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Odysseen des Humanen

Antike, Judentum und Christentum in der deutschsprachigen Literatur- Festschrift für Prof. Dr. Maria Kłańska zum 65. Geburtstag

Katarzyna Jastal, Pawel Zarychta and Anna Dabrowska

Literatur war und ist ein Ort menschlicher Identitäts- und Wertefindung, an dem die Kontingenzen individueller und historischer Erfahrung in universale Kontinuitäten eingeschrieben werden. Sie ist auch ein Ort, an dem antike, jüdische und christliche Traditionsbestände durch ihre Fortsetzung und Neusemantisierung wieder aufleben und nicht selten zu Grundmustern individueller Sinnstiftung werden. Von dieser Grundbeobachtung ausgehend, begeben sich die Autorinnen und Autoren dieses Bandes auf die Suche nach solchen Kontinuitäten und Neusemantisierungen der antiken, jüdischen und christlichen Narrative in der älteren bis jüngsten deutschsprachigen Literatur. Sie rekurrieren auf die Forschungsinteressen von Prof. Dr. Maria Kłańska, der diese Publikation zum 65. Geburtstag gewidmet ist.
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Politisches Theater oder Übersetzung? Zu Heiner Müllers Ödipus, Tyrann nach Hölderlin

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Joanna JabłkowskaUniwersytet Łódzki

Politisches Theater oder Übersetzung?Zu Heiner Müllers Ödipus, Tyrann nach Hölderlin

In seiner Autobiographie Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen erinnert sich Heiner Müller, dass der Ödipus-Stoff eine „gute Nebenbeschäftigung“ gewesen sei, nachdem Der Bau verboten worden war.1 Müller hatte vor, die Hölderlin-Übersetzung von Sophokles zu übernehmen, ohne viel zu ändern, und das Stück zusammen mit Beno Besson am Deutschen Theater aufzuführen. Als sie überlegten, wie sie mit dem Orakel-Motiv umgehen sollten, sahen sie, dass aus Ödipus „plötzlich ein Stück über Chruschtschow und die Krise der Landwirtschaft“ wurde.2 Sie hatten eine politische Parallele gefunden, die sie zu interessieren begann.

Nicht zum ersten Mal änderte Müller den antiken Stoff nur geringfügig, um eine brisante und aktuelle politische Aussage zu gewinnen. Es ist allerdings zu fragen, ob dies auch für die Zuschauer sofort lesbar war. Müller schreibt, dass Bessons Inszenierungen künstlerisch immer interessant waren, als Kritik am System seien sie dagegen lau gewesen. So war auch die Ödipus-Aufführung ein Erfolg, was in der DDR bedeutete, die subversive Dimension des Stücks sei nicht verstanden worden. Es war 1967 „eine Klassikerinszenierung von hoher Qualität […]. Politisch fiel sie nicht auf. Besson hat politische Ideen, aber sie verschwinden auf der Bühne, in der Kunstfalle, die nicht nur Ideen frißt“3 – so Müller.

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