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Der weibliche Blick auf den Orient

Reisebeschreibungen europäischer Frauen im Vergleich

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Edited By Miroslawa Czarnecka, Christa Ebert and Grazyna B. Szewczyk

Der von Edward Said angeregte Orientalismus-Diskurs über den westlichen Blick auf den Orient weist auf die überwiegend durch Stereotype und Vorurteile geprägte Betrachtungsweise des Okzidents hin. Dabei geht Said stillschweigend von einem männlichen Diskurs aus, gestützt auf zumeist von Männern verfasste Texte und Bilder – wie etwa der Topos von Feminisierung und Sexualisierung des Orients als des unterlegenen, exotischen Anderen. Wie aber nehmen Frauen den Orient wahr? Verstärken und unterstützen sie die männliche Sichtweise oder konterkarieren oder variieren sie sie?
Forschungsgegenstand dieses Bandes sind Aufzeichnungen europäischer Frauen, die in Begleitung ihrer Männer oder allein den Orient bereisten und ihre Eindrücke in Berichten, Tagebüchern oder Briefen zu Papier brachten. Die geschilderten Begleitumstände der Reisen werden eingehend analysiert, da sie die Perspektive des Eigenen entscheidend mitbestimmen. Von der Forschung bislang noch kaum wahrgenommene Reiseschriftstellerinnen aus osteuropäischen Regionen werden in die Untersuchung einbezogen und als Teil der europäischen Kulturgeschichte ins Blickfeld gerückt. Auch Texte von orientalischen Schriftstellerinnen werden berücksichtigt: In ihrem Spiegel wird die Wahrnehmung der Europäerinnen auf den Orient kritisch überprüft und gelegentlich auch revidiert. Der Band präsentiert die Ergebnisse des internationalen Symposiums «Der weibliche Blick auf den Orient», das vom 5. bis 7. Oktober 2009 in Słubice stattfand.

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Das Unaussprechliche der Bilder: Shanghai fern von wo von Ursula Krechel 211

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Das Unaussprechliche der Bilder: Shanghai fern von wo von Ursula Krechel Hannelore Scholz-Lübbering 1. Multiple weibliche Perspektiven auf den Orient Ursula Krechel reiste 1980 das erste Mal nach Shanghai; zehn Jahre später noch einmal, um die noch vorhandenen Stätten der Emigration aufzusuchen. Es begann eine fast dreißig Jahre währende Beschäftigung mit deutschen und österreichischen Juden und Jüdinnen, die nach den Pogromen im November 1938 in dem fernen Exil-Ort Shanghai Zuflucht fanden. Sie hat viele Flucht- und Überlebensberichte gelesen, in europäischen und israelischen Archiven recherchiert, las Akten der Hilfsorganisationen und Konsulate sowie zeit- historische Abhandlungen und sprach mit Überlebenden. Zunächst war da ein undefiniertes Projekt, bis Mitte der 90er Jahre die vierteilige Hörfolge Fluchtpunkte – Deutsche Lebensläufe in Shanghai (SWR 1996)1, dann das Hörspiel Shanghai fern von wo entstanden. Ein weiteres Jahrzehnt später nun liegt der Roman gleichen Titels vor. Krechel erhielt viele Auszeichnungen dafür. In der Kritik wird er als Exilliteratur, als Tatsa- chenroman, als Forschungen zum Holocaust und auch als historischer Ro- man klassifiziert. Die Grundlagen ihrer Shanghai-Recherchen wurden nach Aussagen der Autorin während ihrer ersten Reise, die sie im Text Die chinesische Simula- tion beschreibt, gelegt. Nach dem Öffnen der Gefängnisse und Lager kehrten die chinesischen Inhaftierten in eine fremde chinesische Welt zurück. Ihre Zeit war stehen geblieben. „In dieser Zeit kam die Gefühlsforscherin zum ersten Mal nach Shanghai...“2 Sensibel spürt sie den „Zertrümmerungen“ der chinesischen Menschen...

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