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Ethik der Dissidenz

Kritische Theorie und öffentliche Kritik

Stefan Marx

Die öffentliche Kritik verlangt die immanente Kritik der Theorien der Öffentlichkeit. Indem sie nachvollzieht, wie politische Herrschaft in die öffentlichen Diskurse einwandert, ist sie kritische Theorie der Öffentlichkeit. Indem sie eine Kritik am deliberativen Demokratiekonzept entwickelt, ist sie eine Ethik der Dissidenz. Die These ist, dass die agonale Beschaffenheit des Politischen Anforderungen an die Politik stellt, die sich nicht durch permanenten Diskurs bearbeiten lassen, sondern nur durch ein Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit politischer Praxis. Dissidenz muss dem, was sich beständig diskursiv als Selbstverständlichkeit etabliert, immer auf neuem Stand opponieren. Sei es die Öffentlichkeit im Nationalsozialismus oder die diskursive Verflüssigung von Souveränität im World Wide Web.
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Öffentliche Kritik

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Öffentliche Kritik ist eine eigene Kategorie der öffentlichen Äußerung, deren Form sich nicht auf Skeptizismus reduzieren lässt. Vielmehr ist sie eng verknüpft mit Subjektivität, Materialität und Reflexivität, mithin Ausdruck für die „exakte Phantasie eines Dissentierenden“ (AGS6: 56). Dissidenz ist eine prinzipielle Abweichung von der Norm und beinhaltet den Widerspruch des Andersdenkenden gegen Politik jeglicher Dimension. Diese öffentlich gemachte Abweichung von kollektiver Meinung setzt die dissentierende Person in ein Verhältnis zur Gesellschaft, das sie exponiert und damit angreifbar macht. Die intellektuelle Person scheint, auch als Nonkonformistin, stark vom institutionellen Betrieb abhängig. Die Dissidentin ist auch deshalb Abweichende, weil sie sich, was ihr politisches Urteil betrifft, von diesem Betrieb fernhält: sich also auf das schwierige Spiel zwischen der Totalität gesellschaftlicher Vermittlung und kritischer Autonomie einlässt. Das Zentralthema der adornoschen Gesellschaftstheorie ist der Widerspruch zwischen der Übermacht gesellschaftlicher Totalität und der postulierten Freiheit des Individuums. Theodor W. Adorno, der selbst stets zwischen (notwendiger) Anpassung an den Betrieb und der Kritik daran oszillierte und dennoch bis in die „kontradiktorischen Sprachwendungen hinein antikonsensuell“ (Müller-Dohm/Ziegler 2008: 83) war, sieht einen Zusammenhang zwischen Kulturkonsum und politischer Urteilskraft und erkennt in den zum Tauschverhältnis erstarrten Gesellschaftsbeziehungen die Kondition des gesamtgesellschaftlichen Scheins von Freiheit.16 Dieser Schein liegt in einer Starrheit begründet, die eine eindeutige Erkenntnis des Ganzen der Gesellschaft einerseits unabdingbar, andererseits unmöglich macht. Die Starrheit wiederum entspringt einem Denken, das sich der objektiven Notwendigkeiten verschrieben hat und dadurch die...

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