilhelm von Humboldts jüngstem Sohn, sodann von 1819–1827 von Felix Mendels- sohn. Letzterer war über Heyses Mutter Julie ein Großcousin Heyses, der 1830 zur Welt kam. Über das Elternhaus hatte er zugleich Zutritt zu den maßgeblichen künstlerischen Berliner Salons und wurde nach glän- zender Schullaufbahn 1847 zu einem Studium der klassischen Philologie angeregt. 1849 wechselte er allerdings Studienfach und Studienort und zog von Berlin nach Bonn, wo er neben der Kunstgeschichte Romanistik studieren wollte und zu einem Schüler von Friedrich Diez avancierte, der in Deutschland als Ahnherr der romanischen Philologie gilt.2 1852 schließt Heyse seine Promotion über den Refrain in der Poesie der Trobadors ab. Es handelt sich dabei um eine vergleichende...

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