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Konzeption und Komposition von Gottscheds «Deutscher Schaubühne»

«Eine kleine Sammlung guter Stücke» als praktische Poetik

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Marina Doetsch

Erstmals wird aus einer zeitgenössischen Perspektive und unter Hinzuziehung der Peri- und Paratexte Gottscheds «Deutsche Schaubühne» als Projekt ernstgenommen. Die bisher vorherrschende Forschungsperspektive, es handle sich nur um eine Beispielsammlung zur Illustration der dramenpoetologischen Kapitel der «Critischen Dichtkunst», traut der «Schaubühne» kein Konzept zu. Dagegen beleuchtet die Autorin dieses Bandes, dass Gottsched durch die scheinbar fehlerhafte Veröffentlichungsreihenfolge der sechs Bände und durch spielerischen Umgang mit den Regeln die Dichotomie zwischen Poetik und dramatischer Praxis aufbricht und eine praktische Poetik der dramatischen Gattungen entwickelt. In detaillierten Textanalysen zeigt sie, warum es an der Zeit ist für eine Neubewertung der «Deutschen Schaubühne».

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2 Das Zusammenspiel von Konzeption und Poetologie in den Peritexten: das Programm der Schaubühne

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Eine Beschäftigung mit Gottscheds Schaubühnen-Projekt ist nur sinnvoll, wenn man sich in zeitgenössischer Perspektive annähert: der heutige Leser muss den Umweg über die Peritexte wagen. Die Forschung hat vor allem die Vorreden nicht ernst genommen, was diesen nicht gerecht wird, da sie ein wichtiger argumentativer Bestandteil der Schaubühne sind. Deshalb werden diese erarbeitet.

Der Ausgangspunkt ist die Titelgebung: Welche Leserichtung wollte Gottsched vorgeben? Die zeitgenössischen Leser, die 1741 den zweiten Band in den Händen hielten, wussten ganz genau, was sie zu erwarten hatten, wenn sie Deutsche Schaubühne lasen. Der erste Bestandteil des Obertitels verdeutlicht den nationalen Anspruch des Projekts.1 Der zweite ist sowohl zeitgenössisch als auch aus der heutigen Perspektive offen für verschiedene Implikationen: „Schaubühne“ verweist auf die Dramen, die in diesen Bänden abgedruckt werden sollen. Gottsched hat damit einen Gattungsbegriff für Dramensammlungen geschaffen.2 So entstanden u.a. in schneller Folge im Anschluss an Gottscheds Schaubühne und deren zweite Auflage die ← 73 | 74 → Schönemannsche Schaubühne, die Wiener Schaubühne und Ludwig Achim von Arnim nannte 1813 sein Konvolut auch noch Schaubühne.3

Es ist der Untertitel, der die inhaltliche Regelhaftigkeit des ganzen Projekts vorgibt und gleichzeitig formale Regellosigkeit zeigt, da er nicht kontinuierlich derselbe bleibt, sondern wechselt. So lautet die Titelgebung der beiden zuerst erschienenen Bände 2 und 3: Die Deutsche Schaubühne nach den Regeln der alten Griechen und Römer eingerichtet, und mit einer Vorrede herausgegeben...

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