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Denken im Gegensatz: Hugo Ball

Ikonen-Lehre und Psychoanalyse in der Literatur der Moderne

Daniela Paola Padularosa

Das Buch fokussiert die tiefe und dennoch problematische und gegensätzliche Beziehung der Ikonen-Lehre zur Kultur des frühen 20. Jahrhunderts. Das Auftreten von modernen Ikonen wird zum bedeutenden Ausdruck der Renaissance der Mystik in der Kunst, der Wissenschaft und Philosophie der Zeit, die sich oft als Debatte über die Sichtbarwerdung des Unsichtbaren artikuliert.
Vor diesem Hintergrund analysiert die Autorin das Werk von Hugo Ball, einem der außergewöhnlichsten und raffiniertesten Interpreten der literarischen und künstlerischen Szene der Zeit. Ausgehend von Balls dadaistischen Lautwerken bis hin zu seinen zum Teil unveröffentlichten Artikeln zur Psychoanalyse und Religion vertritt das Buch die These, dass die Ikone Christi und die Figur des Heiligen der rote Faden in seinem Œuvre sind: Erinnert Balls kubistisches Kostüm an eine byzantinische Ikone, erscheinen in den Schizophrenen Sonetten andere heilige Gestalten in der Form «umgedrehter Ikonen». Sein faszinierendstes Buch, Das byzantinische Christentum, versucht schließlich durch das wiederkehrende Bild der Himmelsleiter ein neues Verhältnis zur Heiligkeit herzustellen und den Heiligen zum neuen Held der Moderne zu erheben.
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Nachwort

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Aus diesem Panorama der künstlerischen, philosophischen und kulturellen Beweggründe des frühen 20. Jahrhunderts geht hervor, dass diese Jahrzehnte von bestimmten Tendenzen gekennzeichnet sind, die sich teilweise zu widersprechen scheinen. Das Schwanken zwischen gegensätzlichen Polen ist Merkmal der Kunst, der Literatur und des philosophischen Denkens dieser Epoche. Indem die Kunst der Avantgarde sich der künstlerischen Tradition entgegensetzen will, übernimmt sie gleichzeitig einige bedeutende Leitmotive, die sich ab dem Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland entwickelt haben. Die Epoche der historischen Avantgarden ist eine Übergangsepoche und als solche charakterisiert zugleich durch ein offensichtliches Endzeitgefühl und ein enormes utopisches und kreatives Potential.

Ein Stück weit wirkt diese Epoche als eine Wende, die sich durch ähnliche Gegentendenzen wie die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert auszeichnet, und ebenso ständig zwischen Klassik und Moderne bzw. zwischen Klassizismus und Romantik zu pendeln scheint. In einem Brief an Eckermann schreibt Goethe den berühmten Satz: „Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke“.644 Die Ambiguität der Begriffe von Gesundheit und Krankheit kulminiert im 20. Jahrhundert in ihren extremen Ausformungen und wird in ihren Bedeutungsnuancen auch durch die Entwicklung der Psychoanalyse eingefärbt und mitbestimmt. Der romantische Zwiespalt und der klassische, harmonisierende Gegenpol entwickeln sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu pathologischen Fragestellungen, die nun das ganze kollektive Bewusstsein und nicht mehr die einzelnen Individuen betreffen: „Das romantische Problem erweitert sich zu einem pathologischen“,645 hat Hugo Ball dazu geschrieben. Die...

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