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Postkommunismus und verordneter Nationalismus

Gedächtnis, Gewalt und Geschichtspolitik im nördlichen Schwarzmeergebiet

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Dittmar Schorkowitz

Seit dem Systemwechsel in Osteuropa werden Vergangenheitsbilder, sprachliche Zuordnung und Konfessionszugehörigkeit zum Ausbau der Herrschaft nationaler Eliten benutzt. Dieser Prozeß beinhaltet die Ersetzung der kommunistischen Ideologie durch ethnonationale Identitäten und
die Überformung der territorial-administrativen Umgestaltung durch die Renaissance der nationalen Idee. Mögen die Auswirkungen dieser Transformation in den postsozialistischen Ländern auch regional unterschiedlich sein, so ist der Entwicklung doch gemein, daß Konsens und Gemeinschaft seither im Zuge einer Abgrenzung entsteht, die das Eigene dem Anderen gegenüberstellt und dabei auf Feindbilder zurückgreift. Dieses Buch will daher das Verhältnis von Nationsbildung, Geschichtspolitik und Eskalationsdynamik erhellen, um die Funktion einer historischen Sinnstiftung im Kontext nationalistischer Gewaltentfaltung für einen Teilbereich des östlichen Europas aufzudecken.

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I. BEGRIFFE UND BEDEUTUNGEN 25

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25 I. BEGRIFFE UND BEDEUTUNGEN Geschichtspolitik, Vergangenheitspolitik, Erinnerungskultur Nicht nur besitzt Geschichtswissenschaft „kein Monopol auf Geschichte und Erinnerung"50, wie Edgar Wolfrum feststellte. Neben der Erklärung von Ver- gangenem sind auch die Erzeugnisse der Geschichtsschreibung selbst Gegen- stand von außerfachlicher Diskussion und nichtwissenschaftlicher Verwertung. In der ideologischen Auseinandersetzung eingesetzt, kann das Produkt des Hi- storikers - und damit ,Geschichte' - tatsächlich zur Waffe werden, indem es ei- nerseits den politischen Gegner ausgrenzt und brandmarkt, andererseits aber ei- ne Ressource zur Mobilisierung, Inklusion bzw. Integration nationaler und so- zialer Gruppen liefert. Geschichtspolitik ist daher mehr als bloße „Inanspruch- nahme von Geschichte für Gegenwartszwecke"51, wie Heinrich Winklers neutra- le Formulierung nahelegen will, sondern eine zielführende Strategie, die wissen- schaftlichen Fordernissen nach Kontextualisierung und Differenzierung meist nicht entspricht. Doch sind es nicht allein die hierbei angewandten Mechanismen der Exklusi- on respektive Sinnstiftung, welche die Geschichtsschreibung als ein zentraler Bestandteil von Erinnerungskultur so handhabbar und ihre Deutungsmacht so attraktiv für die Politik erscheinen läßt. Denn ohne die Bereitschaft des Histori- kers, „sich die Deutung der Vergangenheit von politischen Optionen vorge- ben"52 zu lassen oder einfach den Erwartungen zu entsprechen, blieben die Mög- lichkeiten politischer Kommandohöhen im Kampf um Vergangenheitsbilder stark eingeschränkt. So aber inszeniert Geschichtspolitik (the politics of history) diverse Gedächtnislandschaften konjunkturell, über die Kultur des privaten und gemeinschaftlichen Erinnerns hinausweisend. Hierzu bedient sie sich eines brei- ten Repertoires, das mit der absichtsvollen Schaffung von Erinnerungssorten (lieux de mdmoire)53...

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