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Goethes «Wahlverwandtschaften» im 21. Jahrhundert gelesen

Aagot Vinterbo-Hohr

Goethes Roman «Die Wahlverwandtschaften» geht der Relation von Mensch und Gesellschaft in der Feudalzeit auf den Grund – und stößt nicht nur bei Zeitgenossen auf heftige Kritik. Die Autorin dieses Bandes bricht vom Lager der traditionellen Rezeption auf, indem sie das Leben am Ort der Handlung, einem Adelsgut, anhand reiner Textanalyse durchleuchtet, wobei das im Romangeschehen thematisierte Geflecht der sozialen, militärischen und religiösen Machtstrukturen der Feudalgesellschaft zu Tage tritt. Die durch Symbolik wie durch Form und Eigenart des Erzählstils dargestellten sozialen Verhältnisse und Konflikte werden dadurch freigelegt. Die Erkenntnisse der Untersuchung öffnen Perspektiven auf Struktur- und Alltagsprobleme der globalisierten Gesellschaft der Gegenwart.

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Die vorliegende Arbeit über Die Wahlverwandtschaften tritt in das Spannungsfeld ein, das Goethe mit diesem Roman geöffnet hat: „Das einzige Product von größerm Umfang, wo ich mir bewußt bin nach Darstellung einer durchgreifenden Idee gearbeitet zu haben …“1. Seine Idee, erklärt er Riemer im Spätsommer 1808, „sei: sociale Verhältnisse und die Conflicte derselben symbolisch gefaßt darzustellen.“2 Diese Erklärung hat zweihundert Jahre lang Beunruhigung verursacht. Anlass dazu ist heute nicht – wie beim Erscheinen des Romans – Goethes Was, sondern sein Wie. Während des zwanzigsten Jahrhundert ist die Gültigkeit seiner Aussage von Literaturtheoretikern bezweifelt bis heftig bestritten und zuletzt als Platitude apostrophiert.

Die ursprüngliche Bedeutung von symbolon hat sich während meiner Arbeit mit dem Text in den Vordergrund gedrängt: das abgebrochene Stück eines Ringes oder einer Tafel, dessen Bruchrand die Echtheit einer Identität oder einer Behauptung verbürgt.3 Und als solches ist der Roman in mein Leseerlebnis eingetreten. Wie vom antiken Tafelstückchen – diese wurden vererbt – über zeitliche und geographische Abstände Krümeln abgebröckelt sein konnten, ist auch hier, wie nach zweihundert Jahren nicht anders zu erwarten wäre, der Bruchrand etwas abgewetzt, aber nicht mehr, als dass dieses Adelsgut als Synekdoche einer Gesellschaft erscheint, die, weil sie Ausweglosigkeit generiert, an sich selbst zugrunde geht. Seine Gedanken über Symbolik hat Goethe mehrfach formuliert und an vielen Stellen zu verschiedenen Zeiten notiert, wie dieser seinem Nachlass entnommene: „Die Symbolik verwandelt die Erscheinung...

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