Show Less
Restricted access

«Neuschöpfer des deutschen Volkes»

Julius Streicher im Kampf gegen «Rassenschande»

Series:

Franco Ruault

Wie ist das abstrakte Feindbild des «jüdischen Rassenschänders» zustande gekommen? Welche politischen Strategien, welche Mechanismen von Herrschaft und Unterwerfung verbergen sich dahinter? Wie war es möglich, dass die antisemitischen Sexualphantasien von Rassenschändung die deutsche Gesellschaft in nur wenigen Jahren durchdringen und durch das Wirken von Julius Streicher zur «Kampfgemeinschaft» formen konnten? Diese Arbeit versucht erstmals die Textur jenes Verbrechens zu entschlüsseln, auf welcher der Vorwurf von «Rassenschande» beruht, und zugleich die Ordnung der Wunden, die Matrix des nationalsozialistischen Rassendenkens aufzuzeigen. Der «jüdische Rassenschänder», wie ihn Streicher popularisiert hatte, tritt inmitten Europas in einem seiner modernsten Staaten auf: am Umbruch einer Modernisierungsschwelle, an welcher die deutsche Gesellschaft nicht nur durch soziale, politische und religiöse Erosionsbewegungen zu zerbersten drohte, sondern an der auch gesellschaftliche Alteritäten in den Blick genommen wurden. Aus dem Gegensatz dieser Politikvorstellungen soll erstmals die wohl populärste Variante nationalsozialistischer Judenfeindschaft, die obszöne, sadistische Judenhetze gegen so genannte «jüdische Rassenschändung» deutscher Frauen und Mädchen, wie sie maßgeblich durch Streicher betrieben und forciert worden war, inhaltlich analysiert und in einen historisch-politischen Kontext gestellt werden.
Show Summary Details
Restricted access

7. Ritualisierte Tötung: „Prangeraktionen“ gegen „Rassenschänder“

Extract

7.Ritualisierte Tötung: „Prangeraktionen“ gegen „Rassenschänder“

7.1Die Ausgangslage

Mit den „Nürnberger Rassengesetzen“ vom 15. September 19351 wurden für die Verfolgung und Ausgrenzung von Frauen und Männern, die der so genannten „Rassenschande“ beschuldigt waren, gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen. Cornelia Essner(2002) hat detailliert und kenntnisreich das institutionelle Ringen dokumentiert, welches diesen Gesetzen vorangegangen war und den Fortgang dieser Politik bis zur Deportation in die Konzentrationslager aufgezeigt.2 Eine differenzierte Analyse der Wirkmechanismen, nach welchen die so genannte „Judenfrage“ dazu unmittelbar vor Verkündung der „Blutschutzgesetze“ in den Sommermonaten von 1935 strategisch zum Einsatz gebracht worden war, steht jedoch nach wie vor aus.3 Dennoch handelt es sich dabei um einen besonders markanten Einschnitt, einen wichtigen qualitativen Umschlagspunkt im Verhältnis zahlreicher Deutscher zu Juden. Um Aufschluss darüber zu erlangen, soll das gesellschaftliche Umfeld und die dazu eingesetzten Praktiken unter Berücksichtigung jener Politik analysiert werden, welche dies erst möglich gemacht hatte. Um bei unserer Fragestellung zu bleiben, bedeutet dies, nach den treibenden Kräften der Verfolgung, den sozialen Praktiken der Disziplinierung und Ausgrenzung, die dazu angewendet worden waren, aber auch nach den individuellen Motivationsgründen zu fragen, auf deren Basis die so genannten „Blutschutzgesetze“ Gestalt annehmen konnten. Als aufschlussreicher Indikator dient uns hierbei die Bedeutung der „Judenfrage“, die, was ihre äusseren Erscheinungsformen betrifft, im Frühjahr 1935 reichsweit eine markante Wandlung erfahren hatte. Wobei es erstaunt, dass die so genannte „Judenfrage“ im Bewusstsein der Bevölkerung zu Beginn dieses wichtigen Zeitraumes kaum eine Rolle...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.