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Der Konjunktiv im Schweizerdeutschen

Empirische Studien zu Stabilität und Wandel im deutschen Modussystem

Michael Wilde

Der schweizerdeutsche Konjunktiv kann sich besser gegen den Indikativ behaupten als der standarddeutsche, dessen Formen vielfach mit denjenigen des Indikativs zusammenfallen. Häufig hat man darin den Grund für die besondere Vitalität des schweizerdeutschen Konjunktivs gesehen. Doch wie lebendig ist er in der aktuellen Sprachverwendung wirklich? Welche räumlichen Gliederungen innerhalb der schweizerdeutschen Dialektlandschaft ergeben sich im Zusammenhang mit dem Konjunktiv? Wie unterscheidet sich sein Formen- und Verwendungsspektrum von dem des standarddeutschen Konjunktivs? Welche Rolle spielt die analytische Bildung des Konjunktivs Präteritum und welches Hilfsverb wird dafür verwendet? Diese und weitere Fragen werden auf der Basis selbsterhobener Daten diskutiert.
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1 Einführung

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1.1 Erste Annäherung

Es ist bemerkenswert, wie ein für viele trockenes Grammatikthema wie die Moduskategorie Konjunktiv doch geeignet sein kann, ideologisch aufgeladen zu werden bis hin zum Ausdruck nationaler Klischees und Stereotype. So schreibt der deutsche Sprachkritiker Wolf Schneider:

In geschriebenen Texten bewältigen kaum zwei oder drei Prozent der Deutschsprachigen diesen Unterschied [d.  h. den zwischen Konjunktiv Präsens und Konjunktiv Präteritum in der indirekten Rede, MW], in der mündlichen Rede gar nur noch ein Tausendstel davon; und von denen lebt merkwürdigerweise die Mehrzahl in der Schweiz. Hier kann man alte Bergbauern sagen hören: Er sagte mir, er habe … In bundesdeutschen Ohren klingt das ganz unglaublich intellektuell. Dabei ist es einfach herrlich direkt aus dem Brunnen der Sprache geschöpft, dort, wo er am tiefsten ist. (2009: 13f.; Schriftauszeichnung angepasst)

Schneider verbindet hier das Bild der Schweiz als Land der Bergbauern, die abgeschnitten sind von aktuellen Entwicklungen und Einflüssen, mit einer besonderen Unverfälschtheit und Urtümlichkeit ihrer Sprache. Dieses Heterostereotyp ist wohlwollend gemeint. Neben dem Heterostereotyp kann man auch das Autostereotyp mit Bezug auf den Konjunktiv finden; Bestandteile des Heterostereotyps können sich im Autostereotyp spiegeln – so wird aus der Bewunderung für die Sprache der Schweizer wie bei Schneider umgekehrt der Stolz der Schweizerdeutsch-Sprecher auf die eigene Sprache. Der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel sagte einmal:

Ich weiß nicht, ob ich bereits auf den Konjunktiv springen darf, das ist mein Grundproblem,...

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