Show Less

«Ernst ist das Leben, heiter die Kunst.»

Das Humor-Konzept im Dramenwerk Frank Wedekinds

Series:

Joanna Firaza

Vor dem Hintergrund der Geschichte des Humor-Begriffs versucht die Arbeit diese für Frank Wedekind grundsätzliche ästhetische Kategorie zu verorten. Aus der oft verfehlten Rezeption und dem eigenen Anspruch des Dramatikers resultiert eine frappante Spannung. Neue Akzente im Hinblick auf die Verwendung des Terminus manifestieren sich vordergründig im Formalen. Im Rückgriff auf die Mittel des Performativen gibt sich der Humor als eine komplexe ästhetische Antwort Wedekinds auf den Zustand der Kultur und die Kondition des Individuums. In der Ordnung der Kunst nimmt der Dramatiker somit eine vitalisierende Korrektur des mit dem Label Humorlosigkeit belegten Geistes des Wilhelminismus und seiner Literaturen vor.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

II. Humor versus Ernst

Extract

1. Zum Humorbegriff: Übersicht über die Forschungstendenzen 1.1. Allgemeines zur Begriffsbestimmung Der Humor fungiert neben der Ironie als eine der wichtigsten ästhetischen Kate- gorien des 18. und 19. Jahrhunderts. Er ist ein relativ junger Begriff, der rein etymologisch auf das lateinische Wort humor (Feuchte, Flüssigkeit, Saft) zu- rückgeht: In der ursprünglichen Bedeutung tritt er in der antiken hippokratischen und mittelalterlichen, bis in die frühe Neuzeit gültige Humoralmedizin bzw. Humoralpathologie (Temperamentenlehre), die Krankheiten mit einem Un- gleichgewicht zwischen den Körpersäften – den humores (Blut, Phleg- ma/Schleim, gelbe und schwarze Galle) erklärte.233 Je nach Dominanz eines Körpersaftes wurden die menschlichen Charaktere unter vier psychosomatische Grunddispositionen – sanguinische, phlegmatische, cholerische und melancholi- sche – subsumiert. Eine Dysfunktion der Säfte des Körpers, die sich in einer le- bensgefährlichen Starre manifestierte, war nach dieser alten Heilmedizin u.a. mit Lachen bzw. Niesen zu behandeln, um die Starrheit aufzubrechen.234 Was ge- genwärtig unter Humor verstanden wird, kristallisierte sich aber erst im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Prozess der Industria- lisierung und aufgeklärter Disziplinierung – auch in der Medizin. Rainer Stoll- mann greift auf die simplifizierende humoralpathologische Metaphorik zurück, um den modernen Humor generell als ein Gegengewicht zur „trockenen Ver- nunft“ zu definieren: 233 Vgl. Karl-Otto Schütz: Zur Geschichte des Wortes ‚Humor‘. In: Muttersprache 70 (1960), S. 193–202, hier S. 193f. 234 Hierfür wurde zum Nieswurz gegriffen, einer Heilpflanze, die Niesreiz auslöst. Unter Umständen kann ein unwiderstehliches...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.