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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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3.2 Emplotment und Intertextualität

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3.2 Emplotment und Intertextualität

Eine Auseinandersetzung mit großen Erzählungen und narrativen Strukturen erfolgt in Halbschatten zuvorderst implizit über intertextuelle Bezüge. Ausgehend von Whites Konzept der narrativen Modellierung, dem Emplotment, lassen sich Aussagen über die Sinnrichtung des erzählten Geschehens treffen. Die Verweise auf übergeordnete Handlungsstrukturen geben einen ersten interpretativen Schlüssel an die Hand und machen zugleich das narrative Element der Geschichtsdarstellung in Fortsetzung wissenschaftstheoretischer Überlegungen in seiner Funktion transparent. Durch den Bezug zu Romanze und Tragödie (vgl. White 1991: 21 ff.), der durch Zitate aus Shakespeares Dramen Sturm und Macbeth hergestellt wird, wird zunächst eine Verbindung zwischen der erzählten Geschichte und einer übergreifenden narrativen Struktur einer Textgattung erzeugt. Während das klar als Zitat gekennzeichnete Motto den Sturm zitiert,1 unterbrechen einzelne Zeilen aus Macbeth ohne Quellenangabe Abschnitte, die nationalsozialistische Verbrechen thematisieren. Die Erzählweisen Tragödie und Romanze werden so in Bezug zu zwei unterschiedlichen Dimensionen, einer konkreten inhaltlichen und einer allgemeinen, gesetzt. Die Struktur einer Romanze kann durch das Motto auf die gesamte Romanhandlung bezogen werden und drückt den positivistischen Glauben an eine stete, progressive Weiterentwicklung der Gesellschaft aus, es handelt sich um „ein Drama vom Triumph des Guten über das Böse“ (White 1991: 22 f.).2 Anders als in der Vermessung der←94 | 95→ Welt und Imperium wird Fortschrittsglaube per se aber nicht in Frage gestellt. Zwischen dem Damals der Geschichte und dem Jetzt der Gegenwart kann eine positive Differenz ausgemacht werden, die eine grunds...

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