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Evolution – Natur, Mensch, Gesellschaft

von Reinhard Neck (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 263 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch betrachtet aktuelle Aspekte der Evolutionstheorie aus interdisziplinärer Sicht und wendet sie auf Fragen der Natur-, Human- und Sozialwissenschaften an. Ausgangspunkt für die Beurteilung theoretischer Ansätze und philosophischer Bezüge ist die Wissenschaftsauffassung des Kritischen Rationalismus. Auch die Rolle Karl Poppers als Theoretiker der Evolutionären Erkenntnis- oder Wissenschaftstheorie und Evolutionsbiologe beleuchten die Autoren unter diesem Gesichtspunkt. Das Werk zeigt, dass Evolutionstheorien eine weite Anwendbarkeit haben und in vielfacher Hinsicht mit der Philosophie des Kritischen Rationalismus korrespondieren.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Evolution – Natur, Mensch, Gesellschaft: Einleitung und Übersicht
  • 1.1 Zur Themenstellung
  • 1.2 Übersicht über die Beiträge dieses Buchs
  • 1.3 Literatur
  • 2. Kosmische Evolution, Teleologie und das Multiversum
  • 2.1 Die Stellung des Menschen im Kosmos
  • 2.2 Das kosmische Standardmodell
  • 2.3 Das Standard-FLRW-Modell der Kosmologie
  • 2.4 Feinabstimmung physikalischer Parameter?
  • 2.5 Multiversum
  • 2.6 Mögliche Welten
  • 2.7 Zur Kritik am Multiversumkonzept
  • 2.8 Was erklärt die Multiversum-Hypothese?
  • 2.9 Literatur
  • 3. Darwins Optimierung im Spiegel der Physik und der Chemie
  • 3.1 Einleitung
  • 3.2 Die Bildung von Mustern in der Physik und der Biologie
  • 3.3 Darwins Prinzip aus der Sicht eines Mathematikers
  • 3.4 Mutationen, Fehlerschwellen und In-vitro-Evolution
  • 3.5 Genotypen und Phänotypen in der RNA-Evolution
  • 3.6 Populationsgrößen und stochastische Simulation der Evolution
  • 3.7 Schlussfolgerung und Ausblick
  • 3.8 Literatur
  • 4. Sozialverhalten im Lichte der Evolution und Verhaltensbiologie
  • 4.1 Charles Darwin: Leben und Werk
  • 4.2 Kernaussagen der Darwin’schen Evolutionstheorie
  • 4.3 Charles Darwin ist auch heute noch unbestritten
  • 4.4 Soziobiologie: evolutionsbiologisch orientierter Zweig der Verhaltensbiologie
  • 4.4.1 Verwandten-Selektion
  • 4.4.2 Reziproker Altruismus
  • 4.5 Sozialverhalten, Eusozialität, soziale Organisation, soziale Struktur
  • 4.6 Soziale Systeme: einfach bis hochentwickelt (komplex)
  • 4.7 Vor- und Nachteile des Gruppenlebens
  • 4.8 Die Evolution des Helfens
  • 4.9 Reziproker Altruismus und Altruismus im Tierreich
  • 4.10 Verwandtenselektion
  • 4.11 Soziale Kognition
  • 4.12 In Memoriam: Alex der Graupapagei
  • 4.13 Schlussbemerkung
  • 4.14 Literatur
  • 5. Die Evolutionstheorie und der menschliche Geist
  • 5.1 Einleitung
  • 5.2 Die kognitiven Fähigkeiten als Produkt der Evolution
  • 5.3 Sind wir mehr als physische Organismen?
  • 5.4 Der Aufstieg der Identitätstheorie
  • 5.5 Das Problem der Subjektivität
  • 5.6 Das emergentistische Weltbild und die kausale Irrelevanz des Bewusstseins
  • 5.7 Literatur
  • 6. Der Beitrag der Kognitionsbiologie zur Frage der Entstehung von Erkenntnis
  • 6.1 Einleitung
  • 6.2 Die Evolution von Erkenntnis
  • 6.3 Wie kann man kognitive Phänomene im Tierreich untersuchen?
  • 6.4 Kategorisierung und Konzeptbildung
  • 6.5 Physikalisches Verständnis und technische Fähigkeiten
  • 6.6 Die Evolution von Sprache
  • 6.7 Elemente von Bewusstsein
  • 6.8 Fazit
  • 6.9 Literatur
  • 7. Karl Popper und die Evolutionäre Erkenntnistheorie
  • 7.1 Das Falsifikationsprinzip
  • 7.2 Zur Reichweite des Falsifikationsprinzips
  • 7.3 Zwei Arten von Evolutionärer Erkenntnistheorie
  • 7.4 Wieso dann der gleiche Name?
  • 7.5 Unterschiede zwischen Evolutionärer Erkenntnistheorie und Evolutionärer Wissenschaftstheorie
  • 7.6 Poppers Beitrag zur Evolutionären Erkenntnistheorie
  • 7.7 Wann ist eine Theorie evolutionär? Wann ist sie darwinistisch?
  • 7.8 Literatur
  • 8. Darwin, Popper und die Evolutionsbiologie
  • 8.1 Einleitung
  • 8.1.1 Neuauflage einer alten Immunisierungsstrategie
  • 8.2 Anhaltende Irritation durch Design ohne Designer
  • 8.3 Brücken von Darwins Selektionstheorie zum Verständnis der heutigen Selektionstheorie
  • 8.4 Der politische Kontext in den USA
  • 8.5 Die Grenzen von Darwins Evolutionsbiologie: Darwins irreführende Metaphern
  • 8.6 Darwinismus und Mendelismus – die Periode der Verfinsterung von Darwins Selektionstheorie
  • 8.7 Die moderne Synthetische Evolutionstheorie
  • 8.8 Karl Popper und die Evolutionsbiologie
  • 8.8.1 Natürliche Selektion als angewandte Situationslogik oder ein algorithmisches Prinzip: Popper, Eigen, Dennett
  • 8.9 Plädoyer für eine erweiterte Synthetische Evolutionstheorie
  • 8.10 Literatur
  • Anhang 1: Darwin und die Religion
  • Anhang 2: Stichworte zur Chronologie der Arbeiten und Vorträge Poppers mit Bezügen zur Evolutionstheorie
  • 9. Der Sinn des Lebens: Was sagt die Evolutionsbiologie?
  • 9.1 Der biologische Sinn des Lebens
  • 9.2 Der menschliche Sinn des Lebens
  • 9.2.1 Kinderwunsch und Familiensinn
  • 9.2.2 Wohlergehen, Lust und Glück
  • 9.2.3 Kunst und Wissenschaft
  • 9.2.4 Das (Über-)Leben
  • 9.2.5 Religiöse Antworten: Von Genen und Göttern
  • 9.3 Strategien des Lebens
  • 9.4 Literatur
  • 10. Auf der Suche nach einem evolutionären Vorteil: Handelsbeziehungen zu Wenigen, Einigen oder Vielen
  • 10.1 Einleitung
  • 10.2 Das Modell
  • 10.3 Die langfristige Struktur der Farmer-Gemeinschaft
  • 10.4 Kann eine Ausweitung der Handelsbeziehungen zu einem Rückgang an sozialer Wohlfahrt führen?
  • 10.5 Schlussfolgerungen
  • 10.6 Literatur
  • 11. Der evolutionsökonomische Ansatz des Neo-Schumpeterianismus: Ein Konzept zur Erklärung und Bewältigung der globalen Wirtschaftskrise
  • 12. Alles Leben ist Wissen und Wollen – Karl Poppers Evolutionsbiologie
  • 12.1 Die Karl-Popper-Sammlung und Poppers Welt 3
  • 12.2 Die verhaltene Rezeption der „Welt 3“
  • 12.3 Die Geburt von Poppers Philosophie aus dem Geiste der Musik
  • 12.3.1 Erster Ausgangspunkt: Objektives Wissen und die spätere „Welt 3“
  • 12.3.2 Zweiter Ausgangspunkt: die Suche nach neuen Möglichkeitsräumen
  • 12.4 Die Logik der Forschung und ihre biologischen Folgen
  • 12.5 Alle Lebewesen steuern ihre eigene Evolution
  • 12.6 „Wollen“ als Netz von Propensitäten
  • 12.6.1 „Wollen“ zu Beginn der Evolution: chemische Reaktionen
  • 12.6.2 Wollen am Ende der Evolution: menschliches Wollen
  • 12.7 Ein neuer Blick auf die Gene und die Zelle
  • 12.8 „Die ganze Evolution ist ein Abenteuer des Geistes“
  • 12.9 Literatur
  • Autorenverzeichnis
  • Reihenübersicht

Kapitel 1

Evolution – Natur, Mensch, Gesellschaft: Einleitung und Übersicht

Reinhard Neck

1.1   Zur Themenstellung

Das hundertfünfzigjährige Jubiläum des wichtigsten Werks zur Evolutionstheorie1 und der zweihundertste Geburtstag seines Autors Charles Darwin hat verstärktes Interesse an dieser Theorie hervorgerufen, und in der Folge erschienen zahlreiche Bücher und Aufsätze zum Thema Evolution. Dabei steht meist der Aspekt der Wirkung der Evolutionstheorie auf die Entwicklung der Biologie im Vordergrund; teilweise drehen sich die Diskussionen um die – in manchen Weltgegenden heftig umstrittene – Frage Kreationismus versus Evolution (in ihrer primitivsten Form als „Schöpfungsgeschichte der Bibel oder Evolution?“ oder „Ist die Erde wirklich schon älter als 10.000 Jahre?“). Die Tatsache, dass derart krause Ideen noch immer (und nicht nur in Entwicklungsländern mit niedrigen Bildungsstandards) ernsthaft vertreten werden, zeigt die Notwendigkeit eines umfassenden Diskurses über den Inhalt und die Implikationen der Evolutionstheorie und ihre Gültigkeit. Ein wenig zu kurz ist in der Fülle der in den letzten Jahren erschienenen Publikationen die Tatsache gekommen, dass der Begriff und das Konzept der Evolution nicht nur die Biologie und verwandte Wissenschaften betrifft, sondern dass es sich um ein sehr umfassendes Konzept handelt, das sich für eine interdisziplinären Behandlung gut eignet.

In diesem Buch wird der Versuch unternommen, diesem interdisziplinären Charakter des Evolutionsbegriffs dadurch Rechnung zu tragen, dass aus der Sicht verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen Aspekte der Evolution dargestellt werden. Dabei wird – entsprechend dem Charakter dieser Schriftenreihe – im Allgemeinen von der Wissenschaftsauffassung des Kritischen Rationalismus ausgegangen, nicht nur, was die Beurteilung theoretischer Ansätze in den verschiedenen Wissenschaften betrifft, sondern auch in Hinblick auf allfällige philosophische Bezüge und insbesondere auf die Rolle Karl Poppers als Theoretiker der Evolutionären Erkenntnis- und/oder Wissenschaftstheorie (und sogar als Evolutionsbiologe). Es zeigt sich, dass Evolutionstheorien eine durchaus weite Anwendbarkeit haben und in vielfacher Weise zur Philosophie des Kritischen Rationalismus kongenial sind. Wenn das verstärkte Interesse an der Evolutionstheorie auch zu neuerlicher Beschäftigung mit ← 13 | 14 → den Ideen Poppers und anderer Kritischer Rationalisten führt, wäre ein Ziel dieses Sammelbandes erfüllt.

1.2   Übersicht über die Beiträge dieses Buchs

Im Kapitel 2 widmet sich Bernulf Kanitscheider kosmologischen Aspekten der Evolution. Er kontrastiert das anthropozentrische Weltbild mit dem Menschen als Mittelpunkt des physischen Universums, das für das mittelalterliche Denken und für die monotheistischen Religionen charakteristisch war bzw. ist, mit jenem der heutigen physikalischen Kosmologie, das sich allmählich seit der Renaissance herausgebildet hat. Die Tatsache, dass es lange Zeit gebraucht hat, um die Vorstellung von der Sonderstellung des Menschen im Universum als Illusion aufzuzeigen, die auch heute noch von vielen Menschen aufrechterhalten wird, hängt zweifellos mit dem Ausmaß der „Kränkung“ zusammen, die die kopernikanische Wende – und mehr noch die folgenden Falsifikationen wörtlicher Bibelauslegungen durch die moderne Astrophysik und Kosmologie – für das Selbstverständnis der Menschen bedeuteten. Kanitscheider erläutert das heute vertretene Weltbild der Kosmologie, das so genannte Standardmodell der Kosmologie (das Standard-FLRW-Modell) das von Homogenität und Isotropie des Raums ausgeht, in dem weder eine Sonderstellung unserer Galaxie noch des Organischen und a fortiori schon gar nicht des Menschen einen Platz haben können. Die Erde stellt sich in diesem kosmischen System als ein kleiner Fleck unbedeutender baryonischer Materie dar. Die lebende Materie spielt darin größenordnungsmäßig eine völlig unbedeutende Rolle; organische Systeme sind Durchgangsphänomene der Entwicklung des Universums, die zu späten Zeiten spurlos verschwinden. Vorstellungen des Kreationismus und des „Intelligent Design“, die von Vertreter/inne/n eines anthropozentrischen und monotheistischen Weltbilds auch heute vielfach vertreten werden, erscheinen aufgrund der Ergebnisse der Astrophysik äußerst fragwürdig.

Problematisch ist dabei eine teleologische Interpretation der Einsicht in die – oft missverständlich so bezeichnete – Feinabstimmung der physikalischen Konstanten, die das Erfordernis von numerisch genau bestimmten Größen dieser Konstanten als Voraussetzung für die Entstehung von Leben aufweist. Die säkulare, naturalistische Erklärung dieser erstaunlichen Koinzidenzen erfolgt heute unter Einsatz eines Ensembles von Welten, die auch unter dem Namen Multiversum firmiert. Dabei wird davon ausgegangen, dass wir nur in einem Element der erkennbaren Untermenge aller Welten leben können und einem verborgenem Selektionseffekt ausgesetzt sind. Die scheinbare Auszeichnung unserer Welt entsteht, weil wir keinen empirischen, sondern nur einen theoretischen Zugang zum gesamten Ensemble haben. Das Postulieren von mehr als einer Welt soll bestimmte Rätsel in unserer Welt auflösen, die sonst nicht entwirrbar erscheinen. Dabei muss die Multiversum-Hypothese von dem philosophischen Konzept möglicher Welten und insbesondere von ← 14 | 15 → metaphysischen Spekulationen unterschieden werden. Endlichkeit ist weder bezüglich der einzelnen Universen noch bezüglich der Zahl von Universen im Multiversum erforderlich und auch physikalisch eher unplausibel. Auch die Multiversum-Hypothese ist – wie alle theoretischen Hypothesen – nicht unumstritten und als vorläufig zu sehen; insbesondere wird ihre Erklärungskraft öfters bestritten, da sie nicht direkt empirisch prüfbar ist. Man kann jedoch argumentieren, dass sie einige Charakteristika unserer Welt besser verständlich macht als alle verfügbaren Konkurrenten und in Verbindung mit bestimmten Eingrenzungen möglicher Ensembles, wie sie im Szenario der chaotischen Inflation erfolgen, auch prognostische Kraft haben kann. Die damit entwickelte Theorie der kosmischen Evolution kommt ohne Teleologie aus und ist mit den derzeit bekannten Tatsachen im Einklang. Ein Rückgriff auf metaphysische Konzepte ist dabei weder erforderlich noch wünschenswert.

In Kapitel 3 stellt Peter Schuster das Grundprinzip des Biologen Darwin in den Kontext einer mathematischen Theorie der Optimierung, der lange Zeit hindurch für die Physik, aber nicht für die Biologie charakteristisch war. Darwins Prinzip erklärt, wie Selektion funktioniert und Varianten anhand ihrer Auswirkung auf die Nachkommenschaft wählt: Die fittere (besser angepasste) Variante kann mehr Nachkommenschaft produzieren und wird die weniger effizienten Varianten in den künftigen Generationen verdrängen. Schuster erläutert die Bildung von Mustern und veranschaulicht die besondere Rolle genetischer Informationen mittels eines Vergleichs der Bildung von Mustern in der Physik und in der Biologie. Anschließend wird die natürliche Selektion besprochen und als theoretisches und mathematisches Konzept und in dessen Implementierung in Molekularsystemen analysiert. Die molekulare Evolution wird als Beispiel von chemischer Kinetik modelliert, und eine kurze Darstellung von Evolutionsexperimenten unter kontrollierten Bedingungen wird gegeben. Die Auffaltung von biopolymeren Sequenzen in Strukturen wird als einfaches Beispiel für eine genetisch kodierte Bildung von Mustern betrachtet. Neutralität bezüglich Selektion wird als integraler Bestandteil der Evolution in realen Systemen aufgewiesen. Ferner wird die Rolle der Stochastik, des Zufalls, mit der stochastischen Simulation eines Computermodells der RNA-Strukturoptimierung veranschaulicht. In der modernen Molekularbiologie werden theoretische Modelle, die auf den Prinzipien der Evolution und Entwicklung beruhen, entwickelt, die bereits eine Vielfalt von empirischen Beobachtungen über Molekularevolution erklären, und damit wird den methodischen Standards der Naturwissenschaften besser entsprochen, als es Darwin aufgrund der Kenntnisse seiner Zeit konnte.

Mit der Erklärung des Sozialverhaltens von Tieren (und in einem gewissen Ausmaß auch implizit von Menschen) durch Evolution aus der Sicht der Verhaltensbiologie beschäftigt sich Isabella B. R. Scheiber in Kapitel 4. Sie identifiziert die Kernaussagen Darwins mit den Prinzipien der Reproduktion, Variation und Selektion und stellt fest, dass die von Darwin begründete und seitdem ständig weiterentwickelte ← 15 | 16 → Evolutionstheorie nach wie vor für die Biologie das grundlegende Paradigma darstellt, im Sinne des bekannten Zitats von Dobzhansky: „Nichts in der Biologie hat einen Sinn, außer im Licht der Evolution.“ Die Soziobiologie als evolutionsbiologisch orientierter Zweig der Verhaltensbiologie beruht auf diesen Prinzipien, wobei die Selektion nicht an Arten oder Gruppen ansetzt, sondern an den Genen und damit am Individuum – eine Analogie zum methodologischen Individualismus in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Sie mündet nicht, wie dies in Verkennung auch der Intentionen Darwins politisch missbräuchlich postuliert wurde, im Sozialdarwinismus, sondern ist auch in der Lage und interessiert daran, altruistisches Verhalten zu erklären. Erklärungsansätze dafür sind unter anderem Verwandten-Selektion und reziproker Altruismus. Allgemein geht es ihr um die Erklärung von Sozialverhalten im weiteren Sinne, also aller Verhaltensweisen von Menschen und Tieren, die auf Reaktionen oder Aktionen anderer Gruppenmitglieder zielen. Sozialverhalten umfasst damit Formen des einträchtigen Zusammenlebens (Kooperation) genauso wie konflikthaftes Verhalten. Dabei werden Erklärungen diverser sozialer Systeme geliefert, von einfachen Paarbeziehungen bis zu komplexen sozialen Organisationen. Eine Voraussetzung für die Entwicklung von Sozialverhalten ist die Fähigkeit zu bestimmten kognitiven Leistungen. Deren Ausmaß wird in der Verhaltensbiologie anhand von Menschenaffen, aber auch anderen Spezies untersucht. Scheiber zeigt am Beispiel des Graupapageis Alex, dass auch von Vögeln erstaunliche derartige Leistungen erbracht werden können, wie Wortgebrauch und (begrenztes) Zahlenverständnis.

Der Frage nach der Entstehung derartiger kognitiver Fähigkeiten widmet sich die „Theory of Mind“, die teilweise an die Stelle der älteren Philosophie des Geistes getreten ist. Volker Gadenne zeigt in Kapitel 5, dass aus der Sicht der so genannten Evolutionären Erkenntnistheorie kognitive Fähigkeiten des Menschen wie Wahrnehmung, mentale Repräsentation, Gedächtnis und Denken bis hin zur Sprache als Produkte der Evolution, also von Mutation und Selektion, erklärt werden. Dabei wird die Entwicklung des „Geistes“ auf die Entwicklung des Gehirns zurückgeführt. Dem Einwand, dass der Mensch bestimmte, qualitativ von jenen von Tieren verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten hat, der von Vertreter/inn/en eines Substanzdualismus von „Leib“ und „Seele“ vorgebracht wird, entgegnet die Evolutionäre Erkenntnistheorie mit dem Konzept der emergenten Eigenschaften, das sind Eigenschaften, die einem System als Ganzem zukommen, während die Teile des Systems sie nicht haben. Solche Eigenschaften sind sowohl in der belebten wie in der unbelebten Natur nachweisbar. Aus evolutionstheoretischer Perspektive kann man die Zugehörigkeit des Menschen zu den Primaten konstatieren und zugleich seine besonderen oder besonders ausgeprägten geistigen Eigenschaften anerkennen, ohne auf einen metaphysischen Dualismus zurückgreifen zu müssen, der schwer lösbare Probleme aufwirft. Gadenne verweist allerdings auch auf Schwierigkeiten, die dem materialistischen Weltbild durch das Phänomen der Subjektivität ← 16 | 17 → und des Bewusstseins erwachsen, die – sofern sie kausal irrelevant sind – nicht gut evolutionstheoretisch erklärt werden können.

Aus der Sicht der Kognitionsbiologie erörtert Ludwig Huber in Kapitel 6 die Frage der Entstehung von Erkenntnis. Kognitionsbiologie oder „Kognitive Ethologie“ beruht auf der Evolutionären Erkenntnistheorie, geht aber über sie hinaus, indem sie Lernmechanismen und die Entstehung und Veränderung von wissenschaftlichen Theorien im Sinne von Selektionsprozessen deutet und Beziehungen zwischen biologischer und kultureller Evolution untersucht. Anhand zahlreicher experimenteller Evidenz mit verschiedenen Tierarten zeigt Huber, dass auch nicht-menschliche Tiere zu großer Flexibilität im Verhalten im Stande sind, die durch eine Vielzahl von kognitiven Mechanismen zur Verbesserung und Effizienzsteigerung verhilft, sodass es plausibel ist, dass sich auch der menschliche Geist allmählich und aus nicht-menschlichen Vorformen modifizierend entwickelt hat.

Karl Popper gilt oft als ein Vater der Evolutionären Erkenntnistheorie. Inwieweit das der Fall ist und wie Poppers Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie zu den entsprechenden Theorien der Biologen steht, erörtert Gerhard Vollmer in Kapitel 7. Er weist dabei auf Unterschiede zwischen den Theorien von Konrad Lorenz und anderen Biologen, die Erklärungscharakter haben und als „Evolutionäre Erkenntnistheorie“ bezeichnet werden, und jenen von Popper hin, der eine (primär präskriptive) methodologische Theorie entwickelt hat, die man besser als „Evolutionäre Wissenschaftstheorie“ bezeichnen sollte. Beide Theorien stehen mit dem „Kritischen Rationalismus“ Poppers in engem Zusammenhang, können aber in Hinblick auf ihren Gegenstand durchaus unterschieden werden. Poppers Theorie sollte auch nicht als darwinistisch bezeichnet werden, da ihr Fortschritt für wissenschaftliche Theorien nicht am Selektionskriterium der Fitness, sondern an der regulativen Idee der Wahrheit orientiert sein muss; auch können sich Theorien nach Vollmer nicht fortpflanzen, was für Darwins Theorie konstitutiv ist.

Die Beziehungen zwischen Poppers Theorien und der Evolutionsbiologie sind Gegenstand des Beitrags von Peter Markl (Kapitel 8), der auch umfangreiche historische Angaben zur Entwicklung der Evolutionsidee sowohl in der Biologie wie in der Popper’schen Wissenschaftstheorie enthält. Dabei wird insbesondere die Integration der molekularen Biologie, Zellbiologie und molekularen Genetik in der Mitte des 20. Jahrhunderts ausführlich behandelt und für eine erweiterte Synthetische Evolutionstheorie plädiert, die auch die Erkenntnisse der Epigenetik einbezieht und sich weitgehend mit den Intentionen Poppers trifft.

Details

Seiten
263
ISBN (PDF)
9783653063684
ISBN (ePUB)
9783653999785
ISBN (MOBI)
9783653999778
ISBN (Hardcover)
9783631610374
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (November)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 263 S., 11 farb. Abb., 5 s/w Abb., 2 Tab.

Biographische Angaben

Reinhard Neck (Band-Herausgeber:in)

Reinhard Neck studierte Volkswirtschaft und Statistik an der Universität Wien. Nach Lehrtätigkeiten in Bielefeld und Osnabrück ist er Professor an der Universität Klagenfurt und Präsident der Karl Popper Foundation Klagenfurt.

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Titel: Evolution – Natur, Mensch, Gesellschaft