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Arbeitsmarktmobilität in höherem Lebensalter

Eine empirische Untersuchung gelungener betrieblicher Wechsel und Reintegrationen

Martina Kattein

Die Autorin erforscht in ihrem Buch betriebliche Wechsel und Reintegrationen in Erwerbsarbeit, die Erwerbspersonen in höherem Lebensalter gelungen sind. Die Studie zielt insbesondere darauf, die Qualität der neu aufgenommenen Stellen zu ermitteln und Vorgehensweisen der Erwerbspersonen bei der Stellensuche sowie ihre Handlungsmodi mit der Umbruchphase in höherem Lebensalter zu identifizieren. Zudem werden Einstellungskriterien von Unternehmen untersucht. Basierend auf qualitativen Interviews verdeutlichen die Ergebnisse eine große Heterogenität in den Vorgehensweisen und Handlungsmodi der Erwerbspersonen in der Umbruchphase in höherem Lebensalter. Für einige Handlungsebenen werden Möglichkeiten zur Unterstützung von Erwerbsbiografien in höherem Lebensalter aufgezeigt.

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2 Arbeitsmarktsituation älterer Erwerbspersonen: Empirische Befunde

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2 Arbeitsmarktsituation älterer Erwerbspersonen: Empirische Befunde

Vorliegende sekundäranalytische Befunde zur Arbeitsmarktsituation älterer Erwerbspersonen wurden insbesondere unter der Fragestellung gesichtet, welche Aussagen sich über die Arbeitsmarktchancen älterer Erwerbspersonen anhand ihrer Beschäftigungs- und Einstellungschancen und etwaiger Abweichungen zu jüngeren Altersgruppen treffen lassen. Hierfür wird nachfolgend die Entwicklung der Erwerbsbeteiligung von Personen in höherem Lebensalter näher betrachtet und nach diversen Erwerbsformen beleuchtet (Kap. 2.1). Komplementär hierzu wird die altersdifferenzierte Entwicklung der Erwerbs- und Arbeitslosigkeit analysiert und in ausgewählten Merkmalen vertieft (Kap. 2.2). Vorliegende Daten zu Neueinstellungen von Älteren sowie zum Austritt aus der Erwerbsphase werden in den Kap. 2.3 und 2.4 erörtert. Die wesentlichen Ergebnisse werden abschließend resümiert (Kap. 2.5).

Zu berücksichtigen ist, dass bei absoluten Daten, wie z.B. der Anzahl von Erwerbstätigen ab 50 Jahren, und bei Altersanteilen, wie z.B. dem Anteil von Arbeitslosen ab 50 Jahren an allen Arbeitslosen, diese jeweils auch durch die absolute und relative Zunahme der älteren Erwerbspersonen im Rahmen der demografischen Entwicklung bedingt sind. Daher werden im Folgenden ausschließlich altersspezifische Quoten ausgewiesen, die damit auch zwischen Altersgruppen vergleichbar sind.

2.1 Erwerbsbeteiligung und Erwerbsformen

Für die Erwerbsbeteiligung werden unterschiedliche Messverfahren zugrunde gelegt. Nachfolgend werden die EU-weit ausweisbaren Erwerbstätigenquoten den bundesweit erhobenen Beschäftigungsquoten auf Basis der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gegenübergestellt. Letztere werden nach Vollzeitarbeit differenziert und um Daten zur geringfügigen Beschäftigung ergänzt.

Erwerbstätigkeit

Ein europäisch vereinheitlichtes Messverfahren stellt die Erfassung der Erwerbstätigkeit nach dem EU Labour Force Survey (LFS) dar. Dieser orientiert sich an der Definition der International Labour Organization (ILO) und weist auf Grundlage einer Haushaltsbefragung Personen ab 15 Jahren als Erwerbstätige aus, wenn sie in der Berichtswoche mindestens eine Stunde erwerbstätig ←41 | 42→waren oder in formeller Anbindung an einen Arbeitsplatz dort vorübergehend, z.B. urlausbedingt, abwesend waren (vgl. Gauckler & Körner 2011, S. 185).7

Nach den LFS-Daten ging die Erwerbstätigkeit EU-weit nach der Haupterwerbsphase von 25–49 Jahren mit zunehmendem Alter deutlich zurück. Entsprechend der politischen Agenda zur Erhöhung der Erwerbstätigkeit älterer Erwerbspersonen (s. Kap. 1) stieg – bereits seit den 1990er Jahren – diese stark an und wies auch nach jüngsten Daten für das Jahr 2016 im Vergleich zum Jahr 2015 eine anhaltende Aufwärtsdynamik auf. Der Rückgang der Erwerbstätigkeit in höherem Lebensalter hat sich damit abgeflacht, besteht aber tendenziell fort.

Vergleichbare Entwicklungen vollzogen sich auch in der Bundesrepublik, hier allerdings mit einem weit höheren Anstieg: Bei ähnlichen Erwerbstätigenquoten der 50–64-Jährigen im Jahr 2002 in Höhe von 50,1 % in der EU(28)8 und 50,6 % in der BRD betrugen die Vergleichsdaten im Jahr 2016 63,4 % in der EU(28) und 74,8 % in der BRD. Die älteste hier betrachtete Altersgruppe der 60–64-Jährigen wies mit einer Quote von 56,0 % im Jahr 2016 dennoch eine deutlich geringere Erwerbsbeteiligung im Vergleich zu den 25–49-Jährigen mit einer Quote von 83,7 % auf (s. Abb. 2).

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Abb. 2:Altersspezifische Erwerbstätigenquoten im Durchschnitt der EU (28) und in Deutschland in den Jahren 2002, 2015 und 2016 (in %)

Differenzen nach Geschlecht und Region

Nach Geschlecht fielen diese Anstiege deutlich unterschiedlich aus: So stiegen – bezogen auf die Bundesrepublik – die Erwerbstätigenquoten der Frauen nochmals deutlich stärker an, ihre Werte lagen für die 55–64-jährigen Frauen mit 63,5 % im Jahr 2016 mehr als doppelt so hoch gegenüber ihrer Quote von 29,8 % im Jahr 2002. Demgegenüber nahm die Erwerbstätigenquote der 55–64-jährigen Männer, ausgehend von einem höheren Ausgangsniveau, im gleichen Zeitraum von 47,1 % auf 73,7 % zu. Auch 2016 lag damit die Männererwerbstätigenquote noch deutlich über der der Frauen (s. Abb. 3).

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Abb. 3:Altersspezifische Erwerbstätigenquoten in Deutschland nach Geschlecht in den Jahren 2002, 2015 und 2016 (in %)

Nach Region lagen die Erwerbstätigenquoten der 55–64-Jährigen im Jahr 2015 in den ABL für die einzelnen Alterskohorten überwiegend über den Quoten in den NBL. Sie betrugen nach Bäcker, Jansen & Schmitz basierend auf Daten des Statistischen Bundesamtes für die 55-Jährigen in den ABL 80,7 %, für die Vergleichsgruppe in den NBL 78,3 %. Diese Werte sanken für die 64-Jährigen auf 32,3 % in den ABL und 26,7 % in den NBL (vgl. dies. 2017, S. 30).

Differenzen nach Qualifikation

Auch nach Qualifikation differieren die Erwerbstätigenquoten deutlich: Im Jahr 2015 bewegten sie sich für 60–64-Jährige ohne Berufsabschluss zwischen 34,2 % bei den Frauen und 43,6 % bei den Männern, für Personen der gleichen Altersgruppe mit einem anerkannten Berufsabschluss zwischen 47,4 % bei den Frauen und 55,1 % bei den Männern und für Personen mit einem akademischen Abschluss zwischen 62,9 % bei den Frauen und 71,1 % bei den Männern. Mit zunehmender Qualifikation steigen somit die Erwerbstätigenquoten generell an (s. Abb. 4).

Abb. 4:Altersspezifische Erwerbstätigenquoten in Deutschland nach Geschlecht und Qualifikation im Jahr 2015 (in %)

Bereits ausgeführte Strukturdifferenzen, wie höhere Erwerbstätigenquoten in der jüngeren betrachteten Altersgruppe der 55–59-Jährigen gegenüber den 60–64-Jährigen sowie bei den Männern gegenüber den Frauen zeigen sich auch in den verschiedenen Qualifikationsstufen.

Für die insgesamt gestiegene Erwerbstätigkeit von Frauen und Männern ab 55 Jahren führen Bäcker, Jansen & Schmitz als Gründe insbesondere die wirtschaftliche Entwicklung und ein in zumindest manchen Branchen infolge des Fachkräftebedarfs gestiegenes Interesse der Unternehmen an einer längeren Beschäftigung ihrer älteren MitarbeiterInnen sowie die gesetzliche Anhebung der Regelaltersgrenze und der Altersgrenzen für einen vorzeitigen Rentenbezug an (vgl. dies. 2017, S. 26).

Ist damit eine spezifische Befassung mit der Erwerbstätigkeit in höherem Lebensalter obsolet geworden? Diese Frage muss insbesondere aufgrund der geringen Aussagekraft des Messkonzepts der vorgestellten Erwerbstätigenquoten ←44 | 45→verneint werden. Obgleich viel zitiert und zudem weitgehend deckungsgleich mit den Ausweisungen des Statistischen Bundesamtes zur Erwerbstätigkeit (vgl. Statistisches Bundesamt 2017, S. 7) sind die Definitionsgrundlagen für die Erwerbstätigkeit bzw. die Erwerbstätigenquote aufgrund der Ausweisung auch geringfügiger Erwerbsformen bereits ab einer Stunde pro Woche nicht nutzbar für Analysen, die die Erwerbstätigkeit mit einer höheren sozio-ökonomischen Relevanz für die Erwerbstätigen untersuchen. Da eine solche Relevanz immer auch von der individuellen sozio-ökonomischen Lage, dem jeweiligen Haushaltskontext und dem subjektiven Empfinden abhängt, können allenfalls ←45 | 46→Untergrenzen formuliert werden, die als Mindestkriterien erfüllt sein sollten, wie z.B. ein Arbeitszeitumfang oberhalb des im Arbeitslosigkeitsstatus möglichen Beschäftigungsumfangs9 und eine Erwerbstätigkeit oberhalb der Definitionsgrenzen für eine geringfügige Beschäftigung10.

Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung

Zur sozialen Absicherung während der Erwerbsphase und für den Ruhestand ist für den Großteil der Erwerbspersonen eine sozialversicherungspflichtige (Vollzeit-)Beschäftigung Voraussetzung.11 In ähnlicher Tendenz wie die Erwerbstätigenquoten geht auch die – auf Meldedaten der Bundesagentur für Arbeit und damit auf einer Vollerhebung basierenden – Quote der Personen, die in einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung tätig sind, ab der Altersgruppe der 50–54-Jährigen mit zunehmendem Alter zurück.12 Dieser Rückgang verflachte sich bis zum Jahr 2016 gegenüber dem hier betrachteten Ausgangsjahr 2005 und die Beschäftigungsquoten stiegen im Zeitverlauf insgesamt auf ein höheres Niveau. Für die Gruppe der 50–54-Jährigen nahm die Beschäftigungsquote seit 2005 um 12,1 Prozentpunkte ←46 | 47→auf 64,6 % im Jahr 2016 zu, für die 55–59-Jährigen um 14,4 Prozentpunkte auf 59,2 % und für die 60–64-Jährigen um 22,8 Prozentpunkte auf 37,5 % (s. Abb. 5).

Abb. 5: Altersspezifische Beschäftigungsquoten (sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung) in Deutschland in den Jahren 2005, 2015 und 2016 (in %)

Differenzen nach Geschlecht und Region

Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung differiert zudem nach personenstrukturellen Merkmalen: Die Beschäftigungsquoten der Männer zwischen 55 bis 64 Jahren lagen nach Bäcker, Jansen & Schmitz mit Verweis auf Daten der Bundesagentur für Arbeit und der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen der Länder in den ABL nahezu durchgängig über denen in den NBL. Sie betrugen im Jahr 2015 für 55-jährige Männer in den ABL 63,1 % und in den NBL 60,8 %. Mit zunehmendem Alter sanken sie im gleichen Jahr weiter ab bis auf ←47 | 48→17,5 % für die 64-jährigen Männer in den ABL und auf 14,6 % in den NBL. Eine gegenläufige Tendenz findet sich bei den Frauen, sie wiesen in den ABL geringere Beschäftigungsquoten im Altersbereich von 55 bis 62 Jahren gegenüber den Frauen in den NBL auf. Im Jahr 2015 betrug die Beschäftigungsquote der 55-jährigen Frauen in den ABL 56,5 %, in den NBL 64,0 %. Für die 64-jährigen Frauen sanken diese Quoten in den ABL auf 13,2 %, in den NBL auf 10,7 % (vgl. Bäcker, Jansen & Schmitz 2017, S. 37 f.). In den ABL wiesen im Jahr 2015 Männer ab 55 Jahren durchgängig höhere Beschäftigungsquoten im Vergleich zu den Frauen auf, in den NBL hingegen war die Beschäftigungsquote der Frauen im Altersbereich von 55 bis 61 Jahren höher als die der Männer. D.h. die Beschäftigungsquoten fielen in den ABL sowie bei Männern tendenziell höher aus, wobei die Frauen in den NBL sowohl gegenüber den Männern in den NBL als auch gegenüber den Frauen in den ABL gegenläufige Relationen aufwiesen.

Insgesamt lagen im Vergleich zu den zuvor dargestellten Erwerbstätigenquoten die Beschäftigungsquoten der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten deutlich niedriger, nämlich im Jahr 2016 für die 50–54-Jährigen mit 64,6 % um 20,3 Prozentpunkte unter der Erwerbstätigenquote der gleichen Altersgruppe, für die 55–59-Jährigen mit 59,2 % um 20,2 Prozentpunkte und für die 60–64-Jährigen mit 37,5 % um 18,5 Prozentpunkte unter der Erwerbstätigenquote.13 Diese Differenz setzt sich in den günstigen bzw. existenzsichernden Varianten aus Erwerbstätigen im Beamtenverhältnis und in gesicherten Formen von Selbstständigkeit bzw. Mithilfe als Familienangehörige zusammen, in den ungünstigen bzw. nicht existenzsichernden Varianten hingegen auch aus prekären Formen von Selbstständigkeit und ausschließlich geringfügiger Beschäftigung unterhalb der Sozialversicherungspflicht.

Bevor letztgenannte näher erläutert werden, soll nachfolgend für die 60–64-Jährigen die Entwicklung der Vollzeitbeschäftigungsquoten betrachtet werden. Diese bezeichnen den Anteil der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten an der gleichaltrigen Bevölkerung.

In ähnlicher Entwicklungstendenz wie die Erwerbstätigen- und die Beschäftigungsquote ging auch die Vollzeitbeschäftigungsquote mit zunehmendem Alter, hier ausgewiesen ab dem 60. Lebensjahr, deutlich zurück. Zugleich verzeichnete sie bis zum Jahr 2015 einen ebenfalls deutlichen generellen Zuwachs gegenüber dem Ausgangsjahr 2005 (s. Abb. 6).

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Differenzen nach Geschlecht, Region und Qualifikation

Die sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung ist zugleich nach Geschlecht, Region und Qualifikation sehr unterschiedlich ausgeprägt. Unter Berücksichtigung einer, wie oben ausgeführt, nur eine Minderheit der 60–64-Jährigen betreffenden Beschäftigungsquote von 35,6 %, die in dieser Altersgruppe überhaupt sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, lässt sich deren Zusammensetzung für die 64-Jährigen im Jahr 2015 nach Bäcker, Jansen & Schmitz mit Verweis auf Daten der Bundesagentur für Arbeit wie folgt aufschlüsseln: Unter den 64-jährigen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten wiesen Männer ohne Berufsabschluss in den ABL mit 88,9 % den höchsten Vollzeitanteil auf, Frauen ohne Berufsabschluss in den ABL mit 45,7 % den geringsten.14 Die Vollzeitanteile lagen generell bei den Frauen weit niedriger als bei den Männern, insbesondere in den ABL, und stiegen mit zunehmender Qualifikation für Frauen in den ABL und NBL sowie für Männer in den NBL an (s. Abb. 7).

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Abb. 7:Anteile der 64-jährigen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Vollzeitarbeit in Deutschland nach Geschlecht, Region und Qualifikation im Jahr 2015 (in %)

Im Hinblick auf die insgesamt mit zunehmendem Alter ab 60 Jahren sinkende Vollzeitbeschäftigungsquote ist zur Bewertung dieser Entwicklung zu berücksichtigen, dass gerade in der rentennahen Teilzeitzeitarbeit die Möglichkeit eines gleitenden Übergangs älterer Erwerbspersonen in den Ruhestand gesehen wurde, der entsprechend des – allerdings seit 2010 auslaufenden – Altersteilzeitgesetzes bei Wiederbesetzung der betreffenden Stelle mit einer/einem Arbeitslosen oder einer/einem BerufsanfängerIn aus Mitteln der Bundesagentur für Arbeit finanziell gefördert wird (vgl. BMAS 2016, S. 113 ff., Bundesagentur für Arbeit 2015b, S. 21 ff., 31 ff.). Letztlich verdeutlicht aber die Vollzeitbeschäftigungsquote, dass trotz gestiegener Erwerbsbeteiligung in höherem Lebensalter nach wie vor nur eine Minderheit, nämlich 10,3 % der 64-Jährigen im Jahr 2015, in ←50 | 51→einer sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigung tätig waren. Ein soziales Sicherungssystem, das wie in der BRD überwiegend auf einer sozialversicherungspflichtigen Vollzeitarbeit zur Existenzsicherung sowie zur Vorsorge für den Ruhestand basiert (s. Kap. 3.5), verweisen diese nach wie vor ab dem 50. Lebensjahr zu konstatierenden Einbrüche in der Erwerbstätigkeit auf eine fortbestehende Sicherungslücke, die mit der Heraufsetzung des gesetzlichen Renteneintrittsalters noch verschärft wird.

Geringfügige Beschäftigung

In besonderer Weise kommt die Diskrepanz zwischen Erwerbsarbeit und einer erwerbsarbeitsbasierten sozialen Absicherung in der Erwerbsform der geringfügigen Beschäftigung zum Ausdruck. Diese ist mit den oben benannten gesetzlichen Entgelt- und Zeitbegrenzungen gar nicht zur sozialen Absicherung konzipiert, sondern soll vielmehr die Möglichkeit eines nebentätigen Zuverdienstes in einer ansonsten anderweitig – durch hauptberufliche Erwerbstätigkeit, Rente, BAföG oder alternative Einkommen im Haushaltskontext – abgesicherten sozialen Lage bieten.

Wurde die im Zuge der „Hartz-Gesetze“ erleichterte und gewollte Ausweitung geringfügiger Beschäftigung mit der Intention begründet, insbesondere Arbeitslosen und Frauen ohne ein weiteres eigenes Erwerbseinkommen eine Brücke in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu eröffnen, so zeigen Untersuchungen zu den Verbleibsdaten geringfügig Beschäftigter, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllte (vgl. Bosch & Weinkopf 2016, S 25 ff., Wippermann 2012, S. 20 ff.).

Während geringfügige Beschäftigung, wie in Abb. 8 dargestellt, generell bei Frauen stärker ausgeprägt ist als bei Männern und für beide Geschlechter in den ABL höhere Anteilswerte als in den NBL aufweist, steigen in beiden Regionen und für beide Geschlechter die Anteile geringfügiger Beschäftigung deutlich an, nämlich für die 64-Jährigen bis auf Werte zwischen 45,9 und 55,0 % an allen abhängigen Beschäftigungsverhältnissen (ohne BeamtInnen).15 Nach Bäcker, Jansen & Schmitz bezieht ein weit überwiegender Teil der geringfügig Beschäftigten ab 63 Jahren zugleich eine Altersrente (vgl. dies. 2017, S. 50).16

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Abb. 8:Anteile geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse an allen abhängigen Beschäftigungsverhältnissen (ohne BeamtInnen) nach Alter, Geschlecht und Region in Deutschland im Jahr 2015 (in %)

Bei der Interpretation der Erwerbstätigenquoten ist somit zu berücksichtigen, dass die hier eingegangenen Anteile geringfügiger Beschäftigung17 im rentennahen Alter deutlich stärker ausgeprägt sind und keine Existenzsicherung ermöglichen.

2.2 Erwerbs- und Arbeitslosigkeit

Auch die Arbeitslosigkeit wird mit unterschiedlichen Messverfahren erhoben. Dargelegt werden im Folgenden die EU-weit ausweisbaren Erwerbslosenquoten sowie anschließend die bundesweit erhobenen Arbeitslosenquoten. Besondere Relevanzen für Arbeitslose in höherem Lebensalter werden anhand der Arbeitslosigkeitsdauer und der Unterbeschäftigung vertiefend diskutiert.

Erwerbslosigkeit

International vergleichbar ist die als Erwerbslosigkeit bezeichnete Erhebung nach dem EU Labour Force Survey (LFS), der an der Definition der International Labour Organization (ILO) orientiert ist. Hiernach setzt Erwerbslosigkeit u.a. voraus, dass die im Rahmen einer Haushaltsbefragung erfasste Person gar nicht oder weniger als eine Stunde in der Berichtswoche erwerbstätig war (vgl. European Commission, Eurostat n.d.c, Konle-Seidel 2009, Gauckler & Körner 2011, S. 185).

Die Erwerbslosenquoten18 wiesen im EU-Durchschnitt in den Altersgruppen ab 50 Jahren gegenüber den 25–49-Jährigen niedrigere Werte auf, d.h. die Arbeitslosigkeitsproblematik erscheint hiernach in höherem Lebensalter als geringer ausgeprägt. Zwischen den dargestellten Jahren 2002, 2015 und 2016 verlief die Entwicklung ähnlich, mit Ausnahme einer 2002 noch deutlich niedrigeren Erwerbslosenquote bei den 60–64-Jährigen. Die Höhe der Erwerbslosenquoten blieb sowohl bei den 25–49-Jährigen wie auch bei Altersgruppen in höherem Lebensalter im betrachteten Zeitraum näherungsweise stabil (s. Abb. 9).

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Abb. 9:Altersspezifische Erwerbslosenquoten im Durchschnitt der EU (28) und in Deutschland in den Jahren 2002, 2015 und 2016 (in %)

In Deutschland ging hingegen im Gegensatz zum EU-Durchschnitt die Erwerbslosigkeit in allen Altersgruppen deutlich zurück. Hierbei lagen die Werte für die Erwerbslosigkeit in höherem Lebensalter zu Beginn des hier betrachteten Zeitraums im Jahr 2002 noch deutlich ungünstiger: Trotz einer leicht niedrigeren Erwerbslosenquote der 25–49-Jährigen mit 7,9 % im Vergleich zum EU-Durchschnitt mit 8,2 %, fielen die Erwerbslosenquoten für die 50–64-Jährigen in Deutschland mit 10,1 % weit höher als der EU-Durchschnitt von 6,6 % aus. Dieses Verhältnis kehrte sich allerdings in der Folgezeit um, im Jahr 2016 unterschritt die Erwerbslosenquote der 50–64-Jährigen in Deutschland mit 3,6 % den Vergleichswert im EU-Durchschnitt mit 6,5 %. Damit erreichte die Erwerbslosenquote der 50–64-Jährigen in Deutschland zugleich ähnlich wie im EU-Durchschnitt einen niedrigeren Wert im Vergleich zu den 25–40-Jährigen (s. Abb. 9).

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Differenzen nach Geschlecht

Im Unterschied zu den deutlichen geschlechtsspezifischen Unterschieden bei den Erwerbstätigenquoten differierten die Erwerbslosenquoten nach Geschlecht in deutlich geringerem Maße.

Abb. 10:Altersspezifische Erwerbslosenquoten in Deutschland nach Geschlecht in den Jahren 2002, 2015 und 2016 (in %)

Wiesen die 55–64-jährigen Frauen im Jahr 2002 mit 12,1 % eine leicht höhere Erwerbslosenquote als die Männer der gleichen Altersgruppe mit 10,6 % auf, kehrte sich dieses Verhältnis in den hier ausgewiesenen Jahren 2015 und 2016 um. Die Erwerbslosenquote lag im Jahr 2016 bei den 55–64-jährigen Männern mit 4,1 % leicht über dem Vergleichswert von 3,6 % bei den gleichaltrigen Frauen (s. Abb. 10).

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Arbeitslosigkeit

Parallel erhobene nationale Arbeitslosigkeitsstatistiken weichen gegenüber der LFS-Erwerbslosigkeitserhebung in unterschiedlichen Kriterien ab und weisen in vielen EU-Ländern geringere Arbeitslosigkeitsdaten aus als die LFS-Daten. Im Gegensatz dazu fielen die in der Bundesrepublik ermittelten Arbeitslosigkeitsdaten der Bundesagentur für Arbeit höher als die LFS-Daten aus.19

So gingen auch nach den Daten der Bundesagentur für Arbeit die Arbeitslosigkeitsquoten in Deutschland – bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen – sowohl für die 15–64-Jährigen in dem ausgewiesenen Zeitraum von 2002 bis 2016 wie auch für die 55–64-Jährigen in dem für diese erst ab 2008 ausgewiesenen Zeitraum tendenziell zurück.

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Trotz einer fast gleichen Arbeitslosenquote in Höhe von 7,9 bzw. 7,8 % im Jahr 2008 reduzierte sich diese für die 55–64-Jährigen in geringerem Maße bis zum Jahr 2016 auf dann 6,8 %, während sie für die 15–64-Jährigen bis 2016 auf 6,1 % sank. Damit erschien die Arbeitslosenquote für Erwerbspersonen in höherem Lebensalter als nur leicht überdurchschnittlich (s. Abb. 11).

Differenzen nach Geschlecht und Region

Nach Geschlecht zeigen ebenso wie die LFS-Daten auch die Arbeitslosigkeitsdaten der Bundesagentur für Arbeit eine leicht geringere Arbeitslosigkeit bei den Frauen, ausgewiesen als Anteil der Frauen an den 55–64-Jährigen in Höhe von 45 % im Jahr 2015 (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2016a, S. 23).

Eine weit größere Relevanz kommt hingegen der Region zu. Die Arbeitslosigkeit der 15–64-Jährigen lag, wie die folgende Abbildung verdeutlicht, in den neuen Bundesländern seit der Datenausweisung nach dem Beitritt der DDR zur BRD deutlich über dem Niveau der alten Bundesländer.20 Seit 2005 näherte sich die Arbeitslosenquote in den NBL derjenigen der ABL an, fiel aber mit 8,5 % im Jahr 2016 immer noch knapp 3 Prozentpunkte höher aus als der Vergleichswert für die ABL mit 5,6 %.

Abb. 12:Altersspezifische Arbeitslosenquoten bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen in Deutschland nach Region in den Jahren 1994, 2002, 2008, 2015 und 2016 (in %)

Eine ähnliche Tendenz verzeichnete auch die Arbeitslosigkeit der 55–64-Jährigen. Diese verringerte sich in ihrer regionalen Differenz ebenfalls seit 2008, die Arbeitslosenquote in den NBL lag aber auch in dieser Altersgruppe mit 9,4 % im Jahr 2016 noch gut 3 Prozentpunkte über der Quote in den ABL mit 6,1 % (s. Abb. 12).21

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Arbeitslosigkeitsdauer und Unterbeschäftigung

Deuten somit die in höherem Lebensalter geringere Erwerbslosenquoten im Vergleich zu den unter 50-Jährigen sowie die gegenüber der gesamten Erwerbsbevölkerung nur leicht höhere Arbeitslosenquoten auf eine tatsächlich geringere oder zumindest nicht deutlich gravierendere Arbeitsmarktproblematik für ältere Erwerbspersonen? Mit Blick auf weiterführende Arbeitslosigkeitsanalysen ist auch diese Frage zu verneinen:

Zum einen liegt das Risiko von Erwerbspersonen in höherem Lebensalter, nach Eintritt von Arbeitslosigkeit in diesem Status zu verbleiben, deutlich über dem Durchschnitt. Im Jahr 2015 betrug die durchschnittliche Arbeitslosigkeitsdauer ←57 | 59→der Arbeitslosen aller Altersgruppen nach Daten der Bundesagentur für Arbeit 70 Wochen, für die 55–64-jährigen Arbeitslosen hingegen 96 Wochen. Entsprechend fiel auch der Anteil Langzeitarbeitsloser – die 12 Monate oder länger als arbeitslos gelten22 – unter den älteren Arbeitslosen höher aus. So wiesen die 15–64-jährigen Arbeitslosen im Jahr 2015 einen Anteil Langzeitarbeitsloser in Höhe von 37 % auf. Unter den 55–64-jährigen Arbeitslosen waren demgegenüber 49 % langzeitarbeitslos (s. Abb. 13). Längere Verbleibsdauern in Arbeitslosigkeit stellen ein Indiz für eine erschwerte Reintegration in Erwerbsarbeit dar.

Zum anderen ist es umstritten, inwieweit die Arbeitslosenquote die Arbeitslosigkeit tatsächlich angemessen abbildet. Mehrfache Änderungen in der Erhebungsmethodik, insbesondere im Zusammenhang mit den sog. ←58 | 60→Hartz-Reformen, haben teils zur Erfassung zuvor nicht registrierter Arbeitsloser, mehrfach aber auch zum Ausschluss weiterer Personengruppen, wie z.B. Teilnehmenden der aktiven Arbeitsmarktpolitik, aus der Arbeitslosendefinition und damit auch aus der Arbeitslosenstatistik geführt (vgl. Konle-Seidl 2009, S. 3–5, Hartmann 2009).

Einige dieser Änderungen bezogen sich spezifisch auf die statistische Ausweisung älterer Arbeitsloser. Hierzu zählten u.a. die Regelungen nach § 428 SGB III und § 65 SGB II, wonach Arbeitslose ab 58 Jahren die Möglichkeit in Anspruch nehmen konnten, Arbeitslosengeld auch ohne aktive Arbeitssuche zu beziehen (vgl. Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz o.J.h, dass. o.J.g). Für diese ab 2008 auslaufenden Bestimmungen wurde 2008 der neue § 53a SGB II als Nachfolgeregelung eingeführt. Hiernach gelten erwerbsfähige Leistungsberechtigte, „die nach Vollendung des 58. Lebensjahres mindestens für die Dauer von zwölf Monaten Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende bezogen haben, ohne dass ihnen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten worden ist, (…) nach Ablauf dieses Zeitraums für die Dauer des jeweiligen Leistungsbezugs nicht als arbeitslos“ (Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz o.J.g). Die Bundesagentur für Arbeit stellt hierzu in einer Stellungnahme im Rahmen einer Sachverständigenanhörung klar, dass sie das fehlende Beschäftigungsangebot nicht auf ein tatsächliches Angebot seitens eines Arbeitgebers bezieht, sondern auf einen fehlenden Vermittlungsvorschlag seitens der Agentur für Arbeit bzw. des SGB-II-Trägers. In diesem fehlenden Angebot wird ein „Indiz für fehlende subjektive Verfügbarkeit“ gesehen, das auch „nicht durch Erklärungen oder Handlungen der Hilfebedürftigen widerlegbar“ ist (vgl. Deutscher Bundestag, Ausschuss für Arbeit und Soziales 2008, S. 10 f., Zitat S. 10).

Damit werden letztlich Personen aus der Arbeitslosigkeitsdefinition und -statistik ausgegrenzt, weil sie arbeitslos sind und – unabhängig von den individuellen Stellensuchaktivitäten der Arbeitslosen – von den zuständigen Institutionen der Arbeitsverwaltung nicht mehr für vermittelbar gehalten werden oder Vermittlungsangebote an sie aufgrund fehlender Arbeitsplätze unterbleiben. Diese Neuregelung legt die politische Implikation einer künstlichen Senkung der Arbeitslosenstatistik nahe und gefährdet das Vermittlungsengagement der Arbeitsverwaltung für ältere Arbeitslose. Einhellig stieß dieser Paragraph denn auch auf Kritik seitens der vom Arbeits- und Sozialausschuss des Deutschen Bundestages zu dieser Reform gehörten Sachverständigen (vgl. Deutscher Bundestag, Ausschuss für Arbeit und Soziales 2008).

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In der Folge hat die Bundesagentur für Arbeit die Ausweisung der sog. Unterbeschäftigung geschärft, die zusätzlich zu den registrierten ausgewiesenen Arbeitslosen insgesamt alle Personen zu erfassen sucht, denen ein reguläres Beschäftigungsverhältnis fehlt.23

Neben den sich auf die Statistik auswirkenden Sonderregelungen für ältere Arbeitslose zeigt zudem eine vergleichende Analyse der Unterbeschäftigungsdaten, dass bezogen auf die registrierten ausgewiesenen Arbeitslosen die Unterbeschäftigung bei den älteren Arbeitslosen von höherer Relevanz ist als im Durchschnitt aller Altersgruppen. So sind im Jahr 2015 zusätzlich zu den 2.794.664 Arbeitslosen aller Altersgruppen 774.519 weitere Personen in Unterbeschäftigung im engeren Sinne ausgewiesen, die Arbeitslosen bildeten hier 78,3 % aller Personen in Unterbeschäftigung im engeren Sinne ab. Die Vergleichswerte24 für die 55–64-Jährigen umfassten 568.000 Arbeitslose und 237.000 weitere Personen in Unterbeschäftigung, hier bildeten die Arbeitslosen nur 70,6 % aller Personen in Unterbeschäftigung im engeren Sinne ab (s. Abb. 14). D.h. die unzureichende Abbildung fehlender regulärer Beschäftigung allein durch die Arbeitslosenstatistik trifft auf ältere Arbeitslose in noch höherem Maße zu.

2.3 Neueinstellungen von Älteren

Die Ermittlung der Arbeitsmarkt- bzw. Einstellungschancen anhand altersdifferenzierter Einstellungsraten in ein Beschäftigungsverhältnis ist nur näherungsweise möglich. Im Rahmen repräsentativer Betriebsbefragungen des IAB-Betriebspanels wird die Berücksichtigung älterer BewerberInnen bei betrieblichen Stellenbesetzungen aus dem externen Arbeitsmarkt nach Ergebnissen aus den Jahren 2004 und 2015 als unterdurchschnittlich ausgewiesen (vgl. SÖSTRA 2007, S. 61 ff., SÖSTRA 2016, S. 56 ff.).

Zur Ermittlung dieser unterdurchschnittlichen Einstellung älterer BewerberInnen ab 50 Jahren wurde deren Anteil an den Einstellungen auf den im ersten Halbjahr 2004 zuletzt besetzten Stellen in Höhe von 14 % in Ostdeutschland (Westdeutschland: 11 %) verglichen mit dem Anteil dieser Altersgruppe an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Höhe von 24 % in Ostdeutschland (Westdeutschland: 21 %). Die ermittelten Gründe – u.a.: zu 71 % keine Bewerbungen Älterer, zu 3 % explizit für Jüngere ausgeschriebene Stellen – sind indes in ihrer Validität infrage zu stellen, da sie allein auf Eigenaussagen ohne weitere Erfassung von Ausschreibungstexten und Auswahlverfahren basieren. (Vgl. ←60 | 63→SÖSTRA 2007, S. 61 f.) In der jüngeren Wiederholungsbefragung stieg der Vergleichswert der mit einer Person ab 50 Jahren besetzten Stelle im ersten Halbjahr 2015 auf 21 % in Ostdeutschland. Allerdings blieben – bezogen auf das gesamte Jahr 2015 und nur für die NBL ausgewiesen – die Quoten der mit einer älteren Person besetzten Stelle deutlich unter ihrem Anteil an den Beschäftigten und betrugen 13 % an Stellenbesetzungen mit einer älteren Person bei insgesamt 36 % Anteil älterer Personen an den Beschäftigten in Ostdeutschland (vgl. SÖSTRA 2016, S. 56). Zu berücksichtigen ist die begrenzte Aussagekraft dieser Relation, da der Beschäftigtenanteil nur unter der Bedingung gleicher Suchraten einen verlässlichen Indikator darstellt.

In einer Analyse von Neueinstellungen, die ausschließlich auf Daten der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit basiert und damit auf Daten aus Betriebsbefragungen verzichtet, weist Brussig grundlegende Erhebungsprobleme aus.25 Er sieht in der relativen Eintrittsrate älterer Beschäftigter, die die Relation von neu Eingestellten und Bestand an Beschäftigten beschreibt und zugleich zu der entsprechenden Relation der jüngeren Beschäftigten ins Verhältnis setzt, den vergleichsweise aussagekräftigsten Indikator auf die Einstellungschancen älterer Erwerbspersonen. Die Entwicklung der relativen Einstellungsrate der 50–64-Jährigen im Vergleich zu den 30–49-Jährigen geht nach seinen Berechnungen im Zeitraum 2002 bis 2006 leicht von knapp 60 % auf knapp 58 % zurück. Als Grund für die insbesondere in den NBL erfolgten Rückgänge der relativen Einstellungsraten vermutet er die gekürzten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (vgl. Brussig 2009, S. 3, 10 ff.). Im Ergebnis schlussfolgert Brussig,

„dass sich deutschlandweit die relativen Einstellungschancen Älterer in den letzten Jahren – trotz der gewachsenen Erwerbsbeteiligung dieser Altersgruppe – nicht verbessert haben“. (Ders. 2009, S. 12.)

←61 | 64→

In einer jüngeren Analyse von Brussig und Eggers (vgl. dies. 2014, S. 13 ff.) zeigt sich, dass sich die relativen Einstellungsraten älterer Beschäftigter – hier allerdings bezogen auf die 55–64-Jährigen im Vergleich zu den 25–54-Jährigen – nach einer deutlicher beobachtbaren Zunahme von 48,8 % im Jahr 1993 auf 59,5 % in 1998 im Folgezeitraum bis 2010 nur mehr auf 60,3 % angestiegen sind. Aus diesen Ergebnissen schließen sie

„dass die steigende Erwerbstätigkeit Älterer eher auf eine Verlängerung der Erwerbsphasen in bestehenden Jobs und nicht oder nur nachrangig auf überproportional häufigere Einstellungen von älteren Bewerberinnen und Bewerbern zurückzuführen ist. Unsere Analysen lassen Anzeichen dafür erkennen, dass die Altersungleichheit von Rekrutierungen nach wie vor vorhanden, aber leicht zurückgegangen ist.“ (Brussig & Eggers 2014, S. 16)

Die AutorInnen verweisen zudem auf internationale Untersuchungen, wonach in zahlreichen Industrieländern eine ähnliche „Altersselektivität in Rekrutierungsprozessen“ ebenfalls zu beobachten ist (vgl. Brussig & Eggers 2014, S. 2, ähnliche Ergebnisse bestätigt mit Verweis auf deutsche und internationale Studien Lehr 2007, S. 211 f.).

2.4 Austritt aus der Erwerbsphase

Bei einer näheren Betrachtung der Übergänge aus der Erwerbsphase in den Ruhestand ist zu differenzieren nach dem Austritt aus der Erwerbstätigkeit, dem Austritt aus der Erwerbsphase und dem Eintritt in die vorgezogene oder reguläre Altersrente bzw. sonstige Rentenformen.

Entsprechend der steigenden Erwerbsbeteiligung älterer Erwerbspersonen nahm auch das mittlere Alter bei der Beendigung einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung – und diese ist i.d.R. wesentlich für die Alterssicherung – zu. Nach Berechnungen26 von Brussig (vgl. ders. 2015, S. 7 ff.) stieg in dem bis Ende 2010 reichenden Beobachtungszeitraum das mittlere ←62 | 65→Austrittsalter27 aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung von 59,8 Jahren der Geburtskohorte von 1940 gegenüber der Kohorte von 1945 um 0,7 Jahre auf 60,5 Jahre und gegenüber der Kohorte von 1948 um 1,9 Jahre auf 61,7 Jahre. Dieser Anstieg wurde teilweise durch Altersteilzeitarbeit getragen. Ohne deren Berücksichtigung stieg das mittlere Austrittsalter ebenfalls an, jedoch in deutlich schwächerer Ausprägung. Nach Branchen wiesen das Gastgewerbe und die Bauwirtschaft frühere Austrittsalter auf, während die Branchen öffentliche Verwaltung, Metallerzeugung und Chemie höhere Austrittsalter verzeichneten. Auch diesen Umstand führt Brussig auf die jeweils unterschiedliche Verbreitung von Altersteilzeitarbeit zurück.

Das mittlere Austrittsalter aus der Erwerbsphase, von Brussig als Austrittsalter aus Arbeitsmarktaktivität bezeichnet, umfasst neben dem Austritt aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung auch die Austritte aus geringfügiger Beschäftigung, dem Bezug von Arbeitslosengeld oder -hilfe, der Teilnahme an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen oder dem als arbeitsuchend gemeldeten Status. Dieses Austrittsalter stieg im gleichen Beobachtungszeitraum von 60,8 Jahren der Geburtskohorte von 1940 um 1,5 Jahre auf 62,3 der Kohorte von 1945 sowie um 1,7 Jahre auf 62,5 Jahre der Kohorte von 1948 (vgl. ebd., S. 12 ff.).

Das Austrittsalter aus der Erwerbsphase ist i.d.R. mit dem Eintritt in eine Rente verknüpft. Dieses lag jedoch bei der Kohorte von 1940 um 1,0 Jahre bzw. 365 Tage über dem mittleren Austrittsalter aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, bei der Kohorte von 1945 um 1,75 Jahre bzw. 639 Tage darüber. Somit ist im Vergleich dieser Jahrgänge zugleich eine zunehmende Differenz zwischen dem mittleren Austrittsalter aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung und dem mittleren Austrittsalter aus der Erwerbsphase feststellbar.

Im Ergebnis zeigt sich damit eine Lücke zwischen dem Austritt aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung und dem Austritt aus der Erwerbsphase, die zudem zumindest für den bislang beobachtbaren Zeitraum zunahm. Sofern diese Lücke nicht durch hinreichend alternative Einkommen, wie z.B. einer anderweitigen Erwerbsform, Arbeitslosengeld oder Einkommen im Haushaltskontext kompensiert wird, verweist sie für die betreffenden Erwerbspersonen auf zunehmende Sicherungslücken vor dem Renteneintritt. Trotz der Anstiege des Austrittsalters beider Bezugsgrößen verbleibt für den Beobachtungszeitraum ←63 | 66→eine deutliche Diskrepanz zwischen Austrittsalter und dem gesetzlichen regulären Renteneintrittsalter, das bis 2011 bei 65 Jahren lag und seit 2012 für die 1947 Geborenen und Jüngeren stufenweise auf 67 Jahre ansteigt (vgl. Deutsche Rentenversicherung 2017, S. 2, 8).

Einen bedeutsamen Einflussfaktor auf das Austrittsalter stellen, wie sich in der angeführten Differenzierung nach Branchen bereits andeutet, die Berufe dar. Bezogen allerdings auf eine andere Datengrundlage, nämlich die Erfassung von Erwerbstätigkeit auf Basis der Mikrozensusdaten entsprechend der ILO-Definition (s.o.), weisen Brussig und Ribbat (vgl. dies. 2014, S. 3, 8 ff.) das berufliche Austrittsalter für die Geburtskohorten von 1945 und 1941 für den bis 2010 reichenden Betrachtungszeitraum aus. Demnach variiert das Austrittsalter um über 5,5 Jahre zwischen den Malern, Lackierern und verwandten Berufen mit einem mittleren Austrittsalter von 63,2 Jahren sowie den Hoch- und Tiefbauberufen mit einem Vergleichswert von nur 57,6 Jahren. Zu berücksichtigen ist hierbei, dass diese Daten nicht allein auf eine längere Verbleibsmöglichkeit in einem Beruf verweisen, sondern auch auf die Aufnahmefähigkeit eines Berufes für Erwerbspersonen, die aus anderen Berufen dorthin wechseln. Eine solche Aufnahmefähigkeit sehen Brussig und Ribbat in einigen Berufen in einem hohen Anteil geringfügiger Beschäftigung begründet, der für Erwerbspersonen in höherem Lebensalter aufgrund niedrigschwelliger Eintrittsmöglichkeiten eine Einkommenschance bis zum Renteneintritt oder auch einen Zuverdienst im Rentenbezug28 bietet. Einen solchen Zusammenhang vermuten sie als Grund für das relativ hohe und auf 62,4 Jahre gestiegene mittlere Austrittsalter in den sonstigen Dienstleistungsberufen, zu denen z.B. das Gastgewerbe zählt (vgl. ebd., S. 13 f.).

Der Beruf stellt ebenfalls einen relevanten Einflussfaktor in Bezug auf den Wunsch von Erwerbspersonen nach einem vorzeitigen Renteneintritt dar. Auf Basis von Daten aus der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung29 von 2012 untersucht Mümken (vgl. dies. 2014) den Wunsch nach einem vorgezogenen Rentenbeginn unter den Erwerbspersonen ab 45 Jahren. In geringstem Maße ←64 | 67→wurde ein solcher Wunsch zu 42 % von Angehörigen der Professionen geäußert, zu denen u.a. ÄrztInnen, RichterInnen und Sozial-/GeisteswissenschaftlerInnen zählen. Als Hauptmotiv dominierte bei fast der Hälfte dieser Berufsgruppen, mehr Zeit für private Interessen haben zu wollen. In den Agrarberufen, die neben den Professionen die höchsten Anteile von Erwerbspersonen ab 55 Jahren aufwiesen (Mümken, S. 5), wünschten gut 50 % einen vorzeitigen Rentenbeginn, benannten aber zu insgesamt über 80 % als Hauptgründe hierfür gesundheitliche Gründe oder die Einschätzung der Arbeit als „sehr anstrengend“. Diese unterschiedliche Gewichtung der Motive korrespondiert nach Mümken mit den angegebenen Beschwerdeprofilen in diesen zwei Berufsgruppen hinsichtlich Erschöpfung, psychovegetativen Beschwerden sowie muskuloskelettalen Beschwerden. Die höchsten Anteile von Erwerbspersonen mit einem vorzeitigen Renteneintrittswunsch in Höhe von jeweils gut 70 % zeigten sich in den einfachen manuellen Berufen sowie in den qualifizierten manuellen Berufen. Auch hier stellten gesundheitliche Gründe oder die Einschätzung der Arbeit als „sehr anstrengend“ für die überwiegende Mehrheit die Hauptgründe dieses Wunsches dar. (Vgl. Mümken 2014, S. 5, 17 ff.)

2.5 Resümee

Daten zur Entwicklung von Erwerbstätigkeit und Erwerbslosigkeit in höherem Lebensalter implizieren einen eindrucksvollen Abbau der Arbeitsmarktrisiken für ältere Erwerbspersonen in der Bundesrepublik, mit der nicht nur die EU-Beschäftigungsziele von Stockholm aus dem Jahr 2001 übererfüllt wurden (s. Kap. 1), sondern Deutschland im Jahr 2016 im EU-Vergleich auch eine weit überdurchschnittliche Erwerbsbeteiligung von Personen ab 50 bzw. ab 55 Jahren vorweisen konnte. Demnach stieg die Erwerbstätigenquote der 55–64-Jährigen bis zum Jahr 2016 in Deutschland auf 68,6 %, während ihre Erwerbslosenquote bis zum gleichen Jahr auf 3,9 % sank.

Nach näherer Auseinandersetzung mit der Erhebungsmethodik und mit alternativen Mess- und Erhebungskonzepten stellt sich die Arbeitsmarktsituation älterer Erwerbspersonen hingegen deutlich problematischer dar:

Die Ausweisung der international vergleichbaren Erwerbstätigenquoten nach der ILO-Definition von Erwerbstätigkeit erfasst eine solche bereits ab einer Stunde wöchentlich. Analysen zur Erwerbsbeteiligung, die vorrangig auf Erwerbsarbeit mit einer sozio-ökonomischen Mindestrelevanz für die Erwerbstätigen fokussieren, finden daher eine aussagekräftigere Datengrundlage in den Beschäftigungsquoten, die sich auf den Anteil der ←65 | 68→sozialversicherungspflichtig Beschäftigten an der gleichaltrigen Bevölkerung beziehen. Diese stiegen ebenfalls in allen Altersgruppen bis zum Jahr 2016 an, wiesen aber jeweils ein deutlich geringeres Niveau auf und betrugen in 2016 in Deutschland 64,6 % bei den 50–54-Jährigen, 59,2 % bei den 55–59-Jährigen sowie nur mehr 37,5 % bei den 60–64-Jährigen. Tendenziell fielen diese Beschäftigungsquoten bei den Männern gegenüber den Frauen sowie in den ABL gegenüber den NBL höher aus. Bei Betrachtung ausschließlich der Vollzeitbeschäftigungsquoten unter den 60–64-Jährigen – also der Anteile der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten an der gleichaltrigen Bevölkerung – stiegen auch deren Quoten in allen Altersjahrgängen bis zum Ende des Betrachtungszeitraums im Jahr 2015 an, erreichten aber z.B. für die 64-Jährigen in 2015 nur 10,3 %. Spiegelbildlich nahmen, bezogen ausschließlich auf das Jahr 2015, die Anteile geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse an allen abhängigen Beschäftigungsverhältnissen mit steigendem Alter spätestens ab dem 61. Lebensjahr bei Frauen und Männern aus den ABL und den NBL massiv zu.

Auch die international vergleichbaren Erwerbslosenquoten führen zu niedrigeren Datenausweisungen als die Arbeitslosenquoten der Bundesagentur für Arbeit. Nach letzteren gelten Personen auch im Falle einer ausgeübten Erwerbstätigkeit als arbeitslos, sofern diese weniger als 15 Stunden pro Woche beträgt. Die Arbeitslosenquoten sanken bis zum Jahr 2016 für die 55–64-Jährigen auf 6,8 %. Damit lagen sie nur leicht über dem Gesamtdurchschnitt der 15–64-Jährigen, beinhalteten aber insbesondere regionale Differenzen mit jeweils deutlich höheren Quoten in den NBL. Eine Analyse der Arbeitslosigkeitsdauern zeigt zudem, dass 55–64-jährige Arbeitslose deutlich länger in Arbeitslosigkeit verbleiben und einen dazu korrespondierend höheren Anteil Langzeitarbeitsloser aufwiesen als im Gesamtdurchschnitt der 15–64-Jährigen, was auf erschwerte Reintegrationschancen in Erwerbsarbeit verweist. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass die Arbeitslosenquote die Arbeitslosigkeit nicht hinreichend abbildet. So werden in der von der Bundesagentur für Arbeit ausgewiesenen Unterbeschäftigung, die das Gesamtvolumen fehlender regulärer Beschäftigung zu erfassen versucht, neben den Arbeitslosen u.a. Personen ausgewiesen, „die im weiteren Sinne arbeitslos sind“. Zu diesen zählen unter bestimmten Bedingungen Personen ab 58 Jahren, die seit 12 Monaten keinen Vermittlungsvorschlag erhalten haben. Weitere Personengruppen in Unterbeschäftigung sind z.B. Teilnehmende an beruflicher Weiterbildung, Arbeitsgelegenheiten etc. Eine nähere Betrachtung der Unterbeschäftigungsdaten ergab, dass bezogen auf die registrierten ausgewiesenen Arbeitslosen die Unterbeschäftigung bei den 55–64-jährigen Personen von ←66 | 69→höherer Relevanz ist als im Gesamtdurchschnitt aller Altersgruppen. D.h. die unzureichende Abbildung fehlender regulärer Beschäftigung allein durch die Arbeitslosenstatistik trifft auf ältere Arbeitslose in noch stärkerem Maße zu.

Neben den längeren Arbeitslosigkeitsdauern von 55–64-jährigen Arbeitslosen können geringere Einstellungsraten älterer Stellensuchender als weiterer Indikator für erschwerte Reintegrationschancen in Erwerbsarbeit herangezogen werden. Diverse Analysen, in denen unter Nutzung unterschiedlicher Bezugsgrößen und Erhebungsverfahren die Relation von Einstellungen zum Bestand an Beschäftigten der jeweiligen Altersgruppen betrachtet wurden, bestätigen jeweils eine unterdurchschnittliche Repräsentanz von Erwerbspersonen ab 50 bzw. 55 Jahren bei Neueinstellungen. Nach einer Untersuchung von Brussig & Eggers (vgl. dies. 2014) ging diese Altersungleichheit bis zum Ende des Betrachtungszeitraums im Jahr 2010 dabei leicht zurück. Problematisch an der Erhebung von Einstellungsdaten ist allerdings die fehlende Datengrundlage der Gesamtheit von Stellensuchenden im Arbeitslosigkeits- und im Erwerbstätigenstatus, die allein eine aussagekräftige Bezugsgröße darstellen können, da eine geringere Suchrate älterer Erwerbstätiger im Vergleich zu jüngeren unterstellt werden kann.

Schließlich ergaben Analysen zum Austritt aus der Erwerbsphase ein gestiegenes Austrittsalter der Geburtskohorte von 1945 gegenüber derjenigen von 1940. Ein Vergleich mit dem niedriger ausfallenden Austrittsalter aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung zeigt aber eine zugleich auch zunehmende Differenz beider Größen. Diese verweist auf zunehmende Sicherungslücken vor dem Renteneintritt, sofern sie nicht durch Arbeitslosengeld oder anderweitige alternative Einkommen aufgefangen wird. Gleichwohl lagen auch das mittlere Erwerbsaustrittsalter der 1945 Geborenen mit 62,3 Jahren sowie insbesondere ihr mittleres Austrittsalter aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung mit 60,5 Jahren noch deutlich unter dem gesetzlichen Renteneintrittsalter von für diese Kohorten 65 Jahren.

Im Ergebnis ist damit zu konstatieren, dass die Arbeitsmarktrisiken für Erwerbspersonen ab 50 bzw. ab 55 Jahren auf dem deutschen Arbeitsmarkt zwar eine sinkende Tendenz aufweisen, aber dennoch auch aktuell im Vergleich zu jüngeren Erwerbspersonen noch deutlich stärker ausgeprägt sind. Angesichts der seit den 1990er Jahren neu akzentuierten renten- und arbeitsmarktpolitischen Gesetzesreformen, die auf eine Ausweitung und Verlängerung der Erwerbsbeteiligung abzielen, ergeben sich hieraus für viele Erwerbspersonen in höherem Lebensalter zunehmende Sicherungslücken mit tiefgreifenden Folgen für die Betroffenen, insbesondere im Falle eintretender Arbeitslosigkeit. Diese ←67 | 70→Sicherungslücken werden in den kommenden Jahren voraussichtlich an Brisanz gewinnen, wenn Geburtenjahrgänge mit vermehrten Arbeitslosigkeitsphasen in den Erwerbsbiografien in das rentennahe Alter gelangen und das entsprechend verminderte Rentenniveau die Option auf vorzeitige Rente mit Abschlägen noch weniger ermöglicht (vgl. Rock 2017, S. 45 ff., vgl. auch die Ausführungen in Kap. 3.6).

7Bezugsgröße der nachfolgend ausgewiesenen Erwerbstätigenquoten ist jeweils die Quote der angegebenen erwerbstätigen Teilpopulation im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung dieser Teilpopulation, z.B. der erwerbstätigen 50–54-jährigen Frauen im Verhältnis zu allen 50–54-jährigen Frauen.

8Bezugsgröße sind die 28 Mitgliedsstaaten der EU. Eurostat weist unterschiedliche Bezugsgrößen aus, die auch Zeitreihen für frühere Status der EU mit weniger Mitgliedsstaaten bieten.

9Nach § 138 Sozialgesetzbuch III ist für die Anerkennung des Arbeitslosigkeitsstatus eine Erwerbstätigkeit von weniger als 15 Stunden pro Woche unschädlich, vgl. Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz o.J.h.

10Die gesetzlichen Regelungen zur Definition einer geringfügigen Beschäftigung wurden mehrfach verändert, nach aktueller Definition handelt es sich im Falle einer Entlohnung bis max. regelmäßig 450 € monatlich oder einer zeitlichen Dauer von max. 3 Monaten oder 70 Arbeitstagen jährlich um eine geringfügige Beschäftigung, vgl. Bundesagentur für Arbeit 2016b, S. 7 f., vgl. zur rechtlichen Entwicklung Wippermann 2012, S. 89 ff., Kattein 2002.

11So lag im Jahr 2015 der Anteil der Angestellten, ArbeiterInnen und Auszubildenden an allen 15–64-jährigen Personen, also allen Erwerbstätigen, Erwerbslosen und Nichterwerbspersonen, bei 63 %, der Anteil der Selbstständigen und mithelfenden Familienangehörigen bei 7 % und der Anteil der BeamtInnen bei 4 %, die übrigen Anteile umfassten zu 4 % Erwerbslose und zu 23 % Nichterwerbspersonen. Für die 55–64-Jährigen betrugen die Vergleichswerte 52 % Angestellte, ArbeiterInnen und Auszubildende, 9 % Selbstständige und mithelfende Familienangehörige, 4 % BeamtInnen, 3 % Erwerbslose und 31 % Nichterwerbspersonen, vgl. Bundesagentur für Arbeit 2016a, S. 10.

12Die Beschäftigungsquoten bezeichnen den Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten an der gleichaltrigen Gesamtbevölkerung, z.B. den Anteil der sozialversicherungspflichtig beschäftigten 50–54-Jährigen im Verhältnis zu allen 50–54-Jährigen. Die Beschäftigtendaten beziehen sich jeweils auf den Stichtag 30.06. eines Jahres, die Bevölkerungszahl auf den 31.12. des Vorjahres. Aufgrund einer veränderten Referenzgröße auf Grundlage des Zensus 2011 fallen die zugrunde gelegten Bevölkerungsdaten ab 2011 niedriger und damit die hierauf bezogenen Beschäftigungsquoten höher aus. Unabhängig davon wiesen die Beschäftigungsquoten im gesamten Betrachtungszeitraum eine steigende Tendenz auf.

13Diese Datenvergleiche sind nur als grobe Größenverhältnisse interpretierbar, da es sich um unterschiedliche Datenquellen handelt, deren Bezugsgrößen vermutlich leicht voneinander abweichen.

14Bezugsgröße der hier ausgewiesenen Anteilswerte ist das Verhältnis der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten der angegebenen Teilpopulationen an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten dieser Teilpopulationen, z.B. der sozialversicherungspflichtig vollzeitbeschäftigten 64-jährigen Frauen ohne Berufsabschluss in den ABL an allen sozialversicherungspflichtig beschäftigten 64-jährigen Frauen ohne Berufsabschluss in den ABL.

15Bezugsgröße der hier ausgewiesenen Anteilswerte ist das Verhältnis geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse der angegebenen Teilpopulationen an allen abhängigen Beschäftigungsverhältnissen dieser Teilpopulationen (ohne BeamtInnen), z.B. der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse von 55-jährigen Frauen in den ABL an allen abhängigen Beschäftigungsverhältnissen der 55-jährigen Frauen in den ABL.

16Auch in den im Rahmen der vorliegenden Arbeit geführten Interviews berichteten Erwerbspersonen über geringfügige Beschäftigungen, die sie in höherem Lebensalter ausgeübt hatten. Überwiegend handelte es sich hierbei um Nebentätigkeiten während einer Arbeitslosigkeitsphase, in zwei Fällen auch parallel zum Altersrentenbezug.

17Im Rahmen der auf Bevölkerungsbefragungen basierenden Erhebung der Erwerbstätigkeit wird geringfügige Beschäftigung allerdings auf einem geringeren Niveau ausgewiesen als nach Daten der Bundesagentur für Arbeit, bei denen es sich um eine Vollerhebung handelt, vgl. Körner, Puch, Frank & Meinke 2011, S. 1066.

18Bezugsgröße der nachfolgend ausgewiesenen Erwerbslosenquoten ist jeweils die Quote der angegebenen erwerbslosen Teilpopulation im Verhältnis zur gesamten Erwerbsbevölkerung dieser Teilpopulation, z.B. der 50–54-jährigen Erwerbslosen in der EU im Verhältnis zu allen 50–54-jährigen Erwerbspersonen in der EU, letztgenannte umfassen die Erwerbstätigen und Erwerbslosen.

19Konle-Seidel verweist in ihrer Analyse zwar auf eine reduzierte Differenz zwischen den LFS- und den Arbeitslosigkeitsdaten für Deutschland von 1,8 Prozentpunkten im Jahr 1996 auf 0,7 Prozentpunkte im Jahr 2007 infolge von Anpassungen in den Erhebungsmethodiken (vgl. Konle-Seidel 2009, S. 1, 4), in den jüngsten Datenausweisungen fiel die Differenz dennoch höher aus. Demnach betrugen im Jahr 2016 die Arbeitslosenquoten für die 15–64-Jährigen 6,1 % und für die 55–64-Jährigen 6,8 %, hingegen die Erwerbslosenquoten für die 15–64-Jährigen 4,2 % und für die 55–64-Jährigen 3,9 % (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2017a, European Commission, Eurostat n.d.b).

20Daten zu regionalen Arbeitslosenquoten liegen seit 1991 bezogen auf die abhängigen zivilen Erwerbspersonen vor, seit 1994 auch bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen. Da die Daten zu altersspezifischen Arbeitslosenquoten nur noch mit Bezug auf alle zivilen Erwerbspersonen ausgewiesen werden, wurde das Jahr 1994 als Ausgangspunkt des Betrachtungszeitraums gewählt. Die altersspezifische Ausweisung der Arbeitslosenquoten reicht nach jüngstem Datenzugang bis 2008 zurück, weshalb dieses Jahr in dem Betrachtungszeitraum ergänzt wurde. Die übrigen Jahresausweisungen 2002, 2015 und 2016 entsprechenden den Jahresbezügen der vorhergehenden Ausführungen.

21Zu weiteren Differenzierungen nach einzelnen Bundesländern vgl. Bundesagentur für Arbeit 2016a, S. 18 sowie nach Qualifikation in Verbindung mit Geschlecht und Region vgl. Bäcker, Jansen & Schmitz 2017, S. 60 ff. Beide Quellen beziehen sich ebenso wie die vorliegende Arbeit auf die gleiche Datengrundlage der Bundesagentur für Arbeit.

22Hierbei wird die statistische Messung der Arbeitslosigkeit nicht im Falle einer Maßnahmeteilnahme im Rahmen der „Aktivierung und beruflichen Eingliederung“ unterbrochen, wohl aber z.B. im Falle der Teilnahme an einer beruflichen Weiterbildung oder einer sonstigen arbeitsmarktpolitischen Maßnahme, vgl. Bundesagentur für Arbeit 2017c, S. 23.

23Hierzu zählen a) die Arbeitslosen, b) „Personen, die im weiteren Sinne arbeitslos sind“, wie z.B. Teilnehmende an Aktivierungsmaßnahmen und Personen nach § 53a SGB II, c) „Personen, die nahe am Arbeitslosenstatus sind“, wie z.B. Teilnehmende an beruflicher Weiterbildung, Arbeitsgelegenheiten oder Personen nach § 428 III bzw. § 65 SGB II sowie d) „Personen, die fern vom Arbeitslosenstatus sind, in Maßnahmen, die gesamtwirtschaftlich entlasten“, wie z.B. Personen mit Gründungszuschuss oder in Kurzarbeit; die Summe der Personen unter a) und b) wird auch als „Arbeitslosigkeit im weiteren Sinne“ bezeichnet, die Summe der Personen unter a), b) und c) als Unterbeschäftigung im engeren Sinne und die Summe der Personen unter a) bis d) als Unterbeschäftigung (Bundesagentur für Arbeit 2017b, S. 5, vgl. auch Hartmann 2009, ders. 2011). Zu früheren Messkonzepten vgl. exemplarisch Fuchs, Walwei und Weber 2005.

24Die Vergleichswerte basieren ebenfalls auf Daten der Bundesagentur für Arbeit, sind aber für die 55–64-Jährigen nur gerundet angegeben. So werden in der Datenausweisung für die 15–64-Jährigen die Personen nach § 53a SGB II für 2015 auf 164.990 beziffert (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2017b, S. 5), die identische Personengruppe wird in der Datenausweisung für die 55–64-Jährigen mit 160.000 angegeben (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2016a, S. 22 f.). Die Vergleichsdaten beziehen sich ausschließlich auf die Unterbeschäftigung im engeren Sinne, die für die 55–64-Jährigen zusätzlich ausgewiesenen Personen mit Gründungszuschuss/in geförderter Selbstständigkeit wurden daher herausgerechnet.

25Hierzu zählen demografisch bedingte Einflüsse, die bei allen Absolutdaten zu berücksichtigen sind, weiterhin die Relevanz von Einstellungen in öffentlich geförderte (und damit befristet subventionierte, gleichwohl i.d.R. sozialversicherungspflichtig regulierte) Beschäftigung, die zeitweilig zu vermehrten Einstellungen älterer Arbeitsloser führten und somit nicht als Erhöhung der generellen Einstellungschancen zu betrachten sind, ein anzunehmendes altersspezifisch unterschiedliches Suchverhalten, wonach ältere Erwerbstätige in eher geringerem Maße als Jüngere ihre Beschäftigung freiwillig aufgeben dürften, sowie fehlende Daten über die Anzahl von Arbeitsuchenden, die im Unterschied zu der behelfsmäßig herangezogenen Bezugnahme auf den Bestand der Beschäftigten die einzig aussagekräftige Bezugsgröße für die Bewertung von Einstellungschancen auf Basis der Einstellungsraten wäre, vgl. Brussig 2009, S. 2 f., 10–13.

26Die Berechnungen basieren auf einer Stichprobe der Integrierten Arbeitsmarktbiografien (SIAB), die aus einem vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bereitgestellten Datensatz gezogen wurde. Berücksichtigt wurden ausschließlich Personen, die nach Vollendung ihres 55. Lebensjahres noch sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren, vgl. Brussig 2015, S. 4 f. Aussagekräftig sind die aufgeführten Daten allerdings nur für die Kohorten 1940 bis 1945, da sie i.d.R. ihre Erwerbsphase bis Ende des Jahres 2010 nahezu vollständig abgeschlossen hatten, vgl. ebd., S. 6.

27Das mittlere Austrittsalter aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung ist das Alter, an dem die Hälfte der jeweils betrachteten Geburtskohorte aus dieser Beschäftigungsform ausgeschieden ist.

28Auf die in Deutschland wie auch international massiv steigende Erwerbstätigkeit im Ruhestand wird in der vorliegenden Arbeit nicht näher eingegangen, zu diesbezüglichen Untersuchungen vgl. exemplarisch Engstler 2015, Schmitz 2015, Rhein 2016, Esselmann & Geis 2015.

29Die Abkürzungen bezeichnen das Bundesinstitut für Berufsbildung sowie die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Die Erhebung ist repräsentativ und umfasst Personen ab 15 Jahren mit einer wöchentlichen Mindestarbeitszeit ab 10 Stunden, vgl. Mümken 2014, S. 4.