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Martyrium

Variationen und Potenziale eines Diskurses im Zweiten Jahrhundert

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Nicole Hartmann

Ausgehend von der Annahme einer stark ausdifferenzierten Jesus-Bewegung bietet diese Studie eine dekonstruktive Lektüre von Texten aus dem zweiten Jahrhundert, in denen Hinrichtungen von Jesus-Anhängern als Martyrium überhöht werden. Sie konzentriert sich dabei auf die Aushandlungsprozesse christlicher Identität: in der Zuschreibung von Märtyrerautorität oder im Ausloten der Grenzen für eine Vorstellung von Märtyrern als Opfern – heilswirksames Selbstopfer versus Opfer der barbarischen Gegner. Der durch die Gewalterfahrung und in Auseinandersetzung mit innerchristlichen Widersachern gefärbte Gegnerdiskurs und die Affirmation der Bezeichnung Christiani bezeugen die (Selbst-)Konzeptualisierung der Autoren, ersten Leser und Hörer dieser Texte innerhalb des proto-orthodoxen Christentums.

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6. „Märtyrer“ als „Opfer“ – ein Diskurs am Rande des Vorstellbaren

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540 Entgegen einer immer wieder begegnenden, meist undifferenzier- ten bezeichnung von „märtyrern“ oder „martyrien“ als „Opfer“ oder „selbstopfer“,541 soll hier aufgezeigt werden, welche Konnotationen sich dahinter verbergen, wenn in martyriumstexten die beschriebenen Protago- nisten als „Opfer“ bezeichnet werden. dabei gilt es besonders auf die Kon- texte zu achten, in denen die Opferrhetorik je andere Funktionen erfüllt. so unterstützt in den briefen ignatius’ und im Martyrium Polycarpi der „Op- fertod“ als ein deutungsmotiv besonderer auserwähltheit die Kontingenz- bewältigung der ihrem Tod entgegen sehenden bzw. ihrer bewunderer. demgegenüber dient das Opfermotiv im Martyrium Lugdunensium der Pole- mik gegen die barbarei der römischen Tierhetzen und Zurschaustellung öf- fentlicher Hinrichtungen. Gerade in diesem dokument wird deutlich, wie sehr von Verurteilenden und Verurteilten der Vorwurf, menschenopfer zu praktizieren, für je eigene Zwecke instrumentalisiert wurde und wie sehr gleichzeitig die Vorstellungen von dem, was ein „Opfer“ ist oder bedeutet, unvereinbar auseinander liefen. Vorab bleibt also zu klären, was im breites- ten Verständnis der menschen der römischen Kaiserzeit als ein „Opfer“ (an) erkannt werden konnte. 6.1. Zivilisierte und barbarische „Opfer“ – die griechisch-römische denkvoraussetzung um sich dem „Opfer“ während der römischen Kaiserzeit zu nähern, müssen zunächst sämtliche modernen dispositionen und jedes Vorver- ständnis zu diesem Wort ausgeblendet werden.542 man darf auch nicht der Versuchung erliegen, für den Zeitraum ‚römische Kaiserzeit’ einen gleich bleibenden oder kohärenten Opferbegriff anzunehmen.543 das schließt 540 dies ist die überarbeitete...

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