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Kollektive Identitätskonstruktion in der Migration

Eine Fallstudie zur Sprachkontaktsituation der Wolgadeutschen in Argentinien

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Anna Ladilova

Welche Rolle spielt die Gruppensprache bei der kollektiven Identitätskonstruktion in der Migration? Das Beispiel der Wolgadeutschen in Argentinien, die nach über 250 Jahren seit der ersten Auswanderung die ursprüngliche Sprache und Kultur aufrecht erhalten haben, eignet sich im besonderen Maße zur Beantwortung dieser Frage. Diese Studie wertet 381 Fragebögen und 12 Interviews quantitativ und qualitativ aus, um das Thema aus einer interdisziplinären Perspektive zu beleuchten. Sprachkenntnisse, -verwendungen und Einstellungen der Mitglieder der untersuchten Gruppe, Sprachkontaktphänomene in ihrer Rede sowie die Frage nach dem ethnic revival und dem kollektiven Gedächtnis werden miteinander in Verbindung gesetzt, um einen umfassenden Einblick in die untersuchte Fragestellung zu geben.

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2. Soziokulturelle Verortung der Wolgadeutschen in Argentinien

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5 2. Soziokulturelle Verortung der Wolgadeut- schen in Argentinien Die mehrfache Sprachkontaktsituation der untersuchten Volksgruppe geht auf die doppelte Migrationsgeschichte der beiden letzten Jahrhunderte zurück. Die Berücksichtigung der wirtschaftlichen und bildungspolitischen Faktoren sowie der speziellen Migrationsumstände ermöglicht das Verständnis der gegenwärti- gen soziolinguistischen Situation der Wolgadeutschen in Argentinien. 2.1. Migrationsgeschichte: Deutschland – Russland – Argentinien In Argentinien leben heute über zwei Millionen Nachkommen der Wolgadeut- schen,5 deren Vorfahren Ende des 18. Jahrhunderts nach Russland ausgewandert sind. Die Motive dafür waren einerseits die schwierige wirtschaftliche und sozi- ale Lage in den deutschsprachigen Ländern nach dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763), andererseits die von der Kaiserin Russlands, Katharina II., für „ewige Zeiten“ versprochenen Privilegien wie z. B. die freie Religionsausübung, Steuerfreiheit, Selbstverwaltung der Gemeinden und die Befreiung vom Militär- dienst (vgl. Graefe 1971: 11).6 Als ursprüngliche Heimat der meisten Wolgadeutschen gelten Südwest- und Mitteldeutschland, vor allem das Rheinland, die Pfalz, Hessen und Württemberg (vgl. Weyne 1987: 42ff.). Die Auswanderer wurden über Oranienbaum (bei St. Petersburg) – entweder auf dem Landweg über Moskau oder auf dem Flussweg über Samara – an der Wolga angesiedelt. Später wurden größere Gruppen deut- scher Siedler auch an das Schwarze Meer gesandt.7 5 So lautet die Schätzung der meisten Kontaktpersonen in Argentinien, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Es liegen keine offiziellen Zahlen vor, da die Wolgadeutschen bei den Volkszählungen zu den Argentiniern gezählt werden. 6 Gemessen an den russischen...

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