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Vom mystischen Schweigen zum Reden aus Gewissheit

Wittgensteins Sprachparadigmen theologisch gedeutet – mit einer Anwendung auf Tillichs Symboltheorie

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Karsten Schneider

Diese Untersuchung beschäftigt sich mit den Bedingungen der Möglichkeit sinnvoller religiöser Rede auf dem Hintergrund der Überlegungen Wittgensteins. Scheinen zunächst – dem eindimensionalen Sprachparadigma seiner Frühphilosophie entsprechend – keine solchen Bedingungen benennbar, so ergeben sich durch das mehrdimensionale Sprachparadigma der Spätphilosophie ganz neue Möglichkeiten. Jetzt sind nicht nur die Bedingungen der Möglichkeit sinnvollen religiösen Redens auf neue Weise wieder gegeben, sondern auch konkrete Aussagen über die Art und Weise theologischen Redens mit gesetzt. Demnach verbieten sich bestimmte, vor allem vermittlungstheologische Denkweisen, weil sie auf Vorstellungen beruhen, die nach Wittgenstein nicht mehr haltbar sind. Als eine Aufgabe von Theologie wird nun die Darstellung der Selbstvergewisserung der eigenen so genannten grammatischen Sätze deutlich. Aus dieser Perspektive heraus wird skizziert, wie die Symboltheorie Paul Tillichs weiter entwickelt werden müsste, um die fundamentaltheologischen Implikationen der Philosophie Wittgensteins aufzunehmen.

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1. Darstellung der Philosophie Wittgensteins

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1.1. „Tractatus logico-philosophicus“ – oder: Das Schweigen über das, was „sich zeigen“ muss These: Im „Tractatus logico-philosophicus“ wird die idealistische Sprachvor- stellung radikal durchdacht. Auf dieser Grundlage werden die Bedingungen der Möglichkeit sinnvoller religiöser Rede scheinbar gänzlich destruiert. Die religi- onskritischen Folgen für eine auf einem derartigen Sprachparadigma auf- bauende Weltanschauung sind deutlich: Es bleibt nur das mystische Schweigen über das, was „sich zeigen“ muss. Wittgensteins Frühwerk, der „Tractatus logico-philosophicus“50 (TLP), erschien – nach großen Mühen, überhaupt einen Verleger zu finden51 – erstmals 1921 in Wilhelm Ostwalds52 „Annalen der Naturphilosophie“ als „Logisch-philosophi- sche Abhandlung“53 und wurde zunächst wenig beachtet. Als er dann aber 1922 auch in England veröffentlicht54 und hier – anfangs hauptsächlich aufgrund ei- nes Vorwortes von Bertrand Russell55 – viel gelesen wurde und für großes Auf- sehen sorgte, gelangte Ludwig Wittgenstein bald zu großer Berühmtheit. J. Schulte nennt den TLP sicherlich zu Recht einen „der vertracktesten Klas- siker der Philosophiegeschichte“56. N. Malcolm spricht gar davon, dass es „ein enigmatisches Werk“57 sei. Es ist im Laufe der Zeit auch tatsächlich sehr unter- schiedlich verstanden worden; schon die ersten Interpretationen wiesen in diver- 50 Der Titel geht auf eine Anregung von G.E. Moore zurück (vgl. z.B. J. Schulte, Vorwort, S. 7, Anm. 1, und R. Monk, Wittgenstein, S. 225) und ist eine Anspielung auf B. de Spinozas „Tractatus theologico-politicus“ (vgl. B. de Spinoza, Theologisch-Politischer Traktat, hg.v. G. Gawlick, 2., durchgesehene Aufl., Hamburg 1984). 51 Vgl....

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