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Die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache

2., erweiterte Auflage

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Edited By Klaus-Peter Wegera

Die Diskussion um die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache begleitet die Germanistik von ihren Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart. Die wesentlichen Fragen, um deren Beantwortung es in der Diskussion geht, sind die nach dem Entstehungsort – der «Wiege» – der neuhochdeutschen Schriftsprache und die nach ihrem möglichen Schöpfer. Eng mit der letzten Frage verbunden ist die nach der Richtung der Entwicklung: «von unten nach oben» also volkssprachlicher Ausgleich als Basis für die Schriftsprache oder schreibsprachlicher Ausgleich und Rückwirkung auf die Mundarten. Das zentrale Problem der Diskussion zeigt sich nach wie vor darin, dass keiner der wichtigeren theoretischen Ansätze a priori völlig absurd erscheint. Jede Theorie enthält wohl einen Teil der Wahrheit: Sowohl Siedlerbewegungen als auch die Bildung, sowohl Luther als auch die Kanzleien und Offizinen, sowohl die Grammatiktheoretiker als auch die Dichtung, sowohl Sprachwertsysteme als auch die sich herausbildende Polyfunktionalität und die allmähliche Herausbildung einer zentralen Zielvarietät spielen eine mehr oder weniger bedeutsame – aber in der Regel noch nicht zufriedenstellend ausgelotete – Rolle.

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Rudolf Schützeichel: Zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache

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Rudolf Schützeichel Zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache Mit 11 Karten [aus: Nassauische Annalen 78 (1967), 75-92] I. Eine ‘romantische’ Vorstellung sah die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache1 als eine einfache und gradlinig verlaufende Entwicklung von ei­ ner althochdeutschen Schriftsprache über eine mittelhochdeutsche Schriftsprache bis hin zum vorläufig letzten Abschnitt dieses Prozesses, eben der neuhochdeut­ schen Schriftsprache. Die großen Etappen dieses Vorganges, althochdeutsch, mittelhochdeutsch, neuhochdeutsch, waren aus dieser Sicht sozusagen nichts an­ deres als von einander abhebbare Wachstumsstadien ein und desselben Gewäch­ ses, das sich in seiner jüngsten Entwicklung eben als neuhochdeutsche Schrift­ sprache darstellt. Der eigentliche wissenschaftliche Vertreter der angedeuteten Auffassung war kein Geringerer als Karl Müllenhoff2. Müllenhoff dachte sich als erste Stufe einer deutschen Gemeinsprache eine über den Mundarten stehende karolingische Hof­ sprache, deren geistiger Mittelpunkt und deren Pflegestätte der Hof Karls des Großen gewesen sei. Grundlage dieser karolingischen Hofsprache sei das Rhein­ fränkische gewesen (Karte l)3. Das ist der Sprachraum zwischen dem oberdeut­ schen und dem mittelfränkischen und niederdeutschen Gebiet, ein Raum, der also am ehesten zwischen den mundartlichen Gegensätzen vermitteln konnte. Diese übermundartliche Gemeinsprache sei unter gewissen Veränderungen von Kaiser­ haus zu Kaiserhaus tradiert worden4 und so auch in die kaiserliche Kanzlei der 1 Die vorliegende Studie zur Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache beruht auf Vorträgen, die bei verschiedenen Anlässen in Köln, Frankfurt a. M., Tübingen, Nijmegen, Berlin und Zürich gehalten worden sind. Diskussionen und Gesprächen mit Kollegen und...

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