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Das Massaker erinnern

Katyń als lieu de mémoire der polnischen Erinnerungskultur

Cordula Kalmbach

Im Fokus dieser Studie stehen zwei Schritte: Erstens soll das Ereignis Katyń in der polnischen Erinnerungskultur verortet und sein Stellenwert für die polnische Gesellschaft erfasst werden, zweitens soll dargestellt werden, welche Auswirkungen diese Aufarbeitung auf die polnisch-russischen Beziehungen seit 1989 hat. Klar ist, dass sich die Republik Polen seit ihrer Wiederentstehung 1989 auf der Suche nach einer neuen Identität befindet und sich im Archiv der Geschichte bedient, um ein neues Gedächtnis konstruieren zu können. Da Erinnerungskultur ein soziales, aktives Phänomen ist, stützt sich diese Arbeit auf mannigfaltige Quellen, seien es Filme, Bücher, Denkmäler oder Zeitungsartikel.
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II) Was ist ein Gedächtnisort? Die ‚lieux de mémoire‘ des Pierre Nora

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Für diese Arbeit, die sich mit einem Symbol der polnischen Erinnerungskultur beschäftigt, das zeitgleich auch durch einen topografischen, physisch tatsächlich vorhandenen Ort repräsentiert wird, ist das Nora‘sche Konzept der Gedächtnisorte tragfähig. Im ersten Teil dieses Kapitels soll zunächst nah an Noras Schriften skizziert werden, was er als Gedächtnisorte definiert, und in einem zweiten Teil hergeleitet werden, woher Nora dieses Konzept nimmt, bzw. aufgrund welcher Veränderungen er die Gedächtnisorte als notwendigen Bestandteil unserer modernen Gesellschaften sieht.9

Wie also definiert Pierre Nora Gedächtnisorte? Unter dem Begriff der „lieux de mémoire“10 versteht er in einem weit gefassten Begriff Gedenkstätten, wie z.B. Kriegerdenkmäler, Gebäudekomplexe wie das Schloss von Versailles, Embleme, Gedenkfeiern, Devisen, Rituale, Museen, wie z.B. den Louvre im Falle Frankreichs, Texte, die etwas Neues oder neue Traditionen schufen, wie z.B. der Code civile, populäre Lexika und Standardwerke, die tief in das Bewusstsein einer Gesellschaft eingedrungen sind, etc. Sein Verständnis von „lieux de mémoire“ schließt also Objekte und Orte, die von der Gesellschaft an Geschichte geknüpft werden und Erinnerungen ← 25 | 26 → assozieren lassen bzw. auch an geteiltes Wissen anknüpfen, mit ein. Dies ergibt ein „ungeordnetes Kaleidoskop von Objekten“, das eine Gesellschaft unterhält.11 Oder wie Jan Assmann es weiter ausführt: materiale Gedächtnisstützen reichen vom Knoten im Taschentuch bis zu den „lieux de mémoire“.12 „Jede Erinnerung ist ‚topisch‘“13, da Erinnerungskultur „mit Zeichensetzungen im nat...

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