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Geschichte der mecklenburgischen Regionalsprache seit dem Zweiten Weltkrieg

Varietätenkontakt zwischen Alteingesessenen und immigrierten Vertriebenen. Teil 1: Sprachsystemgeschichte

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Klaas-Hinrich Ehlers

Der erste Band der mecklenburgischen Sprachgeschichte rekonstruiert den Strukturwandel der regional gebundenen Varietäten des Deutschen im Norden Mecklenburgs. An ausgewählten Variablen aus der Phonetik/Phonologie, Morphosyntax und Lexik wird die diachrone Entwicklung des Niederdeutschen und des mecklenburgischen Regiolekts in ihrer kontaktlinguistischen Wechselwirkung mit dem überregionalen Standard herausgearbeitet. Erstmals in der modernen Regionalsprachenforschung bezieht die Studie auch die Herkunftsvarietäten der vielen Vertriebenen ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Land kamen. Die korpusbasierten Variationsanalysen zeigen die sprachlichen Folgen auf, die die Vertriebenenimmigration für die sprachlichen Ausgleichsprozesse in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen hatte.

Dieses Buch ist mit dem Johannes-Sass-Preis 2018 ausgezeichnet worden.

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3. Strukturwandel des mecklenburgischen Regiolekts im Varietätenkontakt der Nachkriegsjahrzehnte

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3.  Strukturwandel des mecklenburgischen Regiolekts im Varietätenkontakt der Nachkriegsjahrzehnte

In einem ersten Analyseschritt soll der regiolektale Sprachgebrauch in meinem mecklenburgischen Erhebungsgebiet auf sprachstrukturelle Entwicklungen und kontakt­linguistische Prozesse untersucht werden. Hierzu wird überprüft, wie häufig 44 ausgewählte Vergleichspersonen verschiedener Bevölkerungsgruppen in der Sprache ihrer Interviews Gebrauch von regional gebundenen, standardabweichenden Merkmalen machen. Die Untersuchung konzentriert sich exemplarisch auf zehn Nonstandardmerkmale, die der älteren Forschungsliteratur zufolge den mecklenburgischen Regiolekt kennzeichnen und möglichst in deutlichem sprachlichen Abstand zu den Herkunftsvarietäten der zugewanderten Vertriebenen stehen.108 Um die systematische Reichweite der strukturellen Entwicklungen im mecklenburgischen Regiolekt dokumentieren zu können, werden in den Teilabschnitten des folgenden Kapitels sowohl Variablen der phonetisch / phonologischen Sprachebene als auch Variablen aus dem Bereich der Morphosyntax betrachtet.

3.1  Morphosyntax: ausgewählte Variablen

3.1.1  Da halte ich nichts von – syntaktische Varianten der Pronominal­adverbien in Mecklenburg

In seiner bekannten Wortgeographie der hochdeutschen Umgangssprache, in der Paul Kretschmer 1918 erstmalig systematisch und auf empirischer Basis die regionale Gliederung des standarddeutschen Wortschatzes erfasst, kommt der Autor einleitend auch auf „die geographischen Unterschiede in der Syntax“ zu sprechen (Kretschmer 1918: 6). Als ein Beispiel für regional gegliederte syntaktische Phänomene der deutschen Standardsprache erwähnt Kretschmer auch ← 105 | 106 →

die norddeutsche Trennung der Verbindungen davon, dafür, damit, dazu usw., die einem Österreicher sehr sonderbar erscheint, wie da weiß ich nichts von statt davon weiß ich nichts; da brauche ich garnichts zu; da wirst du nichts mit erreichen. (ebd.: 8)

Diese Distanzstellung der zusammengesetzten sogenannten „Pronominaladverbien“ (bzw. „Präpositionaladverbien“)109 sei „zwar bei allen Gebildeten der betreffenden Gegenden zu finden, […] aber doch kaum als hochdeutsch anzuerkennen“ (ebd.). Da Kretschmer sein Werk noch vor dem Ersten Weltkrieg abgeschlossen hat, umfasst die Bezeichnung „Österreicher“ bei ihm ausdrücklich noch die deutschsprachige Bevölkerung Böhmens, Mährens, Österreich-Schlesiens, Ungarns und Siebenbürgens (ebd.: 33–34). Die Distanzstellung der Pronominaladverbien markiert also einen auffallenden Unterschied zwischen der regiolektalen Syntax der späteren österreichischen Vertreibungsgebiete, wo diese Form „sehr sonderbar“ erscheinen musste, und der der norddeutschen Zielgebieten der Vertreibung, wo derartige syntaktische Konstruktionen üblich waren.

Die Distanzstellung der Pronominaladverbien ist schon in althochdeutschen Quellen belegt und wird erst seit dem 18. Jahrhundert vermutlich „aufgrund von präskriptivem Druck“ (Fleischer 2011: 256) durch den Sprachnormierungsdiskurs und durch ihre Stigmatisierung in literarischen Werken aus der Standardsprache verdrängt. Als kodifizierte Standardform der Pronominaladverbien gilt seither allein die Kontaktstellung (davon halte ich nichts), bei der der adverbiale (da) und der präpositionale Teil (von) des Pronominaladverbs zu einem Wort zusammengerückt sind (davon).110 In den deutschen Dialekten ist schon früh eine „ungefähr komplementäre ← 106 | 107 → areale Verteilung“ (ebd.: 255) der Distanzstellung der Pronominaladverbien und der sogenannten „Distanzverdoppelung“ (do woas i nix davon) nachzuweisen, die ebenfalls nie als standardgemäße Variante anerkannt wurde. Die auf der Basis der Wenker-Fragebögen von 1880 erstellte Karte zur „Spaltungskonstruktion bei ‚da‘“ in Fleischer (2002: 430) zeigt die areale Verbreitung der Distanzstellung ausschließlich in niederdeutschen und westmitteldeutschen Dialektregionen. In den Dialekten der schlesischen, böhmischen und mährischen Vertreibungsgebiete ist diese Konstruktion demnach unüblich gewesen.

Die großräumige Nord-Süd-Gliederung der Stellungsvarianten der Pronominal­adverbien in den Dialekten setzt sich, wie schon Paul Kretschmer beobachtet hatte, bis heute auch in den deutschen Regiolekten durch. Internetbefragungen des Atlas der deutschen Alltagssprache (ADA) zeigen für die Pronominaladverbien damit und davon Distanzstellungen (da halte ich nichts von) fast ausschließlich nördlich des Mains. Varianten, bei denen das Adverb verdoppelt wird, sind demnach fast ausschließlich im Süden zu finden (Distanzverdopplung: da halte ich nichts davon; kurze Verdopplung: dadavon halte ich nichts).111 In dieser räumlichen Verteilung treten die standardabweichenden Formen der Pronominaladverbien in den jeweiligen Regionen mit der überall verbreiteten, standardgemäßen Kontaktstellung in Konkurrenz. Die mehr oder weniger komplementäre Raumgliederung der standardabweichenden Formen ist in den Regiolekten allerdings ausschließlich auf Pronominaladverbien beschränkt, deren präpositionaler Teil mit einem Konsonanten anlautet (da-durch, da-mit, da-zu usw.). Pronominaladverbien mit vokalisch anlautenden Präpositionen, die im Standarddeutschen mit einem r-Einschub gebildet werden (daran, darauf, darüber usw.), sind im gesamten deutschen Sprachgebiet in der (meist verschliffenen) Form der Distanzverdopplung (da habe ich nicht d(a)ran gedacht) verbreitet und treten vorwiegend im Süden auch in Form der kurzen Verdopplung (dad(a)ran habe ich nicht gedacht) auf, während einfache Distanzstellungen ← 107 | 108 → (da habe ich nicht an gedacht) auch in den norddeutschen Regiolekten nur äußerst selten nachzuweisen sind.112

Die recht klaren räumlichen Verteilungen der Stellungsvarianten und die Tatsache, dass es sich bei den Pronominaladverbien „um eine formal vielfältige und frequente Merkmals­gruppe handelt, bei denen im Gegensatz zu den meisten anderen syntaktischen Phänomenen wegen der feststellbaren Standard-Substandard-Verteilung eine prozentuale Quantifizierung möglich ist“ (Langhanke 2012: 241), hat die Varianz der Pronominaladverbien in der linguistischen Forschung zu einem Musterbeispiel für syntaktische Raumgliederungen in den deutschen Dialekten und Regiolekten werden lassen.113 Zum Gebrauch der Pronominaladverbien in den norddeutschen Regiolekten liegen neuerdings mehrere quantitative Untersuchungen vor, die auch Ergebnisse zur diachronen Entwicklung ihrer Varianz erbringen. Ein Vergleich dieser Ergebnisse wird aber wegen der unterschiedlichen Zahl und Abgrenzung der Stellungsvarianten, die jeweils in Betracht gezogen werden, erschwert und scheint auch von regionalen Differenzen innerhalb Norddeutschlands überlagert zu werden.

Für den Regiolekt im nordniedersächsischen Raum kommt Spiekermann (2010: 195) bei der Auswertung von Aufnahmekorpora unterschiedlicher Entstehungszeit zu dem Befund, dass insgesamt „eine Zunahme der normabweichenden Formen“ zu beobachten sei und dabei speziell „die Distanzstellung von konsonantisch anlautenden Präpositionen […] in der standardnahen Regionalsprache diachron immer gebräuchlicher“ (ebd.: 194) werde. Dem stehen die Befunde Langhankes (2012: 263) entgegen, der für die Orte Berlebeck (Ostwestfalen-Lippe) und Hinsbeck (südlicher Niederrhein) vielmehr „eine stabile Variantenvielfalt […] bei den verschiedenen standarddivergenten Realisierungen der Präpositionaladverbien“ feststellt. Der Vergleich der Äußerungen zweier Sprechergenerationen erbringe „kaum Annäherung an die Standardvariante“ (ebd.: 245). Der „besonders häufige“ Typ der Distanzstellung, in dem Langhanke allerdings Formen mit konsonantisch und vokalisch anlautender Präposition zusammenfasst, müsse mit 19 % − 29 % der Belege „als ein Merkmal regionalspezifischer Realisierungen auch sehr standardnaher Sprachlagen gewertet werden“ (ebd.: 245–246). Jürgens (2013: 142) ← 108 | 109 → findet bei der Auswertung von Erhebungsdaten zum Norddeutschen Sprachatlas aus zehn über ganz Norddeutschland verteilten Ortspunkten Indizien dafür, dass sich Stellungsvarianten der Distanzverdopplung und der kurzen Verdopplung „von Süden“ her über die norddeutschen Regiolekte ausbreiten. Die Variante der Distanzverdopplung, bei der auch Jürgens nicht zwischen Formen mit konsonantischem oder vokalischem Präpositionsanlaut unterscheidet, ist demnach in ganz Norddeutschland die häufigste standardabweichende Realisierung der Pronominaladverbien, die die niederdeutsch basierte Distanzkonstruktion inzwischen überall, besonders deutlich aber im Südwesten, dominiert.

Welche Ergebnisse erbringt die bisherige linguistische Forschung speziell für den Regiolekt in Mecklenburg-Vorpommern? Nach Dahl (1974: 352) ist die Getrenntstellung der Pronominaladverbien (neben Formen mit getilgtem Adverb: er ist mit bei) eines der niederdeutschen Interferenzmerkmale, die für die mundartnahe Umgangssprache Mecklenburgs auf der Ebene der Syntax charakteristisch sind.114 Das syntaktische Merkmal ist allerdings auch für die südlich angrenzenden Regiolekte der Altmark und Brandenburgs kennzeichnend.115 Diesen Befunden entsprechend weist Protzes Wortatlas der städtischen Umgangssprachen auf einer Karte, die sich auf Befragungen der 1970er Jahre stützt, ein großräumiges Vorkommen der Distanzstellung für dafür (da kann ich nichts für) im gesamten Norden der ehemaligen DDR nach, das in südlichster Ausdehnung bis zum weit vorgeschobenen Ortspunkt Halle reicht.116 In diesem nördlichen Großraum ist die Distanzstellung demnach aber nicht die einzige standardabweichende Variante des Pronominaladverbs, sondern sie steht neben Formen der Distanzverdopplung (da kann ich nichts dafür), die im Süden ausschließlich vorherrschen.

Anders als „krasse Kasusverwechselungen“, mit deren Abbau kurzfristig zu rechnen sei, hält Dahl (1974: 373) die Distanzstellung der Pronominaladverbien im mecklenburgischen Regiolekt für „sehr haltbar“. ← 109 | 110 → Es existieren bisher keine empirischen Untersuchungen, die die prognostizierte Abbauresistenz dieses Merkmals im mecklenburgischen Raum beurteilen ließen. Allerdings bestätigt eine Untersuchung Herrmann-Winters (1977: 243) zur laienlinguistischen Bewertung der Getrenntstellung der Pronominaladverbien, dass diese morphosyntaktische Standardabweichung zumindest in der Bevölkerung des Kreises Greifswald als sehr weit akzeptiert gilt und als wenig korrekturbedürftig angesehen wird. 71,8 % von 79 Testpersonen beurteilten Testsätze als akzeptabel, die Pronominaladverbien mit konsonantisch anlautenden Präpositionalteil in Distanzstellung enthielten. Eine derart hohe Toleranz gegenüber dem Merkmal lässt auf eine allenfalls schwache Abbautendenz schließen.

Quantitative Daten zur Variation der Pronominaladverbien in Mecklenburg-Vorpommern bringt erst die Untersuchung von Jürgens (2013: 141), die auf der Basis von Erhebungen zum Norddeutschen Sprachatlas auch für die vorpommersche Kleinstadt Gützkow Vorkommensfrequenzen für die verschiedenen syntaktischen Stellungsvarianten der Pronominaladverbien präsentiert. Demnach waren in den Sprachaufnahmen von vier Gewährsfrauen mittleren Alters 2008 in 77 % aller einschlägigen Belege die Pronominaladverbien standardgemäß in Kontaktstellung gebildet. Die Distanzkonstruktion kommt demgegenüber nur auf einen geringen Prozentsatz von 5 % der Belege. Häufigste Nonstandardvariante ist in Gützkow die Distanzverdopplung (da … drin) mit 10 % der Belege.117 Auch die Tilgung des Adverbs, die schon Dahl angeführt hatte (halte ich nichts von), ist mit 7 % der Belegkontexte frequenter als die Getrenntstellung der Pronominaladverbien. Jürgens Untersuchung bestätigt einerseits die Konkurrenz der ‚nördlichen‘ Distanzstellung und der ‚südlichen‘ Distanzverdopplung, die auch Protzes Karte für Mecklenburg-Vorpommern aufwies, lässt andererseits aber die Frage aufkommen, ob die Distanzstellung der Pronominaladverbien mit derart geringen Vorkommensfrequenzen tatsächlich noch als abbauresistent bezeichnet werden kann. Schließlich kann auch Kehrein (2012) bei seinen Untersuchungen zur standardnahen Sprache von vier Gewährspersonen unterschiedlichen Alters aus Stralsund und Umgebung nur einen einzigen Nachweis für ein getrenntes Pronominaladverb erbringen. ← 110 | 111 →

Die bisherige Forschung ergibt also kein sehr einheitliches Bild von der Entwicklung der Pronominaladverbien im mecklenburgischen Regiolekt. Die Analyse meines Interview-Korpus kann genauere Aufschlüsse über die syntaktische Varianz und die Gebrauchsentwicklung der Pronominaladverbien in der mecklenburgischen Umgangssprache geben. Da meine Untersuchung in besonderem Maße auf die Sprachkontakte zwischen alteingesessenen Mecklenburgern und Immigranten aus den südlichen Vertreibungsgebieten fokussiert ist, habe ich mich bei der Analyse meines Interview-Korpus allein auf Pronominaladverbien mit konsonantisch anlautender Präposition beschränkt (damit, davon, dazu usw.), weil nur diese in den Regiolekten eine deutliche Nord-Süd- Gliederung aufweisen. Für diese Lexeme wurden im Korpustranskript die folgenden Stellungsvarianten erfasst: die standardgemäße Kontaktstellung (davon), die Distanzstellung (da … von), die Distanzverdopplung (da … davon), die kurze Verdopplung (dadavon) und die Tilgung des Adverbs (… von; halte ich nichts von). Um die Belegzahlen zu erhöhen, wurden von den 44 untersuchten Gewährspersonen sowohl die biographischen als auch die sprachbiographischen Interviews auf Pronominaladverbien untersucht. Pro Gewährsperson wurde damit in der Regel mindestens eine Stunde Tonaufnahmen erfasst. Insgesamt konnten im Interviewkorpus 806 Belege für Pronominaladverbien mit konsonantisch anlautender Präposition aufgefunden und codiert werden. Unberücksichtigt bleiben in der Auswertung alle Belege für daher, damit, dadurch, dahin usw., bei denen die entsprechenden Formen nicht die Funktion eines textuellen oder deiktischen Verweises innehaben und somit definitionsgemäß keine Pronominaladverbien sind ([…] Fenster zugemacht, damit es nicht reinregnet; […] war unser ganzes Vermögen dahin).118

Die quantitative Variablenanalyse erbrachte die folgenden Ergebnisse: Im gesamten Korpus sind keine Belege für die kurze Verdopplung (dadavon) zu finden. Die Form wird weder in den Interviews der Alteingesessenen noch in denen der Vertriebenen verwendet. Bei Pronominaladverbien mit konsonantisch anlautendem Präpositionalteil ist diese Nonstandardvariante ← 111 | 112 → im mecklenburgischen Regiolekt also nicht gebräuchlich.119 Unter den insgesamt 806 Korpusbelegen für Pronominaladverbien entfallen nur drei Einzelbelege auf die Variante mit getilgtem Adverb, allerdings ist diese Stellungsvariante im Transkript nicht immer leicht zu identifizieren. Wegen dieser Problematik und der großen Seltenheit der Tilgungsvariante wurde sie in der quantitativen Auswertung des Korpus nicht weiter berücksichtigt. Es sei aber angemerkt, dass alle drei Belege aus Interviews von Alt­eingesessenen stammen.

Man versucht dann ja ganz schon normal zu sprechen mit den Kindern aber erwischt sich bei dass man so paar Brocken manchmal reinwirft ne. (Frau 54, 1968 AA, SP1: 71)

[…] war bis auf die Geschichte mit dem Mutterkreuz war alles ruhig. Haben wir Kinder nicht allzu viel von mitbekommen. (Herr 64, 1936 A, BI: 99)

Das heißt also meine Omas Geschwister kamen alle. […] Oder wir waren ja als Kinder mit bei. (Frau 75, 1966 AA, SP1: 68)

Neben dieser seltenen Tilgungsvariante finden sich in meinem Interviewkorpus außer der standardgemäßen Kontaktstellung der Pronominaladverbien die Nonstandardformen der Distanzstellung einerseits und der Distanzverdopplung andererseits.120 Die vier Varianten sind dabei quantitativ sehr unterschiedlich verteilt. Diese Palette an Stellungsvarianten liegt bereits 1961 in den fünf Interviewaufnahmen des Pfeffer-Korpus aus Rostock und näherer Umgebung vor. Auch dort ist für die Pronominaladverbien mit konsonantisch anlautender Präposition neben der häufigeren standardgemäßen Kontaktstellung (dazu) gelegentlich sowohl die Distanzstellung (da … hin) und die Distanzverdopplung (da … dazu) als auch die Tilgungsvariante ← 112 | 113 → nachweisbar („Kenne ich nicht viel von“, PF337),121 während die kurze Verdopplung auch im Pfeffer-Korpus aus dem Raum Rostock nicht belegt ist.

Betrachten wir zunächst, in welchen quantitativen Verhältnissen die verschiedenen Stellungsvarianten der Pronominaladverbien in den Interviews der 24 von mir untersuchten Alteingesessenen beider Altersgruppen auftreten: Die mit Abstand häufigste Variante unter den 431 Belegen ist die standardkonforme Kontaktstellung mit 73,8 %. An zweiter Stelle folgt die Distanzstellung mit 18,6 % und der geringste Prozentwert entfällt auf die Distanzverdopplung mit 7,7 %. Standardabweichende Pronominalbildungen treten bei den Alteingesessenen also nur bei gut einem Viertel der Belege auf. Im Vergleich der beiden untersuchten Altersgruppen der Alteingesessenen zeichnen sich tendenziell intergenerationelle Verschiebungen in den quantitativen Verhältnissen ab. Hat die Distanzstellung (davon) in den Interviews der Vorkriegsgeneration noch einen Anteil von 23 % (n = 244), so halbiert sich dieser Anteil in den Interviews der Nachkriegsgeneration nahezu auf 12,8 % (n = 187).122 Bei der Distanzverdopplung (dadavon) ist ein geringerer Rückgang festzustellen: In den Interviews der Vorkriegsgeneration beträgt ihre Frequenz 8,6 % (n = 244), in den Interviews der Nachkriegsgeneration nur noch 6,4 % (n = 187). Umgekehrt ist die standardgemäße Kontaktstellung (davon) in den regiolektalen Äußerungen der Nachkriegsgeneration noch häufiger als schon in den Interviews der Vorkriegsgeneration. Ihr Anteil steigt intergenerationell von 68,4 % auf 80,8 %.

Bei den Pronominaladverbien mit konsonantisch anlautenden Präpositionen ist im Generationenvergleich also eine recht deutliche Standardannäherung zu beobachten, die der Prognose Dahls von der Abbauresistenz des Merkmals in Mecklenburg zuwiderläuft. Im Gegensatz auch zu den nordniedersächsischen Befunden Spiekermanns macht sich diese Standardadvergenz in Mecklenburg besonders im Bereich der ‚norddeutschen‘ Distanzstellung geltend (vgl. Abb. 3.1.1-1, Säulengruppen A 1 und A 2). ← 113 | 114 → Da in Mecklenburg nicht nur die Distanzstellung intergenerationell abgebaut wird, sondern auch die seltenere Distanzverdopplung einer leichten Abbautendenz unterliegt, erscheint die Vermutung Negeles (2010: 1079), die diskontinuierlichen Pronominaladverbien könnten „mittelfristig“ zu gesprochenen und geschriebenen Standardformen aufrücken, vor dem Hintergrund meines Korpus wenig wahrscheinlich.

Abbildung 3.1.1-1: Gebrauch der Stellungsvarianten der Pronominaladverbien mit konsonantisch anlautenden Präpositionen in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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Die Variationsbreite im regiolektalen Sprachgebrauch ist, soweit sich dies auf der Basis der zum Teil recht niedrigen Belegzahlen ermessen lässt, in der Gruppe der Alteingesessenen durchaus beträchtlich. Die Spanne der interpersonellen Varianz bewegt sich bei den zwölf älteren Alteingesessenen zwischen einer Person, die nur in 11 % der Belegfälle Nonstandardformen der Pronominaladverbien verwendet und zwei Personen, die in 50 % der jeweiligen Belege eine standardabweichende Stellungsvariante der Pronominaladverbien wählen. Immerhin ist für diese Altersgruppe festzuhalten, dass keiner der Befragten die Pronominaladverbien ausschließlich normgerecht bildet, dass aber andererseits die standardabweichenden Stellungsvarianten bei keiner Person die standardgemäße Kontaktstellung dominieren. In der ← 114 | 115 → Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen verwendet dann bereits eine einzelne Gewährsperson die Pronominaladverbien immer in der standardgemäßen Kontaktvariante, der höchste Anteil standardabweichender Formen liegt hier bei 28,6 %. Die Spannweite der interpersonellen Varianz geht also bei den Alteingesessenen im Vergleich der Generationen leicht zurück (vgl. Abb. 3.1.1-2).

Abbildung 3.1.1-2: Interpersonelle Varianz bei der Bildung der Pronominaladverbien in den Familien Alteingesessener (A1, A2) und Vertriebener (V1, V2) – Anteile der Nonstandard­formen in Prozent123

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← 115 | 116 →

Schauen wir abschließend noch auf den Gebrauch der Pronominaladverbien in der Interviewsprache der Vertriebenen und ihrer Nachkommen. Im Vergleich mit dem Sprachgebrauch der älteren Alteingesessenen ist bei den Vertriebenen auch 70 Jahre nach ihrer Ansiedlung in Mecklenburg noch eine leichte Nachwirkung der Nord-Süd-Gliederung in den Nonstandardformen der Pronominaladverbien erkennbar. Die zwölf untersuchten Vertriebenen der Vorkriegsgeneration verwenden die ‚südliche‘ Nonstandardform der Distanzverdopplung (da … davon) bis heute anteilig etwas häufiger als ihre alteingesessenen Altersgenossen (10,9 %, n = 248 versus 8,6 %, n = 244). Dagegen tritt die ‚norddeutsche‘ Distanzstellung (da … von), die ihnen nach Kretschmer ursprünglich einmal „sehr sonderbar“ erschienen sein dürfte, in ihrer regiolektalen Sprache bis heute seltener auf als bei den alteingesessenen Mecklenburgern (18,5 % versus 23 %).

Im Vergleich der Generationen in Vertriebenenfamilien zeichnet sich eine etwas andere regiolektale Entwicklungsdynamik ab als bei der Generationsfolge alteingesessener Familien.124 Wie bei den Alteingesessenen nähert sich der Gebrauch der Pronominaladverbien in der jüngeren Generation der Vertriebenenfamilien insgesamt leicht der kodifizierten Standardsprache an, die ja die Kontaktstellung der Pronominaladverbien vorgibt (vgl. Abb. 3.1.1-1, Säulengruppe V 1 und V 2). Der Gebrauch der Distanzverdopplung, der in der Elterngeneration der Vertriebenen noch besonders häufig war, wird in der Nachkommen­generation soweit abgebaut, dass er mit dem Sprachverhalten der gleichaltrigen Alteingesessenen fast völlig übereinstimmt (6,5 %, n = 124). Dagegen folgen die Nachkommen der Vertriebenen in ihrem Sprachgebrauch nicht dem Abbau der ‚norddeutschen‘ Distanzstellung, der sich in der Generationenfolge der Alteingesessenen beobachten lässt. Ausgerechnet die spezifisch norddeutsche Stellungsvariante wird in den Vertriebenenfamilien bewahrt und ihr Gebrauch sogar noch geringfügig ausgebaut. Während die Alteingesessenen der Nachkriegsgeneration die Distanzstellung nur noch mit einem Anteil von durchschnittlich 12,8 % der Belege für Pronominaladverbien realisieren, liegt die Frequenz der getrennt gestellten Pronominal­adverbien bei den Nachkommen der Vertriebenen mit 19,4 % (n = 124) sogar ← 116 | 117 → noch etwas höher als in den Interviews der vor 1940 geborenen Vertriebenen. Gerade im Kontrast zum Abbau der ‚süddeutschen‘ Stellungsvariante ist in dem leicht zunehmenden Gebrauch der ‚norddeutschen‘ Stellungsvariante in den Vertriebenenfamilien eine Ausrichtung am Regiolekt der älteren Alteingesessenen zu erkennen, die in der Nachkommengeneration der Vertriebenen zu einer leicht hyperfrequenten Merkmalsübernahme führt.

Im regiolektalen Sprachgebrauch meiner 44 Probanden aus Mecklenburg lässt sich insgesamt eine Tendenz zum intergenerationellen Abbau der standarddivergenten Stellungs­varianten der Pronominaladverbien mit konsonantisch anlautender Präposition beobachten. Diese Tendenz der Stan­dard­annäherung ist allerdings recht schwach ausgeprägt, was mit der geringen Salienz und verbreiteten Akzeptanz der standardabweichenden Varianten zusammen­hängen dürfte, auf die die ältere Forschungsliteratur hinweist. In den Familien der Vertriebenen unterliegen die ‚süddeutschen‘ und die ‚norddeutschen‘ Stellungsvarianten dabei offensichtlich einer gegenläufigen Dynamik, die süddeutsche Distanzverdopplung wird hier inter­generationell abgebaut, die norddeutsche Distanzstellung im Durchschnitt vermehrt genutzt. Diese widersprüchliche Entwicklung geht in den Vertriebenenfamilien auf eine deutliche Zunahme der inter­personellen Varianz beim Gebrauch der Pronominaladverbien zurück, bei der einzelne Angehörige der Nachkommengeneration stärker zu standardgemäßen andere stärker zu standardabweichenden Varianten tendieren als noch die Vertreter ihrer Elterngeneration (vgl. Abb. 3.1.1-2).

3.1.2  Besser als oder besser wie? – Variation der Vergleichspartikel beim Komparativ

Ein anderes syntaktisches Phänomen, das auf der Ebene standardabweichenden Sprachgebrauchs starke räumliche Gliederungen aufweist, ist die Wahl der Vergleichspartikel nach dem Komparativ. Hier schreibt die kodifizierte Standardgrammatik spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg eine eindeutige funktionale Differenzierung der Vergleichspartikeln wie und als fest:

In Vergleichskonstruktionen erscheint der Positiv in Verbindung mit den Gradpartikeln so, ebenso, genauso, gleich zum Ausdruck des gleichen Grades. Die Vergleichsgröße wird standardsprachlich mit wie angeschlossen.

Strecke a ist so / ebenso / genauso / gleich lang wie Strecke b. […] ← 117 | 118 →

In Vergleichskonstruktionen drückt der Komparativ einen ungleichen Grad aus. Die Vergleichsgröße wird standardsprachlich mit als angeschlossen. Der Anschluss mit wie gilt als Regionalismus.

Die Strecke a ist länger als Strecke b. (Duden Grammatik 2016: 377)125

Standardabweichende Fügungen wie besser wie werden hier also als regionalsprachliche Varianten gekennzeichnet, ohne dass das Verbreitungsgebiet dieser Variante genauer umrissen würde.

Die deutschen Dialekte weisen hinsichtlich der Vergleichskonjunktion nach Komparativ eine sehr klare areale Nord/West−Süd/Ostgliederung auf:

Die Hauptformen der deutschen Mundarten sind als […] im Niederdeutschen, Rhein- und Moselfränkischen und im Alemannischen […] und wie […] im östlichen Hochdeutsch. Als Kompromißform gilt als wie […], das teils allein, teils neben wie und als in den Berührungsgebieten belegt ist.126

Die niederdeutsche Entsprechung zu als (as) deckt funktional sowohl Vergleichskontexte der Ungleichheit (grödder as n Piirt ‚größer als ein Pferd‘) als auch die der Gleichheit und Übereinstimmung ab (so grout as n Piirt ‚so groß wie ein Pferd‘).127 Während die dialektalen Entsprechungen der Konjunktionen als und wie nach Komparativ also in recht klarer Abgrenzung regional verteilt sind, kommt es im Bereich der Umgangssprache zu regionalen Konkurrenzen beider Konjunktionen, die zumindest phasenweise auch in ihren räumlichen Schwerpunkten nicht der Arealität der Dialekte entsprachen. Der sprachgeschichtliche Hintergrund derartiger Konkurrenzen ist nach Schikorsky (1990: 266) in Gebrauchsverschiebungen ← 118 | 119 → der verschiedenen Vergleichskonjunktionen „im Zuge der Herausbildung der Standardsprache“ zu sehen:

In dem Maße, in dem das zur Bezeichnung der Ungleichheit dienende ‚denn‘ veraltete, rückte das ursprünglich nur mit dem Positiv benutzte ‚als‘ in diese Stellung nach; die Funktion des ‚als‘ übernahm nach und nach die neue Vergleichskonjunktion ‚wie‘.128

Die Kodifizierung des heutigen Standards erfolgte dabei erst „relativ spät“ (Schikorsky 1990: 266–267) in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, hat sich aber in der privaten Schriftlichkeit lange nicht durchgesetzt, obwohl „vor allem wie nach Komparativ […] von allen Grammatiken des 19. Jahrhunderts als eindeutig normwidrig gebrandmarkt“ (Elspaß 2005: 288) wurde. Elspaß begründet die fortdauernde Varianz im Gebrauch der Vergleichskonjunktionen damit, dass ein variabler Gebrauch der Konjunktionen als, wie, als wie und sogar von denn noch im 19. Jahrhundert „auch durch die Schulen weitervermittelt wurde“ (ebd.: 290).

Schikorsky (1990: 268) konstatiert bei der Analyse eines Korpus privater Schriftstücke des 19. Jahrhunderts, dass die regelwidrige Ersetzung von als nach Komparativ durch wie „wohl in den Umgangssprachen der norddeutschen Städte besonders stark ausgeprägt“ gewesen sei. Elspaß (2005: 288) bestätigt mit Blick auf Auswandererbriefe des 19. Jahrhunderts, „ein Schwanken zwischen als und wie und sogar als wie [sei] besonders bei west- und norddeutschen Schreiberinnen und Schreibern“ zu beobachten. Seine Kartierung von Briefbelegen der Vergleichspartikeln im 19. Jahrhundert zeigt – bei allerdings dünner Belegdichte im Osten des deutschen Sprachgebiets – eine Verbreitung des schriftsprachlichen Gebrauchs von wie nach Komparativ damit gerade auch in Regionen, in denen im Dialekt ausschließlich als bzw. as in Vergleichen der Nichtübereinstimmung üblich ist (ebd.: 289). Dialektaler Sprachgebrauch und regiolektaler (schriftlicher) Sprachgebrauch sind also bei den Vergleichskonjunktionen im 19. Jahrhundert räumlich nicht deckungsgleich verteilt gewesen.

Die ältere Forschung zur Umgangssprache in Mecklenburg geht noch für das 20. Jahrhundert von einer Konkurrenz der Formen wie und als aus.129 Für den Raum Rostock stellt Dahl (1974: 352) fest, dass in umgangssprachlichen Tonaufnahmen aus den 1960er und frühen 1970er Jahren die standardsprachlich kodifizierte „Differenzierung von als und wie […] meist nicht“ erfolge. Nach Dahl ist diese Indifferenz ein typisches syntaktisches Merkmal der mundartnahen Umgangssprache in Mecklenburg, das sich aus dem Kontakt mit dem Niederdeutschen ergebe, dessen Vergleichspartikel as Verhältnisse der Ungleichheit ebenso wie der Gleichheit bezeichnet. Die syntaktische Konkurrenz von als und wie im Regiolekt wird hier aus dem pragmatischen Mechanismus einer hyperkorrekten Standardorientierung erklärt: Als werde „im Komparativ gemieden, sofern die Sprecher hier as als ← 119 | 120 → niederdeutsches und wie als hochdeutsches Kriterium empfinden: kranker wie, besser wie, älter wie“ (ebd.).130 Gernentz (1974: 233) erklärt die mecklenburgische „Unsicherheit bei der Unterscheidung der Vergleichspartikel ‚als‘ und ‚wie‘“ allgemeiner aus der Substratwirkung des Niederdeutschen, das „als Vergleichswort nur ‚as‘ kennt“. Die auf flächendeckende Befragungen Protzes zu den städtischen Umgangssprachen in der DDR zurückgehende Karte für den Kontext Der Junge ist größer … das Mädchen zeigt in den 1970er Jahren für ganz Mecklenburg-Vorpommern ein Nebeneinander von als und wie und an wenigen Orten auch die Kombination als wie (Protze 1997: 275). In meinem Untersuchungsgebiet ist hier für Rostock und Warnemünde als neben wie belegt, von den nächstgelegenen erfassten Kleinstädten zeigt Bad Doberan einen Beleg für als und Bützow einen Beleg für wie (ebd.). ← 120 | 121 →

Die aktuellen Internetbefragungen zum Atlas der deutschen Alltagssprache (ADA) ergeben dagegen für Mecklenburg ebenso wie für ganz Norddeutschland ein ganz anderes Bild. Im gesamten norddeutschen Sprachraum herrscht nach Meinung der Probanden des ADA als Vergleichspartikel im Komparativ bis auf sehr seltene Ausnahmen ausschließlich als vor. In Konkurrenz treten als und wie in derselben syntaktischen Funktion vor allem in Mittel- und Süddeutschland, wo in manchen Regionen die Vergleichskonjunktion wie deutlich dominiert.131 Die areale Verteilung der Konjunktionen im Regiolekt hätte sich demnach wieder den räumlichen Verhältnissen in den Dialekten angenähert. Im Abgleich mit den Forschungsergebnissen aus den 1970er Jahren deuten die gegenwärtigen Befunde des ADA darauf hin, dass sich der regiolektale Sprachgebrauch in Mecklenburg-Vorpommern – jedenfalls nach der Wahrnehmung der Probanden – im Laufe der zurückliegenden 30 Jahre also flächendeckend vereinheitlicht hat auf die alleinige Verwendung der standardgemäßen Vergleichspartikel als.

Die Sprachgebrauchsdaten meines Korpus bieten die Möglichkeit, die Entwicklungs­dynamik im mecklenburgischen Regiolekt, die sich im Vergleich älterer und jüngerer Forschungsergebnisse abzeichnet, für die zurückliegenden Jahrzehnte genauer in den Blick zu nehmen. Im Korpus wurden sämtliche als und wie überprüft, die eine Gewährsperson in ihrem biographischen und ihrem sprachbiographischen Interview im Zusammenhang mit Vergleichen der Nichtübereinstimmung verwendet. Belegkontexte mit wie als Vergleichspartikel der Ungleichheit werden als standardabweichend codiert. Die sehr selten auftretende „Kompromißform“ (Lipold 1983: 1238) als wie (er war größer als wie ich) wird in der Auswertung nicht berücksichtigt. Bei der Codierung der Belege werden sowohl Kontexte nach dem Komparativ von Adjektiven und Adverbien (älter als, schneller wie) als auch solche in Vergleichskonstruktionen wie anders als / wie und ein anderes X als / wie (die sprechen dann schon ein anderes Platt als wir) berücksichtigt. In den Interviews von drei Gewährspersonen ist keine Vergleichspartikel in Kontexten der Ungleichheit aufzufinden. Bei den verbleibenden 41 Probanden waren pro Gewährsperson zwischen ein und zwölf Belege für die Vergleichs­partikeln im Interviewkorpus nachweisbar. Die Gesamtzahl ← 121 | 122 → von 201 einschlägigen Belegen erlaubt nur vorläufige Befunde über Entwicklungstendenzen, die sich im Interviewkorpus abzeichnen.132 Von einem weitergehenden quantitativen Vergleich der Verhältnisse in den verschiedenen Siedlungsstrukturen oder den verschiedenen syntaktischen Kontexten (Komparativ versus Vergleichskonstruktionen mit anders usw.) wird angesichts der begrenzten Belegzahlen abgesehen.

Legen wir zunächst die Verhältnisse im gesamten Korpus aller Interviews von 41 untersuchten Personen zugrunde, dann zeichnet sich die „Unsicherheit“ im Gebrauch der Vergleichspartikel, von der die ältere Forschung zu Mecklenburg ausging, auch heute noch in der Sprachwirklichkeit meines Untersuchungsgebietes ab. Von den 201 Belegen für Vergleichspartikeln nach Komparativ der Ungleichheit werden insgesamt fast ein Drittel (30,8 %) standardabweichend mit wie realisiert, in mehr als zwei Dritteln der Fälle wählten die Probanden allerdings ein normgerechtes als. Und dies sind in etwa auch die Zahlenverhältnisse, die den regiolektalen Sprachgebrauch der vor 1940 geborenen Alteingesessenen charakterisieren. Auch in dieser älteren Gruppe der Alteingesessenen dominieren die standardgemäß gesetzten als-Belege deutlich, aber der Anteil der standardabweichenden wie-Belege beträgt auch dort immerhin 31,9 % (n = 69). Für diese Altersgruppe kann also durchaus noch von einem – freilich deutlich asymmetrischen – Nebeneinander beider Vergleichs­konjunktionen im mecklenburgischen Regiolekt gesprochen werden.133 Aber schon in der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen scheint sich die kodifizierte Standardvariante fast vollständig durchgesetzt zu haben (vgl. Abb. 3.1.2-1). Standardabweichendes wie tritt in Vergleichskontexten der Ungleichheit nur noch in 4 % der Fälle (n = 50) auf. Hier weichen überhaupt nur noch zwei Gewährspersonen nennenswert von der Standardform ab (in Abb. 3.1.2-2 als ‚Ausreißer‘ erkennbar). Die Interviewsprache der ← 122 | 123 → jüngeren Alteingesessenen ist im Hinblick auf das Merkmal damit nahezu durchweg standardkonform. Die erwähnte ADA-Karte zu als und wie bildet also eher das Normbewusstsein der mittleren und vermutlich jüngeren Generationen ab als die Sprachwirklichkeit der ältesten Sprecher. Dies wohl nicht zuletzt, weil sich diese Karte auf Internetbefragungen stützt, an der die ältesten Sprecher kaum teilgenommen haben dürften.

Abbildung 3.1.2-1: Gebrauch der Vergleichspartikel wie beim Komparativ in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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Es ist dabei bemerkenswert, dass die einzelnen Probanden in ihrem Gebrauch der Vergleichskonjunktionen kaum variieren. Von den 20 Alteingesessenen beider Altersgruppen, die in ihren Interviews mehr als einmal eine Vergleichspartikel verwenden, wechseln nur fünf Personen okkasionell zwischen als und wie hin und her. Alle anderen Probanden verwenden in ihren Sprachaufnahmen stets nur eine der beiden Varianten; die meisten bilden Vergleiche der Ungleichheit durchgängig mit als, eine Minderheit wählt in diesen Kontexten immer wie. Die „Unsicherheit“ in der Wahl der Vergleichspartikel bezieht sich also weniger auf den Sprachgebrauch der einzelnen Personen, als auf die Konkurrenz in sich kohärenter idiolektaler Sprachverwendungen in der regionalen Sprechergemeinschaft. Die große Spannweite der interpersonellen Varianz, die das Boxplot-Diagramm (Abb. 3.1.2-2) veranschaulicht, umfasst ← 123 | 124 → für die Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen daher Werte von 0 % bis 100 % standardabweichenden Sprachgebrauchs. In der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen verwenden fast alle Befragten ausschließlich die Standardform als in Komparativ­konstruktionen.

Abbildung 3.1.2-2: Interpersonelle Varianz beim Gebrauch der Vergleichspartikel wie beim Komparativ in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile von wie in Prozent

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Blicken wir nun auf den Sprachgebrauch in den Vertriebenenfamilien: Die intergenerationelle Entwicklung der Vergleichspartikeln ist unter den Vertriebenen sowohl in ihrer Richtung als auch in ihrer Dynamik grundsätzlich ähnlich wie unter den Alteingesessenen. Allerdings setzt diese Entwicklung bei einem viel höheren Anteil von standardabweichenden wie-Belegen ein. Anders als bei den älteren Alteingesessenen dominiert in den Interviews der nach Mecklenburg zugewanderten Vertriebenen bei Komparativen die Vergleichspartikel wie. Die standardferne Form tritt hier mit einer durchschnittlichen Frequenz von 56,9 % auf (n = 51). Deutlich mehr noch als den regiolektalen Sprachgebrauch der vor 1940 geborenen Mecklenburger ← 124 | 125 → kennzeichnet der standardabweichende Gebrauch von wie die Interviews der zugewanderten Vertriebenen, die das Merkmal offenbar aus ihren Herkunftsregiolekten ‚mitgebracht‘ haben. Der regiolektale Sprachgebrauch der untersuchten Immigranten unterscheidet sich damit noch heute hinsichtlich des syntaktischen Merkmals recht deutlich von dem der gleichaltrigen Alteingesessenen (vgl. Abb. 3.1.2-1).134

Und so bleibt es auch in der Nachkommengeneration der Vertriebenen, die standard­abweichendes wie durchschnittlich immer noch häufiger zu benutzen scheinen als ihre Altersgenossen aus alteingesessenen Familien. In ihren Interviews liegt der Anteil der wie-Belege immer noch bei 29 % (n = 31). Die Varianz in der Wahl der Vergleichspartikel manifestiert sich auch bei den Vertriebenen ähnlich wie bei den Alteingesessenen weniger im individuellen Sprachusus einzelner Interviewpartner als im Nebeneinander unterschiedlicher Sprachgebräuche von Person zu Person. Von den 16 Angehörigen von Vertriebenenfamilien, die in ihren Interviews mehr als eine Vergleichspartikel produzieren, schwanken nur drei Probanden zwischen als und wie, während alle anderen konsequent nur eine der beiden Formen verwenden. Die Spannweite der interpersonellen Varianz ist daher auch in dieser Bevölkerungsgruppe in beiden Alterskohorten maximal (vgl. Abb. 3.1.2-2).

Sowohl in den Familien der Alteingesessenen als auch in den Familien der Vertriebenen zeichnet sich im intergenerationellen Vergleich des Sprachgebrauchs hinsichtlich des Merkmals hinter der großen interpersonellen Varianz eine übergreifende Tendenz der Standardannäherung ab, die sich freilich bei den Vertriebenen noch nicht so weit durchgesetzt hat wie bei den Alteingesessenen (vgl. Abb. 3.1.2-1). Von einer zunehmenden „Auflockerung standardsprachlicher Normen“ (Elspaß 2005: 291) beim Gebrauch der Vergleichs­konjunktionen kann im mündlichen Regiolekt meiner Gewährspersonen gar keine Rede sein. Auch für die in der Sprachwissenschaft gelegentlich angenommene Prognose, „dass sich wie als Einheitspartikel nach Komparativ etablieren wird“ (ebd.), gibt es jedenfalls in Mecklenburg keine Anhaltspunkte. Elspaß / Möller machen zu Recht geltend, dass es für die ← 125 | 126 → Bevorzugung der einen oder der anderen Vergleichskonjunktion keine funktionale Begründung gibt:

Es ist nicht unbedingt notwendig, den Unterschied zwischen Vergleichskonstruktionen, die Übereinstimmung / Gleichheit anzeigen, und denen, die Nichtübereinstimmung / Verschiedenheit ausdrücken, auch noch durch Partikeln eindeutig zu markieren, denn ersteres wird bereits hinreichend durch so und den (unmarkierten) Positiv des Adjektivs und letzteres durch den (mit der Endung -er markierten) Komparativ gekennzeichnet.135

Gerade weil die Variation zwischen als und wie in der Vergangenheit „nie zu Verständigungs­problemen geführt“ (Elspaß 2005: 292) hat, ist der vereinheitlichende Übergang zum standardgemäßen als in der Nachkriegsgeneration der mecklenburgischen Sprecherinnen und Sprecher wohl nur auf soziolinguistische Faktoren, etwa eine verstärkte Sanktionierung des Standards in den Bildungsinstitutionen oder eine zunehmende Verbreitung standardgemäßer mündlicher Prestigesprache über die Medien, zurückzuführen. Diesen soziolinguistischen Rahmenbedingungen unterlagen die ursprünglich stark differenten Sprachgebräuche der Alteingesessenen und Vertriebenen ganz offensichtlich in gleichem Maße.

3.1.3  Und denn ging es los – zum temporalen Gebrauch von denn in Mecklenburg

In einer Publikation des Deutschen Sprachvereins mit dem Titel Zur Schärfung des Sprachgefühls findet sich 1929 eine strikte Anweisung für den Gebrauch des Temporaladverbs dann,136 die einen normierenden Ausgleich regionaler Varianten dieses Funktionswortes zum Ziel hatte: ← 126 | 127 →

Auch denn und dann muß man nach jetzigem Sprachgebrauch scharf auseinanderhalten. Ursprünglich hatten beide Wörtchen dieselbe Bedeutung; dann wurde von den Süddeutschen, denn von den Norddeutschen bevorzugt. Aber im Laufe des 18. Jahrhunderts schieden sich die Bedeutungen in der Weise, daß dann die zeitliche Bedeutung (darauf, damals, ferner) erhielt und daneben auch soviel hieß wie unter der Bedingung, unter den Umständen, während denn im wesentlichen die Begründung ausdrückte. Aber in Norddeutschland wird noch immer ‚denn‘ im Sinne von ‚dann‘ verwendet. Man hört alsdenn statt alsdann. Ein Berliner Junge schloß einmal in meiner Gegenwart seine Erzählung über eine Balgerei mit den Worten: ‚und denn hat er mich auch noch geschimpft‘. (Dunger 1929: 18)

Die hier beschriebene regionale Gegenüberstellung eines norddeutschen temporalen denn und eines süddeutschen temporalen dann kommt sowohl im Bereich der Dialekte als auch in der standardnahen Umgangssprache zur Geltung. Die erhaltene Laut- / Wortkarte zu dann aus dem Sprachatlas des Deutschen Reiches von Georg Wenker erfasst leider nur den Norden und die nördliche Mitte des deutschen Sprachgebiets. Demnach war im ausgehenden 19. Jahrhundert im gesamten niederdeutschen Raum mit Ausnahme des äußersten Westens und Südwestens denn die dominierende Leitform für die dialektalen Entsprechungen von hochdeutschem temporalen dann.137 Für mein Untersuchungsgebiet bei Rostock belegt die Karte neben dem stark vorherrschenden denn je zwei Nachweise für die dialektalen Übersetzungsvarianten „dinn“ und „den sowie ebenfalls zweimal standardgemäßes „dann“. Für Hessen, Thüringen und Sachsen weist die Wenker-Karte als dialektale Leitformen „do“ bzw. „da“ nach, die in diesen mitteldeutschen Regionen in den Dialekten aber zahlenmäßig starke Konkurrenz von standardgemäßem „dann“ bekommen. Das Sudetendeutsche Wörterbuch verzeichnet denn für die Dialekte der böhmischen und mährisch-schlesischen Vertreibungsgebiete ausschließlich als kausale Konjunktion und Abtönungspartikel.138

Noch für die Gegenwart führen Grammatiken des Niederdeutschen denn als temporalen Konnektor mit der hochdeutschen Entsprechung „dann“ an,139 für das mecklenburgisch-vorpommersche Niederdeutsch bestätigt dies das Plattdeutsch-hochdeutsche Wörterbuch von Herrmann-Winter (1999: 63, 74) ← 127 | 128 → und gibt als einzige Synonyme zum niederdeutschen temporalen denn die Formen dunn und don an. Denn mit temporaler Bedeutung ist in der deutschen Dialektlandschaft demnach in erster Linie eine niederdeutsche Form, deren areale Verbreitung sich nicht in die südlich angrenzenden, hochdeutschen Dialektgebiete fortsetzt.140

Die eingangs zitierte Passage aus der Broschüre des Deutschen Sprachvereins belegt aber, dass der temporale Gebrauch von denn zumindest noch in den 1920er Jahren als eine der „norddeutschen Eigentümlichkeiten“ auch im Bereich standardnaher Umgangssprache zu beobachten und nach Meinung des Autors aus Sicht der Standardgrammatik „zu tadeln“ (Dunger 1929: 18) war. Die hier angemahnte funktionale Differenzierung von denn als kausaler Konjunktion (Sie ging los, denn es war schon spät) und dem Temporaladverb dann ist in der Standardsprache erst vergleichsweise jung, „bis ins 18. Jahrhundert“ sind dann und denn in ihrer Bedeutung nicht getrennt.141 Es nimmt daher kaum Wunder, dass der Gebrauch der beiden Funktionswörter in der privaten Schriftlichkeit des 19. Jahrhunderts noch „Schwankungen“ (Schikorsky 1990: 266) unterworfen war und Schulgrammatiken im 19. Jahrhundert noch ausdrücklich warnen: „Dann darf nicht mit denn verwechselt werden.“142 ← 128 | 129 →

Dass Sprachpfleger offenbar auch am Beginn des 20. Jahrhunderts noch Anlass zu ähnlichen normativen Eingriffen in den aktuellen Sprachgebrauch sahen, belegt das Eingangszitat dieses Kapitels. Eine fortdauernd konkurrierende Verwendung von temporalem denn und temporalem dann in standardnahen Sprachlagen dokumentieren für die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert auch Wörterbücher des Deutschen, die überdies die regionale Verteilung der Varianten bestätigen. Das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache von 1978 verzeichnet die Verwendung von denn in der Funktion von dann als „norddeutsch salopp“.143 Und auch das Deutsche Wörterbuch von Wahrig führt an, dass denn „umgangssprachlich norddeutsch für die temporale Konjunktion dann“ eingesetzt werde (Wahrig 1989: 337). Die Karte zu dann / denn des Atlas der deutschen Alltagssprache (ADA) legt für die Gegenwart allerdings nur noch einen sporadischen Gebrauch des standardabweichenden denn in Norddeutschland nahe.144 Den Ergebnissen der Internetbefragung des ADA zufolge finden sich Belege für temporales denn im gesamten norddeutschen Raum nur in Form weiträumig verteilter Einzelbelege, die überall in Norddeutschland von standardgemäßem dann dominiert werden. Die weitverteilten Streubelege für temporales denn reichen areal noch tief in den mitteldeutschen Raum hinein, finden sich aber in oberdeutschen Regionen abgesehen von einer begrenzten räumlichen Verdichtung im alemannischen Raum gar nicht mehr.

Welche Befunde bringt die bisherige sprachwissenschaftliche Forschung nun zu den speziellen Verhältnissen im Regiolekt Mecklenburg-Vorpommerns? Dahl (1974: 354) zählt die Ersetzung von dann durch denn zu den Interferenzmerkmalen in der mundartnahen Umgangssprache Mecklenburgs, die sich unter anderem in der Übernahme von „einzelnen Wörtern“ aus dem Niederdeutschen manifestierten. Einen frühen Hinweis auf die quantitativen Verhältnisse zwischen dann und denn gibt für den Raum Greifswald Herrmann-Winter (1974: 162), der zufolge denn in der Umgangssprache „weit öfter als dann temporale Beziehungen ausdrückt“. Später stellt Herrmann-Winter ← 129 | 130 → (1979: 145) den standardabweichenden Gebrauch von denn in den Zusammenhang mit einem über das Einzelwort hinausgreifenden phonetischen Merkmal der vorpommerschen Umgangssprache, bei dem „unter mundartlichem Einfluß“ ein kurzes offenes /a/ in einsilbigen Lexemen als kurzes offenes [ɛ] oder in mehrsilbigen Fremdwörtern als Murmelvokal [ə] realisiert werde, wie zum Beispiel in det ‚das‘ oder Reperatur ‚Reparatur‘. Mit 58,3 % der einschlägigen Belege ist die Frequenz dieser Vorverlagerung der Artikulation von kurzem /a/ in ihren Greifswalder Tonaufnahmen aus den 1970er Jahren recht hoch (ebd.: 152).

Auch neuere korpusgestützte Untersuchungen führen die „Vorverlagerung der Artikulationsstelle“ (Skoczek 2013: 91) des Vokals bei dann als auffälliges Merkmal des Regiolekts in Mecklenburg-Vorpommern an, wobei Vorberger (2017: 156) auf der Basis von Aufnahmen des Marburger REDE-Projekts aus Rügen auf die Situationsabhängigkeit der Verwendung von temporalem denn hinweist: „Die Verwendung von [dԑn] als dann [trete] erst in den Freundesgesprächen auf“ und ist im formelleren Gesprächstyp des Interviews wie auch in der Vorleseaussprache demnach nicht zu beobachten. Dagegen wird nach Kehrein (2012: 312), der sich ebenfalls auf Aufnahmen des REDE-Projekts stützt, im Regiolekt von Stralsund und Umgebung dann „praktisch konsequent“ als denn realisiert. Die frühere Entwicklungs­prognose Dahls (1974: 354), dass in der Umgangssprache „lautschwache Formen wie is, nu, nich, un, denn […] erhalten bleiben“ werden, scheint sich aus der Perspektive neuerer Untersuchungen zum Regiolekt in Mecklenburg-Vorpommern insgesamt zu bestätigen.145 Der auf Laienbefragungen gestützte Atlas der deutschen Alltagssprache zeigt allerdings auch in Mecklenburg-Vorpommern nur wenige verstreute Einzelbelege für temporales denn neben dem vorherrschenden standardgemäßen dann.

Welche Befunde zum Gebrauch des denn ergeben sich nun in meinem Interviewkorpus? Um einen verlässlichen Einblick in den aktuellen Gebrauch der ← 130 | 131 → Varianten dann und denn im regiolektalen Sprachgebrauch der Bevölkerung von Mecklenburg zu erhalten, wurden in den standardsprachlich transkribierten Interviews der 44 ausgewählten Gewährspersonen nach Möglichkeit jeweils 60 Belege für temporales dann in den zugehörigen Tonaufnahmen auf die Realisierung des Vokals abgehört.146 Die angestrebte Zahl von 60 Belegen konnte bei manchen Gewährspersonen auch dann nicht erreicht werden, wenn das sprachbiographische und das biographische Interview untersucht wurden. Es konnten aber für alle Gewährspersonen mindestens 21 Belege, in der Mehrzahl aber 45 und weit mehr Belege pro Person auf die Variation des Merkmals überprüft werden. Insgesamt wurden 1963 Belege des Temporaladverbs in die Untersuchung einbezogen. Die Grade der Vorverlagerung bzw. Hebung des Vokals im Variationsraum zwischen den Varianten [dan] und [dԑn] sind ohrenphonetisch mitunter schwierig zu diskriminieren, zumal die unbetonten Kurzwörter gelegentlich verschliffen artikuliert werden. Als standardabweichende Realisierung wurden daher alle Belege codiert, bei denen die Vokalartikulation zum [ɛ] tendierte und eindeutig nicht mehr als [a] zu identifizieren war. Belege, bei denen die Vokalqualität auditiv überhaupt nicht eindeutig zu bestimmen war, wurden aus der Auswertung ausgeschlossen.147

Die insgesamt 1963 abgehörten Belege für temporales dann werden in meinem Interviewkorpus zu 47,2 % mit standardabweichender Phonetik als denn ausgesprochen. Das Temporaladverb denn ist also für die gegenwärtige mecklenburgische Umgangssprache durchaus ein sehr prominentes, wenn auch kein dominantes Merkmal. Die Anteile der konkurrierenden Formen halten sich also schon in der untersuchten halbformellen Interviewsituation insgesamt gesehen etwa die Waage. Ob sich die Frequenz des standardabweichenden denn in informellen Situationen noch erhöhen würde, wie Vorberger (2017) dies nahelegt, kann auf der Grundlage meiner Sprachaufnahmen nicht überprüft werden. ← 131 | 132 →

Abbildung 3.1.3-1: Gebrauch von temporalem denn in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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Festzuhalten ist jedenfalls, dass die Wahl zwischen den beiden Varianten des Temporaladverbs offenbar nur recht geringfügig von übergreifenden sozialen Faktoren beeinflusst wird. So unterscheidet sich der Sprachgebrauch der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen nicht sehr ausgeprägt vom Sprachgebrauch der jüngeren Alteingesessenen (vgl. Abb. 3.1.3-1). Der intergenerationelle Abbau des regiolektalen Merkmals bleibt mit durchschnittlichen Anteilen, die von 50,8 % bei der älteren Gruppe auf 39,8 % bei der jüngeren Gruppe zurückgehen, recht verhalten (n = 595 bzw. 525).148

Auffallend groß sind dagegen in beiden Altersgruppen der Alteingesessenen die Unterschiede zwischen den einzelnen Gewährsleuten. Die maximale Spannweite der interpersonellen Varianz liegt in der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen bei Anteilen für denn zwischen 4,8 % und 87,3 %. Die Verteilung der Extremwerte ist unter den zwölf Angehörigen dieser Gruppe mit vier Personen, die in mehr als 75 % der Belege denn wählen, ← 132 | 133 → und drei Personen, die in weniger als 25 % der Belege denn wählen, recht ausgewogen. Ähnlich sind die Verhältnisse in der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen, bei der die maximale Spannweite der interpersonellen Varianz zwischen Anteilen von 4,1 % und 72,6 % für denn liegt. Auch in dieser Gruppe verteilen sich die Prozentwerte recht ausgewogen über die ganze Gruppe von zwölf Testpersonen (vgl. Abb. 3.1.3-2). Die Wahl der Varianten ist hier offensichtlich überwiegend von persönlichen Präferenzen gesteuert. Innerhalb beider Altersgruppen stehen Personen, die das Temporaladverb „praktisch konsequent“ (Kehrein 2012: 3012) als denn realisieren, neben solchen, die denn so gut wie nie als Temporaladverb gebrauchen. Die Uneinheitlichkeit der Befunde der älteren Fachliteratur zum mecklenburgisch-vorpommerschen denn ist sicher wenigstens zum Teil auf die starken Unterschiede im persönlichen Sprachgebrauch Einzelner zurückzuführen, die sich natürlich dann stark in den Ergebnissen zur Geltung bringen, wenn nur wenige Gewährspersonen untersucht werden.

Abbildung 3.1.3-2: Interpersonelle Varianz beim Gebrauch von temporalem denn in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile von denn in Prozent

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← 133 | 134 →

Diese starke interpersonelle Varianz des regiolektalen Merkmals zeigt sich auch schon in den Interviewaufnahmen des „Pfeffer-Korpus“ aus meiner Untersuchungsregion. Die fünf interviewten Personen aus Rostock und Umgebung weisen in den Aufnahmen von 1961 Anteile für temporales denn von 0 % (PF320, geb. 1922), 25 % (PF340, geb. 1892), 36,4 % (PF337, geb. 1937), 75 % (PF335, geb. 1947) und 85,1 % (PF333, geb. 1906) auf.149 Eine regelhafte Korrelation des denn-Gebrauchs mit dem Alter der Gewährspersonen ist schon hier nicht erkennbar, die Spannweite der interpersonellen Varianz ist bereits am Anfang der 1960er Jahre mit Anteilen für denn zwischen 0 % und 85,1 % extrem weit.

Die zunächst aufkommende Vermutung, dass die Realisierung des Temporaladverbs mit seiner syntaktischen Position in den jeweiligen Belegäußerungen in Zusammenhang stehen könnte, wird durch Beispiele wie die folgenden widerlegt.

Frau 67 (1964 AA, SP1: 78) zum schulischen Fremdsprachenerwerb:

Na ab siebte [Klasse] war das dEnn freiwillig. Und da gab es Englisch dAnn. Da habe ich dAnn auch mitgemacht sage ich mal ne. Und dEnn bis zur zehnten. Ja also Russisch und Englisch ja.

Frau 67 (SP1:152) zum Niederdeutschgebrauch einer Verwandten:

Und die schnackt Platt. Und da secht se „ja un Oma hett secht“ un dit und dat und und ne so. Und dAnn noch ein paar so Brocken dEnn. Also die hat immer.

Die hier graphisch hervorgehobenen Vokalrealisierungen in den beiden Zitaten aus dem Interview mit Frau 67 veranschaulichen, dass in den auch intonatorisch herausgehobenen Positionen am Anfang und Ende der Äußerungen bzw. der syntaktischen Konstruktionen beide Varianten ohne erkennbare Gewichtung in Konkurrenz auftreten.

Anders als bei anderen Variablen machen sich bei der Realisierung des Temporaladverbs dann / denn auch kaum Unterschiede im Sprachgebrauch zwischen den Alteingesessenen und den Vertriebenen und deren Nachkommen bemerkbar. In der Vorkriegsgeneration der Vertriebenen stimmen die durchschnittlichen Häufigkeiten im Gebrauch von denn mit 50,7 % (n = 513) sogar nahezu exakt mit den Prozentwerten bei den Alteingesessenen überein. ← 134 | 135 → Da auszuschließen ist, dass die nach dem Krieg zugewanderten Vertriebenen mit einem temporalen Gebrauch von denn aus ihren Herkunftsvarietäten vertraut waren, kann diese Übereinstimmung mit dem Sprachgebrauch der Alteingesessenen nur als Ergebnis einer sprachlichen Anpassung an den Regiolekt der Aufnahmeregion interpretiert werden. Die sprachliche Advergenz konnte im Falle des Temporaladverbs wohl deshalb so schnell und vollständig gelingen, weil es hier nicht um die Adaption von wortübergreifenden lautlichen oder grammatischen Strukturen der Kontaktvarietät, sondern nur um die phonetische Modifikation eines Einzellexems ging. Auch in der Vorkriegsgeneration der Vertriebenen sind freilich die Unterschiede im Sprachgebrauch zwischen den einzelnen Probanden außerordentlich groß. Die maximale Spannweite der interpersonalen Varianz erstreckt sich – bei wiederum recht ausgewogener Verteilung der Werte über die Gruppe der Zugewanderten – von Anteilen für denn zwischen 0 % und 86,7 % (vgl. Abb. 3.1.3-2).

Wie schon in alteingesessenen Familien so deuten auch in den Familien der Vertriebenen die Durchschnittswerte für die Nachkriegsgeneration auf einen intergenerationellen Abbau des standardabweichenden Merkmals hin, der allerdings noch geringer ausfällt als bei den gleichaltrigen Alteingesessenen (vgl. Abb. 3.1.3-1). Dass der Durchschnittswert mit einer Gebrauchshäufigkeit von denn von 47,9 % (n = 282) in der Nachkommengeneration der Vertriebenenfamilien vergleichsweise hoch bleibt, verdankt sich dabei hauptsächlich der hyperfrequenten Übernahme des mecklenburgischen Merkmals bei mehreren Probanden dieser Gruppe. Sechs der acht hier untersuchten Personen – darunter alle vier Personen mit zwei vertriebenen Elternteilen – verwenden temporales denn mit Anteilen, die zum Teil sehr deutlich über dem Durchschnitt im Sprachgebrauch der älteren Alteingesessenen liegen (bis maximal 74,2 %). Nur eine Gewährsperson aus dieser Bevölkerungsgruppe benutzt denn in ihrem Interview mit einem Anteil von nur 5 % kaum je einmal in temporaler Funktion (vgl. den ‚Ausreißer‘ in Abb. 3.1.3-2). Wie bei anderen Merkmalen des mecklenburgischen Regiolekts lässt sich auch beim Gebrauch des Temporaladverbs denn bei einzelnen Angehörigen der ortsansässigen Vertriebenenfamilien, vermehrt in deren Nachkriegsgeneration, eine Tendenz zur hyperfrequenten regionalen Markierung des eigenen Sprachgebrauchs feststellen. ← 135 | 136 →

3.1.4  Reicht der „oberdeutsche Präteritumschwund“ bis in den mecklen­burgischen Regiolekt?

Auch die Bildung der Vergangenheitstempora ist im Deutschen in nord-südlicher Dimension areal gegliedert. Diese areale Struktur wird allgemein als Ergebnis des sogenannten „oberdeutschen Präteritumschwunds“ angesehen, der bereits im Mittelalter im Süden des deutschen Sprachraums einsetzte. Bei diesem Präteritumschwund wurden die mit Suffix –te (schwache Verben: machte) oder mit Stammablaut (starke Verben: ging) gebildeten Vergangenheitsformen des Präteritums sukzessive durch das analytische Perfekt abgelöst (habe gemacht, bin gegangen):

In der gesprochenen Sprache scheint das Präteritum langsam, fortschreitend von Süden nach Norden zu schwinden, es wird zunehmend durch das Perfekt ersetzt. In den oberdeutschen Dialekten (alemannisch-schwäbisch, bairisch-österreichisch) war dieser Schwund bereits Ende des 16. Jahrhunderts weitgehend vollzogen […]. Im Schweizerdeutschen sind keinerlei Spuren des Präteritums erhalten […], im Bairisch- Österreichischen existiert nur noch das Präteritum des Hilfsverbs sein.150

So zeigen die Dialektkarten zu Vergangenheitsformen des Verbs kommen aus Georg Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reiches im ausgehenden 19. Jahrhundert eine scharfe räumliche Trennung eines durchgehenden Verbreitungsgebiets des Perfekts im Süden, dem im Norden synthetische Präteri­tumformen gegenüberstehen. Die entsprechende Isoglosse verlief seinerzeit quer durch Mitteldeutschland auf einer Linie von Trier über Frankfurt bis Plauen.151 Die aktuelle computergestützte Re-Analyse der historischen Wenkerbögen durch Fleischer bestätigt diesen Verlauf der sogenannten „Präteritalgrenze“ (König / Elspaß / Möller 2015: 163). Die von Fleischer / ← 136 | 137 → Schallert (2011: 131) kompilierte Karte zeigt dabei zusätzlich, dass die Verbreitung der norddeutschen Präteritumform kam bzw. ihrer dialektalen Varianten im ausgehenden 19. Jahrhundert bis in den Dialektraum Nordböhmens und den Süden Schlesiens reichte, während in Nordwest-, West- und Südböhmen, ebenso wie in den deutschen Dialektgebieten in Mittel- und Südmähren und auch in der Mittelslowakei die Perfektformen in ihren dialektalen Varianten vorherrschten. In den Herkunftsdialekten der meisten von mir untersuchten Vertriebenen dürfte das Präteritum als Vergangenheitstempus also weitgehend unbekannt gewesen sein.

Detailstudien zu Regionen in Thüringen und Hessen zeigen dabei, „dass unterschiedliche Verben unterschiedliche Präteritalgrenzen aufweisen“ (Fischer 2015: 107). Die uneinheitlich starke Resistenz verschiedener Verben gegen den Präteritumschwund führt demnach dazu, dass sich anstelle einer scharfen Isoglosse zwischen Perfektgebrauch und Präteritumgebrauch im mitteldeutschen Raum ein breites Übergangsgebiet gebildet habe,

das im Süden keine Präteritalformen kennt (Ausnahme vielleicht: war) und in dem nach Norden hin in den Dialekten die Kenntnis und der Gebrauch der Präteritalformen immer mehr zunimmt.152

Als Verben, die auch in südlicheren Regionen häufig noch mit Präteri­tumformen konjugiert werden, werden neben Hilfsverben und Modalverben (einzelne) starke Verben (Fischer 2015: 109), hochfrequente Verben (Fleischer / Schaller 2011: 130) und einige „verbs of saying and thinking“ (Barbour / Stevenson 1990: 168) genannt. Faktoren, die die mehr oder weniger ausgeprägte Resistenz einzelner Verblexeme gegen den Abbau ihrer Präteritumformen erklären können, sind nach Fischer (2015: 120): „Irregularität“, „hoher Lexikalisierungsgrad“, „hohe Tokenfrequenz“, „niedrige Typenfrequenz“ und „hohe syntaktische Funktionalisierung“. Der sehr weitgehende Erhalt des Präteritums bei Hilfsverben und Modalverben und die relative Stabilität dieser Vergangenheitsform bei hochfrequenten starken Verben können durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren aus diesem Bündel von lexemspezifischen Bedingungen erklärt werden. ← 137 | 138 →

Von den meisten Autoren wird angenommen, dass „heute noch […] der Schwund in Richtung Norden fort[schreite]“ (Nübling et al. 2010: 253) und die „Präteritumschwundlinie“ damit „wahrscheinlich“ „heute weiter nördlich anzusetzen ist“ (Thieroff 2009: 353) als noch zu Zeiten der Wenker-Erhebung bzw. dass diese Linie gegenwärtig sogar ganz ihre Bedeutung für die areale Strukturierung der deutschen Dialekte verliere (Barbour / Stevenson 1990: 84). Die aktuelle Untersuchung von Fischer (2015: 130) zu den dialektalen Verhältnissen in Hessen zeigt aber, dass die verbspezifische areale Distribution der Vergangenheitstempora dort „in den letzten 130 Jahren überwiegend konstant geblieben ist“. Zumindest im hessischen Raum könne man „keinen fortlaufenden Schwundprozess beobachten, der sich immer noch von Süden nach Norden ausbreitet“. Vielmehr habe man es hier „mit zwei großen, differierenden Tempussystemen zu tun“: „einem nördlichen, präteritumerhaltenden System und einem südlichen, präteritumersetzenden System, deren Übergangsraum sich durch seine verbspezifische, regelgesteuerte Staffelung von Erhalt und Ersetzung auszeichnet.“ (Fischer 2015: 124).

Schon Kretschmer (1918: 6­–7) stellt in seiner Wortgeographie der hochdeutschen Umgangssprache fest, dass der Präteritumschwund nicht nur die räumliche Gliederung der deutschen Dialekte, sondern auch die Arealität der regionalen Umgangssprachen prägt:

Im Gebiet der oberdeutschen Mundarten hat auch die Umgangssprache den Indikativ des Präteritums eingebüßt oder eingeschränkt und durch das zusammengesetzte Perfekt ersetzt, gebraucht also in der Erzählung z. B. ich habe gesehen statt ich sah.

Auch Barbour / Stevenson (1990: 168) sehen „within colloquial German […] important regional differences in the use of the preterites: in the south there may be virtually no preterites in speech at all“. Entsprechend ist für Wiesinger (2008: 14) „der mündliche und zunehmend auch schriftliche oberdeutsche Gebrauch des Perfekts anstelle des Imperfekts“ eine der „wenigen typischen Eigenheiten“ der österreichischen Schrift- und Standardsprache im Bereich der Syntax. Auch in den Regiolekten der Herkunftsgebiete der meisten von mir befragten Vertriebenen dürfte vor 1945 das Präteritum bereits weitgehend durch das Perfekt abgelöst gewesen sein.

Nach anderen Autoren hat sich der Präteritumschwund inzwischen auch in den Regiolekten nördlich der Präteritalgrenze durchgesetzt. Auch „im Md. [Mitteldeutschen] und Nd. [Niederdeutschen] [sei es] in den gesprochenen Umgangssprachen weithin üblich, das Präteritum zu vermeiden und ← 138 | 139 → dafür das Perfekt zum Ausdruck der Vorzeitigkeit zu verwenden“ (König / Elspaß / Möller 2015: 163). Dazu konstatiert die neueste Auflage der Duden Grammatik (2016: 525) ohne regionale Begrenzung: „In der gesprochenen Alltagssprache hat das Präsensperfekt weitgehend die Funktion des Präteritums als Vergangenheitstempus übernommen.“ Wenn das Perfekt somit zum „Standardtempus für den Ausdruck von vergangenem Geschehen“ geworden ist, verliert es folglich „seinen perfektiven bzw. resultativen Charakter“ (Hentschel / Weydt 2013: 97), mit dem es sich früher semantisch vom Präteritum unterschieden hatte. Thieroff (2009: 352) macht darauf aufmerksam, dass die Aufhebung der ehemaligen Funktionstrennung von Perfekt und Präteritum „im heutigen Deutsch“ eine pragmatisch-stilistische Umwertung ihrer Differenzierung im Gebrauch nach sich zieht:

Mit der Entwicklung zum überwiegenden Gebrauch des Perfekts geht einher, dass das Präteritum zunehmend zu einem Tempus der geschriebenen Sprache wird und dass es als einer höheren Stilebene angehörig wahrgenommen wird.

Gegenüber dem heute stark dominierenden Gebrauch des Perfekts wirkt die Verwendung des Präteritums inzwischen „oft archaischer als das Perfekt“ (Hentschel / Weydt 2013: 94) oder „simply more formal“ (Barbour / Stevenson 1990: 168).

Was lässt sich nun über die sprachlichen Verhältnisse in Mecklenburg ermitteln? Mein Erhebungsgebiet im äußersten Norden Mecklenburgs liegt in einer Region, für das nach der Forschungsliteratur noch am ehesten zu erwarten ist, dass hier der Gebrauch des Präteritums im Dialekt und im Regiolekt noch weitgehend bewahrt sein könnte. Das von mir aufgezeichnete Interviewkorpus ermöglicht also einerseits Einblicke in den aktuellen regiolektalen Tempusgebrauch in einem „nördlichen Präteritumerhaltungsgebiet“ (Fischer 2015: 107). Andererseits eröffnet es einen Blick auf die kontaktlinguistischen Kontraste und Prozesse, die sich infolge der Immigration der Vertriebenen aus dem Aufeinandertreffen des süddeutschen und des norddeutschen Tempussystems im Regiolekt ergeben könnten. Um quantitative Vergleichsperspektiven auf den Tempusgebrauch von unterschiedlichen Bevölkerungs- und Altersgruppen zu ermöglichen, wurde in der Korpusanalyse vom kontextuellen Zusammenspiel aller Tempora in freier mündlicher Rede abstrahiert und ausschließlich die Belege für Perfekt- und Präteritumformen aus meinem Interviewkorpus gegenübergestellt. Da alle Interviews unter recht einheitlichen Rahmenbedingungen ← 139 | 140 → stattfanden, sind situative Bedingungen der Tempuswahl – also etwa ein mit der Formalität der Situation variierender Präteritumgebrauch bei den Gewährspersonen – weitgehend auszuschließen.

Angestrebt wurde, von jedem Interviewpartner insgesamt 100 Belege für Verben im Präteritum oder im Perfekt (jeweils Aktiv Indikativ) zu erfassen.153 Um der Textsortenspezifik des Tempusgebrauchs Rechnung zu tragen, wurden bei jeder Gewährsperson zunächst die Verbbelege der biographischen Interviews berücksichtigt, in der der Anteil narrativer Passagen besonders hoch ist, und die sprachbiographischen Interviews erst dann in die Auswertung einbezogen, wenn sich im biographischen Interview der jeweiligen Gewährsperson nicht 100 geeignete Verbbelege auffinden ließen. Der Tempusgebrauch wurde also schwerpunktmäßig in der Textdomäne untersucht, in der erwartungsgemäß das Präteritum als „das Tempus der Erzählung, des Erzählens“ (Thieroff 2009: 350) besonders frequent auftreten dürfte.

Da der Gebrauch der Vergangenheitstempora wie gezeigt stark lexemabhängig ist, wurde eine Reihe von Verben von der Auswertung ausgeschlossen: So habe ich die Hilfsverben haben und sein und die Modalverben nicht berücksichtigt, deren Entwicklung einer anderen Dynamik unterliegt als die der Vollverben. Um die quantitativen Verhältnisse nicht zu verzerren, sind weiterhin die im Korpus sehr häufigen Bewegungsverben gehen und kommen sowie das hochfrequente sagen aus der Auswertung ausgeschlossen worden. Da auch der mögliche Zusammenhang der Tempuswahl mit der Konjugationsklasse des jeweiligen, starken oder schwachen Verbs überprüft werden sollte, sind des weiteren unregelmäßige Verben wie bringen, denken, brennen, kennen, nennen, rennen, die morphologische Merkmale sowohl der starken als auch der schwachen Konjugation zeigen, in der Untersuchung nicht berücksichtigt worden. Insgesamt sind 4224 Verben im Präteritum und Perfekt in den Interviews codiert worden.

Die quantitative Auswertung des Gebrauchs von Perfekt und Präteritum in den Interviews zeigt, dass noch nach 70 Jahren des Zusammenlebens und der Kommunikationsgemeinschaft in Mecklenburg ein recht deutlicher ← 140 | 141 →

Abbildung 3.1.4-1: Gebrauch der Präteritumformen gegenüber den Perfektformen in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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Unterschied im Gebrauch der Tempusformen bei der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen und den nach dem Krieg zugewanderten Vertriebenen zu beobachten ist (vgl. Abb. 3.1.4-1). Während bei den zwölf Alteingesessenen der Anteil des Präteritums bei den untersuchten Verbformen 37,2 % (n = 1183) beträgt, erreicht dieser Anteil bei den zwölf Vertriebenen der Vorkriegsgeneration nur 22,8 % (n = 1200). Inwieweit diese immerhin bemerkenswerte Gebrauchsfrequenz des Präteritums bei den zugewanderten Vertriebenen bereits als Ergebnis einer sprachlichen Anpassung an das mecklenburgische Sprachumfeld zu interpretieren ist, kann heute nicht mehr entschieden werden. Noch heute aber zeichnen sich im heterogenen Sprachgebrauch der mecklenburgischen Bevölkerung Nachklänge einer migrationsbedingt ins Innere der norddeutschen Kommunikationsräume verschobenen „Präteritalgrenze“ ab.154

Festzuhalten ist in jedem Fall auch, dass im Vergleich zum Präteritum die Gebrauchshäufigkeiten des Perfekts bei beiden Bevölkerungsgruppen sehr stark überwiegen. Im Gesamtkorpus – also bei Berücksichtigung der Interviews von ← 141 | 142 → 44 Personen aus beiden Bevölkerungs- und beiden Altersgruppen – liegt das Verhältnis von Perfekt und Präteritum bei 73,2 % zu 26,8 % (n = 4224). Auch in der halbformellen Gesprächssituation eines Interviews und in schwerpunktmäßig narrativen Textdomänen dominiert heute in Mecklenburg also die Perfektform den Gebrauch des ‚norddeutschen‘ Präteritums ganz erheblich. Der Schwund des Präteritums ist also auch im Regiolekt küstennaher Gebiete heute bereits weit vorangeschritten, hat aber noch nicht zu einer vollständigen Verdrängung des Präteritums durch das Perfekt geführt.

Es bleibt die Frage, ob dieser Befund – wie allgemein angenommen – als das vorläufig erreichte Zwischenstadium einer „allmählichen Verdrängung des einfachen Präteritums durch das mehrteilige Präsensperfekt“ (Duden Grammatik 2016: 525) anzusehen ist. Der apparent-time Vergleich des Sprachverhaltens zweier Sprechergenerationen bestätigt diese Annahme jedenfalls: Die Nachkriegsgeneration der alteingesessenen Familien im Erhebungsgebiet wählt das Präteritum im Vergleich zum Perfekt deutlich seltener als noch die Angehörigen der Vorkriegsgeneration. Der Anteil des Präteritums an den untersuchten Verbformen fällt in dieser Bevölkerungsgruppe im Generationenvergleich von 37,2 % (n = 1183) auf 25,1 % (n = 1041) zurück (vgl. Abb. 3.1.4-1).155 Die recht formell angelegten Interviews des 1961 in der Region erhobenen „Pfeffer-Korpus“ bringen ergänzende Indizien für eine fortschreitende Verdrängung des Präteritums. Zwei 1892 und 1906 geborene Gewährspersonen des Korpus ziehen das Präteritum mit einem durchschnittlichen Anteil von 66,7 % (n = 45) dem Perfekt noch deutlich vor.156 In den Interviews zweier Angehöriger der Vorkriegsgeneration (geboren 1922 und 1937) ist das Verhältnis beider Vergangenheitstempora dagegen mit einem durchschnittlichen Anteil des Präteritums von 56,3 % 1961 bereits fast ausgeglichen (n = 32).157 ← 142 | 143 →

Für einen fortschreitenden Entwicklungsprozess spricht auch, dass sich die interpersonelle Varianz bei den von mir interviewten Angehörigen der Nachkriegsgeneration Alteingesessener gegenüber der Elterngeneration erhöht (vgl. Abb. 3.1.4-2). Die Wahl der Vergangenheitstempora ist in dieser jüngeren Altersgruppe sehr uneinheitlich geworden, es gibt bereits erste Interviewpartner aus alteingesessenen Familien, die das Präteritum so gut wie gar nicht mehr gebrauchen (3 %, n = 100) und andererseits Einzelpersonen, bei denen es die Perfektformen stark zurückdrängt (maximal 76 %, n = 100, vgl. Abb. 3.1.4-2, oberer ‚Ausreißer‘).

Abbildung 3.1.4-2: Interpersonelle Varianz beim Gebrauch des Präteritums in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile von Präteritumformen in Prozent

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Welche Befunde erbringt nun die Analyse des Tempusgebrauchs in den Interviews der Vertriebenen und ihrer Nachkommen? Auch in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien ist eine – allerdings nur geringe – Abnahme der Präteritumform zu beobachten. Hier sinkt der Anteil des Präteritums gegenüber dem Perfekt intergenerationell von durchschnittlich 22,8 % (n = 1200) auf 19,8 % (n = 800). Die Entwicklungstrends in der Tempuswahl der Alteingesessenen wie der Vertriebenen weisen also gleichermaßen in die Richtung eines fortschreitenden Abbaus des Präteritums. Die unterschiedliche Dynamik dieser Prozesse in beiden Bevölkerungsgruppen bewirkt dabei aber, dass die heute noch bestehenden starken Unterschiede im Sprachgebrauch der älteren Alteingesessenen (37,2 %, n = 1183) gegenüber den aus dem Südosten zugewanderten Vertriebenen (22,8 %, n = 1200) sich in der Nachkommengeneration einzuebnen beginnen (vgl. Abb. 3.1.4-1).

Fischer (2015: 118–120) zeigt an den Dialekten im Bundesland Hessen, dass die Irregularität der Konjugation einen wichtigen Faktor darstellt, der – verschränkt mit dem Faktor der Gebrauchsfrequenz – die lexemspezifischen Unterschiede in der Bildung des Präteritums bzw. in der Durchsetzung des Präteritumschwunds begründet: „Präteritumformen der niedrig frequenten schwachen Verben werden schneller abgebaut, die der hochfrequenten starken und funktionalisierten Verben langsamer“ (Fischer 2015: 117). Meine Korpusdaten bestätigen diesen Befund auch für den Regiolekt in Mecklenburg. Schwach konjugierte Verben werden von den Gewährspersonen im spontansprachlichen Interviewgespräch durchgängig seltener im Präteritum und damit durchgängig häufiger im Perfekt verwendet als die starken (irregulären) Verben. Im Gesamtkorpus werden nur 19,5 % (n = 2199) der untersuchten schwachen Verben im Präteritum gebraucht, bei den betrachteten starken Verben sind es dagegen 34,8 % (n = 2025), bei denen das Präteritum anstelle des Perfekts gewählt wird.158 Dieser hochsignifikante Zusammenhang zwischen der Konjugationsklasse der betreffenden Verben und der Häufigkeit der Präteritumformen lässt sich bei allen Bevölkerungs- und Altersgruppen beobachten (vgl. Tab. 3.1.4-1) ← 144 | 145 →

Tabelle 3.1.4-1: Zusammenhang zwischen der Konjugationsklasse und dem Anteil der Prä­teritum­­formen im Vergleich mit dem der Perfektformen im Interview

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Die Irregularität der Konjugation ist also ein Faktor, der den Präteritumgebrauch unabhängig von arealen Bedingungen beeinflusst, deren migrationsbedingten Nachwirkungen sich im Korpus heute noch abzeichnen. Fischer schlägt eine plausible kognitionslinguistische Erklärung für die relative Stabilität der Präteritumformen bei starken Verben vor, die ja dadurch gekennzeichnet sind, dass in dieser Konjugationsklasse jeweils „nur wenige Verben den gleichen Konjugationsmustern folgen, diese jedoch besonders tokenstark sind“:

Die hohe Tokenfrequenz führt dazu, dass die Flexionsformen – also auch Präteri­tumformen, die bei den starken und irregulären Verben in einem langwierigen Aneignungsprozess erworben werden müssen – gut im mentalen Lexikon verankert sind. Es liegt die Vermutung nahe, dass der hohe Lexikalisierungsgrad und die hohe Tokenfrequenz der starken Verben ihre Präteritumform stärken. (Fischer 2015: 118)

Im mecklenburgischen Regiolekt führt die kognitive Stabilisierung der Präteritumformen starker Verben freilich nicht dazu, dass sie dem fortschreitenden Präteritumschwund gänzlich widerstehen. Tabelle 3.1.4-1 deutet nur darauf hin, dass sich dieser Prozess in den beiden Konjugationsklassen auch im Raum Mecklenburg mit unterschiedlicher Dynamik vollzieht.

3.2  Phonetik / Phonologie: ausgewählte Variablen

3.2.1  Das „Ostsee-l“ und seine Entwicklung

In der ersten Auflage des Aussprachewörterbuchs der DDR heißt es 1964:

In Mecklenburg und auf Rügen ist an der Küste das sogenannte Ostsee-l weit verbreitet, das durch Rückverlagerung der Artikulationsbasis an das harte l in slawischen Sprachen angenähert wird. (Wörterbuch Aussprache 1964: 101) ← 145 | 146 →

Das Ostsee-l wird hier als „ein Beispiel für die landschaftlich begrenzte Lautung der Konsonanten“ (ebd.) in den Umgangssprachen angeführt, die in den verschiedenen deutschsprachigen Staaten gesprochen werden. Unter dem Aspekt der kodifizierten Standardaussprache des Deutschen wird die „Klangverdumpfung“, die sich durch die Rückverlagerung der Zunge bei der Aussprache des l ergibt, im Aussprachewörterbuch als ein „Bildungsfehler“ bezeichnet, der von der überregionalen Standardlautung abweicht. Noch in der letzten Neuauflage des Aussprachewörterbuchs in der DDR wird die Beschreibung und die Bewertung des Ostsee-l nahezu identisch beibehalten: Auch noch 1982 wird das umgangs­sprachliche Ostsee-l als „im Küstengebiet (Mecklenburg, Rügen) […] weit verbreitet“ (Großes Wörterbuch 1982: 133) bezeichnet.159

Die beschriebene Velarisierung des Phonems /l/ zum ‚dunklen‘ [ɫ] tritt allerdings nicht nur in der mecklenburgischen Umgangssprache auf, sondern ist eine allophonische Erscheinung, die einerseits „ziemlich oft in den niederdeutschen Dialekten“, aber beispielsweise auch in ostmitteldeutschen Dialekten, so „im Thüringischen, Schlesischen“ (Schirmunski (2010 [1961]): 431) vorkommt. Darüber hinaus ist das velarisierte l ein typisches Kennzeichen der regiolektalen Sprachlagen auch in der westfälischen Umgangssprache.160

Innerhalb des ostniederdeutschen Sprachraums ist das sogenannte Ostsee-l einerseits ein kennzeichnendes Merkmal des mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch, andererseits kann es der älteren Forschung zufolge auch als ein sprachräumliches Abgrenzungsmerkmal des mecklenburgisch-vorpommerschen Regiolekts gegenüber den areal unmittelbar benachbarten Regiolekten angesehen werden. Gegenüber der westlich angrenzenden nordniedersächsischen Umgangssprache, mit der der mecklenburgische Regiolekt im Übrigen viele sprachliche Gemeinsamkeiten teile, markiert für Lauf (1996: 204) die Velarisierung des l eine der wenigen wichtigen Differenzen. Im Unterschied zur regionalen Umgangssprache der südlich angrenzenden Ostprignitz, findet Dost (1991: 263) in den 1970er und 1980er Jahren in Südmecklenburg bei älteren Probanden das ← 146 | 147 → velarisierte [ɫ] noch als charakteristisches regiolektales Kennzeichen vor. Für die südöstliche Grenze zwischen der Umgangssprache Mecklenburg- Vorpommerns und der Mittelpommerns führt Herrmann-Winter (1974: 156) „das dumpfe [ɫ]“ „als ein wesentliches Merkmal des Nordens“ an. Gegen die Formulierung des DDR-Aussprachewörterbuchs, das das Ostsee-l auf das mecklenburgische „Küstengebiet“ begrenzt, weist Herrmann-Winter (1979: 146) darauf hin, dass dieses l-Allophon als Merkmal der mecklenburgisch-vorpommerschen Umgangssprache „ebenso häufig im norddeutschen Binnenland“ vorzufinden sei. Die Lokalisierung auf das Küstengebiet, das die populäre Bezeichnung „Ostsee-l“ suggeriert, markiert also nur die nördliche Grenze der arealen Verbreitung des regiolektalen Merkmals, die sich im Westen vom nordniedersächsischen Regiolekt, im Süden vom brandenburgischen und im Südosten vom mittelpommerschen Regiolekt abgrenzt.

Ein Vergleich älterer empirischer Untersuchungen zum mecklenburgisch-vorpommerschen Regiolekt mit aktuellen Erhebungen deutet auf eine starke Abbaudynamik des Ostsee-l hin. In den Tonaufnahmen standardnaher Rede von 79 Gewährspersonen unterschiedlicher Altersstufen aus dem Kreis Greifswald konnte Herrmann-Winter (1979: 152) in den 1970er Jahren das velare l noch mit einer Häufigkeit von durchschnittlich 38 % der Belege für l im Wortinlaut und -auslaut nachweisen. Dabei wurde das [ɫ] im untersuchten Teilsample der „Arbeiter in Industrie, Bauwirtschaft und Handwerk“ überdurchschnittlich häufig, am seltensten von Angehörigen der „Intelligenz“ realisiert (ebd.: 152–153). Rund vierzig Jahre später war in den Tonaufnahmen zum Norddeutschen Sprachatlas mit jeweils vier Sprecherinnen mittleren Alters in Schwaan und im vorpommerschen Gützkow kein velares l in den regiolektalen Sprachlagen mehr zu hören. Das entsprechende Kartenbild des Norddeutschen Sprachatlas zur Verteilung des regiolektalen Merkmals im gesamten norddeutschen Sprachraum weist geringe Vorkommen des velarisierten l nur noch im Münsterland und Westfalen nach, während im gesamten ostniederdeutschen Raum nur sehr seltene Einzelbelege in Mittelpommern kartiert werden konnten. Demnach hat der mecklenburgisch-vorpommersche Regiolekt im Hinblick auf das Merkmal der l-Velarisierung seine arealen Konturen heute ganz eingebüßt.161 ← 147 | 148 →

Aktuelle Untersuchungen aus dem Zusammenhang des Marburger REDE-Projekts bestätigen diesen Befund. So findet Kehrein (2012: 311) in Sprachaufnahmen mit vier Probanden dreier Altersstufen aus dem Raum Stralsund das velare l nur noch „vereinzelt“ in den niederdeutschen Dialektaufnahmen des ältesten Sprechers. In den regiolektalen Sprachlagen ist das Merkmal bei den vorpommerschen Probanden Kehreins nicht mehr zu beobachten. Auf Erhebungsdaten des REDE-Projekts stützt sich auch die Untersuchung von Vorberger (2017) zum „Hochdeutsch auf Rügen“. Der Autor kann bei seinen drei untersuchten Probanden − einem 71- jährigen ehemaligen Hochseefischer, einem 49-jährigen Polizisten und einem 20-jährigen Abiturienten aus Bergen – in keiner der 2012–2013 aufgezeichneten Tonaufnahmen verschiedener Interaktionstypen noch Belege für ein velarisiertes l nachweisen. Vorberger (2017: 160) kommt damit ähnlich wie die Erhebung des Norddeutschen Sprachatlas zu dem Schluss, dass das sogenannte Ostsee-l heute nicht mehr zu den Charakteristika des Regiolekts auf Rügen bzw. in Mecklenburg-Vorpommern gehört. Allerdings beruhen diese Einschätzungen in beiden aktuellen Großprojekten nur auf den Sprachdaten weniger Einzelpersonen.

In der folgenden Untersuchung soll geprüft werden, ob sich der Befund des raschen Merkmalabbaus auch bei der Gegenüberstellung der Sprachaufnahmen von zahlenmäßig stärkeren Altersgruppen aus dem Erhebungsgebiet bei Rostock bestätigen lässt. In den Aufnahmen von 44 Sprachzeugen aus der zentralmecklenburgischen Erhebungsregion wurde überprüft, wie sie in der standardnahen Redeweise ihrer Interviews das Phonem /l/ in den folgenden drei Lautumgebungen artikulieren: Erstens wurden die Belege für l im absoluten Wortauslaut abgehört und dabei sowohl Kontexte nach langem wie nach kurzem Vokal berücksichtigt (wohl, will).162 Zweitens ← 148 | 149 → wurde der Kontext im Wortauslaut vor Dentalplosiv, wiederum nach Kurz- oder Langvokal, überprüft (gequält, Geld). In beiden Lautumgebungen ist jedenfalls nach den Befunden der Forschung zum l in den Regiolekten an Rhein und Ruhr eine Velarisierung am ehesten zu erwarten (Ehlers 2015 c: 324, 328). Als dritter Lautkontext wurde das l im Wortinneren nach betontem Kurzvokal im Silbenauslaut vor Plosiv t in der Folgesilbe untersucht (älter, Eltern, Schalter). Deutlich hörbare Verdumpfungen des l durch Rückverlagerung der Zunge werden in der Auswertung als Nonstandard der palatalen Standardaussprache des l gegenübergestellt. Insgesamt wurden 2903 Belege für l in den genannten Kontexten in den Interviews aufgesucht und codiert.

Betrachten wir zunächst den Sprachgebrauch der alteingesessenen Mecklenburgerinnen und Mecklenburger aus Rostock und Umgebung: Von den 1641 Belegen für l in den genannten phonetischen Kontexten haben die 24 Angehörigen der Vorkriegs- und der Nachkriegsgeneration den Laut immerhin zu 25 % velar ausgesprochen. Die Frequenz der standardabweichenden Aussprache des l ist damit zwar nicht mehr so hoch wie noch in den Greifswalder Aufnahmen Herrmann-Winters aus den 1970er Jahren. Die Zahlen belegen aber, dass das Ostsee-l in Mecklenburg auch heute noch gar nicht selten zu hören ist. Allerdings ist ein einschneidender Unterschied im Sprachgebrauch der Angehörigen der Vorkriegsgeneration und der Nachkriegsgeneration der alteingesessenen Familien festzustellen: Während die älteren Mecklenburger das l in 45,8 % der Belegstellen velarisieren (n = 878), fällt die Häufigkeit des standardabweichenden [ɫ] in den Sprachaufnahmen der Nachkriegsgeneration auf nur noch 1 % ab (n = 763, vgl. Abb. 3.2.1-1).163 ← 149 | 150 →

Abbildung 3.2.1-1: Gebrauch des velarisierten l in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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Wenn wir diesen hochsignifikanten Unterschied im Sprachgebrauch der Generationen als Ausdruck eines in apparent time verlaufenden Sprachwandels interpretieren, wäre festzustellen, dass das Ostsee-l in der kurzen Zeitspanne einer einzigen Generationsfolge dabei ist, aus dem mecklenburgisch-vorpommerschen Regiolekt nahezu vollständig zu verschwinden. Die meist an Probanden einer mittleren oder noch jüngeren Alterskohorte gewonnenen Befunde Kehreins, Vorbergers und des Norddeutschen Sprachatlas werden also durch meine Erhebung für die nähere Zukunft bestätigt. Wenn die letzten Angehörigen der Vorkriegsgeneration der alteingesessenen Familien gestorben sein werden, wird das Ostsee-l in Mecklenburg-Vorpommern wohl kaum noch zu hören sein. Dem fast vollständigen Abbau des regiolektalen Merkmals in der jüngeren Generation der Alteingesessenen geht in der Vorkriegsgeneration ein bereits sehr variabler Sprachgebrauch voraus, bei dem die Anteile der Velarisierung unter den zwölf untersuchten Gewährspersonen von Person zu Person stark schwanken (vgl. Abb. 3.2.1-2, Boxplot A 1). ← 150 | 151 →

Abbildung 3.2.1-2: Interpersonelle Varianz beim Gebrauch des velaren l in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile von velarisiertem l in Prozent

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Eine ähnliche Entwicklungsdynamik zeichnet sich bereits in den 1961 aufgenommenen Interviews des Pfeffer-Korpus ab und schlägt sich dort in einer breiten Varianz des Merkmals in Abhängigkeit vom Alter und von der sozialen Zugehörigkeit der damaligen Gewährspersonen nieder. Die Zahlenverhältnisse in den Aufnahmen der fünf Probanden aus Rostock und der näheren Umgebung164 können wegen der geringen Belegzahlen nur eine grobe Orientierung zu den Entwicklungstendenzen des Merkmals in den 1960er Jahren geben. Von den 127 Belegen für l in den untersuchten Lautkontexten waren in den fünf Rostocker Interviews insgesamt 20,5 % velar artikuliert. Während eine vom Lande zugezogene Lagerarbeiterin, die 1906 geboren wurde, in ihrer Aufnahme noch in 66,7 % der einschlägigen Belege ← 151 | 152 → (n = 30) ein Ostsee-l realisiert, velarisiert ein promovierter Angehöriger einer Rostocker Fabrikantenfamilie (geb. 1892) das l nur in 6,3 % der 32 Belege. Von den beiden in den 1920er und 1930er Jahren geborenen Gewährspersonen, die hier in Betracht gezogen werden, verwendet eine Probandin, eine Röntgenassistentin aus Rostock, 1961 schon ausschließlich standardgemäß palatale l-Formen (n = 20). Auch eine Rostocker Schülerin der Erweiterten Oberschule, die 1947 geboren wurde, realisiert in ihrem Interview am Anfang der 1960er Jahre bereits kein Ostsee-l mehr (n = 20).

Soziale bzw. sozialgeographische Faktoren bringen sich auch in den Aufnahmen meiner Interviews zur Geltung. Da nur die Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen das Ostsee-l noch in nennenswertem Umfang realisiert, sollen nur innerhalb dieser Altersgruppe die Sprachdaten von jeweils vier Gewährspersonen mit jahrzehntelangem Lebensmittelpunkt in der Großstadt Rostock, in der Kleinstadt Schwaan und auf dem Dorf miteinander verglichen werden. Während die älteren Großstädter das velare l nur in 27,2 % der einschlägigen Belege realisieren (n = 316), liegt die Frequenz für das Ostsee-l in den Aufnahmen aus der Kleinstadt bei 58,7 % (n = 281) und in den Interviews mit Dorfbewohnern bei 53,7 % (n = 281).165 Zugleich variiert der Sprachgebrauch der befragten Großstädter viel stärker von Person zu Person als bei Sprechern in Kleinstadt und Dorf. Die Spannweite der interpersonellen Varianz der l-Realisierung liegt bei den vier Großstädtern zwischen 3,8 % und 63,8 %, umspannt also ganze 60 Prozentpunkte. In Kleinstadt und Dorf fallen die interpersonellen Unterschiede in der Merkmalrealisierung auf insgesamt höherem Frequenzniveau dagegen geringer aus: Sie liegen in Schwaan zwischen 46,3 % und 75 % (= 28,7 Prozentpunkte) und auf dem Dorf zwischen 40 % und 72,9 % (= 32,9 Prozentpunkte). Der Abbau des Ostsee-l ist heute unter den ältesten Mecklenburgern vor allem in der Großstadt am weitesten vorangeschritten, im Hinblick auf das Ostsee-l ist der regiolektale Sprachgebrauch in der Großstadt zugleich sehr viel heterogener als in den kleineren Ortschaften.

Das Auftreten des Ostsee-l ist aber bei den Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration auch von der Lautumgebung im Wort abhängig. Beim ← 152 | 153 → vorausgehenden Kontext spielt offensichtlich die Quantität des vorangehenden Vokals eine Rolle. Mit einem Verhältnis von 53,5 % (n = 621) gegenüber 27,2 % (n = 257) velarisieren die alteingesessenen Mecklenburger das l nach Kurzvokal (schnell, Eltern, Welt) deutlich häufiger als nach Langvokal (viel, schält).166 Bei den überprüften Folgekontexten des l tendieren Belege im Auslaut betonter kurzvokalischer Silben vor Dentalplosiv und Folgesilbe (sollte, Eltern) am häufigsten zu einer Velarisierung (58,1 %, n = 284). In vielen Fällen ist die Velarisierung des l hier mit einer Lenisierung des anschließenden Plosivs verbunden (sollde [zɔɫdə], Eldern [ɛɫdɐn]). Im Wortauslaut scheint der folgende Lautkontext des l für dessen Realisierung nur wenig relevant zu sein. Im absoluten Wortauslaut (schnell, viel) tritt die Velarisierung mit 52,8 % (n = 408) kaum häufiger auf als im Wortauslaut vor Dentalplosiv (Geld, wählt; 51,6 %, n = 186).

Inwieweit haben nun die immigrierten Vertriebenen und ihre Nachkommen das Kennzeichen des mecklenburgischen Regiolekts in ihren Sprachgebrauch übernommen? Auch in der standardnahen Interviewsprache der Angehörigen von Familien Vertriebener ist das velare l durchaus zu beobachten, allerdings in der Regel mit sehr viel niedrigeren Vorkommens­frequenzen als in der regiolektalen Rede der älteren Alteinge­sessenen (vgl. Abb. 3.2.1-1). Die nach Mecklenburg immigrierten Vertriebenen der Vorkriegsgeneration realisieren nur in 8,8 % der 726 untersuchten Belegkontexte ein standardabweichendes [ɫ]. Und ihr Sprachverhalten unterscheidet sich damit hinsichtlich des Ostsee-l bis heute hochsignifikant von dem der gleichaltrigen Alteingesessenen. Nur bei drei der zwölf untersuchten Angehörigen dieser Altersgruppe erreichen die Häufigkeiten für velares l Werte von über 20 %. Bei allen anderen Probanden dieser Gruppe liegen die Prozentwerte zwischen 0 % und maximal 7,6 %. Da eine Velarisierung des l in Basisdialekten der Vertreibungsgebiete gelegentlich vorkommt,167 wäre grundsätzlich denkbar, dass manchen Vertriebenen das sprachliche ← 153 | 154 → Merkmal schon aus ihrem Herkunftsgebiet vertraut war und sie es in Mecklenburg in die standardnahe Rede übertragen haben. Die drei Vertriebenen, die das l mit Frequenzen über 20 % am häufigsten velarisieren, stammen aus der nordböhmischen Dialektregion, in der nach Schwarz (1962: 217) lokal „Spuren eines velaren ɫ“ nachzuweisen waren. Allerdings realisieren andere Gewährspersonen aus demselben Herkunftsgebiet das Merkmal viel seltener bis gar nicht. Und selbst die höchsten Häufigkeiten des velaren l bei den Vertriebenen der Vorkriegsgeneration (27,7 %) liegen weit unter den minimalen Frequenzen des Ostsee-l bei gleichaltrigen Alteingesessenen aus Kleinstadt und Dorf in Mecklenburg (40 %). Von einem einfachen Transfer eines Merkmals der Herkunftsvarietäten in die neue mecklenburgische Sprachumgebung ist also nicht auszugehen, eher entscheiden individuelle Verläufe der sprachlichen Akkulturation darüber, wieweit Vertriebene das Ostsee-l, das ihnen mitunter in ähnlicher Form aus ihren Herkunftsdialekten vertraut gewesen sein mag, in ihre standardnahe Sprache in Mecklenburg übernehmen.

Anders als in den Familien der Alteingesessenen nimmt die Häufigkeit des velaren l in der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien nicht drastisch ab, sondern sie steigt sogar geringfügig an (vgl. Abb. 3.2.1-1). Die acht untersuchten Personen der Nachkriegsgeneration mit mindestens einem vertriebenen Elternteil realisieren das Ostsee-l zu 12,3 % (n = 536). Dieser recht deutlich über dem Vergleichswert der alteingesessenen Altersgenossen liegende Wert erklärt sich dabei vor allem aus dem Sprachverhalten einzelner Probanden.168 Herr 68 (1952 VV) und Herr 74 (1959 VV) verwenden in ihrer standardnahen Interviewsprache das velare l mit hohen Häufigkeiten von 42,9 % und 49,2 %, und sie realisieren das Merkmal damit ebenso häufig wie viele Alteingesessene der älteren Generation (vgl. Abb. 3.2.1-2). Diese Advergenz an den überkommenen Regiolekt der alten Alteingesessenen ist umso bemerkenswerter, als beide Gewährspersonen zwei vertriebene Elternteile haben, in der innerfamiliären Primärsozialisation also nicht mit der mecklenburgischen Umgangssprache in Kontakt ← 154 | 155 → gestanden haben. In der Altersgruppe der nach 1950 geborenen Mecklenburger sind es also gerade Angehörige aus Vertriebenenfamilien, die das regiolektale Merkmal Ostsee-l am stärksten bewahren.169

3.2.2  Dat und wat – Erhalt von niederdeutschem t im Auslaut von das, dass und was

In mehreren norddeutschen Regiolekten ist mit dat, wat und et ‚das / dass, was, es‘ eine Gruppe von Kurzwörtern in Gebrauch, die mit erhaltenem niederdeutschem t im Wortauslaut „wie erratische Blöcke unverschoben stehen geblieben sind und sich der ‚Verhochdeutschung‘ der Mundart entzogen haben“ (Macha 1991: 171). Die auf indirekte Internetbefragungen zurückgehenden Karten des Atlas der deutschen Alltagssprache (ADA) zeigen im Westen und im Osten Deutschlands zwei Schwerpunktregionen, in denen Gewährspersonen das und was häufig in niederdeutscher Lautform in ihre standardnahe Rede übernehmen, und der ADA bestätigt so „die landläufige Assoziation von dat-dit / wat mit Rheinland, Ruhrgebiet und Berliner Raum“.170 Die ADA-Karten zeigen im Westen eine besonders starke Belegdichte, die sich vom Münsterland bis an die Eifel weit in den mitteldeutschen Sprachraum nach Süden erstreckt. Im Nordosten reichen die verstreuten Belege für regiolektales dat bzw. dit und wat vom Berliner Raum über Mecklenburg-Vorpommern bis zu punktuellen Nachweisen in Schleswig-Holstein. Im Süden endet dieses östliche Schwerpunktgebiet in Sachsen-Anhalt und erreicht damit bei Weitem nicht die Anrainerregionen der schlesischen, böhmischen und mährischen Vertreibungsgebiete.

Die Erhebungen zum Norddeutschen Sprachatlas differenzieren die Kartenbilder des ADA vor allem im Bereich des östlichen Verbreitungsareals für regiolektales dat und wat genauer aus. Hohe Frequenzen erreichen dat und wat in den Interviews und informellen Tischgesprächen der Gewährspersonen aus Brandenburg, Mittelpommern und Vorpommern, ← 155 | 156 → während im zentralmecklenburgischen Erhebungsort Schwaan der Anteil dieser standard­abweichend realisierten Wörter nur sehr gering ist. Der Regiolekt im Großraum Mecklenburg-Vorpommern weist im Hinblick auf das Merkmal also eine deutliche Ost-West-Gliederung auf.171 Während in Vorpommern (inklusive Rügen)172 und Mittelpommern das regiolektale Sprechen stark von den niederdeutschen Reliktwörtern dat und wat geprägt ist, werden diese standardfernen Kurzwörter im Westen Mecklenburgs genauso selten gebraucht wie in den Regiolekten der westlich angrenzenden Regionen Holstein und Nordhannover. In den vorpommerschen und mittelpommerschen Schwerpunktgebieten kommt der Verwendung von dat und wat in standardnahen Sprachlagen ähnlich wie im Ruhrgebiet „offenbar eine hohe Salienz und ein starker regionaler Signalwert“ (Elmentaler 2008: 83) zu. Befragte aus diesen Regionen führen das Merkmal häufig spontan als ein charakteristisches Kennzeichen ihrer eigenen Alltagssprache an und sind sich „der Standardabweichung dieses Merkmals durchaus bewusst“ (Scharioth 2015: 163). In der Laienkonzeptualisierung des vorpommerschen und mittelpommerschen Sprachraums fungiert es offensichtlich als regionaler Indikator.

Nach der älteren ebenso wie nach der aktuellen Forschung ist die Realisierung von dat und wat in den südwestlichen und nordöstlichen Schwerpunktregionen Norddeutschlands insgesamt ein hochsalientes, gut kontrollierbares und normativ stigmatisiertes Merkmal der jeweiligen Regiolekte (Ehlers 2015 a: 211). Dessen ungeachtet begegnen die Sprecher dem Merkmal hier mit einer bemerkenswerten Normtoleranz. Es wird bei den Erhebungen zum Norddeutschen Sprachatlas zwar in ganz Norddeutschland niemals in der formellen Vorleseaussprache verwendet, tritt aber in den südwestlichen und nordöstlichen Schwerpunktregionen nicht ← 156 | 157 → nur in den informellen Freundes- oder Familiengesprächen, sondern auch in halbformellen Interviewsituationen mit bemerkenswert hohen Frequenzen auf (Ehlers 2015 a: 208–209).

Auch meine Gewährspersonen aus der Umgebung von Rostock verwenden in den Interviews mit mir gelegentlich die niederdeutschen Lautformen dat und wat anstelle der standardgemäß erwartbaren hochdeutschen das, dass und was. Das Ausmaß und die sozialen sowie syntaktischen Bedingungsfaktoren dieser Verwendung sollen im Folgenden untersucht werden: In den Transkripten der sprachbiographischen Interviews der 44 Probanden wurden nach Möglichkeit je 80 Belege pro Gewährspersonen für das, dass und was aufgesucht und auf ihre lautliche Realisierung in der Audiodatei abgehört.173 Dabei wurden die Realisierungen mit plosivischem Auslaut als regiolektale Varianten codiert und den Standardvarianten gegenüber gestellt. Auch wenn die angestrebte maximale Belegzahl in den Interviews einzelner Personen nicht ganz erreicht wurde, konnten insgesamt 3394 Belege im regiolektalen Korpus überprüft werden. Gelegentlich auftretende niederdeutsche Interviewpassagen wurden von der Auswertung natürlich ausgeschlossen, um den Untersuchungsfokus allein auf regiolektales dat und wat zu begrenzen. Von der Auswertung ausgenommen wurden auch Belege, bei denen das Lexem aufgrund von Verschleifungen mit dem vorangehenden finiten Verb in phonetisch reduzierter Form realisiert wurde und daher nicht zu entscheiden war, ob das oder es intendiert war (Ich hab’s nicht gesehen).

In der Forschung wird die Frage kontrovers diskutiert, ob für die lautliche Realisierung der Kurzwörter die syntaktische Funktion des Wortes im jeweiligen Belegkontext eine gewisse Rolle spielt (Ehlers 2015 a: 196, 208). Um zu dieser Frage auf der Basis meiner Erhebungsdaten Stellung beziehen zu können, wurden die Belege für das und das lautgleiche dass in der Auswertung syntaktisch differenziert. Bei der syntaktischen Codierung dieser Belege wurden die Funktionen ‚Satzglied‘ (Das habe ich damals schon gesagt), ‚Artikel‘ (das Wetter; das ganze Zeugs) und ‚Subjunktion‘ (Ich wusste ja, dass dies nicht stimmt) unterschieden. Das als Einleitung von Relativsätzen (Das Haus, das wir dann zugewiesen bekamen, […]) war ← 157 | 158 → im Korpus derart selten, dass es aus der Betrachtung ganz ausgeschlossen wurde. Bei den sehr viel seltener auftretenden Belegen für was / wat wurde bei der Auswertung auf eine syntaktische Subkategorisierung der Belegkontexte verzichtet.

Meine Erhebung im Raum Rostock bestätigt zunächst die Befunde des Norddeutschen Sprachatlas. Die 44 untersuchten Gewährspersonen aus der Vorkriegs- und der Nachkriegs­generation realisieren standardfernes dat und wat in ihren Interviews insgesamt nur in 5,7 % aller 3394 überprüften Belege. Das Merkmal ist in meinem mecklenburgischen Korpus also zwar nachweisbar, aber wenig prominent. Dabei liegt dem durchschnittlichen Prozentwert eine gewisse Entwicklungsdynamik zugrunde, die sich quantitativ abzeichnet, wenn man das Sprachverhalten der beiden Altersgruppen von alteingesessenen Mecklenburgern gesondert betrachtet. Während die älteren Alteingesessenen aus der Region in den Interviews das Merkmal noch mit Frequenzen von 11,4 % realisieren (n = 920, 12 Gewährspersonen), fällt die Häufigkeit der Verwendung von dat und wat in der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen auf nur noch 1,4 % zurück (n = 960, 12 Gewährspersonen).174 Gegenüber den vorpommerschen Verhältnissen erscheinen diese Frequenzen außerordentlich gering. Scharioth (2015: 160) verzeichnet im vorpommerschen Gützkow bei ihren fünf Gewährsfrauen aus den Geburtsjahrgängen 1950 bis 1968 im Interview einen Anteil von 34,7 % standardferner Realisierungen von das, was und es. In informellen Gesprächssituationen liegen die Prozentwerte dort sogar bei 70,7 % für dat, wat und et.

Nach Herrmann-Winter (1979: 152), die die häufige Verwendung von Kurzwörtern mit niederdeutschem t-Auslaut im Regiolekt des Kreises Greifswald schon in den 1970er Jahren nachweist,175 hat sich das Merkmal in Vorpommern „sicherlich unter neuem brandenburg-berlinischen Einfluß“ verbreitet. Auch Schönfeld / Pape (1981: 164) gehen bei diesem Merkmal der „berlinisch-brandenburgischen Umgangssprache“ von einem laufenden ← 158 | 159 → Übernahmeprozess in den „Südosten“ Mecklenburg-Vorpommerns aus. Folgt man dieser These von einem „neuen“ Einfluss des berlin-brandenburgischen Regiolekts auf Mittelpommern und Vorpommern, dann wäre dort für die zurückliegenden Jahrzehnte von steigenden Frequenzen von dat und wat in der regionalen Umgangssprache auszugehen. Mein zentral­mecklenburgisches Erhebungsgebiet um Rostock unterliegt dem berlin-brandenburgischen Einfluss jedenfalls nicht. Hier nehmen die Frequenzen für die standardferne Realisierung von das, dass und was im Gegenteil von der Vorkriegsgeneration zur Nachkriegsgeneration der alteingesessenen Familien ab. In den Interviews meiner jüngeren alteingesessenen Probanden kommt dieses Merkmal heute kaum noch vor. Sieben der zwölf Gewährspersonen dieser Gruppe verwenden niemals dat oder wat, bei den anderen überschreiten die Gebrauchs­frequenzen nicht mehr als 5 % (vgl. Abb. 3.2.2-2). Der Kontrast zum Regiolekt in Vorpommern scheint sich bei dieser Variable also seit der Nachkriegszeit zu vertiefen.

Abbildung 3.2.2-1: Gebrauch von das, dass, was mit auslautendem t in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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Sprecher, die ganz vom Gebrauch von dat und wat absehen, gibt es in Zentralmecklenburg freilich nicht erst heute. Schon die fünf Gewährsleute verschiedenen Alters aus Rostock und näherer Umgebung, die 1961 für das Pfeffer-Korpus interviewt worden sind, realisieren das, dass oder was ← 159 | 160 → niemals mit unverschobenem t im Wortauslaut.176 Entsprechend finden sich unter den von mir befragten zwölf alteingesessenen Personen aus der Vorkriegsgeneration bereits vier Zeitzeugen, die im Interview ebenfalls nie dat oder wat verwenden. Insgesamt acht dieser zwölf älteren Zeitzeugen realisieren das Merkmal seltener als in 8 % der jeweiligen Belege. Und nur zwei Gewährspersonen aus der Vorkriegsgeneration − Herr 20 (1932 A) und Frau 34 (1932 A) − erreichen in ihren Interviews gleichsam ‚vorpommersche‘ Häufigkeitswerte von 35 % und sogar 74,4 % (vgl. Abb. 3.2.2-2, Ausreißer).

Abbildung 3.2.2-2: Interpersonelle Varianz beim Gebrauch von dat und wat in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile von dat und wat in Prozent

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Diese seltenen Einzelfälle hochfrequenten Gebrauchs von dat und wat sprechen ebenso wie die sehr große Spannweite der individuellen Varianz des Merkmals unter den älteren Alteingesessenen (0 % bis 74,4 %) dafür, dass die standardferne Realisierung von das, dass und was für die Region um Rostock nicht bzw. schon lange nicht mehr zu den grundlegenden Charakteristika des Regiolekts gehört (vgl. Abb. 3.2.2-2). Bei den außergewöhnlich hohen Frequenzen der standard­abweichen­den Realisierung von das, dass und was handelt es sich offensichtlich um Eigenheiten individueller Redeweise, die schon unter der Vorkriegs­generation der Alteingesessenen in Mecklenburg selten sind. Die beiden genannten Extremfälle gehen auf Personen zurück, deren sprachlicher Alltag bis heute stark von aktivem Niederdeutsch­gebrauch geprägt ist.177 Hier könnte also partieller Transfer aus dem Niederdeutschen in den Regiolekt eine Rolle spielen. Da auch die anderen untersuchten Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration in der Regel über gute bis sehr gute Niederdeutsch­kompetenz verfügen, könnte der gelegentliche Gebrauch der niederdeutschen Reliktwörter auch bei ihnen als punktueller Transfer von salienten Elementen des niederdeutschen Basisdialekts in die standardnahe Rede interpretiert werden, mit dem Informalität oder Regionalität signalisiert werden kann.

Das beschriebene Sprachverhalten ist in meiner Untersuchungsregion offenbar eher im ländlich-kleinstädtischen Milieu als in der Großstadt zu finden. Der Vergleich des Regiolekts von je vier älteren Alteingesessenen aus Rostock, Schwaan und den dörflichen Fokusorten lässt jedenfalls bei abnehmendem Urbanitätsgrad des Wohnortes einen zunehmend standardfernen Sprachgebrauch erkennen. Die alteingesessenen Rostocker der Vorkriegsgeneration verwenden nur in durchschnittlich 2,2 % der überprüften 320 Belege für das, dass, was eine niederdeutsche Lautform, in der Kleinstadt sind es in derselben Altersgruppe bereits 14,6 % (n = 274) und in den untersuchten Dörfern 17,8 % (n = 326).178 ← 161 | 162 →

Die Varianz des Merkmals wird aber nicht nur von sozialen Faktoren wie Alter und Wohnort beeinflusst, sondern ist offenbar zu einem geringen Grad auch von syntaktischen Bedingungen abhängig. Fassen wir die Befunde für die 24 Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration und der Nachkriegsgeneration zusammen, um die Belegzahlen für einen Vergleich der syntaktischen Kategorien zu erhöhen:179 Von den insgesamt 123 Belegen für das in der Funktion des Artikels (das Boot) wurden 10,6 % standardfern als dat realisiert. 5,6 % der Kontexte, in denen das als Satzglied fungiert (Das ist nicht so einfach, n = 1304) und 4,4 % der Belege für die Subjunktion dass (Ich weiß, dass sie auch platt sprechen kann, n = 270) werden als dat ausgesprochen. Beim Gebrauch von das als Artikel tendieren die Alteingesessenen meiner Untersuchungsregion also am ehesten zu einem niederdeutschen Wortauslaut auf t.180 Nach Dahl (1974: 355) erhalten sich in der Umgangssprache im Raum Rostock vor allem solche Kurzwörter in niederdeutscher Lautform, „die in unbetonter Satzstellung stehen und als solche vom Sprecher gar nicht beachtet werden“.181 Für den Vergleich des unbetonten Artikels mit dem semantisch und prosodisch stärker akzentuierten Satzglied das wird diese These Dahls durch meine Ergebnisse bestätigt. Ob für die vergleichsweise seltene standarddifferente Realisierung der Subjunktion dass Betonungs­verhältnisse überhaupt eine Rolle spielen, wäre zu diskutieren und an einem größeren Korpus zu überprüfen.

Haben die niederdeutschen Reliktwörter dat und wat auch in die regionale Umgangssprache der immigrierten Vertriebenen im Raum Rostock Eingang gefunden? Die zugewanderten Vertriebenen der Vorkriegsgeneration sprechen im Durchschnitt nur 4,4 % der 877 Belege für das, dass und was mit unverschobenem t im Wortauslaut aus. Die Hälfte der zwölf untersuchten Angehörigen dieser Altersgruppe verwendet im Interview nie dat oder wat. Offensichtlich ist den meisten Vertriebenen die niederdeutsche Lautform dieser Wörter, die ihnen auch aus den Basisdialekten ihrer mittel- und ← 162 | 163 → oberdeutschen Herkunftsregionen nur mit auslautendem s vertraut waren,182 zeitlebens weitgehend fremd geblieben. Die geringe Frequenz von standardfernem dat und wat im Regiolekt der älteren Alteingesessenen (11,4 %, s. o.) dürfte mit bedingt haben, dass die Zuwanderer dieses Merkmal insgesamt nur selten bzw. gar nicht in ihren eigenen Sprachgebrauch übernommen haben. Allerdings gibt es unter den Vertriebenen der Vorkriegsgeneration auch einzelne Ausnahmen (vgl. Abb. 3.2.2-2): So verwendet Frau 28 (1936 V) das Merkmal mit einer außergewöhnlich hohen Frequenz von 26,3 %, Herr 32 (1931 V) und Herr 13 (1935 V) folgen diesem Spitzenwert mit 8,8 % und 7,5 % (jeweils n = 80).

Unter den Angehörigen der Nachkriegsgeneration der Vertriebenen nimmt der Anteil der standarddifferenten Realisierungen dann sogar noch geringfügig zu (vgl. Abb. 3.2.2-1). Die acht untersuchten Vertreter dieser Gruppe verwenden in 5,8 % ihrer Belege dat oder wat (n = 637) und übertreffen damit die Frequenz des Merkmals bei den gleichaltrigen Alteingesessenen (1,4 %) um einige Prozentpunkte.183 Auch hier geht der durchschnittliche Prozentwert für die standarddifferente Lautform aber auf das besondere Sprachverhalten einzelner Sprecher zurück. Fünf Angehörige der Vertriebenenfamilien aus der Nachkriegsgeneration gebrauchen in ihren Interviews nie dat oder wat. Drei Personen verwenden das Merkmal mit Anteilen von 3,8 %, 6,3 % und sogar 36,3 % (vgl. Abb. 3.2.2-2). Alle drei Personen – Frau 60 (1952 VV), Herr 68 (1952 VV) und auch Herr 74 (1959 VV), bei dem das Merkmal die mit Abstand höchsten Frequenzen erreicht – sind Kinder jeweils zweier vertriebener Elternteile und dürften den niederdeutschen Reliktwörtern wohl kaum schon in der frühkindlichen Familien­kommunikation begegnet sein. Beim Gebrauch der Kurzwörter mit auslautendem t wiederholen sich also bei Alteingesessenen und Vertriebenen Entwicklungsverläufe und Akkomodations­erscheinungen, die wir – bei deutlich frequenterem Auftreten der standard­differenten Formen – schon bei dem regiolektalen Merkmal des velarisierten [ɫ] beobachten konnten: ← 163 | 164 → Während das norddeutsche Nonstandardmerkmal in der Generationsfolge der alteingesessenen Familien abgebaut wird, nimmt die Häufigkeit seiner Verwendung in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien im Durchschnitt zu. Auch die niederdeutschen Reliktwörter dat und wat sind unter den Nachkommen der Zuwanderer aus dem Südosten häufiger in Gebrauch als unter den gleichaltrigen Alteingesessenen aus Mecklenburg.

3.2.3  Beisen, Brout und schöin – die Diphthongierung der Langvokale e, o, ö

Nach Lauf (1996: 201), die ihren Überblick über die Regiolekte im norddeutschen Raum überwiegend auf Sprachaufnahmen aus den 1960er Jahren stützt, ist die Diphthongierung von langem e, o und ö zu ei, ou, öi „ein für das Mecklenburg-Vorpommersche kennzeichnendes Merkmal: [boʊdn] ‚Boden‘ […], [meɪthɐ] ‚Meter‘, [bøysə] ‚böse‘“. Empirische Untersuchungen aus den 1970er Jahren weisen die Tendenz, die mittleren Langvokale zu diphthongieren, sowohl für die Umgangssprache in Mecklenburg als auch in Vorpommern nach. Dahl (1974: 348) führt diese standardabweichende Artikulation der Vokale im Raum Rostock auf die Interferenz mit dem Niederdeutschen zurück, bei der die niederdeutsche „Realisierung bestimmter Phoneme […] auf das Lautsystem der Umgangssprache übertragen“ werde.184 Nach Herrmann-Winter (1974: 156) ist die „latente Neigung zur Diphthongierung“ ein regiolektales Kennzeichen, mit dem sich die vorpommersche Region um Greifswald von den südlicher gelegenen Gebieten Mittelpommerns abhebt. Jüngste Erhebungen zum Norddeutschen Sprachatlas weisen nach, dass eine leichte Tendenz zur Diphthongierung nicht nur durchgängig für Mecklenburg-Vorpommern, sondern „in den küstennahen Regionen“ im gesamten norddeutschen Raum verbreitet ist.185 Der Regiolekt Mecklenburg-Vorpommerns ist in Hinblick auf dieses Merkmal also kaum von der regiolektalen Sprache in Schleswig-Holstein, wohl aber von der Umgangssprache in Brandenburg zu unterscheiden.186 ← 164 | 165 →

Schon in den 1970er Jahren prognostiziert Dahl (1974: 373–374) einen zukünftigen Abbau des Merkmals in Mecklenburg. Die Tendenz zur Diphthongierung sei „bei Stadtbewohnern, jüngeren oder auch besonders lebhaften Sprechern […] heute schon wesentlich schwächer als bei anderen“. Da die „Diphthongierung in Zusammenhang mit nieder­deutscher Intonation und langsamem Redetempo“ (ebd.: 374) stehe, werde sie bei der zunehmenden Beschleunigung des Sprechens sowohl im Dialekt als auch in der Umgangs­sprache abgebaut werden. Die Befunde des Norddeutschen Sprachatlas bestätigen, dass die Diphthongierung „in den norddeutschen Regiolekten stark rückläufig“ ist (Elmentaler 2015 b: 120). Das Merkmal ist in der dort untersuchten mittleren Altersgruppe heute insgesamt nur noch schwach belegt. Für die vorpommersche Kleinstadt Gützkow liegen die Anteile diphthongierter Langvokale im Interview nur bei 8,1 %, in Schwaan liegt der Prozentwert in derselben Gesprächssituation bei 12,9 % (ebd.: 114).187 Dagegen erbringen die laufenden Erhebungen des Marburger REDE-Projekts für Mecklenburg-Vorpommern offenbar kein einheitliches Bild. Kehrein (2012: 310, 309) konstatiert auf der Basis der REDE- Aufnahmen, dass die diphthongische Realisierung von standardsprachlichem e, o und ö im Raum Stralsund zu den „häufigen Erscheinungen“ gehöre, die die standardnahe Sprache seiner Probanden „über drei Generationen hinweg“ charakterisiere. Dagegen lässt sich in den von Vorberger (2017: 160) untersuchten REDE-Aufnahmen aus Bergen auf Rügen die Diphthongierung von langem e, o und ö nicht mehr nachweisen. Vorberger nimmt daher an, dass dieses und andere umgangssprachliche Merkmale „abgebaut wurden und daher nicht mehr im Regiolekt von Rügen / Mecklenburg- Vorpommern zu finden sind“.

Schauen wir, wie sich der aktuelle Gebrauch und die Entwicklung des regionalsprachlichen Merkmals in den Sprachaufnahmen meines Korpus aus Rostock und Umgebung abzeichnen. In 44 Interviews von Sprachzeugen zweier Generationen wurden nach Möglichkeit pro Person 80 Belege für die Realisierung von /e:, o:, ø:/ abgehört und codiert. Dabei wurden Kontexte vor /r/ (mehr, bohren, hören) aus der Auswertung grundsätzlich ausgeschlossen, da die hier erwartbare Vokalisierung des r lautliche Kontaktwirkungen für die Realisierung der überprüften Langvokale haben ← 165 | 166 → dürfte. Ausgeschlossen wurden auch alle Belegwörter, bei denen der standardgemäße Langvokal verkürzt ausgesprochen wurde: Kaffee > Kaffe, neunzehn > neunzenn, Oma > Omma. Insgesamt wurden 3507 Belege für die drei Langvokale im regiolektalen Korpus auf ihre Realisierung untersucht. Auf eine kategorielle Erfassung der Abstufungen im Diphthongierungsgrad der Vokale wurde verzichtet, weil sie auditiv nicht verlässlich differenziert werden können. Als standardabweichende Realisierungen der Vokale wurden deshalb einheitlich alle Fälle gewertet, bei denen ohrenphonetisch eine deutliche Tendenz zur Diphthongierung wahrnehmbar war.

Das aktuelle, recht geringe Vorkommen der Diphthongierung in der regiolektalen Redeweise der mittleren und der älteren Generation in Mecklenburg zeigt sich auch in meinem Korpus: Von den insgesamt 3507 überprüften Belegen für langes e, o und ö in den Interviews von 44 Personen weisen insgesamt nur 13,7 % eine hörbare Tendenz zur Diphthongierung auf. Dieser Befund entspricht recht genau den Ergebnissen des Norddeutschen Sprachatlas für Schwaan (s. o.), das ja auch einer meiner Erhebungsorte ist. Allerdings weicht die standardnahe Redeweise der älteren Generation auch in Hinblick auf dieses Merkmal recht deutlich von der der mittleren Generation ab. Die Frequenz der diphthongierten Langvokale beträgt in den Interviews der Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration noch 24,1 % (n = 948, zwölf Gewährspersonen), fällt aber in den Interviews der alteingesessenen Mecklenburger der Nachkriegsgeneration auf 7,2 % zurück (n = 959, zwölf Gewährspersonen).188 Diese hochsignifikanten Unterschiede in der Redeweise heutiger Sprechergenerationen deuten in der Tat auf rezente Abbauprozesse hin (vgl. Abb. 3.2.3-1). Bereits in den recht formell geführten Interviews des Pfeffer-Korpus aus dem Jahr 1961 realisieren die fünf Gewährspersonen aus Rostock und der unmittelbaren Umgebung durchschnittlich nur 6,6 % der 302 Belege für die mittleren Langvokale standardabweichend als Diphthonge oder Diphthongoide. Allerdings verwendet hier gerade die jüngste Sprecherin, eine 1947 geborene, damalige Schülerin aus Rostock, am häufigsten diphthongierte Vokale (14,3 %, n = 70).189 ← 166 | 167 →

Abbildung 3.2.3-1: Gebrauch von diphthongierten Langvokalen /e:/, /o:/ und /ö:/ in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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Schon der Norddeutsche Sprachatlas macht darauf aufmerksam, dass die Ausprägung des regiolektalen Merkmals „in starkem Maße individuellen Präferenzen“ unterliegt.190 Diese Feststellung findet in meinem Untersuchungskorpus Bestätigung: Von den zwölf alteingesessenen Gewährspersonen der Vorkriegsgeneration weisen alle Interviews wenigstens leichte Diphthongierungstendenzen mit Häufigkeiten von mindestens 2,5 % auf. Dabei ist die interpersonelle Varianz mit einer Spannweite von 2,5 % bis 48,8 % allerdings recht groß (vgl. Abb. 3.2.3-2). Dies deutet auf eine starke diachrone Dynamik des Merkmals schon in der Vorkriegsgeneration hin, die dann in der Nachkommengeneration in abnehmende Frequenzen standardabweichender Vokalformen mündet. Es sei aber darauf hingewiesen, dass auch unter den zwölf untersuchten Alteingesessenen der Nachkriegsgeneration nur eine Person die Langvokale nie diphthongiert. Die Spannweite der individuellen Varianz ist bei insgesamt niedrigeren Vorkommens­häufigkeiten in dieser Gruppe naturgemäß geringer, sie reicht hier von 0 % bis maximal 22,8 %. ← 167 | 168 →

Abbildung 3.2.3-2: Interpersonelle Varianz bei der Diphthongierung der Langvokale in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile diphthongierter Langvokale in Prozent

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Gebrauch und Entwicklung der Diphthongierung scheinen nur in geringem Maße vom Urbanisierungsgrad des Lebensumfeldes der Sprecher abhängig zu sein. Bei der Vorkriegs­generation der Alteingesessenen liegen die Frequenzen für die standardabweichende Realisierung der Langvokale in der Großstadt (24,1 %, n = 319), in der Kleinstadt (25,2 %, n = 309) und auf dem Dorf (22,8 %, n = 320) auf einem sehr ähnlichen Niveau. Allenfalls bei den jüngeren Alteingesessenen lassen sich Indizien für Dahls (1974: 373) Befund ausmachen, wonach die Diphthongierung „bei Stadtbewohnern“ seltener zu hören sei. Unter den nach 1949 geborenen alteingesessenen Rostockern liegt der Anteil der diphthongierten Langvokale nur bei 3,8 % (n = 320) gegenüber 8,8 % und 9,1 % bei gleichaltrigen Alteingesessenen aus Schwaan und den westlich davon gelegenen Dörfern (n = 319, 320). Auch in dieser Altersgruppe bleiben die Indizien für einen besonders schnellen Abbau der Diphthongierung im städtischen Milieu aber schwach und müssten an einem sehr viel größeren Korpus überprüft werden.191 ← 168 | 169 →

Die Diphthongierung der Langvokale scheint in gewissem Maße auch an die Qualität des betroffenen Vokals gebunden zu sein. Offenbar werden die drei untersuchten Langvokale von den alteingesessenen Mecklenburgern nicht alle in gleichem Maße der Tendenz zur Diphthongierung unterworfen. Die 24 Alteingesessenen beider Altersgruppen diphthongieren in meinem Interviewkorpus das /o:/ am häufigsten (18,7 %, n = 1095), das /e:/ etwas seltener (11,8 %, n = 693) und langes ö am seltensten (8,4 %, n = 119). Vor allem im Vergleich von o und ö zeichnet sich also ab, dass das regiolektale Merkmal der Diphthongierung auch von phonetischen Faktoren beeinflusst wird. Die hier festgestellten Differenzen sind zwar statistisch nicht signifikant, da sich aber innerhalb der Interviews beider Altersgruppen der Alteingesessenen ebenso wie im Gesamtkorpus jeweils ganz ähnliche Zahlenverhältnisse zeigen, kann wohl als Tendenzaussage formuliert werden, dass Vordervokale im mecklenburgischen Regiolekt seltener diphthongiert werden als der lange Hintervokal o.192

Abschließend ist auch bei dieser Variable wieder der regiolektale Sprachgebrauch der Vertriebenenfamilien in die Betrachtung einzubeziehen. Inwieweit hat das typische Merkmal der Regiolekte norddeutscher Küstenregionen Eingang in den Sprachgebrauch der aus den mittel- und oberdeutschen Dialektregionen zugewanderten Vertriebenen gefunden? Die in diesen Gebieten vor 1940 geborenen und nach Mecklenburg zugewanderten Gewährspersonen realisieren die fraglichen Vokale nur zu 9,5 % diphthongisch (n = 960) und sie unterscheiden sich in ihrem standardnahen Sprechen damit bis heute deutlich vom regiolektalen Sprachgebrauch der gleich alten Alteingesessenen (vgl. Abbildung 3.2.3-1).193 In der untersuchten Altersgruppe von zwölf Vertriebenen nähert sich mit 22,5 % standardabweichender Vokalrealisierung nur eine einzige Person, Frau 28 (1936 V), annähernd den Durchschnittswerten für die Ausprägung der Vokale in ← 169 | 170 → der Gruppe der Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration. Fünf weitere Personen dieser Altersgruppe sprechen mehr als 10 % der verwendeten Langvokale diphthongisch aus, bei den übrigen sechs Gewährspersonen bleiben die Standardabweichungen unter 10 % der abgehörten Belegvokale. Zwei der älteren Vertriebenen realisieren die Vokale sogar ausschließlich standardgemäß monophthongisch (vgl. Abb. 3.2.3-2). Die in die Region Rostock zugewanderten Vertriebenen der Vorkriegsgeneration haben das Merkmal des mecklenburgischen Regiolekts also, abgesehen von einer bemerkenswerten Ausnahme, nur in geringem bis sehr geringem Maße in den eigenen Sprachgebrauch übernommen.

Wie bei anderen Merkmalen nimmt die Advergenz an den regiolektalen Sprachgebrauch der Alteingesessenen aber in der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien zu. Die acht untersuchten Personen, die in Mecklenburg nach 1950 als Kinder mindestens eines vertriebenen Elternteils geboren wurden, realisieren die insgesamt 640 Vokalbelege im Durchschnitt zu 14,2 % diphthongisch. Ihr Sprachgebrauch ist damit im Hinblick auf dieses regiolektale Merkmal deutlich standardferner als der der gleichaltrigen Alteingesessenen (vgl. Abb. 3.2.3-1). Auch hier sind es wieder die Kinder jeweils zweier vertriebener Elternteile, die sich das Merkmal des mecklenburgischen Regiolekts in besonderem Maße zu eigen machen. Mit einem Anteil von 21,6 % diphthongierter Langvokale in den Interviews dieser vier Personen (n = 320) sprechen die Nachkommen vertriebener Elternpaare nicht nur deutlich ‚mecklenburgischer‘ als ihre alteingesessenen Altersgenossen, sondern sie reichen fast an den Durchschnittswert der Diphthongierung in den Aufnahmen der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen heran (24,1 %, s. o.). Frau 60 (1952 VV) übertrifft mit einem Anteil von 35 % diphthongierter Vokale diesen Durchschnittswert für die ältere Generation der Alteingesessenen sogar noch erheblich.

Die Kinder mit einem alteingesessenen und einem vertriebenen Elternteil scheinen sich dagegen eher am Sprachgebrauch der alteingesessenen Umgebung zu orientieren. Die vier untersuchten Nachkommen derartiger exogamer Ehen realisieren die Langvokale in den Interviews nur zu 6,9 % diphthongisch (n =320) und sie kommen damit auf ganz ähnliche Frequenzen für die standardabweichenden Varianten wie ihre Altersgenossen mit zwei alteingesessenen Elternteilen (7,2 %, s. o.). Eine hyperfrequente Übernahme des mecklenburgischen regiolektalen Merkmals findet sich also ← 170 | 171 → vor allem unter den Nachkommen von Familien, bei denen beide Elternteile erst nach 1945 in die Region um Rostock immigriert sind.

3.2.4  Das „weiche“ t – Lenisierung von intervokalischem t

Ähnlich wie die Diphthongierung der Langvokale ist auch die Lenisierung194 der stimmlosen Plosive p, t, k „ein regiolektales Merkmal, das als typisch für den nordniedersächsischen und mecklenburgisch-vorpommerschen Raum gelten kann“ (Wilcken 2015 a: 226), während es in den küstenferneren Regionen Norddeutschlands nur selten auftritt. Die norddeutsche Lenisierung stimmloser Plosivlaute wird allgemein auf eine Übertragung der typischen Artikulation der Verschlusslaute im Niederdeutschen auf die standardnahen Sprachlagen zurückgeführt. Die „sehr viel geringere Verschlußspannung und Explosionsintensität“195 der Verschlusslaute im Niederdeutschen wird beispielsweise von den vorpommerschen Gewährsleuten Herrmann-Winters (1979: 164) so stark in die regiolektale Sprechweise übernommen, „daß über den Verlust an Behauchung hinaus Stimmhaftigkeit eintritt, also t > d8, d“ (Mitte > Midde, Ratte > Radde). Schon im südlicher gelegenen mittelpommerschen Sprachraum sei diese Tendenz zur Lenisierung weniger stark ausgeprägt (Herrmann-Winter 1974: 156). Die Karten des Norddeutschen Sprachatlas bestätigen diese areale Abgrenzung des mecklenburgisch- vorpommerschen Regiolekts nach Süden und Osten gegenüber Brandenburg und Mittel­pommern. Ähnliche Vorkommenshäufigkeiten für die Lenisierung wie in Mecklenburg-Vorpommern weisen dagegen im Westen die Regiolekte Nordniedersachsens und Holsteins auf, am häufigsten tritt das regiolektale Merkmal in Schleswig und Dithmarschen auf (Wilcken 2015 a: Karte K.4.1, K4.2 A–B).

Aus dem Vergleich der Ergebnisse des Norddeutschen Sprachatlas mit der älteren Untersuchung Herrmann-Winters lassen sich leider keine klaren Anhaltspunkte für eine Entwicklung des Merkmals in den letzten Jahrzehnten gewinnen, weil hier die Bezugsgrößen der quantitativen Befunde unterschiedlich sind. Aus beiden Untersuchungen wird aber deutlich, dass es sich ← 171 | 172 → um ein regiolektales Merkmal handelt, das in den küstennahen Gebieten Norddeutschlands mit vergleichsweise hohen Frequenzen in der standardnahen Rede auftritt. So stellt Herrmann-Winter (1979: 164) in den 1970er Jahren bei 68,4 % ihrer Gewährsleute unterschiedlichen Alters aus der Region Greifswald fest, dass sie „intervokalisches oder prävokalisches t auch stimmhaft aussprechen“. Der Norddeutsche Sprachatlas weist in seinen beiden mecklenburgisch-vorpommerschen Erhebungsorten Schwaan und Gützkow für inlautendes p, t, k einen Anteil von durchschnittlich 27, 5 % standardabweichender Lenisierung in informellen Tischgesprächen nach (Wilcken 2015 a: 220). Für das besonders häufig lenisierte t nach Kurzvokal liegen die Anteile standardabweichender Realisierungen im Tischgespräch ebenso wie im Interview im mecklenburgischen Schwaan demnach sogar zwischen 40 % und 60 % (ebd.: Karte K4.2 B).

Auch die ersten Befunde des Marburger REDE-Projektes bestätigen bei vier vorpommerschen Sprechern dreier Altersgruppen ein häufiges Vorkommen lenisierter Plosive in verschiedenen Gesprächssituationen (Kehr­ein 2012: 310). Bei Sprechern dreier Generationen auf Rügen gehört die Tendenz zur Lenisierung der Plosive nach der Untersuchung Vorbergers (2017: 155) zu den regionalsprachlichen „Varianten, die in allen Sprachproben auftreten und nur in ihrer Frequenz zwischen den verschiedenen Situationen variieren.“ Wie der Norddeutsche Sprachatlas, der die Lenisierung mit geringen Frequenzen selbst in der Vorleseaussprache der Gewährsleute aus Mecklenburg-Vorpommern nachweist, realisieren auch die Rügener Probanden Vorbergers das Merkmal nicht nur im informellen Freundesgespräch und im halbformellen Interview, sondern auch in der stärker standardorientierten Vorleseaussprache.196 Obwohl das Merkmal von norddeutschen Probanden als hochsalient wahrgenommen wird, wird die Verwendung lenisierter Plosive für viele Sprecher in küstennahen Regionen selbst in standardorientierten Gesprächssituationen als akzeptabel bewertet (Wilcken 2015 a: 223). Zur Entwicklung dieses für den Regiolekt in Mecklenburg-Vorpommern sehr charakteristischen Merkmals gibt die Forschung bisher keine genaueren Anhaltspunkte. ← 172 | 173 →

An dieser Stelle bietet mein Interviewkorpus weiterführende Einblicke. Da hier vor allem diachronische und soziale Aspekte der Lenisierung im mecklenburgischen Regiolekt herausgearbeitet werden sollen, beschränkt sich die Merkmalsanalyse in diesem Fall einfachheitshalber auf das stimmlose t im Inlaut. Die in Norddeutschland ebenfalls häufige Lenisierung von p und k (Pappe > Pabbe, Wecker > Wegger) wird hier nicht untersucht. Überdies wurden im Interviewkorpus nur solche Kontexte abgehört, in denen nach der einschlägigen Forschungsliteratur eine Lenisierung des t in norddeutschen Regiolekten am wahrscheinlichsten vorkommt. Die aktuellen Befunde des Norddeutschen Sprachatlas bestätigen ältere Untersuchungen, wonach die Tendenz zur Lenisierung der intervokalischen Plosive p und t nach Kurzvokalen (Mappe, Mitte) stärker ist als nach langen Vokalen oder Diphthongen (Raupe, Miete).197 Die Realisierung des t wird hier deshalb nur in der Position zwischen Kurzvokal in akzentuierter Silbe und unbetontem Folgevokal (hatte, Mutti, Lotto) überprüft. Die Lenisierung in dieser Lautumgebung steht überdies in einem starken phonetischen Kontrast zu den mittel- und nordbairischen Herkunftsvarietäten vieler Vertriebenen, die in der Position nach Kurzvokal nur Fortisrealisierungen der stimmlosen Plosive kennen.198 Anders als die Vertriebenen aus Nordböhmen und Schlesien, deren Herkunftsdialekte in die Region der sogenannten ← 173 | 174 → mitteldeutschen Konsonantenschwächung mit einem weitgehenden Zusammenfall der Plosivreihen p, t, k und b, d, g gehörten, war zumindest den Zugewanderten west- und südböhmischer sowie mährischer Herkunft eine Lenisierung von intervokalischem t nach Kurzvokal aus den Basisdialekten und Regiolekten ihrer Vertreibungsgebiete unbekannt. Belegwörter, bei denen das stimmlose t dem Verbalsuffix –en vorangeht (wetten, hatten, stritten), werden aus der Betrachtung ausgeschlossen, da hier durch den häufigen Schwa-Ausfall meist keine echte intervokalische Umgebung mehr vorliegt (wett’n, hatt’n, strittn). Die sehr enge Begrenzung der Lautumgebungen für die überprüften t bedingt, dass die Belegzahlen in den Interviews der einzelnen Gewährspersonen vergleichsweise niedrig ausfallen. Eine Gesamtzahl von überprüften 30 Belegstellen für intervokalisches t nach betontem Kurzvokal pro Gewährsperson wurde angestrebt, in Einzelfällen aber nicht ganz erreicht. Insgesamt werden 1165 Belege aus dem Interviewkorpus ausgewertet. Als standardabweichend lenisierte Artikulation des intervokalischen t werden dabei alle Belege codiert, die bei ungespannter Artikulation eine hörbare Tendenz zur Stimmhaftigkeit aufweisen und damit von der Fortisrealisierung der Standardaussprache abweichen.

Die 24 untersuchten alteingesessenen Bewohner meines Untersuchungsgebietes lenisieren das inlautende t nach Kurzvokal in 44,1 % der Belege (n = 623). Im Vergleich etwa mit der Diphthongierung der Langvokale oder der Verwendung der Reliktwörter dat und wat ist die Lenisierung damit auch in meinem Interviewkorpus ein besonders prominentes Kennzeichen des mecklenburgischen Regiolekts. Die Anteile von standardabweichenden Realisierungen des t sind in den Interviews der alteingesessenen Mecklenburgerinnen und Mecklenburger bemerkenswert hoch. Allerdings scheint auch dieses Merkmal recht starken Abbauprozessen zu unterliegen. Die Gebrauchsfrequenzen des lenisierten t fallen von durchschnittlich 62,9 % in den Interviews der zwölf Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration (n = 342) auf nur noch 21,4 % bei den zwölf Angehörigen der Nachkommengeneration ab (n = 281, vgl. Abb. 3.2.4-1).199 Die Tendenz zum Abbau des standardabweichenden Merkmals zeigt sich auch bei dem Vergleich mit historischen Tonaufnahmen: In den fünf 1961 in Rostock geführten Interviews des Pfeffer-Korpus liegt der Anteil der Lenisierung des t in derselben ← 174 | 175 → Lautumgebung noch bei 40 % (n = 35), ohne dass sich hier in den Interviews der Probanden verschiedenen Alters eine klare Entwicklungstendenz ausmachen ließe.200

Abbildung 3.2.4-1: Gebrauch von lenisiertem intervokalischen t in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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Für eine recht starke diachrone Dynamik des Merkmals sprechen auch die sehr großen Spannweiten seiner Varianz zwischen den einzelnen Personen: Bei den Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration bewegt sich der Anteil lenisierter t bei zwölf Gewährsleuten zwischen 6,7 % und 100 %! Der niedrigste Wert für eine standardabweichende Realisierung findet sich in dieser Altersgruppe bei einem emeritierten Hochschulprofessor aus Rostock (Herr 56, 1935 A), sämtliche t vor Kurzvokal lenisiert dagegen ein ehemaliger Landwirt aus Ostseebad Nienhagen (Herr 20, 1932 A). Zwischen den beiden verglichenen Altersgruppen der Alteingesessenen kehrt sich das Verhältnis der ← 175 | 176 → Interviewten, die das t in mehr als der Hälfte der Belegkontexte standardabweichend artikulieren, um: Sind es in der Vorkriegsgeneration noch neun von zwölf untersuchten Gewährsleuten, die das Merkmal mit Frequenzen von über 50 % der Belegkontexte realisieren, so sind es in der Nachkriegsgeneration nur noch drei von zwölf Personen, die Prozentwerte von 50 % und mehr erreichen. Unter den Angehörigen der jüngeren Generation lenisieren zwei Personen intervokalisches t gar nicht mehr. Die Spannweite der interpersonellen Varianz erstreckt sich in der Nachkriegsgeneration der alteingesessenen Familien immerhin noch zwischen 0 % und 73,3 % standardabweichender Aussprache des t.

Abbildung 3.2.4-2: Interpersonelle Varianz bei der Lenisierung von intervokalischem t in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile lenisierter t in Prozent

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Nach Auer (1998: 195) ist die Ausprägung von intervokalischem t und p im Hamburger Regiolekt vom Faktor ‚Geschlecht‘ abhängig, „die Schwächung intervokalischer, in der Standardlautung stimmloser Plosive [ist] (bei den Sprechern unter 40) eine klare Männerform“. Um diesen Zusammenhang ← 176 | 177 → am mecklenburgischen Korpus zu überprüfen, wurden die Männer und Frauen der beiden Generationen der alteingesessenen Befragten jeweils zu Geschlechtergruppen zusammengefasst. Die Verwendungshäufigkeiten standardabweichend lenisierter Plosive weichen bei den elf männlichen Alteingesessenen und den 13 weiblichen Alteingesessenen aus meiner Untersuchungsregion recht deutlich voneinander ab: Während die untersuchten älteren und jüngeren Männer das t im Interview in 61,7 % der Belege (n = 266) lenisieren, weichen die befragten Frauen beider Generationen bei der Realisierung der Variable nur in 31,1 % der Fälle von der Standardaussprache ab (n = 357). Auch in Mecklenburg ist das regiolektale Merkmal unter Männern tendenziell stärker in Gebrauch als unter Frauen.201

Lassen sich Anhaltspunkte für einen Zusammenhang des Merkmalgebrauchs mit dem Urbanitätsgrad des Lebensumfeldes ausmachen? Wegen der starken, individuellen Varianz und der insgesamt recht geringen Belegzahlen für t vor Kurzvokal im Interviewkorpus bringt der Vergleich der quantitativen Verhältnisse in Großstadt, Kleinstadt und Dörfern nur eingeschränkt aussagekräftige Ergebnisse. In der älteren Generation der Alteingesessenen zeichnet sich noch recht deutlich eine tendenzielle Abnahme der Frequenz standardabweichender Realisierungen des t bei zunehmendem Urbanitätsgrad des Lebensumfeldes der Interviewten ab (Dörfer: 86,7 %, n = 120; Kleinstadt: 58,8 %, n = 102; Großstadt: 42,5 %, n = 120). Fasst man allerdings die Ergebnisse für alle 24 Alteingesessenen der Vorkriegs- und der Nachkriegsgeneration zusammen, ist eine solche Tendenz allenfalls noch für den Vergleich der Großstadt mit den Dörfern erkennbar (Großstadt: 40,9 %, n = 203; Kleinstadt: 35,3 %, n = 215; Dörfer: 56,5 %, n = 205). ← 177 | 178 →

Kommen wir abschließend zum Sprachgebrauch der Vertriebenen und ihrer Nachkommen: Die zwölf untersuchten Vertriebenen, die nach dem Krieg in Mecklenburg angesiedelt worden sind, verwenden lenisiertes t in der Position nach Kurzvokal nur in 13,2 % der 319 Belege aus ihren Interviews. Dieser Wert liegt hochsignifikant202 unter der Frequenz von standardabweichend lenisiertem t bei den gleichaltrigen Alteingesessenen (62,9 %, vgl. Abb. 3.2.4-1). Dafür, dass den meisten Zuwanderern die regiolektal mecklenburgische Artikulation des t bis heute fremd geblieben ist, spricht auch, dass sich in den Interviews von fünf der zwölf Personen ausschließlich die standardgemäß aspirierte und stimmlose Aussprache des t findet. Es gibt allerdings schon in der Vorkriegsgeneration der Vertriebenen ein Beispiel für sprachliche Überanpassung an das mecklenburgische Sprachumfeld. Herr 13 (1935 V) nämlich spricht im Interview das t zu 80 % lenisiert aus und liegt damit deutlich über dem Durchschnittswert seiner alteingesessenen Altersgenossen (vgl. den ‚Ausreißer‘ in Abb. 3.2.4-2).203 Dieses Phänomen findet sich verstärkt auch in der Nachkommengeneration der Vertriebenenfamilien wieder. Die acht untersuchten Personen dieser Gruppe lenisieren das intervokalische t im Durchschnitt etwas häufiger als ihre alteingesessenen Altersgenossen (24,7 %, n = 223, vgl. Abb. 3.2.4-1).204 Wenn zu dieser Gruppe auch zwei Personen zählen, die t nie lenisieren, so realisieren andererseits vier der Personen aus Vertriebenenfamilien das t zum Teil sehr viel häufiger standardabweichend als der Durchschnitt der Alteingesessenen. Und auch dieses Merkmal des mecklenburgischen Regiolekts geht mit besonders großer Häufigkeit gerade in den Sprachgebrauch von Personen ein, deren beide Elternteile nach Mecklenburg vertrieben worden sind: Herr 68 (1952 VV: 32,1 %), Frau 60 (1952 VV: 53,3 %) und mit herausragenden Spitzenwerten wiederum Herr 74 (1959 VV: 65,4 %).205 Auch bei der Lenisierung des t finden wir insgesamt eine gegenläufige Dynamik ← 178 | 179 → eines standardadvergenten Merkmalabbaus in der Generationsfolge der Alteingesessenen einerseits und eines standarddivergenten Merkmalausbaus in den Familien Vertriebener andererseits.

3.2.5  Vom Zungenspitzen-r zum Zäpfchen-r – Lautwandel von einer Generation zur nächsten

Nach Richard Wiese (2003: 29) ist der Übergang vom gerollten Zungenspitzen-r zu einem am Zäpfchen artikulierten Reibelaut bzw. Approximanten „arguably the only sound change that many present-day German speakers are aware of within their own lifetime exposure to their language“. Schauspieler aus der Vorkriegszeit beispielsweise hätten noch das vorn artikulierte, apikale r benutzt, Schauspieler der Nachkriegszeit verwendeten „within a short period of transition“ ausschließlich die hintere, uvulare Artikulation des r. In dem hier beschriebenen raschen Lautwandel kulminiert in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine Entwicklung, die im Allgemeinen auf französischen Einfluss seit dem 18. Jahrhundert zurückgeführt wird und sich über die Vermittlung der Großstädte Köln, Stuttgart und Berlin und unterstützt durch den hochdeutschen Schulunterricht im deutschen Sprachgebiet verbreitet habe.206

Bis in die 1980er Jahre hat diese Entwicklung sich in der „Aussprache des Schriftdeutschen“ im Norden, in der Mitte und im Südwesten der Bundesrepublik flächendeckend durchgesetzt: „Das Zungenspitzen-R ist praktisch nur im Südosten anzutreffen.“207 An dieser arealen Gliederung der r-Realisierung in den deutschen Regiolekten hat sich bis heute offenbar kaum etwas geändert. Die aktuell erarbeitete Karte des Atlas zur Aussprache des deutschen Gebrauchsstandards (AADG) belegt für den Großteil des ← 179 | 180 → deutschen Sprachraums „ausnahmslos hintere /r/-Varianten“.208 Innerhalb Deutschlands ist die apikale Aussprache des intervokalischen r demnach ausschließlich in Bayern mit größerer Belegdichte verbreitet. Im gesamten norddeutschen Raum verzeichnet der AADG nur bei einer Gewährsperson in Schleswig vorn artikuliertes r. Dass der Lautwandel in den standardnahen Sprachlagen eine starke Parallele im mecklenburgischen Niederdeutsch hat, werde ich im Abschnitt 5.3.4 genauer darstellen.

Die beschriebenen Entwicklungen im standardnahen Sprachgebrauch wurden mit zeitlicher Verzögerung auch von den normativen Vorschriften der deutschen Aussprachewörterbücher sanktioniert. Wilhelm Viëtor (1941: 22) stellt in der 12. Auflage seiner Aussprache des Schriftdeutschen 1941 zwar fest, dass das „Zungen-[r]“ dem französisch beeinflussten „Zäpfchen-[r]“ „in den Städten schon großenteils gewichen ist“, schreibt aber weiterhin vor, dass das /r/ „mit der Zungenspitze und den oberen Zahnscheiden“ zu bilden sei (ebd.: 6). In der ersten Nachkriegsauflage der Siebsschen Deutschen Hochlautung. Bühnenaussprache wird 1957 „der Tatsache Rechnung getragen, daß der lebendige Sprachgebrauch weithin das Zäpfchen-r verwendet“, und dieser Sprachgebrauch wird erstmalig „als hochsprachlich anerkannt“ (Siebs 1957: 24).209

Seit dem 17. Jahrhundert hat sich neben dem alten deutschen Zungen-r das Zäpfchen-r (R) immer weiter verbreitet, so daß heute beide Formen in der Hochsprache als gleichberechtigt angesehen werden müssen. (ebd.: 61)

„Der Siebs“ empfiehlt in der Nachkriegszeit aber weiterhin, aus „stimmhygienischen“ Gründen „die Zungenspitzenform des r vorzuziehen“ (ebd.).

Das 1964 erstmals erschienene Wörterbuch der deutschen Aussprache der DDR, das „Schauspielern und Rundfunksprechern ebenso […] wie Lehrern, Funktionären in Politik und Wirtschaft“ (Krech et al. 1964: 5) Normen für die Standardlautung nahelegt, differenziert die phonetische ← 180 | 181 → Variation des /r/ weiter aus. Neben den beiden vibrant artikulierten Varianten „Zungenspitzen-r“ und „Zäpfchen-r“ erkennt das Aussprachewörterbuch auch die frikativ gebildete Variante des Zäpfchen-r, das „sogenannte Reibe-r“, als standardsprachlich an. Im absoluten oder gedeckten Wort- und Silbenanlaut sowie nach Kurzvokal gelten die drei r-Varianten nun in der Standardlautung „gleichberechtigt […] nebeneinander“ (ebd.: 48). Bis zur letzten Auflage des DDR-Aussprachewörterbuchs im Jahr 1982 wird der offenbar raschen Weiterentwicklung der r-Artikulation in der Standardsprache Rechnung getragen. Aus dem gleichberechtigten Nebeneinander der drei r-Varianten ist demnach innerhalb von knapp 20 Jahren ein deutliches Dominanzverhältnis geworden:

In der Standardaussprache dominiert in den [bereits 1964 bestimmten] Positionen das Reibe-r, das Zäpfchen-r ist jedoch möglich, das Zungenspitzen-r wird sehr selten verwendet. (Krech et al. 1982: 54)

Für das nun vorherrschende Reibe-r beobachtet das Große Aussprachewörterbuch von 1982 zudem eine stilistische Variante innerhalb der Standardaussprache. In der „Aussprache des ruhigen sachlichen Gesprächs und des Vortrags mit geringerem Spannungsgrad“ sei „die Tendenz zum Reibe-r ohne Friktion (Reibegeräusch)“ kennzeichnend (ebd.: 74).210 Der normative Diskurs der Aussprachewörterbücher hat den Lautwandel des /r/ seit der Mitte des 20. Jahrhunderts also im zeitlichen Nachgang durchaus detailliert abgebildet und nachträglich normativ sanktioniert. Die Tatsache, dass die uvularen Varianten des /r/ (vibrantes Zäpfchen-r und uvulares Reibe-r) seit den 1950er Jahren als Standardaussprache kodifiziert worden sind, dürften den laufenden Sprachwandel erheblich beschleunigt haben.

Wie schlägt sich diese Entwicklung nun im Regiolekt Mecklenburg-Vorpommerns nieder? Für die großräumigen Umgangssprachen Nordniedersachsens und Mecklenburg-Vorpommerns konstatiert Lauf (1996: 205) auf ← 181 | 182 → der Basis von Aufnahmen aus den 1960er Jahren, dass als /r/-Variante in freien Erzählungen bereits „überwiegend ein uvularer Frikativ verwendet“ werde. Allerdings fänden sich bei einzelnen Sprechern „ausschließlich“ und bei einigen anderen „häufig“ apikale Artikulationen. Das Auftreten des Zungenspitzen-r sei demnach in dieser Großregion „offenbar idiolektal“211 in geringem Umfang erhalten. Dagegen hält nach Herrmann-Winter (1974: 156) der Sprachgebrauch in Vorpommern am Anfang der 1970er Jahre „noch weitgehend“ am Zungenspitzen-r fest, während „der dem hochdeutschen Einfluß weit geöffnete [mittelpommersche] Süden“ schon zu einer uvularen Artikulation des r übergegangen sei. Skoczek (2013: 391) findet das regiolektale Zungenspitzen-r in seinem leider nicht näher beschriebenen mecklenburgischen Aufnahmekorpus aus den Jahren 2004−2006 „nur bei einem älteren Sprecher“. Der Norddeutsche Sprachatlas verzeichnet für Probanden mittleren Alters wenig später in Vorpommern keine Belege für apikales r mehr und kann auch im mecklenburgischen Schwaan nur noch sehr seltene Einzelbelege für das Zungenspitzen-r nachweisen (Ehlers 2015 b: Karte K10.1). Auch Kehrein (2012: 311) findet im Raum Stralsund das Zungenspitzen-r in den Aufnahmen seiner vier Probanden aus drei Altersgruppen in standardnahen Sprachlagen „nicht mehr“.

Das Bild vom jähen Verstummen des Zungenspitzen-r in Mecklenburg kann deutlicher herausgearbeitet werden, wenn man eine größere Anzahl von Gewährspersonen aus der Gruppe der älteren und ältesten Sprecher in die linguistische Untersuchung einbezieht. Dazu bietet mein Interviewkorpus gute Voraussetzungen. Da die Artikulation des r sehr stark von der Lautumgebung im Wort abhängt, wurde die Korpusrecherche hier auf wenige phonetische Kontexte begrenzt. Aufgesucht wurden nur Belege für prävokalisches r, der vorangehende Kontext wurde dabei eingeschränkt auf den absoluten Wortanlaut (richtig, Rüben) und auf den gedeckten Wort- oder Silbenanlaut nach den Plosiven t, d, b (Treppe, dreht, breit) sowie dem Frikativ f (Frau, früh). Der gedeckte Silbenanlaut wurde nur nach betonten Präfixen, die auf m, n, und f auslauten, untersucht (Umbruch, andrehen, ← 182 | 183 → auftragen). Die unterschiedlichen Lautkontexte wurden bei der Codierung der Belege ausdifferenziert. Angestrebt wurde, pro Gewährsperson 60 Belege für r in den beschriebenen Kontexten auszuwerten. Diese Belegzahl konnte in mehreren Fällen in den sprachbiographischen Interviews nicht erreicht werden, die Gesamtzahl der abgehörten Belege beträgt aber immerhin 2112. Auf eine Unterscheidung zwischen ein- und mehrschlägiger Realisierung des Zungenspitzen-r wurde wegen der schwierigen akustischen Identifizierung bei der Codierung der abgehörten Belegstellen ebenso verzichtet wie auf eine Differenzierung der verschiedenen Realisierungen des Zäpfchen-r (vibrant, frikativ, approximant). Bei der Auswertung der Belege im Korpus wurde also nur zwischen der vorderen und der hinteren Artikulation des r unterschieden (Zungenspitzen-r versus Zäpfchen-r bzw. Reibe-r), da mit dieser bipolaren Differenzierung eine wesentliche Dimension des rezenten Lautwandels von /r/ beschrieben werden kann.

Nach den referierten Befunden der bisherigen Forschung muss der hohe Anteil von apikalen Realisierungen des r im Gesamtkorpus der 44 untersuchten Interviews aus Rostock und Umgebung zunächst überraschen: Mit 48,1 % werden die 2112 Belegstellen fast zur Hälfte als Zungenspitzen-r artikuliert. Dieser bemerkenswert hohe Prozentwert ist aber darauf zurückzuführen, dass in meinem Untersuchungssample die älteste Sprechergeneration stark vertreten ist, die in früheren empirischen Erhebungen entweder gar nicht oder nur mit sehr geringen Probandenzahlen berücksichtigt wurde. Die Anteile der apikalen Realisierung im Gesamtkorpus gehen nahezu vollständig auf den Sprachgebrauch dieser vor 1940 geborenen Gewährspersonen zurück. In den Interviews der zwölf alteingesessenen Mecklenburger der Vorkriegsgeneration liegt der Durchschnittswert für das Zungenspitzen-r sogar bei 90,1 % (n = 618, vgl. Abb. 3.2.5-1). Von den zwölf Gewährspersonen dieser Altersgruppe verwenden acht das Zungenspitzen-r zu 100 %, drei weitere mit Prozentwerten über 97 %. Als einzige Ausnahme in seiner Generation verwendet Herr 56 (1935 A) das Zungenspitzen-r fast nie (5 %, n = 60). Für die übrigen elf Sprachzeugen ist das Zungenspitzen-r der kaum variable Gebrauchsstandard, der in sämtlichen überprüften phonetischen Kontexten und unabhängig von Geschlecht oder ländlichem bzw. städtischem Lebensumfeld der Probanden in der regiolektalen Rede umgesetzt wird (vgl. Abb. 3.2.5-2). ← 183 | 184 →

Abbildung 3.2.5-1: Gebrauch von prävokalischen apikalem r in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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In der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen schlagen diese quantitativen Verhältnisse buchstäblich in ihr Gegenteil um: Die Personen dieser Altersgruppe realisieren in den zwölf analysierten Interviews im Durchschnitt nur noch 10,2 % vorn artikulierte r (n = 597, vgl. Abb. 3.2.5-1).212 Von den zwölf nach 1949 geborenen Probanden verwenden acht niemals das Zungenspitzen-r, elf Personen realisieren das vordere r in weniger als 3,3 % der abgehörten Belegstellen. Auch in der überprüften Gruppe der jüngeren Alteingesessenen gibt es nur eine Ausnahme: Frau 73 (1962 AA) verwendet das Zungenspitzen-r in den untersuchten Lautkontexten fast immer (98,3 %, n = 59). Auch im Sprachgebrauch der jüngeren Generation der Alteingesessenen gibt es im Hinblick auf das regiolektale Merkmal also so gut wie keine Varianz (vgl. Abb. 3.2.5-2). Das Zungenspitzen-r tritt in dieser Altersgruppe in der Tat nur noch „idiolektal“ (Lauf 1996: 205) bei einer Einzelperson auf. Diese scharfen Kontraste zwischen dem regiolektalen Sprachgebrauch verschiedener Personen haben sich offensichtlich schon in den 1960er Jahren herausgebildet. Von den fünf Probanden des Pfeffer-Korpus, die 1961 in ← 184 | 185 → Rostock interviewt wurden, verwenden drei das Zungenspitzen-r niemals, eine gebraucht das apikale r noch zu 100 % und eine Person kommt in ihrem Interview auf nur 8,6 % apikaler Realisierungen.213

Abbildung 3.2.5-2: Interpersonelle Varianz beim Gebrauch des apikalen r in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile apikaler r in Prozent

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Die Dynamik des Lautwandels des prävokalischen r in Mecklenburg ist im Vergleich mit den bisher vorgestellten Merkmalen des mecklenburgischen Regiolekts ungewöhnlich abrupt. Dem Übergang zu einer neuen Artikulationsweise geht in diesem Falle keine allmähliche Diffusion der älteren Sprachgebrauchsnorm voraus, die sich in zunehmender Variationsbreite des Merkmals in der Sprechergemeinschaft abzeichnet. Vielmehr schlägt ← 185 | 186 → hier ein weitgehend stabiler Sprachusus von einer Generation zur nächsten in einen ebenfalls stabilen neuen Sprachgebrauch um. Die Variation beschränkt sich in den beiden aufeinanderfolgenden Sprechergenerationen auf das idiolektal abweichende Sprachverhalten vereinzelter Personen, die der neuen Sprachgebrauchsnorm gewissermaßen schon vorgreifen bzw. die ältere Norm im eigenen individuellen Sprachgebrauch konservieren.

Außer der schon erwähnten Frau 73 (1962 AA) spricht aus der Gruppe der jüngeren Alteingesessenen in meinem Gesamtkorpus nur noch Herr 58 (1950 AA) das prävokalische r in standardnahen Sprachlagen fast ausschließlich als Zungenspitzen-r. Seine Interviews wurden in die Analyse des regiolektalen Sprachgebrauchs nicht einbezogen, da sie zu weiten Teilen auf Niederdeutsch geführt wurden. Beide Gewährsleute sind sich sehr bewusst darüber, dass sie mit ihrem „rollenden r“ vom üblichen Sprachgebrauch ihrer Altersgruppe auffallend abstechen. Und bei beiden begründet sich der besondere Sprachgebrauch auf einer starken konservativen Normorientierung. So stellt der Lehrer Herr 58 seine Verwendung des apikalen r als bewusst intendiert dar: „Ich habe auch immer viel Wert drauf gelegt auf klare Aussprache. Sie werden es schon gemerkt haben rollendes r auch.“ (Herr 58, 1950 AA, SP2: 58). Er nimmt seine eigene Sprechweise ausdrücklich als „reines Hochdeutsch“ wahr und reagiert „sehr enttäuscht“, wenn sein Bemühen um klare Aussprache nicht gewürdigt wird, wie in einer beispielhaften Erzählung aus seiner Studienzeit über eine Begegnung mit kubanischen Studenten, die in Dresden Deutsch gelernt hatten:

Und dann sagten die zu mir ‚also was sprichst du bloß für ein komisches Deutsch‘. Das ist ja … und da war ich natürlich da war ich ein bisschen enttäuscht drüber und habe nun versucht denen klar zu machen dass ich eigentlich das richtige Hochdeutsch spreche und nicht die anderen ne. (ebd.: 57)

Bei Frau 73, die das r selbst „eben nicht anders“ (Frau 73, 1962 AA, SP: 87) als apikal aussprechen kann, ist es dem Vernehmen nach der Vater, der

immer auch so ein bisschen Wert darauf gelegt hat das r zu rollen. […] Ich glaube er hatte auch mal irgendwie das so erwähnt das gehört sich eben so für unsere Sprache. Sage ich jetzt mal mit meinen Worten. (Frau 73, 1962 AA, SP: 89)

Während sie selbst wie ihre anderen Geschwister das Zungenspitzen-r verwendet, hätte eine Schwester „das r immer so hinten gesprochen“ (ebd.: 79): ← 186 | 187 →

Und meine Schwester war eben die einzige mit diesem krächzigen r. Was haben wir geübt mit ihr. Auch ich mit ihr. Und die hat bestimmt ein paar Schläge abgekriegt weil sie das nicht wollte. (ebd.: 81)

Auch aus der Sicht der alteingesessenen Sprecher stoßen in der Artikulation des r zwei einander strikt ausschließende Aussprachenormen aufeinander. Die Ausnahmeposition, in der sich die Personen mit apikaler r-Artikulation innerhalb der jüngeren Altersgruppe sehen, wird buchstäblich als Normenkonflikt erlebt bzw. im Falle von Herrn 58 als solcher inszeniert.

Wie verteilt sich die Aussprache des r nun unter den zugewanderten Vertriebenen? Die vor 1940 geborenen Vertriebenen verwenden das apikale r zwar nicht ganz so häufig wie die gleichaltrigen Mecklenburger, aber auch bei ihnen erreichen die Anteile für das Zungenspitzen-r durchschnittlich sehr hohe Prozentwerte (vgl. Abb. 3.2.5-1). Nach Luick (1932: 80) sprachen die gebildeten Schichten in Österreich, Südwestböhmen und Südmähren am Beginn der 1930er Jahre umgangssprachlich „in der Regel schwach gerolltes Zungenspitzen r“:

Daneben findet sich als individuelle Eigentümlichkeit auch vielfach Zäpfchen-r, besonders bei Damen, und manche haben eine dunkle Vorstellung, es sei vornehmer. (ebd.)

Nach dieser Darstellung ist davon auszugehen, dass die Zuwanderer die in ihren Herkunftsgebieten zwar nicht konkurrenzlose, aber doch deutlich dominierende Form der regiolektalen r-Realisierung in Mecklenburg zunächst beibehalten haben. Abbildung 3.2.5-1 zeigt aber ähnlich wie im Generationenvergleich bei den Alteingesessenen auch bei den Vertriebenen und ihren Nachkommen einen steilen Abfall der Anteile des Zungenspitzen-r im regiolektalen Sprachgebrauch. Wird das r in prävokalischer Position in den Interviews der zwölf Vertriebenen der Vorkriegsgeneration noch zu 72,1 % (n = 491) der Belegstellen vorn artikuliert, so sprechen die acht untersuchten Nachkommen von Vertriebenenfamilien nur noch 10,1 % der entsprechenden r als Zungenspitzen-r aus (n = 406).214 Die nach 1950 geborenen Angehörigen von Vertriebenenfamilien verwenden das Merkmal damit genau so selten wie die gleichaltrigen Alteingesessenen (10,2 %, vgl. Abb. 3.2.5-1). ← 187 | 188 → Die interpersonelle Varianz innerhalb der Altersgruppen der Vertriebenen ist in ihrer Spannweite ähnlich gering wie bei den Alteingesessenen, allerdings variiert der Sprachgebrauch innerhalb der Vorkriegsgeneration der Vertriebenen deutlich breiter (vgl. Abb. 3.2.5-2). Von den zwölf nach Mecklenburg immigrierten Vertriebenen verwendet die Hälfte ausschließlich das Zungenspitzen-r, bei neun Personen dieser Gruppe liegen die Frequenzen für apikales r bei über 92 %. Als einzige Angehörige der untersuchten Gruppe der Vorkriegsgeneration realisiert Frau 21 (1925 V) aus Schlesien das r ausschließlich uvular. In der jüngeren Generation sind auch hier die Zahlenverhältnisse gleichsam umgekehrt. Von den acht analysierten Probanden dieser Gruppe verwenden sechs das Zungenspitzen-r nie und nur eine Person, Herr 68 (1952 VV), artikuliert das r ausschließlich apikal.215 Die Entwicklungsdynamik der r-Aussprache ist in der Bevölkerungsgruppe der Vertriebenen also eine ganz ähnliche wie bei den Alteingesessenen.

Die hohe Frequenz des apikalen r in den Interviews der nach Mecklenburg vertriebenen Menschen der Vorkriegsgeneration dürfte nur in Ausnahmefällen auf eine sprachliche Anpassung an den Sprachgebrauch des neuen Lebensumfeldes zurückzuführen sein. Da die gerade wegen ihrer Entwicklungsdynamik sehr saliente r-Aussprache von meinen Gewährsleuten in den Interviews öfters spontan thematisiert wird, finden sich im Gesamtkorpus auch einige metasprachliche Aussagen zur Herkunft dieser Aussprache. Sowohl die schon vor dem Krieg mit ihrer Familie aus Schlesien zugewanderte Frau 3 (1924 Z) als auch die aus der Slowakei vertriebene Frau 31 (1936 V) verorten das apikale r, das sie selbst verwenden, in ihrer Herkunftsregion. Ähnlich erklärt sich auch Herr 62, der Sohn eines böhmischen Vaters und einer karpatendeutschen Mutter, seinen eigenen Sprachgebrauch:

Also ich bin zweimal darauf angesprochen worden dass ich ein ein rollendes r spreche was wahrscheinlich aus in der Richtung hier na Sudetenland oder so was kommt. (Herr 62, 1952 VV, SP: 92) ← 188 | 189 →

Die in Nordböhmen geborene Frau 29 (1930 V) meint allerdings, dass ihr rollendes r ein Grund sei, dass Fremde sie als Norddeutsche wahrnähmen. Dieses apikale r, das sie in ihren Interviews mit einem beachtlichen Anteil von 92,3 % realisiert, sei in ihrer Herkunftsregion nicht üblich gewesen und sie habe es erst in Mecklenburg gelernt.

Ähnlich wie im gerade erwähnten Fall der Frau 29 wird das saliente Merkmal in der Kommunikation mit Unbekannten häufig als Regionalmarker wahrgenommen oder mitunter sogar bewusst als Regionalmarker eingesetzt. Dabei macht freilich die regionale Zuordnung des ehemals areal weitverbreiteten Merkmals zum Teil Schwierigkeiten. Als ein markant mecklenburgisches Kennzeichen wird das Zungenspitzen-r von Frau 67 eingesetzt, wenn sie in einer Erzählung über eine Zufallsbegegnung in Süddeutschland, bei der sie und ihr Mann sich als Norddeutsche zu erkennen gaben, bei den Wörtern „Prost“ und „Rostock“ von ihrer normalerweise uvularen r-Aussprache zu einem mehrschlägigen Zungenspitzen-r übergeht: „Prost […]. Ja wir sind aus Rostock!“ (Frau 67, 1964 AA, SP1: 317). Auch andere Gewährspersonen berichten, dass sie wegen ihrer r-Aussprache von Unbekannten als Mecklenburger identifiziert werden:

Manche meinen mich als Mecklenburger zu erkennen […]. An meinem so genannten aber das gibt es woanders auch rollenden r weil ich das immer …. (Herr 64, 1936 A, SP: 292)

Wegen ihres Zungenspitzen-r wird auch der karpatendeutschen Frau 31 eine mecklenburgische Herkunft zugesprochen.

Und wenn wir dann Konferenzen hatten oder Beratungen dann hat man gesagt ‚ach Frau [Name] sprechen Sie doch mal. Ich mag Sie gern Ihr r rollen lassen. Das hört man dass Sie aus Rostock kommen.‘ (Frau 31, 1936 V, SP2: 138)

Der durchgreifende Sprachwandel von der vorderen zur hinteren Realisierung des r in Mecklenburg führt aber auch dazu, dass das saliente Merkmal inzwischen nicht mehr als spezifisch mecklenburgischer Regionalmarker wahrgenommen wird. Frau 73, deren Ausnahmeposition innerhalb der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen oben schon angesprochen wurde, sagt dazu:

Ich selbst finde meine Stimme ist typisch norddeutsch. Ist aber wahrscheinlich meine Einbildung weil manche denken weil ich das r so rolle dass ich von woanders komme. Aber ich bin wirklich urwüchsig. (Frau 73, 1962 AA, SP: 71) ← 189 | 190 →

Das Zungenspitzen-r gilt also unterdessen bei Vielen sogar als sprachliches Indiz für eine nichtmecklenburgische Herkunft. So erlebt es die zunächst nach Vorpommern vertriebene Frau 18 (1938 Z, SP: 67): „Alle sagen ‚Sie sind ja so ein Edel-Roller. Wo kommen Sie denn her?“ Ähnliches erzählt der in Mecklenburg geborene Sohn eines böhmischen Vaters und einer karpatendeutschen Mutter:

Mich mich hat ein ein ein fremder Mann im Zug hat mich angesprochen und hat gesagt ‚sag mal kommst du aus der Lausitz. Du hast so ein komisches r und und so was‘. (Herr 62, 1952 VV, SP: 322)

All diese Berichte bestätigen, dass in Mecklenburg in der Gegenwart zwei konträre Sprachgebrauchsnormen für die Artikulation des r aufeinander stoßen, von denen die aktuellere inzwischen außerhalb der ältesten Bevölkerungsgruppen eine nahezu absolute Dominanz errungen hat. Der abrupte Umschwung des Sprachgebrauchs bei Alteingesessenen wie immigrierten Vertriebenen ist nur durch die starke Vorbildwirkung des neu kodifizierten Aussprachestandards zu erklären, der sich zeitnahe über Medien und Bildungsinstitutionen in den mecklenburgischen Sprachalltag vermittelt haben dürfte. Die Probanden nehmen das saliente Zungenspitzen-r in der Kommunikation mit Unbekannten noch als Regionalmarker wahr, sind sich wegen der Normenkollision aber uneins, ob das regiolektale Merkmal als typisch mecklenburgisch oder gerade als untypisch für Mecklenburg zu gelten hat.

3.2.6  Achtunk, lank und gink – plosivischer Verschluss von [ŋ] im Wortauslaut

Die standardsprachliche Aussprache der Buchstabenfolge <ng> wird in Aussprache­wörterbüchern des Deutschen im Inlaut wie im Auslaut von Wörtern auf den velaren Nasallaut [ŋ] festgelegt: „Man spricht den ng-Laut [ŋ] in deutschen und in einigen fremden Wörtern: Angst [aŋst] […], Gong [gɔŋ] […]“ (Duden Aussprachewörterbuch 2005: 91). Vor allem ältere Aussprachebücher geben dabei ausdrücklich die Anweisung, dass die Realisierung des Nasals [ŋ] nicht in einen Verschlusslaut münden dürfe: „Eine Aussprache des [ŋ] als [nk] oder [ng] ist nicht statthaft.“ (Krech et al. 1964: 47).216 ← 190 | 191 → Die Deutsche Hochsprache von Theodor Siebs (1957: 64) lässt erkennen, an welche Zielgruppe eine solche Ausspracheanweisung hauptsächlich gerichtet ist:

Man hüte sich, hier ŋk oder ŋg zu sprechen (laŋk, 2Eŋglant), wie es besonders in Norddeutschland üblich ist. Langsam (´laŋza:m) und lenksam (´leŋkza:m) müssen deutlich unterschieden werden.

Es ist auch für das Aussprachewörterbuch von Wilhelm Viëtor vor allem die Bevölkerung „in einem großen Teil von Norddeutschland“, die die Buchstabenfolge <ng> üblicherweise mit einem auslautenden Plosiv ausspricht und die im Sinne der orthoepischen Normierung der Standardsprache eigens auf die „mustergültige“, rein nasale Artikulation festgelegt werden muss (Viëtor 1941: 19). In der „gebildeten Umgangssprache“ von Österreich, Südwestböhmen und Südmähren findet Luick (1932: 4, 83–84) am Beginn der 1930er Jahre nur ganz vereinzeltes Auftreten von [ŋk] im (gedeckten) Silbenauslaut oder in Superlativen (z. B. langsam, jüngste, Angst), aber nie im absoluten Wortauslaut (eng, lang). Auch hier kann also von einem phonetischen Kontrast zwischen den Regiolekten der Herkunftsgebiete der Vertriebenen und den Regiolekten in den norddeutschen Zielorten ihrer Migration ausgegangen werden.

Die linguistische Forschung zu den deutschen Regiolekten bestätigt, dass der auslautende Plosiv bei Wörtern auf [ŋ] wie Ding [dIŋ > dIŋk] charakteristischerweise „in allen norddeutschen Umgangssprachen“ (Mihm 2000: 2113) auftrete.217 Der Atlas zur Aussprache des Schriftdeutschen in der Bundesrepublik Deutschland, der sich auf die Analyse der Vorleseaussprache studentischer Probanden aus den 1970er Jahren stützt, zeigt auf der entsprechenden Karte, dass das Merkmal nahezu ausschließlich auf den Norden und die Mitte der BRD begrenzt ist und vor allem im Auslaut betonter Silben nur im niederdeutschen Sprachraum nachzuweisen ist.218 Der unlängst erschienene Norddeutsche Sprachatlas belegt auch für die Gegenwart, dass die Realisierung von ng mit auslautendem Plosiv „sich in ← 191 | 192 → den meisten Gebieten Norddeutschlands (außer am Niederrhein) zu einem festen Bestandteil der regionalen Normensysteme entwickelt hat“ (Wilcken 2015 b: 365).

Dies gilt mit gewissen Abstrichen auch für den Regiolekt Mecklenburg-Vorpommerns. Die frühe soziolinguistische Forschung zur Umgangssprache im Norden der DDR ist sich noch darin einig, dass es sich bei der plosivisch gelösten Aussprache des [ŋ] im Wortauslaut um ein „obligatorisches“ bzw. „verbindliches“ Merkmal der norddeutschen und insbesondere der mecklenburgisch-vorpommerschen Umgangssprache handelt.219 Als verbindliche Variante des gesprochenen Hochdeutsch der Region sei das Merkmal „sozial und funktionalstilistisch neutral“ und markiere „weder soziale, demographische oder andere extralinguistische Differenzierungen der Sprecher“ noch könne es „als stilistisch allophonische Wahlmöglichkeit[…]“ gelten (Herrmann-Winter 1979: 141). Für die im norddeutschen Raum „gesprochene Variante der Literatursprache“ habe die Aussprache [ŋk] vielmehr „Normcharakter“ (ebd.) und werde „allgemein auch von den Sprechern realisiert, die ein gutes Hochdeutsch zu sprechen meinen“ (Dahl 1974: 347).

Gegenüber diesen starken Befunden der Forschung der 1970er Jahre bringen neuere empirische Erhebungen in Teilen abweichende Ergebnisse: Zwar bestätigen die Tonaufnahmen zum Norddeutschen Sprachatlas (NOSA), dass die Realisierung von ng mit auslautendem Plosiv noch heute im gesamten Norden der ehemaligen DDR verbreitet ist, sie kann aber trotz zum Teil hoher Vorkommensfrequenzen nicht uneingeschränkt als obligatorisch bezeichnet werden. Die Anteile für standardabweichendes [ŋk] erreichen nämlich nur in NOSA-Aufnahmen aus dem mittelpommerschen Erhebungsort Strasburg Spitzenwerte von bis zu 90 %. Vor allem aber zeigt sich, dass die Häufigkeit des Merkmals in verschiedenen Aufnahme­situationen sehr deutlich variiert und gerade auch in Mecklenburg die Anteile dieser Variante dabei zum Teil unter 20 % aller Belege für auslautendes ← 192 | 193 → ng liegen.220 Im Gegensatz zu anderen standardabweichenden Merkmalen der norddeutschen Regiolekte nimmt die Verwendungs­häufigkeit des plosivischen Auslauts von [ŋ] dabei gerade in der stark standardorientierten Vorleseaussprache der Probanden markant zu, während sie in den weniger formellen Gesprächssituationen „Interview“ und „Tischgespräch“ deutlich abfällt. Dies spricht, ebenso wie die erwiesene „sehr geringe[…] Salienz“ (Wilcken 2015 b: 364) des Merkmals, dafür, dass es von den norddeutschen Testpersonen „bereits als Teil des standardsprachlichen Spektrums interpretiert wird“ (ebd.: 365). In dieser Hinsicht bestätigt sich also der angenommene „Normcharakter“, den die frühere Forschung dem Merkmal zugesprochen hat. Es wird in der Forschungsliteratur kontrovers diskutiert, inwieweit das häufigere Auftreten des Merkmals gerade in standardorientierten Sprachsituationen durch eine hyperkorrekte „Orientierung an der Schrift“221 zu erklären ist. Demnach könnte die standardorthographische Umsetzung von [ŋ] als <ng> für die Sprecher nahelegen, in den entsprechenden Kontexten eine Lautverbindung mit plosivischem Abschluss [g] bzw. [k] zu realisieren, obwohl dies der kodifizierten Aussprachenorm widerspricht.

Die Frage bleibt, ob die Unterschiede zwischen dem mecklenburgischen Befund der 1970er Jahre („obligatorische Variante“) und den heute nachgewiesenen, durchweg geringeren und in einigen Gesprächssituationen sogar recht niedrigen Gebrauchsfrequenzen von [ŋk] auf eine diachrone Entwicklung in zurückliegenden Jahrzehnten hinweisen könnten. Die bisherige Forschung kommt zu widersprüchlichen Annahmen über die Entwicklungsdynamik des Merkmals in den norddeutschen Regiolekten: Das von Wilhelm Viëtor begründete Wörterbuch zur Aussprache des Schriftdeutschen geht 1941 davon aus, dass die „mustergültige“ Aussprache der Buchstabenfolge ng als [ŋ] die „in großen Teilen Norddeutschlands“ verbreitete Aussprache [ŋk] „bereits langsam zurückdrängt“ (Viëtor 1941: 19). Zu einem gegenläufigen ← 193 | 194 → Befund kommt die empirische Untersuchung Stellmachers zur gesprochenen Sprache in Niedersachsen, die in den Sprachaufnahmen von 75 Sprecherinnen und Sprechern zweier Generationen eine quantitative Zunahme der Verwendung der standardabweichenden plosivischen Aussprache [ŋk] feststellt. Von den älteren Sprechern werde die Verhärtung des Velarnasals im Wortauslaut noch als dialektal wahrgenommen und „im nicht dialektal geführten Gespräch […] so gut es geht gemieden“, während die jüngeren Sprecher dieses Merkmal nicht mehr als dialektal wahrnehmen und „fast ‚obligatorisch‘“ verwenden (Stellmacher 1977: 125, 127). Durch den starken Ausbau des Merkmals ist die plosivische Aussprache von ng nach Stellmacher eines der frequentesten Kennzeichen der niedersächsischen Umgangssprache geworden und führt unter anderem zu häufigen Fehlschreibungen wie Dinck, Ankst, empfink, für die Stellmacher eigens eine schulische „Fehlertherapie“ entwickelt (Stellmacher 1981: 57–59).

Nach neueren Untersuchungen im schleswig-holsteinischen Neumünster ist das Merkmal im lokalen Regiolekt zwar insgesamt deutlich weniger frequent (Lameli 2004: 235), der Vergleich von Tonaufnahmen örtlicher Gemeinderatssitzungen aus den 1950er und 1990er Jahren gebe aber „Anlass zur Hypothese, dass mit einem leichten diachronen Anstieg des Merkmals zu rechnen ist“ (ebd.: 235–236). Aktuelle Untersuchungen zum Norddeutschen Sprachatlas deuten dagegen „eher auf einen Abbau des Merkmals hin“ (Wilcken 2015 b: 362). Der Vergleich von Interviewaufnahmen des Pfeffer-Korpus aus den frühen 1960er Jahren mit dem 2004 bis 2008 aufgezeichneten Korpus des Norddeutschen Sprachatlas lässt deutliche Abbautendenzen des standardabweichenden [ŋk]-Auslauts in den norddeutschen Regiolekten, insbesondere in den westfälischen und ostfälischen Schwerpunktgebieten seiner Verbreitung, erkennen (ebd.: 362–363).

Um die sehr widersprüchlichen Befunde der Forschungsliteratur zur Entwicklungs­dynamik des regiolektalen Merkmals für mein Untersuchungsgebiet überprüfen zu können, wurden in den Transkripten der Interviews von 44 Gewährspersonen der Vorkriegs- und der Nachkriegsgeneration jeweils bis zu 60 Belege für ng im Wortauslaut pro Person aufgesucht und in den entsprechenden Audiodateien auf ihre Realisierung abgehört. Dabei werden Belegwörter von der Auswertung ausgeschlossen, bei denen das Folgewort mit den velaren Plosiven g und k beginnt, weil hier mit Wortgrenzen übergreifenden Lautverschmelzungen zu rechnen ist, die die Realisierung ← 194 | 195 → des ng nicht isoliert erfassen lassen (entlang kam; hing gegenüber). Um die angestrebte Belegzahl annähernd zu erreichen, musste neben dem sprachbiographischen Interview auch das biographische Interview der jeweiligen Gewährspersonen herangezogen werden. Dennoch konnten für zwölf Gewährspersonen nur zwischen elf und 20 Belege, in einem Fall sogar nur sechs auswertbare Belegkontexte für auslautendes ng gefunden werden. Immerhin wurden insgesamt 1460 Korpusbelege für ng in die Analyse einbezogen. Belege mit hörbar plosivem Abschluss des [ŋ] wurden als standarddivergent codiert und den standardgemäßen Realisierungen quantitativ gegenüber gestellt. Da bei den Untersuchungen zum Norddeutschen Sprachatlas „ein leichter Einfluss der Betonungsverhältnisse auf die Realisierung der Variable ng festgestellt“222 wurde, haben wir bei der Codierung der Belegstellen zwischen betonten und unbetonten Endsilben auf ng unterschieden (Schwung, Ding, lang versus Achtung, Flüchtling, Abhang).

Bei einer Gesamtzahl von 1460 abgehörten Belegen beträgt der Anteil der standard­abweichend, also mit plosivischem Verschluss gebildeten ng im Interviewkorpus der 44 untersuchten Gewährspersonen 45,5 %. Auch wenn dieser Anteil standarddivergenter Realisierungen beträchtlich ist, wäre es gewiss abwegig, den plosivischen Verschluss von ng am Wortende in Mecklenburg heute noch als „obligatorisch“ oder „verbindlich“ zu bezeichnen. Das Merkmal wird vielmehr hochgradig variabel gebraucht. Dabei werden betonte Endsilben auf ng (jung, hing, lang) durchschnittlich etwas häufiger mit Plosiv geschlossen (50,4 %, n = 558) als unbetonte Endsilben (Meinung, Richtung, Lehrerausbildung) (42,5 %, n = 902). Hier entsprechen meine Ergebnisse den Befunden des Norddeutschen Sprachatlas, dem zufolge die Plosiv-Aussprache „durch einen betonten Auslaut begünstigt“ werde (Wilcken 2015: 362).

Der Vergleich der ng-Realisierung in den Interviews der untersuchten Sprecher­generationen legt eine leichte Abbautendenz der standardabweichenden Artikulation nahe:223 Während Alteingesessene der Vorkriegsgeneration wortauslautendes [ŋ] noch in 47,8 % der Fälle als [ŋk] bilden (n = 517), tritt die standardabweichende Variante bei den Alteingesessenen ← 195 | 196 → der Nachkriegsgeneration nur noch in 39,2 % (n = 342) der untersuchten Belegkontexte auf (vgl. Abb. 3.2.6-1). Dass diesen Differenzen im Sprachgebrauch der Altersgruppen eine längerfristige Abbaudynamik unterliegt, wird durch die historischen Aufnahmen des Pfeffer-Korpus aus Rostock und Umgebung bekräftigt. Im Jahr 1961 verwendeten fünf Interviewte verschiedenen Alters das wortauslautende ng noch zu durchschnittlich 65,6 % (n = 32) mit standardabweichendem Plosiv.224

Abbildung 3.2.6-1: Gebrauch von [ŋ] im Wortauslaut mit plosivischem Verschluss in Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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Die Befunde für den regiolektalen Sprachgebrauch in den alteingesessenen Familien sollen auch hier mit den Sprachverhältnissen in den Vertriebenenfamilien abgeglichen werden: Der ehemalige Unterschied zwischen der ← 196 | 197 → ng-Realisierung der Alteingesessenen und der zugewanderten Vertriebenen, der für die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch vorausgesetzt werden kann, ist 70 Jahre später scheinbar ganz eingeebnet. Die Entwicklung scheint sogar noch über eine sprachliche Angleichung hinausgegangen zu sein. Heute wird das ‚norddeutsche‘ regiolektale Merkmal von den immigrierten Vertriebenen und ihren Nachkommen tendenziell etwas häufiger verwendet als von den alteingesessenen Mecklenburgern. Mit 50,6 % (n = 350) standardabweichender Realisierungen des ng liegen schon die Vertriebenen der Vorkriegsgeneration heute im Durchschnitt geringfügig vor den gleichaltrigen Alteingesessenen (47,8 %, n = 517).

Abbildung 3.2.6-2: Interpersonelle Varianz beim Gebrauch von plosivisch geschlossenem ng im Wortauslaut in den Familien Alteingesessener (A 1, A 2) und Vertriebener (V 1, V 2) – Anteile in Prozent

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Sowohl unter den Vertriebenen als auch unter den Alteingesessenen dieser älteren Altersgruppe finden sich jeweils zwei Personen, die die standardferne Variante in mehr als 75 % der Belegkontexte verwenden. Nur unter den Vertriebenen der Vorkriegsgeneration gibt es freilich noch eine Gewährsperson, die das ng niemals mit plosivischem Verschluss spricht (Frau 44, 1928 V: 0 %). ← 197 | 198 → Diese Zahlenverhältnisse deuten schon darauf hin, dass die Spannweiten der interpersonellen Varianz für die ng-Aussprache in den beiden älteren Untersuchungsgruppen beträchtlich sind. Diese breite interpersonelle Varianz widerspricht der Annahme von verbindlichen Normvorstellungen in den Sprechergruppen und deutet eher auf eine ausgeprägte Entwicklungsdynamik hin (vgl. Abb. 3.2.6-2). Unter den Angehörigen der Nachkommen­generation der Alteingesessenen und besonders der Vertriebenen variiert das Merkmal im Sprachgebrauch von Person zu Person dann deutlich weniger als noch in der vorausgehenden Generation.

Auch die Nachkommengeneration der Vertriebenen realisiert das wortauslautende ng dabei im Durchschnitt leicht standardferner als die gleichaltrigen Alteingesessenen. In den Interviews der nach 1950 geborenen Angehörigen von Vertriebenenfamilien tritt plosivisches [ŋk] in 42,2 % der Belegkontexte auf (n = 251), bei den Alteingesessenen derselben Generation nur in 39,2 % der 342 Belege (vgl. Abb. 3.2.6-1). Auch wenn diese Unterschiede statistisch nicht signifikant sind, muss doch unterstrichen werden, dass auch im Falle der ng-Aussprache ein regiolektal mecklenburgisches bzw. norddeutsches Merkmal von den Vertriebenen aus dem mittel- und oberdeutschen Raum in unerwartet starkem Maße in den eigenen Sprachgebrauch übernommen wird. Die sprachliche Advergenz an den mecklenburgischen Regiolekt tendiert auch hier zu einer leicht hyperfrequenten Merkmalsübernahme, die sich in diesem Fall auch schon in der Vorkriegsgeneration der Vertriebenen abzeichnet.

Abschließend ist noch auf eine auffallende Besonderheit im Gebrauch der standardabweichenden plosivischen Variante des ng-Auslauts hinzuweisen. Während bei anderen Merkmalen des mecklenburgischen Regiolekts, sofern eine Korrelation mit dem Urbanitätsgrad des Wohnumfelds nachweisbar ist, in der Regel die standardabweichenden Varianten in Kleinstadt und Dorf häufiger als in der Großstadt verwendet werden, liegen die Verhältnisse bei der ng-Aussprache offenbar anders. Die älteren Alteingesessenen aus Rostock realisieren die plosivische Variante des Auslauts mit durchschnittlich 63,4 % (n = 175) häufiger als die gleichaltrigen Alteingesessenen aus der Kleinstadt (52,5 %, n = 162) und auffallend häufiger als die alteingesessenen Dorfbewohner derselben Altersgruppe (28,3 %, n = 180).225 Diese ← 198 | 199 → Zahlenverhältnisse zeigen sich mit weniger ausgeprägten Differenzen auch, wenn man den Sprachgebrauch aller untersuchten Großstädter (Alteingesessene und Vertriebene beider Generationen), die die standardabweichend plosivische Aussprache in 54 % der Belege wählen (n = 417), mit dem Usus im Regiolekt aller Kleinstädter (49,9 %, n = 563) und aller Dorfbewohner (32,9 %, n = 480) vergleicht. Die standardabweichende Aussprache des wortfinalen ng mit plosivem Auslaut kann in Mecklenburg tendenziell als ein ‚städtisches‘ Aussprachemerkmal gelten. Da standarddivergente Varianten bei den meisten bislang untersuchten Regiolektmerkmalen in der Großstadt vergleichsweise am seltensten auftraten, unterstreicht dieser Befund den Sonderstatus der [ŋk]-Variante und damit indirekt auch die Vermutung, dass viele Sprecherinnen und Sprecher diese Variante als standardgemäß auffassen.

3.3  Resümee: Die Entwicklung des mecklenburgischen Regiolekts im Varietätenkontakt

Die Merkmalsanalyse des mecklenburgischen Regiolekts stützt sich in dieser Untersuchung in erster Linie auf den Sprachgebrauch von ortsfesten Gewährspersonen in den Interviews, die ich mit ihnen geführt habe. Die situative Varianz der regionalen Umgangssprache wird in dieser Studie nicht betrachtet. Hier sei für die Altersgruppe der Nachkriegsgeneration beispielsweise auf den Norddeutschen Sprachatlas verwiesen, der sehr anschaulich belegt, dass der Gebrauch regiolektaler Merkmale in der Regel mit abnehmender Formalität der Gesprächssituation zunimmt.226 Der Sprachgebrauch in den Interviews, auf denen meine vorangegangenen Merkmalsanalysen fußen, repräsentiert also nur einen – vergleichsweise standardnahen – Ausschnitt aus dem Sprachverhalten im regiolektalen Spektrum. Die hohe Zahl von 44 ausgewählten Gewährspersonen, deren Sprachgebrauch in der Interviewsituation miteinander verglichen wird, erbringt dafür aber dicht belegte Ergebnisse zur Merkmalsvarianz in verschiedenen sozialen Gruppen der Wohn­bevölkerung von Rostock und Umgebung. Soziale Aspekte des ← 199 | 200 → Sprachgebrauchs und des Sprachwandels sind für Mecklenburg seit den 1970er Jahren nicht mehr auf breiter empirischer Basis untersucht worden. Hier haben meine Ergebnisanalysen zu ausgewählten Merkmalen des mecklenburgischen Regiolekts also ganz neue Einsichten über den aktuellen Sprachstand und jüngere sprachgeschichtliche Entwicklungen ermöglicht, zumal hier überhaupt zum ersten Mal der Sprachgebrauch in den Familien der zugewanderten Vertriebenen mitberücksichtigt wurde.

In den folgenden Abschnitten fasse ich die wichtigsten Ergebnisse der quantitativen Variablenanalyse des Regiolekts kurz zusammen. Dabei sollen die übergreifenden Tendenzen des Sprachsystemwandels und des Varietätenkontaktes herausgearbeitet werden, die in der Zusammenschau der Einzelbefunde auszumachen sind. Da sich derartige Tendenzen im Bereich der regiolektalen Phonetik am profiliertesten abzeichnen, wird in den Abschnitten 3.3.1 und 3.3.2 zunächst die Lautebene des mecklenburgischen Regiolekts auf ihren strukturellen Wandel und ihre Kontaktdynamik beleuchtet. In einem weiteren Schritt (3.3.3) wird dann danach gefragt, ob sich ähnliche merkmalübergreifende Entwicklungstendenzen auch im Bereich der regiolektalen Morphosyntax erkennen lassen.

3.3.1  Vom Regiolekt zum Standard: Überblick über die Entwicklung phonetischer Merkmale des Regiolekts bei alteingesessenen Mecklenburgern

Im Bereich der Phonetik und Phonologie konzentriert sich die Variablenanalyse auf sechs standardabweichende Merkmale, die als kennzeichnend für die regionale Umgangssprache Mecklenburgs gelten können bzw. gelten konnten. Bei den ausgewählten phonetischen Variablen war daher jeweils ein lautlicher Kontrast zwischen der mecklenburgischen Lautvariante und der entsprechenden Standardvariante einerseits und in den meisten Fällen andererseits auch gegenüber der Realisierung dieser Variable in den Regiolekten der Herkunftsgebiete der nach Mecklenburg zugewanderten Vertriebenen zu erwarten. Wenn man die durchschnittlichen Gebrauchsfrequenzen der hier analysierten standardabweichenden Lautmerkmale in den Interviews aller 44 untersuchten Gewährspersonen zusammenfassend überblickt, ergibt sich für den mecklenburgischen Regiolekt das Bild eines charakteristischen Merkmalbündels (vgl. Abb. 3.3.1-1). Die einzelnen Merkmale dieses ← 200 | 201 → Bündels haben dabei allerdings eine sehr unterschiedliche Prominenz in den regiolektalen Äußerungen der Befragten: An erster Stelle der durchschnittlichen Häufigkeit steht im Untersuchungskorpus demnach die Realisierung des wortauslautenden [ŋ] mit plosivischem Abschluss (54,5 %, n = 1460). Den zweithöchsten relativen Anteil erreicht im Untersuchungskorpus das sogenannte Zungenspitzen-r, also die apikale Aussprache des r vor Vokal (48,1 %, n = 2112). Sie wird in der Rangfolge der relativen Häufigkeit von der Lenisierung des t zwischen Kurzvokal und unbetontem Folgevokal (31,9 %, n = 1165) und schließlich vom velarisierten, sogenannten Ostsee-l im absoluten Wortauslaut und vor Dentalplosiv (18,6 %, n = 2903) gefolgt. Die geringsten relativen Häufigkeiten weisen in den 44 Interviews demnach die Diphthongierung der mittleren Langvokale e, o, ö (13,7 %, n = 3507) und der Erhalt des niederdeutschen t in das, dass und was (5,7 %, n = 3394) auf.

Einige der untersuchten Merkmale treten im Untersuchungskorpus also mit bemerkenswert hohen Frequenzen auf, die eine sehr deutliche regionale Markierung der Interviewsprache meiner Gewährspersonen belegen. Dabei erreicht aber selbst das häufigste Merkmal, die plosivische Aussprache des –ng, in meinem Korpus keine Vorkommensfrequenz, die auf eine verbindliche Gebrauchsnorm im Regiolekt schließen ließe. Vielmehr konkurriert regiolektales [ŋk] in den Interviews der Befragten zu nahezu gleichen Anteilen mit standardgemäßem [ŋ]. Die soziolinguistischen Untersuchungen der 1970er Jahre hatten den plosivischen Verschluss des [ŋ] dagegen noch als „obligatorisches Merkmal“227 der Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern angesehen. Dabei ist zu bedenken, dass die Datengrundlage meiner Untersuchung in einer semiformellen Gesprächssituation erhoben wurde. Bei einer Datenerhebung in informellen Freundes- oder Familiengesprächen wären für alle untersuchten regionalen Varianten wohl merklich höhere Gebrauchsfrequenzen zu verzeichnen gewesen. Das Profilbild des mecklenburgischen Regiolekts, das die Abbildung 3.3.1-1 auf der Basis meiner Korpusbefunde veranschaulicht, vermittelt also eher einen Eindruck von der relativen Häufigkeit regiolektaler Lautmerkmale als von ihrem absoluten Frequenzniveau. ← 201 | 202 →

Abbildung 3.3.1-1: Prozentualer Anteil standardabweichender Merkmale des Regiolekts in der Interviewsprache von 44 Gewährspersonen aus Rostock, Schwaan und umliegenden Dörfern

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Und noch etwas ist bei der Interpretation dieses Diagramms zu bedenken: Die Werte für den prozentualen Anteil regiolektaler Merkmale bilden selbstverständlich nur die Verhältnisse im speziell ausgewählten Korpus meiner Interviews ab. Sie entsprechen daher nur bedingt den Gehörseindrücken, die man in den öffentlichen Räumen meines Untersuchungsgebietes gewinnen kann. Das im Korpus so prominente Zungenspitzen-r beispielsweise wird man in öffentlichen Verkehrsmitteln in Rostock oder im Bäckerei-Café in Schwaan eher selten vernehmen – nämlich nur dann, wenn ein Angehöriger der Vorkriegsgeneration spricht, die in meinem Korpus sehr stark vertreten ist. Jüngere Mecklenburgerinnen und Mecklenburger verwenden das apikale r nur noch äußerst selten. Beobachtungen wie diese lassen starke ← 202 | 203 → Unterschiede im regiolektalen Sprachgebrauch der mecklenburgischen Bevölkerung erkennen, die sich auch in meinem Korpus abbilden. Sobald man das Interviewkorpus der 44 Befragten nämlich nach Alterskohorten oder nach Herkunftsgruppen differenziert, kann von einer einheitlichen Charakteristik des mecklenburgischen Regiolekts kaum noch die Rede sein. Der in immer gleicher Erhebungssituation aufgezeichnete standardnahe Sprachgebrauch der ausgewählten Gewährspersonen weist vielmehr eine sehr große Heterogenität auf, die sicher noch stärker hervortreten würde, wenn man auch noch jüngere Altersgruppen als die Vorkriegs- und die Nachkriegsgeneration in die Untersuchung einbeziehen würde. Schon innerhalb einer einzigen Gesprächssituation und innerhalb eines eng begrenzten Untersuchungsgebietes zeigen sich derart große Differenzen im regiolektalen Sprachgebrauch meiner alteingesessenen Interviewpartner, das von dem mecklenburgischen Regiolekt tunlichst nur mit Vorbehalt zu sprechen ist.

Die Heterogenität der Interviewsprache meiner Gewährsleute deutet auf eine starke Entwicklungsdynamik der mecklenburgischen regionalen Umgangssprache in meinem Untersuchungsgebiet hin. Die diachrone Dynamik des mecklenburgischen Regiolekts zeigt sich vor allem dann, wenn man den Sprachgebrauch der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen mit dem Sprachgebrauch ihrer Nachkommengeneration vergleicht (vgl. Abb. 3.3.1-2). Wie in Abschnitt 2.2.1 bereits diskutiert, kann der apparent-time-Vergleich des unterschiedlichen Sprachverhaltens zweier aufeinanderfolgender Generationen aus dem Blickwinkel der Gegenwart natürlich kein exaktes Abbild des Sprachwandels zwischen den Zeiten der sprachlichen Primärsozialisation der beiden Alterskohorten geben. Es ist selbstverständlich in Rechnung zu stellen, dass die Angehörigen dieser Generationen ihren Sprachgebrauch schon in der Spanne ihrer Lebenszeit verändern. So könnten sich beispielsweise die älteren Sprachteilnehmer im Laufe ihres Lebens zum Teil schon an neuere Entwicklungstrends angenähert haben, die erst in der Nachfolgegeneration neu aufgekommen sind. Während also die absolute Geschwindigkeit des Sprachwandels mit der apparent-time-Methode nicht verlässlich abzuschätzen ist, gibt sie aber sichere Anhaltspunkte über die generelle Richtung des Wandels (Bowie 2015: 41) und sie bietet beim Vergleich der gleichgerichteten Entwicklung mehrerer Variablen einer Varietät Hinweise auf die ‚relative Geschwindigkeit‘ ihres Wandels. Abbildung 3.3.1-2 kann die unterschiedlichen ← 203 | 204 → Entwicklungs­dynamiken für die untersuchten Lautmerkmale veranschaulichen, indem sie jeweils die Gebrauchsfrequenzen der standardabweichenden Varianten in den regiolektalen Sprachproben der Vorkriegs- und der Nachkriegsgeneration der alteingesessenen Mecklenburger gegenüber stellt.

Abbildung 3.3.1-2: Phonetik des mecklenburgischen Regiolekts bei Alteingesessenen zweier Generationen (A 1, A 2) – Anteil der standardabweichenden Varianten in Prozent der Belege

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Von den untersuchten sechs Variablen unterliegt im Untersuchungsgebiet eindeutig die Realisierung des prävokalischen r der stärksten Entwicklungsdynamik: Hier fällt der Anteil des Zungenspitzen-r im regiolektalen Sprachgebrauch der Nachkriegsgeneration um nahezu 80 Prozentpunkte gegenüber den Interviews der Vorkriegsgeneration zurück (vgl. Abb. 3.3.1-2). Das Zungenspitzen-r ist unter den Angehörigen der Nachkriegsgeneration ← 204 | 205 → der Alteingesessenen heute überhaupt nur noch bei wenigen Einzelpersonen als idiolektale Besonderheit ihrer Redeweise in Gebrauch. Die Entwicklung des prävokalischen r zeichnet dabei nicht nur eine außerordentlich starke Dynamik, sondern auch ein außergewöhnlicher Verlauf aus: Dem nahezu vollständigen Schwund des Zungenspitzen-r aus dem mecklenburgischen Regiolekt der jüngeren Personen ging in der älteren Generation nämlich keine größere interpersonelle Variation voraus (vgl. Abb. 3.3.1-3, fünfter Boxplot), vielmehr schlägt hier von einer Generation zu nächsten ein sehr stabiler und einheitlicher Sprachgebrauch in einen ebenso einheitlichen, neuen um.

Abbildung 3.3.1-3: Interpersonelle Varianz des Gebrauchs phonetischer Regiolektmerkmale bei Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration (A 1) – Anteile der standardabweichenden Merkmale in Prozent

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Hier bildet die einschneidende Entwicklung des Sprachgebrauchs meiner Gewährspersonen offenbar einen abrupten Wandel des Sprechstandards selbst ab, der zeitnahe durch Aussprachebücher kodifiziert wurde − was den Lautwandel beschleunigt haben dürfte. Vor allem wurden der r-Aussprache auch in den auditiven bzw. audiovisuellen Medien nach dem Ende des Nationalsozialismus ganz neue überregionale Vorbilder ← 205 | 206 → als Orientierungspol gesetzt. Im Falle der r-Aussprache vollzog sich der Lautwandel offenbar nicht über die allmähliche und wechselseitige sprachliche Anpassung der Sprecher in den regionalen Kommunikationsräumen („Mesosynchronisierung“), sondern er wurde seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zumindest zusätzlich über die Vorbilder und Vorgaben von Normierungsinstanzen induziert, die einen überregionalen Aussprachestandard verbreiteten („Makro­synchronisierung“)228. Die Entwicklung des r ist damit ein sehr deutliches Beispiel dafür, dass Sprachwandel durchaus nicht nur über die Variantenakkommodation in der face-to-face-Kommunikation erfolgt, wie Trudgill dies vorsieht, sondern: „die Zielnormen […], denen die Sprecher folgen, sind [hier] nicht materiell in der Kommunikationssituation vorhanden“. Ausschlaggebend für das Sprachverhalten und seine Änderung ist vielmehr nur „die Vorstellung, die die Sprecher von der situationell angemessenen oder erwünschten Varietät haben“ (Mattheier 1996: 45).

Bei den anderen hier untersuchten Merkmalen des mecklenburgischen Regiolekts nimmt die Entwicklung offenbar einen weniger abrupten Verlauf: In einem mittleren Bereich der Abbaudynamik sind das sogenannte Ostsee-l und die Lenisierung des intervokalischen t zu verorten. Der Anteil der standarddifferenten Velarisierung des l fällt im Sprachgebrauch der alteingesessenen Mecklenburger von der Vorkriegs- zur Nachkriegsgeneration um ganze 44,8 Prozentpunkte zurück. Bei der Lenisierung ist der Anteil der standardabweichenden Variante in den Interviews der Nachkriegsgeneration um 41,5 Prozentpunkte geringer als in der älteren Generation (vgl. Abb. 3.3.1-2). In beiden Fällen nehmen die Frequenzen der standardabweichenden Merkmale intergenerationell also deutlich ab, was im Falle des Ostsee-l bereits zum nahezu vollständigen Verstummen eines ehemals charakteristischen Merkmals der mecklenburgischen Umgangssprache führt. Abgebaut wird mit dem velaren l gerade ein areales Spezifikum dieses Regiolekts. Mit der Tilgung des Ostsee-l gleicht sich die mecklenburgische Umgangssprache den angrenzenden regionalen Umgangssprachen an. Auch mit dem fortschreitenden Abbau der Lenisierung verliert der mecklenburgische Regiolekt zunehmend seine areale Spezifik. Als charakteristisches Merkmal der küstennahen norddeutschen Umgangs­sprachen hatte ← 206 | 207 → die häufige Lenisierung der stimmlosen Plosive den mecklenburgischen Regiolekt von den südlich bzw. östlich angrenzenden brandenburgischen und mittelpommerschen Umgangssprachen abgehoben. In der Nachkriegsgeneration tritt diese regionale Besonderheit merklich zurück. Sowohl beim Ostsee-l als auch bei der Lenisierung deuten bereits die großen Spannweiten der interpersonellen Varianz bei der Verwendung der standardabweichenden Merkmale unter den Angehörigen der Vorkriegsgeneration auf die starke Entwicklungsdynamik der Variablen hin (vgl. Abb. 3.3.1-3, erster und vierter Boxplot).

Die Abbaurate fällt naturgemäß bei den standardfernen Merkmalen geringer aus, deren Frequenzen im Sprachgebrach der älteren Generation ohnehin schon vergleichsweise niedrig liegen. Die Anteile der diphthongierten Langvokale werden von der älteren zur jüngeren Generation der alteingesessenen Mecklenburger in der Interviewsituation um fast 17 Prozentpunkte abgebaut, der Gebrauch der Reliktwörter dat und wat geht hier intergenerationell um 10 Prozentpunkte zurück (vgl. Abb. 3.3.1-2). Dat und wat sind damit nahezu vollständig aus dem regiolektalen Sprachgebrauch der Nachkriegsgeneration verschwunden. Mit dieser Entwicklung verstärkt sich der West / Ost-Kontrast gegenüber den Regiolekten in Vorpommern und Mittelpommern, für die – unter berlin-brandenburgischem Einfluss – eher ein zunehmender Gebrauch von dat bzw. dit und wat festzustellen ist.229 Der mecklenburgische Regiolekt kommt hier mit den Sprachverhältnissen im westlich angrenzenden Holstein und Nordniedersachsen überein. Da auch die Diphthongierung der mittleren Langvokale vor allem in küstennahen Regionen Norddeutschlands verbreitet ist, verliert sich mit dem allmählichen Abbau dieses Merkmales ein weiteres ehemaliges Abgrenzungsmerkmal des mecklenburgischen Regiolekts gegenüber der südlichen brandenburgischen Umgangssprache.

Die Entwicklung bei der Realisierung der mittleren Langvokale unterliegt einer offenbar nur relativ schwach ausgeprägten Abbaudynamik. Dem vergleichsweise moderaten Abbau der standardabweichenden Diphthongierung im Sprachgebrauch der Nachkriegs­generation geht unter den Angehörigen der Vorkriegsgeneration eine relativ geringe interpersonelle Variation bei ← 207 | 208 → der Aussprache der Langvokale voraus (vgl. Abb. 3.3.1-3, dritter Boxplot). Bei dat und wat deuten die Korpusbefunde dagegen darauf hin, dass die Endphase der Entwicklung erreicht ist. Hier folgt der fast vollständige Abbau der standardfernen Variante in den Interviews der Nachkriegsgeneration auf ein Entwicklungsstadium des Merkmals, bei dem die interpersonelle Varianz unter den Angehörigen der Vorkriegsgeneration sich bereits auf eine geringe Spannweite beschränkt. Schon in der Vorkriegsgeneration der Mecklenburger verwenden die meisten Gewährsperson kaum noch oder niemals dat oder wat im Interview und nur zwei einzelne Personen aus Kleinstadt und Dorf gebrauchen die niederdeutschen Reliktwörter noch mit Anteilen von 35 % und sogar 74,4 % der ausgewerteten Belege.230

Die geringste Abbautendenz zeigt trotz insgesamt recht hoher Anteile in den Interviews der plosive Abschluss von auslautendem [ŋ]. Hier gehen die Gebrauchsfrequenzen des standardabweichenden Merkmals von einer zur nächsten Generation der Alteingesessenen nur um 8,6 Prozentpunkte zurück (vgl. Abb. 3.3.1-2). Die weite interpersonelle Varianz der ng- Aussprache in der Vorkriegsgeneration, die freilich nicht an die Verhältnisse bei der Realisierung des intervokalischen t heranreicht, spricht auch bei dieser Variablen für eine längerfristig wirkende Entwicklungsdynamik, die unter den untersuchten sechs phonetischen Merkmalen allerdings die geringsten Auswirkungen für den mecklenburgischen Regiolekt hat.231 Der nur sehr flache Abbau des plosivisch geschlossenen ng im Wortauslaut kann damit in Zusammenhang gebracht werden, dass viele der Gewährspersonen diese Form für die eigentlich korrekte Standardaussprache halten und sie nicht als salient wahrnehmen. Die semiformelle Aufnahmesituation dürfte die regiolektale Variante in ihrer durchschnittlichen Gebrauchs­frequenz ← 208 | 209 → in meinem Korpus eher stabilisieren. Die bei allen untersuchten Variablen ganz offensichtlich wirkende Tendenz der Standardannäherung bringt sich bei einer Variante, die von vielen Gewährspersonen offensichtlich für standardgemäß gehalten wird, folgerichtig am wenigsten zur Geltung.

Die quantitative Variablenanalyse meines Interviewkorpus lässt erkennen, dass die Dynamik des beobachteten Sprachwandels zum Teil in einem Zusammenhang mit dem Urbanitätsgrad des Lebensumfeldes der befragten Gewährspersonen steht. Bei mehreren der untersuchten phonetischen Variablen ist der Abbau der standarddifferenten Varianten in der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen in der Großstadt bereits am weitesten vorangeschritten: Das Ostsee-l, die niederdeutschen Reliktwörter dat und wat sowie das lenisierte intervokalische t werden in dieser Altersgruppe von Großstädtern deutlich seltener verwendet als von Kleinstädtern und Dorfbewohnern. Die Tendenz der Standardannäherung, die sich dann im Regiolekt der Nachkriegsgeneration fortsetzt, kündigt sich bei den vor 1940 geborenen Großstädtern also früher an als bei den gleichaltrigen Dorfbewohnern. Der Sprachgebrauch der Kleinstädter nimmt im Hinblick auf seine regionale Markiertheit zum Teil eine Zwischenposition ein. Für den weiteren Abbau der regiolektalen Merkmale könnte daher der standardnähere großstädtische Sprachgebrauch Vorbild gewesen sein.

Bei der Realisierung des r und der mittleren Langvokale lässt sich dagegen in den Korpusbefunden keine eindeutige Korrelation mit dem Urbanitätsgrad der Wohnorte der Probanden erkennen. Umgekehrt liegen die Verhältnisse bei der Aussprache des wortauslautenden ng. Die Variable ist auch hier insofern ein Sonderfall, als gerade die vom kodifizierten Standard abweichende plosivische Realisierung des ng bei den Großstädtern am verbreitetsten ist. Im Vergleich mit den stärker ‚ländlichen‘ Merkmalen des Regiolekts wird diese ‚städtische‘ Variante in der Folgegeneration am wenigsten abgebaut. Auch in diesem relativ geringsten Abbau zeigt sich – wenngleich mit anderen Resultaten als beim Ostsee-l, dat / wat und dem lenisierten t – eine gewisse Vorbildfunktion des großstädtischen Sprachgebrauchs für die Alteingesessenen.232 ← 209 | 210 →

Während sich der Urbanitätsgrad der lokalen Kommunikationsräume also teilweise durchaus als ein wirksamer Faktor in der strukturellen Entwicklung des mecklenburgischen Regiolekts zur Geltung bringt, scheint es keinen systematischen Zusammenhang zwischen dem Geschlecht der Befragten und der linguistischen Ausprägung ihres regiolektalen Sprachgebrauchs zu geben. Allenfalls bei der Lenisierung des intervokalischen t ergab die Korpusanalyse gewisse Indizien für eine genderabhängige Merkmalgewichtung im Regiolekt der Alteingesessenen. Ein merkmalübergreifender Zusammenhang scheint hier aber nicht zu bestehen.

Die Häufigkeit, mit der die phonetischen Merkmale des mecklenburgischen Regiolekts realisiert werden, wird aber nicht nur von sozialen Faktoren wie dem Alter und der Herkunft der Sprechenden und dem Urbanitätsgrad ihres Lebensumfeldes bestimmt, sondern variiert zu einem deutlich weniger ausgeprägten Grad auch mit dem linguistischen Kontext, in dem das jeweilige Regiolektmerkmal auftritt. So scheinen die Frequenzen der Diphthongierung ebenso wie die des velarisierten l partiell auch von der Qualität des betroffenen Vokals bzw. von der Qualität des vorausgehenden Vokals bestimmt zu werden. Im Fall des unverschobenen t im Auslaut von das / dass und des plosivischen Verschlusses von [ŋ] spielen offenbar die Betonungs­verhältnisse eine gewisse Rolle, in welchem quantitativen Maß die Nonstandardvarianten gewählt werden. Derartige sprachinterne Faktoren dürften dazu beitragen, dass sich der Wandel der mecklenburgischen Lautmerkmale in unterschiedlichen sprachlichen Kontexten mit unterschiedlichen ‚relativen Geschwindigkeiten‘ vollzieht.233

In merkmalübergreifender Perspektive können die beobachteten Prozesse des Lautwandels in Mecklenburg (außer bei der Entwicklung der r-Realisierung) in Anlehnung an Trudgill (1986: 107) als „Fokussierung“234 ← 210 | 211 → beschrieben werden, bei der über die zurückliegenden Jahrzehnte hinweg die phonetische Varianz im standardnahen Sprachgebrauch der alteingesessenen Bevölkerung meines Untersuchungsgebietes abnimmt. Im Kontakt des regiolektalen Sprachgebrauchs mit dem überregionalen und kodifizierten Sprechstandard wird die Spannweite der interpersonellen Variation bei der Realisierung der phonetischen Variablen von der Vorkriegs- zur Nachkriegsgeneration in den meisten Fällen deutlich verengt. Dabei verschieben sich die Aussprachepräferenzen der Gewährspersonen durchweg zugunsten der standardsprachlichen Varianten. Dieser Prozess verläuft bei den untersuchten Merkmalen mit unterschiedlicher Dynamik und ist bei zwei der untersuchten Fälle (Ostsee-l, dat / wat) bereits bis zur nahezu vollständigen Tilgung der regiolektalen Varianten vorangeschritten. Im Fall des Zungenspitzen-r und der Diphthongierung der Langvokale könnte das „levelling“ der regiolektalen Merkmale in naher Zukunft bevorstehen bzw. in den jüngsten Altersgruppen der Bevölkerung ebenfalls bereits vollzogen worden sein.

„Levelling“ definiert Trudgill (1986: 126) als „the loss of marked and / or minority forms“. Die Salienz der regiolektalen Merkmale wurde in meiner Erhebung nicht systematisch empirisch getestet.235 Hier bietet der Norddeutsche Sprachatlas gewisse Anhaltspunkte, der die Salienz des Gebrauchs von dat / wat, der diphthongierten Langvokale, der Lenisierung des t, des Zungenspitzen-r und des plosivisch geschlossenen [ŋ] in einer Altersgruppe, die etwa der Nachkriegsgeneration entspricht, experimentell überprüft hat (Elmentaler / Rosenberg 2015 a). Während die Verwendung der ersten vier genannten Merkmale in mehreren norddeutschen Regionen von den Probanden als hochsalient wahrgenommen wurde, kann das plosivisch geschlossene [ŋ] als nur schwach salient gelten. Es erscheint schlüssig, dass die Dynamik der Standardadvergenz insbesondere saliente regiolektale Merkmale erfasst, während die kaum saliente plosivische Aussprache des -ng im Sprachgebrauch vergleichsweise stabil bleibt. ← 211 | 212 →

Hatten bereits die empirischen Untersuchungen der 1970er Jahre ergeben, dass die mecklenburgische Umgangssprache „der Standardsprache sehr nahe“236 stehe, so dürfte durch die hier beschriebenen Lautentwicklungen die Standardnähe unterdessen noch ausgeprägter geworden sein. Die Standardadvergenz des mecklenburgischen Regiolekts manifestiert sich dabei nicht nur darin, dass der Gebrauch standardabweichender Varianten in der Generationsfolge der alteingesessenen Familien mehr oder weniger stark abnimmt, sondern auch darin, dass einige ehemals kennzeichnende Merkmale des Regiolekts ganz aus dem Sprachgebrauch schwinden.237

Die zum Teil stark wirkende Tendenz der Standardannäherung läuft bei den untersuchten regiolektalen Merkmalen zugleich auf eine fortschreitende „Entregionalisierung“ der gesprochenen Alltagssprache (Besch 2003: 24) in Mecklenburg hinaus, die auch für andere Regionen Norddeutschlands in den letzten Jahrzehnten charakteristisch ist. Die zentrale Region Mecklenburgs steht damit sprachgeschichtlich im Einklang mit den benachbarten Umgangssprachen Schleswig-Holsteins und Nord­niedersachsens.238 In lautlicher Hinsicht verliert auch der mecklenburgische Regiolekt in den zurückliegenden Jahrzehnten allmählich seine arealen Konturen. Oder mit Bezug auf die Akteure dieser Entwicklung formuliert: Im intensiven Kontakt mit ← 212 | 213 → dem mündlichen überregionalen Aussprachestandard nehmen die alteingesessenen Mecklenburger von einer regional spezifischen Markierung ihrer umgangssprachlichen Redeweise – jedenfalls in semiformellen Gesprächssituationen – mehr und mehr Abstand. Dieser Prozess der Entregionalisierung ist bei der Nachkriegsgeneration allerdings auch heute noch nicht bis zu einer vollständigen lautlichen Standardangleichung fortgeschritten. Es steht allerdings nicht zu erwarten, dass die regionale Markierung des Sprechens zukünftig ganz ihre kommunikativ-pragmatische Funktionen verlieren wird. Eine vollständige Aufgabe regionalsprachlicher Formen ist recht unwahrscheinlich, solange diese für die Sprecher sozialsymbolischen und identitätsstiftenden Funktionen übernehmen können.

3.3.2  Advergenz an den mecklenburgischen Regiolekt: lautliche (Über)Anpassung in den Vertriebenenfamilien

Bei den Variablenanalysen zu Lautmerkmalen des mecklenburgischen Regiolekts zeigte sich in den Abschnitten unter 3.2 immer wieder, dass die Varietätendynamik in den Familien der Vertriebenen in bemerkenswerter Weise von den Sprachentwicklungen in den alteingesessenen Familien abweicht. Dies wird sehr deutlich, wenn man die Gebrauchsfrequenzen der regiolektalen Lautvarianten in den Interviews der älteren Vertriebenen und Alteingesessenen mit den phonetischen Verhältnissen in den Interviews ihrer jeweiligen Nachkommengeneration vergleicht. Dem intergenerationellen Strukturwandel des mecklenburgischen Regiolekts unterliegen in den Familien der Vertriebenen und der Alteingesessenen in vielen Fällen offensichtlich geradezu entgegengesetzte Entwicklungstendenzen.

Blicken wir aber zunächst auf die merkmalübergreifenden Unterschiede im regiolektalen Sprachgebrauch jeweils der Vorkriegsgeneration beider Herkunftsgruppen, die in Abbildung 3.3.2-1 veranschaulicht werden: Bei fünf der sechs untersuchten Variablen verwenden die vor 1940 geborenen alteingesessenen Mecklenburger die mecklenburgischen Regiolektvarianten in ihren Interviews viel häufiger als die gleichaltrigen Vertriebenen, die 1945 / 1946 ins Land kamen. Besonders groß ist diese Differenz beim sogenannten Ostsee-l und beim lenisierten t, die die älteren Alteingesessenen anteilig etwa fünfmal häufiger in ihren Interviews realisieren als die zugewanderten Vertriebenen (Ostsee-l, Faktor 5,2; Lenisierung, Faktor 4,8). ← 213 | 214 → Die Diphthongierung der Langvokale und die Reliktwörter dat / wat treten in den Interviews der älteren Alteingesessen immerhin noch mit zweieinhalbmal höheren Anteilen in den Interviewgesprächen der zugewanderten Vertriebenen (dat / wat, Faktor: 2,6; Diphthongierung, Faktor: 2,5) auf. Weniger ausgeprägt sind die Unterschiede bei der Aussprache des prävokalischen r, das die Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration nur 1,3-mal so häufig als Zungenspitzen-r sprechen wie die gleichaltrigen Vertriebenen. Nur der plosivische Abschluss des [ŋ] findet sich in den Äußerungen der Vertriebenen geringfügig häufiger als bei den Alteingesessenen (Faktor: 0,9).

Auch über 70 Jahre nach ihrer Ankunft in Mecklenburg unterscheidet sich der umgangssprachliche Usus der Zuwanderer in vielen Punkten also ganz erheblich vom regiolektalen Sprachgebrauch der gleichaltrigen Alteingesessenen. Die meisten der untersuchten Lautmerkmale des mecklenburgischen Regiolekts sind den Immigranten aus den südöstlichen deutschen Sprachregionen bis heute recht fremd geblieben. Abgesehen vom Zungenspitzen-r sind die hier untersuchten Lautvarianten in den Herkunftsgebieten der Vertriebenen nicht oder allenfalls dialektal eng begrenzt verbreitet gewesen. Die zum Teil noch heute feststellbaren Unterschiede im regiolektalen Sprachgebrauch von Alteingesessenen und Vertriebenen der Vorkriegsgeneration interpretiere ich daher als späte Nachklänge von Sprachkontrasten, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch stärker ausgeprägt gewesen sein dürften. Sie geben bis heute ein beredtes Zeugnis von dem vertreibungsbedingten Aufeinandertreffen der südostdeutschen und der autochthon mecklenburgischen Kontaktvarietäten in den mecklenburgischen Kommunikationsräumen.

Beim apikalen r ist allerdings von einer großräumigen Verbreitung in den schlesischen, böhmischen und slowakischen Vertreibungs­gebieten auszugehen. Hier deutet auch die hohe Frequenz des Merkmals in den Interviews der vor 1940 geborenen Vertriebenen (72,1 %) darauf hin, dass sie das prävokalische r bereits vor ihrer Zuwanderung in ihren Herkunftsvarietäten ganz überwiegend als Zungenspitzen-r realisiert, nach Mecklenburg ‚mitgebracht‘ und dort großenteils beibehalten haben. ← 214 | 215 →

Abbildung 3.3.2-1: Phonetische Merkmale des mecklenburgischen Regiolekts bei Alteingesessenen und Vertriebenen der Vorkriegsgeneration – Anteile in Prozent239

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Die vergleichsweise hohe Frequenz der plosivischen Aussprache des [ŋ] in den Interviews der Zuwanderer ist dagegen wohl nur aus einer sprachlichen Anpassung an die mecklenburgischen Sprachverhältnisse zu erklären. Die Lautvariante war nach der vorliegenden Fachliteratur in den südöstlichen Herkunftsgebieten der Vertriebenen – zumal in der hier untersuchten Position im Wortauslaut – kaum bekannt und kann demnach erst in Mecklenburg erworben worden sein. Die starke Angleichung an den Sprachgebrauch der mecklenburgischen Altersgenossen mag in diesem Fall vielleicht damit zu erklären sein, dass auch die Vertriebenen die für sie neue, plosivisch geschlossene Realisierung des [ŋ] als korrekte Standardaussprache angesehen haben. Hier fehlen aber gezielte perzeptionslinguistische Erhebungen zur Bestätigung dieser Interpretation.

Über diese bemerkenswerte Übernahme der norddeutschen Aussprache des wortauslautenden [ŋk] hinaus zeigt die Abbildung 3.3.2-1 unverkennbar ← 215 | 216 → noch andere Spuren sprachlicher Anpassung bei den nach dem Krieg zugewanderten Vertriebenen. Auch wenn die Gebrauchsfrequenzen dabei insgesamt vergleichsweise gering bleiben, so lassen sich in der Interviewsprache dieser Zuwanderer eine ganze Reihe von weiteren phonetischen Kennzeichen des mecklenburgischen Regiolekts nachweisen: das Ostsee-l, die niederdeutschen Reliktwörter dat / wat, die Diphthongierung und die Lenisierung. Dabei ist hervorzuheben, dass diese charakteristischen mecklenburgischen Lautmerkmale in Gesprächen mit mir als einem ortfremden Interviewer auftreten, der die genannten Merkmale selbst nicht produziert. Die adressatenunabhängige Verwendung der mecklenburgischen Lautvarianten belegt, dass sich der regiolektale Sprachgebrauch der zugewanderten Vertriebenen über die long-term accommodation an ihr neues Sprachumfeld situationsübergreifend verändert und bis zu einem gewissen Grad dem mecklenburgischen Regiolekt strukturell angenähert hat.240

Diese Tendenz der Advergenz an den mecklenburgischen Regiolekt bringt sich in der Nachkommengeneration der Vertriebenenfamilien dann noch stärker zur Geltung. Während in den Familien der Alteingesessenen die Verwendung mecklenburgischer Regiolektmerkmale von einer Generation zu nächsten durchweg stark abnimmt, nimmt sie in derselben Generationsfolge der Vertriebenenfamilien bei mehreren der untersuchten Merkmale deutlich zu. In den Vertriebenenfamilien sprechen die Angehörigen der Nachkriegsgeneration in mancher Hinsicht ‚mecklenburgischer’ als ihre Elterngeneration. Dieser verstärkte Gebrauch regiolektaler Lautmerkmale in der Nachkommengeneration der Vertriebenenfamilien lässt sich beim Ostsee-l, bei den Lexemen dat / wat, bei der Diphthongierung der Langvokale und besonders ausgeprägt bei der Lenisierung des intervokalischen t beobachten, bei der sich die Frequenz des standardabweichenden Merkmals in den Vertriebenenfamilien intergenerationell nahezu verdoppelt (vgl. Abb. 3.3.2-2). ← 216 | 217 →

Abbildung 3.3.2-2: Realisierung mecklenburgischer Regiolektmerkmale in der Vorkriegs- und der Nachkriegsgeneration der Familien Vertriebener – Anteile in Prozent

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Die Zunahme standardferner Varianten im regiolektalen Sprachgebrauch der Nachkommen von Vertriebenen begrenzt sich dabei vor allem auf spezifisch mecklenburgische Regiolekt­merkmale und verdankt sich nicht etwa einer – wie immer begründeten – allgemeinen Tendenz zur Standarddivergenz. Während nämlich die Gebrauchsfrequenz von vier Merkmalen, die mit den Herkunftsvarietäten kontrastieren, in den Vertriebenenfamilien intergenerationell zunimmt, wird das Zungenspitzen-r, das auch in ihren Herkunftsvarietäten verbreitet war, wie in den Familien der Alteingesessenen intergenerationell stark abgebaut.241 Im Kapitel 4 wird sich zeigen, dass auch andere standardabweichende ← 217 | 218 → Kennzeichen der Herkunftsvarietäten aus dem Sprachgebrauch der Nachkommen von Vertriebenen schwinden. Der regiolektale Sprachgebrauch der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien ist also nicht einfach generell standardferner als der ihrer Eltern, sondern tatsächlich stärker durch spezifisch mecklenburgische Regiolektmerkmale markiert.

Offensichtlich orientiert sich der Sprachgebrauch in der mecklenburgischen Bevölkerung an zwei unterschiedlichen Normpolen: Während die Entwicklungsdynamik in den alteingesessenen Familien intergenerationell dem überregionalen Aussprachestandard zuneigt, orientieren sich die Angehörigen der Vertriebenenfamilien intergenerationell zunehmend am Regiolekt der älteren Alteingesessenen. Das Zusammenwirken der beiden gegenläufigen Tendenzen führt dazu, dass die jüngere Generation der Vertriebenenfamilien im Hinblick auf mehrere Lautmerkmale heute im Durchschnitt nicht nur ‚mecklenburgischer‘ spricht als ihre zugewanderten Eltern, sondern mecklenburgischer sogar als die gleichaltrigen Nachkommen aus den alteingesessenen Familien. Fünf der sechs untersuchten Lautvarianten des mecklen­burgischen Regiolekts verwenden die Nachkommen der Zuwanderer in ihrer Interviewsprache häufiger als die gleichaltrigen Kinder von Alteingesessenen. Nur im Fall des auch in den Vertreibungsgebieten verbreiteten Zungenspitzen-r haben sie ihren Sprachgebrauch vollständig dem Usus in der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen angeglichen (vgl. Abb. 3.3.2-3).

Abbildung 3.3.2-3: Prozentuale Anteile mecklenburgischer Regiolektmerkmale in den Interviews der Nachkriegs­generation von alteingesessenen Familien (A 2) und Vertriebenen­familien (V 2)

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← 218 | 219 →

Im Vergleich mit dem Sprachgebrauch der nach 1950 geborenen Alteingesessenen fällt das Sprachverhalten der Nachkommen von Vertriebenenfamilien also durch seinen Hyper­regionalismus auf. Nach Kehrein (2012: 38) werden „Hyperformen“ im Varietätenkontakt „bei dem Versuch gebildet, Elemente einer Varietät zu verwenden, die nicht Teil der individuellen System- und Registerkompetenz sind, von deren Existenz die Sprecher aber Kenntnis haben“. Beim Hyperregionalismus der jüngeren Vertriebenen besteht die „normwidrige[…] sprachliche[…] Annäherung“ (Lenz 2005: 75) der Sprecher an den Regiolekt der Alteingesessenen allerdings nicht darin, dass Formen gebildet würden, die aus der Sicht der Zielvarietät ungrammatisch wären: Normwidrig sind nicht die an den mecklenburgischen Regiolekt angeglichenen Lautmerkmale an sich, sondern allenfalls die überschießende Häufigkeit ihres Gebrauchs. Die beobachtete sprachliche Hyperadaption bei den jüngeren Angehörigen der Vertriebenen­familien beruht also keineswegs auf unvollständiger Systemkompetenz im mecklenburgischen Regiolekt, sondern könnte allenfalls auf eine unsichere Registerkompetenz hindeuten. Insofern ist diese Überanpassung von Hyperkorrektionen bzw. Hyperdialektalismen im engeren Sinne zu unterscheiden.242 Wie bei den letztgenannten kontaktlinguistischen Phänomenen geht es aber auch bei der Hyperadaption des mecklenburgischen Regiolekts für die Nachkommen der Vertriebenen offensichtlich darum, Merkmale eines für prestigeträchtig angesehenen Sprachgebrauchs in die eigene Redeweise zu übernehmen.

Die Dynamik der Hyperadaption des mecklenburgischen Regiolekts lässt sich noch genauer fassen, wenn man die acht Probanden aus der Nachkommengeneration der Vertriebenenfamilien näher in den Blick nimmt, deren Interviews hier analysiert worden sind. Den hyperregionalen Sprachgebrauch weisen nämlich vor allem die Personen auf, deren beide Eltern ursprünglich nicht aus Mecklenburg stammen, sondern aus den südöstlichen Vertreibungsgebieten zugewandert sind. Die Nachkommen aus exogamen Ehen, also Gewährspersonen mit einem vertriebenen und einem alteingesessenen Elternteil, zeigen diese Überanpassung nicht durchgängig bzw. nicht so ausgeprägt. Bei ihnen liegt der Anteil der regiolektal-mecklenburgischen ← 219 | 220 → Merkmale je nach Variable meist nur geringfügig über oder unter den durchschnittlichen Gebrauchsfrequenzen in der Gruppe der gleichaltrigen Alteingesessenen. Gewährspersonen, deren beide Eltern nach Mecklenburg vertrieben wurden, verwenden die mecklenburgischen Lautmerkmale dagegen durchgängig deutlich häufiger als ihre Altersgenossen mit zwei alteingesessenen Eltern (vgl. Abb. 3.3.2-4). Beim Ostsee-l, der Verwendung von dat / wat und der Lenisierung des t sind diese Hyperfrequenzen besonders auffallend. Aber auch die Diphthongierung der Langvokale und die plosivische Aussprache des [ŋ] treten bei den Nachkommen von je zwei vertriebenen Elternteilen deutlich frequenter als bei Nachkommen homogen alteingesessener Familien auf.243

Abbildung 3.3.2-4: Regiolektale Merkmale bei Nachkommen alteingesessener Familien (A 2) und Vertriebenenfamilien: VA 2: ein Elternteil alteingesessen, einer vertrieben; VV 2: beide Eltern als Vertriebene zugewandert

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Die Hyperadaption mecklenburgischer Lautmerkmale in den Vertriebenenfamilien erinnert damit stark an die „charakteristische Überkreuzungs-Struktur (cross over pattern)“, die William Labov (1976 [1972]: 19) in seiner berühmten New Yorker Kaufhausstudie herausgearbeitet hat. Auch dort wurde ein phonetisches Merkmal (Realisation des r), das eine bestimmte gesellschaftliche Schicht neu entwickelt hatte und das allgemein als prestigeträchtiges Merkmal angesehen wurde, von den Angehörigen einer anderen Gesellschaftsgruppe, die das Merkmal selbst nicht in der sprachlichen Primärsozialisation erworben hatte, im Erwachsenenalter nachgeahmt und in gewähltem Sprechen hyperfrequent übertrieben. „Die sprachliche Unsicherheit“ (ebd.: 21) der Personen, die das Prestigemerkmal erst im Erwachsenenalter kennenlernen und nachzuahmen versuchen, führt nach Labov dazu, dass sie bei der Nachahmung des prestigeträchtigen Sprachgebrauchs „einen Schritt zu weit“ gehen (ebd.: 22).

Personen aus exogamen Familien, die den regionstypischen Sprachgebrauch schon während ihrer frühen Kindheit durch den alteingesessenen Elternteil erworben haben können, so wäre Labovs Analyse auf Mecklenburg zu übertragen, zeigen diese „sprachliche Unsicherheit“244 bei weitem nicht in dem Maße wie Probanden mit zwei vertriebenen Eltern, die den mecklenburgischen Regiolekt erst außerhalb ihrer familiären Sprachsozialisation kennen gelernt haben. Für die Kinder zweier Zuwanderer gilt offenbar der Sprachgebrauch der älteren Alteingesessenen als Prestigevarietät, an der sie ihren eigenen Sprachgebrauch ausrichten und deren sprachlichen Merkmale sie dabei hyperfrequent nachahmen. Die hyperfrequente Adaption der Orientierungsvarietät ist damit nicht nur Effekt einer unsicheren Register­kompetenz, sondern sie muss zugleich als Ausdruck eines besonders starken (mehr oder weniger unbewussten) Bestrebens interpretiert werden, mecklenburgische Regionalität im eigenen Sprachusus zu markieren. Diese Dynamik der Hyperadvergenz wird umso deutlicher, als ja die jüngeren Alteingesessenen im gleichen Zeitraum vom prägnant regional geprägten Sprachgebrauch ihrer Elterngeneration abrücken und ← 221 | 222 → ihren eigenen Sprachgebrauch zunehmend am überregionalen Standard ausrichteten, der für sie ganz offensichtlich die Prestigevarietät darstellt.

Überanpassung an den mecklenburgischen Regiolekt lässt sich gelegentlich auch schon in der Vorkriegsgeneration der Vertriebenen feststellen, die also selbst noch als Schulkinder, Jugendliche und junge Erwachsene nach Mecklenburg zugewandert sind. Bei diesen Personen bezieht sich die sprachliche Hyperadaption den Korpusbefunden nach aber typischerweise nur auf einzelne Merkmale des mecklenburgischen Regiolekts. Diese werden dabei offenbar als eine Art Leitmerkmal der mecklenburgischen Umgangssprache wahrgenommen und dann im eigenen Sprachgebrauch in einer Häufigkeit reproduziert, die vielfach weit über das Durchschnittsmaß der gleichaltrigen Alteingesessenen hinausschießt. So verwendet beispielsweise Frau 28 (1936 V) unverschobenes dat und wat mehr als doppelt so häufig wie der Durchschnitt der gleichaltrigen Mecklenburger. Sie bleibt aber beim Gebrauch der anderen hier untersuchten phonetischen Merkmale des mecklenburgischen Regiolekts unter den durchschnittlichen Frequenzen in der Gruppe der gleichaltrigen Alteingesessenen. Bei Herrn 13 (1935 V) ist es die Lenisierung des intervokalischen t, die weit überdurchschnittlich oft reproduziert wird, während seine Interviewsprache im Übrigen weniger stark regional mecklenburgisch markiert ist als im Gruppendurchschnitt der vor 1940 geborenen Mecklenburger.

In der Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien gilt die Hyperadaption dann nicht mehr nur einzelnen Leitmerkmalen des mecklenburgischen Regiolekts, sondern hier werden ganze Ensembles von regiolektalen Merkmalen hyperfrequent in den eigenen Sprachgebrauch übernommen. Bei Herrn 57 (1965 VV) liegt der Anteil der Diphthongierung und des plosivisch realisierten [ŋ] über dem Vergleichsdurchschnitt der alteingesessenen Altersgenossen. Bei Frau 60 (1952 VV), Herrn 68 (1968 VV) und Herrn 74 (1959 VV) sind es jeweils vier der untersuchten Lautmerkmale des mecklenburgischen Regiolekts, die hyperfrequent verwendet werden. Bei Herrn 74 geht die Hyperadaption der Regiolektmerkmale sogar so weit, dass er nicht nur stärker regional markiert spricht als seine alteingesessenen Altersgenossen, sondern vier phonetische Merkmale noch häufiger verwendet als der Durchschnitt der Mecklenburger der Vorkriegsgeneration.245 ← 222 | 223 →

Es ist davon auszugehen, dass die Hyperadaption des mecklenburgischen Regiolekts in den Familien der Vertriebenen ein recht weit verbreitetes Phänomen ist, sowohl vereinzelt in der Vorkriegsgeneration als auch in besonderem Maße in der Nachkriegsgeneration.246 In die mecklenburgischen Kommunikationsräume, deren Varietätendynamik nicht zuletzt durch die Tendenz der Entregionalisierung geprägt ist, trägt dieses Sprachverhalten der Zuwanderer­gruppe einen konservativen Zug ein. Der Tendenz der Standardadvergenz, die die Entwicklungsdynamik des Regiolekts in den alteingesessenen mecklenburgischen Familien kennzeichnet, läuft in den Vertriebenenfamilien eine mindestens auf einzelne Regiolektmerkmale bezogene Tendenz der Standarddivergenz entgegen. Das bewusste oder unbewusste Bemühen um eine Anpassung an die regionalen Besonderheiten der Umgangssprache in den Zielorten der Vertreibung führt bei vielen Vertriebenen und ihren Nachkommen zu einem Sprachgebrauch, der stärker regional markiert ist als der der meisten gleichaltrigen Alteingesessenen.

Die germanistische Sprachwissenschaft war sich bisher weitgehend darin einig, dass die massive Immigration der Vertriebenen nicht nur die Aufgabe der Basisdialekte befördert, sondern auch zum „levelling-out of some regionalisms in Standard German“247 beigetragen habe. Mit Bezug auf den „Massenzuzug von Umsiedlern“ im Norden der DDR konstatiert beispielsweise Schönfeld (1989:167–168): „Die umfangreiche Zuwanderung beschleunigte den Rückgang des städtischen Dialekts und lokaler sprachlicher Mittel in der Standardsprache.“ Die Befunde meiner Variablenanalysen zeigen dagegen, dass Zuwanderung der Vertriebenen in Mecklenburg durchaus nicht unmittelbar zu einer Beschleunigung der laufenden Abbauprozesse ← 223 | 224 → regiolektaler Spezifika geführt hat. Schon die Vorkriegsgeneration der Vertriebenen hat diese Spezifika in geringem Umfang in ihren eigenen Sprachgebrauch übernommen bzw. in Einzelfällen sogar hyperfrequent adaptiert. Vor allem die sprachlich überangepassten Nachkommen der Zuwanderer bringen aber verstärkt mecklenburgische Regionalismen in die sprachlichen Synchronisierungsprozesse vor Ort ein – und dürften damit eher zu einer Verlangsamung der laufenden Entregionalisierung des Regiolekts beigetragen haben. In der Bevölkerung meiner Untersuchungsregion sind es gerade die Nachkommen von Vertriebenen, die die stark im Abbau befindlichen Merkmale des mecklenburgischen Regiolekts am stärksten bewahren.

3.3.3  Morphosyntax des Regiolekts bei Alteingesessenen und Vertriebenen

Die Morphosyntax des mecklenburgischen Regiolekts wird hier anhand von vier ausgewählten Merkmalen untersucht, die im spontansprachlichen Interviewkorpus derart häufig auftreten, dass sie einer quantitativen Analyse zugänglich sind. Wenn wir zunächst die Interviews aller 44 ortsfesten Gewährspersonen zugrunde legen, ergeben die quantitativen Analysen ein Profil der relativen Vorkommensfrequenzen für die untersuchten Merkmale, das in Abbildung 3.3.3-1 veranschaulicht wird. Wie im Bereich der Phonetik haben die regiolektalen Varianten auch auf der morphosyntaktischen Ebene in den Interviews eine recht unterschiedliche Prominenz: Von den vier regiolektalen Merkmalen erreicht das temporale denn in den jeweils untersuchten Kontexten mit durchschnittlich 47,2 % der Belege die vergleichsweise höchsten Gebrauchsfrequenzen (n = 1963). Selbst bei diesem sehr prominenten Merkmal wird die standardgemäße Variante des Temporaladverbs dann im Gebrauch aber nicht von der standardabweichenden Variante denn dominiert. Vielmehr verwenden meine Interviewpartner die beiden Varianten im Durchschnitt zu annähernd gleichen Anteilen. Von den vier regiolektalen Merkmalen tritt die ‚norddeutsche‘ Distanzstellung der Pronominaladverbien (da halte ich nichts von) in den Interviews meiner Gewährspersonen mit der vergleichsweise geringsten relativen Häufigkeit auf. Die Distanzstellung erreicht aber immerhin noch einen Anteil von durchschnittlich 18,7 % aller überprüften Pronominaladverbien mit konsonantisch anlautender Präposition (n = 803). Schon die Analyse der ← 224 | 225 → vier ausgewählten Variablen zeigt also, dass die Interviewsprache meiner Gewährspersonen recht deutlich von morphosyntaktischen Varianten geprägt ist, die als standardabweichend und regiolektal (Distanzstellung, komparatives wie, temporales denn) oder zumindest als typisch norddeutsch gelten können (Präteritum). Die morphosyntaktischen Besonderheiten des Sprachgebrauchs der Probanden haben also einen bedeutenden Anteil an der regionalen Markierung ihrer Interviewsprache.

Abbildung 3.3.3-1: Prozentualer Anteil morphosyntaktischer Merkmale des mecklenburgischen Regiolekts in der Interviewsprache von 44 Gewährspersonen248

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Freilich offenbart der regiolektale Sprachgebrauch der 44 interviewten Gewährs­personen auch im Bereich der Morphosyntax eine zum Teil erhebliche Heterogenität und interne Entwicklungsdynamik, wenn man das Untersuchungssample nach Bevölkerungs- bzw. nach Altersgruppen differenziert. Die gegenwärtigen Verhältnisse und die Entwicklungs­dynamik des regiolektalen Sprachgebrauchs in der Untersuchungsregion ähneln dabei im Bereich der Morphosyntax in mehrerlei Hinsicht den Gegebenheiten im Bereich der regiolektalen Phonetik. ← 225 | 226 →

Beschränken wir uns bei der Zusammenfassung der morphosyntaktischen Variablenanalysen zunächst auf die sprachlichen Unterschiede, die sich innerhalb der alteingesessenen Familien manifestieren. Die Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen weicht in ihrem Sprach­gebrauch auch in morphosyntaktischer Hinsicht zum Teil erheblich vom Sprachusus der Elterngeneration ab. Ein apparent-time-Vergleich der Interviews beider Alterskohorten lässt daher auf zum Teil starke diachrone Entwicklungen im Bereich der regiolektalen Morphosyntax schließen. Wie auf phonetischer Ebene zeichnet sich hier einerseits eine übergreifende Richtung des Sprachwandels über die Generationsfolge der alteingesessenen Familien ab. Andererseits wird deutlich, dass diese Entwicklung bei den untersuchten morphosyntaktischen Variablen offenbar jeweils in unterschiedlicher ‚relativer Geschwindigkeit‘ verläuft (vgl. 3.3.1).

Wie die Säulenpaare in Abbildung 3.3.3-2 veranschaulichen, ist bei allen vier morpho­syntaktischen Variablen in der Generationsfolge der alteingesessenen Familien eine Tendenz der Standardannäherung oder – um den Fall des Präteritumschwunds angemessener einzubeziehen – eine Tendenz des Abbaus charakteristisch norddeutscher Merkmale zu beobachten.249 Dabei zeigt sich die Dynamik der Standardadvergenz bei der Wahl der Vergleichspartikel beim Komparativ mit Abstand am stärksten. Hier fallen die Gebrauchshäufigkeiten der standardabweichenden Variante wie (besser wie) in der Generationsfolge der Alteingesessenen um 27,9 Prozentpunkte von 31,9 % auf 4 % zurück (vgl. Abb. 3.3.3-2). Das unter alteingesessenen Mecklenburgern der Vorkriegsgeneration durchaus noch verbreitete Merkmal tritt unter jüngeren Sprechern überhaupt nur noch im idiolektalen Sprachgebrauch von wenigen Einzelpersonen auf und wird aus dem ← 226 | 227 → mecklenburgischen Regiolekt in absehbarer Zeit wohl nahezu vollständig getilgt werden. Der diachrone Prozess der Variantenselektion ist bei dieser Variable schon in der Nachkriegsgeneration der alteingesessenen Familien weitgehend zugunsten der Standardvariante als abgeschlossen. Hintergrund dieser vergleichsweise sehr dynamischen Entwicklung dürfte auch in Mecklenburg die Tatsache sein, dass die Verwendung von wie mit Komparativ in der Wahrnehmung der norddeutschen Bevölkerung heute stark salient ist und als hochgradig stigmatisiert gilt.250

Abbildung 3.3.3-2: Entwicklungsdynamik morphosyntaktischer Regiolektmerkmale bei je zwölf Altein­ge­sessenen zweier Generationen (A 1, A 2) – Anteile der Varianten in Prozent

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Im Vergleich mit dem stigmatisierten Gebrauch von wie in Komparativkonstruktionen wird die Distanzstellung der Pronominaladverbien von norddeutschen Testpersonen deutlich seltener negativ konnotiert und als ← 227 | 228 → korrekturbedürftig bewertet.251 Dies könnte erklären, wieso die Tendenz der Standardannäherung bei dieser morphosyntaktischen Variable deutlich moderater ausfällt als beim komparativen wie. Wie bei den Stellungsvarianten der Pronominaladverbien so nehmen auch bei der Bildung des Temporaladverbs und der Vergangenheitstempora die durchschnittlichen Gebrauchshäufigkeiten der regiolektalen bzw. norddeutschen Varianten unter den Alteingesessenen inter­generationell nur um Spannen von etwa zehn bis zwölf Prozentpunkten ab. Die betreffenden regionalen Merkmale bleiben damit auch bei den jüngeren Alteingesessenen mit beachtlichen Frequenzen in Gebrauch (vgl. Abb. 3.3.3-2). Dabei ist aber auch zu beobachten, dass der Gebrauch der regiolektalen Varianten in der Nachkriegsgeneration zum Teil stark von persönlichen Präferenzen der einzelnen Gewährspersonen gesteuert wird. Die großen Spannweiten in der interpersonellen Varianz des Sprachgebrauchs deuten auf noch unabgeschlossene diachrone Prozesse hin und dürften die Vorbedingungen für einen weiteren Abbau der regiolektalen Varianten in der Morphosyntax darstellen.

Anders als bei den untersuchten phonetischen Merkmalen des Regiolekts ist keines der vier analysierten morphosyntaktischen Merkmale in seiner arealen Verbreitung speziell auf Mecklenburg-Vorpommern oder gar auf Teilgebiete seiner Sprachlandschaft begrenzt. Ihre areale Reichweite erstreckt sich der vorliegenden Forschungsliteratur zufolge vielmehr auf einen gesamtnorddeutschen Regiolektraum, der die niederdeutsche Dialektlandschaft zur Gänze umspannt, und reicht verschiedentlich noch in den mitteldeutschen Raum hinein. Dennoch lässt sich die festgestellte Standardadvergenz in der Morphosyntax der Interviewsprache meiner alteingesessenen Gewährspersonen als eine Tendenz der Entregionalisierung beschreiben, denn mit ihr beginnen großräumige Nord-Süd-Differenzen in der Variantenverteilung zugunsten der überregionalen Varianten des kodifizierten Standards zu verblassen.

Einstweilen wirken derartige Nord-Süd-Differenzen in der arealen Verteilung der Varianten aber auch noch insofern nach, als sie die Unterschiede im Sprachgebrauch der alteingesessenen Mecklenburger und der zugewanderten ← 228 | 229 → Vertriebenen aus den südöstlichen Herkunftsregionen prägen. Bei drei der vier untersuchten Variablen zeigen sich bei den Angehörigen der Vorkriegsgeneration bis heute Unterschiede in der Gebrauchshäufigkeit der regiolektalen Varianten, die auf sprachräumliche Differenzen zurückzuführen sind (vgl. Abb. 3.3.3-3). Die erzwungene Immigration der Menschen aus den südöstlichen Vertreibungsgebieten hat diese sprachräumlichen Differenzen gleichsam in das Innere der mecklenburgischen Kommunikationsräume verschoben und die Heterogenität des regiolektalen Sprachgebrauchs dort bedeutend erhöht.

Dabei hat allerdings die Variante des komparativen wie einen Sonderstatus unter den vier untersuchten Merkmalen. Hier bestätigt meine Untersuchung zunächst die ältere Forschungsliteratur zum mecklenburgischen Regiolekt, die das Merkmal als kennzeichnend für die regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern ansieht. Komparatives wie wird auch von meinen alteingesessenen Interviewpartnern der Vorkriegsgeneration mit hohen Anteilen von über 30 % der Belege verwendet. Meine Ergebnisse belegen aber auch, dass das Merkmal in den Herkunftsvarietäten der Vertriebenen noch deutlich stärker verbreitet war als im mecklenburgischen Regiolekt. Die Zuwanderer der Vorkriegsgeneration verwenden es auch heute noch annähernd doppelt so häufig wie die gleichaltrigen Alteingesessenen (vgl. Abb. 3.3.3-3). Im Vergleich mit den mecklenburgischen Sprachverhältnissen kann das komparative wie daher eher als eine ‚südostdeutsche‘ Variante bezeichnet werden. Auch aktuelle Erhebungen des Atlas der deutschen Alltagssprache (ADA) lokalisieren die Variante schwerpunktmäßig im Süden des deutschen Sprachgebietes.252

Die Distanzstellung der Pronominaladverbien und das Präteritum, die in den Herkunfts­varietäten der Vertriebenen nicht bzw. kaum verbreitet waren, werden dagegen von den nach dem Krieg zugewanderten Gewährspersonen bis heute im Durchschnitt seltener verwendet als von den Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration (vgl. Abb. 3.3.3-3). Aber dass die Zuwanderer diese Varianten in ihrer Interviewsprache überhaupt in nennenswertem Umfang gebrauchen, dürfte auf eine sprachliche Anpassung an ← 229 | 230 →

Abbildung 3.3.3-3: Prozentuale Anteile regiolektaler morphosyntaktischer Varianten in den Interviews von je zwölf Alteingesessenen (A 1) und zwölf Vertriebenen (V 1) der Vorkriegsgeneration

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das mecklenburgische Sprachumfeld zurückzuführen sein. Der Gebrauch des temporalen denn, das von einigen Vertriebenen der Vorkriegsgeneration sogar hyperfrequent adaptiert wird, zeigt sehr deutlich, dass eine derartige sprachliche Anpassung an den mecklen­burgischen Regiolekt in den vergangenen 70 Jahren stattgefunden hat. Die Vertriebenen der Vorkriegsgeneration dürften die standardabweichende Variante des Temporaladverbs größtenteils überhaupt erst in Mecklenburg kennen gelernt haben, sie verwenden sie aber heute im Durchschnitt ebenso häufig wie die vor 1940 geborenen Alteingesessenen (vgl. Abb. 3.3.3-3). Die vollständige Angleichung des Sprachgebrauchs geht in diesem Fall wohl darauf zurück, dass hier nur ein einzelnes Lexem in den eigenen Sprachgebrauch integriert werden musste, um eine Anpassung zu erreichen.

Wie entwickelt sich der Gebrauch der morphosyntaktischen Merkmale von dieser Ausgangslage über die Generationsfolge der Vertriebenenfamilien weiter? Auf den ersten Blick scheinen die Übereinstimmungen mit den Entwicklungen in den alteingesessenen Familien zu überwiegen: Bei immerhin drei der vier untersuchten morphosyntaktischen Varianten zeigt sich auch ← 230 | 231 → über die Generationsfolge der Vertriebenenfamilien eine Entwicklung der Standardadvergenz (vgl. Abb. 3.3.3-4). Allerdings bringt sich diese Tendenz nur beim Abbau des wie in Komparativkonstruktionen mit der gleichen, starken Dynamik zur Geltung wie bei den Alteingesessenen: In beiden Herkunftsgruppen fallen die Anteile der standardabweichenden Variante wie gleichermaßen um etwa 28 Prozentpunkte. Freilich findet das besonders in den Herkunftsvarietäten der Vertriebenen verbreitete Merkmal trotz dieses starken Abbaus bei den Nachkommen der Vertriebenen immer noch deutlich häufiger Verwendung als bei den gleichaltrigen Alteingesessenen, die die stigmatisierte Variante fast ganz aus ihrem Sprachgebrauch getilgt haben.

Beim temporalen denn und beim Präteritum fällt der Abbau der norddeutschen Varianten bei den Vertriebenen aber deutlich schwächer aus als in den alteingesessenen Familien. Verringern sich die Anteile der beiden regiolektalen Varianten in der Generations­folge der Alteingesessenen um etwa elf bzw. zwölf Prozentpunkte, so bleibt es in den Vertriebenenfamilien bei einer Abnahme der durchschnittlichen Anteile um etwa drei Prozentpunkte von der älteren zur jüngeren Generation. Im Fall der Distanzstellung der Pronominaladverbien steht dem Abbau der Variante in den alteingesessenen Familien (um 10,2 Prozentpunkte) in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien sogar eine leichte Zunahme der Gebrauchsfrequenz entgegen (vgl. Abb. 3.3.3-4). In den Familien der Vertriebenen scheinen die typisch norddeutschen Varianten und die süddeutschen morphosyntaktischen Varianten einer je unterschiedlichen Entwicklungsdynamik zu unterliegen. Dies zeigt sich besonders deutlich an den Stellungsvarianten der Pronominaladverbien. Hier habe ich in Abschnitt 3.1.1 gezeigt, dass die süddeutsche Variante der Distanzverdopplung (da halte ich nichts davon) in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien abgebaut wird, während im gleichen Zeitraum der durchschnittliche Anteil der norddeutschen Distanzstellung (da halte ich nichts von) – gegen den Trend in den alteingesessenen Familien! – bei den Nachkommen der Vertriebenen sogar leicht zunimmt (vgl. auch Abb. 3.3.3-4). ← 231 | 232 →

Abbildung 3.3.3-4: Prozentuale Anteile regiolektaler morphosyntaktischer Varianten in den Interviews der Angehörigen von alteingesessenen Familien (A 1, A 2) und Vertriebenenfamilien (V 1, V 2)

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Im Bereich der Morphosyntax bestätigen sich – bei insgesamt weniger stark ausgeprägten Unterschieden zwischen dem Sprachverhalten der Herkunfts- und Altersgruppen – Beobachtungen, die bereits im Bereich der regiolektalen Phonetik gemacht worden sind: Orientierungspol für die Entwicklungsdynamik im Regiolekt der Alteingesessenen ist der kodifizierte Standard und diese Dynamik weist damit auf eine allmähliche Entregionalisierung des mecklenburgischen Regiolekts voraus. Derselben Abbaudynamik unterliegen im Sprachgebrauch der Vertriebenenfamilien die aus den südostdeutschen Vertreibungsgebieten tradierten morphosyntaktischen Merkmale der Herkunftsregiolekte (komparatives wie, Distanzverdopplung bei Pronominaladverbien). Die Tendenz der Standardannäherung interferiert aber in der Generationsfolge der Vertriebenenfamilien offensichtlich mit der sprachlichen Orientierung am regiolektalen Sprachgebrauch der älteren Alteingesessenen, der hier zu einem zweiten, mitunter sogar dominanten Pol der sprachlichen Anpassung wird. Die Orientierung auf diesen zweiten Normhorizont des regiolektalen Sprachgebrauchs führt dazu, dass der Abbau der norddeutschen Varianten in den Vertriebenenfamilien intergenerationell langsamer erfolgt als bei Alteingesessenen (temporales denn, Präteritum). In einem Fall führt diese Orientierung sogar dazu, dass die ← 232 | 233 → norddeutsche Variante hier durch hyperfrequente Adaption stabilisiert wird (Distanzstellung der Pronominaladverbien). Die Advergenz­bestrebungen der Vertriebenen und ihrer Nachkommen dürften sich auch bei den Entwicklungen im Bereich der Morphosyntax eher retardierend auf die dominante Tendenz der Entregionalisierung innerhalb der mecklenburgischen Varietätendynamik auswirken. ← 233 | 234 →


108 Zur Datengrundlage für die Analyse des Regiolekts vgl. Abschnitt 2.2.1.

109 Zur Bezeichnung und zum syntaktischen Status der Pronominaladverbien vgl. Negele (2010: 1064–1066).

110 Die erste Auflage der Duden-Grammatik verweist die Distanzstellung noch ausdrücklich in „die ältere Sprache“ (Duden Grammatik 1937: 79), die zweite und die vierte Neuauflage erwähnen neben der Kontaktstellung überhaupt keine Stellungsvarianten der Pronominaladverbien und bringen auch ausschließlich entsprechende Beispiele (Duden Grammatik 1966 und 1984). Die aktuelle Neuauflage der Duden-Grammatik thematisiert mit Blick auf die jüngere Forschungsliteratur verschiedene Stellungsvarianten der Pronominaladverbien, weist dabei die Distanzstellung „der gesprochenen Sprache (v. a. im Norddeutschen)“ und die „Doppelformen“ „der gesprochenen Sprache (v. a. in Süd- und Mitteldeutschland)“ zu. Die Varianz wird ausdrücklich auf die „regionalen Varietäten des Deutschen“ begrenzt: „Solche Formen sind nicht standard-, sondern regionalsprachlich.“ (Duden Grammatik 2016: 593, 882, 893).

111 Elspaß / Möller (2003 ff.): ADA-Karten damit, davon, daran (Frage 21 a–c). Auf die weiteren süddeutschen Varianten mit dem und von dem soll hier nicht eingegangen werden.

112 Elspaß / Möller (2003 ff.): ADA-Karten davon / darauf (Frage 11, 12).

113 Einen kurzen Forschungsüberblick bringt Jürgens (2013: 130–133).

114 Vgl. Gernentz (1974: 233). Gernentz weist darauf hin, dass die Getrenntstellung in der mecklenburgischen Umgangssprache auch bei Fragepronomen häufig zu finden ist: Wo hast du das mit gemacht?

115 Vgl. Schönfeld (1974: 82) und Schönfeld / Pape (1981: 164).

116 Protze 1997: 271. Auf der schon erwähnten ADA-Karte reicht das Verbreitungsgebiet der Distanzstellung im ostdeutschen Raum noch weiter in den Süden, ausgespart ist nur der äußerste Südosten Thüringens und der Süden Sachsens.

117 Jürgens differenziert dabei nicht zwischen Pronominaladverbien mit vokalisch oder konsonantisch anlautendem Präpositionalteil.

118 „Zur Definition der Wortklasse Pronominaladverb muss zusätzlich die Funktion herangezogen werden, um Pronominaladverbien beispielsweise von formgleichen Konjunktionen oder Adverbien unterscheiden zu können.“ (Jürgens 2013: 130).

119 Dass Jürgens (2013: 141) in ihrem Teilkorpus für das vorpommersche Gützkow einen, wenn auch geringen Prozentsatz (1 %) von kurzen Verdopplungen nachweisen kann, mag daran liegen, dass sie auch Pronominal­adverbien mit vokalisch anlautender Präposition in die Untersuchung einbezieht (dadrin, dadrüber).

120 Wie schon Protzes (1997: 171) Befragung widersprechen auch meine Korpus-Befunde der These Höders (2011: 121), wonach „Formen mit verdoppelter Pro-Partikel bei konsonantischen Präpositionen“ in norddeutschen Regiolekten „fehlen“.

121 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF). Personensiglen PF320, PF333, PF335, PF337, PF340, www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

122 Die Differenz ist bei den insgesamt niedrigen Belegzahlen allerdings nicht signifikant und kann nur als Hinweis auf eine Entwicklungstendenz gewertet werden, die an einem noch größeren Korpus bestätigt werden müsste.

123 Die sogenannte Boxplot-Darstellung vermittelt einen übersichtlichen Eindruck von der Lage und Streuung der Daten im Korpus. Hier und in den folgenden Boxplot-Graphiken wird Spannweite der interpersonellen Varianz bei der Realisierung der standarddivergenten Merkmale in den vier verglichenen Alters- und Herkunftsgruppen abgebildet. Die graue „Box“ umfasst dabei jeweils den Bereich der mittleren 50 % der Daten für die jeweilige Gruppe. Sie wird durch den Medianstrich durchzogen, der das gesamte Diagramm in zwei Hälften teilt, in denen jeweils 50 % der Daten liegen. Die sogenannten „Antennen“ veranschaulichen die Streuung der Daten außerhalb der jeweiligen Box. Mit einem Punkt werden individuelle „Ausreißer“ innerhalb des Datenfeldes markiert.

124 Auch hier sind die im Säulendiagramm veranschaulichten Wertdifferenzen wegen der geringen Belegzahlen statistisch nicht signifikant und erlauben nur Tendenzaussagen.

125 Während der Grammatik-Duden von 1937 als noch als Vergleichskonjunktion auch „bei der Angabe der Gleichheit des Grades, der Intensität“ zulässt (So hoch, als der Mensch […] sich zu erheben vermag […]. Duden Grammatik 1937: 246–247), legen alle Nachkriegsauflagen des Duden ebenso wie der Ergänzungsband des Grammatik-Duden für die DDR die Konjunktion wie in der „Hochsprache“ ausschließlich auf Kontexte nach Positiv und als ausschließlich auf Kontexte nach Komparativ fest (vgl. Duden Grammatik 1966: 231, 233; Duden Grammatik 1984: 304–305; Jung 1954: 67–68, 172). Es wird allerdings eingeräumt, dass wie „in der Alltagssprache“ (Duden Grammatik 1966: 233) bzw. „besonders in der gesprochenen Umgangssprache“ weiterhin „häufig“ verwendet werde (Duden Grammatik 1984: 305).

126 Lipold (1983: 1238), vgl. ebd. die Karte auf S. 1237.

127 „Im Hochdeutschen gilt bei Ungleichheit als und bei Gleichheit wie. Kennzeichnend niederdeutsch gilt stets die Vergleichskonjunktion as.“ (Thies 2011: 195).

128 Eine tabellarische Übersicht über die Phasen dieser Gebrauchsverschiebung bringt Elspaß (2005: 284).

129 Schulische Bemühungen der 1930er Jahre, den Schülern der mecklenburgischen Landschulen den Funktionsunterschied zwischen als und wie in Übungseinheiten im Deutschunterricht zu vermitteln, scheinen demnach ohne nachhaltige Wirkung geblieben zu sein, vgl. die entsprechenden Übungen in Evermann / Fust 1931: Doppelseiten 14–15.

130 Ähnlich argumentiert später auch Schikorsky (1990: 268) damit, „daß im Verlauf des 19. Jahrhunderts das veraltende und teilweise dialektal markierte ‚als‘ eine stilistische Abwertung und – im Gegenzug – das modernere ‚wie‘ dafür eine stilistische Aufwertung erfuhr. Daraus entwickelte sich dann […] eine Phase grammatischer Überkompensation […], in der ‚wie‘ auch in Fällen gesetzt wurde, in denen ‚als‘ regelkonform gewesen wäre.“ Dass diese Argumentation nur vor dem dialektalen Hintergrund Norddeutschlands schlüssig ist, merkt Elspaß (2005: 288) an.

131 Elspaß / Möller 2003 ff., Karte „Vergleichspartikel nach Komparativ“, Frage 5a.

132 Die Differenzen zwischen den Altersstufen innerhalb der Bevölkerungsgruppen der Alteingesessenen und der Vertriebenen (vgl. Abb. 3.1.2-1) sind bei derart geringen Belegzahlen nicht signifikant.

133 Dieses Nebeneinander der beiden Varianten weisen punktuell auch die Interviewaufnahmen des Pfeffer-Korpus von 1961 auf. Von fünf Gewährspersonen aus Rostock verwendet eine Person die Vergleichsformel mehr wie (PF340), eine andere den Vergleich mehr als (PF337), IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF). Sprechersiglen PF320, PF333, PF335, PF337, PF340, vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

134 Allerdings ist auch die Differenz zwischen den Gebrauchsfrequenzen von wie bei den Alteingesessenen der Nachkriegsgeneration und den gleichaltrigen Angehörigen Vertriebenenfamilien bei den insgesamt geringen Belegzahlen statistisch nicht signifikant.

135 Elspaß / Möller 2003 ff., Kommentar zur Karte „Vergleichspartikel nach Komparativ“, Frage 5a.

136 Wegen seiner textuellen Funktion als Satzkonnektor (Die Sonne schien. Dann ging es los) wird das temporale dann bzw. das temporale denn gelegentlich als „(unechte) Konjunktion“ klassifiziert, insbesondere in den niederdeutschen Grammatiken Lindow et al. (1998: 234), Thies (2011: 231, 236), aber beispielsweise auch in Jung (1954: 255) oder Bünting / Bergenholtz (1995: 112–113). Die Funktionen von denn als Abtönungspartikel (Wie geht es dir denn?) und als alte Vergleichspartikel (größer denn) soll in diesem Abschnitt nicht diskutiert werden.

137 Laut- / Wortschatzkarte WA 273 des Sprachatlas des Deutschen Reiches, www.regionalsprache.de/SprachGis/Map.aspx (Stand: 26.2.2016). Der Abfragekontext war der Wenkersatz: „Hättest du ihn gekannt! Dann wäre es anders gekommen und es täte besser um ihn stehen.“

138 Sudetendeutsches Wörterbuch 3 (1997): 150.

139 Lindow et al. (1998: 234), Thies (2011: 236), vgl. Fußnote 136.

140 Wilcken (2013: 26–27) beobachtet bei einer Untersuchung an intendiertem Niederdeutsch in Schleswig-Holstein, dass Gewährspersonen der mittleren Generation im Niederdeutschen vermehrt auch temporales dann verwenden, während die jüngere Generation wieder zu altniederdeutschem denn zurückkehrt. Wilckens Erklärung dieses bemerkenswerten Befundes aus der Kontaktwirkung mit einem neuerdings auch in der regionalen Umgangssprache durchgesetzten temporalen denn kann nicht überzeugen, da alles dafür spricht, dass temporales denn im norddeutschen Regiolekt schon lange ununterbrochen in Gebrauch war. Es scheint vielmehr auch hier eine Tendenz zur Standarddivergenz im intendierten Niederdeutschen zu wirken, die Wilcken auch bei anderen sprachlichen Merkmalen in der jüngeren Generation feststellt.

141 Kluge (1975: 121). Stuckrad (1957: 487) zeigt in ihrer detaillierten historischen Studie, die das ganze Feld der syntaktischen Funktionen von denn und dann einbezieht, dass die heutige funktionale und semantische Differenzierung zwischen dem Temporaladverb dann und der kausalen Konjunktion denn „erst das Ergebnis einer langen und widersprüchlichen Entwicklung [ist], deren vorläufiger Abschluß etwa in die Mitte des 18. Jahrhunderts verlegt werden kann“.

142 Heyse (1826: 248). Ähnlich warnt die Deutsche Sprachlehre für Schüler der dritten und vierten Classe der Normal- und Hauptschulen in den k.k. Staaten: „Man hüthe sich, die Bindewörter denn und wenn mit den Umstandswörtern dann und wann zu verwechseln. Denn zeigt eine Ursache, dann eine Zeitfolge […].“ (Deutsche Sprachlehre 1828: 141).

143 Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (Bd. 1, 1978: 788).

144 Elspaß, Stephan / Möller, Robert (2003 ff.): Karte dann / denn (Frage 9). Digitale Ressource: http://www.atlas-alltagssprache.de/ (Stand: 29.2.2016).

145 In der Umgangssprache in der Altmark beobachtete Schönfeld (1974: 87–88) dagegen schon in den 1970er Jahren ein beginnendes „verdrängen“ des niederdeutschbasierten temporalen denn: „in der hochsprachenahen schicht der umgangssprache gebrauchen manche sprecher umgangssprachliches denn und hochsprachliches dann für ‚dann‘ bereits alternierend. In der mundartnahen schicht erscheinen ebenfalls für ‚dann‘ bereits denn und dann nebeneinander, wobei denn meist überwiegt und bei einzelnen sprechern allein oder fast ausschließlich steht.“

146 Untersucht werden ausschließlich temporale Verwendungen von dann / denn, die kausale Konjunktion denn und die lautgleiche Abtönungspartikel kommen also nicht in Betracht. Um Zweifelsfälle sicher auszuschließen, wurden konsequent auch alle konditionalen wenndann Konstruktionen in der Auswertung nicht berücksichtigt, obwohl dort temporale Relationen mitunter eine Rolle spielen.

147 Zusätzlich wurden die Codierungen bei dieser Variable generell drei Korrekturgängen von unterschiedlichen Personen unterzogen.

148 Die Differenz zwischen den beiden Generationen der Alteingesessenen ist dementsprechend statistisch nicht signifikant und kann nur als Tendenzbefund gewertet werden. Für die noch geringeren intergenerationellen Unterschiede in den Vertriebenenfamilien gilt dasselbe.

149 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF), www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

150 Thieroff (2009: 353), dort S. 339–350 detailliert zur Morphologie des Präteritums. Die Frage, welche Faktoren diese diachrone Entwicklung angestoßen haben könnten, soll hier nicht thematisiert werden. Die historischen Hintergründe des Präteritumschwunds werden erörtert in Thieroff (2009: 353–354), Nübling et al. (2010: 251–256), Fleischer/Schallert (2011: 130–133). Es wird verschiedentlich darauf hingewiesen, dass die Ersetzung des synthetischen Präteritums durch das analytisch gebildete Perfekt Parallelen in den Nachbarsprachen des Deutschen hat, vgl. Thieroff (2009: 353–354), König / Elspaß / Möller (2015: Karte S. 162).

151 Vergleiche die Formenkarten / Lautkarten WA 346 und WA 474 für die Übersetzungsvorlagen „Das Wort kam ihm von Herzen“ und „Als wir gestern zurück kamen, da […]“ im digitalisierten Wenker-Atlas: https://www.regionalsprache.de/SprachGIS/Map.aspx (Stand: 16.11.2017).

152 König / Elspaß / Möller (2015: 163), Karten zum thüringischen Übergangsgebiet dort auf S. 162. Die unterschiedliche räumliche Verteilung der Präteritumformen verschiedener Verben zeigt für den hessischen Raum anhand mehrerer Karten Fischer (2015).

153 Diese Belegzahlen wurden bei 39 der 44 Gewährspersonen erreicht, nur in zwei Fällen waren nicht mehr als 33 bzw. 43 einschlägige Verbformen in den Interviews der betreffenden Gewährsperson auszuwerten, bei weiteren drei Personen konnten immerhin 80 und mehr Belege in die Untersuchung einbezogen werden.

154 Die Differenz zwischen den Anteilen der Präteritumformen im Sprachgebrauch der Vorkriegsgeneration der Alteingesessenen und der der Vertriebenen ist statistisch nicht signifikant. Fasst man aber die durchschnittlichen Gebrauchshäufigkeiten

des Präteritums jeweils in beiden Altersgruppen der alteingesessenen Familien und der Vertriebenenfamilien zusammen, so ergibt sich ein signifikanter Unterschied im Sprachgebrauch (p-Wert 0,034). Die interviewten Angehörigen alteingesessener Familien verwenden das Präteritum demnach noch heute signifikant häufiger als die Angehörigen von Familien zugewanderter Vertriebener.

155 Die Differenz zwischen dem Präteritumgebrauch der beiden Alterskohorten Alteingesessener ist allerdings nicht signifikant.

156 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF). Personensiglen PF340 (* 1892), PF333 (* 1906), vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

157 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF). Personensiglen PF320 (* 1922), PF337 (* 1937). Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass die Belegzahlen hier sehr niedrig sind. Auch ist zu berücksichtigen, dass die interpersonellen Differenzen im Sprachgebrauch der Gewährspersonen besonders in der Vorkriegsgeneration sehr groß sind (87,5 % Präteritum bei PF320 gegen nur 25 % bei PF337), vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

158 Die Differenz ist mit einem p-Wert von 0,000 hochsignifikant.

159 Die erste Nachkriegsauflage der Deutschen Hochsprache von Theodor Siebs beschreibt die „in den Ostseeprovinzen häufig“ anzutreffende regionalspezifische Artikulation des l unzureichend als Dehnung (Siebs 1957: 62).

160 Mihm (2000: 2115). Vgl. den knappen Forschungsbericht zum velarisierten l in Ehlers (2015 c: 323–324).

161 Vgl. Karte K12.1 in Ehlers (2015 c: 325). Auch Skoczek (2013: 391) findet in seinen 2004−2006 zusammengestellten Aufnahmen zur mecklenburgischen Standardaussprache keine Belege mehr für ein velarisiertes l. Es fehlen aber nähere Angaben zur Größe und sozialen oder arealen Zusammensetzung seines Samples.

162 Die extrem häufigen Lexeme mal, einmal, manchmal, weil wurden von der Auswertung ausgeschlossen, da sie die Häufigkeitsverteilung der Velarisierung unter Umständen verzerrt hätten. Bei Lexemen auf mal sind zudem Lautreduktionen zu erwarten, die zu einem Ausfall des l führen (einma‘, manchma‘). Nicht berücksichtigt wurden außerdem Kontexte, bei denen auslautendes l auf ein l im Anlaut des Folgewortes trifft (viel leichter; soll lieber) und dadurch Assimilationserscheinungen die Artikulation beeinflussen können.

163 Der Unterschied im Gebrauch des Ostsee-l zwischen den beiden Generationen der Alteingesessenen ist hochsignifikant (p-Wert = 0,000).

164 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF): PF320, PF333, PF335, PF337, PF340, vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017).

165 Die Differenz in der anteiligen Realisierung des velaren l ist zwischen den untersuchten Probanden aus der Großstadt und der Kleinstadt mit einem p-Wert von 0,024 signifikant.

166 Damit bestätigt sich mit viel deutlicherer Profilierung der Befund des Norddeutschen Sprachatlas für die l-Velarisierung bei der mittleren Generation überwiegend aus dem Münsterland und Südwestfalen, vgl. Ehlers (2015 c: 328).

167 Vgl. für schlesische Mundarten Schirmunski (2010 [1961]: 431), im Bereich der „sudetendeutschen Sprachräume“ verzeichnet Schwarz (1962: 209, 217) kleinräumig ebenfalls dialektales [ɫ]. Armin Bachmann, Regensburg, berichtet mir freundlicherweise aus karpatendeutschen Untersuchungsorten des Hauerlandes, dass bei dort verbliebenen deutschen Dialektsprechern auch in der Gegenwart gelegentlich ein velares l zu hören sei.

168 Die Differenz ist wegen der geringeren Zahl der Probanden in der Altersgruppe der Vertriebenenfamilien nicht signifikant.

169 Eine weitere Gewährsperson dieser Altersgruppe der Vertriebenen, Frau 66 (1962 VA), realisiert das velare l mit 6,3 % etwas häufiger als die gleichaltrigen Alteingesessenen der Nachkriegsgeneration, bei denen die Frequenz des Merkmals zwischen 0 % und maximal 5 % variiert.

170 Elspaß / Möller 2013 ff., Runde 1, Frage 17a, b. Vgl. die Reproduktion der Karten in Scharioth (2015: 155–156).

171 Scharioth (2015: 161) sieht in der unterschiedlich starken Realisierung der niederdeutschen Reliktwörter dat und wat im Regiolekt sogar eine „Isoglosse“, die „quer durch Mecklenburg-Vorpommern verläuft und Mecklenburg von Vorpommern trennt.“ Vgl. die Karten K2.1, K2.2 A-c und K2.3 A-B des Norddeutschen Sprachatlas in Ehlers (2015 a).

172 Für den Regiolekt auf Rügen zählt Vorberger (2017: 156) die Verwendung von unverschobenen Formen von das, dass, es zu den sprachlichen Varianten, die „erst in den freien Gesprächen (Interview und Freundesgespräch) der Informanten vermehrt und systematisch auftreten und somit charakteristisch für diese Situationen zu sein scheinen.“

173 Da die Erhebungen zum Norddeutschen Sprachatlas für die Kleinstadt Schwaan keine Belege für standard­divergentes et erbrachten, habe ich auf die Untersuchung von es / et in meinem Erhebungsgebiet verzichtet, vgl. Ehlers (2015 a: 205).

174 Vgl. Abb. 3.2.2-1. Die Differenz ist allerdings nicht so groß, dass sie statistisch signifikant wäre.

175 Herrmann-Winter gibt ebd. für ihr Korpus umgangssprachlicher Aufnahmen mit 79 Sprechern unterschiedlicher Alters- und Berufsgruppen für das Auftreten des niederdeutschen t „vor allem bei Pronomen“ eine Häufigkeit von 55,7 % an.

176 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF), vgl. www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017). Die Sprecher mit den Personensiglen PF320, PF333, PF335, PF337, PF340 realisieren die insgesamt 147 Belege für die fraglichen Kurzwörter stets standardgemäß. Lauf (1996: 205), die sich bei ihrer Untersuchung der norddeutschen Umgangssprachen unter anderem auf Aufnahmen des Pfeffer-Korpus stützt, konstatiert entsprechend, dass Belegvarianten mit nicht durchgeführter Lautverschiebung in Mecklenburg „praktisch unbekannt“ seien.

177 Auch Herr 78 (1934 A), der mit einem Anteil von 17,5 % für dat und wat unter den älteren Alteingesessenen im Interview am dritthäufigsten auf die niederdeutschen Reliktwörter zurückgreift, spricht mit seiner Ehefrau heute noch normalerweise niederdeutsch.

178 Bei der insgesamt recht geringen Zahl der Belege sind die genannten Differenzen allerdings statistisch nicht signifikant.

179 Die Belegzahlen sind für einige syntaktische Kategorien recht niedrig, sodass die quantitativen Verhältnisse hier nur Tendenzaussagen erlauben.

180 Dieser Befund widerspricht den auf ganz Norddeutschland bezogenen Ergebnissen des Norddeutschen Sprachatlas, vgl. Ehlers (2015 a: 208 und Karten K2.2 A-C).

181 Die Diskussion um syntaktische Bedingungen des Auftretens von dat und wat in den westdeutschen Regiolekten wird kurz referiert in Ehlers (2015 a: 196).

182 Vgl. für Schlesien die Wort- und Lautkarten zu das, dass und was im Sprachatlas des Deutschen Reiches (http://www.diwa.info/DiWA/atlas.aspx, Stand: 16.11.2017) und die Einträge das und daß im Sudetendeutschen Wörterbuch. Unverschobenes t bei das weist Schwarz (1962: 282) nur im Dialekt der Bielitzer Sprachinsel nach.

183 Die geringe Differenz der Prozentwerte ist statistisch nicht signifikant.

184 Vgl. Martens / Martens (1988: 132–133).

185 Elmentaler (2015 b: 114 und Karte V3.1).

186 Auf die phonetischen Gemeinsamkeiten zwischen der „hamburgischen Umgangssprache“ und den „mecklenburgischen Umgangssprachen“ verweist schon Mihm (2000: 2116).

187 Elmentaler (2015: 114), nur im ostfriesischen Hinte überschreiten die Anteile diphthongierter Langvokale in einer der getesteten Gesprächssituationen einmal 20 %, ebd.: Karte V3.1.

188 Die Differenz in den relativen Anteilen der diphthongierten Langvokale im regiolektalen Sprachgebrauch der Vorkriegs- und der Nachkriegsgeneration der Alteingesessenen ist mit einem p-Wert von 0,001 hoch signifikant.

189 Vgl. IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF), www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017), die erwähnte Schülerin hat hier die Personensigle PF335.

190 Elmentaler (2015 b: 120 und Karten V3.2 A-C).

191 Wie in der älteren Generation der Alteingesessenen sind auch in der jüngeren Generation die festgestellten Frequenzunterschiede der Diphthongierung zwischen Großstadt – Kleinstadt – Dorf nicht signifikant.

192 Der Norddeutsche Sprachatlas überprüft das Auftreten diphthongischer Varianten ausschließlich in Ab­hängigkeit von der Silbenstruktur und im Zusammenhang mit der Qualität des Folgekonsonanten und kommt für diese beide Fälle zum Ergebnis, dass der phonetische Kontext der Langvokale keine Rolle bei ihrer Diphthongierung spielt, vgl. Elmentaler (2015 b: 118).

193 Mit einem p-Wert von 0,005 unterscheiden sich die durchschnittlichen Häufigkeiten der Diphthongierung in den Interviews der vor 1940 geborenen Alteingesessenen und der gleichaltrigen Zuwanderer sehr signifikant voneinander.

194 Als „Lenisierung“ bezeichnet man die ‚weiche‘, d. h. ungespannte und un­aspirierte Aussprache der ‚harten‘ Plosivlaute p, t, k (von lat. lenis ‚weich‘).

195 Martens / Martens (129–130), der Forschungsstand zu dieser Variablen wird knapp umrissen bei Wilcken (2015 a: 217–218).

196 Skoczek (2013: 390–391) kann die Lenisierung und Sonorisierung des t in seinem nicht näher charakterisierten mecklenburgischen Lautkorpus aus den Jahren 2004–2006 dagegen offenbar nur „im sehr familiären Gespräch“ zwischen einer Mutter und ihrer Tochter nachweisen.

197 Wilcken (2015 a: 226). Schon Königs (1989 Bd. 1: 103) Atlas zur Aussprache des Schriftdeutschen in der Bundesrepublik Deutschland stellt fest, dass nach Kurzvokal „beim intervokalischen T-Laut mehr unbehauchte und mehr Lenis-Aussprache“ als nach Langvokal festzustellen seien, vgl. für den Hamburger Nonstandard Auer (1998: 192).

198 König (2011: 149 und Karte auf S. 148). Für die mittelbairischen Dialekte stellt Zeman (2009: 55) für Stammsilben die folgende Abfolgeregel auf: „Langvokal + Leniskonsonant, Kurzvokal + Fortiskonsonant“. Nach Luick (1932: 85) galt in der gehobenen Umgangssprache Österreichs für die stark kontextabhängige Artikulation der Plosive p, t, k und b, d, g, dass sich im Wortinlaut „zwischen Sonoren (also Vokalen, Liquiden, Nasalen) … die beiden Reihen bereits ganz deutlich durch einfache Stärkeabstufung als Fortis und Lenis“ voneinander abheben. Entsprechend gilt noch in der heutigen Umgangssprache und Standardaussprache Österreichs, dass „nach Vokalkürze stets Fortiskonsonanz“ erhalten bleibe (Wiesinger 2008: 52). Auf Grundlage seiner empirischen Analyse der österreichischen Vorleseaussprache bestätigt Bürkle (1995: 241): „Wörter mit Doppelkonsonanten-Schreibung tendieren auch in intervokalischer Position nicht zur Lenisierung“.

199 Der große Unterschied im Sprachgebrauch der beiden Altersgruppen Alteingesessener ist mit einem p-Wert 0,03 signifikant.

200 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF), www.dgd.ids-mannheim.de (Stand: 7.12.2017). Die Belegzahlen für die einzelnen Probanden (PF320, PF333, PF335, PF337, PF340) sind für den eng fokussierten Lautkontext allerdings z. T. recht gering (Gesamtbeleg­zahl aller fünf Interviews n = 35).

201 Mit einem p-Wert von 0,082 ist der Unterschied zwischen der Gruppe der alteingesessenen Männer und alteingesessenen Frauen allerdings noch nicht signifikant. Ein gewisser Zusammenhang zwischen Geschlecht und Vorkommensfrequenz der Lenisierung im Sprachgebrauch zeigt sich, allerdings mit noch geringerer Deutlichkeit, aber auch innerhalb der Altersgruppen der Alteingesessenen (alteingesessene Männer der Vorkriegsgeneration: 64,6 % (n = 240), alteingesessene Frauen der Vorkriegsgeneration: 58,8 % (n = 102). Bei den anderen in dieser Arbeit untersuchten phonetischen Merkmalen des mecklenburgischen Regiolekts war ein solcher Zusammenhang zwischen dem regiolektalen Sprachgebrauch und dem Geschlecht der Sprecher nicht oder nicht in gleicher Deutlichkeit auszumachen.

202 p-Wert = 0,00.

203 Herr 13 stammt aus Nordböhmen, andere Vertriebene derselben Herkunftsregion lenisieren das t vor Kurzvokal erheblich seltener bis gar nicht.

204 Diese Differenz ist allerdings mit einem p-Wert von 0,851 nicht signifikant.

205 Frau 66 (1962 VA) mit einem mecklenburgischen und einem vertriebenen Elternteil realisiert das t mit 29,6 % ebenfalls häufiger lenisiert als der Durchschnitt der gleichaltrigen Alteingesessenen.

206 Vgl. Barbour / Stevenson 1990: 70–71). Niekerken (1963: 167) bezeichnet das Zäpfchen-r als eine schulisch vermittelte „neuere Bildungsmode“. Einen knappen Überblick über den Forschungsstand zur r-Realisierung in standardnahen Sprachlagen gebe ich in Ehlers (2015 b: 301–304).

207 König (1989 Bd. 1: 71), vgl. die Karten R.1 ff. in König (1989 Bd. 2), auf denen sich für verschiedene prävokalische Positionen des r eine übereinstimmende [R]/[r]-Grenze im Südosten der BRD abzeichnet. Vgl. auch Karte 2 in König (2011: 244).

208 Kleiner (2011 ff.: Karte und Kommentar zu „/r/-Artikulationsort in Sirup und Jury“).

209 Der Beraterausschuss des Aussprachewörterbuchs hatte sich schon 1933 „mit Zustimmung von Theodor Siebs“ für diese Anerkennung ausgesprochen, vgl. Siebs (1957: 24).

210 Der gesamtdeutsche Aussprache-Duden von 2005 unterscheidet ganz ähnlich Reibe-r, Zäpfchen-r und ein- bzw. mehrschlägiges Zungenspitzen-r und konstatiert ebenfalls, dass das Reibe-r unter Berufssprechern und Berufsschauspielern „deutlich“ überwiege (Duden Aussprachewörterbuch 2005: 53). Vibrante Artikulationen des r würden bei „zunehmender Deutlichkeit und zunehmendem Nachdruck“ der Rede vermehrt eingesetzt (ebd.: 54).

211 Lauf (1996: 205). Als „östliche Variante“ identifiziert Lauf (ebd.: 204) in ihrem Aufnahmekorpus aus Nordniedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern „die (zumindest gelegentliche) Artikulation des /r/ als retroflexer Laut“.

212 Die Werte für die ältere und die jüngere Generation der Alteingesessenen unterscheiden sich mit einem p-Wert von 0,000 hoch signifikant voneinander.

213 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF): PF320, PF333, PF335, PF337, PF340 (www.dgd.ids-mannheim.de, Stand: 7.12.2017). Auch hier zeichnet sich eine Korrelation der r-Realisierung mit dem Geburtsjahr der Probanden ab, mit der Ausnahme, dass gerade der älteste Befragte, ein 1892 geborener promovierter Fabrikant aus einer Rostocker Patrizierfamilie (PF340), ausschließlich Zäpfen-r verwendet.

214 Die Differenz der Prozentwerte zwischen den beiden Altersgruppen ist mit einem p-Wert von 0,005 sehr signifikant.

215 Herr 68 thematisiert seine Artikulation des r nicht, sein vom mecklenburgischen Wohnumfeld sehr isoliertes Aufwachsen als Sohn zweier karpatendeutscher Eltern, die dialektal wie regiolektal mit hoher Wahrscheinlichkeit ein apikales r gesprochen haben, und seine spätere, enge berufliche Zusammenarbeit mit älteren Mecklenburgern könnten diese Sonderstellung innerhalb seiner Altersgruppe erklären. Allerdings realisiert sein zwölf Jahre jüngerer Bruder das r stets uvular.

216 Dieses Verbot wird nahezu identisch in die Auflage von 1982 übernommen, vgl. Krech et al. (1982: 51).

217 Vgl. Lauf (1996: 199), nach der in den Umgangssprachen im gesamten niederdeutschen Sprachraum „relativ häufig, jedoch nicht immer […] einem wortauslautenden velaren Nasal [ŋ] ein homoorganer Plosiv [k]“ folgt.

218 König (1989 Bd. 2: 233), vgl. König (2011: 244, Karte 3).

219 Dahl (1974: 346, 348), Gernentz (1974: 231) und Herrmann-Winter (1979: 141). Auch für die städtische Umgangssprache Magdeburgs ist das Merkmal nach Schönfeld (1998: 81) schichtenübergreifend charakteristisch.

220 Wilcken (2015 b: 359, Karte K17.1).

221 Wilcken (2015: 361). Wilcken gibt zu bedenken, dass sich mit der Orientierung an der kodifizierten Schriftnorm die bestehenden arealen Unterschiede im Auftreten des Merkmals nicht erklären lassen. Für die gesamt­norddeutsche Verbreitung des Merkmals dürfte aber ausschlaggebend sein, „dass es sich bei der Aussprache [ŋk] um ein allgemein niederdeutsches Charakteristikum handelt“ (ebd.). Areale Unterschiede der Stärke der Merkmalsausprägung innerhalb des norddeutschen Raums deuten überdies auf „regionale Normensysteme“ hin.

222 Wilcken (2015: 362), vgl. denselben Befund bei König (1989 Bd. 2: 233).

223 Der Unterschied zwischen den beiden Altersgruppen der Alteingesessenen ist allerdings nicht signifikant (p-Wert 0,903).

224 IDS, Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD): Pfeffer-Korpus (PF) (vgl. www.dgd.ids-mannheim.de, Stand 7.12.2017): Sprechersiglen PF320, PF333, PF335, PF337, PF340. Der Norddeutsche Sprachatlas kommt beim Vergleich seiner aktuellen Erhebungsbefunde mit den historischen Tondokumenten des Pfeffer-Korpus auch für andere norddeutsche Regionen zu dem Ergebnis, dass selbst für „Regionen mit frequenter Plosivrealisierung Abbautendenzen deutlich“ werden (Wilcken 2015 b: 362–363).

225 Bei den geringen Belegzahlen in den drei Teilgruppen sind die Differenzen allerdings statistisch nicht signifikant und können nur als Hinweis auf Tendenzen in den Daten interpretiert werden, die an einem größeren Korpus validiert werden müssten.

226 Vgl. Elmentaler / Rosenberg (2015 a), speziell für Vorpommern belegen die situative Varianz des Regiolekts auch Kehrein (2012) und Vorberger (2017).

227 Vgl. Dahl (1974: 346, 348), Herrmann-Winter (1979: 141).

228 Zur Unterscheidung von Mesosynchronisierung und Makrosynchronisierung vgl. Schmidt / Herrgen (2011: 30–34).

229 Vgl. Ehlers (im Druck a).

230 Vgl. in Abb. 3.3.1- 3 den zweiten Boxplot, in dem die Sprachdaten der beiden genannten Personen als ‚Ausreißer‘ bzw. als Endpunkt der ‚Antenne‘ markiert sind.

231 Vgl. Abb. 3.3.1-3, sechster Boxplot. Auer / Voeste (2012: 270) weisen darauf hin, dass „although language change is not possible without variation, variation does not necessarily result in language change“. Die durchaus ausgeprägte interpersonelle Variation der ng-Aussprache kann demnach als eine vergleichsweise ‘stabile Variation’ von den ‘dynamischen Variationen’ ähnlicher Spannweiten etwa im Falle des Ostsee-l oder des regiolektalen Gebrauch von dat und wat abgegrenzt werden.

232 „The influence of the urban vernacular or the regional standard of the white collar workers living in the new suburbs“ auf den Sprachgebrauch des ehemals ländlichen Umlands ist nach Auer / Hinskens (1996: 19) typisch für die fortgeschrittene Phase der Industrialisierung und Urbanisierung in Europa.

233 Im Bereich der regiolektalen Morphosyntax bestätigt das Beispiel des Präteri­tumschwunds, dass sprachinterne Faktoren (dort die Konjugationsklasse des Verbs) einen Einfluss auf die Abbaudynamik der norddeutschen Variante haben (vgl. Abschnitt 3.1.4).

234 Trudgill (1986: 107). Einen ähnlichen Ablauf des Sprachwandels wie Trudgill hatte bereits Bellmann (1983: 111–115) herausgearbeitet, der u. a. die Entwicklungsstadien einer kontaktinduzierten Variantenvermehrung („variables Stadium“) und der anschließenden Reduktion der Varianten („Selektion“) unterscheidet.

235 Die durchaus vielfältigen metasprachlichen Ausführungen der Gewährspersonen zur Wahrnehmung und zum sozialsymbolischen Wert verschiedener Redeweisen beziehen sich gelegentlich auch auf konkrete sprachliche Varianten, sind aber von mir nicht in Bezug auf derartige Varianten systematisch elizitiert worden. Auf den Wandel der Sprachwahrnehmung und -einstellung wird im zweiten Teil dieser Studie einzugehen sein.

236 Protze (1997: 9), vgl. Schönfeld (1990: 117), beide Aussagen stützen sich auf Erhebungen der 1970er Jahre.

237 Meine Befunde bestätigen also im Wesentlichen die Prognose Dahls, die am Beginn der 1970er Jahre die zukünftigen Abbauprozesse in der Sprachschicht „Hochdeutsch mit niederdeutscher Beimischung“ in Mecklenburg-Vorpommern wie folgt skizziert: „Während die Konstanz der Sprachschicht über fast 200 Jahre bemerkenswert fest gewesen ist […], wird in der Zukunft nicht nur die Realisierungsdichte, sondern auch allmählich die Qualität der Interferenzmerkmale stärker betroffen werden.“ (Dahl 1974: 373). Anzumerken ist hier freilich, dass nicht alle Merkmale des mecklenburgischen Regiolekts auf Interferenzen mit dem Niederdeutschen zurückzuführen sind (z. B. der plosivische Verschluss von [ŋ]).

238 Zu Nordniedersachsen vgl. Vorberger / Schröder (2011), zu Schleswig-Holstein Elmentaler (2008). In beiden Studien wird dabei betont, dass der Abbau regionaler Merkmale, eben die „Entregionalisierung“, durchaus nicht in einer vollständigen Standardidentität münden muss, sondern im gleichen Zeitraum standardabweichende, allgemein sprechsprachliche Merkmale erhalten bleiben oder in ihrer Frequenz sogar ausgebaut werden können, vgl. für den südwestdeutschen Raum Spiekermann (2005).

239 Ich sehe hier und bei den folgenden Diagrammen dieses Abschnitts einfachheitshalber von einer detaillierten Angabe der Prozentwerte für die einzelnen Variablen und Vergleichsgruppen ab. Sie werden in den Abschnitten unter 3.2 zur jeweiligen Variable ausführlich dargestellt und erörtert.

240 In Anlehnung an Trudgill (1986: 40) heißt es bei Hinskens / Auer / Kerswill (2005: 45): „’When a speaker employs a new feature in the absence of speak­ers of the variety originally containing this feature’ […] the accommodation becomes stabilised [sic]. This is a necessary condition for the diffusion of features in the contact situation.”

241 Die Tatsache, dass auch der norddeutsche, plosivische Verschluss des [ŋ] in den Vertriebenenfamilien intergenerationell abgebaut wird, bestätigt, dass dieses Merkmal von vielen Vertriebenen offenbar anders wahrgenommen wird als die anderen Lautkennzeichen des mecklenburgischen Regiolekts. Es ist aber andererseits darauf hinzuweisen, dass die Abbaudynamik bei diesem Merkmal bei weitem nicht so stark wirkt wie beim Zungenspitzen-r, das den Vertriebenen aus den Herkunftsvarietäten geläufig war. Dies spricht dafür, dass das plosivische [ŋk] nicht ohne weiteres als Kennzeichen der eigenen Herkunftsvarietäten aufgefasst wird, obwohl es schon in der Vorkriegsgeneration der Vertriebenen hochfrequent in Gebrauch ist.

242 „Die Konstruktion von Hyperformen erklärt sich durch falsche Analogie, das heißt durch fehlerhafte Generalisierung abgeleiteter Korrespondenzregeln“ (Lenz 2005: 90) zwischen Ausgangs- und Zielvarietät, vgl. Trudgill (1986: 66).

243 Da das Zungenspitzen-r in der Nachkriegsgeneration, wie in Abschnitt 3.2.5 gezeigt, in der Nachkriegsgeneration nur noch als idiolektale Besonderheit der Redeweise von wenigen Einzelpersonen auftritt, wird es hier aus der Betrachtung ausgeschlossen.

244 Auch Bahl / Pyka (1995: 72) beobachten bei Nachkommen von Vertriebenen, deren „Eltern einen anderen Dialekt als das einheimische Allgäuer Schwäbisch“ ihres neuen Lebensumfeldes sprechen, „eine gewisse Unsicherheit im Sprachgebrauch“.

245 Zu den (sprach)biographischen Hintergründen der Überanpassung bei den genannten Gewährs­personen vgl. Ehlers (im Druck b).

246 Über ein weiteres Fallbeispiel der Hyperadaption in der Nachkriegsgeneration einer Vertriebenenfamilie aus dem vorpommerschen Gützkow berichte ich in Ehlers (2013: 110–112). Hyperadaption der zugewanderten Vertriebenen an ihr neues Lebensumfeld ist dabei offensichtlich auch in anderen soziokulturellen Bereichen auffällig. König (2014: 84) findet bei nach Thüringen zugewanderten Vertriebenen der Aufbaugeneration mitunter Anzeichen der „Hyperintegration, einer überschießenden Identifikation“ mit der DDR. Kossert (2008: 131–133) schildert den besonders starken einseitigen Anpassungsdruck, der gerade auf der Nachkommengeneration der Vertriebenenfamilien gelastet und zu verbreiteter „Überanpassung“ im Sozialverhalten geführt habe.

247 Clyne (1984: 60), vgl. in ähnlichem Wortlaut schon Leopold (1970 [1959]: 349).

248 Auf die Angabe der genauen Prozentwerte wird in diesem Resümee der Einfachheit halber meist verzichtet, die Ergebniswerte der Variablenanalyse werden in den Abschnitten 3.1.1 – 3.1.4 ausführlich erörtert.

249 Wegen der insgesamt geringeren Belegzahlen von morphosyntaktischen Phänomenen im Korpus und den in der Regel auch geringeren Differenzen zwischen den Ergebniswerten für die verglichenen Bevölkerungsgruppen erreichen die in diesem Abschnitt resümierend zusammengestellten Beobachtungen zur Morphosyntax keine statistische Signifikanz, sondern sind nur als Tendenzaussagen zu werten. Es ist aber hervorzuheben, dass die festgestellten Tendenzen in Charakter und Richtung den Beobachtungen im Bereich der regiolektalen Phonetik entsprechen, für die in den meisten Fällen eine signifikante empirische Grundlage gesichert werden konnte, vgl. Abschnitte unter 3.2.

250 Hettler (2013) untersucht Salienz und Bewertung ausgewählter morphosyntaktischer Variablen bei 80 Probanden aus Hamburg und Bremen. Für den stark salienten Stimulus „besser wie“ konstatiert sie (ebd.: 174) „eine Korrelation von Salienz und Stigmatisierung“. Der starke Abbau des komparativen wie in der Generationsfolge meiner alteingesessenen Gewährspersonen deutet darauf hin, dass dieser Zusammenhang auch auf meine mecklenburgische Untersuchungsregion übertragbar ist.

251 Hettler (2013: 174–175), zu einem ähnlichen Befund kommt für Mecklenburg-Vorpommern schon Herrmann-Winter (1977: 243).

252 Elspaß / Möller 2003 ff., Karte „Vergleichspartikel nach Komparativ“, Frage 5a. Die teilweise uneinheitlichen Befunde der Forschungsliteratur zur arealen Verteilung der Varianten als und wie werden in 3.1.2 diskutiert.