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Organentnahmen bei hirntoten Schwangeren

Oder: Sterbehilfe am Lebensanfang?

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Sebastian Vogel

Die Konstellation scheint rar, die Lösung simpel: Wenn eine Schwangere stirbt, ihr Herz-Kreislauf-System und mithin die Schwangerschaft aber künstlich auch nach dem Hirntod noch aufrechtzuerhalten sind, muss das Kind gerettet werden. Ist die Frau zudem Organspenderin, können freilich auch ihre Organe transplantiert werden. In dieser Absolutheit indes birgt dies einige medizinische wie rechtliche Fehler. In dieser Arbeit werden die medizinischen Umstände der Konstellation erläutert, um zu einer dogmatisch konsistenten wie praktikablen juristischen Lösung zu gelangen. Zu hinterfragen gilt, ob und wann die Ärzte die Schwangerschaft abbrechen dürfen, wann sie dem Ungeborenen Sterbehilfe leisten können und sollen. Zudem geht die Arbeit der Frage nach, wer entsprechende Entscheidungen trifft.

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4. Kapitel: Die Strafbarkeit der Organentnahme nach § 218 Abs. 1 S. 1 StGB – Die Rechtswidrigkeit

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Der Schwangerschaftsabbruch ist dann nicht rechtswidrig, wenn ein Rechtferti- gungsgrund eingreift. In Betracht kommen hier § 218a Abs. 2 StGB als spezieller und § 34 StGB als allgemeiner Rechtfertigungsgrund. Dass ein etwaig noch zu Lebezeiten von der Schwangeren geäußerter Wille, die Schwangerschaft im Falle ihres Hirntodes abzubrechen, über ihren Tod hinaus keine Bedeutung hat, also auch nicht im Rahmen einer rechtfertigenden Einwilli- gung in Ansatz gebracht werden kann, wurde oben schon im Rahmen der Sterbehil- fediskussion gezeigt und gilt unverändert hier.506 Es wäre auch unlogisch, eine blo- ße Einwilligung zu Lebzeiten nicht genügen zu lassen (sondern sie an die engen Voraussetzungen des § 218a StGB zu knüpfen), sie nach dem Tod der Schwange- ren hingegen als ausreichend anzusehen. Ebenso auf eine mutmaßliche Einwilli- gung kann aus selbigen Gründen nicht zurückgegriffen werden. Überdies brauchen die §§ 3, 4 TPG nicht als mögliche Rechtfertigungsgründe vertiefend angesprochen zu werden, da sie ausschließlich die Einwilligung in eine Organentnahme, nicht aber zugleich auch in einen Schwangerschaftsabbruch re- geln. Zwar ist das Kind symbiotisch mit dem Körper der Mutter verbunden; der Nasciturus ist indes mit eigenen (Grund-) Rechten ausgestattet und deshalb von der Entscheidung der Mutter zur Organspende nicht tangiert. Gleichsam § 4a TPG, der die Organ- und Gewebeentnahme bei toten Embryo- nen und Föten regelt, also den genau umgekehrten Fall betrifft (die Schwangere lebt, aber die Leibesfrucht ist tot), führt nicht weiter. Diese aus der EG- Geweberichtlinie resultierende Norm ist auch genau aus diesem Grunde,...

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