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Das Lügenproblem bei Kant

Eine praktische Anwendung der Kantischen Ethik auf die Frage nach der moralischen Bedeutung von Falschaussagen

Yasutaka Akimoto

Dieses Buch prüft die allgemeine Forschungsmeinung, dass Kant ein Vertreter des absoluten Lügenverbots sei. Dabei verteidigt der Königsberger Philosoph aber ebenso den Standpunkt, dass die Moralität einer Handlung von der Maxime des Willens abhängt. Wenn Kant nun gleichzeitig behaupten würde, dass bestimmte Handlungen in jedem Fall verboten sind, würde er sich widersprechen. Indem das Buch die begriffliche Unterscheidung von «Lügen» als pflichtwidrige Falschaussagen und «Unwahrheiten» als nicht pflichtwidrige Falschaussagen trifft, bietet es für dieses Paradox der Kant-Forschung als erste Monografie zum Lügenproblem einen Lösungsansatz. So wird man mit Kant sogar sagen können: «Manchmal musst du die Unwahrheit sagen.»

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4. Eine Falschaussage als Pflicht?

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4.  Eine Falschaussage als Pflicht?

Das Gesetz spaltet sich in zwei inhaltlich streng voneinander zu unterscheidende Fachgebiete auf: das juristische und das moralische Gesetz. Nach beiden ist die Lüge verboten. Im juristischen Sinne ist sie eine Unwahrheit, die das Recht eines Anderen verletzt: „Im rechtlichen Sinne […] will man, daß nur diejenige Unwahrheit Lüge genannt werde, die einem anderen unmittelbar an seinem Rechte Abbruch thut“.377 Die Lüge im moralischen Sinne ist eine Unwahrheit, welche gegen die Pflicht ist: „gewiße Unwahrheiten heißen nicht Lügen weil diese eigentlich Unwahrheiten sind, die der Pflicht entgegensetzt sind“.378 „Juridisch ist Mendacium ein Falsiloquium in praeiudicium alterius und da kann es auch nicht anders seyn, aber moralisch ist mendacium ein Falsiloquium in praeiudicium humanitatis. Nicht jede Unwahrheit ist eine Lüge“.379 Eine Lüge also ist auf jeden Fall verboten; sie ist aber gleichzeitig auch etwas anderes als eine Falschaussage. Für diese nämlich, die moralisch nicht zuwider der Pflicht ist, gibt es zwei Möglichkeiten: pflichtmäßig (und damit erlaubt) oder aus Pflicht (und folglich geboten) zu sein.

Im vorangegangenen Kapitel wurde die Frage nach der Möglichkeit, eine Falschaussage zu billigen, erörtert. Nun aber soll die Diskussion noch einen Schritt weiter getrieben werden: Können Falschaussagen möglicherweise gar als Pflicht betrachtet werden? Unter welchen Umständen und auf welche Weise sollte dies möglich sein? Und sind sie dann schlechthin für moralisch gut zu...

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