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Aufgerichtet werden

Zum Potenzial von Religion und Spiritualität für Entwicklung

Christine Gühne

Menschen werden aufgerichtet und verändern sich tiefgreifend in ihren Selbst- und Weltbildern, wenn sie sich selbst als gewürdigtes Gegenüber Gottes erfahren. Diese Erfahrung ist unverfügbar und eröffnet dennoch Räume für individuelle und soziale Transformationen. Formate der Entwicklungszusammenarbeit, die diese Erfahrungen integrieren, teilen, vertiefen und reflektieren, bauen auf einem intrinsischen Fundament auf, das tragfähig ist und auf dem gemeinsam nach Werten und Zielen gesucht werden kann. Nachhaltige Armutsbekämpfung benötigt diese Art des gemeinsamen Arbeitens innerhalb von Beziehungen, die durch Anerkennung geprägt werden, weil Armut mehr ist als materieller Mangel. Armut reicht tiefer und verletzt die Identität von Menschen – sie kann daher nicht alleine durch ökonomische und politische Strategien überwunden werden. In diesem Buch kommen Menschen aus einem Kontext zu Wort, in dem die Entwicklungszusammenarbeit tätig ist. Sie beschreiben, wie Religion und Entwicklung aus ihrer Sicht zusammengehören und warum die spirituelle Dimension von Transformationsprozessen für sie genauso relevant ist wie die materielle Verbesserung von Lebensbedingungen. Ebenso arbeitet die Autorin heraus, welche Folgen diese Einsichten für das Selbstverständnis und die Formen der internationalen Zusammenarbeit mit dem Ziel der Armutsbekämpfung haben.

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0. Einleitung

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Du sagst, du liebst die Armen? Wie heißen sie denn?1

Sonntagmorgen im Slum von Mubi, Nordost-Nigeria: Aus winzigen Lehmhütten mit Wellblechdächern kommen die Menschen heraus und machen sich auf den Weg zum Gottesdienst. Aufrecht und bereit gemacht wie für ein großes Fest gehen sie auf den staubigen Trampelpfaden neben den Abwassergräben und Müllhalden. Es beginnt ein Singen und Tanzen, das stundenlang andauert und in dem sich Kräfte Bahn brechen.

Freitagnachmittag im selben Slum: Die Frauen treffen sich zur Chorprobe. Frauen, die Kinder verloren haben, die täglich härteste Arbeit tun müssen, die oft nicht wissen, wie sie am nächsten Tag die Familie ernähren sollen. Sie stellen sich auf und singen, nein, sie jubeln miteinander: Yesu ne ya ba ni iko, shi ne mai cetona, ba zan rabu ba da shi har abada. (Jesus gibt mir Kraft, er ist mein Erlöser, nichts wird mich jemals von ihm trennen.) Während ich mitsinge, kommen mir Gedanken und Fragen: Hier schöpfen Menschen ganz offensichtlich aus einer Kraftquelle, die für sie unbedingte Bedeutung hat. Hier werden Menschen aufgerichtet, deren widrige Lebensbedingungen ihnen kaum Anlass zu Hoffnung geben. Ich möchte die Armut dieser Menschen auf keinen Fall verklären, sondern sie in ihrer zerstörerischen, hässlichen Brutalität wahrnehmen – aber ich möchte auch die Kraft ihres Glaubens ernst nehmen und diese weder als billige Jenseitsvertröstung im Elend noch als...

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