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Modernismus als theologischer Historismus

Ansätze zu seiner Überwindung im Frühwerk Maurice Blondels- 2., überarbeitete Auflage

von Gerhard Larcher (Autor:in)
©2014 Monographie 443 Seiten

Zusammenfassung

Die Arbeit versteht sich als theologiegeschichtliche Untersuchung in systematischer Absicht. Innerhalb der Blondel- und Modernismusforschung erfüllt sie die spezielle Aufgabe, jenen Stellungnahmen und Korrespondenzen Maurice Blondels rund um die «question biblique» nachzugehen, die wissenschaftstheoretisch und theologisch das Geschichtsproblem betreffen. Darüber hinaus wird versucht, alle einschlägigen Hinweise, die Blondels sonstiges philosophisches und apologetisches Frühwerk bereithält, in ihrer weitreichenden Aktualität, besonders zum Thema «Historische Vernunft und Glaube» und zum Traditionsbegriff systematisch zu entfalten.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Zur zweiten Auflage
  • Einführung
  • Forschungs- und Literaturbericht
  • Erster Hauptteil: Hinführungen
  • 1. Modernismus als theologischer Historismus
  • 1.1. Erläuterung der Arbeitshypothese
  • 1.1.1. Modernismus als innertheologische Reaktionsfigur
  • Exkurs: Kirchen- und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen der Modernismuskrise in Frankreich
  • 1.1.2. Modernismus im Kontext des Historismus
  • Exkurs: Unterschiedliche Akzente historistischen Denkens in Deutschland und Frankreich
  • 1.2. Kurztypologie einschlägiger theologisch-historistischer Denkformen
  • 1.2.1. Vorbemerkungen zur Auswahl
  • 1.2.2. Ein wichtiger theologiegeschichtlicher Kontext: Theologischer Historismus in liberaler protestantischer Theologie (Adolf von Harnack, Auguste Sabatier)
  • 1.2.2.1. Anknüpfungspunkte
  • 1.2.2.2. Individualität und Ursprünglichkeit. Zur hermeneutischen Problematik der Wesensbestimmung des Christentums bei Adolf von Harnack
  • 1.2.2.3. Religiöse Erfahrung und geschichtliche Entwicklung. Auguste Sabatiers hermeneutischer Vermittlungsgedanke
  • 1.2.3. Evolution und kirchliches Glaubensbewusstsein. Methodenprobleme in Alfred Loisys modernistischem Schrifttum
  • 1.2.3.1. Im Schnittpunkt vielfältiger Wirklinien
  • 1.2.3.2. Zum eigenen hermeneutischen Standort
  • 1.2.3.3. Zur modernistischen Hauptschrift
  • 1.2.4. Endliche Erkenntnis. Personwerdung. Glaube. Hermeneutische Grundsätze in den frühen Schriften F. von Hügels
  • 1.2.5. Bilanz und Perspektiven
  • Zweiter Hauptteil: Konkretionen
  • 2. Blondels Intervention in den Modernismusstreit. Analysen zu Herkunft und Entfaltung seiner Historismuskritik
  • 2.1. Kurzer Rückblick auf die Werkgeschichte Blondels vor 1902
  • 2.1.1. „L’Action“ und die „Lettre“
  • 2.1.2. Blondels Position in den Jahren (unmittelbar) vor „L’Evangile et l’Eglise“
  • 2.2. Zur Diskussion um „L’Evangile et 1’Eglise“: Die Korrespondenzen mit J. Wehrlé, A. Loisy und F. von Hügel
  • 2.2.1. Präzisierung der Kritikpunkte im Vorfeld. (Die Auseinandersetzung mit J. Wehrlé)
  • 2.2.2. Die Kontroverse mit A. Loisy
  • 2.2.2.1. Ergebnisse
  • 2.2.3. Der Briefwechsel mit F. von Hügel
  • 2.2.3.1. Ergebnisse
  • 2.3. „Histoire et Dogme“ (1904): Blondels hermeneutisches Manifest
  • 2.3.1. Zum Konnex zwischen Korrespondenz und „Histoire et Dogme“
  • 2.3.2. Zur Gesamtanlage von „Histoire et Dogme“
  • 2.3.3. Analyse der Schlüsselstellen zur Historizismuskritik
  • 2.3.3.1. Status und Kompetenz der Historie
  • 2.3.3.2. Wissenschaftstheoretische Aporien des Historizismus
  • 2.3.3.3. Hermeneutische und apologetische Folgeprobleme
  • 2.3.4. Zur überlieferungsgeschichtlich-praktischen Vermittlungsfunktion der Tradition
  • 2.3.5. Folgekontroversen
  • 2.3.5.1. Wehrlé – von Hügel
  • 2.3.5.2. Venard – Blondel
  • 2.4. Bilanz und Perspektiven
  • Dritter Hauptteil: Hintergründe
  • 3. Geschichtstheorie und Theologie. Systematische Erwägungen zu Blondels Historismuskritik im Werkgeschichtlichen Kontext
  • Historismuskritik und moderne Methodenvernunft
  • 3.1. Blondels Neuzeitverständnis als Hintergrund
  • 3.1.1. Erinnerung an die Grundthese und Hauptpunkte der Kritik im Überblick
  • 3.1.2. Konkretionen der Kritikfigur
  • 3.1.2.1. Zur Ambivalenz im Durchbruch neuzeitlich-wissenschaftlicher Rationalität
  • 3.1.2.2. Dualismus der Methode und Abstraktheit der Subjektivität
  • 3.1.2.3. Immanenzdoktrin und Systemanspruch
  • 3.1.3. Immanenzdoktrin und Systemanspruch
  • 3.2. Integrale Wissenschaftskritik: „L’Action“ als systematisches Modell
  • 3.2.1. Zum Grundansatz einer „Wissenschaft der Praxis
  • 3.2.1.1. Blondels integrales Verständnis von „Wissenschaft“
  • 3.2.1.2. Zur pragmatischen Basis wissenschaftlicher Rationalität
  • 3.2.1.3. Zur Sicherung des Methodenansatzes einer „Wissenschaft der Praxis“
  • 3.2.2. Zur Kritik der positiven Wissenschaften
  • 3.2.3. Wissenschaftskritik und praktisches Vernunftinteresse220 Elemente einer hermeneutisch geöffneten Immanenzmethode
  • 3.3. Zur Metakritik historischer Kritik
  • 3.3.1. Zum Problem des normativen Ansatzes historischer Vergewisserung
  • 3.3.2. Historische Kritik und Subjektivität
  • 3.3.3. Historische Kritik und Hermeneutik sinnbestimmter Überlieferungen. Vorläufige Aspekte ihrer Vermittlung
  • 3.4. Historisch-wissenschaftliche Vernunft und Glaube
  • 3.4.1. Zur inneren Aporetik konsequent historischer Kritik
  • 3.4.2. Geschichtliches Verstehen und „übernatürliche“ Sinnhypothese
  • 3.4.3. Offenbarungshypothese und geschichtliche Glaubenszustimmung
  • Historismuskritik und Traditionsbegriff
  • 3.5. Wirkungsgeschichte und Praxis. Ontologische Grundlagen und hermeneutische Implikationen von Blondels Traditionsbegriff
  • 3.5.1. Methodologische Vorbemerkungen
  • 3.5.2. Zur Struktur wirkungsgeschichtlichen Seins
  • 3.5.2.1. Zum universalen Vermittlungscharakter der „action“
  • 3.5.2.2. Zum Aufbau der wirkungsgeschichtlichen Objektseite
  • 3.5.3. Praxis als Movens von Wirkungsgeschichte
  • 3.5.3.1. Zum Verhältnis von Theorie und Praxis in Blondels Verständnis geschichtlicher Wirklichkeit
  • 3.5.3.2. Zur inneren Normativität des wirkungsgeschichtlichen Prozesses
  • 3.6. Zur heilsgeschichtlich-christologischen Grundstruktur von Tradition
  • 3.6.1. Methodologische Vorbemerkungen
  • 3.6.2. Glaubenspraxis als heilsgeschichtliches Zusammenwirken Gottes und des Menschen
  • 3.6.3. Zum werkgeschichtlichen Hintergrund: Blondels „Panchristisme“
  • 3.6.4. Tradition als Wirkungsgeschichte Christi
  • 3.6.4.1. Tradition und Eucharistie
  • 3.6.4.2. Tradition und göttliches Persongeheimnis Jesu
  • 3.6.4.3. Tradition und Leib Christi
  • 3.6.5. Hermeneutik der Tradition als „théologie expérimentale“
  • 4. Schlussbemerkungen
  • Anmerkungen
  • Anmerkungen: Forschungs- und Literaturbericht
  • Anmerkungen: Erster Teil
  • Anmerkungen: Zweiter Teil
  • Anmerkungen: Dritter Teil
  • Literaturverzeichnis
  • Zur Zitierweise
  • Abkürzungen
  • A. Werke Maurice Blondels
  • B. Sonstige Literatur

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Vorwort

Angesichts zahlreicher gewichtiger Neuerscheinungen innerhalb der internationalen Blondel- und Modernismusforschung der letzten Jahre erschien es sinnvoll, eine weitere, zu diesem Themenbereich schon vorliegende Arbeit daraufhin abzustimmen. Neben einem fortdauernden Interesse an der Sache war es ferner auch der Umstand, dass es in der deutschsprachigen Literatur nach wie vor nur wenige einschlägige Monographien gibt, der schließlich eine Veröffentlichung veranlasste. Für die jetzt vorliegende Untersuchung wurde natürlich dem aktuellen Forschungsstand Rechnung getragen. Strukturell und den inhaltlichen Schwerpunkten nach blieb aber die Übereinstimmung mit einer Dissertation, die im Wintersemester 1977/78 vom Fachbereich Katholische Theologie der Universität Münster angenommen und mit einem Preis bedacht worden war (Sie ist in Pflichtexemplarform zugänglich). Es erfolgte jedoch eine durchgehende textliche Überarbeitung sowie eine Erweiterung um zahlreiche Abschnitte und Exkurse und einen ausführlicheren Anmerkungsteil.

Sicher ist es auch an dieser Stelle noch einmal gestattet, herzlichen Dank nach verschiedenen Seiten hin zu sagen. Mehr als es Fußnoten ausdrücken können bin ich meinen Lehrern Prof. Dr. Peter Hünermann, Tübingen, und Prof. Dr. Karl Rahner (†) Dank schuldig. Auf viel Verständnis und Geduld für meine Arbeit stieß ich stets bei Herrn Prof. Dr. Hermann Josef Pottmeyer, Bochum, dessen Assistent ich nun schon seit vielen Jahren sein darf. Ungezählte Hinweise und Anregungen verdanke ich Herrn Prof. Dr. Hansjürgen Verweyen, jetzt Freiburg. Ebenso wurde mir hilfreicher Rat von den Herren Prof. Dr. Peter Henrici, Rom, und Claude Troisfontaines, Löwen, zuteil. Von den vielen Freunden und Gönnern, die schon seit Studienzeiten mit intellektuellem und menschlichem Interesse meinen Weg begleitet haben, möchte ich besonders Frau Dr. Wiltrud Pauli, Köln, meinen herzlichen Dank sagen. Desgleichen gilt mein Dank Frau Dr. Annie Kraus, Münster, Frau Dr. Margot Wiegels, Osnabrück sowie Herrn Prof. Dr. Matthias Eichinger, St. Pölten.

Bochum, Herbst 1984

Gerhard Larcher

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Zur zweiten Auflage

Das vorliegende Buch erscheint, von Druckfehlerbereinigungen abgesehen, im wesentlichen unverändert in zweiter Auflage. Wie das Leserinteresse zeigt, ist die Aktualität der Thematik auch 50 Jahre nach Beginn des II. Vatikanum noch gegeben. Mein besonderer Dank für das Gelingen der Neuausgabe gilt Frau Andrea Schreiner für die Texterfassung und Frau Gudrun Rausch, MA, für die Korrektur der Druckfahnen.

Graz, im Jänner 2014

Gerhard Larcher

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Einführung

Die Geschichte der Auseinandersetzung von Kirche und Theologie mit dem Geist der Neuzeit und der Aufklärung ist unabgeschlossen und selbst im 20. Jahrhundert nicht hinreichend überschaubar. Immerhin gibt es aber einige wichtige Aufbruchsphasen in der neueren Theologiegeschichte seit der Jahrhundertwende, die Beurteilungskriterien zumindest im Blick auf die eigene Gegenwart an die Hand geben können; so etwa die Neuansätze seit Maréchal und Rahner, die Nouvelle Théologie, das Vatikanum II, die Politische Theologie oder die Theologie der Befreiung. Mit ihnen stehen Themen und Aufgabenstellungen, die langfristig gewachsen sind, aber weithin nicht gesehen oder verdrängt wurden, plötzlich zur Diskussion an und bestimmen von da an wie unverzichtbare Wegmarken die weitere Marschrichtung mit. Eine Ausnahme scheint hier nur jene Eruption von Neuerungen zu machen, die als Modernismuskrise zu Beginn des Jahrhunderts in die Kirchen und Theologiegeschichte eingegangen ist. Obwohl es sich mit ihrer Genese zunächst scheinbar ähnlich verhält – auch sie ist Reflex einer weitreichenden, komplexen Vorgeschichte – besteht ein entscheidender Unterschied. Trotz ihres vehementen Aufbruchs wurden nämlich ihre Impulse alsbald jäh gestoppt, bzw. in einem lange währenden Klima der Anfeindungen zum Schweigen gebracht. Dies führte dazu, dass der Modernismusstreit heute – mehr als 70 Jahre nach seiner Verurteilung – tatsächlich wie eine „voreiszeitliche Kontroverse“ (Loisy) hinter uns zu liegen scheint, an die nur noch polemisch-plakative Schlagworte erinnern. Ohne die kirchenpolitisch und theologisch guten Gründe, die damals eine Bereinigung der Situation und Klärung der Fronten nahelegten, in Abrede zu stellen, muss angesichts dieser Tatsache doch gefragt werden, ob nicht in der Folgezeit zahlreiche Probleme nur verdrängt wurden und so für eine wirklich konstruktive Aufarbeitung verloren gingen. Blieben nicht manche Themen über lange Zeit so sehr tabuisiert oder nur hinterrücks bestimmend, dass sich auch die neuere Theologie zu manchen Sachfragen um wertvolle Richtwerte und Kriterien brachte, die für ihren Weg und ihre Standortbestimmung innerhalb der Geschichte der Theologie seit dem Vatikanum I wichtig gewesen wären? Hätte es nicht, wie häufig auch bei Themen aus der Theologiegeschichte des 19. Jahrhunderts – und die Modernismuskrise reicht mit ihren Wurzeln in dieses Jahrhundert zurück – sein können, dass scheinbar fremd gewordene Lösungsversuche, sofern man nur die Sachfragen wiederentdeckt, auf die sie in ihrem Ursprung antworten wollten, eine überraschende Tragweite und Aktualität enthüllen?← 11 | 12 →

Dass eine solche nötige theologiegeschichtliche Selbstverständigung zur Modernismuskrise über wichtige Voraussetzungen und vielleicht übersehene Möglichkeiten der eigenen theologischen Gegenwart noch immer nicht hinreichend geleistet ist, trifft nun vor allem für einige apologetische Grundfragen der damaligen Diskussion um die „question biblique“ zu. Die vorliegende Arbeit intendiert deshalb einen kleinen Anteil zu einer solchen umfassenden Kriteriensuche für die eigene theologische Gegenwart beizutragen. Sie greift als theologiegeschichtliche Untersuchung in systematischer Absicht den klassischen Konflikt zwischen katholischer Kirche und modernem Wissenschafts- und Geschichtsbewusstsein an genau der Stelle auf, an der seine Grundproblematik besonders dringlich zum Ausdruck kam, nämlich in der Frage der geschichtlichen Vermittlung von Dogma, Glaubensleben und kritischer Methode. Damit ist nicht an eine materiale Problemgeschichte biblischer Exegese, kirchlicher Historiographie oder Dogmenentwicklungstheorie innerhalb dieses Zeitabschnittes gedacht. Es geht vielmehr um das fundamentale Problem der Genese neuer Denkraster für jene Disziplinen überhaupt, die auch eine sich wandelnde theologische Erkenntnis- und Methodeneinstellung zu tragen beginnen. Programmatisch lässt sich dieser Paradigmenwechsel wie folgt umreißen: Revision theologischer Methoden ausgehend von einer Rezeption moderner Transzendentalphilosophie, konsequente Anwendung historischer Kritik auf Schrift und Dogmengeschichte, Revision der gängigen Traktate scholastischer Apologetik und Prinzipienlehre (besonders Offenbarung, Glaube, Tradition) im Sinne einer hermeneutischen Wende ihrer objektivistischen Argumentation. Indem die vorliegende Untersuchung in den Mittelpunkt ihres Interesses den lehramtlich nie verurteilten Religionsphilosophen und Apologeten Maurice Blondel, den Exegeten und sogenannten „Vater“ des katholischen Modernismus Alfred Loisy sowie den biblisch-historisch und philosophisch gebildeten Sympathisanten beider, Baron Friedrich von Hügel, stellt, umgreift sie die verschiedenen komplementären Aspekte der bezeichneten Thematik. Leitfaden der Durchführung bleibt aber vorrangig die Position Blondels und seine Historismuskritik. Von ihr her wird versucht, das Phänomen des Modernismus als Historismus auf seine epochentypischen Aporien und auf grundlegende, von Blondels gesamtem philosophisch-theologischem Ansatz aus ermöglichte Lösungsrichtungen hin neu zu lesen.

Der erste Teil trägt im Besonderen der gedoppelten, historisch-systematischen Anlage der Arbeit Rechnung. Er erläutert, in sachlicher Anlehnung an Blondels Historismuskritik die leitende Arbeitshypothese und steckt den Rahmen der theologischen Zeitgeschichte ab. Dabei versucht er schon im theologiegeschichtlichen Befund systematische Problemanzeigen für den geschichtstheoretisch-theologischen ← 12 | 13 → Hauptteil drei aufzuspüren. Dies geschieht am Beispiel konkreter Einzelpositionen (Harnack, Sabatier, Loisy, von Hügel), die für den Aufgang des Modernismusstreites entweder als sachliche Voraussetzung oder unmittelbare Auslöser der Krise bedeutsam wurden. Die den beiden katholischen Positionen vorangestellten liberalprotestantischen Ansätze stehen für Spielarten eines theologischen Historismus, der zum Verständnis des Modernismus, auch als spezifisch katholischem Phänomen, äußerst relevant ist. Zugleich können sie die Breite des überkonfessionellen und überregionalen Zeithorizontes historistischen Denkens bezeichnen, das – außer aus dem szientistischen Klima des 19. Jahrhunderts – vor allem auch aus dem liberalen Protestantismus in die katholische Theologie eindringt.

Die historische Auswahl entspricht nach Zeitraum und Umfang der heuristischen Grundannahme der vorliegenden Studie, die entscheidende Epochenschwelle ‚Modernismus‘ einmal in jener Phase zu untersuchen, wo sie z.T. noch unabhängig von den späteren lehramtlichen Verurteilungen und überhitzten Polemiken allein von der Sache her im Stande sein konnte, Ansätze zu einer klärenden und weiterführenden apologetischen Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen historistischen Denkformen erkennen zu lassen. Natürlich ist uns das hermeneutische Problem eines faktisch geschichtlich wirkmächtig gewordenen Vorverständnisses von ‚Modernismus‘ (einschließlich seiner lehramtlichen Implikationen) bewusst. Wir versuchen dies methodisch im Auge zu behalten, wollen aber aus arbeitstechnischen Gründen in dieser Untersuchung als theologiegeschichtlicher den ganzen Komplex der lehramtlichen Maßnahmen und der Entwicklung nach 1906 ausklammern. Außerdem beschränken wir uns exemplarisch auf die französische Szene -freilich nicht ohne die übergreifende strukturelle Bewusstseinsveränderung zu berücksichtigen.

Beachtet der erste Teil vornehmlich die sachliche Vorgeschichte und das weitere Umfeld der Krise in Form einer Typologie theologischer Historismen, so setzt der zweite Teil auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung selbst konkret eine Sonde an und beleuchtet die historische Genese von Blondels Historismuskritik sowie deren weitere Entfaltung anhand der Diskussion nach Veröffentlichung von „L’Evangile et l’Eglise“. Dabei wird eingehend Blondels Entwicklung von „L’Action“ (1893) und der „Lettre“ (1896) über frühe unveröffentlichte apologetische Notizen bis hin zu den Korrespondenzen mit Wehrlé, Loisy und von Hügel sowie der nachfolgenden öffentlichen Stellungnahme in „Histoire et Dogme“ (1904) und den anschließenden Kontroversen verfolgt. (Nicht eigens thematisieren können wir in diesem Zusammenhang Blondels apologetische Kontroversen mit diversen neuscholastischen Kontrahenten sowie seine etwas späteren Auseinandersetzungen mit Eduard Le Roy.). In diesem Teil geht es sozusagen um den ← 13 | 14 → engeren historischen Entdeckungszusammenhang für die Sachprobleme des dritten Teiles. Obwohl die historisch-systematischen Themen dieses zweiten Teiles in Zusammenfassungen, Skizzen oder historischen Abhandlungen der Modernismus- und Blondelliteratur sonst z.T. schon mitbehandelt wurden, sind sie doch, was unsere thematische Leserichtung anlangt, besonders im deutschen Sprachraum noch nicht erschöpfend genug dargestellt und diskutiert (vgl. Forschungsbericht).

Im dritten Teil schließlich werden, ausgehend von den Problemvorgaben aus Teil eins und den unter Teil zwei erarbeiteten historismuskritischen Aspekten, einige für die Theologie besonders relevante geschichtstheoretische Grundfragen (Wissenschaftskritik, Verhältnis von historischer Vernunft und Glaube, Traditionsbegriff) im größeren werkgeschichtlichen Kontext bei Blondel behandelt. Das Spektrum des hierfür in Anspruch genommenen Schrifttums Blondels umfasst den weiteren Umkreis der Modernismuskrise; vor allem aber stellt Blondels frühes Meisterwerk „L’Action“ den wichtigsten Perspektivpunkt. Dieser Teil – er bildet den eigentlichen Hauptteil der Arbeit – und die nachfolgenden Schlussbemerkungen thematisieren die im Titel der Untersuchung angekündigten Ansätze zu einer Überwindung des Modernismus als Historismus in wissenschaftstheoretischer, hermeneutischer und theologischer Hinsicht. Sie zeigen, dass eine isolierte Betrachtung von Blondels öffentlichen Stellungnahmen zum Modernismusstreit ohne deren (religions)philosophischen und fundamentaltheologischen Hintergrund (wie häufig in der Literatur) dem Gewicht seiner Gedanken und Anregungen nicht gerecht wird.

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Forschungs- und Literaturbericht

Was wir in den einleitenden Bemerkungen zur Eingrenzung und Gliederung der Arbeit und zur Bedeutung unserer Themenstellung grundsätzlich gesagt haben, bedarf einer Präzisierung durch einen Blick auf den gegenwärtigen Forschungsstand im Lichte der wichtigsten Literatur der letzten 15–20 Jahre. Dabei wollen wir uns streng auf den Themenbereich ‚Blondel und der Modernismusstreit‘ beschränken. Ein eigener Literaturbericht zur Modernismusliteratur, unabhängig von Blondels Intervention bzw. zur Beschäftigung mit Blondel außerhalb seiner Stellungnahmen zum Modernismusstreit, ist von uns nicht intendiert (1). Es ist nun nicht zu übersehen, dass bereits einiges zur Aufarbeitung jener Schlüsselepoche moderner Theologie geleistet worden ist. Manches wurde zeitgeschichtlich, biographisch-werkgeschichtlich oder auch schon unter gezielt systematischen Leitfragen behandelt. Eine weitere Arbeit zu diesem Themenkomplex hat daher ihre Berechtigung darzutun.

Bei einem Blick auf die Forschungslage fällt nun auf, dass unser leitender Gesichtspunkt des geschichtlichen Vermittlungsproblems in jenem weiten Sinne, in dem er die Themen Methodenkritik, Hermeneutik und Traditionstheorie umfasst, zwar häufig mitthematisiert wird, aber noch kaum die volle, ihm gebührende Aufmerksamkeit erfahren hat. Bevor wir jedoch auf verschiedene neuere Einzelmonographien und Beiträge zu sprechen kommen, haben wir kurz auf drei einschlägige Arbeiten hinzuweisen, die scheinbar doch vollinhaltlich mit der von uns genannten Aufgabenstellung konvergieren (2). Es handelt sich um drei Titel, die vor unserem Betrachtungszeitraum liegen, nämlich um G. Martini, Cattolicesimo et storicismo (3), L. da Veiga Coutinho, Tradition et histoire dans la controverse moderniste (1898–1910) (4) sowie E. Poulat, Histoire, dogme et critique dans la crise moderniste (5).

G. Martinis umfangreiche und magistrale Arbeit reklamiert zwar von vorneherein eine umfassendere Arbeitsperspektive und einen weiteren Zeitraum (von Möhler bis zur Nouvelle Théologie) als unsere Untersuchung, berührt aber natürlich das in ihr zu entwickelnde Anliegen – sowohl hinsichtlich der Positionen Loisys und Blondels als auch hinsichtlich des im Titel anklingenden Reflexionshorizontes insgesamt. M.s sehr ausgewogene, um Objektivität bemühte Vorgeschichte und Geschichte des Geschichtsproblems in der katholischen Theologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bietet Problemgeschichte am Beispiel locker aneinander gereihter, bedeutender Einzelpositionen (Möhler, Newman, Tyrrell, Loisy, ← 15 | 16 → Blondel, Nouvelle Théologie), ohne aber eine erschöpfende „Dynastiengeschichte“ (6) aufgrund exakter historischer Belege zu intendieren. M. setzt eher eine allgemein-geistesgeschichtliche Problemkontinuität voraus, die durch ein Abwägen der ihm zugänglichen Sekundärliteratur (ausführlicher bibliographischer Anhang mit Erläuterungen!) an Konsistenz gewinnt. Im Detail muss freilich bei M. noch manches – besonders im Hinblick auf eine genauere Situierung der Intervention Blondels in den Modernismusstreit – offenbleiben, da ihm außer den Dokumentationen und Darstellungen bei Loisy, Houtin, Sabatier, Petre, Rivière und Vidler noch keine unveröffentlichten Materialien, etwa aus dem Nachlass Loisys oder Blondels zugänglich sein konnten (7). Trotz dieser objektiven Schwierigkeiten sind Programm und Durchführung von M.s Arbeit wertvoll, da sie als eine der ersten den sogenannten ‚Modernismus‘ nicht als isoliertes kirchen- und theologiegeschichtliches Phänomen, sondern im weiteren Horizont eines „Durchbruchs des geschichtlichen Denkens im 19. Jahrhundert“ (Hünermann) überhaupt mitbehandelt. Obwohl wir versuchen werden, an diese Vorarbeit anzuknüpfen, ist der Anspruch unserer Arbeit historisch wie systematisch doch etwas anders gelagert. So wird sie in historischer Hinsicht zwar bescheidener im Umfang, aber (bezogen auf den Modernismus) ausführlicher im Detail sein. Systematisch sehen wir das Erfordernis, die einzelnen Problemstellungen deutlicher zu konturieren; so zu den Themenkomplexen ‚Historie und Wissenschaftskritik‘, ‚Glaube und geschichtliche Vernunft‘ ‚Kontinuität und Identität im geschichtlichen Wandel‘ (Traditionsbegriff). Schließlich sollen diese Themenfelder nicht allein in der Perspektive eines, bei M. doch wohl eher innerkatholisch verstandenen, globalen „storicismo“ erörtert, sondern auch im Blick auf das generelle Phänomen des Historismus der Jahrhundertwende (besonders in der protestantischen Theologie) zu sehen versucht werden. Loisy, von Hügel, vor allem aber Blondel werden als Figuren einer möglichen katholischen Auseinandersetzung mit jenem Historismus zu diskutieren sein. Hierbei soll Blondels Beitrag mehr als dies bei M. geschieht, von seinen ausführlichen Korrespondenzen und seinen Denkvoraussetzungen in „L’Action“ her vertieft werden.

Als eine weitere Untersuchung, deren Titel und Ausrichtung Konvergenzen mit unserem Arbeitsprojekt vermuten lassen, ist die 1954 in Rom erschienene (Gregoriana) Dissertation von L. da Veiga Coutinho zu berücksichtigen. Für diese Arbeit mussten hinsichtlich der Einbeziehung veröffentlichter und unveröffentlichter Quellen natürlich ähnliche objektive Schwierigkeiten bestehen wie für die G. Martinis. Der Verfasser beschränkt sich wohl auch deshalb auf eine selektive Literaturschau über den Zeitraum von 1898–1910 zum Thema „tradition et histoire“ als theologischem Methodenproblem (8). Der hauptsächliche Ertrag ← 16 | 17 → dieser Arbeit besteht dementsprechend in einer relativ umfangreichen Bestandsaufnahme der einschlägigen Beiträge modernistischer, schultheologischer und lehramtlicher Art im genannten Zeitraum, ohne ersichtliche Konzentration auf eine bestimmte Position – mit Ausnahme vielleicht der Loisys und Tyrrells sowie natürlich der den ganzen dritten Teil des Buches einnehmenden Darstellung der „doctrine du Magistère“ (9). Bei der jeweiligen Bewertung der einzelnen Theologen – der Autor schreibt unter dem Eindruck der Enzyklika ‚Humani Generis‘ und der Bulle ‚Munificentissimus Deus‘ (1950) – lehnt sich da V.C. ziemlich eng an einen schulmäßigen Traditionsbegriff und die einschlägigen lehramtlichen Verurteilungen bzw. Weisungen an. Hier liegen bei allem Respekt vor den offiziellen Lehrentscheidungen als einem wesentlichen Richtwert theologischer Arbeit die Grenzen dieser Dissertation. Denn unter solchem Blickwinkel scheint da V.C. allzuschnell dahin zu kommen, z.B. schon den frühen Loisy als von „le plus pur rationalisme“ gezeichnet zu sehen (10), den Modernismus insgesamt mit seinen so unterschiedlichen Tendenzen pauschal als „hydre venimeuse“ abzutun (11) und schließlich den sich abzeichnenden epochalen Schub in der theologischen Methoden- und Prinzipiendiskussion mittels schulmäßiger Distinktionen innerhalb des bestehenden Erkenntnisrasters ungewollt zu verharmlosen.

Im einzelnen sehen wir bei aller Anerkennung, besonders der Darstellung des schuldogmatischen Reflexionsstandes unmittelbar vor und nach Ausbruch der Krise, sowie vor und nach den offiziellen Reaktionen vor allem folgende gravierende Mängel bzw., positiv gewendet, folgende Desiderate für weiterführende Arbeiten: Berücksichtigung des größeren theologie- und geistesgeschichtlichen Kontextes für die spezifische Umbruchsituation, die der Modernismus bedeutet; Ausweitung des Methodenproblems im Rahmen des Verhältnisses von ‚Tradition und Historie‘ auf geschichtstheoretische Grundsatzüberlegungen, die theologisches Verstehen insgesamt und nicht nur ein verkürztes Schema von Tradition betreffen; dazu Einarbeitung, nicht Isolierung der Funktion des Lehramtes in eine komplexe, theologische Kriteriologie; objektivere Einschätzung der apologetischen Ansätze Loisys in seiner Auseinandersetzung mit der liberalen Theologie und dem wissenschaftstheoretischen Milieu seiner Zeit; tiefgreifendere Berücksichtigung von Blondels Beitrag für eine erneuerte Apologetik und seiner philosophischen Denkvoraussetzungen für eine adäquatere Bestimmung des Traditionsbegriffes. Vor allem in diesem letzten Punkt lässt da V.C.s Arbeit sehr viel zu wünschen übrig. Trotz relativ wohlwollender Würdigung Blondels, wo dieser sich verbal mit den scholastischen Theologen zu treffen scheint, bemisst der Verfasser ihn doch nur an zu äußerlichen Kriterien. Schließlich verwendet der Autor nur ganze zwei Zeilen (!), um auf den philosophischen Hintergrund von Blondels theologischer Stellungnahme einzugehen (12).← 17 | 18 →

Ebenso wie für eine ausgewogene Beurteilung von da V.C.s Arbeit Zeit und Ort ihres Entstehens berücksichtigt werden müssen, sind auch für ein Verständnis der methodisch gewiss gänzlich anders orientierten und inhaltlich detaillierter durchgeführten Untersuchung E. Poulats bestimmte Grundannahmen in Rechnung zu stellen. So deutet schon der Titel „Histoire, dogme et critique (…)“ eine umfassendere Sicht der Probleme an als dies bei da Veiga Coutinho der Fall ist. P.s Analysen lassen sich nicht nur auf das – für uns wichtige – theologische und philosophische Problem hin lesen, wie reale Erfahrung von Geschichte, normative Glaubenssätze und historische Kritik zusammenhängen bzw. in Spannung zueinander stehen, sondern auch aus der Perspektive dreier verschiedener Untersuchungsebenen überhaupt verstehen. P. unterscheidet diese selbst 1. „als das theologische Problem der Dogmenentwicklung“, 2. „als das historische Problem der Ausbildung von Lehrsystemen“, und 3. „als das psycho-soziologische Problem der Transformation religiöser Glaubensüberzeugungen“ (13). Von der hauptsächlich lehramtlich-dogmatisch geleiteten Reflexionshaltung da Veiga Coutinhos ist P. bei seiner Erörterung des Geschichtsproblems natürlich meilenweit entfernt. Er begibt sich freilich in eine gegenteilig gefährliche Arbeitsperspektive, wenn er in distanzierter, wissenssoziologischer Forschungseinstellung ein umfangreiches Arrangement von Text- und Situationsanalysen entwickelt, aber das Problem des Bewusstseinswandels, der sich darin tatsächlich vollzieht, systematisch wohl noch nicht ausreichend reflektiert. P. will in der Selbstbescheidung des Historikers es vermutlich seinen Analysen im synchronen Querschnitt zwischen 1902 und 1904 überlassen, für sich zu sprechen. Deshalb konnte gesagt werden, bei seiner Untersuchung handele es sich gleichsam um die „Nahaufnahme“ (Aubert/Hulshof) einer Bewusstseinstransformation ohne Anspruch, strukturelle, spezifisch geschichtlich-genetische Verstehenszusammenhänge zu entwickeln. Ideologiekritik erwächst nur mittelbar aus den Stichproben ins schier unerschöpfliche Materialfeld rund um die Hauptachse Loisy und (zumindest im VI. Teil) wohl auch Blondel. Schon vom Ansatz her wird kaum ein eigener explizit systematischer Anspruch eines Philosophen oder Theologen sichtbar. Zwar scheint in den Analysen des minutiösen Berichterstatters eine Präferenz für Loisy gegen Blondel durch. Allein, P. muss es sich von seinen Prämissen her verbieten, im Hinblick auf die skizzierten Positionen die Wahrheitsfrage zu stellen. Die im Titel enthaltenen Leitperspektiven dürfen als Problemsonden zur Sichtung und Aufbereitung des historischen Materials und der Sachfragen relativ unverbunden nebeneinander stehen. Genau hier, bei diesen, sich vom methodischen Zugang her ergebenden Aporien wird trotz aller Hochachtung vor der immensen Leistung P.s unsere theologiegeschichtlichsystematische Forschungsintention ansetzen. Aufbauend auf ← 18 | 19 → der großen Materialienanalyse P.s erlauben wir uns unter der Arbeitsperspektive „Modernismus als theologischer Historismus“ die genannten Problemtitel in ihrem wissenschaftstheoretischen und theologischen Kontext weiterzuverfolgen und auf ihre systematischen Implikationen hin exemplarisch zu vertiefen; und zwar anhand der repräsentativen, von P. eher unterschätzten Position M. Blondels.

Im folgenden berücksichtigen wir (ohne Anspruch auf letzte Vollständigkeit) einige weitere, besonders repräsentative und wichtige Arbeiten in regionaler und chronologischer Reihenfolge, die in den Umkreis unserer thematischen Leitperspektiven fallen; unter diesen jedoch, neben einigen französischen Titeln, hauptsächlich solche, die im englisch- und deutschsprachigen Forschungsbereich seit der eben besprochenen grundlegenden Arbeit E. Poulats erschienen sind (14).

Was R. Aubert 1966 und J. Hulshof 1973 kritisch zu E. Poulats Standardwerk gesagt haben (15), dass es nämlich seinen Gegenstand zu wenig genetisch in seiner problemgeschichtlichen Verankerung berücksichtige, schien, offenkundig auch unabhängig von diesem Urteil, in den auf Poulat folgenden französischen Arbeiten seit 1965 bemerkt und zum Teil berücksichtigt worden zu sein. Innerhalb von zwei Jahren wurden drei Arbeiten unter einer werkgeschichtlich-genetischen Perspektive erstellt. Nachdem C. Troisfontaines 1965 eine thematisch am Leitfaden der Christologie orientierte (noch unveröffentlichte) Untersuchung zum Frühwerk M. Blondels durchgeführt (16) und F. Rode seine, im selben Jahr erschienene Arbeit zu „le miracle dans la controverse moderniste“ hauptsächlich an Blondels Stellung zu dieser Problematik chronologisch ausgerichtet hatte (17), folgte 1966 R. Saint-Jean mit einer, recht lockeren Schrittes durchmessenen, wenn auch reichhaltig dokumentierten Entwicklungsgeschichte der Blondelschen Apologetik in den Jahren von 1893 bis 1913 (18), die, obgleich nur sehr kurz, Blondels Verwicklung in den Modernismusstreit berührt. Zusammen mit diesen schon etwas zurückliegenden französischen Monographien müssen einschlägige Aufsätze von Gouhier, Nédoncelle, Poulat, De Lavalette und Virgoulay genannt werden (19). Besonders die Beiträge von Virgoulay und Nédoncelle zum Traditionsbegriff in „Histoire et Dogme“ stellen eine gute Analyse der grundlegenden Struktur dieser Schrift dar, von der aus kritisch weitergearbeitet werden kann.

Tatsächlich – so stellte sich nach Abschluss unseres Dissertationsmanuskriptes heraus – hat R. Virgoulay auch weitergearbeitet. Sein Buch unter dem Titel „Blondel et le modernisme. La Philosophie de l’action et les sciences religieuses (1896–1913)“ erschien 1980. Wir haben versucht, dieser gewiss verdienstvollen Aufarbeitung von Blondels Verwicklung in die Modernismuskrise (einschließlich ihrer apologetischen und sozialpolitischen Debatten) in unserer jetzt vorliegenden Untersuchung Rechnung zu tragen. Es zeigt sich allerdings, dass V.s Studie trotz ← 19 | 20 → einer großen historischen und sachlichen Nähe zu unserer Arbeit, von einer etwas unspezifischeren Fragerichtung geleitet ist. So gehören zu ihren Themenbereichen auch die Kontroversen um die „Lettre“, Blondels diverse apologetische Beiträge, seine Haltung zu den lehramtlichen Dekreten, sowie seine Stellungnahme zur „controverse sociale“. Nur ein Teil der Arbeit bezieht sich auf unsere Themenstellung (20). Darin ist es besonders die Debatte Blondels mit Abbé Venard die V.s Interpretation der hermeneutischen Originalität Blondels angeregt hat. Wir können seiner Auffassung von der reziprok vermittelnden hermeneutischen Kraft der Tradition zwischen historischer Kritik und Glaube, zwischen Faktum und Bedeutung von unserer Arbeit her nur beipflichten. Hierin ist eine ganze geschichtliche Verstehenslehre eingeschlossen, deren wissenschaftskritische, ontologische und theologische Implikationen weiter zu entfalten wir uns vorgenommen haben. Anerkennenswert ist in V.s Buch ferner die Hervorhebung einiger origineller Gesichtspunkte zum „Panchristisme“ Blondels (vgl. Chap. X). Kritisch darf allerdings angemerkt werden, dass deutsch- oder englischsprachige Beiträge zum Modernismus bzw. zu Blondel nur sehr peripher einbezogen werden.

Details

Seiten
443
Jahr
2014
ISBN (PDF)
9783653039801
ISBN (ePUB)
9783653997989
ISBN (MOBI)
9783653997972
ISBN (Hardcover)
9783631624845
DOI
10.3726/978-3-653-03980-1
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Mai)
Schlagworte
theologischer Historismus Modernismus Traditionsbegriff
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 443 S.

Biographische Angaben

Gerhard Larcher (Autor:in)

Gerhard Larcher wurde 1946 in Innsbruck geboren. Von 1967 bis 1974 studierte er Katholische Theologie und Philosophie in Münster und Löwen (Belgien); 1974 Lizentiat der Theologie; 1978 Promotion an der Universität Münster. Von 1974 bis 1985 war er als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie an der Universität Bochum beschäftigt. Von 1985 bis 1989 war der Autor als Dozent an der Akademie des Bistums Essen tätig. Seit 1990 ist er o. Univ.-Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.

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Titel: Modernismus als theologischer Historismus