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Hugo von Hofmannsthals «Elektra»

Eine quellenbasierte Neuinterpretation

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Dorothée Treiber

In ihrem Buch setzt sich Dorothée Treiber kritisch mit der weitverbreiteten These auseinander, Hugo von Hofmannsthals Elektra leide an einer klinischen Hysterie. Der Autorin zufolge hält diese Behauptung einer eingehenden Analyse der Quellenlage nicht stand. Dagegen wird deutlich, daß Wien zur Jahrhundertwende von zwei spektakulären Kindesmißhandlungsskandalen erschüttert wurde. Daß diese auch in Hofmannsthals Theaterstück Spuren hinterlassen haben, soll hier gezeigt werden. Darüber hinaus wird deutlich, daß sich seine Bearbeitung nahtlos in die Tradition der Elektratragödien einfügt und Freuds Hysteriekonzeption alles andere als Vorbildcharakter hatte. Untersucht wird auch der Einfluss der Tagespresse sowie der Schriften Tardieus über Kindesmißhandlung und Mißbrauch.
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VI. Erziehung als „leidenschaftliche Vergewaltigung“

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Während Hofmannsthal Kindesmißhandlungen als Atavismen erklärt und zu ihrer Darstellung eine düstere prägriechische Welt entwirft, welche die zivilisatorischen Errungenschaften des klassischen Griechenlands noch nicht kannte, sollten nur zwei Jahrzehnte vergehen, bis das Märchen von den unschuldigen Eltern auch auf literarischer Seite bezweifelt wird. Mit Franz Werfel 1920 und Jean Cocteau 1938 unternehmen zwei weitere Autoren nach Hofmannsthal den Versuch, das Problem der Kindesmißhandlung erneut zu thematisieren, indem sie das Geschehen in die Gegenwart zurückholen und dabei die Verteilung von Täter und Opfer schonungslos aufdecken. Dabei handelt es sich um zwei literarische Gegenentwürfe zu der noch im „Fall Hummel“ hervorgehobenen, gesellschaftlich sanktionierten und von Freud mit wissenschaftlichem Anspruch so unheilvoll postulierten Position, welche sämtliche Eltern im Allgemeinen als liebevoll-fürsorgliche, zu keiner schuldhaften Handlung gegen ihre Kinder fähige Menschen darstellt. Die beiden Schriftsteller dagegen versuchen, ebendiese in breiten Gesellschaftskreisen so nachdrücklich vertretene Auffassung ins Wanken zu bringen. Ihr Inhalt birgt die genaue Umkehrung der konventionell verbreiteten Positionen: aus den Geschichten von unschuldigen Eltern und bösen Kindern werden nun die Geschichten von bösen Eltern und unschuldigen Kindern.

Eine deutliche Akzentverschiebung führt Franz Werfel in seiner 1920 verfaßten Novelle herbei, in deren Titel er bereits die ungeheuer provokative Umkehrung der bis dahin allgemein als gültig anerkannten Normen ankündigt: „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig“.1383 Täter und Opfer in dieser Novelle sind Vater und Sohn, deren Rollenverteilung sich wie...

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