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Das Leben des fliehenden Diebes: Ein strafrechtliches Politikum

Zweite, überarbeitete und ergänzte Auflage

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Domenico Siciliano

Darf der angegriffene Eigentümer den Dieb erschießen, der mit der Beute flieht? Nach der immer noch herrschenden Meinung wird diese Frage unter der Annahme bejaht, daß der Angriff «nicht geringfügig» bzw. «nicht unerheblich» ist. Wie ist eine solche Meinung entstanden, nach der ein Angriff auf das Eigentum prinzipiell mit derselben Gewalt wie ein Angriff auf das Leben abgewehrt werden darf? Dieser Frage wird rechtssystematisch, rechtsphilosophisch und rechtshistorisch nachgegangen. Insbesondere wird eine «verdrängte» Aufklärung des Strafrechts rekonstruiert, die für eine Auffassung der Notwehr plädierte, in der das Leben des mit der Beute fliehenden Diebes stark geltend gemacht wird. Wichtige Komponenten dieser erfolglosen Tradition sind der Ansatz von von Globig und Huster aus dem Jahre 1783 und der Ansatz des § 427 des Entwurfs des Allgemeinen Gesetzbuchs von 1786. Beide Ansätze thematisieren die strukturelle Ungleichheit in der Gesellschaft. Damit knüpfen sie an Beccarias «Über Verbrechen und Strafen» an.

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Drittes Kapitel: Zur Rekonstruktion des "Notwehrrechts zu töten" in der Geschichte des deutschen Strafrechts

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A.) Die tödliche Sachwehr in der Constitutio Criminalis Carolina “Stunde Null” der historischen Rekonstruktion ist hier die Regelung der Not- wehr in der Constitutio Criminalis Carolina. Sie gilt als Verdichtung des mittel- alterlichen strafrechtlichen Wissens und gleichzeitig als Ausgangspunkt der sog. „gemeinen Lehre des Strafrechts“1266. Die Regelung der Notwehr der Constitutio Criminalis Carolina (CCC) von 15321267 bestätigt die Tendenz des deutschen mittelalterlichen Strafrechts, die tödliche Notwehr nur zum Schutz von Leib und Leben einzuräumen1268. Sie be- handelt die Frage der Notwehr als Strafbarkeitsausschluß im Abschnitt über die 1266 Siehe dazu Friedrich Schaffstein, Die allgemeinen Lehren vom Verbrechen in ihrer Ent- wicklung durch die Wissenschaft des gemeinen Strafrechts, Aalen 1986, Neudruck der Aus- gaben 1930-1932. Eberhard Schmidt, Einführung in die Geschichte der deutschen Straf- rechtspflege, Göttingen 1965, 147 ff. 1267 Siehe Eberhard Schmidt, Einführung in die Geschichte, 131 ff.; Volker Krey, Zur Ein- schränkung, 702 ff., 704 ff.; Robert Haas, Notwehr und Nothilfe, 57 ff. 1268 Siehe die Bilanz von Schaffstein für das deutsche Recht im Mittelalter: „Während das ita- lienische Recht die Notwehr zur Verteidigung nicht nur von Leib und Leben, sondern auch von Ehre und Gut gestattete, war im deutschen Recht des Mittelalters, von einigen Ausnah- men abgesehen, die Notwehr auf den Schutz von Leib und Leben beschränkt“. Schaffstein, Die allgemeinen Lehren, 76. Hervorhebung im Originaltext. Ähnlich Krey, Zur Einschrän- kung, 704; Eberhard Schmidt spricht in Bezug auf die Regelung der mittelalterlichen Notwehr von „grundsatzloser Ratlosigkeit...

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