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Heikle Versprechen

Bürgschaft und Fleischpfand in der Literatur

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Christine Spiess (Scherrer)

Versprechen sind prekär. Denn nimmt man sie als Worte, verpflichten sie zu Taten. Diese also heiklen Sprechhandlungen sind von literarischem Reiz. Namentlich Bürgschafts- und Fleischpfand-Geschichten verhandeln Versprechen. In einer differenzierenden und systematisierenden Lektüre eben solcher Texte setzt die Untersuchung ihr doppeltes Forschungsvorhaben um: Zum einen lotet sie die Bedingungen des literarischen Versprechens aus – um diese als körperliche, ökonomische und poetische zu erhellen. Zum anderen erörtert sie, auf Bürgschaft und Fleischpfand aufmerkend, zwei Erzähltypen. Die Studie ist diachron angelegt und verfährt komparatistisch. Und sie bedient sich sprechakttheoretischer Überlegungen sowie poetologischer und kulturwissenschaftlicher Ideen. Was die Textauswahl betrifft, werden mehrheitlich mittelalterliche Erzählungen bedacht. Die Arbeit berücksichtigt indes auch eine Fabel von Hyginus, Schillers Bürgschafts-Ballade und Shakespeares Tragikomödie The Merchant of Venice.
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3.3.8 Von ganzem Herzen?

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Die Erklärungsversuche, die Antonios Vertraute für dessen Verstimmung anbringen, kommentiert der Kaufmann wie folgt: Believe me, no. I thank my fortune for it, / My ventures are not in one bottom trusted, / Nor to one place; nor is my whole estate / Upon the fortune of this present year: / Therefore my merchandise makes me not sad (1.1.40–44). Diese Klarstellung ist für ein Drama aus der Renaissance bemerkenswert: Offensichtlich verweist Antonio hier auf die neuzeitliche Wirtschaftsstrategie der Diversifikation. Um das Risiko einer Unternehmung zu minimieren, bringt ein Händler sein Kapital nicht in einem, sondern in verschiedenen Schiffen unter.732 Ein Schiffbruch, so die Vorstellung, bringt ihm dann zwar Einbussen, trifft ihn aber nicht existenziell. Von dieser neuzeitlichen Anlage-Strategie, die einen verkraftbaren Verlust ein-, den Totalruin aber ausschliesst, ist der Kaufmann Antonio so sehr überzeugt, dass er darauf sein Fleisch und Leben setzt. Auf die Bedenken Bassanios, sich auf den Fleischpfand-Vertrag einzulassen, äussert sich Antonio entsprechend wie folgt: Why, fear not, man, I will not forfeit it; / Within these two months, that’s a month before / This bond expires, I do expect return / Of thrice three times the value of this bond (1.3.152–155).

Erinnert sich der Zuschauer/Leser nun an Antonios kritischen Kommentar zu Shylocks Gleichnis von Jakob und seinen Lämmern, sind seine über die Diversifikation vollzogenen Hedging-Strategien mit dem in der Rüge des Juden implizierten Bekenntnis zu einer transzendenten Vorhersehung nur schwer zu vereinbaren. Damals hat er dem Juden...

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