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Hugo von Hofmannsthals «Elektra»

Eine quellenbasierte Neuinterpretation

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Dorothée Treiber

In ihrem Buch setzt sich Dorothée Treiber kritisch mit der weitverbreiteten These auseinander, Hugo von Hofmannsthals Elektra leide an einer klinischen Hysterie. Der Autorin zufolge hält diese Behauptung einer eingehenden Analyse der Quellenlage nicht stand. Dagegen wird deutlich, daß Wien zur Jahrhundertwende von zwei spektakulären Kindesmißhandlungsskandalen erschüttert wurde. Daß diese auch in Hofmannsthals Theaterstück Spuren hinterlassen haben, soll hier gezeigt werden. Darüber hinaus wird deutlich, daß sich seine Bearbeitung nahtlos in die Tradition der Elektratragödien einfügt und Freuds Hysteriekonzeption alles andere als Vorbildcharakter hatte. Untersucht wird auch der Einfluss der Tagespresse sowie der Schriften Tardieus über Kindesmißhandlung und Mißbrauch.
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II. Vom Opfer zum Täter

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Zwischen 1860 und 1880 beschäftigt sich die Gerichtsmedizin in Frankreich, wenn sie Fälle sogenannter ‚attentats aux moeurs‘ und ‚attentats à la pudeur‘ verhandelt, hauptsächlich mit den sexuell mißbrauchten Opfern, in diesem Fall: den Kindern. Es ist ihr vor allem daran gelegen, Fälle schwerer Mißhandlung zu sammeln, um das bis dahin weitgehend totgeschwiegene Phänomen der Mißhandlung und des Mißbrauchs von Kindern faktisch zu belegen. Seit etwa 1880 macht sich jedoch in Frankreich eine den Kindern feindlich gesonnene Gegenbewegung breit, was letztendlich zu einem Paradigmenwechsel in der forensischen Medizin führt. Es geht jetzt eher darum, von den Opfern abzulenken und den Blick auf die Eltern zu richten, die – von Seiten der Verteidigung – entlastet werden sollen. Um eine solche Entlastung der Eltern zu bewirken, ist es notwendig, die Anklagen gegen sie zu entkräften. Dies geschieht zum einen dadurch, daß versucht wird, Kinder als notorische Lügner darzustellen, zum anderen dadurch, daß man ihre Aussagen vor Gericht als irrelevant abtut.

« Ce mouvement aboutit à la proclamation d‘un véritable acte d‘accusation pseudo-scientifique contre les enfants martyrs, les décrivant comme des menteurs et des pervers mythomanes. »429

Auffälligerweise fällt dieser Stimmungsumschwung bei den Gerichtsmedizinern genau in die selbe zeitliche Phase, in welcher auch von juristischer und gesetzlicher Seite mit aller Kraft eine Gesetzesänderung diesbezüglich anvisiert wird, die am 24. Juli 1889 und am 19. April 1898 tatsächlich in kraft tritt. Darin werden die Aussagen...

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