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Glitzernder Kies und Synagogengestein

Kindheit und Erinnerung in Else Lasker-Schülers Prosa

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Monika Lindinger

Else Lasker-Schüler (re-)konstruiert in ihrer Prosa zwei Gedächtnisräume: Die Zeit der Kindheit, in der die Gartenwege mit «glitzerndem Kies» bestreut waren, verbindet sich mit der jüdischen Tradition und verdichtet sich zu einem poetologischen Konzept. Die intertextuelle Auseinandersetzung mit dem deutschen wie mit dem jüdischen Teil dieses kulturellen Gedächtnisses erweitert die Erinnerungsräume um ihre historischen Kontexte, von der Akkulturationsproblematik des deutsch-jüdischen Bürgertums, dem die 1869 geborene Dichterin entstammte, bis hin zu ihrer Emigration 1933 in die Schweiz und 1939 nach Palästina. Aus dieser Konstellation eines Exils in Jerusalem, im jüdischen Denken ein begriffliches Paradoxon, erwächst dem Sehnsuchtsraum Kindheit Identität und Hoffnung stiftendes Potential.

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1. Einleitung 11

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11 1. Einleitung 1.1. Kindheit und Erinnerung Darum sollte man sich viel in seine Kindheit zurückversetzen. Else Lasker-Schüler In Else Lasker-Schülers Briefen nach Norwegen verleiht die Ich-Figur einer bestimmten Sehnsucht Ausdruck: Ich wollt, ich wär auch noch einmal klein. Manchmal wünscht ich mir wirklich, jemand führte mich spazieren und ich wär erst vier Jahre alt. Die Zeit drückt. Die meisten sterben an der Zeit. Darum sollte man sich viel in seine Kindheit zurück- versetzen. (KA 3.1, S. 198) Das Zitat enthält bereits die wesentlichen Leitbegriffe, von denen die folgen- den Untersuchungen ausgehen. Zentral ist zunächst der Begriff der Kindheit. Grundsätzlich ist bei diesem äußerst komplexen Phänomen zwischen einer empirischen und einer idealen Erscheinungsform zu unterscheiden.1 Die empirische Kindheit in den Blick zu nehmen hieße im Fall einer litera- turwissenschaftlichen Untersuchung, sowohl die historischen und sozialen Lebensbedingungen des Kindes zu verschiedenen Zeiten zu beleuchten2 als auch den Einfluss der Kindheit eines Autors auf dessen Werk zu erörtern, was eine in der Forschung nicht selten anzutreffende biographisch orientierte Vorgehensweise bedeuten würde. Ideale Kindheit hingegen meint die seit Rousseaus „Entdeckung der Kindheit“3 praktizierte Idealisierung dieser Le- bensphase als Utopie, jene ästhetische, anthropologische und geschichtsphilosophische Konstruktion ‚Kind- heit‘, die im 18. Jahrhundert eine gigantische Projektionsfläche bildet, auf der sich Glücksverlust und Zukunftsvision, unschuldige, aber auch rohe Natur und revolutio- 1 Ausführlich zu dieser Unterscheidung Walter Pape: Das literarische Kinderbuch. Studien zur Entstehung und...

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