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Multimodale Kommunikation im Social Web

Forschungsansätze und Analysen zu Text–Bild-Relationen

Series:

Christina Margrit Siever

Multimodalität ist ein typisches Merkmal der Kommunikation im Social Web. Der Fokus dieses Bandes liegt auf der Kommunikation in Foto-Communitys, insbesondere auf den beiden kommunikativen Praktiken des Social Taggings und des Verfassens von Notizen innerhalb von Bildern. Bei den Tags stehen semantische Text-Bild-Relationen im Vordergrund: Tags dienen der Wissensrepräsentation, eine adäquate Versprachlichung der Bilder ist folglich unabdingbar. Notizen-Bild-Relationen sind aus pragmatischer Perspektive von Interesse: Die Informationen eines Kommunikats werden komplementär auf Text und Bild verteilt, was sich in verschiedenen sprachlichen Phänomenen niederschlägt. Ein diachroner Vergleich mit der Postkartenkommunikation sowie ein Exkurs zur Kommunikation mit Emojis runden das Buch ab.
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2 Kommunikation in den digitalen Medien

2  Kommunikation in den digitalen Medien

Neue Medien, Multimedia, Printmedien, Massenmedien, Speichermedien, Unterhaltungsmedien, Leitmedien, digitale Medien: Medien ist ein Ausdruck, der sehr häufig verwendet und unter dem ebenso oft Unterschiedliches verstanden wird.19 Gerade durch das Aufkommen der »modernen Medien«, wie Schmitz (2004d: 8) diejenigen Medien bezeichnet, die im 20. Jahrhundert erfunden wurden, konnte sich der Terminus Medium rasant ausbreiten.

In den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen existieren zahlreiche Medientheorien und -begriffe, die sich teilweise beträchtlich voneinander unterscheiden. Selbst in den einzelnen Fachgebieten wird unter Medien Verschiedenes verstanden. Zu Recht spricht Faulstich (2002: 19) von einem »Begriffswirrwarr und Metaphernsalat«. Darüber hinaus kann konstatiert werden, dass zuweilen in ein und derselben Arbeit der Terminus Medium zu wenig reflektiert und mit unterschiedlichen Begriffskonzepten verbunden wird: So werden beispielsweise in einer sprachwissenschaftlichen Monographie Text bzw. Sprache und Bild als »Medien zweier entgegen gesetzter [sic!] Zeichensysteme« (Große 2011: 14) betitelt; wenige Seiten weiter ist dann die Rede vom »audiovisuellen Medium Internet« sowie von den »dialogisch-interaktionalen Medien wie E-Mail, Newsgroups« (ebd.: 18).

Eine Ursache für die Vielfalt an Medienbegriffen sieht Stöckl (2010b: 3) in der Schwierigkeit, die verschiedenen Elemente in Kommunikationsprozessen und symbolischen Praktiken voneinander abzugrenzen: »Perzeptuelles, Materielles, Technisches, Semiotisches, Soziales und Kulturelles überkreuzen sich in der Kommunikation auf vielfache Weise und führen zu einer Verwobenheit der Praxis, der man begrifflich nur schwer gerecht werden kann.« Um eine gewisse Ordnung in die vielen unterschiedlich verwendeten Medienbegriffe zu bringen, wurden in der Forschung Klassifikationen erstellt; einige davon werden im folgenden Teilkapitel detaillierter dargestellt. Danach wird in Kapitel 2.2 die Terminologie im Bereich der digitalen Medien kritisch erörtert. Im Anschluss daran erfolgt die Charakterisierung des dieser Arbeit zugrunde gelegten semiotischen Kommunikationsbegriffs. Schließlich wird erläutert, was unter den Termini Kommunikationsform, Kommunikationsplattform, Kommunikat-Sorte, Kommunikat und kommunikativer Akt verstanden wird. Da der Multimodalität (vgl. Kapitel 7) in der vorliegenden ← 31 | 32 → Arbeit eine zentrale Rolle zukommt, beziehen sich die Ausführungen in diesem Kapitel stets auch auf die multimodale Kommunikation.

2.1  Medienklassifikationen

Medienbegriffe können nach unterschiedlichen Ordnungskriterien eingeteilt werden. So nennt Staiger (2007: 50) den Technikeinsatz, das Zeichensystem und den Sinneskanal als drei mögliche Kriterien zur Klassifikation.

Mit dem Kriterium Technikeinsatz bezieht sich Staiger auf die Klassifikation des Kommunikations- und Medienwissenschaftlers Pross (1972: 127–128), der nach der Art und Weise der Produktion und Rezeption zwischen primären, sekundären und tertiären Medien als Kommunikationsmittel unterscheidet. Unter Primärmedien versteht Pross die »Mittel des menschlichen Elementarkontaktes«, d. h. für die Kommunikation wird kein Gerät benötigt (Face-to-Face-Kommunikation). Bei Sekundärmedien ist auf Produzentenseite ein technisches Gerät erforderlich und bei Tertiärmedien sowohl auf Produzenten- als auch auf Rezipientenseite. Faulstich (2002: 25) spricht von »Menschmedien« (primär), »Schreib- und Druckmedien« (sekundär) und »elektronischen Medien« (tertiär). Er ergänzt die Klassifikation nach einem Vorschlag von Faßler (1997: 117–118) um Quartärmedien, die er auch digitale Medien nennt und bei denen das benötigte Gerät bei der Produktion und Rezeption ein Computer darstellt (vgl. Faulstich 2002: 25). Was die Unterscheidung von Tertiär- und Quartärmedien betrifft, so sei zunächst einmal darauf hingewiesen, dass die Unterscheidung zwischen elektronischen und digitalen Medien problematisch ist, zumal die Digitaltechnik ohne Elektronik nicht auskommt (vgl. Dürscheid et al. 2010: 95).

Auch Faulstich räumt indirekt ein, dass eine Unterscheidung zwischen Tertiär- und Quartärmedien nicht deutlich gezogen werden kann: Er nennt als Beispiele für Tertiärmedien beispielsweise den Hörfunk, das Fernsehen und das (Mobil-)Telefon, merkt aber zugleich an, dass diese heute oft in digitalisierter Form vorliegen (vgl. Faulstich 2002: 25). Als Beispiel für ein Quartärmedium wird der Computer genannt, wobei zu fragen ist, weshalb dann das Handy als Tertiärmedium erachtet wird. Des Weiteren wird Multimedia als ein Beispiel für Quartärmedien angeführt, doch Faulstich erläutert nirgends, was er darunter versteht. Schließlich werden die beiden Kommunikationsformen E-Mail und Chat sowie das World Wide Web und das Intranet als Quartärmedien klassifiziert. Dürscheid (2005b: 5) macht deutlich, dass unterschieden werden muss zwischen dem technischen Gerät – in diesem Falle dem vernetzten Computer (also Web oder Intranet) – und den Kommunikationsformen, welche einen vernetzten Computer voraussetzen. Es bleibt somit die Frage offen, inwiefern ← 32 | 33 → sich diese Quartärmedien von den Tertiärmedien unterscheiden und ob diese Differenzierung überhaupt sinnvoll ist. Burkart (2003: 185) erläutert, dass der Unterschied darin bestehe, dass bei den Quartärmedien die Rollen des Senders und Empfängers nicht mehr klar zu unterscheiden seien, was aber nichts daran ändert, dass beide Seiten ein technisches Hilfsgerät benötigen. Dürscheid et al. (2010: 30) stellen mit Bezug auf Dahinden und Trappel (2010) fest, dass sich die Quartärmedien lediglich durch die Art der technischen Übermittlung von den Tertiärmedien unterscheiden: Bei den letztgenannten erfolgt die Diffusion über terrestrische Übertragungen, bei den Quartärmedien über ein Netzwerk. Insgesamt überzeugt mich das Konzept der Quartärmedien nicht, denn schon die Benennung suggeriert, dass Quartärmedien auf derselben logischen Ebene wie die primären, sekundären und tertiären Medien liegen. In Wirklichkeit werden jedoch zwei Ebenen vermischt: Während bei den primären bis tertiären Medien von Relevanz ist, ob für die Produktion oder Rezeption ein technisches20 Hilfsmittel benötigt wird, ist das Unterscheidungskriterium zwischen den tertiären und quartären Medien die Art der benötigten Geräte.21 Kommunikation, bei der sowohl auf Produktions- als auch Rezeptionsseite ein Computer verwendet wird, stellt meines Erachtens demnach lediglich ein Spezialfall von Kommunikation in Tertiärmedien dar.

Die eingangs genannten Klassifizierungskriterien Zeichensystem und Sinneskanal lassen sich auf die Medienbegriffsklassifikation von Posner beziehen, wobei allerdings Staiger (2007: 50) in seiner Klassifikation den biologischen mit dem physikalischen Medienbegriff vermischt.

Tabelle 1 zeigt in Anlehnung an Posner (1985: 255–258) einen Überblick über die verschiedenen Medienbegriffe. Posner unterscheidet einen biologischen, physikalischen, technologischen, soziologischen, kultur- und kodebezogenen Medienbegriff. In der zweiten Spalte der Tabelle 1 sind in der Literatur zu findende alternative Bezeichnungen für den jeweiligen Begriff aufgelistet. ← 33 | 34 →

Tabelle 1:  Medienbegriffe

image ← 34 | 35 →

Dem alltäglichen Verständnis von Medium entspricht in dieser Kategorisierung am ehesten der technologische oder auch der soziologische Medienbegriff (vgl. Stöckl 2010b: 2). Die Anzahl der Alternativbezeichnungen zeigt auf, welche Verwendungsweisen des Medienbegriffs mehr oder weniger kontrovers diskutiert werden. Mit Medium ist selten der physikalische Medienbegriff gemeint, er scheint für die betreffende Forschung im Gegensatz zum biologischen Medienbegriff keine Relevanz zu haben – nicht zuletzt deshalb, weil dafür in der Literatur keine Alternativbezeichnungen zu finden sind. Für den biologischen, kultur- und kodebezogenen Medienbegriff existieren Alternativen, die meines Erachtens verwendet werden können und sollten, um Präzision in die Terminologie bringen zu können. Es kann unter Medium folglich noch das soziologische und das technologische Medienkonzept verstanden werden. Zur Unterscheidung dieser beiden Konzepte können wiederum Komposita herangezogen werden: für den soziologischen Medienbegriff Medieninstitution im weitesten Sinne sowie Trägermedium für den technologischen Medienbegriff. Hier müsste man allenfalls auch eine terminologische Unterscheidung treffen für die verwendeten Apparate einerseits und deren Produkte andererseits. So scheint gelegentlich unter Träger-medium nur der technische Apparat zur Übermittlung der Nachricht verstanden zu werden. Habscheid (2000: 138) beispielsweise definiert technische Medien als »materiale, vom Menschen hergestellte Apparate zur Herstellung/Modifikation, Speicherung, Übertragung oder Verteilung von sprachlichen (und nichtsprachlichen) Zeichen (im Sinne musterhafter Äußerungen)«, welche Kommunikation über verschiedene Kommunikationsformen ermöglichen (vgl. auch Dürscheid 2005b: 5, Dürscheid 2009: 40). Der kulturbezogene Medienbegriff wird als solcher in der Medienlinguistik eher selten verwendet; je nachdem, ob es sich dabei um monologische oder dialogische Kommunikation handelt, spricht man meist von Textsorten oder kommunikativen Gattungen (vgl. Dürscheid 2005b: 14 sowie Kapitel 2.3).

Im Gegensatz zum kulturbezogenen Medienbegriff ist der kodebezogene weit verbreitet, wenn auch umstritten. Ich schließe mich hier Stöckl (2010b: 3) an, der dafür plädiert, Sprache, Bilder oder Ton nicht als Medien zu bezeichnen, sondern dafür Termini wie Zeichensystem, Zeichenmodalität oder Modalität zu verwenden. Für den biologischen Medienbegriff schließlich wird bisweilen ebenfalls der Terminus Modalität verwendet (vgl. Holly 2011b: 30). Wenn also von Multimodalität die Rede ist, muss zunächst geklärt werden, ob Sinnes- oder Zeichenmodalitäten gemeint sind. So moniert Holly (2010b: 2203), dass der Terminus Multimodalität nicht genug differenziere zwischen der Mischung von Modalitäten und der Mischung von Kodalitäten. Er schlägt eine Unterscheidung zwischen »multiko ← 35 | 36 → dal (verschiedene Zeichenarten enthaltend)« und »multimodal (mehrkanalig, verschiedene Sinne ansprechend)« (ebd.: 2203) vor (vgl. Kapitel 7.5). Stöckl (2004d: 17–18) hingegen versteht unter zentraler Modalität die Zeichenart und unterscheidet dabei mediale Varianten, zum Beispiel bei der zentralen Modalität Sprache die Varianten gesprochen (auditiv rezipiert) und geschrieben (visuell rezipiert). Multimodale Kommunikate vereinen nach Stöckl folglich unterschiedliche zentrale Modalitäten, die in verschiedenen medialen Varianten vorliegen können. Medial wird in der vorliegenden Arbeit wie in der Unterscheidung von Koch und Oesterreicher (1994: 588) als »mediale Mündlichkeit« bzw. »mediale Schriftlichkeit« verwendet. Dürscheid (2003: 39) fragt zu Recht, ob diese Terminologie in Anbetracht der Vielfalt an Medienbegriffen weiterhin eine Berechtigung haben kann. Sie führt aus, dass dies der Fall sei, wenn man das Adjektiv medial auf Medialität sprachlicher Äußerungen und nicht auf Medium beziehe. Sprache ist demnach kein Medium, liegt aber in mehreren medialen Varianten (auch: Repräsentationsformen) vor: die gesprochene, die geschriebene und die gebärdete Sprache (vgl. ebd.: 38).

Zusammenfassend kann man festhalten, dass der Terminus Medium sinnvollerweise nicht für mehrere Medienbegriffe verwendet werden sollte. Aus Tabelle 1 sowie den dazugehörigen Erläuterungen ist ersichtlich, dass es zahlreiche alternative Bezeichnungen gibt, anhand derer sich die verschiedenen Konzepte voneinander abgrenzen lassen. Es sind dies einerseits spezifizierende Komposita, andererseits andere Termini wie Zeichen, kommunikative Gattung, Textsorte oder Modalität (vgl. dazu auch Habscheid 2000: 139). In der vorliegenden Arbeit wird der Ausdruck Medium als Trägermedium im Sinne des technologischen Medienbegriffs von Posner verwendet, wobei mit Medien lediglich die Apparate und nicht die durch sie zustande kommenden Produkte gemeint sind. Für einen solch engen Medienbegriff spricht auch seine Etablierung in der deutschsprachigen Linguistik (vgl. Schneider, Stöckl 2011b: 22). Wenn in der vorliegenden Arbeit Bezug genommen wird auf Literatur, in der andere Medienbegriffe zugrunde gelegt werden, wird entsprechend darauf hingewiesen.

2.2  Digitale Medien

Medien im technologischen Sinne können nach den historischen Phasen ihrer Nutzung klassifiziert werden, wobei ältere Medien meist nicht verdrängt, sondern durch neuere ergänzt werden, d. h. neuere Medien können zu Leitmedien werden (vgl. Habscheid 2000: 138). Unter Leitmedium versteht man die Dominanz eines Einzelmediums in der gesellschaftlichen Kommunikation in einer bestimmten historischen Zeitspanne, wie beispielsweise die Flugschrift im ausgehenden Mit ← 36 | 37 → telalter und der frühen Neuzeit oder der Computer Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts (vgl. Schanze 2002: 194). Der Terminus neue Medien hat sich seit den 1980er Jahren als »Sammelbezeichnung für verschiedenartige neue technische Entwicklungen zur Speicherung und Übertragung von Informationen« (Schmitz 1995b: 13) eingebürgert. Zunächst waren damit beispielsweise Kabel- und Satellitenfernsehen sowie das Faxgerät gemeint, inzwischen auch über das Internet vernetzte Computer und Mobiltelefone (Burkart 2003: 185). Die Bezeichnung neue Medien ist suboptimal, da die Attribuierung neu eine relative ist: Jedes Medium war in der Epoche seiner Entstehung neu (vgl. Schmitz 1995b: 13). Darum muss die Bezeichnung präzisiert werden. Beispiele für Begriffspräzisierungen sind »die gegenwärtig Neuen Medien« (Rusch et al. 2007: 39) oder »computerbasierte ›Neue Medien‹» (Habscheid 2000: 139).22 Spätestens bei der Entwicklung neuerer Technologien wird man sich wiederum Gedanken machen müssen, wie man diese bezeichnet und wie man sie terminologisch von den heute als neu bezeichneten Medien abgrenzen kann. So bezeichnen beispielsweise Dürscheid und Frick (2014: 151) die SMS-Kommunikation als »alte neue Kommunikationsform« und WhatsApp als »neue neue Kommunikationsform«.

Schmitz (2004d: 8) verwendet den auch nicht inhaltsreicheren Terminus moderne Medien und meint damit alle Medien, »die im 20. Jahrhundert neu erfunden oder wesentlich weiterentwickelt wurden. Neben dem Telefon zählen dazu insbesondere Massenmedien und computergestützte neue Medien.« Es muss allerdings angefügt werden, dass Schmitz (2004d: 12) an anderer Stelle ergänzt, die Unterscheidung von Massenmedien und neuen computergestützten Medien sei rein mediengeschichtlich begründet und darum fragwürdig. Es wäre demzufolge zwischen massenmedialer Kommunikation, die in herkömmlichen Massenmedien stattfindet, sowie solcher in Computernetzen zu unterscheiden. Massenmediale Kommunikation liegt dann vor, »wenn eine Mitteilung durch technische Vervielfältigung allgemein zugänglich wird und als Produkt zahlreiche anonym bleibende und heterogene Rezipienten an unterschiedlichen geographischen und sozialen Orten erreicht« (Habscheid 2005: 51). So ist denn auch die von Habscheid (2005) gestellte Frage, ob das Internet oder das WWW ein Massenmedium sei, äußerst plakativ gestellt, da selbstverständlich im Internet sowohl Massenkommunikation als auch interpersonale Kommunikation stattfinden kann. ← 37 | 38 →

Nach Schmitz (2004d: 12) wären die neuen Medien also eine Teilmenge der modernen Medien, die immer wieder auch elektronische Medien genannt werden (vgl. Burkart 2003: 185; Faulstich 2002: 25; Sager 2001: 202–203). Der Terminus neue Medien wird oftmals auf diejenigen Medien angewandt, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts als neu bezeichnet werden und Daten digital speichern und übertragen. Dazu gehören beispielsweise der vernetzte Computer oder das Handy. Neben dem Ausdruck »neue Medien«23 existieren alternative Bezeichnungen wie »digitale Medien«24, »Onlinemedien«25 oder – wie bereits im Kapitel 2 erwähnt – »quartäre Medien«26. Der Terminus Onlinemedien wird selten gebraucht und der Nachteil der Bezeichnung digitale Medien besteht darin, dass der Ausdruck sich auch auf herkömmliche Medien wie beispielsweise Fernsehen, Radio, Foto- und Filmkameras beziehen kann, bei denen die Daten als digitale Signale gespeichert und übermittelt werden. Letztere werden allerdings gelegentlich ebenfalls zu den neuen Medien gerechnet (vgl. Dürscheid 2009: 42), weshalb die Frage gestellt werden muss, welche Medien den neuen Medien zugerechnet werden.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass sich trotz der Allgegenwärtigkeit der digitalen Medien weder in der Umgangssprache noch in der Fachliteratur ein exakter Terminus etabliert hat (vgl. Knaus 2009: 10). Für die Bezeichnungen in der Wissenschaft kann folgende Tendenz ausgemacht werden: Während einst vor allem von neuen Medien die Rede war, wird in letzter Zeit immer häufiger und auch von vielen Linguistinnen und Linguisten der Terminus digitale Medien verwendet und auch in der vorliegenden Arbeit präferiert. Dieser gewählte technologische Medienbegriff ist relativ weit gefasst und umfasst sämtliche Träger ← 38 | 39 → medien, bei denen die Übermittlung digital abläuft. Bei der Charakterisierung digitaler Kommunikation sollte jedoch selbstverständlich präzisierend ergänzt werden, ob es sich um digitale Massenkommunikation oder »interpersonale digitale Kommunikation« (Androutsopoulos 2007: 75) handelt.

2.3  Kommunikation, Kommunikations-(platt-)formen und Kommunikat-Sorten

Rund die Hälfte der online verbrachten Zeit wird für Kommunikation genutzt, wobei jeweils rund ein Drittel auf Social-Networking-Communitys, E-Mail sowie Foren entfällt (vgl. van Eimeren, Frees 2010: 342).27 Kommunikation spielt im Social Web also eine zentrale Rolle, weshalb im Folgenden erläutert werden soll, welcher Kommunikationsbegriff in dieser Arbeit verwendet wird und was unter Kommunikationsformen und -plattformen zu verstehen ist.

So unterschiedlich Kommunikation ausfallen kann, so unterschiedlich sind auch ihre Definitionen. Merten (1977: 35) hat bereits vor über dreißig Jahren 160 verschiedene Definitionen von Kommunikation aus unterschiedlichen Disziplinen analysiert. Im Zusammenhang mit multimodaler Kommunikation erscheint es sinnvoll, dieser Arbeit einen Kommunikationsbegriff zugrunde zu legen, wie er auch in der Semiotik vertreten wird. Nöth (2000b: 235) unterscheidet beispielsweise zu weit und zu eng gefasste Definitionen von Kommunikation: Als »zu weit« ist für Nöth der Kommunikationsbegriff gefasst, wenn er als Synonym zu Semiose28 verwendet wird, als »zu eng«, wenn darunter ausschließlich menschliche und intentionale Kommunikation gefasst wird. In der Semiotik beschäftigt man sich sowohl mit verbaler als auch mit nonverbaler, mit menschlicher und animalischer sowie mit auditiver und visueller Kommunikation, wobei »ein Kommunikator, ein Zeichen bzw. eine Botschaft und ein Rezipient oder Interpret des Zeichens beteiligt sind« (ebd.: 235, Herv. im Original). In der vorliegenden Arbeit geht es ausschließlich um menschliche, visuelle Kommunikation, berücksichtigt werden dabei Bilder und Schrift.29 ← 39 | 40 →

Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, wie Kommunikation in den digitalen Medien einerseits benannt werden soll, andererseits aber auch, wie sie charakterisiert werden kann. Ein geläufiger und weitgehend konsensueller Terminus für die Kommunikation in den digitalen Medien ist computervermittelte Kommunikation (CVK), auf Englisch computer mediated communication (CMC) (vgl. Ebersbach et al. 2011: 185; Jucker, Dürscheid 2012: 39).30 Herring (2007: 1) versteht darunter »predominantly text-based human-human interaction mediated by networked computers or mobile telephony«, schließt also Kommunikation über Mobiltelefone explizit mit ein. Jucker und Dürscheid (2012: 39) führen allerdings gegen den Ausdruck CMC ins Feld, er schließe Kommunikation über Mobiltelefone aus, da Handys nicht als Computer erachtet werden. Diesem Argument ist zweierlei entgegenzuhalten: Erstens ist nach der Bedeutung des Begriffs Computer zu fragen. Im großen Fremdwörterbuch ist unter dem Lemma Folgendes zu lesen: »universell einsetzbares elektron. Gerät zur automatischen Verarbeitung von Daten« (Duden 2007b). Darunter könnte auch ein Handy gefasst werden. Zweifelsohne wird Computer natürlich von vielen mit dem Personal Computer assoziiert, worunter in erster Linie ein Desktop-Computer verstanden wird, jedoch auch tragbare Geräte wie Laptops, Netbooks und Tablet-Computer. Zweitens verfügen Tablet-Computer teilweise über eine Telefonfunktion und es stellt sich die Frage, inwiefern sich Smartphones von Tablet-Computern unterscheiden bzw. ob eine Unterscheidung überhaupt noch gerechtfertigt ist.31 Auch eine Differenzierung in »mobil- und computervermittelte Kommunikation« (Moraldo 2012: 180) erscheint nicht länger sinnvoll, da die neueren Mobiltelefone ← 40 | 41 → in der Regel internetfähig sind.32 Im Zuge der technischen Medienkonvergenz ist vielmehr in Zukunft eine Vereinigung von Hörfunkempfänger, Fernsehgerät, Telefon und Computer in einem Multifunktionsgerät zu erwarten (vgl. Marcinkowski 2013: 211).33 Wenn demnach heutzutage von Mobiltelefonen die Rede ist, so ist zwischen herkömmlichen Handys (sogenannte »Feature Phones« (Willemse et al. 2012: 31) und Smartphones zu differenzieren. Der Anteil an Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzern hat in letzter Zeit rapide zugenommen.34

Ein weiteres Indiz für eine mittlerweile nicht mehr sinnvolle Unterscheidung in Kommunikation via Computer bzw. Handy kann in der Rubrikenbezeichnung auf dem Portal mediensprache.net gefunden werden: Beim Relaunch der Website vom 28.01.2013 wurden die Rubriken websprache und handysprache zugunsten von digitale Kommunikation aufgegeben. Einen neuen Terminus zu prägen, der als Überbegriff neben der Kommunikation mittels Computer auch die Kommunikation mittels Mobiltelefonen umfasst, wäre vor 10 oder 20 Jahren noch sinnvoll gewesen, meines Erachtens heute jedoch nicht mehr.

Die von Jucker und Dürscheid vorgeschlagene alternative Bezeichnung »keyboard-to-screen communication« (KSC) wird für Kommunikationsformen verwendet, die 1) hauptsächlich textbasiert sind, 2) entweder für One-to-one- oder One-to-many-Kommunikation verwendet und 3) über Handys, Smartphones, Tablet-Computer oder vernetzte Computer vermittelt werden (vgl. Jucker, Dürscheid 2012: 40–41). Die Bezeichnung keyboard-to-screen communication wurde deshalb gewählt, da alle genannten Geräte als gemeinsamen Nenner eine Tastatur (materiell oder virtuell) sowie einen Bildschirm besitzen. Selbst wenn man sich der Argumentation anschließen würde, dass eine Unterscheidung in Kommunikation via Mobiltelefon bzw. solche via Computer nach wie vor gerechtfertigt und deshalb ein umfassenderer Terminus notwendig sei, muss man dem entgegenhal ← 41 | 42 → ten, dass der neu geprägte Terminus gleichzeitig wiederum sehr einschränkend ist, da gesprochene Sprache explizit ausgeschlossen wird.35 Jucker und Dürscheid (2012: 41) argumentieren, dass bisher vor allem die geschriebene Sprache im Zentrum der computervermittelten Kommunikation stand, konzedieren gleichzeitig jedoch auch, dass die Relevanz der geschriebenen Sprache künftig wohl sinken wird. Tatsächlich ist davon auszugehen, »dass die Zukunft nicht der geschriebenen, sondern der gesprochenen Sprache gehört« (Siever 2012a: 65). Darüber hinaus hat die gesprochene Sprache bereits heute in den digitalen Medien einen nicht zu negierenden Stellenwert, so beispielsweise in der Internet-Telefonie36 via Skype oder Viber, die teilweise parallel zum Instant Messaging stattfindet, oder im Versand von Video- und Audiodateien in der Instant-Messaging-Anwendung WhatsApp für Smartphones. Neben der genannten Mensch-Mensch-Kommunikation sei auch ein Beispiel von Mensch-Maschine-Kommunikation erwähnt: Die von der Firma Apple entwickelte Software Siri (Speech Interpretation and Recognition Interface) erkennt und verarbeitet gesprochene Sprache. Die keyboard-to-screen communication schließt Mensch-Maschine-Kommunikation37 allerdings explizit aus, wie das auch bei der computer mediated communication der Fall ist (vgl. Herring 1996: 1).

Bezüglich des Ausschlusses der medial mündlichen Sprache in der keyboard-to-screen communication muss Folgendes konstatiert werden: Gerade in Zeiten, in denen multimodale Kommunikation an Bedeutsamkeit gewinnt, ist es meiner Meinung nach nicht sinnvoll, einen Terminus für eine bestimmte Art von Kommunikation zu definieren, der nur eine mediale Variante der zentralen Modalität Sprache einschließt. Adamzik (2008: 159) erachtet die Dichotomie von gesprochener und geschriebener Sprache im Hinblick auf das multimodale Zeitalter, in dem unterschiedliche Modalitäten sowie deren Verknüpfungen an Relevanz gewonnen haben, als anachronistisch.

Ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt ist die Unterscheidung zwischen Massen- und Individualkommunikation. Computervermittelt und somit digital übermittelt ist nämlich nicht nur die interpersonale Kommunikation, bei der ← 42 | 43 → hauptsächlich zwei Personen oder kleinere Gruppen synchrone oder asynchrone Dialoge führen (vgl. Schmitz 2004d: 12). Auch Kommunikate von Institutionen der Massenmedien wie Presse, Hörfunk, Fernsehen, von denen mittlerweile ein Großteil auch im Internet präsent ist, werden digital vermittelt, so beispielsweise in Form von Online-Zeitungen, Audio- und Video-(Live-)Streaming sowie -Podcasts. Unter dem Terminus computervermittelte Kommunikation wird jedoch teilweise lediglich interpersonale (vgl. Döring 2013: 424), zum Teil jedoch auch massenmediale Kommunikation verstanden (vgl. Beck 2013: 136; Strauch, Rehm 2007: 120). Aus diesem Grund ist mitunter präzisierend von computervermittelter interpersonaler Kommunikation die Rede (vgl. Beck 2010b: 26; Jöckel, Schumann 2010: 470). Computervermittelte Kommunikation als Oberbegriff für computer-vermittelte Massen- und Individualkommunikation erscheint deshalb sinnvoll, weil die Unterscheidung zwischen Massen- und Individualkommunikation inzwischen ohnehin nicht mehr so eindeutig vorgenommen werden kann wie vor dem digitalen Zeitalter (vgl. Schmitz 2004d: 35).

Das Attribut computervermittelt präsupponiert stets auch digital (vgl. Strauch, Rehm 2007: 120). Da jedoch der Terminus computervermittelte Kommunikation38 in der bisherigen Forschung oftmals nur auf textbasierte Kommunikation angewendet wurde, könnte man nun stattdessen allgemeiner von digitaler Kommunikation sprechen. Darunter ist jegliche Kommunikation in Tertiärmedien zu fassen, die digital übermittelt wird.39 »Dass die Kommunikation selbst digital genannt wird, ist aber keine sprachliche Nachlässigkeit, sondern bringt zum Ausdruck, dass die Kommunikation über digitale Medien eine andere wird« (Grimm 2005: 1). Der Terminus digitale Kommunikation40 hat den Vorteil, dass er nicht auf bestimmte Medien wie Handys oder vernetzte Computer festgelegt ist. Vielmehr wird die Art der Übermittlung in den Vordergrund gerückt; außerdem kann darunter auch Mensch-Maschine-Kommunikation gefasst werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass auch im Englischen der Ausdruck Digital Communication verwendet wird (vgl. Tagg 2015). Ein Nachteil jedoch ist die bereits anderweitige Verwendung des Terminus. So sprechen Watzlawick et al. (2011: 70–72) von analoger ← 43 | 44 → und digitaler Kommunikation: Analoge Kommunikation basiert auf Ähnlichkeit, digitale Kommunikation auf Arbitrarität und Konventionalität.

Digitale Kommunikation wiederum ist eine spezielle Form von medialer Kommunikation, bei der nach Kübler (2000: 15)

      »Zeichen (also Texte, Grafiken, Töne, Bilder), privat oder öffentlich (in allen denkbaren Graden und Versionen), durch technische Verbreitungsmittel (Medien im weitesten Sinne), analog oder digital (also ohne oder mit Unterstützung elektronischer Datenverarbeitung [Computer]), anonym, verschlüsselt oder explizit, simultan oder zeitversetzt, bei räumlicher Distanz, ein- oder wechselseitig (also ohne oder mit Rollenwechsel der Kommunizierenden, wobei letzterer auch als Interaktivität bezeichnet wird) an einzelne, mehrere oder viele (Adressaten/Zielgruppen) vermittelt werden.«

So kann digitale Kommunikation als Spezialfall medialer Kommunikation verstanden werden, bei der das Merkmal digitale Übermittlung als Parameter gesetzt ist.

Die bei Kübler genannten weiteren Merkmale fallen je nach Kommunikationsform unterschiedlich aus. Bevor auf die einzelnen möglichen Merkmale von Kommunikationsformen eingegangen werden soll, wird geklärt, was unter einer Kommunikationsform verstanden wird. Schmitz (2004d: 57) grenzt Medium und Kommunikationsform41 wie folgt voneinander ab: »Medien (z. B. Rundfunk) sind Kommunikationsmittel. Ihre technischen Bedingungen ziehen jeweils bestimmte Kommunikationsformen (z. B. Rundfunksendung) nach sich.« Allerdings sei angemerkt, dass es sowohl Kommunikationsformen gibt, die mit technischen Hilfsmitteln zustande kommen (in den sekundären oder tertiären Medien), als auch solche, die ohne technische Hilfsmittel auskommen und somit den primären Medien zuzuordnen sind (vgl. Dürscheid 2005b: 5). Holly weist in seiner Definition auf die soziale und kulturelle Determiniertheit von Kommunikationsformen und auf deren Wandelbarkeit hin; Kommunikationsformen sind demnach »die medial, historisch und sozial verankerten kommunikativen Dispositive, die sich auf der Basis verfügbarer medialer und kultureller Möglichkeiten allmählich herausbilden und weiterentwickeln, bis sie durch neue technische und soziale Entwicklungen obsolet oder so stark verändert werden, dass das Ergebnis der Entwicklung als ›neu‹ empfunden wird« (Holly 2011b: 38). An anderer Stelle bezeichnet Holly (2011c: 155) Kommunikationsformen als »medial bedingte kulturelle Praktiken« und betont, dass kulturelle Faktoren bei der Analyse von Kommunikationsformen neben der Charakterisierung durch formal-strukturelle Merkmale, die seit ← 44 | 45 → der Untersuchung Ermerts (1979) üblicherweise in einer Matrix notiert werden (vgl. Holly 2011c: 150), berücksichtigt werden müssten. Kommunikationsformen werden ausschließlich über textexterne bzw. situative Merkmale wie Zeichentyp (gesprochene oder geschriebene Sprache, statisches oder dynamisches Bild, Musik und Ton), Sinneskanal (visuell, auditiv), Kommunikationsrichtung (monologisch vs. dialogisch), Anzahl der Kommunikationspartner (one-to-one, one-to-many, many-to-many), Zugänglichkeit (öffentlich, teilöffentlich, nicht-öffentlich), Kommunikationsmedium (z. B. Computer, Smartphone), räumliche Dimension (Nähe vs. Distanz) und zeitliche Dimension (synchron, quasi-synchron, asynchron) bestimmt (vgl. Dürscheid 2003: 40; Holly 2011c: 153).

Kommunikationsformen können wiederum von Textsorten und kommunikativen Gattungen abgegrenzt werden: »Die Kommunikationsformen sind […] multifunktional, während die Textsorten nach unserer Definition immer an eine bestimmte (dominierende) kommunikative Funktion (die Textfunktion) geknüpft sind« (Brinker 2010: 128). Dies bedeutet, dass in einer bestimmten Kommunikationsform unterschiedliche Textsorten realisiert werden können und eine Textsorte wiederum in verschiedenen Kommunikationsformen auftreten kann (vgl. Ziegler 2002: 22). Textsortenfamilien42 nennt Holly (2011c: 157) Kommunikate, die zwar über eine gemeinsame Funktion wie beispielsweise kommerzielle Werbung verfügen, die aber in unterschiedlichen Kommunikationsformen auftreten und somit kommunikationsformspezifische Varianten einer Textsorte sind.

Von Textsorten zu unterscheiden sind kommunikative Gattungen, die sich durch Dialogizität auszeichnen. So ist hauptsächlich medial mündliche Kommunikation Untersuchungsgegenstand der Gattungsanalyse, medial schriftliche Kommunikation ist es lediglich dann, wenn Texte in einem Interaktionszusammenhang betrachtet werden (vgl. Dürscheid 2005b: 8). Kommunikative Gattungen können definiert werden als »verfestigte Formen kommunikativen Handelns, auf die Interagierende zurückgreifen können, um wiederkehrende soziale Situationen zu bewältigen. [...] Gattungen stellen also verfestigte Lösungen von wiederkehrenden kommunikativen Problemen dar« (Ayaß 2011: 278–279).43 Im Gegensatz zu Textsorten, die sich an bestimmten kommunikativen Funktionen ← 45 | 46 → festmachen lassen, ist es »in der anthropologisch-linguistischen Gattungsanalyse […] das Zusammenspiel von binnen- und außenstrukturellen Elementen und interaktiver Realisierung, das bei der Zuordnung zu einer kommunikativen Gattung zu berücksichtigen ist« (Dürscheid 2005b: 14). Aus diesem Grund können Textsorten und kommunikative Gattungen nicht gleichgesetzt werden.

Davon einmal abgesehen ist die Kommunikation in den digitalen Medien häufig multimodal, weshalb der Terminus Textsorte in diesem Bereich inadäquat ist. Die Termini »Text-Bild-Sorte« (Schmitz 2011b: 37; Stöckl 2011a: 177) und »bimodale Textsorte« (Stöckl 2004b: 114) sind aufgrund ihres linguozentrischen Blickwinkels abzulehnen. Unter Linguozentrismus wird in der vorliegenden Arbeit die präsupponierte Überlegenheit der Sprache über das Bild verstanden. Weshalb linguozentrische Metaphorik in der Terminologie vermieden werden sollte, wird ausführlich in Kapitel 7.2 erörtert. Während Demarmels (2010: 253) Fan-Videos auf YouTube als Textsorte bezeichnet, was meines Erachtens in Anbetracht des in Videos wichtigen auditiven Sinneskanals unangebracht ist, bezeichnen Marten und Sperfeld (2008: 116) TV-Werbespots als »Kommunikatsorte«. Jakobs (2011a: 89–90) verwendet diesen Terminus ebenfalls, und zwar »um kommunikative Muster erfassen zu können, die aus den Beschreibungsrahmen von Text-, Gesprächs-, Hypertextsorten herausfallen.« Kommunikat-Sorten umfassen nach Jakobs (2011a: 89) Teilbereiche »wie Textsorten, Hypertextsorten […] und andere, augenblicklich in Entstehung begriffene Muster neuerer Kommunikationsformen (wie Twitter).« Jakobs erwähnt multimodale Kommunikat-Sorten somit nicht explizit, sie sollten nach meinem Dafürhalten jedoch ebenfalls als weiterer Teilbereich aufgefasst werden. Multimodale Kommunikat-Sorten sind »konventionell geltende Muster für komplexe semiotische Handlungen und lassen sich als jeweils typische Verbindungen von kontextuellen, kommunikativ-funktionalen und strukturellen (grammatischen und visuellen) Merkmalen beschreiben« (Schmitz 2011b: 37).44

Kommunikationsplattformen schließlich können Social-Web-Communitys genannt werden, bei denen den Nutzerinnen und Nutzern verschiedene Kommunikationsformen wie Nachrichten, Chat, Pinnwandeinträge oder Kommentare zur Verfügung gestellt werden. Es ist der Trend zu beobachten, dass Kommunikationsplattformen gegenüber herkömmlichen Diensten bevorzugt werden, die ← 46 | 47 → lediglich eine einzige Kommunikationsform anbieten.45 Beispielsweise hat die Nutzung von Instant Messaging in Programmen wie etwa ICQ oder Windows Live Messenger im Vergleich zum Vorjahr um 7 % auf nur noch 18 % abgenommen, da diese Kommunikationsform jetzt in Social-Web-Communitys genutzt wird (vgl. van Eimeren, Frees 2012: 368). Auch die Kommunikation per E-Mail ist rückläufig, wobei eine funktionale Ausdifferenzierung zu beobachten ist: Während für geschäftliche Kommunikation oftmals noch E-Mails verwendet werden, verlagert sich die private Kommunikation zu einem großen Teil in Social-Web-Communitys. Während noch im Jahr 2010 84 % aller Internetnutzerinnern und -nutzer mindestens einmal wöchentlich mailten, waren es 2011 noch 80 % und 2012 nur noch 79 % (vgl. van Eimeren, Frees 2011: 339, van Eimeren, Frees 2012: 369).

Neue Kommunikationsformen erfordern immer auch die Modifizierung von bisherigen Kategorien und Termini für linguistische Analysen, so auch bei Kommunikationsformen im Internet sowie insbesondere bei solchen auf Kommunikationsplattformen (vgl. Jucker, Dürscheid 2012: 39). Darum werden im folgenden Teilkapitel Kommunikate sowie kommunikative Akte und Sequenzen kommunikativer Akte behandelt. Die beiden letztgenannten Ausdrücke schlagen Jucker und Dürscheid (2012: 39) vor, da bei der Analyse von Kommunikation in digitalen Medien nicht mehr ohne Weiteres von Dichotomien wie gesprochen vs. geschrieben oder Text vs. Äußerung ausgegangen werden kann.

2.4  Kommunikate und kommunikative Akte

Bei der Analyse von Kommunikation unterscheidet man produkt-, produktionsund rezeptionsorientierte Analysemethoden. Es handelt sich dabei um »komplementäre Verstehenszugänge, die sich konsistent miteinander verbinden lassen« (Schneider, Stöckl 2011b: 21). Produktions- und Rezeptionsprozesse von multi-modaler Kommunikation dienen insbesondere dazu, die »in der Produktanalyse nahe gelegte Lesart anzureichern, zu verifizieren oder zu modifizieren« (Stöckl 2006: 35). In der medienlinguistischen Forschung wurden bisher hauptsächlich Produktanalysen vorgenommen, systematische Produktions- und Rezeptionsanalysen stellen in vielen Bereichen ein Forschungsdesiderat dar (vgl. Stöckl 2012a: 21).

Bei Produktanalysen stellt sich zunächst die Frage nach der Benennung der Produkte multimodaler Kommunikation. Im Kontext der Kommunikation auf ← 47 | 48 → Flickr geht es dabei insbesondere um die Bezeichnung von Kombinationen aus Bild und Text. Wie in Kapitel 7.2 noch genauer ausgeführt wird, kennt die Forschung dafür Termini wie Gesamttext, bi- oder multimodaler Text sowie Supertext, die jedoch aufgrund der linguozentrischen46 Perspektive zu vermeiden sind. Um neben der Sprache auch das Bild zu berücksichtigen, wurden zahlreiche unterschiedliche Determinativkomposita gebildet. Allein für das Determinans »Text-Bild« konnten in der Literatur47 zwölf verschiedene Varianten ausgemacht werden:

         »Text-Bild-Kombinationen« (Ballstaedt 2005: 63; Bucher 2011b: 150; Demarmels 2007: 152; Große 2011: 75–77; Holzheid 2011: 16; Hoppe et al. 2004: 157; Luginbühl 2011: 258; Muckenhaupt 1986: 4; Nöth 2000a: 493; Schmitz 2001a: 429)

         »Text-Bild-Konstellationen« (Bucher 2011b: 131; Hoffmann 2001: 132; Nöth 2000b: 484; Voßkamp, Weingart 2005: 16)

         »Text-Bild-Konglomerate« (Runkehl 2005: 207; Schmitz 2003b: 250, Schmitz 2004d: 113–114)

         »Text-Bild-Gefüge« (Schmitz 2003b: 255, Schmitz 2004d: 114, Schmitz 2004c: 73, Schmitz 2005: 208, U. Schmitz 2006a: 193; Wetzchewald 2012: 83)

         »Text-Bild-Komposition« (Ballstaedt 2005: 69; Schmitz 2004b: 161)

         »Text-Bild-Gemenge« (Schmitz 2004c: 72, Schmitz 2005: 190, U. Schmitz 2006b: 93)

         »Text-Bild-Cluster« (Steinseifer 2011a: 179)

         »Text-Bild-Koalition« (Schmitz 2004b: 163)

         »Text-Bild-Zusammenstellung« (Steinseifer 2009: 430)

         »Text-Bild-Produkt« (Gnach, Perrin 2011: 221)

         »Text-Bild-Ensemble« (Storrer 2008: 321)

         »Text-Bild-Kommunikat« (Diekmannshenke 2008: 97)

Forschende hingegen, die von einem weiten Textbegriff ausgehen und Kombinationen aus schriftlicher Sprache und Bild als Gesamttext betrachten, bevorzugen oftmals den linguozentrischen Ausdruck Sprache-Bild-Text. Darüber hinaus konnten jedoch auch sechs weitere Varianten mit dem Determinans Sprache-Bild gefunden werden, in denen ein neutrales Determinatum verwendet wird:

         »Sprache-Bild-Kombination« (Klemm, Stöckl 2011: 10–11; Luginbühl 2011: 258; Stöckl 2004b: 230)

         »Sprache-Bild-Verknüpfung« (Stöckl 2011c: 56)

         »Sprache-Bild-Verbindung« (Stöckl 2004b: 250)

         »Sprache-Bild-Komplex« (Große 2009: 154, Große 2011: 52)

         »Sprache-Bild-Koppelung« (Stöckl 2004b: 120)

         »Sprache-Bild-Gefüge« (Große 2009: 150) ← 48 | 49 →

Die genannten Kombinationen mit dem Kopulativkompositum vermeiden zwar die linguozentrische Bezeichnung Text, doch impliziert die Reihenfolge der Konstituenten eine Rangfolge, was wiederum als Linguozentrismus gewertet werden kann. Den zahlreichen genannten Varianten, die stets die Sprache bzw. den Text an erster Stelle anführen, stehen lediglich vier Komposita gegenüber, die das Bild im Determinans zuerst nennen: »Bild-Text-Kombination« (Nöth 2000b: 484; Eichinger 2013: 10), »Bild-Sprache-Komplex« (Klemm, Stöckl 2011: 13), »Bild-Text-Kommunikat« (Holzheid 2011: 286) und »Bild-Sprache-Kommunikat« (Klemm, Stöckl 2011: 14).

Es muss zudem konstatiert werden, dass sich keines der dreigliedrigen Komposita bisher durchsetzen konnte. Die Länge der Ausdrücke und die somit fehlende Prägnanz stellen neben dem Linguozentrismus weitere Nachteile dar. Als Alternativen kommen folgende Ausdrücke in Frage:

         »bi- und multimodale Botschaft« (Schmitz 2011b: 25)

         »multimodales Gesamtprodukt« (Eckkrammer, Held 2006: 2)

         »multimodales Cluster« (Bucher 2011b: 126; Steinseifer 2011a: 181)

         »multikodales Artefakt« (Fix 2009: 120)

         »multimodales Artefakt« (Schneider, Stöckl 2011b: 27)

         »multimodal artefact« (Jewitt 2009d: 300)

         »multimodale Sehfläche« (U. Schmitz 2006a: 202)

         »multimodal ensemble« (Jewitt 2009d: 300)

Die genannten Termini unterscheiden sich von den davor genannten dadurch, dass sie weiter gefasst sind, denn bi- oder multimodal sagt nichts über die Art der verwendeten Modalitäten aus. In letzter Zeit ist die Tendenz auszumachen, dass der Ausdruck »multimodales Kommunikat« (Bucher 2011b: 135; Diekmannshenke 2011: 162; Habscheid 2005: 60; Holly 2011b: 49; Schneider, Stöckl 2011b: 15, Schneider, Stöckl 2011b: 29) konsensueller wird und sich womöglich durchsetzt.

Insbesondere Adamzik (2002: 174) hat sich für den Terminus Kommunikat anstelle eines erweiterten Textbegriffes stark gemacht.48 Sie hat den Ausdruck von Nussbaumer (1991: 34) übernommen, der allerdings die spezifischere Bezeichnung »sprachliches Kommunikat« verwendet, welche lediglich medial mündliche und medial schriftliche Kommunikate, nicht aber multimodale Kommunikate umfasst. Kommunikat wird auch in der vorliegenden Arbeit favorisiert und kann ← 49 | 50 → definiert werden als »die Gesamtmenge der in einer kommunikativen Interaktion auftretenden Signale« (Adamzik 2004: 43), wobei Kommunikate mono- oder multimodal ausfallen können.49 Adamzik (2004: 43) versteht unter monomodalen Kommunikaten lediglich sprachliche Kommunikate, doch müsste beispielsweise auch ein Bild oder ein Musikstück als monomodales Kommunikat bezeichnet werden können. Die einzelnen Elemente eines multimodalen Kommunikats wiederum können »Kommunikatteile« (Schneider, Stöckl 2011b: 29) genannt werden.

Auch Jucker und Dürscheid (2012: 46) erachten es als sinnvoll, in Zeiten der digitalen Kommunikation nicht mehr zwischen Text und (mündlicher) Äußerung zu unterscheiden, sondern vielmehr einen Terminus zu verwenden, der beides inkludiert: »communicative act«. Der Terminus bezieht sich einerseits – wie auch Kommunikat – auf das Produkt der Kommunikation; gleichzeitig verweist er andererseits auch auf den Kommunikationsprozess, denn die Jucker und Dürscheid verstehen unter einem kommunikativen Akt jegliche intentionale Kommunikation, sei diese sprachlich oder nonverbal.50 Ein Vorteil des Ausdrucks ist darin zu sehen, dass er auch auf sprachliche Einheiten angewendet werden kann, die nicht ohne Weiteres als Text oder Äußerung klassifiziert werden könnten. Als Beispiele nennen Jucker und Dürscheid Chat-Beiträge, Statusmeldungen bei Facebook, Kommentare oder Tweets sowie nonverbale Aktivitäten wie beispielsweise bei Facebook die Funktionen like oder poke (vgl. ebd.: 47). Wenn kommunikative Akte nicht isoliert, sondern in einer Reihe auftreten, liegt eine »communicative act sequence« vor.51 Die Dichotomie monologisch-dialogisch haben Jucker und Dürscheid (2012: 47) durch eine Aufnahmeerwartungs-Skala ersetzt: Kommunikative Akte verfügen über unterschiedlich große Wahrscheinlichkeiten, dass sie Reaktionen evozieren und dass somit eine Sequenz kommunikativer Akte entsteht. Die Schwierigkeit der Analyse von Sequenzen kommunikativer Akte ← 50 | 51 → besteht darin, dass gerade auf Kommunikationsplattformen solche Sequenzen über mehrere Kommunikationsformen verteilt sein können (vgl. ebd.: 48). Daraus kann resultieren, dass Forschende unvollständige Sequenzen kommunikativer Akte analysieren (müssen).

2.5  Synopse

Abbildung 1 gibt einen Überblick über die in diesem Kapitel dargestellten Ebenen der Kommunikation in digitalen Medien. Im Folgenden werden die wichtigsten Termini nochmals rekapituliert und voneinander abgegrenzt.

Abbildung 1:  Ebenen der Kommunikation in den digitalen Medien

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Die Ausführungen in den vorangegangenen Teilkapiteln haben gezeigt, dass für die vorliegende Arbeit hauptsächlich der technologische, der kulturbezogene sowie der biologische und kodebezogene Medienbegriff relevant sind. Dieser Arbeit liegt der technologische Medienbegriff zugrunde, mit Medien sind stets Trägermedien gemeint und zwar insbesondere solche mit digitaler Übermittlung. Die digitalen Medien stellen eine Subkategorie der Tertiärmedien dar, bei denen so ← 51 | 52 → wohl für die Produktion als auch für die Rezeption ein technisches Gerät benötigt wird. In den digitalen Medien wiederum existieren Kommunikationsformen52, die entweder einzeln oder gemeinsam mit anderen Kommunikationsformen auf Kommunikationsplattformen vorkommen. In Bezug auf Abbildung 1 muss demnach präzisierend ergänzt werden, dass im Fall von Kommunikationsplattformen eine Ebene mehr anzusetzen ist als bei einzeln auftretenden Kommunikationsformen. Letztere sind stets geprägt von den technischen Bedingungen und werden ausschließlich über textexterne bzw. situative Merkmale definiert. In Kommunikationsformen lassen sich verschiedene Kommunikat-Sorten realisieren. Von kulturbezogenem Medienbegriff ist deshalb zuweilen die Rede, weil bei Kommunikat-Sorten insbesondere historische, kulturelle und soziale Faktoren eine wichtige Rolle spielen.53 Kommunikate wiederum sind spezifische Ausprägungen von Kommunikat-Sorten. In Anlehnung an Brinkers (2010: 128) Textdefinition können Kommunikate definiert werden als »eine begrenzte Folge von [...] Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert.« Kommunikate bestehen aus einzelnen Kommunikatteilen oder auch kommunikativen Akten, die wiederum im Falle von multimodalen Kommunikaten verschiedene Zeichenmodalitäten enthalten (vgl. Kapitel 7.5).

Die in den digitalen Medien stattfindende Kommunikation wurde bis anhin zumeist als computervermittelt bezeichnet, wobei der Terminus hauptsächlich auf schriftbasierte sowie interpersonale Kommunikation mittels zweier herkömmlicher Computer angewandt wurde. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Trägermedien jedoch nehmen immer mehr ab, so dass man zwar bei allen Geräten von Computern und folglich von computervermittelter Kommunikation sprechen könnte, doch durch die steigende Relevanz der mündlichen Sprache oder der Bilder ist es angebracht, einen Terminus zu wählen, der keine Modalitäten exkludiert: digitale Kommunikation. Der für diese Arbeit gewählte, breite und in letzter Zeit populärer gewordene Terminus umfasst sämtliche Trägermedien, bei denen die Übermittlung digital abläuft. Digitale Kommunikation ist demnach eine spezifische Variante medialer Kommunikation, wobei die Parameter Zugänglichkeit, zeitliche Dimension, Kommunikationsrichtung sowie die Anzahl der Kommunikationspartner variieren können. ← 52 | 53 →

Digitale Kommunikation umfasst – wie bereits erwähnt – auch multimodale Kommunikation. Folglich liegt es auf der Hand, die Produkte multimodaler Kommunikation als multimodale Kommunikate zu bezeichnen. Der Vorteil der Bezeichnung besteht darin, dass sie nicht durch linguozentrische Metaphorik geprägt ist (vgl. Kapitel 7.2). Es soll allerdings auch nicht der Nachteil verschwiegen werden, dass der Ausdruck zuweilen zu allgemein sein könnte, da die konkret beteiligten Modalitäten nicht genannt werden. Diese müssen infolgedessen jeweils zusätzlich aufgeführt oder aus dem Kontext erschlossen werden.

Zu allen genannten Themenbereichen der Kommunikation in den digitalen Medien sei im Folgenden auf weiterführende Literatur verwiesen. Als Einstieg in die Medienlinguistik können zwei Standardwerke empfohlen werden. Bei Burger und Luginbühl (2014) liegt der Schwerpunkt auf den traditionellen Massenmedien, doch findet sich darin auch ein Kapitel zu digitalen Medien.54 Auch bei Schmitz (2004d: 8) werden neben den digitalen Medien die analogen, herkömmlichen Medien ausführlich behandelt. Wie die Publikationsdaten der beiden Bücher bereits verraten, konnten Kommunikationsformen des Social Webs noch nicht berücksichtigt werden; Literaturhinweise dazu finden sich in Kapitel 3.6. Zum Medienbegriff sei auf die vielzitierte Arbeit von Posner (1985) verwiesen; eine neuere, empfehlenswerte Arbeit, in der Medienklassifikationen und Medienbegriffe ausführlich diskutiert werden, stammt vom Deutschdidaktiker Michael Staiger (2007). Zu Kommunikationsformen im Allgemeinen seien insbesondere ein Aufsatz von Dürscheid (2005b) sowie zwei Aufsätze von Holly (2011b; 2011c) hervorgehoben. Zu einzelnen digitalen Kommunikationsformen gibt es inzwischen zahlreiche Untersuchungen; für einen umfassenden Überblick zum Forschungsstand sei auf die Kapitel 3.4 und 3.6 verwiesen. Exemplarisch seien an dieser Stelle eine Monographie und zwei Sammelbände genannt: Beißwenger (2007) befasst sich mit der Chat-Kommunikation, der von Ziegler und Dürscheid (2002) herausgegebene Band versammelt Beiträge zur Kommunikationsform E-Mail und derjenige von Moraldo (2009a) umfasst darüber hinaus auch Studien zu neueren Kommunikationsformen wie Weblogs und Microblogs. Zum Begriff des Kommunikats bzw. des kommunikativen Akts können die Aufsätze von Adamzik (2002) und Jucker und Dürscheid (2012) als grundlegend erachtet werden. ← 53 | 54 → ← 54 | 55 →


19     Diese Feststellung ist »schon fast zu einem Topos in Arbeiten zur Medienwissenschaft, Medienlinguistik und Publizistik geworden« (Dürscheid 2011a: 88).

20     Der Ausdruck technisch wird hier im weitesten Sinne gebraucht, er ist zum Beispiel auch auf Papier und Bleistift in der Briefkommunikation anwendbar.

21     Die Art des benötigten Gerätes wird bei den primären, sekundären und tertiären Medien nicht berücksichtigt. So nennt Pross (1972: 128) als Beispiele für sekundäre Medien die Kommunikationsformen Brief, Buch und Zeitung, für deren Herstellung unterschiedliche Werkzeuge wie Stift, Schreibmaschine, Computer oder Druckmaschine genutzt werden können.

22     Dass das Adjektiv in Neue Medien großgeschrieben wird, deutet – wie auch das Setzen von Anführungszeichen – auf ein Verständnis der Bezeichnung als Name hin, mit dem ausschließlich die zu Beginn des 21. Jahrhunderts neuen Medien bezeichnet werden.

23     In den Titeln folgender Arbeiten sind die »neuen Medien« erwähnt: Androutsopoulos 2007; Beck 2008; Bucher et al. 2010a; Burger, Luginbühl 2014; Dürscheid 2011b; Dürscheid et al. 2010; Gabriel 1997; Kallmeyer 2000; Kleinberger Günther, Wagner 2004; Kurzrock 2003; Lackner 2012; Müller, Siever 2011; Schmitz 1995a; Schmitz, Wenzel 2003; Storrer 2001b; Storrer, Wyss 2003 sowie Strauch, Rehm 2007.

24     Adamzik 2004: 90; Albert 2013: 52; Androutsopoulos 2007: 74; Burkart 2003: 185; Csanyi et al. 2012; Dang-Anh et al. 2013: 72; Dürscheid et al. 2010: 29; Ebersbach et al. 2011: 26; Faulstich 2002: 25; Herzig 2008; Holly, Jäger 2011: 153; Knaus 2009: 13; Köhler, Neumann 2011; Mandel et al. 2010; Müller, Siever 2011: 44; Münker 2005: 244; Rusch et al. 2007: 39, 63; Sager 2001: 202; Schlobinski 2005: 139; Schmitz 2004d: 112, Schmitz 2004a: 222, U. Schmitz 2006b: 89; Steinseifer 2011b: 54; Storrer 2010: 2212; Vogelgesang 2014; Ziefle 2013 sowie Zorn 2011.

25     Bedijs, Heyder 2012a: 9; Bucher 2006: 212, Bucher 2011b: 139; Burkart 2003: 185; Dang-Anh et al. 2013: 76; Döring 2003: 241; Dürscheid et al. 2010: 95; Kübler 2000: 16; Moraldo 2012: 191; Siever 2011a: 91 sowie Wichter 2011: 14.

26     Burkart 2003: 185; Dürscheid et al. 2010: 29; Faulstich 2002: 25 sowie Thaler 2007: 148.

27     Diese Angabe gilt für deutschsprachige Onlinenutzer ab 14 Jahren. Auch in der JIMStudie konnte für Jugendliche zwischen 12 und 19 konstatiert werden, dass 45 % der im Internet verbrachten Zeit für Kommunikation verwendet wird (vgl. JIM-Studie 2012: 32).

28     Unter Semiose versteht Nöth (2000b: 227) einen »Prozeß, in dem ein Zeichen seine Wirkung entfaltet.«

29     Folglich wird auditive (im Unterschied zu visueller) Kommunikation zwar nicht behandelt, was jedoch nicht bedeutet, dass auditive Kommunikation vom Kommunikationsbegriff ausgeschlossen werden soll.

30     Abgekürzt werden die Termini mit CVK oder CMC, wobei die Abkürzung des englischen Terminus (i. e. CMC) in deutschsprachigen Publikationen häufiger zu finden ist als CVK. Weitere gebräuchliche Termini sind digitale Kommunikation, Online-Kommunikation, Netzkommunikation und Cyberkommunikation (vgl. Strauch, Rehm 2007: 120) sowie electronically mediated communication (EMC), digitally mediated communication (DMC), Internet-mediated communication und Internet-based communication (IBC) (vgl. Jucker, Dürscheid 2012: 39) und internetbasierte Kommunikation (Freyermuth 2006: 10).

31     Vielmehr könnte eine Differenzierung aufgrund der Eingabeart von Relevanz für die sprachliche Ebene sein. Während sowohl Smartphones als auch Tablets zumeist über eine virtuelle Tastatur (auch Bildschirmtastatur) verfügen, sind es bei Net- und Notebooks sowie bei Desktop-Computern meist (noch) physische Tastaturen. Bei Bildschirmtastaturen werden ähnlich wie bei T9 Systeme zur vereinfachten Texteingabe verwendet, so beispielsweise die Autovervollständigung, bei der Nutzereingaben sinnvoll ergänzt, oder der Autotext, bei welchem über die Schreibhilfefunktion Tippfehler korrigiert werden können.

32     In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie sich die beiden Kommunikationsformen E-Mail und SMS zueinander verhalten und wie ihr Verhältnis sich entwickeln könnte: Wenn jedes Handy über einen Internetzugang verfügt, könnten SMS überflüssig werden.

33     Auch Schlobinski (2006a: 30) bezeichnet das Internet als Technologie, in die herkömmliche Medien integriert sind; aus diesem Grunde wird das Internet in der Forschung auch Multimedium oder Hybridmedium genannt.

34     In Europa (gemeint sind Spanien, Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland) lag der Anteil der Smartphone-Besitzerinnen und Besitzer im Verhältnis zu allen Mobiltelefonnutzern im Dezember 2010 noch bei 31 %, im Juli 2012 wurde die 50-%-Marke überschritten und im Oktober 2012 wurde ein Wert von 54,6 % erreicht (vgl. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/219258/umfrage/anteil-smartphonenutzer-an-mobilfunknutzern, 13.05.2013).

35     Der Ausdruck der computervermittelten Kommunikation umfasst sowohl medial schriftliche als auch mündliche Sprache; dies kommt bei Herring (1996: 1) implizit zum Ausdruck, da sie den Fokus auf text-based CMC legt. An anderer Stelle jedoch definiert Herring (2007: 1) CMC ebenfalls als überwiegend textbasiert.

36     Auch bekannt unter Voice-over-IP-Telefonie (kurz: VoIP).

37     Gemeint ist insbesondere die Interaktion mit Chatbots, also mit artifiziellen Dialogagenten. Diese Interaktion kann textbasiert sein oder über Sprachausgabe und Spracherkennung erfolgen (vgl. Lotze 2012: 27).

38     Einerseits wird in Arbeiten medial mündliche Sprache per definitionem ausgeschlossen, andererseits werden auch erweiterte Formulierungen wie »text-based computer-mediated communication« (Barton, Lee 2013: 4–5) verwendet.

39     Statt von Quartärmedien zu reden, sollte vielmehr bei den Tertiärmedien eine Unterscheidung zwischen analoger und digitaler Übertragung vorgenommen werden.

40     Schlobinski (2006a: 30) verwendet den Terminus »digitalisierte Kommunikation«, ohne jedoch auf sein Verständnis dieses Ausdrucks einzugehen.

41     Der Terminus wurde laut Thaler (2007: 152) erstmals von Ermert (1979) in seiner Untersuchung zu Briefsorten verwendet.

42     Holly (2011c: 157) geht von einem weiten Textbegriff aus.

43     Diese Definition stimmt inhaltlich praktisch mit folgender Definition von Textsorten überein: »Sie [Textsorten, CMS] repräsentieren flexible konventionell in Sprachgemeinschaften vereinbarte Gebrauchsmuster zur Lösung wiederholt auftretender kommunikativer Aufgaben« (Jakobs 2004: 234). Folgt man diesen beiden Definitionen, so können kommunikative Gattungen von Textsorten, wie erwähnt, lediglich durch die Dialogizität voneinander unterschieden werden.

44     Die an Brinkers Definition von Textsorten angelehnte Definition bei Schmitz bezieht sich auf den von ihm verwendeten Terminus Text-Bild-Sorte.

45     Jucker und Dürscheid (2012: 47–48) unterscheiden zwischen »single-tool platforms« mit nur einer einzigen Kommunikationsform und »multiple-tool platforms« mit mehreren Kommunikationsformen.

46     Vergleiche zum Terminus Kapitel 7.2.

47     Die angeführten Belegstellen sind als exemplarische Nennungen und nicht als exhaustive Auflistung zu verstehen.

48     Der Terminus wurde bereits früher verwendet, so beispielsweise bei Werbeanzeigen, die als »gemischtkodale Kommunikate« (Geiger, Henn-Memmesheimer 1998: 66) bezeichnet wurden. Auch Stöckl (1998: 78) spricht von »Kommunikat« und »Gesamtkommunikat«, favorisiert aber insgesamt den Textbegriff für multimodale Kommunikate.

49     Der Terminus des Kommunikats wird bisweilen auch anders verstanden, so beispielsweise von Wichter (2011: 14), der unter einem Textkommunikat sowohl die Produktion als auch die Rezeption eines Textes versteht. Der Fokus liegt dabei also auf dem Kommunikationsprozess und nicht auf dem Kommunikationsprodukt.

50     Folglich impliziert der Terminus kommunikativer Akt die Möglichkeit der Multimodalität. Van Leeuwen (2005: 120) spricht explizit von »multimodal communicative acts«.

51     Auch Wichter geht von einem »Ebenenbereich der Reihen als Folgen von Kommunikaten und/oder Kommunikatsegmenten« (Wichter 2011: 1, Herv. entfernt) aus. Der Ebenenbereich unterhalb der Kommunikate umfasst Sprechakte und Sprechaktsequenzen. Adamzik (2011: 370) benennt die drei Ebenen von Wichter »Superkommunikate«, »Kommunikate« und »Subkommunikate«.

52     Androutsopoulos (2007: 72) beschreibt digitale Kommunikationsformen, digitale Texte, digitale Textsorten, digitale Schriftlichkeit, einen digitalen Sprachgebrauch sowie einen digitalen Sprachstil.

53     Zur Kulturspezifik von Textsorten siehe beispielsweise Fix et al. (2001) oder Zhao (2011), zum Textsortenwandel Linke (2001; 2009).

54     Für das Buch ist für 2014 eine Neuauflage in Planung; darin soll das Kapitel »Neue Medien« komplett neu geschrieben werden.