Show Less
Restricted access

Kontroversen im Werdegang wissenschaftlichen Wissens

Wie in der früheren Geschwulstforschung darum gestritten wurde, was ein «Krebsvirus» ist

Karlheinz Lüdtke

An einem der Geschichte der Krebsforschung entnommenen Fall wird untersucht, wie sich Wissensentwicklung zum Wandel sozialer Formen des Forscherverkehrs verhält und welche Rolle dabei wissenschaftliche Kontroversen spielen: Sie zersetzen nicht allein überkommene Paradigmen, sondern überdies die gegebenen sozialen Gliederungen und schaffen so Bedingungen für den Wandel derselben (Disziplinen, Institutionen). Dieser Ansatz erlaubt die Abwehr eines Konzeptes, wonach die Schließung einer Kontroverse auf die Favorisierung einer der strittigen Positionen hinausläuft. Ein solcher Prozess wird von Forschern eingeleitet, die das Verhältnis gegeneinander vertretener Konzepte zu harmonisieren trachten, ohne dabei auf eine transdisziplinäre bzw. theoretisch schlüssige Vermittlungsbasis zu verweisen.

Show Summary Details
Restricted access

Schluss

Extract



Im Folgenden streife ich einige auf dem Felde der Wissenschaftsforschung verwendete theoretische Ansätze, die Entstehung und Austragung von Kontroversen in das Verständnis der Entwicklung wissenschaftlichen Wissens einbeziehen. Von ihnen hatte ich mir wichtige Anregungen versprochen, zum Teil auch gewonnen und genutzt. Dabei schienen mir Arbeiten von Thomas S. Kuhn von besonderem Interesse für die Behandlung dieses Themas zu sein, ein Interesse, das sich – wie der Leser erkennen konnte – in meinen Ausführungen niedergeschlagen hat.730

Eine der Schwierigkeiten, die sich Versuchen entgegenstellen, das Kuhnsche Konzept für die Entwicklung eines Verständnisses jener Rolle zu nutzen, die Auseinandersetzungen unter Wissenschaftlern für die Entwicklung ihres Wissens spielen, besteht darin, wie der Abschluss einer Kontroverse gesehen werden soll: Einleuchtend ist, wovon Kuhn in dieser Hinsicht ausgeht, dass, wenn Forscher einer wissenschaftlichen Gemeinschaft neuer, mit überliefertem Wissen nicht verträglicher Phänomene gewahr werden, mehrere miteinander nicht vereinbare Ideen beim Versuch zur Lösung der Erklärungsprobleme aufkommen. Die weitere Entwicklung wird dann aber in der Durchsetzung und Verbreitung einer dieser Ideen (die als Anwärter auf ein neues Paradigma bestimmt werden) gesehen. Der wissenschaftlichen Gemeinschaft wird dabei das Vermögen zugebilligt, sich rasch auf ein neues Regelsystem zum Rätsellösen zu einigen, um Konflikte zu vermeiden, „selbst um den Preis der Teilung des Spezialgebiets oder des Ausschlusses eines bisher produktiven Mitglieds“.731 Jener Anwärter, dem sie den Vorrang einräumt, gilt dann als das neue Paradigma. Dieser Vorgang gleicht nach Kuhn einer nat...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.