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Von Memel bis Allenstein

Die heutigen Bewohner des ehemaligen Ostpreußens: Memelland, Kaliningrader Gebiet, Ermland und Masuren - 2 Teile

von Andrzej Sakson (Autor)
Monographie 1168 Seiten

Inhaltsverzeichnis


Einführung

Die wechselhafte Geschichte Ostpreußens ist auf dem Alten Kontinent ohnegleichen. Hier lebten verschiedene prußische Stämme, an die sich kaum noch jemand erinnert. Das Eintreffen des Ordens der Brüder vom Deutschen Haus Sankt Mariens in Jerusalem (auch Deutscher Orden genannt) zu Beginn des 13. Jahrhunderts bildete den Auftakt zu siebenhundert Jahren deutschen Einflusses und deutscher Herrschaft.

Das historische Ermland war Teil der polnischen Adelsrepublik (Rzeczpospolita), das Herzogtum Preußen ein Lehen der polnischen Könige. Die Region war von Multikulturalität geprägt. Einheimische, d. h. preußische Einflüsse kreuzten sich hier mit deutschen, polnischen und litauischen. Hier fanden aber auch Salzburger, Niederländer, Schotten, Franzosen, Juden und Russen Zuflucht und ihre neue Heimat. Königsberg war die Provinzhauptstadt und das wichtigste Zentrum des Protestantismus während der Reformation. In der Universitätsstadt Königsberg wurde die Bibel nicht nur auf Deutsch gedruckt, sondern es erschienen auch polnische, litauische und preußische (prußische) Ausgaben. Das katholische Ermland war ein geistiges und kulturelles Zentrum mit einer Ausstrahlungskraft, die weit über die Grenzen der Provinz hinaus reichte.

Im Laufe der Zeit fühlten sich die Bewohner dieser Gegend immer mehr als deutsche, polnische oder litauische Preußen. Allmählich begann man, sie Ostpreußen, Ermländer oder Memelländer zu nennen. Hier wurde auch ein Kampf um die nationale Identität der Bevölkerung ausgetragen. Deutsche, Polen und Litauer erwarteten von ihren jeweiligen hier alteingesessenen Landsleuten, dass sie ihre Bindung zum Herkunftsland pflegen und zur Trumpfkarte bei entscheidenden historischen Ereignissen werden würden.

Im Ergebnis des Ersten Weltkriegs wurde das nördliche Gebiet dieser Provinz 1923 als Memelland dem litauischen Staat angeschlossen. Der Zweiten Polnischen Republik fiel 1920 ein masurischer Landstrich, das Soldauer Gebiet, zu. Eine der Folgen des Zweiten Weltkriegs war die völlige Umgestaltung der bisherigen Ordnung. Die Niederlage des Dritten Reiches bedingte eine weitere – diesmal endgültige – Teilung Ostpreußens. Aktuell gehört diese historische Region drei Staaten an: Litauen (Memelland), Russland (Kaliningrader Gebiet) und Polen (Ermland und Masuren). Es ist einzigartig in der neuzeitlichen Geschichte Europas, dass ein Staat, der jahrhundertelang als Souverän agierte, hier völlig beseitigt und das Gebiet Ostpreußens drei anderen Ländern einverleibt wurde.

Wie die Bewohner Ostpreußens in der Zwischenkriegszeit von Deutschland durch den sog. „polnischen Korridor“ getrennt waren, so müssen nun die Einwohner des Kaliningrader Gebiets drei Grenzen passieren, um nach Russland zu ge ← 9 | 10 → langen: die zu Litauen und Weißrussland. In Moskau werden – wie einst in Berlin – Stimmen laut, die nach der Einrichtung eines „exterritorialen Korridors“ rufen.

In ihren Analysen konzentriert sich diese Studie vorrangig auf den Versuch, den Verlauf sozialer, politischer und wirtschaftlicher Prozesse zu skizzieren, die sich in dieser Region nach 1945 vollzogen haben und immer noch vollziehen. Um aber diese Phänomene richtig zu verstehen, erwies es sich als unabdingbar, einen Blick auf die Vergangenheit zu werfen. Eine Schlüsselbedeutung hatten dabei die nationenbildenden Prozesse des ausgehenden 19. Jahrhunderts und die Ereignisse in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete den Untergang Ostpreußens als selbständige Provinz und Teil Deutschlands. Hier kam es zu einem in der Geschichte bisher ungekannten Bevölkerungsaustausch. Die enormen Kriegsverluste, Evakuierungen, die Flucht und die spätere Aussiedlung der deutschen Bevölkerung veränderten die soziale Struktur dieser Region ganz und gar. Diese Gebiete wurden nun durch neue Bewohner, Litauer, Russen und Polen, besiedelt. Unter ihnen waren solche, die aus freien Stücken hierher fanden, aber es gab auch viele, die – durch ein historisches Schicksal gezeichnet – alles andere als freiwillig kamen (z.B. die Bewohner der ehemaligen polnischen Ostgebiete oder die im Rahmen der Aktion Weichsel deportierten Ukrainer).

Die früheren Bewohner verließen ihre Heimat unter Zwang oder sie hatten – wie dies bei den Masuren, Ermländern oder Preußisch-Litauern der Fall war – in der Zwangssituation dennoch eine gewisse Wahlmöglichkeit. Die Neuangekommenen schlugen in der neuen Heimat nur mit Mühe Wurzeln. Es mussten viele Jahre vergehen, ehe sie sich hier „heimisch“ fühlten. Die heutigen postmigrativen Gesellschaften, die in den drei Teilen des ehemaligen Ostpreußens leben, weisen viele Ähnlichkeiten auf. Wie vor 1945 hat diese Region auch weiterhin peripheren Charakter, mit allen Folgen. Eindrücklichstes Beispiel dafür ist die Tatsache, dass das Kaliningrader Gebiet zu einer Exklave der Russischen Föderation geworden ist. Obwohl es zu ihr gehört, ist es dennoch Hunderte Kilometer entfernt.

Ähnlich wie vor Jahrhunderten ist dieses Gebiet multikulturell geprägt. Neben alteingesessenen Bewohnern machen Neuankömmlinge, die verschiedene Nationalitäten repräsentieren, mit ihrem unterschiedlichen kulturellen Hintergrund die Mehrheit aus. Sie haben eine einmalige Gemeinschaft entwickelt, die von der Eigenart dieser Region zeugt.

Die vorliegende Studie vollendet ein Triptychon zu Schicksalen der Bewohner dieses Winkels von Europa. 1990 erschien eine Monographie zu nur einer Bevölkerungsgruppe des ehemaligen Ostpreußens. Sie trug den Titel: Mazurzyspołeczność pogranicza [Die Masuren. Eine Grenzlandgesellschaft]. Eine weitere Arbeit, Stosunki narodowościowe na Warmii i Mazurach 1945-1997 [Nationalitätenverhältnisse in Ermland und Masuren 1945-1997] (1998), präsentierte ← 10 | 11 → das Schicksal der gesamten Bevölkerung des südlichen Ostpreußens, d. h. der Gebiete, die nach 1945 dem polnischen Staat zugefallen waren. Das Anliegen des Verfassers dieser Arbeit ist es, die Schicksale der heutigen Bewohner des gesamten ehemaligen Ostpreußens, d. h. des Memellandes, des Kaliningrader Gebiets sowie Ermlands und Masurens, zu schildern. Mein Geburtsort (Elbląg/Elbing), die Tatsache, dass ich in den Jahren 1977-1986 in Olsztyn (Allenstein) wohnte und arbeitete und hier meine beiden Töchter geboren wurden, zeugen davon, dass dies für mich ein „herzlich vertrauter Boden“ (M. Zientara-Malewska) ist.

Das Hauptmaterial für die Analysen lieferten eigene soziologische Untersuchungen an mehreren Orten in Ermland und Masuren (ab 1982) sowie im Kaliningrader Gebiet und der Region Klaipeda (nach 1994). Zahlreiche Gespräche, Interviews, direkte und mittelbare Beobachtungen sowie quantitative Untersuchungen wurden um Archivrecherchen und die Auswertung von amtlichen Unterlagen, Erinnerungen, Sachliteratur, Presse und Websites ergänzt.

Der Vergangenheit Ostpreußens vor 1945 sind die drei ersten Kapitel gewidmet. Im ersten Kapitel werden die Geschichte der prußischen Bevölkerung dargestellt, die einzelnen geschichtlichen Perioden charakterisiert und die Schicksale verschiedener Bevölkerungsgruppen geschildert. Ein besonderer Fokus galt dabei der Zwischenkriegszeit (Kapitel 2) und den Jahren des Zweiten Weltkriegs (Kapitel 3).

Das vierte Kapitel stellt die spezifischen Gegebenheiten unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dar. Aussiedlung der deutschen Bevölkerung und Zuwanderung neuer Bewohner sind die wichtigsten Bestandteile des damaligen Aufeinanderprallens der Kulturen. Das folgende fünfte Kapitel setzt sich mit der Dynamik des sozialen, politischen, wirtschaftlichen und nationalen Wandels zur Zeit des real existierenden Sozialismus auseinander.

Im sechsten Kapitel werden die gesellschaftlichen Prozesse nach 1990 und ihre Folgen gezeigt. Im siebenten Kapitel präsentiere ich die neue Selbsteinschätzung der heutigen Bewohner im Lichte meiner eigenen empirischen Untersuchungen. Viel Platz wurde der Charakteristik der drei regionalen Stadtzentren Klaipeda (Memel), Kaliningrad (Königsberg) und Olsztyn (Allenstein) eingeräumt. Den Abschluss bilden Ausführungen über das Verhältnis zum historischen und kulturellen Erbe der Region.

Bei den Feldforschungen war die Unterstützung, die mir von Dr. Silva Pocytė von der Universität Klaipeda, Dr. Aleksandr Sologubow von der Universität Kaliningrad und Dr. Teresa Astramowicz-Leyk von der Universität Olsztyn zuteil wurde, von großer Bedeutung. An dieser Stelle möchte ich ihnen meinen besonderen Dank für das mir entgegengebrachte Wohlwollen aussprechen.

Andrzej Sakson
Poznań, im Oktober 2010

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Kapitel I

Vom Prußenland zu Ostpreußen

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Die Geschichte des Landstrichs zwischen der unteren Weichsel und der unteren Memel, zwischen Masowien und der Ostsee, die zunächst als Preußen und ab Ende des 18. Jahrhunderts als Ostpreußen bezeichnet wurde, lässt sich generell in drei Perioden einteilen: die prußische Zeit (vor der Niederlassung des Deutschen Ordens) bis zum 13. Jahrhundert, die siebenhundertjährige Herrschaft des Ordens und Deutschlands, die im Jahr 1945 zu Ende ging, und die bis heute andauernde polnisch-russisch(sowjetisch)-litauische Periode.

1.   Die Prußen

Der Name Preußen, lateinisch Borussia bzw. Prussia, wird unzertrennlich mit den prußischen Stämmen assoziiert, die in der Neuzeit als rechtmäßige (autochthone) Bewohner dieses Teils Europas galten. Man nimmt an, dass dieses Volk erstmals im neunten Jahrhundert vom Bayerischen Geographen in einer Stammesliste als Bruzi erwähnt wird. Im 10. Jahrhundert erscheint in dem Dokument „Dagome iudex“ der Name Prußen in lateinischer Form als Pruzze1.

Im frühen Mittelalter wurden die heidnischen Völker, die die Ostseegebiete östlich der Weichsel bewohnten, als Prußen bezeichnet. Dabei wurden allerdings so unterschiedliche Formen gebraucht wie Brudzi, Pruzi, Pruzzi, Prussi, Prisci, Prusci, Pruteni, Prutheni2. Die Etymologie der Bezeichnung Preußen bleibt bis heute ungeklärt3. Ab dem 13. Jahrhundert setzte sich der Name Prußen durch und war im Mittelalter, darunter besonders bei Polen4 und Deutschen5, stark verwurzelt. ← 15 | 16 →

Wie der Eigenname der Prußen ungeklärt ist, so ist auch die Herkunft dieser Volksgruppe vage. Nach übereinstimmender Meinung stammen die ersten menschlichen Spuren in „prußischem Gebiet“ aus der Zeit zwischen dem vierzehnten und dem achten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung6. Eine der Hypothesen zur Herkunft der Prußen setzt einen gewissen Autochthonismus der Ostseevölker (Balten), die an der Ostsee bereits in der frühen Bronzezeit sesshaft wurden, voraus. Eine andere geht hingegen davon aus, dass die Prußen erst im 6.-7. Jahrhundert v. u. Z. aus den Gebieten der mittleren Rus an die Ostseeküste gekommen seien7. Es wird auch angenommen, dass die prußische Sprache zu den litauisch-lettischen Sprachen innerhalb der großen indoeuropäischen Sprachfamilie gehört8.

Die prußischen Völker haben kein eigenes Staatswesen entwickelt. Sie besaßen auch weder eine zentrale noch eine stammesübergreifende Gewalt. Ihre politische Ordnung zeichnete sich durch eine starke Zersplitterung aus. Die Prußen bildeten kleine territoriale Einheiten, die einige Dutzend Familien umfassten und als lauks bezeichnet wurden.9

Laut Peter von Duisburg, dem Chronisten des Prußenlandes aus dem 14. Jahrhundert und Verfasser des Chronicon terrae Prussiae, gliederte sich das Gebiet der preußischen Stämme zu Beginn des 13. Jahrhunderts in folgende historische Landschaften: Pomesanien, Warmien, Samland, Sassen, Galinden, Sudauen, Pogesanien, Natangen, Barten, Nadrauen und Schalauen10.

Die Prußen lebten in zahlreichen Wallburgen und hatten eine eigene Kultur, Bräuche und Sitten11. Auf dem prußischen Territorium einschließlich des Kulmerlandes lebten vor der Eroberung durch den Deutschen Orden etwa 220 000 ← 16 | 17 → Menschen12. Eine der ersten Versuche, die prußischen Völker zu christianisieren, war die missglückte Mission des hl. Adalbert von 997, die mit seinem Märtyrertod in der Gegend des Frischen Haffs endete. Auch eine weitere Mission des hl. Bruno von Querfurt endete mit dessen Tod um das Jahr 1009. Bis zur Ankunft des Deutschen Ordens blieben die Prußen ganz überwiegend heidnisch (das Christentum nahmen sie im Kulmerland um 1216 durch die Bemühungen des Bischofs Christian an)13. ← 17 | 18 →


1      In diesem Dokument lesen wir: „Pruzzo usque in locum, quo dicidur Russe“ (Prußen bis zu dem Ort, der Rus genannt wird). H. Łowmiański, Studia nad dziejami Słowiańszczyzny, Polski i Rusi w wiekach średnich, Poznań 1986, S. 309.

2      Auf Deutsch wurden sie als Prüssen bzw. Prüzin bezeichnet. In späterer Zeit: Altpreussen bzw. Altprussen. In Litauen verwendete man die Bezeichnung Prūsas, in der Rus – Prusi, Prussy. Ł. Okulicz-Kozaryn, Dzieje Prusów, Wrocław 1997, S. 9 f.

3      Ebenda.

4      Seit dem Mittelalter waren auf Polnisch Namen gebräuchlich wie Prusy (Prußen/Preußen), Prusy Zakonne (Ordensland Preußen), Prusy Królewskie (Königliches Preußen), Prusy Książęce (Herzogliches Preußen), Księstwo Pruskie (Herzogtum Preußen), Królestwo Pruskie (Königreich Preußen) oder auch Prusy Zachodnie (Westpreußen) bzw. Prusy Wschodnie (Ostpreußen). Auf Polnisch wird zwischen den Prusy, d. h. den Prußen als alteingesessenen Bewohnern, und den Prusaki, d. h. deutschen Preußen, unterschieden. Ebenda, S. 10 f.

5      Auf Deutsch wird zwischen Preußen und Prußen bzw. Preußisch und Prußisch unterschieden. Der erste Begriff umfasst Deutsche und deren Gebiete, der zweite dagegen die Prußen und deren von Deutschrittern eroberten Territorien. Ebenda.

6      J. Okulicz, Osadnictwo ziem pruskich od czasów najdawniejszych do XIII wieku, in: Dzieje Warmii i Mazur w zarysie, Bd. 1, Warszawa 1981, S. 11.

7      G. Białuński, Stan badań historycznych nad dziejami Prusów po 1945 r., „Pruthenia“ Bd. 1, 2006, S. 41 f. Vgl. auch: W. Nowakowski, Korzenie Prusów. Stan i możliwości badań nad dziejami plemion bałtyjskich w starożytności i początkach średniowiecza, „Pruthenia“ Bd. 1, 2006, S. 11-40. Dort auch weiterführende Literatur.

8      J. Okulicz-Kozaryn, Dzieje Prusów…, S. 26 f.

9      Vgl. S. Drej, Święta Warmia, Olsztyn 2007, S. 11 f.

10    A. Kossert, Masuren.Ostpreußens vergessener Süden, Berlin ³2002, S. 23. In der Zeit vor der Eroberung durch den Deutschen Orden unterscheidet Henryk Łowmiański folgende Landschaften: Pomesanien, Pogesanien, Ermland, Barten, Sudauen, Nadrauen, Samland, Schalauen und die Galinder Wildnis (Puszcza Galindska), nach: J. Okulicz-Kozaryn, Dzieje Prusów…, S. 272. Eine andere Einteilung: Pomesanien, Sassenland und Galinder Wldnis, Jatwingen, Pogesanien, Ermland, Barten, Natangen, Samland, Nadrauen und Schalauen. Vgl. E. Kruk, Warmia i Mazury, Wrocław 2003, S. 11.

11    Vgl. Pruskie baby kamienne. Fenomen kulturowy czy europejska codzienność? pod red. J. M. Łapo, G. Białuńskiego, Olsztyn 2007.

12    Vgl. H. Boockmann, Ostpreußen und Westpreußen, Berlin 1992; W. Görlitz, Die Prußen. Die alten Bewohner Ostpreußens. Geschichte, Kultur und Verschmelzung mit den Deutschen, Hamburg 1980; K. Gerber, Vom alten Preußenland, 1200 bis 1400. Natur, Kultur, Geschichte, Groß-Umstadt 1987; H. Łowmiański, Prusy pogańskie, Toruń 1935.

13    Vgl. S. Achremczyk, Historia Warmii i Mazur. Od pradziejów do 1945 roku, Olsztyn 1992. Die Geschichte der Prußen ruft auch breiteres Interesse hervor. Vgl. R. Geremek, Pruska pamięć. Prusowie – dawni mieszkańcy Warmii i Mazur nie byli dzikusami, „Newsweek“, Ausgabe vom 7.12.2008, S. 68 f.

2.   Der Staat des Deutschen Ordens und der brandenburgischen Kurfürsten

Gegen die Prußen haben Bolesław I. Chrobry (der Tapfere) und seine Nachfolger gekämpft, insbesondere im Grenzgebiet zwischen Masowien und dem Kulmerland. Diese Kriege veranlassten den polnischen Herzog Konrad (auch Konrad von Masowien genannt) dazu, den Orden der Brüder vom Deutschen Haus Sankt Mariens in Jerusalem, der in Polen als Kreuzorden bzw. Kreuzritter bezeichnet wird, in den Jahren 1226-1228 einzuladen und ins Land zu holen14. Zur Hauptaufgabe des Ordens wurden die Eroberung und die Christianisierung prußischer Stämme15. Kraft der sog. Goldenen Bulle von Rimini aus dem Jahr 1226 sicherte Kaiser Friedrich II. dem Orden die Landeshoheit über das Gebiet der Prußen zu. Eine Bestätigung dieser Verleihung erhielt der Orden von Papst Gregor IX. aufgrund des gefälschten Vertrages von Kruschwitz (ca. 1234), in dem Konrad von Masowien angeblich auf die künftigen Eroberungen im Prußenland verzichtete16.

Die Deutschritter nahmen das teilweise von den Prußen beherrschte Kulmerland in ihren Besitz. Ab 1230 (nach der Teilnahme am Vierten Kreuzzug) begann der Orden mit der Eroberung prußischer Gebiete. Zugleich wurden Wall- und Wehrburgen errichtet: Kulm, Thorn und Marienwerder (1233), Elbing (1237), Memel (1252), Königsberg (1255), Braunsberg (1284) oder später Heilsberg (1308), Frauenburg und Soldau (1310) sowie Allenstein (1353). Sie entstanden meistens an der Stelle früherer prußischer Siedlungen. Da die Prußen über kein eigenes Staatsgebilde verfügten, gaben sie in den Jahren 1230-1283 der Übermacht der Ordensritter nach. Trotz der Unterjochung zettelten die Prußen immer wieder Aufstände gegen den Orden an, so 1242 und in den Jahren 1260-1274. Nach der endgültigen Bezwingung der Prußen in den Kämpfen gegen Nadrauen, Schalauen und Sudauen im Jahr 1283 schritt der Deutsche Orden mit Einwilligung des Papstes Innozenz IV. zur Etablierung eines Ordensstaats an der Ostsee, der sich dann dreihundert Jahre lang ← 18 | 19 → behaupten sollte. Vermutlich waren die Prußen zu Beginn des 14. Jahrhunderts die dominierende Bevölkerungsgruppe und zählten knapp 120 000 Personen. Damals lebten dort etwa 15 000 Deutsche.17 Seine Dominanz erzwang der Orden mit aller Härte durch „Schwert und Eisen“. Die Mehrheit der prußischen Bevölkerung wurde unterjocht. Die prußische Sprache wurde bekämpft; 1308 zum Beispiel verbot ein Erlass bei Geldstrafe, die prußische und litauische Sprache zu sprechen. Im Ordensstaat galt für Juden und Zigeuner das Aufenthaltsverbot18.

Zur Festigung der Macht des Ordensstaats dienten die Eroberung Pommerellens in den Jahren 1308-1309 und der Bau einer riesigen Burg in Marienburg, die zum neuen Sitz des Hochmeisters wurde. Bis dahin hatte sich der Hauptsitz des Ordens in Venedig befunden. Die Herrschaft des Hochmeisters Winrich von Kniprode (1351-1382) markiert die Blütezeit der Ordensmacht. Damals wurden neue Städte nach magdeburgischem Recht gegründet. Es kam zu einer starken deutschen und polnischen Kolonisation aus dem Kulmerland und Masowien, die anfänglich bis nach Osterode, Ortelsburg und Rhein vordrang, um im 17. Jahrhundert Rastenburg, Angerburg, Goldap und Mohrungen zu erreichen. Die litauische Kolonisation geht auf das ausgehende 13. Jahrhundert zurück. In der Mitte des 16. Jahrhunderts erreichte sie Memel, Tilsit, Insterburg. Dieses Gebiet wurde als Preußisch-Litauen bezeichnet. Die dynamische administrative und materielle Entwicklung trug zur zivilisatorischen Blüte der Region bei. Im Mittelalter war dies einer der mächtigsten und am besten organisierten Staaten in Europa. Es wurden Pläne einer weiteren militärischen Expansion geschmiedet: Zusammen mit dem Schwertbrüderorden sollten Litauen und Schamaiten erobert werden. Der Ordensstaat wurde von nun an als Preußen (Prutinenses, Pruteni) bezeichnet. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts teilte er sich in acht Komtureien mit Sitz in Osterode, Christburg, Elbing, Balga, Brandenburg, Königsberg, Ragnit und Memel19.

Die Eroberung Pommerellens zog einen bewaffneten Konflikt mit dem Königreich Polen nach sich. Dies geschah bereits unter der Herrschaft des Königs Władysław Łokietek (Wladislaw I. Ellenlang). Die Gefahr, die vom Deutschen Orden ausging, war auch einer der Gründe für den Abschluss der polnisch-litauischen Union von Krewo im Jahr 1385. Ein Ergebnis dieser Union war die friedliche Christianisierung Litauens. Der litauische Großfürst Jagiełło wurde 1386, nachdem er getauft worden war und die polnische Königin Hedwig (Jadwiga) geheiratet hatte, zum König von Polen gekrönt. Daraufhin brachen innere Machtkämpfe in Wilna aus, in deren Folge Schamaiten an den Deutschen Orden ← 19 | 20 → fiel; später wurden Versuche unternommen, dieses Gebiet zurückzuerobern. Auch die territorialen Auseinandersetzungen des Ordens mit Polen wurden an der ganzen Grenzlinie heftiger. Die endgültige Entscheidung des Konflikts brachte die Schlacht bei Tannenberg im Jahr 1410, die mit dem Sieg Polens und Litauens endete. Durch die Niederlage des Ordens schwanden allmählich seine Macht und Bedeutung auf preußischem Gebiet.

Auf Ersuchen des Preußischen Bundes schloss der polnische König Kasimir IV. (Kazimierz Jagiellończyk) im Jahr 1454 ganz Preußen der polnischen Krone an. Diese Einverleibung führte zum Dreizehnjährigen Krieg und wurde mit dem Zweiten Frieden von Thorn 1466 beendet. An Polen fielen die Gebiete des sog. Königlichen Preußens, d. h. Pommerellen mit Danzig, Marienburg, Elbing und Thorn, sowie Ermlands als Fürstbistum. Die 32 000 km2 großen Ostgebiete des Ordensstaates, Deutschordensland genannt, wurden zum Lehen der polnischen Krone. Polen erkannte zugleich die Oberhoheit des Papstes über diese Gebiete an. 1467 wurde der Hauptsitz des Hochmeisters nach Königsberg verlegt20. Die Thorner Verträge führten nicht zur Beilegung des Konflikts und der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen dem Orden und Polen. 1521 wurde in Thorn ein Waffenstillstand vereinbart und 1525 in Krakau ein Friedensvertrag unterzeichnet. Im gleichen Jahr trat der letzte Hochmeister Albrecht von Hohenzollern zum Luthertum über und leistete als nunmehr weltlicher Herzog in Preußen den Lehnseid; diese Belehnung ist in Polen als Preußische Huldigung bekannt. Seitdem wird dieses Gebiet als Herzogtum Preußen bezeichnet. Es war der erste protestantische Staat in Europa. Das zu Polen gehörende Ermland und das gesamte Preußen Königlichen Anteils blieben katholisch. Das Herzogtum Preußen wurde ein erbliches Lehen Albrechts und seiner männlichen Nachkommen. Herzog Albrecht war ein großer Unterstützer und Beschützer preußischer und europäischer Reformatoren. 1544 gründete er in Königsberg eine lutherische Universität. Nach Königsberg kamen zahlreiche Studenten aus Polen, Livland, Deutschland und Litauen. Im 16. Jahrhundert wurden hier mehr Bücher auf Polnisch gedruckt als in Krakau. Bibeln, Gesangbücher und andere Drucke erschienen auch in litauischer, prußischer und deutscher Sprache, unter anderem Werke von Jan Seklucjan, Simon Dach, Zbigniew Morsztyn oder auch die bekannten masurischen Gesangbücher von Jerzy Wasiański (Georg Wasianski) oder litauische Schriften von Kristijonas Donelaitis, der als der Begründer der litauischen Dichtung gilt. An der Albertina studierten auch spätere Gelehrte vom Range eines Immanuel Kant (1724-1804) oder Johann Gottfried Herder (1744-1803)21. ← 20 | 21 →

Preußen war zur Zeit der Ordensherrschaft das Ziel immer wiederkehrender Kolonisationswellen aus verschiedenen Regionen des Reiches. Damit ging die bereits erwähnte Einwanderung der polnischen und litauischen Bevölkerung einher. Während der Gegenreformation in zahlreichen europäischen Staaten flüchteten verfolgte Lutheraner aus Salzburg, die sog. Salzburger Exulanten, und Mennoniten aus den Niederlanden ins protestantische Herzogtum Preußen. Die letzteren lassen sich hauptsächlich im Bereich der Frischen Nehrung nieder. Somit wird das Herzogtum Preußen zu einem Vielvölkerstaat. Neben Deutschen lebten hier friedlich miteinander polnische Preußen, Preußisch-Litauer und „Andersgläubige“ aus verschiedenen Regionen Europas, unter anderem aus Schottland, dem heutigen Österreich, Frankreich (Hugenotten) und den Niederlanden. Später ließen sich auch Altgläubige, die in Russland Verfolgungen ausgesetzt waren, nieder.

Nach Jahrhunderten der Einflussnahme durch deutsche, polnische und litauische Kolonisten kam den Prußen ihre eigenständige Stammesidentität allmählich abhanden. Sie übernahmen und assimilierten fremde Kulturmuster (Brauchtum und Sprachen). In der Folge verschwand das Prußische (eine der letzten „Inseln“ dieser Sprache hielt sich noch bis in das 18. Jahrhundert hinein in der Gegend um Bischofsburg in Ermland). Am längsten überdauerte die prußische Sprache im Samland. Der Verlust der prußischen Eigenständigkeit wurde durch die Vereinheitlichung wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse der Bevölkerung des Preußenlandes begünstigt. Indem die Prußen ihre Eigenständigkeit verloren, gingen sie in der multinationalen Gesellschaft des Königlichen und Herzoglichen Preußens auf22. Von ihrem früheren Dasein zeugen unter anderem prußisches Wortgut ← 21 | 22 → unter den Provinzialismen des Deutschen in der masurischen Mundart, in Eigennamen sowie archäologische Ausgrabungen (der legendäre Hafen Truso) oder bis heute erhaltene Steinstelen (sog. prußische Baben)23.

Im Jahr 1563 willigt der polnische König Sigismund II. August als Lehnsherr des Herzogtums Preußen und Livlands, die sich nach der Niederlage des livländischen Teils des Deutschen Ordens im Krieg gegen Moskau 1561 Polen unterwerfen und dadurch säkularisiert werden, der Übernahme des Throns der preußischen Herzöge durch die brandenburgische Linie der Hohenzollern ein. Dazu kommt es nach dem Erlöschen der fränkisch-preußischen Linie im Jahr 1618. Eine Auswirkung der polnisch-schwedischen Kriege, in denen der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm die Partei Karl Gustavs ergriff, war der Abschluss der Verträge von Wehlau und Bromberg im Jahr 1657. Aufgrund dieser Verträge sicherte sich der brandenburgische Kurfürst die Oberhoheit in Preußen und schüttelte die Abhängigkeit des Herzogtums Preußen von Polen durch die Aufgabe des Lehensverhältnisses ab. Ein Sohn Friedrich Wilhelms, der brandenburgische Kurfürst Friedrich III., krönte sich 1701 im Königsberger Schloss feierlich zum „König in Preußen“ als Friedrich I.

Friedrich II., der 1740 an die Macht kam, begann einen erfolgreichen Krieg gegen Österreich, um sich anschließend in einen Konflikt einzulassen, der als Siebenjähriger Krieg (1756-1763) in die Geschichte eingehen sollte. Nachdem die russischen Truppen im August 1757 in der Schlacht bei Groß-Jägersdorf in der Gegend von Insterburg das preußische Korps geschlagen hatten, besetzten sie den östlichen Teil Preußens und verleibten ihn Russland ein. Die Besetzung Preußens (1758-1763), bei der alle Stände und das Heer der Zarin Elisabeth den Treueid leisteten24, ist für die heutigen russischen Bewohner des Kaliningrader Gebiets von essentieller Bedeutung. In zahlreichen Publikationen, bei historischen Feierlichkeiten, an Denkmälern usw. nehmen sie oftmals Bezug auf die „russische Herrschaft in Preußen“25. Eine ähnliche Funktion spielen bei den Litauern, beson ← 22 | 23 → ders im Memelland, die Aufstände prußischer Volksstämme gegen den Deutschen Orden, die durch die vorchristlichen litauischen Herrscher unterstützt wurden. Davon zeugen unter anderem Denkmäler prußischer Anführer, zum Beispiel für Herkus Monte, und nach ihnen benannte Straßen. In der polnischen Nationalmythologie haben die Schlacht bei Tannenberg und die Preußische Huldigung von 1525 diese Rolle übernommen.

Auf Initiative Friedrichs II. kam es 1772 zur ersten Teilung Polens. In der Folge fiel der nördliche und westliche Teil des Landes mit einer Fläche von 36 000 km2 Preußen zu. Preußen annektierte das Königliche Preußen, das seitdem als Westpreußen bezeichnet wurde. Das bisherige „Königreich in Preußen“ entwikelte sich mit dem Ermland (wo seit Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert alle Bischöfe Polen waren) und dem Herzogtum Preußen zu Ostpreußen. West- und Ostpreußen bildeten das eigentliche Königreich Preußen. Die Besitztümer des Bischofs von Ermland und des Domkapitels, welches dem Papst und dem polnischen König unterstand, wurden säkularisiert; die Herrschaft über die Bewohner des Ermlands übernahm der preußische König. Die weiteren Teilungen Polens (1793 und 1795) bestärkten die preußische Herrschaft in diesem Teil Europas. Seit 1793 teilte sich Westpreußen in die Regierungsbezirke Danzig und Marienwerder.

Auf die Niederlage Preußens im Krieg gegen Napoleon (Schlacht bei Jena im Jahre 1806) und die Befreiung Polens durch französische Truppen folgte die Besatzung Ostpreußens26. In der napoleonischen Zeit wurde eine Reihe sozialer Reformen durchgesetzt (u. a. Abschaffung der Leibeigenschaft, Erlass der Befreiungsedikte, Beginn der Judenemanzipation, Reform des Schulwesens usw.). Nach der Niederlage des napoleonischen Heeres und dem Wiener Kongress (1815) wurden weitere Verwaltungsreformen in Angriff genommen. Die Provinz Ostpreußen wurde in zwei Regierungsbezirke, Königsberg und Gumbinnen, sowie in 37 Kreise geteilt. In den Jahren 1824-1878 wurden Ost- und Westpreußen zur Provinz Preußen zusammengelegt; der Sitz der Verwaltungsbehörden war Königsberg. 1878 wurde die Provinz erneut in Ost- und Westpreußen geteilt. Im Jahr 1905 wurden aus dem südlichen Teil Ostpreußens neun Kreise ausgegliedert und im neuen Regierungsbezirk Allenstein (neben den Regierungsbezirken Königsberg und Gumbinnen) zusammengefasst. 1817 zählte Ostpreußen insgesamt 886 000 Einwohner27. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzt sich für die Region, in ← 23 | 24 → der protestantische polnische Preußen leben, die Bezeichnung Masuren (Mazury) durch; das katholische Ermland wird „Polnisches Ermland“ (Polska Warmia) genannt. Die polnischen Bewohner dieser Gebiete werden mit der Zeit als Masuren und Ermländer bezeichnet. Beide Regionen bestehen aus südlichen Kreisen Ostpreußens. Im nördlichen Teil der Provinz lebte eine geschlossene Gemeinschaft protestantischer Preußisch-Litauer28. Die deutsche Bevölkerung (überwiegend Protestanten) lebte in den übrigen Regionen Ostpreußens und war die dominierende Bevölkerungsgruppe in den Städten. ← 24 | 25 →


14    Der Ritterorden wurde 1190 im Heiligen Land gegründet und erlangte 1198 den Status der Spitalbrüder. 1211 wurde er nach Siebenbürgen in Ungarn für den Kampf gegen die Kumanen berufen. 1225 wurde der Orden wegen seiner Bestrebungen, ein eigenes Staatswesen zu begründen, gezwungen, das Königreich Ungarn zu verlassen. Vgl. K. Górski, Studia i szkice z dziejów państwa krzyżackiego, Olsztyn 1996.

15    Ähnliche Ziele verfolgte der seit 1201-1202 in Livland ansässige Schwertbrüderorden. 1243 gründete der päpstliche Legat Wilhelm von Modena kraft einer Papstbulle neben der bereits bestehenden Diözese Kujawien vier weitere: Kulmerland und – „quasi auf Vorrat“ – drei preußische: Pomesanien, Ermland und Samland. Vgl. S. Drej, Święta Warmia…, S. 27.

16    Vgl. M. Biskup, Polska a Zakon Krzyżacki w Prusach w początku XVI wieku, Olsztyn 1983.

17    Um die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert machten die Prußen immer noch die Hälfte der Bevölkerung aus. Vgl. J. Jasiński, Zarys historii Prus Wschodnich, in: Atlantyda Północy. Dawne Prusy Wschodnie w fotografii, Olsztyn 1993, S. 59.

18    Vgl. E. Kruk, Warmia i Mazury…, S. 17-19.

19    J. Jasiński, Zarys historii…, S. 59.

20    Vgl. Państwo zakonu krzyżackiego w Prusach. Władza i społeczeństwo, pod red. M. Biskupa, R. Czai, Warszawa 2008.

21    Vgl. J. Jasiński, Zarys historii…, S. 61, 63; A. Kossert, Ostpreußen. Geschichte und Mythos, München 2005, S. 51-70.

22    Anders verlief diese Entwicklung in Lettland und Estland, wo den einheimischen Baltenvölkern die fremde Kolonisierung ländlicher Gebiete erspart blieb, so dass sie ihre soziale, kulturelle und rechtliche Eigenart in Livland bewahrten. Vgl. J. Okulicz-Kozaryn, Dzieje Prusów …, S. 479-498; G. Białuński, Stan badań…, S. 73, 74. Dort auch weiterführende Literatur. Mit der Problematik der prußischen Völker befasst sich unter anderem Grzegorz Białuński, Mitbegründer der Arbeitsstelle für Preußische Geschichte (Pracownia Badań nad Dziejami Prus) und des Seminarium Prussicorum am Wojciech-Kętrzyński-Forschungszentrum (Ośrodek Badań Naukowych im. W. Kętrzyńskiego) in Olsztyn. Hauptaufgaben der Arbeitsstelle sind Ausarbeitung einer neuen Synthese der Geschichte der Prußen, Edition der Quellen zur Geschichte und Kultur baltischer Stämme, Durchführung des „Seminarium Prussicorum“ und Veranstaltung von Konferenzen („Colloquium Baltica“). Er ist Redakteur des vom Forschungszentrum und der Wissenschaftlichen Gesellschaft Pruthenia herausgegebenen Jahrbuchs Pruthenia. Pismo poświęcone Prusom i ludom bałtyjskim [Pruthenia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Prußen und der baltischen Völker], deren erste Ausgabe im Jahr 2006 erschien. Auf Initiative dieser Gesellschaft fand am 9.-15. August 2010 in Olsztynek (Hohenstein) ein Ostsee-Festival (Festiwal Bałtycki) statt, bei dem unter anderem Seminare für prußische Sprache veranstaltet wurden. An die Tradition Galindens als einer touristischen Sehenswürdigkeit knüpft Cezary Kubacki („Galindenführer Yzogus II.“) im masurischen Dorf Bartlewo (Barteln) am See Bełdany (Beldahn-See) an. Vgl. I. Trusewicz, Wiza do Galindii. Pomysł na biznes – kraina z wyobraźni wiejskiego lekarza stała się firmą turystyczną, „Rzeczpospolita“ vom 13.11.2006, S. 8. Forscher und Verbände, die sich mit der Problematik der verschwundenen prußischen Völker auseinandersetzen, sind auch in Litauen und Deutschland tätig.

23    Eine von mehreren Dutzend erhalten gebliebenen prußischen Stelen ist im Hof der früheren Deutschordensburg in Allenstein, wo heute das Museum für Ermland und Masuren beheimatet ist, ausgestellt.

24    Friedrich II. hielt den Treueid für einen Verrat an Preußen. Aus diesem Grund hat er diesen Teil seines Staates nie wieder besucht. Vgl. J. Jasiński, Historia Królewca, Olsztyn 1994, S. 124.

25    Vgl. z.B. W. Kulakow, Ot Wostocznoj Prussii do Kaliningradskoj obłasti. Istoriczeskij putiewoditiel, Kaliningrad 2002, S. 81-90.

26    Vgl. J. Jasiński, Wschodniopruskie kampanie Napoleona. Wielka Armia i Wojska Polskie w 1807 roku. Historia, tradycja, legendy, Olsztyn 2007; ders.: Napoleon w Olsztynie i okolicach (1807), Olsztyn 2003; Żołnierze polscy na Mazurach (1807), Olsztyn 2004.

27    Vgl. Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815-1945, Reihe A: Preußen, hrsg. von W. Hubatsch, Bd. 1: Ost- und Westpreußen, bearb. von D. Stüttgen, Marburg/Lahn 1975, S. XVIII-XIX; J. Jasiński, Zarys historii…, S. 65.

28    Vgl. E. Martuszewski, Koncepcja zgermanizowania Litwinów Pruskich opracowana i przyjęta do realizacji w latach 1802-1803, in: Komunikaty Mazursko-Warmińskie 1979, Nr. 4, S. 441-457; ders. Polscy i niepolscy prusacy. Szkice z historii Mazur i Warmii, Olsztyn 1974; B. Piotrowski, Mniejszość litewska w Prusach Wschodnich (do lat osiemdziesiątych XIX wieku), in: Lituano-Slavica Posnaniensia. Studia Historia Bd. IV, 1990, S. 39-64.

3.   Ostpreußen in den Grenzen des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918)

Der Sieg Preußens im Krieg gegen Frankreich in den Jahren 1870-1871 fiel auf den Höhepunkt der Macht des preußischen Staates; ihm waren Kriegserfolge gegen Dänemark (1864) und Österreich (1866) vorangegangen. Preußen wurden neue Gebietseroberungen (Elsass und Lothringen sowie Nordschleswig) einverleibt. Am 18. Januar 1871 wurde in Versailles unter Führung Preußens das Zweite Reich als gesamtnationaler Staat aller Deutschen ausgerufen. Wilhelm I., König von Preußen, wurde zum Erbkaiser des Deutschen Reiches mit der Hauptstadt Berlin. Das Deutsche Reich wie auch Preußen als dessen Teilstaat entwickelten sich zur europäischen Großmacht, deren Territorium sich von Nimmersatt nördlich von Memel bis nach Metz und Straßburg, von Schottburg in den Dänemark entrissenen Gebieten bis nach Kattowitz, von den Bayerischen Alpen bis nach Stralkowo bei Wreschen in Großpolen erstreckte.

Die große Kontribution, die vom besiegten Frankreich nach dem Krieg 1871 gezahlt wurde, und die intensive Industrialisierung und Urbanisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert waren die wichtigsten Faktoren, die zur wirtschaftlichen Entwicklung Ostpreußens, das damals als „deutsche Kolonie in Europa“ bezeichnet wurde, beitrugen. Für die Masuren, Ermländer und Preußisch-Litauer bedeutete dies auch von einem effizienten Staatsapparat geplante, systematisch und in großem Stil durchgeführte Germanisierungsmaßnahmen. Dazu dienten die aufgrund des sog. „Kulturnationalismus“ ergriffenen Schritte, die auf eine radikale Begrenzung des Unterrichts der jeweiligen Muttersprache (Litauisch bzw. Polnisch) zugunsten der Staatssprache (Deutsch) abzielten29. Im Ermland spielte der Kulturkampf (1871-1886) eine wichtige Rolle im Kampf gegen das polnische Element30. Zum Symbol dieses Kampfes gereichten die Marienerscheinungen von 1877; dabei soll die Gottesmutter in Dietrichswalde, einem kleinen Ort südlich von Allenstein, zu ermländischen Mädchen (Seherinnen) auf Polnisch gesprochen haben. Der Ort entwickelte sich zu einem rege besuchten Wallfahrtsort und einem ← 25 | 26 → wichtigen Zentrum für das Polentum31. Im Jahr 1878 wurde das Polnische aus den ostpreußischen Schulen gänzlich verbannt. Als Reaktion auf die antilitauische und antipolnische Politik, die vom „Eisernen Kanzler“, Otto von Bismarck, verkörpert wurde, entwickelten sich die Nationalbewegungen: die litauische im Memelland und die polnische vorwiegend im Polnischen Ermland. Symbol des Polentums wurden die 1886 gegründete „Gazeta Olsztyńska“, die im masurischen Lyck erscheinende „Gazeta Ludowa“ (1896-1902) sowie das Blatt „Mazur“ in Ortelsburg (1908-1914)32. Eine wichtige Rolle bei der Pflege des litauischen Elements spielte die in Memel ab 1901 erscheinende Zeitung „Lietuwiszka Ceitunga“ sowie „Auszra. Laikrasztis, iszleidziamas Lietuvos miletoju“, die ab 1883 publiziert wurde.33 Im Jahr 1896 wurde die Mazurska Partia Ludowa (Masurische Volkspartei) gegründet, die die erste politische Organisation masurischer Bauern war. Die staatlichen Bemühungen um eine Assimilation der Polen, Litauer, Masuren, Ermländer, Juden und anderer Nationalitäten auf der Grundlage des Deutschtums wurden ab Ende des 19. Jahrhunderts durch die allgemeine zivilisatorische Entwicklung und den wachsenden Wohlstand begünstigt.

Das Preußen des Ordens und der brandenburgischen Kurfürsten war ein Vielvölkerstaat, in dem verschiedene Nationen friedlich miteinander lebten. Kriege und zahlreiche Epidemien, als zum Beispiel in den Jahren 1709-1710 154 000 Menschen oder etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung der Provinz verhungert oder an verschiedenen Seuchen gestorben waren, führten dazu dass die Staatsbehörden an der Zuwanderung neuer Siedler aus Polen, Litauen und anderen Ländern interessiert waren. So kamen beispielsweise in den Jahren 1732-1734 17 000 protestantische Emigranten aus Salzburg und der Umgebung nach Ostpreußen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten hier auch etwa 1 000 Altgläubige (Philipponen) und mehr als 3 000 Juden34.

Neben der dominierenden deutschen Bevölkerung waren preußische Polen die zahlenmäßig zweitstärkste Gruppe. Unter ihnen haben sich wegen unterschiedlicher Religionen und historischer Schicksale zwei Gruppen herausgebildet, die ← 26 | 27 → zu den ethnischen Minderheiten zu zählen sind. Dies waren die protestantischen Masuren und die katholischen Ermländer.

3.1.   Masuren

Mehrere polnische Siedlungswellen in die nach der Unterwerfung der Prußenstämme durch den Deutschen Orden entvölkerten Gebiete ließen hier geschlossene Zentren polnischstämmiger Bevölkerung entstehen. Die polnische Kolonisation in Masuren, die sich parallel zur Einwanderung der deutschen Bevölkerung entwickelte, war keine staatliche Expansion, so dass das polnische Element unter der fremden, starken Macht des Deutschen Ordens stand und später (1525-1657) unter der Oberhoheit der preußischen Herzöge, die Lehnsmänner der polnischen Krone waren. Die Säkularisierung des Deutschen Ordens und die Annahme des Protestantismus durch die Mehrheit der damaligen Bewohner Preußens trugen zur allmählichen Abschottung der Masuren nicht nur gegen Polen, sondern auch gegen das katholische Ermland bei. Die polnische Bevölkerung, die jahrhundertelang unter preußischen Herrschern lebte, bildete in Masuren ein auf eigener Sprache und Erhalt eigener Sitten und Gebräuche beruhendes eigenständiges gesellschaftliches Bewusstsein aus.

Im 17. Jahrhundert bildeten die preußischen Polen immer noch eine geschlossene und dynamische Gruppe, die polnische Kolonisation setzte sich fort. Der Niedergang Polens und die Erlangung der Unabhängigkeit durch Preußen bedingten einen allmählichen Wandel der Rahmenbedingungen für das polnische Element. Die preußischen Masuren bildeten nunmehr eine geschlossene ethnische Gruppe nur im ländlichen Milieu. Der polnische Adel und das polnische Bürgertum übernahmen immer häufiger fremde Kulturmuster. Trotz dieser Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts behielten die Masuren ihre Eigenständigkeit bei. Preußen war ein Gebiet, auf dem unterschiedliche sprachliche, ethnische und nationale Gruppen sich berührten und zusammenlebten. Noch im 19. Jahrhundert verlief hier – oft unscharf – die polnisch-litauische, polnisch-deutsche und deutsch-litauische Sprachgrenze. Es gab mehrere Sprachinseln und in einzelnen Familien wurden manchmal mehrere Sprachen gesprochen. Masuren war ein besonderes sprachlich-ethnisches Grenzgebiet, im Laufe der Jahrhunderte hervorgegangen aus sich überlagernden Kolonisationswellen mit unterschiedlicher Reichweite, Ausprägung und Intensität.

Die Masuren lebten jahrhundertelang in ihrer eigenen Welt, einem gesonderten geistigen Klima, in dem sie sich unter dem organisierten und systematischen Assimilationsdruck immer mehr gegen die Außenwelt abschotteten. Aus der deutschen oder deutsch geprägten Umwelt wurden verschiedene Lebens- oder Wirtschaftsführungsmuster u.Ä. mehr oder weniger bewusst übernommen, die ← 27 | 28 → wichtigsten Werte wie Brauchtum, Religion, Sprache, Schrifttum wurden aber gerade durch die Herausbildung eines separaten masurischen Milieus geschützt, das imstande war, seine eigene – unabhängige und der deutschen Außenwelt entgegengesetzte – Meinung zu entwickeln. Lange Zeit bildeten die Masuren eine Randgruppe sowohl im preußischen Staat als auch in polnischen Überlegungen zur Volkszugehörigkeit35.

Der Erhalt und die Entwicklung der masurischen Gruppenidentität war trotz der fortschreitenden Assimilation an das Deutschtum auf mehreren einander bedingenden und durchdringenden Ebenen (Kultur und Sprache, Religionszugehörigkeit, Wirtschaft und Weltanschauung) möglich36.

Die Bezeichnung der polnischen Bevölkerung in den südlichen Kreisen des ehemaligen Ostpreußens als Masuren geht auf den Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Noch unter der Herrschaft Friedrich Wilhelms IV. (1840-1861) wurden die Bewohner Preußens als polnische, litauische, deutsche oder französische Preußen bezeichnet. „Masuren“ nannten sich selbst damals die Bewohner des polnischen Masowiens (die Masowier). Nach der dritten Teilung Polens im Jahr 1795 fiel das masowische Gebiet am Narew an Preußen und wurde zu Neuostpreußen. Die preußischen Behörden erkannten damals, dass die katholischen „Masuren“ in Masowien und Podlachien die gleiche Sprache sprachen wie die protestantischen „polnischen Preußen“, die in den sog. „polnischen Ämtern“, d. h. in „Polnisch-Preußen“ (Prussia Polonica) lebten. Daher nannte man die „polnischen Preußen“ zunächst in „preußische Masuren“ um, um es später nur bei der Bezeichnung „Masuren“ zu belassen. Anfänglich waren die „polnischen Preußen“ mit diesem neuen Eigennamen gar nicht einverstanden, denn sie sahen darin – nicht zu Unrecht – Anzeichen einer gewissen Boshaftigkeit. Der Name „Masuren“ als geographisch-ethnischer, nicht als administrativer Begriff begann nach der neuen Kreiseinteilung von 1818 die Oberhand zu gewinnen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war dieser Name schon ein fester Begriff37.

Die Hochburg des Masurentums bildeten jahrhundertelang lokale Gruppen auf dem Lande. Zu ihren besonderen Merkmalen gehörten – neben ihren geringen ← 28 | 29 → Dimensionen – die relative Abschottung gegen die Außenwelt, die weitgehende Autarkie sowie direkte persönliche Kontakte aller Gruppenmitglieder, beruhend auf Verwandtschaft und Nachbarschaft, oft unabhängig von der Sprache, die sie beherrschten. Weitere Merkmale, durch die sich diese Milieus auszeichneten, waren die beachtliche materielle, berufliche und ethnische Homogenität und – in der Regel – gemeinsame Traditionen, sittliche Normen, Religion und Brauchtum. Die lokale Kleingesellschaft (Dorf oder Kleinstadt) bildete in Masuren meist eine integrierte Einheit mit einer ausgeprägt informellen Struktur und unabhängig von der formellen Verwaltungsorganisation. Diese wiederum bestimmte die soziale Stellung des Einzelnen oder der jeweiligen Familie, wo ein einheitliches Wertesystem dominierte und die sozialen Bande durch Verwandtschaft und Nachbarschaft determiniert waren.

Eine bedeutende Rolle bei der Pflege der masurischen ethnischen Eigenart spielte die polnische Sprache, die bis 1871 in masurischen Dorfschulen unterrichtet wurde. Ein Ansatz der Germanisierungspolitik war unter anderem das Bestreben, die „masurische Sprache“ als eine vom Polnischen gesonderte Sprache zu definieren. Das Fehlen engerer Beziehungen zu den Polen jenseits der Grenze und eingeschränkte Kontakte zum katholischen Ermland hatten zur Folge, dass das von den Masuren gesprochene Polnisch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert zunehmend archaischer und für diese Sprachgemeinschaft kennzeichnend wurde. Es stützte sich in beachtlichem Maße auf die unter den Masuren verbreiteten Bibeln, Gesangbücher und andere religiöse Bücher, die meistens den Syntaxregeln der Zeit der Renaissance und des Barocks folgten. Charakteristisch für diese in ihrer Form edle und schöne Sprache war, dass sie hauptsächlich in den traditionell geprägten masurischen Lokalgesellschaften gesprochen wurde. In erster Linie war sie das Idiom masurischer Bauern und Arbeiter; stieg ein Masure sozial auf, sprach er entweder Deutsch oder die polnische Schriftsprache.

Die eigene Sprache der Masuren war der Hauptfaktor, der diese Gemeinschaft zusammenhielt. Dies galt insbesondere für die ländliche Bevölkerung fernab der Städte, wo zahlreiche Institutionen aktiv waren, die eine rasche Assimilation der masurischen Bevölkerung an das Deutschtum betrieben. Die Verbreitung des Polnischen anhand der deutschen Statistiken aus den Jahren 1890-1925 ist in Tabelle 1 dargestellt.

Ein weiteres wichtiges Element, das die Eigenart und das Selbstbewusstsein der Masuren bestärkte und wachhielt, war neben der polnischen Sprache38 der einmalige Typus der masurischen Religiosität. Sie beruhte auf eigenen, dem Luthertum entlehnten Religionsformen, unter anderem der Gromadkibewegung, deren Mitglieder am Kirchenleben teilnahmen, aber unabhängig davon ihren von Lai ← 29 | 30 → en, nicht von Priestern, geleiteten Versammlungen angehörten, den „Gromadki“ (Häuflein). Diese Bewegung entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts.39

Den bei weitem größten Anteil an der masurischen Bevölkerung machten die Kleinbauen aus, die oftmals ungeachtet großer Anbauflächen schlechte Böden bewirtschafteten; dieser Umstand sowie ihre vielköpfigen Familien zwangen sie dazu, sich nach anderen Erwerbsmöglichkeiten umzusehen. Eine beachtliche Zahl der Masuren gehörte zu den niedrigsten sozialen Schichten Ostpreußens. Sie arbeiteten in der Regel als Landarbeiter, Fischer, Handwerker, Kleinkaufleute oder städtische Arbeiter. Eine geringe Gruppe machten die Kleinbürger (in Bialla, Arys) aus. Die Masuren bekleideten auch niedere Funktionen in der Verwaltung, bei der Polizei als Boten, Dolmetscher, untere Kanzleibeamte, Polizisten oder bei der Eisenbahn als Arbeiter, Träger, Bahnwärter, Schaffner usw.

Tabelle 1     Sprachenstatistik in Masuren (Kreise: Osterode, Neidenburg, Ortelsburg, Johannisburg, Lyck, Lötzen, Sensburg und Marggrabowa) in den Jahren 1890-1925

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Quelle: Siehe W. Pohorecki, Mazurzy w Prusach Wschodnich, in: Sprawy Narodowościowe 1932, Nr. 2-3, S. 170, Tab. II.

Aufgrund des Konservatismus der masurischen Bevölkerung, der unter anderem in der Pflege des eigenen Brauchtums und der polnischen Sprache zutage trat, begann sich im 19. Jahrhundert ein negatives Stereotyp des Masuren herauszubilden. Genährt wurde dies auch durch die materielle Armut, das niedrige Niveau der Agrarkultur und das Analphabetentum sowie durch Alkoholismus und Kriminalität, die damals in Masuren weit verbreitet waren40.

Am augenfälligsten manifestierte sich dieses Stereotyp in der verbreiteten Redewendung: „Wo sich aufhört die Kultur, fängt sich zu leben an Masur“ bzw. „Wo sich anfängst das Masur, so sich aufhört den Kultur“). Die Syntax war absichtlich ← 31 | 32 → verstümmelt und falsch, was auf mangelnde Deutschkenntnisse der Masuren hinweisen sollte. Dieser verächtliche Ausspruch war unter den Deutschen allgemein gebräuchlich, die damit die kulturelle und zivilisatorische Minderwertigkeit der masurischen Bevölkerung zum Ausdruck brachten.

Die Masuren, die jahrhundertelang in ihrer eigenen kleinen Welt, einem gesonderten geistigen Klima lebten, reagierten auf nationenbildende Prozesse mit einem Widerstand, wie er dem rückschrittlichen Teil der ländlichen Bevölkerung eigen ist.

Unter den Masuren herrschte die Haltung eines nationalen Indifferentismus vor. Wojciech Kętrzyński, der aus Masuren stammte, fasste dieses Problem in seiner 1872 erschienenen Arbeit O Mazurach (Über die Masuren) folgendermaßen: „Obwohl der Masure es weiß und zugibt, dass er Polnisch spricht, wirst du doch selten aus seinem Munde hören, dass er Pole ist, sondern eher, er sei ein Preuße, denn die Polen mag er schon wegen der Religion nicht und bringt ihnen keine Sympathie entgegen. Damit diese Abneigung nichts an Stärke einbüßt, wird allerlei Einfluss genommen, über den zu reden sich erübrigt“.

Das Eigenleben der Masuren bewirkte, dass das Interesse Polens an dieser Volksgruppe recht gering war. Versuche, die Masuren politisch in das polnische Leben der Teilungsgebiete zu integrieren, wurden zwar schon relativ früh unternommen, doch systematische Maßnahmen diesbezüglich erst in den Jahren 1880-1885 ergriffen. Sporadische polnische Kampagnen um die Wende zum 20. Jahrhundert konnten nicht die gewünschten Ergebnisse zeitigen.

3.2.   Ermländer

Unter der Herrschaft des preußischen Königs Friedrich II. wurde den Bewohnern des Ermlands am 13. September 1772 verkündet, dass diese Gebiete nach 306 Jahren der Zugehörigkeit zum polnischen Staat nun in den Grenzen Preußens lagen. Dies war die Folge der ersten Teilung Polens. Der Bischof von Ermland, Ignacy Krasicki, musste zur Kenntnis nehmen, dass preußische Kommissare das Wappen der Hohenzollern-Monarchie an den öffentlichen Gebäuden in Frauenburg, Heilsberg, Braunsberg, Allenstein, Guttstadt, Wormditt, Mehlsack, Rößel, Wartenburg, Bischofsburg und anderen Städten Ermlands befestigten. Die polnische Bevölkerung, die im 16. Jahrhundert das südliche Ermland kolonisiert hatte, wurde für 176 Jahre zu Untertanen des preußischen und deutschen Staates. Im nördlichen Ermland lebten Deutsche. Ein Teil von ihnen hielt den Anschluss an Preußen für eine „historische Gerechtigkeit“. Die polnischen Ermländer wurden zur nationalen Minderheit unter den deutschsprachigen Bewohnern des Königreichs Preußen. ← 32 | 33 →

Die neuen Machthaber begannen unverzüglich mit der Integrierung des Fürstbistums Ermland in den preußischen Staat. An Stelle der zehn Kammerämter wurden zwei Kreise (Heilsberg und Braunsberg) gemäß der preußischen Gesetzgebung gebildet. 1818 wurde Ermland im Zuge der gesamtstaatlichen Verwaltungsreform in vier Kreise (Braunsberg, Heilsberg, Rößel und Allenstein) aufgeteilt. In den zuletzt genannten Kreisen, die in der polnischen Wissenschaft als „Polnisches Ermland“ bezeichnet werden41, bildeten die Polen eine geschlossene Bevölkerungsgruppe; im Kreis Allenstein stellten sie die Hälfte der Einwohner.

Tabelle 2     Zahl polnischer und deutscher Einwohner in den Kreisen Allenstein und Rößel in den Jahren 1890-1910

Quelle: Eigene Aufstellung aufgrund von L. Belzyt, Sprachliche Minderheiten im preußischen Staat 1815-1914. Die preußische Sprachenstatistik in Bearbeitung und Kommentar, Marburg 1998, S. 83, 90.

1890 lebten im Regierungsbezirk Allenstein insgesamt 349 800 polnische Preußen (d. h. Ermländer und Masuren), was 67 % der Gesamteinwohnerzahl ausmachte; 1910 betrug diese Zahl dagegen 337 300 Personen oder 62,1 %. Im Jahr 1910 zählten die katholischen Ermländer ca. 42 000 Personen, während es die protestantischen Masuren auf etwa 295 000 brachten.42

Die Ermländer bildeten, ähnlich wie die Masuren, eine zumeist bäuerliche Bevölkerung, die eine eigene Mundart sprach43 und zahlreiche Merkmale auf ← 33 | 34 → wies, durch sie sich sowohl von den deutschen Ermländern als auch von ihren Landsleuten im polnischen Kernland unterschied44.

3.3.   Preußisch-Litauer

Die zahlenmäßig drittgrößte Bevölkerungsgruppe neben Deutschen und preußischen Polen bildeten im 19. Jahrhundert die Preußisch-Litauer (die übrigen Bewohner dieser Region wurden als preußische Schotten, preußische Engländer, preußische Salzburger, preußische Juden oder preußische Hugenotten, Mennoniten oder Philipponen bezeichnet). Protestanten machten im Jahr 1910 94 % aller Preußisch-Litauer aus. Diese bewohnten den nördlichen Teil Ostpreußens. Im Jahre 1861 wurde ihre Zahl auf ca. 171 000 geschätzt. Laut der Erhebung aus dem Jahr 1890 ging die Zahl der litauischen Bevölkerung durch Assimilationsprozesse (die sich ähnlich wie unter Ermländern, Masuren und anderen Minderheiten vollzogen) zurück und betrug 131 000, 1910 dann 114 000.45 Die räumliche Verteilung der litauischen Bevölkerung in den Regierungsbezirken Gumbinnen und Königsberg in den Jahren 1890 und 1910 wird in Tabelle 3 veranschaulicht.

Tabelle 3     Zahl der litauischen Einwohner in den Regierungsbezirken Gumbinnen und Königsberg in den Jahren 1890 und 1910

← 34 | 35 →

Quelle: S. L. Belzyt, Sprachliche Minderheiten im preußischen Staat 1815-1914. Die preußische Sprachenstatistik in Bearbeitung und Kommentar, Marburg 1998, S. 25.

Die meisten litauischen Einwohner (25 000) lebten im Kreis Heydekrug (Šilutė), wo sie im Jahr 1910 nicht weniger als 57,8 % der Einwohnerschaft ausmachten, und im Kreis Memel, wo 31 300 Litauer lebten oder 50,5 % der Einwohnerschaft. Die fortschreitende Assimilation an das Deutschtum wurde (ähnlich wie in Masuren und dem Ermland) durch den Verlust der nationalen Eigenständigkeit begleitet. Dies war in den Kreisen südlich von Memel und Heydekrug besonders signifikant. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts verlief im Kreis Goldap die litauisch-polnische Sprachgrenze. Das 19. Jahrhundert brachte allerdings ein allmähliches Verschwinden der litauischen Sprache im südlichen, auch Kleinlitauen genannten Preußisch-Litauen; dies entsprach dem Schwund des Polnischen im nördlichen Masuren und dem Ermland: So lebten 1831 beispielsweise 12 350 Litauer im Kreis Insterburg und machten 25 % aller Einwohner aus. 1861 halbierte sich diese Zahl auf 6 100 Personen (10 %), um dann 1890 auf 1 600 (2,2 %) bzw. 1910 auf 960 (1,2 %) zu schrumpfen46.

Die litauischen und polnischen Preußen bildeten eine ländliche Bevölkerung, das Zugehörigkeitsgefühl zu ihrem jeweiligen Volk war relativ schwach ausgeprägt. Dass die Preußisch-Litauer wie die Masuren protestantisch waren, trug nicht eben dazu bei, die Kontakte mit ihren katholischen Landsleuten in Großlitauen zu intensivieren. Der Germanisierungsprozess47 war unter den Arbeitern und litau ← 35 | 36 → ischen Intellektuellen sowie unter den Stadtbewohnern besonders augenfällig48. Eine Hochburg des Litauertums war das konservative ländliche Milieu mit starkem Einfluss der Kirche, wo Gottesdienste in der Muttersprache gehalten und das Litauische auf der Stufe der Elementarschulen unterrichtet wurde. Erste Germanisierungskonzepte für das litauische Schulwesen wurden bereits in den Jahren 1802-1803 erstellt49. Zu einem harten Kampf gegen den Litauischunterricht kam es 1881, als unter anderem in der Region Gumbinnen neue Vorschriften über die Beschränkung der litauischen Sprache im Religionsunterricht in Kraft traten. Das Litauische wurde zu einer Hilfssprache degradiert50. Ende des 19. Jahrhunderts war die litauische Nationalbewegung in Ostpreußen klein und verfügte nur über bescheidene Mittel, um größere Wirkung zu entfalten51. Aus deutschen Studien vom Mai 1914 ging hervor, dass die Gesamtheit der Preußisch-Litauer hinsichtlich ihrer nationalen Einstellungen in vier Hauptgruppen eingeteilt werden konnte. Zur ersten wurden germanisierte Litauer gezählt, die „ihr Littauertum nicht schätzen, es für minderwertig halten und sich deshalb ihrer Sprache und Abstammung schämen“. Sie erzögen ihre Kinder deutsch und suchten selbst mehr oder minder bewusst im Deutschtum aufzugehen. ← 36 | 37 →

Zur „zweite Klasse“ wurden die national Gleichgültigen gerechnet, die „keinen Unterschied zwischen Deutsch- und Littauertum erblicken und für völkische Bestrebungen überhaupt kein Verständnis haben“. Die Zahl dieser Personen hatte „in den letzten Jahren sehr abgenommen“.

Die dritte Klasse bestand aus denen, die sich ihres Litauertums und der Entfremdung gegenüber Deutschland bewusst waren. Die Verbindung zum Heimatland knüpften sie an Sprache und Brauchtum. Diese Personen wollten „Litauer bleiben und erziehen ihre Kinder demnach“.

Zur vierten Klasse zählten Litauer mit einem ausgeprägten nationalen Bewusstsein, die von ihren Bindungen an Großlitauen überzeugt waren und danach strebten, einen unabhängigen Staat zu erlangen, dessen integrale Bestandteile Kleinlitauen und die Preußisch-Litauer sein sollten. Sie standen „dem Deutschtum feindlich gegenüber […]“.52

Ähnliche Haltungen waren auch unter den Masuren und Ermländern anzutreffen. Mit der fortschreitenden Germanisierung schrumpften die beiden letztgenannten Gruppen ab Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr.

In Ostpreußen waren die Deutschen in der Überzahl. Um die Wende zum 20. Jahrhundert stellten sie drei Viertel der gesamten Bevölkerung der Provinz, in der ca. 2 Millionen Einwohner lebten53. Die Deutschen bildeten die Mehrheit im Regierungsbezirk Königsberg und in den Städten, darunter in Königsberg, der Provinzhauptstadt.

Ostpreußen war somit für seine deutsche Bevölkerung ein Nationalstaat. Der Staats- und Verwaltungsapparat, das Militär und alle ostpreußischen Institutionen waren in ihren Händen und unterstanden ihr. Erhielt ein Preußisch-Litauer, Ermländer oder Masure einen „Regierungsposten“ oder machte Karriere in den Verwaltungsstrukturen (was sehr selten vorkam), begann er früher oder später, sich für einen Deutschen zu halten. Adlige, Grundbesitzer, Offiziere, Intellektuelle im weiten Sinne und die gesellschaftlichen Eliten waren deutsch. Einige wenige Ausnahmen bestätigen diese Regel nur. ← 37 | 38 →

In Ostpreußen als einem Agrarland, das wirtschaftlich (Industrialisierung und Urbanisierung, Infrastruktur) niedriger stand als der gesamte deutsch-preußische Staat, blieb der Anteil der ländlichen Bevölkerung hoch und erreichte noch 1871 knapp 80 %54. Ein in sozialer Hinsicht gravierendes Problem war die große, durch die Arbeitssuche bedingte Auswanderung der ostpreußischen Bevölkerung in den Jahren 1871-1910 in die Industriezentren (Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfallen, Berlin, Hamburg usw.) und nach Übersee. In diesem Zeitraum verlor die Provinz mehr als 700 000 Personen, das waren 74,3 % des natürlichen Bevölkerungszuwachses55.

Im Jahr 1910 lebten in Ostpreußen auf einer Fläche von 38 724 km2 2 064 175 Menschen. Unter ihnen waren 85,3 % Protestanten, 13,2 % Katholiken, 0,75 % Anhänger anderer christlicher Konfessionen und 0,8 % Israeliten56. Die wichtigsten Quellen für den Lebensunterhalt der ostpreußischen Bevölkerung waren 1907 Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei zu 53,2 %, Industrie und Handwerk zu 20,4 % sowie Handel und Kommunikation zu 9,1 %57. Die Bevölkerungsdichte war gering, insbesondere in den ländlichen Gebieten58.

Ostpreußen war die einzige Provinz des Deutschen Kaiserreichs, die im Ersten Weltkrieg von den kriegerischen Auseinandersetzungen direkt betroffen war. Nach der siegreichen Schlacht bei Bialla waren die russischen Truppen schon am 9. August 1914 in die Provinz eingedrungen. Die zweite russische Besatzung in der jüngeren Geschichte dauerte mehr als ein halbes Jahr (bis März 1915, nach der Schlacht bei Memel). Die russische Armee nahm insgesamt zwei Drittel des Provinzterritoriums ein. Nur Königsberg, Lötzen, Sensburg, Osterode und Mohrungen konnten die Russen nicht besetzen. Bei den Kriegshandlungen verloren 1 500 bis 2 000 Menschen ihr Leben. Mehr als 3 000 gerieten in Gefangenschaft und wurden nach Russland deportiert. Geflüchtet waren insgesamt mehr als 800 000 Menschen59. Es wurden 39 Städte60 und 1 900 Dörfer zerstört, 40 000 Gebäude ← 38 | 39 → brannten nieder, 60 000 wurden beschädigt und 80 000 ausgeplündert. Nach der siegreichen Schlacht bei Tannenberg im Jahr 1914, die später zu einem nationalen Symbol werden sollte, und der anschließenden Zurückdrängung der russischen Truppen begann ein großes Wiederaufbauprogramm zur Beseitigung der Kriegszerstörungen (schätzungsweise beliefen sich die Schäden auf 1,25 bis 1,5 Milliarden Mark). Für die wirtschaftlich zurückgebliebene Provinz war dies ein deutlicher Modernisierungsschub.

3.4.   Königsberg – Ostpreußens Hauptstadt

1255 ließen die Ordensritter nach dem erfolgreichen Feldzug gegen die Prußen im Samland eine kleine Burg unweit der prußischen Wallburg am Ufer des Flusses Pregel errichten. Die Burg wurde zu Ehren des böhmischen Königs Ottokar II., der im Samland gekämpft hatte, Königsberg genannt.

Die Polen benutzten seit dem 16. Jahrhundert den Namen Królewiec (zuvor Crolowgrod bzw. Królówgród). Im Jahr 1255 wurde auch die erste kleine Kirche zu St. Nikolai errichtet und der Bau der Stadt eingeleitet. Nach zwei Jahren wurde mit der Ausweitung der Burg begonnen. Nach der Besiegung der Prußen, die die Burg während eines von ihnen 1265 angezettelten Aufstands belagert hatten, begann der Ausbau der Siedlung. Die Stadtrechte erhielt Königsberg am 28. Februar 1286.61

In der direkten Nachbarschaft der Altstadt entstanden im 14. Jahrhundert weitere Siedlungen: Löbenicht und Kneiphof. Die Zusammenlegung dieser Orte zu einer Stadt Königsberg vollzog sich aber erst im Jahr 1724. Im Jahr 1440 trat Königsberg dem Preußischen Bund bei. Im Dreizehnjährigen Krieg (1454-1466) blieb Königsberg in Opposition zum Deutschen Orden. Im 16. Jahrhundert verwandelte sich die Stadt unter Herzog Albrecht zu einem protestantischen Zentrum Europas. 1525 wurde die Stadt am Pregel zur Hauptstadt des Herzogtums Preußen, das kurz zuvor noch als Ordensstaat bezeichnet worden war. Dies war die Folge des Preußischen Treueides, den Albrecht Hohenzollern im gleichen Jahr in Krakau dem polnischen König, Sigismund I., geleistet hatte. Königsberg wurde polnisches Lehen, und Albrecht Herzog in Preußen, dem ersten lutherischen Staat. Die meisten Bewohner traten zum Protestantismus über. Ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der Stadt war die Gründung einer Universität ← 39 | 40 → durch Herzog Albrecht im Jahr 1544; sie trug später zu seinen Ehren den Namen Albertina. Ziemlich bald wurde sie zum wichtigsten Zentrum der Reformation und des Luthertums auf dem Alten Kontinent. Das Universitätsgebäude wurde neben dem Dom erbaut. Während der Reformation studierten und lebten in der Stadt viele polnische Protestanten. Hier wurden zahlreiche Bücher auf Polnisch gedruckt, unter anderem Werke und Übersetzungen von Jan Seklucjan, Stanisław Murzynowski, Jan Malecki, Mikołaj Rej. 1718 erschien die erste Ausgabe der polnischsprachigen Wochenzeitung „Poczta Królewiecka“ (Königsberger Post). Der Hartungsche Verlag druckte in hohen Auflagen das Nowo wydany kancjonał pruski (Das neu aufgelegte preußische Gesangbuch) in Bearbeitung von Jerzy Wasiański (bis 1925 wurden 70 Ausgaben dieses „heiligen Buches der Masuren“ verzeichnet, mit Auflagen von jeweils 20 000 bis 50 000 Exemplaren). In Königsberg wurden auch Übersetzungen der Bibel und andere evangelische Schriften auf Litauisch und Prußisch veröffentlicht62.

Mit Königsberg und seiner Universität verbunden war der berühmteste Bürger der Stadt, der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804).

Die geographische Lage Königsbergs am Schnittpunkt zahlreicher Handelswege begünstigte ab dem 17. Jahrhundert eine rasche Entwicklung der Stadt. Im Jahr 1663 huldigten die preußischen Stände auf dem Innenhof des Königsberger Schlosses dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, und 1701 fand hier die feierliche Krönung des Königs in Preußen, Friedrichs I., statt. Im gleichen Jahr erhob der neue König die Albertina zur königlichen Universität. Während des Siebenjährigen Krieges wurde Königsberg im Januar 1758 von den Russen erobert, die die Stadt bis März 1763 besetzt hielten. Ein weiterer Eroberer der Pregelstadt war die Napoleonische Armee, die im Juni 1807 einmarschierte. Nach der Zahlung einer Kontribution verließen die französischen Verbände im Juli des gleichen Jahres die Stadt.

Die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts sind die Zeit des sog. Königsberger Liberalismus. Dank Johann Jacoby und weiteren liberalen Geistern war Königsberg nicht nur in Preußen, sondern auch in ganz Deutschland bekannt. Man nimmt an, dass die liberalen Ansichten, die am Pregel verkündet wurden (sog. Vormärz), den Boden für die Revolution von 1848, den Völkerfrühling, bereiteten. In der Zeit der nachrevolutionären Reaktion fand 1861 auf dem Schloss die Krönungszeremonie König Wilhelms I. statt. Diese Feierlichkeiten bestärkten die Stadteinwohner in dem Gefühl, dass sie zu Preußen gehörten und die Provinz mit der Haupt- und Residenzstadt ein wichtiges Zentrum der ganzen Hohenzol ← 40 | 41 → lernmonarchie sei. Das 19. Jahrhundert war eine Zeit der intensiven Entwicklung von Industrie und Handel, des Ausbaus der städtischen Infrastruktur und der Ausweitung der territorialen Grenzen. 1849 hatte Königsberg 75 000 Einwohner, während es im Jahr 1871 bereits 112 000 waren.63 Die Stadt war zugleich wissenschaftliches und künstlerisches Zentrum der Provinz. Hier konzentrierte sich das geistige und politische Leben, hier erschienen die wichtigsten Zeitschriften, wie zum Beispiel die sozialdemokratische „Königsberger Volkszeitung“, die liberale „Königsberger Hartungsche Zeitung“, die konservative „Ostpreußische Zeitung“ und die nationalliberale „Königsberger Allgemeine Zeitung“64. Königsberg wurde auch zu einem wichtigen Zentrum jüdischen Lebens. Im Jahr 1871 wohnten hier 3 865 Juden (3,4 % aller Einwohner der Stadt). Sie beteten unter anderem in der neuen Synagoge, die 1896 in der Stadtmitte erbaut worden war.65

Während des Ersten Weltkriegs verschonte die Kriegsfurie die Stadt, die ein wichtiges Zentrum der Rüstungsindustrie (Schiffswerften) und die Kornkammer des Reiches war. Während der Hungersnot in den Städten West- und Mitteldeutschlands im Winter 1916/1917 wurden Kinder nach Ostpreußen und Königsberg verschickt, da hier bessere Verpflegungsmöglichkeiten herrschten66. ← 41 | 42 → ← 42 | 43 →


29    Vgl. J. Jasiński, Problematyka języków niemieckich w Ostpreußen w I połowie XIX wieku, in: Zagadnienia narodowościowe w Ostpreußen w XIX i XX wieku, pod red. J. Jasińskiego, Olsztyn 1993, S. 8-59.

30    Vgl. J. Jasiński, Świadomość narodowa na Warmii w XIX wieku. Narodziny i rozwój, Olsztyn 1983; R. Traba, Niemcy – Warmiacy – Polacy 1871-1914. Z dziejów niemieckiego ruchu katolickiego i stosunków polsko-niemieckich w Prusach, Olsztyn 1904; F. Dittrich, Kulturkampf im Ermland , Berlin 1913; L. Trzeciakowski, Kulturkampf w zaborze pruskim, Poznań 1970; J. Krasuski, Kulturkampf. Katolicyzm i liberalizm w Niemczech XIX wieku, Poznań 1963.

31    Vgl. H. Orłowski, Rzecz o dobrach symbolicznych. Gietrzwałd 1877, Olsztyn 2005. Dort auch weiterführende Literatur.

32    Vgl. W. Wrzesiński, Warmia i Mazury w polskiej myśli politycznej 1864-1945, Warszawa 1984.

33    Vgl. S. Pocytė, Mažlietuviai vokietijos imperijoje 1871-1914, Vilnius 2002; Vgl. auch: S. Szostakowski, Wschodniopruskie tło czasopisma „Auszra“ (1883-1886), in: Polacy, Litwini, Niemcy w kręgu wzajemnego oddziaływania. Z zagadnień Litwy Pruskiej i stosunków niemiecko-litewskich i polsko-litewskich w drugiej połowie XIX i XX wieku (do 1939 roku), Olsztyn 1992, S. 9-26.

34    L. Belzyt, Sprachliche Minderheiten im preußischen Staat 1815-1914. Die preußische Sprachenstatistik in Bearbeitung und Kommentar, Marburg 1998.

35    Vgl. G. Jasiński, Mazurzy w drugiej połowie XIX wieku. Kształtowanie się świadomości narodowej, Olsztyn 1994; vgl. A. Kossert, Preußen, Deutsche oder Polen? Die Masuren im Spannungsfeld des ethnischen Nationalismus 1870-1956, Wiesbaden 2001.

36    Vgl. A. Sakson, Mazurzy – społeczność pogranicza, Poznań 1990; A. Kossert, Masuren. Ostpreußens vergessener Süden, Berlin 2001; E. Blanke, Polish-speaking Germans? Language and national identity among the Masurians since 1871, Köln/Weimar/Wien 2001.

37    Vgl. M. Toeppen, Historia Mazur. Przyczynek do dziejów krainy i kultury pruskiej, Olsztyn 1995; K. Obitz, Dzieje ludu mazurskiego, Dąbrówno 2007; J. Jasiński. Poczucie regalistyczne, wyznaniowe i językowo-etniczne Mazurów w XIX wieku (do 1870), in: Komunikaty Mazursko-Warmińskie 1985, Nr. 3-4, S. 259 f.

38    Vgl. E. Martuszewski, „Die polnische Sprachfrage in PreußenGustawa Gizewiusza jako źródło do badań nad dziejami germanizacji szkolnictwa na Mazurach, Olsztyn 2001.

39    Vgl. G. Jasiński, Kościół ewangelicki na Mazurach w XIX wieku (1817-1914), Olsztyn 2003.

40    Vgl. F. S. Oldenburg, Przyczynki do poznania Mazur. Sprawozdanie do centralnego Komitetu do Spraw Misji Wewnętrznej, Warszawa 2000; Mazurzy. Tradycja i codzienność, oprac. A. Kossert, Olsztyn 2002.

41    Diese Teilung erwies sich als stabil und blieb mit kurzen Unterbrechungen (1974-1999) bis heute erhalten. Vgl. J. Jasiński, Świadomość narodowa na Warmii…, S. 16-18; S. Drej, Święta Warmia…, S. 60-62; A. Szyfer, Warmiacy. Studium tożsamości, Poznań 1996, S. 44-46.

42    Vgl. L. Belzyt, Sprachliche Minderheiten…, S. 16-19.

43    Vgl. Kultura ludowa Mazurów i Warmiaków, pod red. J. Burszty, Wrocław 1976; A. Szyfer, Wierzenia ludowe Mazurów i Warmiaków, Olsztyn 1975; Warmiacy i Mazurzy. Życie codzienne ludności wiejskiej w I połowie XIX wieku, pod red. B. Kuźniewskiego, Olsztynek 2002.

44    Der Ermländer Walenty Barczewski beschrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Landsleute folgendermaßen: „Die Ermländer sind zutiefst religiös, fleißig, ruhig und äußerst konservativ. Diesem Konservatismus haben die deutschen Miteigentümer ihre Übermacht in allen Berufen zu verdanken. Auf den gleichen Konservatismus ist aber zurückzuführen, dass die Ermländer polnisch geblieben sind, dass sie allen Germanisierungsgelüsten standgehalten haben und dass sie noch für lange Zeit polnisch bleiben werden. (…) Es ist noch einer weiteren Eigenschaft unseres Volkes Erwähnung zu tun. (…) Die Ermländer sind den Juden wohlgesinnt“. Zit. nach: S. Drej, Święta Warmia…, S. 61 f.

45    L. Belzyt, Sprachliche Minderheiten…, S. 24-26.

46    Ebenda, S. 25. Vgl. auch: K. Forstreuter, Die Anfänge der Sprachstatistik in Preußen und ihre Ergebnisse zur Litauerfrage, in: Zeitschrift für Ostforschung 1953, Nr. 2, S. 346.

47    Albert Zweck schilderte dieses Phänomen folgendermaßen: „Die Litauer haben, der natürlichen Entwickelung entsprechend, sich im allgemeinen der höheren Kultur der Deutschen gefügt. (…) Wenn der Litauer in bessere Verhältnisse kommt, lernt er von selbst das deutsche Wesen schätzen (…) und lernt andererseits die mancherlei Vorteile kennen, welche die Germanisierung in sich schließt (…). Die litauische Sprache wird in absehbarer Zeit zu den toten gerechnet werden, und die Nation hat damit aufgehört zu existieren“. Vgl. A. Zweck, Litauen, eine Landes- und Volkskunde, Stuttgart 1898, S. 139, 142, 151.

48    Laut preußischen Statistiken wohnten in Memel 8 100 Deutsche und nur 912 Litauer, in Tilsit jeweils 10 300 Deutsche und 856 Litauer und in Ragnit 2 300 Deutsche und 281 Litauisch sprechende Personen. B. Piotrowski, Mniejszość litewska…, S. 47.

49    Vgl. E. Martuszewski, Koncepcja zgermanizowania…

50    Walter Hubatsch schrieb: „Auch in Preußisch-Litthauen beginnt mit den ersten Sprachverordnungen des 19. Jahrhunderts die bewusste Hinwendung zum Deutschtum. Unbewusst ist diese Annäherung in den vorangegangenen Jahrhunderten schon lange vollzogen worden, unter anderem durch eine Vermischung der unteren Stände. Ebenso hat die Freizügigkeit des 19. Jahrhunderts und der zunehmende Verkehr die Angleichung [der Preußisch-Litauer an Deutsche – A.S.] beschleunigt, wenn auch nicht so rasch wie in Masuren.“. Vgl. W. Hubatsch, Masuren und Preußisch-Litthauen in der Nationalitätenpolitik Preußens 1870-1920, in: Zeitschrift für Ostforschung 1965, Nr. 4, S. 661. Vgl. auch: N. Strakauskaitė, Der Einfluss politischer Faktoren auf das Kleinlitauische Schulwesen 1871-1933, in: Selbstbewusstsein und Modernisierung. Sozialkultureller Wandel in Preußisch-Litauen vor und nach dem Ersten Weltkrieg, hrsg. von R. Traba, Osnabrück 2000, S. 69-82.

51    Vgl. S. Pocytė, Mažlietuviai…; J. Tauber, Überlegungen zur Bedeutung der Kleinlitauischen Bewegung in Ostpreußen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Selbstbewusstsein und Modernisierung. Sozialkultureller Wandel in Preußisch-Litauen vor und nach dem Ersten Weltkrieg, hrsg. von R. Traba, Osnabrück 2000, S. 111-126.

52    „1914 Mai 9, Königsberg – Schreiben des wirklichen geheimen Rats [Unterschrift unleserlich] an den Minister des Inneren über die nationale Haltung der Litauisch sprechenden Bevölkerung in Ostpreußen“. Zit. nach: Selbstbewusstsein und Modernisierung. Sozialkultureller Wandel in Preußisch-Litauen vor und nach dem Ersten Weltkrieg, hrsg. von R. Traba, Osnabrück 2000, Anlage: Vier Dokumente, S. 32 f.

53    1819 betrug die Bevölkerungszahl 1,041 Mio., 1834 – 1,3 Mio., 1852 – 1,58 Mio., 1895 – 2 Mio., 1900 – 1,997 Mio. und 1910 – 2,064 Mio. B. Koziełło-Poklewski, Rozwój społeczno-gospodarczy Mazur i Warmii na tle Prus Wschodnich od połowy XIX wieku do roku 1939, in: Kultura ludowa Mazurów i Warmiaków, pod red. J. Burszty, Wrocław 1976, S. 78.

54    Im Jahr 1871: 79,2 %; 1890: 74,6 %; 1900: 70,6 %; 1910: 67,0 %. Ebenda.

55    Dieser als „Ostflucht“ bezeichnete Prozess hatte zur Folge, dass in dieser Zeit 17 500 Menschen im Jahresdurchschnitt aus Ostpreußen auswanderten. Dies betraf hauptsächlich die ländliche Bevölkerung (sog. Landflucht). Ebenda, S. 79. Vgl. auch: A. Wajda, Migracja ludności wiejskiej z Pomorza Wschodniego w latach 1850-1914, Wrocław 1969; A. Hasse, Die Bevölkerung von Ostpreußen, Jena 1916.

56    Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte…, S. 2 f.

57    B. Koziełło-Poklewski, Rozwój…, S. 83.

58    Zum Beispiel betrug sie im Jahr 1910 in den Kreisen Neidenburg und Johannisburg in Masuren lediglich 31 Einwohner pro km2 und gehörte damals zu den niedrigsten im ganzen Reich. Ebenda, S. 93.

59    Vgl. R. Traba, Wschodniopruskość. Tożsamość regionalna i narodowa w kulturze politycznej Niemiec, Poznań 2005, S. 27-33.

60    Die größten Verluste hatte Eydtkuhnen zu beklagen, wo 204 Häuser in Schutt und Asche gelegt wurden, dann Hohenstein – 199 Gebäude, Neidenburg – 167, Ortelsburg und Lyck – je 160 sowie Soldau – 152 Gebäude. J. Salm, Odbudowa miast wschodniopruskich po I wojnie światowej. Zagadnienia architektoniczno-urbanistyczne, Olsztyn 2006, S. 66.

61    J. Jasiński, Historia Królewca. Szkice z XIII-XX stulecia, Olsztyn 1994, S. 9-20. Vgl. auch: F. Gause, Die Geschichte der Stadt Königsberg in Preußen, Bd. 1-3, Köln/Wien 1965-1971.

62    Im 16. Jahrhundert sind in Königsberg insgesamt 104 polnische Bücher erschienen. Sie wurden nicht nur in ganz Preußen vertrieben, sondern auch in Großpolen, Kleinpolen und Litauen. Vgl. S. Algusiewicz, J. Jasiński, T. Oracki, Wybitni Polacy w Królewcu XVI-XX wieku, Olsztyn 2005.

63    A. Kossert, Ostpreußen…, S. 138.

64    Vgl. J. Jasiński, Zarys historii Prus Wschodnich…, S. 67, Vgl. auch: R. Albinus, Lexikon der Stadt Königsberg Pr. und Umgebung, Leer 1985; A. Hołub, Lewica liberalna w Prusach Wschodnich wobec Polaków. Stereotyp Polski i Polaków na łamach „Königsberger Hartungsche Zeitung“ w latach 1860-1880, Toruń 2009.

65    J. Jasiński, Historia Królewca…, S. 178; H. J. Krüger, Die Judenschaft von Königsberg in Preußen, Hamburg/Lahn 1966..

66    Vgl. A. Kossert, Ostpreußen…, S. 106.

Kapitel II

Deutsches, litauisches und polnisches Ostpreußen (1918-1939)

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1.   Friedensvertrag von Versailles – Ostpreußens erste Teilung

Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg bedeutete den Zusammenbruch der bisherigen gesellschaftlichen und politischen Ordnung. Der Niedergang des Kaiserreichs brachte revolutionäre Gärung und politisches Chaos hervor. Deutschland war keine Großmacht mehr. Symptomatisch dafür waren die territorialen Verluste. Dem wiedererstehenden polnischen Staat wurden die Gebiete Deutschlands einverleibt, die Polen ehemals infolge der drei Teilungen verloren hatte (unter anderem Posen, Pommern und Oberschlesien). Deutschland verlor außerdem weitere Gebiete an Frankreich (Elsass und Lothringen), Dänemark (Nordschleswig), Litauen (Memelland), Belgien (Eupen und Malmedy) sowie die Tschechoslowakei (das oberschlesische Hultschiner Ländchen).

Besonders heikel war die Lage der Bewohner Ostpreußens. Sie wurden nach den Beschlüssen der Pariser Konferenz 1919 vom Rest des Landes abgetrennt durch Gebiete, die dem polnischen Staat zugesprochen worden waren und die Woiwodschaft Pommern bildeten, bezeichnet als „Danziger Korridor“, „Polnischer Korridor“ oder einfach „Korridor“1. Somit wurde Ostpreußen gewissermaßen zu einer „Insel“, die an Litauen, Polen und die Freie Stadt Danzig grenzte und vom „Mutterland“ getrennt war. Zu einer ähnlichen Situation kam es 72 Jahre später, als das zur Russischen Föderation gehörende Kaliningrader Gebiet, der nördliche Teil des früheren Ostpreußens, durch den Zerfall der Sowjetunion von „Mütterchen Russland“ durch die Grenze zu Litauen und Polen getrennt wurde. Ostpreußen bildete 1920-1939 eine deutsche, sein nördlicher Teil seit 1991 eine russische Exklave. Dieser Fall ist einzigartig in der jüngeren Geschichte Europas.

Über die zukünftigen Grenzen Deutschlands und somit auch Ostpreußens wurde auf dem Friedenskongress in Paris entschieden. Seit Januar 1919 fanden Verhandlungen statt mit dem Ziel, einen Friedensvertrag mit Deutschland zu schließen. Während der Beratungen traten tiefgreifende Interessenkonflikte zwischen den Siegermächten der Entente zutage. Frankreich strebte eine möglichst weitgehende Schwächung Deutschlands an, was Großbritannien zu verhindern suchte. Die britischen Politiker waren bemüht, das Gleichgewicht in Europa zu erhalten und gleichzeitig zu vermeiden, dass Frankreich eine zu große Machstellung erlangen würde. Die Vereinigten Staaten, durch diese Rivalität enttäuscht, begannen allmählich von einer Einflussnahme auf die Neuordnung Europas Abstand zu nehmen. Italien und Japan, ebenfalls an den Verhandlungen in Paris be ← 45 | 46 → teiligt, spielten keine wesentliche Rolle. An der Pariser Friedenskonferenz, die vom 18. Januar 1919 bis 21. Januar 1920 dauerte, nahmen Delegationen von 27 Staaten teil.

Zu den schwierigsten Fragen gehörte die Regelung der deutsch-polnischen Grenze. An der Spitze der polnischen Delegation standen Roman Dmowski und Ignacy Paderewski. Den Ausgangspunkt der polnischen Überlegungen zur territorialen Gestalt des Staates bildeten die Grenzen vor der ersten Teilung Polens von 1772. Polnische Forderungen wurden zum ersten Mal am 29. Januar 1919 in der Sitzung des Obersten Rates präsentiert. Vom Grenzverlauf im Jahr 1771 ausgehend, wurde nicht nur ein Zugang zur Ostsee, sondern auch die Ausweitung der vor den Teilungen bestehenden Grenzen durch die Zuerkennung des Ermlands und Masurens gefordert. Dies wurde mit ethnischen und strategischen Gründen motiviert.

Um all diese Belange umfassend zu analysieren, wurde am 12. Februar 1919 in Paris eine Kommission für polnische Angelegenheiten berufen, die nach ihrem Vorsitzenden benannte Cambon-Kommission. Während der Beratungen präsentierte Dmowski detaillierte territoriale Forderungen der polnischen Seite. Der Anführer des national-demokratischen Lagers verlangte, Polen sollten Posen, der größte Teil Westpreußens, Oberschlesien sowie das Ermland und Masuren ohne jegliche Vorbedingungen zugesprochen werden. Er schlug eine Teilung Ostpreußens vor. Der Regierungsbezirk Allenstein sollte Polen zufallen, Litauen sollte die litauischen Kreise Ostpreußens bekommen; aus den übrigen Kreisen der ostpreußischen Provinz hätte eine Republik unter dem Protektorat des Völkerbundes gebildet werden sollen. In der 19 000 km2 großen „Autonomen Republik Königsberg“ hätten 1,07 Mio. deutsche Einwohner gelebt. Die Grenze zwischen Polnisch-Preußen und Litauisch-Preußen hätte südlich der Linie Stallupönen-Gumbinnen-Insterburg-Wehlau verlaufen sollen2.

Sowohl die polnischen als auch die litauischen Konzepte zur Aufteilung Ostpreußens unter den beiden Staaten wurden während des Zweiten Weltkriegs und nach Kriegsende sowie nach dem Zerfall der Sowjetunion erneut aufgegriffen (dazu mehr im weiteren Teil der Arbeit).

Nach monatelangen dramatischen Verhandlungen traten am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles, wo 48 Jahre zuvor der preußische König zum deutschen Kaiser proklamiert worden war, Vertreter der sieben „alliierten und assoziierten“ Staaten mit der Delegation des besiegten Deutschlands zusammen, ← 46 | 47 → um den Friedensvertrag feierlich zu unterzeichnen. Der Vertrag ging als Friedensvertrag von Versailles in die Geschichte ein, die auf seiner Grundlage ausgestaltete Ordnung in Europa wurde Versailler Ordnung genannt. Aufgrund dieses Vertrages bekam Polen Großpolen (was in großem Maße durch den erfolgreichen Posener Aufstand vom 27. Dezember 1918 ermöglicht wurde) und einen Teil Pommerns (mit einem relativ kleinen, 90 km langen Zugang zur Ostsee) zurück. Über das Schicksal des Ermlands, Masurens, des Marienburger Landes (poln. Powiśle) und Oberschlesiens sollten Volksabstimmungen entscheiden, ebenso in den strittigen Gebieten Belgiens (Eupen und Malmedy), Dänemarks (Schleswig) und im Saarland (dieses Gebiet wurde für 15 Jahre unter die Verwaltung der neu gegründeten Organisation namens Völkerbund gestellt, die über die neue Friedensordnung wachen sollte; nach Ablauf dieser Zeit sollte sich die Bevölkerung zu ihrem weiteren Schicksal äußern; die gesamten Kohlengruben wurden Eigentum Frankreichs). Aus Danzig samt Oliva und Zoppot wurde (auf einer Fläche von 1 893 km2 mit ca. 400 000 Einwohnern) ein Gebiet mit völkerrechtlichem Sonderstatus, die Freie Stadt Danzig, gebildet (Artikel 100-108 des Friedensvertrags von Versailles). Das Gebiet umfasste zwei Stadtkreise (Danzig und Zoppot) und drei Landkreise (Großes Werder, Danziger Höhe und Danziger Niederung)3.

Kraft Artikels 99 des Versailler Vertrages wurde Memel mit Umgebung (in diesem 2 860 km2 4 großen Gebiet wohnten 150 700 Bewohner; es teilte sich in sieben Kreise: Memel-Stadt und -Land, die zum Regierungsbezirk Königsberg gehörten, sowie den Kreis Heydekrug und Teile der Kreise Niederung, Ragnit, Tilsit-Stadt und -Land, die zum Regierungsbezirk Gumbinnen gehörten) unter die direkte Verwaltung der Siegermächte gestellt, die bestrebt waren, hier eine freie Stadt zu begründen. Die alliierte Hoheit war in Gestalt eines Verbandes der französischen Armee, der am 15. Januar 1920 Memel erreichte, präsent.

Aufgrund des Artikels 28 des Versailler Vertrages erhielt Polen ohne Volksabstimmung und Verwaltung seitens des Völkerbundes das kleine Gebiet um Soldau mit einer Fläche von 462 km² (eine Stadt, 43 Landgemeinden und 21 Gutsbezirke). Das Soldauer Gebiet (Soldauer Ländchen) machte einen Teil (knapp 30 %) ← 47 | 48 → des früheren Kreises Neidenburg aus; es lebten dort etwa 15 000 Einwohner. Der wichtigste Grund für die Abtretung dieses masurischen Teils Ostpreußens war, dass Polen nach der Erlangung des Ostsee-Zugangs eine durchgehende Bahnlinie Warschau-Mława-Dirschau-Danzig brauchte; diese Notwendigkeit wurde auch von den Alliierten anerkannt. Polen bekam Soldau mit Umgebung als Verkehrsknotenpunkt auf dieser Bahnstrecke ohne Vorbedingungen.

Nach den Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages verlor Deutschland etwa 13,5 % seines Vorkriegsterritoriums und ca. 10 % seiner Bewohner. Die größten Gebietsverluste hatte Deutschland im Osten zu beklagen. An Polen, Litauen und die Tschechoslowakei verlor Deutschland ein 51 025 km2 großes Territorium mit 4,375 Mio. Bewohnern. Ostpreußen verlor aufgrund des Friedensvertrages von Versailles und der Volksabstimmung 3 157 km2, wovon 501 km2 an Polen (25 000 Bewohner) und 2 656 km2 an Litauen (141 000 Bewohner) entfielen5.

Die Weimarer Republik, die sich 1919 auf den Trümmern des Kaiserreichs konstituierte, verlor auch alle Kolonien. Der jungen deutschen Republik wurden ungeheure Kriegsreparationen6 auferlegt, weil Deutschland die Schuld für den Ausbruch des Krieges zugewiesen wurde (Kriegsschuldklausel) und Wilhelm II. von Hohenzollern „wegen schwerer Verletzung des internationalen Sittengesetzes und der Heiligkeit der Verträge“ angeklagt wurde. Die Bestimmungen, die am 20. Januar 1920 rechtskräftig wurden, riefen in Deutschland allgemeine Empörung hervor. Sie wurden als „historische Ungerechtigkeit“, „Diktat“ oder gar als „Dolchstoß“ bezeichnet7. Die Mehrheit der gesellschaftlichen und politischen Kräfte setzte sich zum Ziel, den Vertrag zu revidieren. Er bildete ein zusätzliches Element der Feindschaft gegenüber Polen als einem „Saisonstaat“, der „urdeutschen Gebiete im Osten geraubt“ habe8. ← 48 | 49 →


1      Vgl. G. Łukowski, Problem „korytarza“ w stosunkach polsko-niemieckich i na arenie międzynarodowej 1919-1939. Studium polityczne, Warszawa 2000 (dort auch weiterführende Literatur). Vgl. auch W. Wakar, Polski korytarz czy niemiecka enklawa, ausgewählt und mit einem Vorwort versehen von B. Koziełło-Poklewski, Olsztyn 1984.

2      Diese Belange wurden in der polnischen Note vom 28. Februar 1919 dargelegt. Vgl. Sprawy polskie na konferencji pokojowej w Paryżu w 1919 r. Dokumenty i materiały, Bd. 1, Warszawa 1965, S. 75 f. Vgl. auch: W. Wrzesiński, Warmia i Mazury w polskiej myśli politycznej 1864-1945, Warszawa 1984, S. 203-215; ders. Prusy Wschodnie w polskiej myśli politycznej 1864-1945, Olsztyn 1994; G. Łukowski, Problem „korytarza“…, S. 54.

3      E. Łyczkowski, Sprawa Gdańska na konferencji pokojowej w roku 1919, Poznań 1968; J. Wójcicki, Wolne Miasto Gdańsk 1920-1939, Warszawa 1976; S. Mikos, Wolne Miasto Gdańsk a Liga Narodów 1920-1939, Gdańsk 1979; P. Mickiewicz, Wolne Miasto Gdańsk w koncepcjach wojskowych i polityków II Rzeczypospolitej, Toruń 1999; M. Andrzejewski, Wolne Miasto Gdańsk w rewizjonistycznej propagandzie niemieckiej, Gdańsk 1997.

4      P. Łossowski, Kłajpeda kontra Memel. Problem Kłajpedy w latach 1918-1939-1945, Warszawa 2007, S. 20. Andere Autoren zitieren abweichende Daten: 2 451 km2 (S. Mikulicz, Kłajpeda w polityce europejskiej 1918--1939, Warszawa 1976, S. 11) oder 2 676 km2 (Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815-1945, Reihe A: Preußen, hrsg. von W. Hubatsch, Bd. 1: Ost- und Westpreußen, bearb. von D. Stüttgen, Marburg/Lahn 1975, S. 26).

5      G. H. Goring, Das nördliche Ostpreußen. Gestern und heute. Eine historische und rechtliche Betrachtung, Bonn 1995, S. 345.

6      Der zunächst mit 269 Mio. Goldmark bezifferte Betrag, der in Raten über 42 Jahre lang, d. h. bis 1962, gezahlt werden sollte, wurde nach und nach reduziert.

7      Vgl. K. Fiedor, „Dyktat wersalski“ w propagandzie i publicystyce Republiki Weimarskiej, in: Niemcy w polityce międzynarodowej 1919-1939, Bd. 1: Era Stresemanna, pod red. S. Sierpowskiego, Poznań 1990.

8      Vgl. Problem polsko-niemiecki w traktacie wersalskim, pod red. J. Pajewskiego, Poznań 1963; W. Wrzesiński, Sąsiad czy wróg? Ze studiów nad kształtowaniem się obrazu Niemca w Polsce w latach 1795-1939, Wrocław 1992.

2.   Die Volksabstimmung vom 11. Juli 1920

Ausgehend vom Grundsatz der demokratischen Selbstbestimmung, beschlossen die Schöpfer des Versailler Friedensvertrages, in den umstrittenen Grenzgebieten eine Abstimmung durchzuführen, die über die Staatszugehörigkeit des jeweiligen Territoriums entscheiden sollte. Gemäß den Artikeln 94-97 des Vertrages sollte am 11. Juli 1920 in den Regierungsbezirken Allenstein (Ostpreußen) und Marienwerder (Westpreußen) eine Volksabstimmung durchgeführt werden. Diese Entscheidung stieß in Polen auf Kritik, da befürchtet wurde, dass die polnischstämmige Bevölkerung „im Hinblick auf ihre politische und nationale Entwicklung zu solchen Aktionen noch nicht reif“ sei9.

Am 12. Februar 1920 trafen Vertreter der Interalliierten Kommissionen, denen Franzosen, Engländer, Italiener und Japaner angehörten, in Allenstein und Marienwerder ein. Ihnen standen auch kleinere Militärverbände zur Seite, die die Objektivität und Sicherheit der Abstimmung garantieren sollten. Die deutschen Truppen wurden angewiesen, das Abstimmungsgebiet zu verlassen.

Die Volksabstimmung im Ermland und dem Marienburger Land endete mit einer schweren Niederlage Polens. Im Regierungsbezirk Allenstein stimmten für den Anschluss an Polen insgesamt 7 980 Personen (2,16 %), während für die Zugehörigkeit zu Deutschland (Ostpreußen) nicht weniger als 363 209 Stimmen oder 97,84 % abgegeben wurden. Am stärksten sprach sich das Ermland für Polen aus (insgesamt 6 002 Stimmen, davon im Kreis Allenstein 4 902 oder 13,4 %). In Masuren stimmten für den Anschluss an Polen insgesamt 1 878 Personen oder 0,7 % (die meisten im Kreis Osterode mit 511 Personen oder 2,19 %, und die wenigsten im Kreis Oletzko mit 2 Personen oder 0,007 %) – Tabelle 4.

Tabelle 4     Ergebnisse der Volksabstimmung vom 11. Juli 1920 im Ermland und Masuren (Regierungsbezirk Allenstein)

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Quelle: Eigene Berechnungen aufgrund von G. H. Goring, Das nördliche Ostpreußen. Gestern und heute. Eine historische und rechtliche Betrachtung, Bonn 1995, S. 344; W. Wrzesiński, Plebiscyty na Warmii i Mazurach oraz Powiślu w roku 1920, Olsztyn 1974, S. 447-452; A. Kossert, Ostpreußen. Geschichte und Mythos, München 2005, S. 222.

Etwas besser fiel das Ergebnis der Volksabstimmung für Polen im Marienburger Land aus. In den vier Kreisen des Regierungsbezirks Marienwerder stimmten 7 947 Personen oder 7,58 % für die Zugehörigkeit dieser Gebiete zu Polen, während es für Deutschland 96 894 Personen oder 92,42 % waren (Tabelle 5).

Tabelle 5     Ergebnisse der Volksabstimmung vom 11. Juli 1920 im Marienburger Land (Regierungsbezirk Marienwerder)

Quelle: Wie Tabelle 4.

Die Ursachen für die polnische Abstimmungsniederlage waren vielfältig. Unter den wichtigsten wären zu nennen:

1.     Der fortschreitende Germanisierungsprozess unter der polnischen und polnischstämmigen Bevölkerung. Bei den meisten Ermländern und Masuren ← 50 | 51 → überwog das regionale Bewusstsein das nationale. Vor die Wahl zwischen Polen und Deutschland gestellt, sprachen sich die meisten für den ihnen wohl bekannten preußischen (deutschen) Staat aus. Im protestantischen Masuren fehlte die Tradition eines polnischen Staatswesens, und die Zugehörigkeit des Fürstbistums Ermland zu Polen vor 1772 erschien als ferne Vergangenheit.

2.     Zugunsten des preußischen Staates wirkte sich auch die Tatsache aus, dass in den Abstimmungsgebieten weiterhin lokale Verwaltungsstrukturen stark geblieben waren, die alle Bemühungen, Ostpreußen in den Grenzen des Deutschen Reiches zu belassen, ausdrücklich unterstützten. Angesichts des fernen Abstimmungstermins konnten rege Vorbereitungen getroffen werden. Als äußerst günstig für Deutschland erwies sich eine Klausel im Versailler Vertrag, die übrigens auf Initiative Polens aufgenommen wurde, wonach alle Personen abstimmungsberechtigt waren, die am 10. Januar 1920 das 20. Lebensjahr vollendet hatten und im Abstimmungsgebiet geboren waren oder dort nach dem 1. Januar 1905 ihren Wohnsitz hatten. Die Zentralregierung in Berlin begann bereits 1919 mit umfangreichen Maßnahmen, um die ehemaligen Einwohner, die seit Jahren im Rheinland, Westfalen, Hamburg oder Berlin arbeiteten und lebten, im Vorfeld der Volksabstimmung nach Ostpreußen zu „transferieren“. Mit enormen finanziellen Mitteln wurden die Anreise und die Stimmabgabe von mehr als 150 000 Personen ermöglicht. In den „Anwerbungsgebieten“ außerhalb der Abstimmungszone nahmen die Behörden eine Auswahl vor, um (unter Übernahme eines großen Kostenanteils) nur den Personen die Reise zu ermöglichen, bei denen sie die Gewissheit haben konnten, dass diese auch für Deutschland votieren würden10.
Bereits im März 1919 wurde der Ostdeutsche Heimatdienst gegründet, der zusammen mit dem Masuren- und Ermländerbund zu einer Massenbewegung mit etwa 220 000 Mitgliedern werden sollte, die im Abstimmungsgebiet aktiv waren. Von den staatlichen Behörden erhielten sie großzügige finanzielle Unterstützung. Diese Organisationen zielten in erster Linie auf die Bekämpfung jeglicher pro-polnischer Aktivitäten ab. Für Deutschland sprach auch, dass auf den Stimmzetteln zwischen „Polen“ und „Ostpreußen“ entschieden werden konnte. Dadurch konnte die Hoffnung genährt werden, dass Ostpreußen in den Grenzen Deutschlands eine relative Autonomie genießen würde.

3.     Wegen der internationalen Rahmenbedingungen, seiner organisatorischen Schwäche und geringen finanziellen Möglichkeiten war der polnische Staat nur begrenzt in der Lage, es mit der deutschen Seite aufzunehmen. Fatale ← 51 | 52 → Folgen hatte die Tatsache, dass im Juli 1920 die bolschewistischen Truppen vor Warschau standen und die Rote Armee in Soldau, das Polen ohne Durchführung einer Volksabstimmung erhalten hatte, einmarschiert war. Damit war die Existenz des polnischen Staates in Frage gestellt. Dazu kamen noch die Animositäten unter den polnischen Aktivisten, die zwei separate Volksabstimmungskomitees, eines für Ermland und eines für Masuren, betrieben. In Masuren war eine geringe Zahl polenfreundlicher Vertrauensleute tätig. Gegenüber der deutschen Verwaltung waren die Aktivitäten pro-polnischer Organisationsstrukturen zum Scheitern verurteilt. Aus diesem Grund sprachen sich einige polnische Aktivisten unter anderem für einen Boykott der Abstimmung aus oder sinnierten über Preußen in Form einer künftigen autonomen Ostsee-Schweiz mit deutsch-, polnisch- und litauischsprachigen Kantonen usw.

4.     Der preußischen Seite war es gelungen, hysterische Feindseligkeit gegen alles Polnische zu wecken11. Eine Folge davon war nicht nur der psychische, sondern auch der physische Terror, dessen Opfer der masurische Aktivist Bogumił Linka (Gottlieb Linka) wurde, der am 29. März 1920 in Allenstein seinen Verletzungen erlag. Nach dem Sieg in der Volksabstimmung, bei der man auch nicht vor Wahlfälschungen zurückschreckte, wurde mit der „Vertreibung“ jener, die für Polen gestimmt hatten12, begonnen und alles Polnische oder mit Polen Zusammenhängende bekämpft und verächtlich gemacht.
Während des Plebiszits erlangten die Deutschen eine „erdrückende Überlegenheit“. Wojciech Wrzesiński schreibt: „Das Abstimmungsergebnis spiegelte aber keinesfalls die nationale Struktur oder die nationalen Einstellungen der Landesbewohner wider“13. Andreas Kossert meint dagegen: „[Die Masuren] ← 52 | 53 → ergriffen nun die Chance, ihrer prodeutschen Gesinnung eindeutig Ausdruck zu verleihen. Mit ihrem Votum wandelten sie sich vom ‚Objekte der Germanisierung’ zu einem Subjekt, das aktiv seine historischen Koordinaten auf einen unverbrüchlichen deutschen Kurs festlegte“14.
Die „Abstimmungsschlacht“ wurde zum wichtigen Bestandteil des „ostpreußischen Kampfes um die deutsche Zivilisation“. Darüber wachten die mutigen „Ostlandkämpfer“, die sich im „Grenzland“ der „polnischen Gefahr“ entgegenstellten. In der Weimarer Republik und dem Dritten Reich wurden Abstimmungsdenkmäler errichtet, und es fanden zahlreiche Feierlichkeiten zum Abstimmungssieg statt. Sie waren offen chauvinistisch und antipolnisch.
Am 1. August 1920 übergab die Interalliierte Kommission im Regierungsgebäude Allenstein das Abstimmungsgebiet an die deutschen Behörden15. Im Ergebnis der Volksabstimmung wurden drei Grenzdörfer im Kreis Osterode Polen angeschlossen: Groschken (Groszki), Klein Lobenstein (Lubstynek) und Klein Nappern (Napromek)16. 1 694 Gemeinden stimmten mehrheitlich für Deutschland und neun für Polen (darunter vier im Kreis Osterode und ein Dorf, Thurau, im Kreis Neidenburg)17. Aufgrund des Abstimmungsergebnisses wurden fünf Weichseldörfer im Marienburger Land an Polen angeschlossen18.

Nach dem Abschluss des Plebiszits erhielt Ostpreußen seine endgültige territoriale Gestalt, die in den Jahren 1920-1938 eine Fläche von 36 995,67 km2 hatte und ← 53 | 54 → nur um etwa 10 km2 kleiner war als vor dem Ersten Weltkrieg. Ungeachtet des Verlustes des Memellandes und des Soldauer Gebiets wurden Ostpreußen sechs neue Kreise angegliedert, die 1913 Teil der Provinz Westpreußen waren: Elbing-Stadt, Elbing-Land, Marienwerder, Marienburg, Stuhm und Rosenberg. Sie hatten eine Fläche von insgesamt 2 927,33 km2, zählten ca. 40 000 Einwohner und bildeten den Regierungsbezirk Westpreußen, der zunächst noch Regierungsbezirk Marienwerder genannt wurde. Der Name Regierungsbezirk Westpreußen in der Provinz Ostpreußen sollte zum Ausdruck bringen, dass Deutschland auf den Vorkriegsbesitz nicht verzichtet.

Die Provinz Ostpreußen bestand in der Zeit zwischen beiden Weltkriegen (1920-1938) aus vier Regierungsbezirken: Königsberg (mit dem einen Stadtkreis Königsberg und 12 Landkreisen mit einer Gesamtfläche von 13 148,16 km2 und etwa 1 Mio. Einwohner), Gumbinnen (mit den beiden Stadtkreisen Insterburg und Tilsit sowie 10 Landkreisen mit einer Fläche von 9 400,26 km2, auf der mehr als eine halbe Million Menschen lebten), Allenstein (Stadtkreis Allenstein und 9 Landkreise mit einer Fläche von 11 519,92 km2 und ca. 550 000 Einwohnern) und dem Regierungsbezirk Westpreußen19. ← 54 | 55 →


9      W. Wrzesiński, Od Wersalu do Poczdamu. Rys historyczny, in: Dzieje Warmii i Mazur w zarysie, Bd. 2: od 1871 do 1975 roku, Warszawa 1983, S. 99.

10    Keinen Abbruch tat dieser Maßnahme die polnische Sperrung der Eisenbahnstrecke vom Reich nach Ostpreußen über Schneidemühl-Bromberg-Thorn-Allenstein ab 29. Januar 1920. Die deutsche Seite richtete daraufhin den Seedienst Ostpreußen zwischen Swinemünde-Zoppot-Pillau ein.

11    In einem 1919 vom Masuren- und Ermländerbund in Berlin herausgegebenen „Masurischen Heimatkalender für das Jahr der Abstimmung 1920“ lesen wir unter anderem: „Ist es wahr, dass Polen in der Kultur hinter uns zurücksteht? Das ist wahr. Polen steht hinter allen Ländern Europas in der Kultur weit zurück. (…) Fast zwei Drittel des Volkes können weder lesen noch schreiben. Die große Masse des Volkes lebt in Elend und Schmutz. (…) Käme unsere Heimat zu Polen, so würden wir eine Masseneinwanderung von polnischen Juden erleben. (…) Unser Kaufmann, unser Handwerker würden ihnen ganz machtlos gegenüberstehen. Der polnische Jude handelt und arbeitet für jeden Preis, da er ganz und gar bedürfnislos ist“. Zitiert nach: A. Kossert, Masuren. Ostpreußens vergessener Süden, Berlin ³2002, S. 247 f.

12    Im masurischen Willenberg (Kreis Osterode) wurden Plakate aufgehängt: „Verräter raus! Alle bezahlten Vaterlandsverräter von Willenberg und Umgebung und diejenigen, die sich nach ihrem vielgerühmten Polakenreich gesehnt haben, werden aufgefordert, innerhalb drei Tagen mit Sack und Pack und dem Judas-Geld nach dem Lande, wo Milch und Honig fließt, zu verschwinden“. Ebenda, S. 256.

13    W. Wrzesiński, Od Wersalu do Poczdamu…, S. 101.

14    A. Kossert, Masuren…, S. 259.

15    Andere Volksabstimmungen gingen für Deutschland nicht so günstig aus. Nach drei Aufständen in Oberschlesien (1919-1921) und der Volksabstimmung vom 20. März 1921 wurden 29 % der Fläche Oberschlesiens an Polen angegliedert (sechs Kreise mit zusammen 3 200 km2). Dänemark bekam durch das Plebiszit Nordschleswig wieder. Die Volksabstimmung wurde am 10. Februar 1920 in Nordschleswig und am 14. März in Südschleswig durchgeführt. 74 % (andere Quellen sprechen von 92 %) der Wahlberechtigten stimmten für Dänemark; in Flensburg und Südschleswig stimmten 80 % (75 %) für Deutschland. Die damals festgelegte Grenze gilt bis heute. Die Volksabstimmung vom 24. Juli 1920, die in Eupen und Malmedy unter der belgischen Besatzung durchgeführt wurde, ergab, dass ein 1 036 km2 großes Gebiet mit etwa 60 000 Bewohnern Belgien angegliedert wurde. Im Jahr 1940 wurde diese Region dem Dritten Reich angeschlossen; seit 1945 gehört sie erneut zu Belgien. Vgl. Leksykon historii powszechnej 1900-1945, pod red. S. Sierpowskiego i współpracy S. Żerki, Poznań 1996, S. 429, 116, und N. Davies, Europe. A history, Oxford 1996, S. 931

16    Im Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815-1945… wird das an Polen abgetretene Gebiet näher bezeichnet: „Landgemeinden Groschken und Klein Nappern; Teile der Landgemeinden Groß Lehwalde, Klein Lobenstein mit Pientken und Stegna; Teile der Gutsbezirke Groß Grieben und Klein Nappern mit Czerlin“, S. 129.

17    A. Kossert, Masuren…, S. 254.

18    Grundriß…, S. 10.

19    G. H. Goring, Das nördliche Ostpreußen…, S. 347-349.

3.   Ostpreußen in der Weimarer Republik

Ostpreußen, das im Jahr 1925 2,256 Mio. Einwohner zählte (was lediglich 3,6 % der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches entsprach, auf einem Gebiet von 7,9 % des Reichsterritoriums), war eine Randprovinz. Dies resultierte sowohl aus der strukturellen wirtschaftlichen Unterentwicklung als auch aus der geopolitischen Lage. Für die schwache wirtschaftliche Entwicklung der Provinz waren nicht zuletzt die großen Zerstörungen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs maßgebend.

Wegen ihrer Insellage wurde die „vom Reich abgeschnürte“ Provinz oftmals als einzige Kolonie, die Deutschland noch verblieben sei, bezeichnet. Ostpreußen grenzte an Polen (auf einer Länge von 608,8 km), an die Freie Stadt Danzig (84,9 km) sowie an das Memelland und Litauen (232,8 km)20. Auch heute besitzt ein Teil des früheren Ostpreußens, d. h. das Kaliningrader Gebiet, Inselcharakter. Diesmal resultiert seine geopolitische Lage nicht allein daraus, dass es von Russland abgeschnitten ist, sondern dass das „EU-Meer“ in Form Polens und Litauens es umgibt.

Mehrere Faktoren waren entscheidend dafür, dass Ostpreußen als „Germanias ärmstes Stiefelkind“ verspottet wurde: die geringe Bevölkerungszahl, die ungünstige Landwirtschaftsstruktur mit einem beachtlichen Anteil von Großagrariern, eine schwach entwickelte Industrie, große Abhängigkeit von Beschaffungs- und Absatzmärkten, was auf unzureichende Verbindungen mit dem nächstgelegenen Hinterland (Polen, baltische Staaten) zurückzuführen war, und das Angewiesensein auf finanzielle Hilfen der Zentralregierung in Berlin21.

Ostpreußen war die ärmste Provinz ganz Deutschlands. Der Durchschnittslohn eines ostpreußischen Arbeiters lag im Schnitt um ein Drittel niedriger als im übrigen Reich22. Der agrarische Charakter dieses Landstrichs ohne größere Industrie wirkte sich essentiell auf die Beschäftigungsstruktur aus. 1925 waren 45,4 % der Gesamtbevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt (47,8 % aller aktiven Berufstätigen). In ganz Deutschland lag dieser Prozentsatz bei 23,0 %. In Industrie und Handwerk arbeiteten 19,6 % gegenüber 41,3 % deutschlandweit. In Handel und Verkehr betrugen diese Zahlen 12,9 % bzw. 16,9 %23. ← 55 | 56 →

Kennzeichnend für die ostpreußische Agrarwirtschaft waren große Missverhältnisse. Auf 3 300 Großbetriebe mit je mehr als 100 ha entfielen 37,8 % der gesamten Agrarfläche der Provinz, während 116 900 kleine Höfe mit bis zu 2 ha insgesamt nur 2,2 % der Agrarfläche ausmachten24.

Die Bevölkerungsdichte in Ostpreußen war die niedrigste in ganz Deutschland. Im Jahr 1925 betrug sie lediglich 61,0 Einwohner je km2 (am größten – 90,3 – war sie im Regierungsbezirk Marienwerder und am niedrigsten im Regierungsbezirk Allenstein – 46,9). Grundsätzlich wich sie von den Daten aus früheren Jahren nicht ab. Im Jahr 1919 betrug sie 60,15 Einwohner je km2, 1910 waren es 58,05 Einwohner je km2. Der Reichsdurchschnitt betrug im Jahr 1925 (ohne das Saarland) 133,14 Einwohner je km2 (in ganz Preußen – 132,02 Einwohner je km2). Am schwächsten bevölkert war Masuren, wo diese Kennzahl im Jahr 1925 nur 10,98 Einwohner je km2 im Kreis Lötzen bzw. 11,24 Einwohner je km2 im Kreis Deutsch Eylau betrug25.

Die Provinz war als Ganzes schwach organisiert und wirtschaftlich rückständig. Die Industrie konzentrierte sich in den größeren Städten. Die einzige Großstadt war die Provinzhauptstadt, die im Jahr 1925 286 700 Einwohner zählte. Sie war neben Elbing (67 900 Einwohner), Tilsit (50 800) und Insterburg (39 300) Standort größerer Produktionsbetriebe (Werft-, Holz- sowie Agrar- und Lebensmittelindustrie)26. Durch die begrenzte Zahl der Arbeitsplätze waren viele Menschen gezwungen, auf Arbeitssuche ins Reich auszuwandern. In den Jahren 1925-1933 verließen 94 800 Einwohner die Provinz (durchschnittlich 11 900 im Jahr). Im Zuge der sog. Ostflucht wanderten im Zeitraum 1871-1933 gar 922 400 Personen aus (die meisten in den Jahren 1871-1900: 531 400 und 1900-1925: 296 200)27.

Angesichts der schwierigen Lage in den ländlichen Gebieten sahen sich die Behörden veranlasst, Parzellierungs- und Siedlungsmaßnahmen zu ergreifen28. Gewisse Ähnlichkeit zeigt hier eine von den Kaliningrader Behörden eingeleitete und ebenfalls wenig erfolgreiche Siedlungsmaßnahme vom Beginn des 21. Jahr ← 56 | 57 → hunderts, die ihrerseits darauf abzielte, die Russen aus Russland und dem Ausland zur Niederlassung zu animieren.

Charakteristisch für die ostpreußische Wirtschaft war das permanente Haushaltsdefizit, das jährlich ca. 200 Millionen Reichsmark betrug. Dies machte die ständige finanzielle Unterstützung aus Berlin erforderlich. Heute ist das Kaliningrader Gebiet ebenfalls außerstande, ohne Zuschüsse aus Moskau normal zu funktionieren.

Bereits 1922 billigte die Reichsregierung eine Entschließung zum Ostpreußenprogramm29. Im Dezember 1929 wurde ein Sofortprogramm umgesetzt, bei dem die Provinz einen Betrag von mehr als 17 Mio. RM (darunter 8,5 Mio. RM als nicht rückzahlbares Darlehen) erhalten hat. Da die ostpreußische Wirtschaft weiterhin in der Klemme steckte, beschloss die Berliner Regierung 1928 die Ostpreußenhilfe. Im Rahmen dieser Hilfe bekam Königsberg jährlich eine finanzielle Unterstützung von ca. 75-80 Mio. RM. 1931 wurde ein neues Gesetz über die Osthilfe verabschiedet. Demnach sollte ein zusätzlicher Betrag von 2 Mio. RM innerhalb von sechs Jahren zur Verfügung gestellt werden. Die These vom Kolonialcharakter Ostpreußens als Resultat des Friedensvertrags von Versailles war das Hauptargument der antipolnischen Propaganda30. Nicht ohne Bedeutung für die wirtschaftliche Lage Ostpreußens war auch der Wirtschaftskrieg mit Polen, der in den zwanziger Jahren von der Weimarer Republik geführt wurde. Er führte zu einem starken Rückgang der Ausfuhren und zum Verlust des natürlichen Absatzmarktes ostpreußischer Waren. Diese Angelegenheit spielte eine wichtige Rolle bei dem sog. „Ostpreußenproblem“31. ← 57 | 58 →


20    Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, hrsg. von Statistischen Reichsamt, Fünfzigster Jahrgang 1931, Berlin 1931, S. 1.

21    Vgl. D. Herz-Eichenrode, Politik und Landwirtschaft in Ostpreußen 1919-1930. Untersuchung eines Strukturproblems in der Weimarer Republik, Köln/Opladen 1969.

22    Zum Beispiel betrug dieser Lohn im Jahr 1929 18,64 RM, während es im eigentlichen Reich 31,19 RM waren; im Jahr 1932 waren es 16,06 RM gegenüber 22,88 RM. B. Koziełło-Poklewski, Rola Prus Wchodnich w niemieckim organizmie gospodarczym w okresie międzywojennym, in: Województwo Olsztyńskie. Monografia ekonomiczno-społeczna 1945-1969, Wrocław/Warszawa/Kraków/Gdańsk 1974, S. 30.

23    W. Wakar, Struktura demograficzna Prus Wschodnich, in: Prusy Wschodnie. Przeszłość i teraźniejszość, pod red. M. Zawidzkiego, Poznań 1932, S. 162.

24    W. Pohorecki, Mazurzy w Prusach Wschodnich, in: Sprawy Narodowościowe 1932, Heft 2-3, S. 168 f.

25    Statistisches Jahrbuch…, S. 5.

26    Die meisten Arbeiter waren in der Lebensmittel-, Papier-, Metall- und Holzbranche beschäftigt. B. Koziełło-Poklewski, Rola Prus …, S. 49.

27    J. Affeltowicz, Problem uprzemysłowienia Prus Wschodnich w latach 1871-1939 ze szczególnym uwzględnieniem oceny uprzemysłowienia obszaru obecnego województwa olsztyńskiego, Olsztyn 1960, S. 39.

28    In den Jahren 1919-1928 wurden durch Parzellierung 4 225 neue Siedlungen mit einer Fläche von insgesamt 52 200 ha geschaffen. A. Lutyński, Upadek gospodarczy Prus Wschodnich, in: Prusy Wschodnie. Przeszłość i teraźniejszość, pod red. M. Zawidzkiego, Poznań 1932, S. 240.

29    Darin lesen wir unter anderem: „1. Die Provinz Ostpreußen ist infolge der durch den Vertrag von Versailles eingetretenen Abschnürung vom übrigen Preußen und Reich wirtschaftlich und politisch sehr gefährdet. Das ostpreußische [Hervorhebung durch A.S.] Problem wird als ein solches von höchster politischer Bedeutung für ganz Preußen und Deutschland anerkannt. (…) 3. Aus der Notwendigkeit der Bereitstellung von Äquivalenten, die Ostpreußen befähigen sollen, die Wirkung des Korridors zu überwinden, ergibt sich als Ziel der von der Staats- und Reichsregierung zu verfolgenden Politik möglichste Wiederherstellung der innerdeutschen Relativität der Produktionsbedingungen nach dem Vorkriegsstande für die Ostprovinz.“ Zit. nach: B. Koziełło-Poklewski, Rola Prus…, S. 23.

30    B. Koziełło-Poklewski, Rola Prus…, S. 19-27; W. Wrzesiński, Prusy Wschodnie – ostatnia kolonia niemiecka, in: Dzieje Warmii i Mazur w zarysie, Bd. 2, Warszawa 1983, S. 148-155. A. Kotiużyński, Niemiecka pomoc gospodarcza dla Prus Wschodnich i jej cele polityczne, in: Prusy Wschodnie. Przeszłość i teraźniejszość, pod red. M. Zawidzkiego, Poznań 1932, S. 285-388.

31    Vgl. E. Ruecker, Ewolucja zagadnienia Prus Wschodnich, in: Prusy Wschodnie. Przeszłość i teraźniejszość, pod red. M. Zawidzkiego, Poznań 1932, S. 309-338. Vgl. auch: Die große Not des deutschen Ostens, von Dr. Hesse, Berlin 1931; S. Srokowski, Z krainy Czarnego Krzyża, herausgegeben und mit einer Einführung versehen von M. Szostakowska, Olsztyn 1980.

4.   Die „Nationalsozialistische Revolution“ in Ostpreußen (1933-1939) und ihre Folgen

Am 30. Januar 1933 betraute Reichspräsident Paul von Hindenburg, der „Retter Ostpreußens“, Adolf Hitler mit der Regierungsbildung, was den Auftakt zur legitimen „Machtergreifung“ durch die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) bildete. Besonders viel Grund zur Freunde hatte Erich Koch (1896-1986), der Gauleiter in Ostpreußen. Unter seiner Führung erzielte die NSDAP die größten Wahlerfolge in Deutschland. Aus einer unbedeutenden Partei (in den Wahlen am 20. Mai 1928 erhielt sie 0,8 % oder nur 8 097 Stimmen) wurde sie Anfang der dreißiger Jahre zur wichtigsten politischen Kraft der Provinz. In den Wahlen am 14. September 1929 bekam sie bereits mehr als ein Fünftel der Stimmen (22,8 % oder 236 511 Stimmen, im Reich 18,3 %), während in der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 beinahe jeder zweite Bewohner der Provinz für sie stimmte (46,8 % oder 536 278 Stimmen, im Reich 37,4 %). In den Wahlen am 5. März 1933 erzielte sie ein neues Rekordergebnis: 56,5 % der Bewohner Ostpreußens votierten für die Partei Hitlers und Kochs. Dies war auch das höchste Ergebnis, das die NSDAP in ganz Deutschland erreichte32. Nach der Machtübernahme wurde rasch mit Säuberungen auf allen Machtebenen begonnen. In leitende Positionen wurden vertraute „alte Volksgenossen“ delegiert.

Der Sieg der „nationalsozialistischen Revolution“, der eine „neue Ordnung“ ankündigte und die Grundlage für das „tausendjährige Reich“ schuf, resultierte aus dem Zusammentreffen mehrerer Faktoren. Neben solchen, die allgemein für ganz Deutschland Gültigkeit hatten, wie die ständige Wirtschaftskrise mit der enormen Arbeitslosigkeit, die Demütigung durch den verlorenen Krieg und die Folgen der Versailler Friedensordnung usw., spielten im Falle Ostpreußens auch andere spezifische Aspekte eine Rolle, die es zur Hochburg der NSDAP werden ließen. An erster Stelle zu nennen sind dabei die tiefe Krise in der Landwirtschaft, aus der die meisten Einwohner der Provinz ihren Lebensunterhalt bestritten, sowie die geopolitische „Insellage“ Ostpreußens. Die „polnische Bedrohung“ bewirkte, dass das Grenzland als Bollwerk und Vorposten des Reiches im Osten gesehen wurde. Der „Ostpreußenführer“ Koch schrieb 1934: „Wir Ostpreußen sind der Vorposten des vom Führer von Grund auf erneuerten Reiches. Wir sind sozusagen das erste Bataillon Garde für Preußen und Deutschland“33. ← 58 | 59 →

Im Umfeld der wirtschaftlichen, politischen und moralischen Krise nahm die nationalsozialistische Bewegung an Stärke zu. Wie jedes totalitäre System, setzte sie sich die Schaffung, einer „neuen Gesellschaft“ und einer „neuen Welt“ zum Ziel. Um dies zu erreichen, strebte sie nach ideologischer Herrschaft und der Führungsrolle im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben.

Ab Januar 1933 rollte über Ostpreußen (ähnlich wie über ganz Deutschland) eine wochenlang anhaltende Welle des Terrors hinweg. Hunderte Menschen (Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter usw.) wurden in Schutzhaft genommen. Ein Teil von ihnen wurde in ein „wildes“ Konzentrationslager im Fort Quednau bei Königsberg gebracht34.

Als Voraussetzung der „nationalsozialistischen Revolution“ gewann die deutsche Gesellschaft „extreme Energien aus der von der Führung gehaltenen Einheit des Gegensätzlichen: von rationalen und emotionalen politischen Bedürfnissen, von alten und neuen Eliten, von Volk, Partei und Bürokratie“ – so Götz Aly35.

Die Ideologie der Partei Hitlers stütze sich auf die „Lehre von der Ungleichheit der Rassen und versprach den Deutschen im gleichen Atemzug mehr Chancengleichheit, als es während des Kaiserreichs und noch während der Republik in Deutschland gegeben hatte. In der Praxis geschah das auf Kosten anderer, mit den Mitteln des Raub- und Rassenkrieges. Aus der Innenschau schien sich im Rassenkampf das Ende des Klassenkampfes anzudeuten. So gesehen, propagierte die NSDAP eine der sozial- und nationalrevolutionären Utopien des vergangenen Jahrhunderts. Das machte sie populär. Daraus bezog sie ihre verbrecherischen Energien“36. Es sollte eine klassenlose Volksgemeinschaft entstehen.

Die nationale Revolution der NSDAP stützte sich in Ostpreußen auf eine „Ostideologie“. Besondere Bedeutung gewann darin der neue Mythos von Ostpreußen als „Bollwerk“ und „Festung“ des Reiches (Vorpostenmythos)37. Laut Erich Koch: ← 59 | 60 → „Die drei Begriffe Ostpreußen, Preußen und Osten sind seit der Machtübernahme durch unsern Führer Adolf Hitler immer stärker miteinander verschmolzen“38.

Die „deutsche Revolution“, wie sie durch die NSDAP, die „Partei des preußischen Sozialismus“ in Ostpreußen umgesetzt wurde, sollte die Insellage der Provinz überwinden und das neue Bollwerk im Osten mit Hitlers Staat verbinden. Dieses Ziel sollte durch den „sozialistischen Aufbau“ der Provinz, d. h. durch den Kampf gegen „Materialismus und Reaktion, für Nationalismus und preußischen Sozialismus“ sowie durch den „Kampf um Ehre und Frieden in außenpolitischer Hinsicht“ erreicht werden39. Dieses Ziel hatte der neue „ostpreußische Mensch“ im Rahmen einer klassenlosen „Volksgemeinschaft“ zu realisieren40.

Einen wichtigen Platz in der „neuen Außenpolitik“ der Nationalsozialisten nahm Polen ein. Der am 26. Januar 1934 unterzeichnete Nichtangriffspakt zwischen dem Dritten Reich und Polen dämmte die antipolnische Rhetorik von der „fortschreitenden Polonisierung“ und der „Gefährdung“ Ostpreußens ein. Dies bedeutete aber keinesfalls einen Verzicht auf strategische Ziele wie die Revision des Friedensvertrages von Versailles, einschließlich der „Beseitigung des Korridors“. Verbürgt wurde diese Politik durch „Frontsoldaten“: einerseits Józef Piłsudski und Józef Beck, andererseits Hitler und Koch, die die „Außenpolitik der Frontkämpfer“ betrieben41.

Die NSDAP wurde in Ostpreußen rasch zu einer gesamtnationalen Massenpartei. Im September 1930 zählte sie noch 2 799 Mitglieder, während es im Januar 1933 bereits 27 526 (darunter 3 567 Frauen) waren. Im Jahr 1938 erreichte sie das Niveau von 90 000 Mitgliedern. Bald wandelte sie sich von einem Sammelsurium ← 60 | 61 → demobilisierter und frustrierter Soldaten zu einer heterogenen Partei, der Vertreter aller sozialen Klassen, Gruppen und Berufe angehörten (im Januar 1933 machten Arbeiter 24,7 % aller Mitglieder aus, Bauern 18,7 %, Selbständige – Handwerker, Kaufleute, Freiberufler – 17,2 %, Angestellte 17,2 %). In der Partei dominierten junge Menschen: Nicht weniger als 41,0 % der Mitglieder waren 21-30 Jahre alt (31-40 Jahre: 28,7 %)42. Dies bestätigt die These, dass die „Bewegung“ besonders in ihrer Anfangsphase auf die Jugendlichen, die Bauern und das Industrieproletariat ausgerichtet war. Da sie eine „Verjüngung der Kader“ forderte, wurde die NSDAP von den meisten jungen Deutschen nicht mit Diktatur, fehlender Meinungsfreiheit oder Unterdrückung assoziiert, sondern bedeutete für sie „Freiheit und Abenteuer“43.

Die „Bewegung“ stand für Modernisierung und Modernität. Sie setzte Initiativgeist frei, zerstörte traditionelle Wertehierarchien und Verwaltungsstrukturen. Ein ostpreußisches Führungsmitglied der Partei beschrieb die Ziele der ostpreußischen Gauleitung vor 1933 so: „Kampf gegen Interessenegoismus der Reaktion wie überhaupt jedes Standes, weitmöglichste Einheit von Partei und Staat, Kampf gegen Bonzentum und Korruption, für ein sauberes und leistungsfähiges nationalsozialistisches Führertum“44.

Die Aktivitäten der Nationalsozialisten zeitigten reale Erfolge bei der Lösung sozialer Grundprobleme, wie Beseitigung der Arbeitslosigkeit, Ausbau der Bildung und Sozialfürsorge, darunter der sozialen Gesetzgebung (Verdoppelung der Zahl arbeitsfreier Tage, Einführung des bis dahin unbekannten „Arbeitnehmerurlaubs“ mit der Möglichkeit, die Vorzüge des Massentourismus zu nutzen usw.), Aufschwung der Motorisierung, Verbreitung von Rundfunk und Kino oder Erhöhung des Lebensstandards. Dies hatte zur Folge, dass sich der Nationalsozialismus einer echten Unterstützung fast aller Deutschen erfreute. Viele von ihnen waren fanatische Anhänger des Führers und der von ihm geleiteten Partei. Den durch und durch demagogischen Charakter der nationalsozialistischen Parolen nahm man nicht wahr bzw. wollte ihn nicht wahrnehmen. Der Faschismus als „Kult von Tat und Gewalt“ berief sich auf „Gefühle, Mythen, die mythologisierte Vergangenheit der Nation“, er kreierte „mythologisierte Feindbilder“, gegen die er die öffentliche Meinung wirksam aufwiegelte45. Mit modernen Propagandamethoden machte er sich alle irrationalen Reaktionen zunutze, bis hin zum Hass gegen vermeintliche Feinde. „Minderwertig“ konnten Juden, Bolschewiken oder ← 61 | 62 → „Polacken“ sein. Damit einher gingen ein massiver Raubzug, zunächst auf Kosten der Juden und später der eroberten Staaten, sowie die Sklavenarbeit von Millionen von Menschen im unterjochten und gefügig gemachten Europa. Zum unabdingbaren Bestandteil der „nationalsozialistischen Revolution“ wurden die unter staatlicher Ägide organisierten massenhaften Verbrechen eines Völkermords von in der Neuzeit ungekanntem Ausmaß.

Ostpreußen wurde damals zur führenden Provinz Deutschlands, wo die „nationalsozialistischen Ideale in die Tat umgesetzt werden“46. Der die Wirtschaft kontrollierende Staat führte ein effektives System der Machtausübung ein. Diese diktatorischen Maßnahmen kamen unter anderem in der sog. Arbeitsschlacht zum Ausdruck, die zur „Ostideologie“ gehörte. Gemäß der Propagandakampagne wurde bereits ab Juni 1933 die Parole ausgegeben: „Jedem ‚eine‘, dann jedem ‚seine‘ Arbeitsstelle“. In der Praxis bedeutete dies, dass jeder Arbeitslose zunächst eine existenzsichernde Arbeit bekommen und sich im zweiten Schritt um einen ihm gemäßen Arbeitsplatz bewerben sollte. Da die Einflussnahme auf Unternehmer zwecks höherer Beschäftigung erfolglos blieb, wurde beschlossen, etwa 57 000 Arbeitslose den meist ungenügend vorbereiteten und schlecht bezahlten öffentichen Arbeiten zuzführen. Weitere 30 000 Menschen fanden freiwillig oder zwangsweise Arbeit in der Landwirtschaft im Rahmen der „Landhilfe“. Etwa 10 000 bis 15 000 Menschen wurden in Arbeitslager eingewiesen, obwohl dazu gar kein Anlass bestand. Tausende wurden hauptsächlich bei Meliorationsarbeiten und im Straßenbau eingesetzt. Viele dieser Projekte wurden im Rahmen des „Arbeitsdienstes“ realisiert.

Bereits am 19. Dezember 1933 wurde feierlich der Bau einer 92 km langen Autobahn zwischen Königsberg und Elbing-Ost begonnen. Es war das erste Vorhaben dieser Art im Dritten Reich. Die Nationalsozialisten maßen dem Bau eines Netzes von Reichsautobahnen (RAB), die als „Straßen des Führers“ bezeichnet wurden, große Bedeutung bei. Die Autobahn, die damals die beiden größten Städte der Provinz, d. h. Königsberg und Elbing, miteinander verband, wurde am 3. Dezember 1938 in Betrieb genommen.47 Man errichtete nur die südliche Fahrbahn und ließ Platz für die nördliche, die mit zunehmendem Verkehrsaufkommen gebaut werden sollte. Später sollten im Verlauf der „vorläufigen einbahnigen Autobahn“ Umgehungen von Königsberg und Elbing gebaut werden, darunter die neue Anschlussstelle Elbing-West48, die eine Verbindung zur polnischen Gren ← 62 | 63 → ze bekommen sollte49. Sie war Teil eines groß angelegten Autobahnprojekts, das Ostpreußen mit dem Reich auf der Strecke Berlin-Königsberg verbinden sollte50. ← 63 | 64 →

Die großen Vorhaben der Jahre 1933-1938 im Rahmen des „Ostpreußenplans“ (auch „Erich-Koch-Plan“ genannt) wurden mit den Methoden eines totalitären Staats umgesetzt. Beispielsweise wurde beim Autobahnbau ein Netz von „Reichsautobahnlagern“ eingerichtet, wo deutsche Arbeiter teilweise unter Zwangsbedingungen untergebracht waren und ihren Lebensunterhalt mit einem geringen Lohn (0,35 RM pro Stunde) bestreiten mussten51.

Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, der Baubeginn der ersten Autobahn im Reich usw. machten den Führer, andere Größen des Dritten Reiches und die damaligen Medien auf die „einmaligen Erfolge der Provinz“ aufmerksam. Ostpreußen und sein Gauleiter wurden zum Inbegriff des Wandels. Der „Völkische Beobachter“ und mit ihm die gesamte Presse in Deutschland berichteten über das „Wunder von Ostpreußen“ und über das „Beispiel Ostpreußen“. Koch genoss die volle Unterstützung Hitlers, weswegen er immer wieder finanzielle Mittel aus dem Staatshaushalt bekommen konnte. Auf seine Initiative, unter anderem als Oberpräsident Ostpreußens52, wurde die Erich-Koch-Stiftung ins Leben gerufen, deren offizielles Ziel darin bestand, das „sozialistische Werk“, d. h. den weiteren „Umbau“ der Provinz, zu intensivieren53.

Eine Gelegenheit, die in fünf Jahren erreichte Umsetzung des auf sechs Jahre angelegten „Koch-Plans“ zu resümieren, bot sich beim Gauparteitag der ostpreußischen NSDAP anlässlich der „10-Jahres-Feier“ der „Bewegung“54. Die Feier ← 64 | 65 → lichkeiten fanden am 16.-19. Juni 1938 in Königsberg statt. Den Höhepunkt des Parteitages bildete eine große Abschluss-Inszenierung auf dem Hauptplatz; dieser war zu Ehren des „Ostpreußenführers“ nach ihm benannt (Erich-Koch-Platz). Vorher trug er den Namen Walter-Simon-Platz (nach einem verdienten jüdischen Bankier der Stadt). An den Feierlichkeiten nahmen 70 000 NSDAP-Mitglieder und 4 000 Wehrmachtssoldaten teil55.

Die Vorhaben in den „Aufbaujahren“ nach 1936 erfolgten im Rahmen des auf dem Reichsparteitag 1936 verabschiedeten Nationalsozialistischen Vierjahresplans durchgeführt.56

Nach Ansicht Ralf Meindls wurden die bestehenden Möglichkeiten selektiv genutzt. Letztendlich wurden „viele der hochgesteckten Ziele nicht erreicht, dennoch nahm die ostpreußische Wirtschaft einen deutlichen Aufschwung, und auch der beabsichtigte Strukturwandel hin zu einer kleinindustriellen Wirtschaftsform begann sich deutlich abzuzeichnen“57. Ostpreußen verlor aber seinen ländlich-agrarischen Charakter nicht. Im Jahr 1939 arbeiten in Land- und Forstwirtschaft nach wie vor 36,5 % aller Berufstätigen (gegenüber 42,1 % im Jahr 1933 und 45,2 % im Jahr 1925; der Durchschnittswert für das gesamte Reich betrug im Jahr 1939 19,1 %). Geringfügig stieg der Anteil der Arbeiter (von 48,9 % im Jahr 1933 auf 52 % im Jahr 1939) und der Beamten (von 15,7 auf 16,8 %).

Es gelang nicht, das Problem der Arbeitslosigkeit zu beseitigen, wenn sie auch stark begrenzt wurde. Dazu bediente man sich oftmals polizeilicher Zwangsmethoden. 1937 waren 21 400 Menschen nach wie vor ohne Arbeit (gegenüber 64 000 im Jahr 193358 bzw. 102 000 im Jahr 1932)59. ← 65 | 66 →

Genährt wurde der Kult Kochs als „Führer der Provinz“ (auch „Vater der Provinz“ oder „Onkel Gauleiter“) nicht zuletzt durch das Bauprogramm von Wohnsiedlungen für Industrie-, Land- bzw. Forstarbeiter (Koch-Siedlung). Es waren funktionell Häuser mit einem Garten und kleinen Wirtschaftsanbauten. Bis heute haben sie sich in den Vororten ostpreußischer Städte und in zahlreichen Dörfern erhalten60. Sie sind im gesellschaftlichen Bewusstsein Masurens immer noch präsent und werden als „Kochówki“ bezeichnet61. In den Grenzgebieten zu Polen wurde ein Grenzlandprogramm aufgelegt, in dessen Rahmen neue Bauernhofgebäude aus roten Ziegelsteinen gebaut wurden. Bis heute imponieren sie durch Funktionalität, moderne Lösungen und solide Ausführung. Aufgelegt wurde auch ein Ernährungsprogramm für Kinder in der Region („täglich eine warme Mahlzeit in der Schule“).

Während der ersten sechs Jahre der NSDAP-Regierung (1933-1939) haben sich in Ostpreußen zahlreiche Änderungen im sozialen Leben vollzogen. Durch die Gleichschaltung wurde (wie in ganz Deutschland) jegliche Opposition mundtot gemacht, die bürgerlichen Freiheiten (unter anderem Presse- und Versammlungsfreiheit u.ä.) aufgehoben sowie das gesellschaftliche Leben umfassend zentralisiert und unter Kontrolle gestellt. Im Gegenzug erlebten zum Beispiel die Landwirte eine Hochkonjunktur (unter anderem durch Entschuldung der Höfe und günstige Darlehen). Mit dem Absatz landwirtschaftlicher Produkte zu günstigen Preisen gab es keine Probleme. Auch in Königsberg, der Gauhauptstadt, wurden neue Vorhaben geplant und realisiert (z. B. der Bau eines neuen Universitätskomplexes im Norden der Stadt). Geplant war ferner, an der Ostsee riesige Erholungsobjekte nach dem Vorbild von Prora auf Rügen zu bauen.

Während der Umsetzung des „Koch-Plans“ stieg der Lebensstandard: Beispielsweise belief sich die Zahl der Personenkraftwagen und der Autobusse im Jahr 1933 auf 124 000, um im Jahr 1937 auf 329 000 zu steigen. Auf den Sparbüchern hatten die Einwohner Ostpreußens im Jahr 1933 Guthaben im Wert von 218,4 Mio. RM und im Jahr 1937 bereits von 312,1 Mio. RM. Der durchschnitt ← 66 | 67 → liche wöchentliche Arbeiterlohn stieg von 15,17 RM (1933) auf 17,68 RM (1936; im Reich waren es 25,19 RM)62.

Massenorganisationen wie DAF (Deutsche Arbeitsfront), KdF (Kraft durch Freude), HJ (Hitler-Jugend), BDM (Bund Deutscher Mädel), NSDStB (Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund), NSF (Nationalsozialistische Frauenschaft) oder nationalsozialistische Lehrer- und Juristenorganisationen, Automobil- oder Flugverbände schufen Voraussetzungen für das Entstehen eines „neuen Menschen“ im Rahmen der „Volksgemeinschaft“63. Ähnliche Ziele verfolgten die Kommunisten in den Jahren 1945-1991 im Kaliningrader Gebiet, die einen neuen „Sowjetmenschen“ formen wollten.

Offen bleibt, wie die weitere Entwicklung Ostpreußens verlaufen sein würde, wäre nicht der Zweite Weltkrieg ausgebrochen, der eine neue Ära in der Geschichte dieser Landschaft markierte. ← 67 | 68 →


32    Vgl. D. Hertz-Eichenrode, Die Wende zum Nationalsozialismus im südlichen Ostpreußen 1930-1932. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte des Masurentums, in: Olsztyńskie Studia Niemcoznawcze, Olsztyn 1986, S. 70-73; J. W. Falter, Hitler Wähler, München 1991, S. 75.

33    E. Koch, Aufbau im Osten, Breslau 1934, S. 26. Der tatsächliche Autor dieser „programmatischen“ Arbeit war Schriftsteller Otto Weber-Krohse. Vgl. Ch. Pletzing, Einführung: Vorposten des Reiches? in: Vorposten des Reiches? Ostpreußen 1933-1945, hrsg. von Ch. Pletzing, München 2006, S. 7.

34    Vgl. R. Meindl, Ostpreußens Gauleiter. Erich Koch – eine politische Biographie, Osnabrück 2007, S. 147.

35    G. Aly, Hitlers Volksstaat, Frankfurt/M. ³2005, S. 16

36    Ebenda. Die nationalsozialistische Revolution ist eine Form von „Social Engineering“, wenn beim „bürokratisierten Völkermord“ Menschen massenweise getötet werden. Vgl. Z. Bauman, Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, Hamburg 1992, S. 81-85.

37    In dem Beitrag Das Gesetz der Revolution, der am 9.07.1933 in der „Ostpreußischen Zeitung“ erschien, lesen wir unter anderem: „Unsere Provinz, die abgetrennte Insel in der brodelnden Slawenflut (…), soll ein neues Bollwerk werden, Kraftzentrum eines neuen deutschen Lebensstroms. (…) Ostpreußen ist heute wieder ein heiliges Land. Ostpreußen führt heute – wie einst Schwaben – des Deutschen Reiches Sturmkriegsfahne“. Zit. nach: A. Kossert, Ostpreußen. Geschichte und Mythos, München 2005, S. 274.

38    E. Koch, Aufbau im Osten, Breslau 1934, S. 23.

39    Ebenda, S. 204-205. Vgl. E. Koch, Die NSDAP. Ideen, Führer und Partei, Leipzig 1933, S. 9-32.

40    Der ostpreußische Mensch, hrsg. von Dr. Lau, Königsberg 1934, S. 47-52.

41    Koch: „Der deutsch-polnische Zehnjahrespakt hat der Welt bewiesen, wie ehrlich das Deutschland Adolf Hitlers und Polen Josef Pilsudskis miteinander arbeiten können. (…) Dieser Pakt ist nicht mehr und nicht weniger als ein weltgeschichtliches Ereignis“. E. Koch, Aufbau…, S. 80 f. Im Januar 1936 kam er auf Einladung des polnischen Staatspräsidenten Mościcki zu einem zweiwöchigen Besuch nach Polen. Vgl. M. Majewski, Dokumenty dotyczące Ericha Kocha w zasobie archiwalnym Instytutu Pamięci Narodowej w Warszawie, „Przegląd Archiwalny Instytutu Pamięci Narodowej“, Bd. 1, Warszawa 2008, S. 44. In der Anfangsphase der deutschen Besatzung Polens wurde nach 1939 die Persönlichkeit des Marschalls Piłsudski gewürdigt. An seinem Grab in der Kathedrale auf der Wawel-Burg wurden Ehrenwachen der Wehrmacht aufgestellt. 1940 wurde über der unzerstörten Büste Piłsudskis in Posen, die auf einen hohen Sockel gesetzt wurde, die Reichskriegsflagge gehisst. Vgl. die Abb. bei M. Y. Arani, Fotografische Selbst- und Fremdbilder von Deutschen und Polen im Reichsgau Wartheland 1939-1945: unter besonderer Berücksichtigung der Region Wielkopolska, Teilband II, Hamburg 2008, S. 897.

42    B. Koziełło-Poklewski, Narodowosocjalistyczna Niemiecka Partia Robotnicza w Prusach Wschodnich 1921-1933, Olsztyn 1995, S. 144-145, 151-152.

43    P. Mast, Ostpreußen und Westpreußen und die Deutschen aus Litauen, München 2001, S. 150.

44    Ebenda.

45    J. W. Borejsza, Wstęp in: Faszyzmy europejskie (1922-1945) w oczach współczesnych i historyków, ausgewählt von J. W. Borejsza, Warszawa 1979, S. 22.

46    Vgl. Ch. Rohrer, Nationalsozialistische Macht in Ostpreußen, München 2006, S. 231-263.

47    In diesem Abschnitt verlief sie parallel zur bekannten Reichstraße R 1, die auf einer Länge von 1 400 km Aachen mit Eydtkuhnen (an der Grenze zu Litauen, Kreis Gumbinnen) verband.

48    Während des Krieges sprengten die Russen 1945 einige Autobahnüberführungen und -brücken, unter anderem über die Flüsse Omaza, Lastbach und Passarge. Der Weg nach Königsberg verlor nach 1945 seine wirtschaftliche Bedeutung. Er führte „nach nirgendwo“, da an der polnisch-sowjetischen Grenze kein Grenzübergang eingerichtet wurde. Weil die Straße beiderseits der Grenze an keiner größeren Ortschaft vorbeiführte und die zerstörten Brücken nicht wieder aufgebaut wurden, verlor sie manchenorts sogar die lokale Bedeutung. Sie verkam und verfiel, geriet jahrzehntelang in Vergessenheit. Auf den damaligen Landkarten war sie als Nebenstraße eingezeichnet. Zu Beginn der neunziger Jahre nahmen die russische und die polnische Seite erste Verhandlungen über den Wiederaufbau und die „Ertüchtigung“ auf. 1999 wurde die der Grenze am nächsten liegende Brücke auf der polnischen Seite über den Fluss Omaza wiederaufgebaut. Auch die Brücken über Lastbach und Passarge wurden wieder errichtet. Im Jahr 2004 wurde auf einer Fläche von 20 ha mit dem Umbau der ehemaligen RAB-Anschlussstelle Elbing-Ost begonnen. Derzeit markiert die Anschlussstelle die Kreuzung der Landesstraße Nr. 7 Danzig-Warschau mit der Straße Nr. 22 Malbork-Elbląg-Chruściel-Grzechotki-Staatsgrenze-Kaliningrad. Am 24. September 2008 wurde auf dem ehemaligen Autobahnabschnitt Elbląg-Grzechotki (RAB 3 Elbing-Rehfeld) die neue völlig modernisierte Schnellstraße S 22 mit einer Länge von 50,6 km eröffnet. Sie verläuft anstelle der alten südlichen Fahrbahn. Im Bereich von Anschlussstellen hatten sich zwei Fahrbahnen erhalten, die modernisiert wurden. Gänzlich moderne Brükken und Überführungen wurden an ihren ehemaligen Stellen im Verlauf der nie realisierten nördlichen Fahrbahn neugebaut. Leider wurde wegen der Haltung der russischen Seite im modernisierten Abschnitt kein neuer Grenzübergang eröffnet.

49    Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde auf den Bau weiterer Autobahnabschnitte in Ostpreußen verzichtet. Es war geplant, 1939 einen 20 km langen Abschnitt Königsberg-Samland-Küste, die sog. Samland-Autobahn, und später 120 km Autobahn in der Verlängerung der Strecke Elbing-Königsberg (Abschnitt Königsberg-Insterburg-Gumbinnen) zu bauen. Bei der Ausführung dieses Vorhabens hätten Arbeiter aus der Tschechoslowakei beschäftigt werden sollen. Nach dem Endsieg hätte eine Verlängerung dieser Strecke Insterburg-Riga-Ostsee bzw. alternativ Insterburg-Wilna-Moskau gebaut werden oder mit dem Bau neuer „transeuropäischer Verbindungen“ Königsberg-Plock-Oberschlesien-Wien-Budapest sowie Königsberg-Minsk begonnen werden sollen. Vgl. K. Schulz-Sandhof, Der Gegenwart um Jahre voraus. Vor 65 Jahren erreichte der Fernstraßenbau in Ostpreußen einen Höhenpunkt, in: Das Ostpreußenblatt vom 11.10. 2003, S. 21.

50    Nach damaligen Plänen sollte eine Autobahn auf der Strecke Berliner Ring-Stettin(Arbeiten wurden bereits 1934 aufgenommen)-Bütow(wo der Grenzübergang nach Polen eingereichtet werden sollte)-Elbing-Königsberg gebaut werden. Die Forderung nach einer exterritorialen Trasse durch den „Korridor“ war eine unter vielen, die Hitler 1939 an Polen richtete und die zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führte. Bis 1943 wurde der Bau – diesmal unter Nutzung der Sklavenarbeit von Kriegsgefangenen und Juden – auf der Strecke Stettin-Freienwalde-Berent fortgesetzt. Es wurden allerdings nur einige Ingenieurbauwerke (Überführungen und Brücken) fertig gestellt. Der Bau der Fahrdecke wurde niemals in Angriff genommen. Die Straße sollte unter anderem an Neustettin, Schlochau, Konitz und Dirschau mit Abzweig nach Danzig vorbeiführen. Nach dem Krieg wurde im Verlauf dieser Strecke keine Straße Stettin-Danzig-Elbing geplant, weil sie um alle größeren Städte in Pommern einen Bogen machen würde. In den Jahren 1996-2001 wurde ein 14 km langer Abschnitt von Stettin an die Staatsgrenze neu gebaut bzw. modernisiert. Nach dem Kriegsausbruch plante man im Osten den Bau weiterer Autobahnverbindungen: Frankfurt/Oder-Posen-Lodz-Warschau (Baubeginn: 1940) und Danzig-Posen-Breslau sowie Graudenz-Thorn(Abzweig nach Bromberg)-Lodz. Eine besondere Rolle sollte Posen, der Hauptstadt des Reichsgaus Wartheland, zufallen, wo sich die West-Ost- und Nord-Süd-Autobahnen (Königsberg-Danzig-Posen-Breslau-Wien bzw. Berlin-Frankfurt/Oder-Posen-Lodz-Warschau) kreuzen sollten. Vgl. A. Ziółkowska, Obozy pracy przymusowej dla Żydów w Wielkopolsce w latach okupacji hitlerowskiej (1941-1943), Poznań 2005, S. 35. Vgl. auch: N. Schütz, E. Gruber, Mythos Reichsautobahn. Bau und Inszenierung der „Straßen des Führers“ 1933-1941, Berlin 2000; Reichsautobahn. Pyramiden des Dritten Reiches, hrsg. von R. Sommer, Marburg 1982.

51    In Königsberg klebten illegal rote Zettel mit der Aufschrift: „Die SA hat goldene Tressen, das Volk hats nicht zu fressen“. K. Schulz-Sandhof, Der Gegenwart…, S. 21.

52    In diese Funktion gelangte er unmittelbar nach der Machtübernahme 1933.

53    Vgl. R. Meindl, Ostpreußens Gauleiter…, S. 192. Später sollte sich die „Stiftung“ als ein gutes Werkzeug erweisen, mit dem Korruption in großem Stil betrieben werden und Koch ein enormes Privatvermögen anhäufen konnte. Sie wurde gar als „genialer Raubzug“, „schwarze Kasse“ und „obskure Stiftung“ bezeichnet.

54    Koch ging über die Tatsache hinweg, dass die Gaugründung der NSDAP in dieser Provinz 1925 stattgefunden hatte. Die Wahl fiel nicht zufällig auf dieses Datum. Die Feierlichkeiten fanden am 42. Geburtstag des „Führers der Provinz“, der auch als „Gaukönig“ bezeichnet wurde, statt und hingen mit dem fünften Jahrestag seiner Einsetzung als Oberpräsident der Provinz zusammen.

55    Vgl. Ch. Rohrer, Nationalsozialistische…, S. 454. Vgl. auch: E. Musiał, Inscenizacja polityki w III Rzeszy, in: Sztuki piękne w III Rzeszy. W przeddzień 70. rocznicy palenia książek: 10 maja 1933-10 maja 2003, pod red. h. Orłowskiego, Poznań 2004, S. 81-94

56    Vgl. H. D. Petzina, Der Nationalsozialistische Vierjahresplan von 1936. Entstehung, Verlauf, Wirkung. Mannheim 1965.

57    R. Meindl, Ostpreußens Gauleiter…, S. 189. Eine wichtige Rolle bei der Ausarbeitung des „Koch-Plans“ spielte das 1916 gegründete Institut für Planungswissenschaft und Planungstechnik an der Königsberger Universität. Vgl. Ch. Tilitzki, Die Albertus-Universität Königsberg im Umbruch von 1932 bis 1934, in: Vorposten des Reiches? Ostpreußen 1933-1945, hrsg. von Ch. Pletzing, München 2006, S. 41-76. Koch galt als Wirtschafts- und Raumplanungsexperte. Er hielt Vorträge über „Erfolge Ostpreußens“, nicht zuletzt auch bei seinen zahlreichen Auslandsreisen, z.B. in Schweden.

58    Laut offiziellen Statistiken blieben 131 073 Personen im Februar 1933 ohne Arbeit. Im August waren es nur 2 672 und im Februar 1934 – 37 668, im Juni 1934 – 13 559. Nationalsozialistische Aufbauarbeit in Ostpreußen. Ein Arbeitsbericht, Königsberg 1934, S. 15.

59    P. Mast, Ostpreußen…, S. 149. Die Bevölkerungsdichte hat sich nicht signifikant verändert (1938 waren es 67 Einwohner pro 1 km2 gegenüber 63 Einwohner im Jahr 1933). Auch die Bevölkerungszahl in der Provinz ist nicht stark gestiegen (im Mai 1939 betrug sie 2,49 Mio. gegenüber 2,33 Mio. im Jahr 1933). Die Mehrheit (51,6 %) lebte in kleinen Landgemeinden mit bis zu 2 000 Einwohnern. Lediglich 15 % der Einwohner lebten in Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern (im Reich: 30,5 %). Die Landflucht hielt an. Vgl. Ch. Rohrer, Nationalsozialistische…, 489-491.

60    Für 1938 war geplant, unter anderem 2 768 Wohnungen für Landarbeiter, 3 400 Kleinsiedlungen und 2 634 „Volkswohnungen“ zu bauen. Zu diesem Zweck wurde der Deutsche Siedlungsbund in Ostpreußen gegründet, der 115 000 Mitglieder zählte. H. B. von Grünberg, Das neue Ostpreußen. Rechenschaft über den Aufbau der Provinz, Königsberg 1938, S. 83-89.

61    Vgl. Stichwort „Kochówka“ in: Mazury. Słownik stronniczy, ilustrowany, pod red. W. Mierzwy, Dąbrówno/Warszawa 2008, S. 76.

62    H.B. von Grünberg, Das neue Ostpreußen…, S. 271 296; B. Koziełło-Poklewski, Rola Prus Wschodnich…, S. 30; Statistisches Handbuch für die Provinz Ostpreußen 1938, Schlossberg 1938, S. 265.

63    Vgl. B. R. Lewis, Hitlerjugend w czasach wojny i pokoju 1933-1945, Warszawa 2000, S. 46-63; Heil Hitler, Herr Lehrer. Volksschule 1933-1945, hrsg. von der Arbeitsgruppe Pädagogisches Museum, Reinbek bei Hamburg 1983, S. 25-68. Dieses Konzept knüpfte an frühere völkische Theorien an. Unter der NSDAP-Herrschaft wurde ganz bewusst auf den Terminus Volk zurück gegriffen. Es kamen Begriffe auf wie Volksgemeinschaft, Volksgenosse, Volkskanzler (hier: „Adolf Hitler der Volkskanzler und Führer der deutschen Revolution“), Volkswohnungen, Volkstum, Volksliste, Volksempfänger usw. Bis heute ist der Name Volkswagen weltweit bekannt. Sein Ursprung liegt in den dreißiger Jahren, als der Automobilkonstrukteur Ferdinand Porsche nach Anweisungen der NSDAP einen „Wagen für das Volk“ baute. Vgl. K.H. Brackmann, R. Birkenhauer, NS-Deutsch. „Selbstverständliche“ Begriffe und Schlagwörter aus der Zeit des Nationalsozialismus, Straelen 1988.

5.   Nationalitätenverhältnisse im deutschen Ostpreußen

Infolge der Beschlüsse der Pariser Konferenz wurde von Ostpreußen ein Gebiet im Norden der Provinz (Memelland) abgetrennt, das 1923 an Litauen (Litauisch-Preußen) angegliedert wurde, und ein Gebiet im Süden, wo aus dem Kreis Neidenburg das Soldauer Gebiet (Polnisch-Preußen) herausgelöst und 1920 Teil Polens wurde. Im Ergebnis der Volksabstimmung von 1920 wurden im Grenzgebiet einige Ortschaften um Löbau dem polnischen Staat angeschlossen. Die Mehrheit der masurischen und ermländischen Bevölkerung sowie der Preußisch-Litauer verblieb allerdings in den Reichsgrenzen.

Das Schicksal der protestantischen Preußisch-Litauer (Lietuvininkai) und Masuren, die in den Grenzen Ostpreußens lebten, weist in den Jahren 1920-1944 viele Ähnlichkeiten auf. Gemeinsam ist ihnen die damals rasch fortschreitende Assimilation (Germanisierung), die im Verlust des ethnischen Selbstbewusstseins zum Ausdruck kam. Ähnliches vollzog sich auch unter der einheimischen Bevölkerung im Soldauer Gebiet und im Memelland.

5.1.   Preußisch-Litauer und Masuren

Die evangelische Konfession und die Tatsache, dass die Preußisch-Litauer und Masuren nicht in den Staaten lebten, aus denen sie stammten, d. h. in Litauen bzw. Polen, führten dazu, dass sich beide Gruppen nicht nur von ihren deutschen Nachbarn, sondern auch von den katholischen Litauern und Polen „jenseits der Grenze“ stark unterschieden. Die Preußisch-Litauer und Masuren, aber auch die katholischen Ermländer bildeten im Laufe der Geschichte eine soziale Gruppe, die zwischen Litauertum/Polentum und Deutschtum gewissermaßen schwebte und eine eigene Wertewelt schuf. Dazu gehörten eigene Sprache und Kultur, Bindung an den Heimatort und Loyalität gegenüber den Behörden ihres Wohnstaates.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sahen sich die Preußisch-Litauer und Masuren mit den „Urteilen der Geschichte“ konfrontiert, die in ihrem Fall eine Aufteilung der staatlichen Zugehörigkeit des bisher kohärenten Wohngebiets zwischen Ostpreußen und Memelland bzw. Soldauer Gebiet mit sich brachten. Die Masuren waren (ähnlich wie die Ermländer) vor die Wahl (masurisch: „welunek“) gestellt, sich in der Volksabstimmung von 1920 für Polen oder für Deutschland (Ostpreußen) zu entscheiden. Für Grenzlandgesellschaften, zu welchen die Masuren, Ermländer und Preußisch-Litauer zählen, bedeutete dies oftmals die Notwendigkeit dramatischer Wahlentscheidungen, worauf die „autochthone“, „einheimische“ oder „alteingesessene“ Bevölkerung nicht vorbereitet war. Sie wurde ← 68 | 69 → mit einer aggressiven Ideologie von Staaten konfrontiert, die gegenüber diesen Bevölkerungsgruppen ihre eigenen unterschiedlichen Ziele verfolgten und sie für die deutsche, litauische bzw. polnische Sache zu gewinnen versuchten. Für die „Gruppen dazwischen“, ethnische Gemeinschaften also, die sich ihrer Eigenart bewusst waren, blieb somit wenig Platz und Verständnis in der ungleichen Auseinandersetzung zwischen dem deutschen, litauischen und polnischen Staat.

Die Preußisch-Litauer und Masuren, die 1920-1944 in Ostpreußen lebten, waren nicht nur wegen des deutschen Nationalismus, der seinen Triumph in der Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reiches feierte, zur Niederlage verurteilt. Sie bedeutete den Verlust der Eigenart und Identität sowie eine preußisch-deutsche Assimilation. Dies war de facto der Anfang vom Ende der Masuren und Preußisch-Litauer als jahrhundertealte Volksgruppen.

Bis zur Angliederung des Memellandes 1923 an Litauen war die Lage der Preußisch-Litauer alles anderes als typisch. In den Jahren 1920-1923, d. h. während der „französischen Besatzung“ in Memel und Umgebung, gab es gemeinsame litauische Organisationen für das Memelland und das übrige Ostpreußens. Von großer Bedeutung für die litauische Bewegung in Ostpreußen zwischen den beiden Weltkriegen waren die Jahre 1914-1920. In jener Zeit haben sich zwei wichtige Zentren herauskristallisiert: Memel und Tilsit. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und insbesondere die Besetzung des „russischen Litauens“ durch deutsche Truppen brachten Großlitauen und Preußisch-Litauen (Kleinlitauen) auf quasi natürliche Weise enger zusammen. In beiden Gebieten wurden Tendenzen wirksam, die das kaiserliche Deutschland als „großlitauisch“ bezeichnete. Durch die Niederlage Deutschlands konnten diese nun offen artikuliert werden.

Bereits im November 1918 verteilten „litauische Aktivisten“ auf Marktplätzen und Straßen der Städte in den Kreisen Memel und Heydekrug (später Teil des Memellands) sowie Tilsit und Ragnit Flugblätter und riefen zum Anschluss Preußisch-Litauens an Großlitauen auf. Ein Nationalkomitee für Preußisch-Litauen wurde ins Leben gerufen, das Deutschland für die nationale Unterdrückung und Zerstörung des litauischen Geistes kritisierte und die Abtrennung des nördlichen Ostpreußens von Deutschland und seine Angliederung an Großlitauen forderte64. Es wurde versucht, die internationale Gemeinschaft für den Fall zu interessieren65. ← 69 | 70 → In 24 Gemeinden wollten die Litauer deutsche Beamte durch litauische ersetzen. Es wurde ein litauischer Nationalrat gebildet. Gefordert wurde auch der Anschluss von neun preußisch-litauischen Kreisen an Litauen, in denen die Preußisch-Litauer vermeintlich die Mehrheit der Einwohner stellten66. Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, wurde im Februar 1919 in Memel die Memeler Litauervereinigung ins Leben gerufen. In Tilsit entstand im März desselben Jahres ein Litauerklub, und die Vereinigung Birute nahm ihre Tätigkeit wieder auf. Durch den Zusammenschluss mehrerer Organisationen wurde die Vereinigung der Litauer Preußens gegründet. Begonnen wurde mit dem Aufbau eines Netzwerks von Vertrauensleuten und mit der Aufstellung von Räten (Tarybas), die die Abgeordneten zur Obersten Nationaltaryba der Preußisch-Litauer wählen sollten. Deutschland reagierte auf all diese Aktivitäten scharf und intervenierte auf internationaler Bühne. Man befürchtete, dass Ostpreußen mehr als ein Fünftel seiner Fläche mit fast einem Viertel seiner gesamten Einwohnerschaft verlieren könnte, sollten die Ziele der „litauischen Separatisten“ verwirklicht werden. Die endgültige Entscheidung fiel auf der Friedenskonferenz in Versailles, wo im Artikel 99 die Abtrennung des Memellandes von Ostpreußen beschlossen wurde. Das Memelland sollte zu einem besonderen Kondominium der alliierten Mächte werden. In den übrigen Gebieten, die in den Grenzen Deutschlands verblieben, „erlahmte die litauische Bewegung nach einem stürmischen und an nationalen und politischen Aktivitäten reichen Jahr 1919“67. Es brauchte einige Jahre, bevor ein erneuter Versuch zur Selbstorganisation durch die Preußisch-Litauer unternommen wurde, nicht zuletzt auf eine Anregung seitens der polnischen Aktivisten in Ostpreußen68. ← 70 | 71 →

Zum wichtigsten Zentrum für die Verteidigung der litauischen nationalen Rechte stieg Tilsit auf. In dieser Grenzstadt an der Memel entstanden und wirkten die wichtigsten Organisationen der Preußisch-Litauer. 1925 wohnten deutschen Behörden zufolge in Ostpreußen nur 4 600 Personen litauischer Nationalität. Dies hätte lediglich 1,79 % der Gesamtbevölkerung in den fünf „litauischen Kreisen“ Labiau, Pillkallen, Tilsit, Ragnit und Niederung ausgemacht. Die litauischen Aktivisten bezifferten die Zahl derer, die Litauisch sprachen bzw. verstanden, auf etwa 100 000. Beide Schätzungen wichen von den tatsächlichen Gegebenheiten ab. Andere Quellen gaben diese Zahl mit ca. 60 000 bzw. 20 000 an69. Die zuletzt genannte Zahl erscheint am wahrscheinlichsten.

Im Jahr 1930 gab es auch die Vereinigung der Litauer in Deutschland mit ca. 2 800 Mitgliedern. Sie übernahm die Schirmherrschaft über andere kleinere Organisationen mit Sitz in Tilsit: Litauischer Gesangsverein (44 Mitglieder), Litauischer Frauenverband (58 Mitglieder), Litauischer Arbeiterverein (108 Mitglieder), Litauischer Presseverband (8 Mitglieder) sowie Litauischer Klub und Litauischer Schriftstellerverband. Aktiv war auch die Preußisch-Litauische Volkspartei (285 Mitglieder), die in den Wahlen von 1932 im Regierungsbezirk Gumbinnen nur 83 Stimmen (davon in Tilsit: 22) und im Regierungsbezirk Königsberg 41 (Königsberg-Stadt: 11) erhielt70.

In Tilsit kam nunmehr die Zeitung „Naujasis Tilţės Keleivis“ heraus71. Nachdem der Genfer Kongress 1930 die Preußisch-Litauer als nationale Minderheit anerkannt hatte, wurde mit dem Aufbau eines privaten litauischen Schulsystems begonnen. 1931 wurde in Tilsit der Rat litauischer Schulen in Ostpreußen gegründet. Es war geplant, etwa ein Dutzend Dorfschulen (unter anderem in den Ortschaften Gilge, Schillgallen und Sentainen) zu errichten. In Tilsit wurden zwei ← 71 | 72 → Litauischkurse durchgeführt72. Letztendlich ist es nicht gelungen, eine einzige litauische Schule zu eröffnen73. Ähnlich war es in Masuren.

Auf Hindernisse stieß auch die Abhaltung von Gottesdiensten in litauischer Sprache. Laut Kirchenstatistiken fanden „litauische Gottesdienste“ im Jahr 1937 nur in Skirwieth (ca. 40 Besucher), in Skaisgirren, Ragnit, Groß Lenkeningken und Lasdehnen (je ca. 30 Personen) sowie in neun weiteren Ortschaften (wo am Gottesdienst je weniger als 20 Gläubige teilnahmen) statt. Diese Gottesdienste wurden nur von zwei Priestern mit Litauischkenntnissen (darunter von einem Deutschen) abgehalten74.

Die Lage der Preußisch-Litauer gestaltete sich ähnlich wie bei den Masuren sehr schwierig. Die fortgeschrittene Assimilation, geringe materielle Hilfe und Unterstützung durch die Behörden in Kaunas sowie die rücksichtslose Germanisierungspolitik der Königsberger Regierung waren die drei wichtigsten Gründe für das Schwinden der ethnischen Eigenart der Preußisch-Litauer.

Die deutschen Behörden bezeichneten die „natürliche Eindeutschung ohne Druck und Zwang“ der Preußisch-Litauer und Masuren als „Verdeutschung“. Diese vollzog sich bereits im Kaiserreich, dann in der Weimarer Republik und auch im Dritten Reich, oftmals in Form einer direkten Druckausübung administrativer, wirtschaftlicher und psychologischer Art. Die Deutschen verspotteten die Preußisch-Litauer nicht selten als „dumme Litauer“ oder „litauische Barbaren“. Ähnliches widerfuhr den Masuren, wovon unter anderem die verächtliche Redewendung „Wo sich aufhört die Kultur, beginnt zu leben der Masur“ zeugt.

Die preußisch-deutschen Behörden betrieben gegenüber den Preußisch-Litauern und Masuren eine Politik der langsamen, aber systematischen Germanisierung. Dies war umso leichter, als diese Bevölkerungsgruppen über keine eigenen Eliten, kein Bürgertum und auch keine aufgeklärte Bauernschaft verfügten75. Insbesondere vertraten die Nationalsozialisten den Standpunkt, die alten Masuren oder Litauer könnten „mit ihrer Eigenart dahinsiechen“. Es durfte allerdings nicht zugelassen werden, dass ein junger Litauer oder Masure etwa nicht Deutscher wäre76. Der Weg ← 72 | 73 → zum „Deutschtum“ führte über einzelne Assimilationsstufen: von der freiwilligen bis hin zur Zwangsassimilation (besonders zur Zeit des Dritten Reiches).

Der Erste Weltkrieg hatte ebenfalls einen starken Einfluss auf die Lage der masurischen Bevölkerung. Gemeinsame Kriegserlebnisse, die Kampfbeteiligung der Masuren an verschiedenen Fronten und große Hilfe anderer Regionen Deutschlands beim Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen trugen zur Vertiefung des Verhältnisses der Masuren zum deutschen Staat bei. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges intensivierte sich der kulturell-gesellschaftliche, sprachliche und staatliche Assimilationsprozess an das Deutschtum unter den jüngeren Generationen der masurischen Bevölkerung.

Große Bedeutung für die fortschreitende Entnationalisierung der Masuren hatten die Migrationsprozesse sowie der Verlauf und die Resultate der Volksabstimmung vom 11. Juli 1920. Der soziale Aufstieg junger Masuren, der das Heraustreten aus einer in sich geschlossenen territorialen Gruppe bedeutete, wurde mit der sozialen Assimilation im Deutschen Reich gleich gesetzt. Die Kenntnisse der polnischen Sprache schwanden allmählich. Unter dem Assimilationsdruck wuchs unter der masurischen Bevölkerung das Bewusststein für die lokale Bindung, die sprachliche und religiöse Gemeinschaft sowie das Gefühl der Andersartigkeit gegenüber den Polen und – in gewissem Grade – auch gegenüber den Deutschen. Am treffendsten wurde diese Selbsteinschätzung der masurischen Bevölkerung 1921 von Adolf Szymański in seiner Doktorarbeit Die wirtschaftliche Lage der Masuren in Ostpreußen veranschaulicht. Er schrieb: „Ihre polnische Abstammung und Sitten und die deutsche Tradition, die polnischen Nachnamen und die deutschen Vornamen, die polnische Sprache und die deutsche Schrift, die polnischen ← 73 | 74 → Sprichwörter und die deutschen Lieder, die slawische Religiosität und die evangelische Konfession sind die wichtigsten Wesensmerkmale der Masuren“77.

Dieser Umstand begünstigte – insbesondere in den zwanziger Jahren – verschiedene autonome bzw. sog. separatistische Tendenzen78. Sie resultierten aus dem spezifischen masurischen Patriotismus. Dieser gründete auf der Überzeugung, dass die Masuren einen besonders großen Anspruch auf das masurische Land hätten. Die aus dem Reich zugezogenen späteren Ansiedler wurden als fremdes Element betrachtet, dessen Ansprüche viel bescheidener seien79. Solche Organisationen wie die Masurische Selbstwehr, die Masurenvereinigung in Lyck oder auch der Masurenbund von Kurt Obitz und die Zeitschrift „Cech“ profilierten sich mit der Losung „Masuren den Masuren“80. Zu Recht setzten die deutschen Behörden Forderungen nach der masurischen Autonomie mit einer Stärkung des Polentums gleich. Diese Organisationen, die von der Bevölkerung eine relativ breite Unterstützung erfuhren und sich in ihrem Programm auf eine Eigenart beriefen, die auf der polnischen Sprache und eigenen Traditionen beruhte, hätten künftig die Grundlage für eine polnische Bewegung bilden können.

Die Masuren bewohnten den Süden Ostpreußens, wo sie zahlenmäßig dominierten. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde die Zahl der polnischstämmigen Bevölkerung in den acht masurischen Kreisen Osterode, Neidenburg, Ortelsburg, Sensburg, Johannisburg, Lötzen, Lyck und Oletzko auf 350 000 ← 74 | 75 → 500 000 Personen geschätzt. Darin sind 18 000 Masuren nicht enthalten, die seit 1920 in den Grenzen des polnischen Staates lebten (Kreis Soldau)81. Im gleichen Jahr hatten die genannten acht Kreise insgesamt 451 000 Einwohner. Nach den damaligen Volkszählungen wohnten in den Städten 55 % Masuren und 45 % Deutsche, während sich die ländliche Bevölkerung zu 86 % aus Masuren und zu 14 % aus Deutschen zusammensetzte. Darunter waren 420 500 Protestanten und 30 500 Katholiken82. Nach der deutschen Volkszählung von 1925 wurde die Zahl der Masuren auf etwa 240 000 Personen geschätzt.

In der Zeit zwischen den Weltkriegen durchlief die polnische Bewegung in Masuren mehrere Entwicklungsstufen83. 1922 wurde der Bund der Polen in Deutschland eingetragen. In Masuren zählte er 287 Mitglieder (davon 225 Männer und 62 Frauen), die in 78 Ortschaften lebten. Dies waren 28,9 % aller Mitglieder dieses Bundes in Ostpreußen. Die meisten Mitglieder des Bundes der Polen konzentrierten sich in den Kreisen Ortelsburg (151 Personen in 43 Ortschaften) und Osterode (112 Personen in 22 Ortschaften)84.

Die mangelnden Erfolge der polnischen Bewegung in Masuren waren in gewissem Grade auf die Taktik des Bundes der Polen in Deutschland zurückzuführen. Die Mitgliedschaft im Bund stützte sich auf nationale Exklusivität und blieb in der Praxis Polen mit deutscher Staatsangehörigkeit und ausgeprägtem nationalen Bewusstsein sowie mit einer bestimmten politischen Orientierung vorbehalten85.

Die eigentlichen Misserfolge der polnischen Bewegung in Masuren sind aber darin zu sehen, dass zumal in den dreißiger Jahren diejenigen Gruppen zahlenmäßig zurückgingen, die ihre ethnische Eigenart hätten beibehalten wollen und können86. ← 75 | 76 → Beschleunigt hat sich auch der Schwund national indifferenter Gruppen87. Kennzeichnend für die polnische Bewegung war die Verflechtung der konservativen Strömung mit der Pflege polnischer Traditionen, während für die jungen Masuren das Deutschtum mit neuen Werten, Sitten, wirtschaftlichen und politischen Beziehungen verbunden war. Der polnischen Bewegung in Masuren gehörten im Laufe der Zeit immer mehr ältere Menschen an. Im Jahr 1939 waren 30,5 % aller Mitglieder des Bundes der Polen in Masuren älter als 61 Jahre88. An der Schwelle zum Zweiten Weltkrieg war die polnische Bewegung in Masuren nur noch rudimentär89. Trotzdem erschien in Ortelsburg bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die Zeitschrift „Mazur“. Zuvor erschien das propolnische Blatt „Mazurski Przyjaciel Ludu“ (Masurischer Volksfreund). Trotz der Bemühungen des Bundes der Polen in Deutschland gelang es nicht, in Masuren auch nur eine Schule mit polnischer Sprache zu eröffnen. Ein Versuch scheiterte im Dorf Piasutten im Kreis Ortelsburg, weil kurz nach der Schuleröffnung 1932 der Lehrer Jerzy Lanc ← 76 | 77 → unter ungeklärten Umständen verstarb. Bescheidene Wahlerfolge konnten die Polnische Volkspartei (Polska Partia Ludowa) oder die Masurische Vereinigung (Zjednoczenie Mazurskie) verbuchen90. Ein wichtiges Element, das zur Stärkung und zum Erhalt des masurischen Selbstbewusstseins beitrug, waren Kenntnisse der polnischen Sprache und die spezifische masurische Religiosität. Neben der Zugehörigkeit zur evangelischen (unierten) Kirche bildeten die Masuren zahlreiche „Häuflein“ (Gromadki, daher die Bezeichnung der Gromadkibewegung). 1932 zählten sie 36 690 Gläubige91.

In der Unierten Kirche in Masuren fanden auch Gottesdienste auf Polnisch (sog. „masurische Gottesdienste“) statt. Der Druck seitens der deutschen Verwaltungs- und Kirchenbehörden hatte allerdings zur Folge, dass die Zahl dieser Gottesdienste zwischen 1929 und 1936 von 2 540 pro Jahr auf 1 480 fiel. Noch 1938 fanden die „masurischen“ Gottesdienste in 112 evangelischen Kirchen in acht Kreisen statt. So nahmen beispielsweise 1937 insgesamt ca. 25 000 Gläubige in der Superintendentur Passenheim an solchen Gottesdiensten teil. Durch die antimasurischen und antipolnischen Maßnahmen seitens der Behörden ging die Zahl der Gläubigen in dieser Superintendentur im Jahr 1938 nach offiziellen Angaben auf 177 Personen zurück. Kraft einer Behördenanordnung vom 24. November 1939 wurde ein Verbot für ganz Masuren erlassen, Gottesdienste auf Polnisch abzuhalten (in der Gemeinde Passenheim wurden sie erst im Juni 1940 abgeschafft)92.

Die Assimilationsprozesse der masurischen Bevölkerung waren in den zwanziger und dreißiger Jahren weit fortgeschritten, autonome Tendenzen im Schwinden begriffen; dies war sowohl auf repressive Maßnahmen als auch auf eine deutliche Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zurückzuführen. Das Verhältnis der masurischen Bevölkerung zum Polentum war recht differenziert. Wie Emilia Sukertowa-Biedrawina 1926 schrieb, ließen sich die Masuren in vier Gruppen einteilen: ← 77 | 78 →

      „1.   Jene, die polnisch sprechen und nationalbewusst sind;

      2.   Jene, die zu Hause polnisch sprechen, aber ohne Nationalbewusstsein und gleichgültig sind, sich vor der preußischen Faust fürchten;

      3.   Masuren deutscher Zunge, wie sie vom Senator Limanowski genannt werden, die in deutschen Schulen erzogen wurden, aber ihre rassische Eigenart empfinden und die Losung ‚Masuren den Masuren‘ gebrauchen;

      4.   Erklärte deutsche Patrioten, die alles Polnische, Eigene bekämpfen und im Dienst nationalistischer deutscher Organisationen stehen; ihre Devise ist: ‚masurisch heißt deutsch‘“93.

Diese Gliederung war auf die einzelnen Generationen der masurischen Bevölkerung übertragbar. Einige Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ließen sich unter anderem drei Gruppen unter der polnischstämmigen Bevölkerung unterscheiden: 1) die ältere Generation der über 50-Jährigen, die die stärkste Bindung zur polnischen Sprache und allem Polnischen an den Tag legte, obwohl sie nur in geringem Maße mit organisierten Formen der polnischen Bewegung in Kontakt stand; 2) die mittlere Generation der 30- bis 50-Jährigen, die sich gegenüber den Aktivitäten der polnischen Bewegung zwar nicht feindlich, aber doch eher gleichgültig verhielt und keine emotionale Bindung zum Polentum hatte. Diese Masuren beherrschten zwar die polnische Sprache, hatten aber Schwierigkeiten, auf Polnisch zu lesen, geschweige denn zu schreiben; 3) die jüngste Generation der unter 30-Jährigen, die, schon im nazistischen Geist erzogen, sogar gegenüber allem, was mit Polen zu tun hatte, feindlich eingestellt war.94

Ansätze eines nicht vollständig ausgebildeten polnischen Nationalbewusstseins, die bei den Masuren in den vorangegangenen Jahren noch festzustellen waren, wurden nun rudimentär. Die enorme chauvinistische Schlagkraft der jungen Generation trug zur beschleunigten Entwicklung eines neuen nationalen Kräftegefüges in Masuren bei.

In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre bewirkten die nationenbildenden Prozesse tendenziell eine Umwandlung der Masuren in Deutsche. Die polnische Kultur hatte nicht dieselbe Wirkungskraft wie die deutsche. In dieser Hinsicht waren die Prozesse nicht miteinander vergleichbar. Besonders deutlich wurde das während der Naziherrschaft in Deutschland. Die Zeit vor der Machtergreifung der NSDAP zeichnete sich in Masuren durch eine Eigentümlichkeit aus, wie sie in anderen Gegenden des Reiches, in denen eine ethnisch polnische Bevölkerung lebte, wie zum Beispiel im Ermland, unbekannt war. Ein Ausdruck dieser Eigentümlichkeit war die starke Unterstützung, die in den zwanziger Jahren der rechten ← 78 | 79 → Deutsch-Völkischen Freiheitspartei (DVFrP) und dem Völkischnationalen Block, die als NSDAP-Vorgänger gelten, zuteil wurde. Die nationalsozialistische Bewegung verbuchte zu Beginn der dreißiger Jahre in Masuren außerordentliche Erfolge. Nach den Wahlen von 1930 war die NSDAP in den Wahlkreisen Lyck und Ortelsburg eine der stärksten Parteien; bei den Wahlen am 31. Juni 1932 konnten die Nationalsozialisten im Regierungsbezirk Allenstein 53,4 % aller Stimmen auf sich vereinen (im Wahlkreis Ortelsburg bekamen sie 66 % Stimmen und im Wahlkreis Lyck sogar 70,6 %). Auch in den übrigen masurischen Wahlkreisen, wie Neidenburg, Johannisburg, Lötzen und Oletzko, sprachen sich mehr als 60 % für die nationalsozialistische Partei aus. Die Wahlergebnisse in Masuren waren für die Nazifunktionäre eine große Überraschung95.

Im Gegensatz zum katholischen Ermland konnten die Kandidaten der polnischen Wahllisten in Masuren in den zwanziger und dreißiger Jahren keine nennenswerten Ergebnisse verbuchen. Die Erfolge der Nazipartei in dieser Region stützten sich unter anderem auf zahlreiche Besuche Adolf Hitlers in Masuren96 und die Ausrichtung verschiedener „vaterländischer“ Feierlichkeiten97. Dieses Phänomen lässt sich durch die allgemeine wirtschaftliche und soziale Lage in Masuren erklären. Nicht erfüllte Versprechen, die die deutschen Behörden bei der Volksabstimmung gemacht hatten, enttäuschten die Wähler der Traditionsparteien. Diese Enttäuschung wurde noch gesteigert, je mehr die Rentabilität in der Landwirtschaft zurückging, was Verarmung und Not bei vielen Bauernfamilien nach sich zog. Die Lage wurde durch die Wirtschaftskrise verschärft, die es unmöglich machte, zur Arbeitssuche in die Industriegebiete des Reiches abzuwandern. Das Zusammenspiel dieser Faktoren führte dazu, dass weite Teile der Bevölkerung die Lage kritisch sahen und radikale Einschnitte forderten. Unter solchen Rahmenbedingungen fielen demagogische Argumente der Nationalsozialisten auf fruchtbaren Boden. Die Parolen der „nationalsozialistischen Revolution“, wonach Masuren Deutsche seien98, fanden bei den Masuren Anklang. Immer ← 79 | 80 → häufiger bezeichneten sie sich selbst als „Deutsch-Masuren oder hielten sich für Deutsche. Um jene Masuren zu gewinnen, deren nationales Zugehörigkeitsgefühl nicht stark ausgeprägt war, wussten die Nazi-Behörden – neben Gewährung materieller Vorteile – die Pflege des masurischen Brauchtums geschickt zu nutzen, indem sie dieses als Ausdruck einer eigenen deutschen Subkultur präsentierten. In der Propaganda verbreitete sich die Forderung, den Masuren im öffentlichen Leben Privilegien einzuräumen.

Besonders empfänglich für die Argumente der Nationalsozialisten zeigte sich die junge Generation, die einer starken Indoktrinierung durch alle Institutionen des totalen Staates ausgesetzt war: Schule, Jugendorganisationen, „vaterländische“ Organisationen, Militär usw.99 Die deutschen Behörden ließen sich durch den Grundsatz leiten, „den Sterbenden nicht zu stören“, und legten den ganzen Germanisierungsdruck auf die junge Generation der Masuren. Losungen und Formen, mit denen die masurische Jugend für Deutschland gewonnen werden sollte, waren auch deswegen attraktiv, weil sie den Anschein erweckten, ihr würden innerhalb der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft gleiche Chancen eingeräumt. Die junge Generation der Masuren sprach meist Deutsch und äußerte sich über ihr Masurentum oftmals mit Unwillen. Polen wurde in der Regel durch das Prisma negativer Stereotype, wie „Polacken“ oder „polnische Wirtschaft“, wahrgenommen, die mit großer Intensität durch alle staatlichen Institutionen und den gesamten perfekt funktionierenden nationalsozialistischen Propagandaapparat geformt und verbreitet wurden100.

Die soziale und nationale Demagogie des Nationalsozialismus, seine innen- und außenpolitischen Erfolge, Terror, Vernichtung und Zerstörung alles dessen, was nicht zu seinen Idealen passte, hatten wesentlichen Einfluss auf das Bewusstsein der masurischen Bevölkerung. Durch die Beseitigung der Arbeitslosigkeit (Straßenbau, Meliorationen usw.), die Gewährung günstiger Darlehen (sog. „Entschuldung der Gutsbetriebe“), mit denen unter anderem neue Gebäude, Elektrifizierung, Kanalisation und Mechanisierung der Dörfer finanziert wurden101, sowie ← 80 | 81 → die spezielle Politik von Erleichterungen und Krediten für das deutsch-polnische Grenzland (Kreise Osterode, Neidenburg, Ortelsburg, Johannisburg und Lyck) trug die nationalsozialistische Regierung dazu bei, dass die Identifikation mit dem deutschen Volk und Staat deutlich zunahm. Im Lichte aktueller Forschungen bleibt allerdings offen, inwieweit sich die Masuren mit der nationalsozialistischen Bewegung identifizierten und sie unterstützten102.

5.2.   Die polnische Bewegung im Ermland und im Marienburger Land

Im katholischen Ermland und dem Marienburger Land (poln. Powiśle), d. h. den vier westpreußischen Kreisen, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Ostpreußen angegliedert wurden, lebte eine große Gruppe Polen und propolnisch Gesinnter. Nach der verlorenen Volksabstimmung lebte die polnische Bewegung hier relativ schnell wieder auf. Ihr Ziel war es, die Rechte der polnischen Minderheit zu verteidigen, die polnische Sprache zu pflegen und die polnische Identität zu erhalten.

Bereits im November 1920 wurde der Bund der Polen in Ostpreußen gegründet. Nach der gesamtdeutschen Konferenz der Polen in Berlin 1922 wurde der Bund der Polen in Deutschland (BdPiD) ins Leben gerufen. Ermland, Marienburger Land und Masuren bildeten den 4. Bezirk der Organisation. Die wichtigsten Aufgaben des Bundes wurden wie folgt definiert: Aufbau eines polnischen Schulwesens, Bildungs- und Kulturarbeit sowie wirtschaftliche Betätigung. Knapp drei Viertel der Mitglieder des BdPiD in Ostpreußen stammten in den Jahren 1923-1939 aus dem Ermland (73,3 %). Im Marienburger Land wohnten 12 %, in Masuren 14 %. Es lassen sich drei große Beitrittswellen zum Bund unterscheiden: 1930 während der Einrichtung eines polnischen Schulwesens, 1934 nach der Un ← 81 | 82 → terzeichnung der deutsch-polnischen Regierungsvereinbarung und 1938 vor den Vorbereitungen zum Kongress der Polen in Berlin. Die Bund-Mitglieder lebten im Bezirk Ermland in insgesamt 142 Ortschaften (darunter in drei Städten: Allenstein, Bischofsburg und Wartenburg); in den Jahren 1922-1939 hatte die Organisation hier insgesamt 1 477 Mitglieder. Die meisten Zirkel des Bundes gab es in den Kreisen Allenstein (117) und Bischofsburg (22)103.

Das Hauptzentrum der polnischen Bewegung in Ostpreußen war Allenstein. Hier saß die Redaktion der einflussreichen Allensteiner Zeitung „Gazeta Olsztyńska“ (Auflage 885 Stück im Jahr 1935). Rege Aktivitäten entfaltete das Polnische Haus, in dem viele Institutionen beheimatet waren: Bund der Polen in Deutschland, Bibliothek, polnische Schule und Kindergarten, eine polnische Bank und andere polnische Einrichtungen (Singvereine, Pfandfinder usw.). Es gab hier auch eine Herberge und einen Restaurantsaal, in dem zahlreiche Treffen durchgeführt wurden104.

Entscheidend für die Herausbildung einer nationalen Identität ist neben Familie, Kirche und eigenem Staat das Schulsystem, wo als wichtigster Träger der kollektiven Identifikation die Sprache gepflegt und entwickelt wird. Bereits 1920 konnten noch vor der Volksabstimmung in 17 Dörfern, vornehmlich im Ermland, Schulen mit polnischer Sprache (mit 976 Schülern) und 10 polnische Kindergärten eröffnet werden. Nach der gewonnnen Volksabstimmung haben deutsche Behörden mit der Liquidierung dieser Einrichtungen begonnen, denn laut den geltenden Vorschriften hätte es „keine Rechtsgrundlage“ für deren Betrieb gegeben105. 1921 wurde der Polnisch-Katholische Schulverein im Ermland (Polsko-Katolickie Towarzystwo Szkolne na Warmię) gegründet. Der Polnischunterricht in den deutschen Schulen wurde erst 1926 möglich. Erste private Schulen wurden 1929 in vier Dörfern (Neu Wuttrienen, Dietrichswalde, Neu Kaletka und Schönfelde) errichtet. 1929-1939 gab es in Ostpreußen insgesamt 24 polnische Grundschulen (darunter 15 im Ermland106 ← 82 | 83 → und neun im Marienburger Land). Im Durchschnitt nahmen zwischen 108 und 200 Schüler im Ermland und etwa 120 im Marienburger Land am Unterricht teil. In diesen Schulen arbeiteten insgesamt 108 Lehrer, wovon 19 aus ermländischen Dörfern stammten. 1937 wurde das erste polnische Gymnasium Ostpreußens in Marienwerder eröffnet. Es gab auch Kindergärten und Klubräume107, 26 polnische Bibliotheken108 und Pfadfinderstämme, Jugendzirkel, Theatergruppen usw.109

Eine wichtige Rolle bei der Pflege der polnischen nationalen Identität fiel der katholischen Kirche zu. Laut den Ermittlungen des Bundes Deutscher Osten (BDO), einer Organisation, die zur Verbreitung des Deutschtums und der Bekämpfung der polnischen und litauischen Nationalbewegung ins Leben gerufen wurde (1936 zählte der BDO im Süden der Provinz nicht weniger als 11 000 Mitglieder, vorrangig Lehrer, Beamte und Priester), nahmen etwa 6 000 Gläubige (von insgesamt knapp 40 000 polnischen Ermländern) im Jahr 1938 an „polnischen Gottesdiensten“ im Ermland teil; die meisten davon in den Pfarrgemeinden Wuttrienen (fast alle Gläubige), Stabigotten (500 von 1 500 Gläubigen) und Schönbrück (400 von 1 200 Gläubigen)110, und dies obwohl die ostpreußischen Behörden mit Beginn des Dritten Reiches einen breit angelegten Kampf gegen jegliche Anzeichen der polnischen Bewegung aufgenommen hatten. Um der Bevölkerung das Polentum zu verleiden bzw. sie davon abzubringen, bedienten sich die Behörden einer breiten Palette von Maßnahmen, angefangen von „traditionellen wilhelminischen“ Schritten, wie dem Anbieten materieller Vorteile (günstige Kredite, Tilgung von Steuerrückständen) über Möglichkeiten beruflichen Aufstiegs usw. bis hin zu den „neuen“, für den totalitären Staat charakteristischen. Vor Erpressung, Gewalt oder Terror schreckte man nicht zurück.

Ähnlich wie in Masuren und Preußisch-Litauen schritt der Assimilationsprozess auch im Ermland und dem Marienburger Land rasch voran111. Die zivilisatorische Attraktivität des Dritten Reiches und die rücksichtslose Bekämpfung des Polentums schränkten die Wirkungsmöglichkeiten der polnischen Bewegung grundlegend ein. ← 83 | 84 → Immer mehr Polen im Ermland und polnische Ermländer wurden zu deutschen Ermländern oder Deutschen. Die Germanisierung (Assimilation) vollzog sich auch unter den anderen Minderheiten, die in der Provinz lebten: den Juden, Russen (Altgläubigen), französischen Hugenotten, niederländischen Mennoniten oder Salzburger Exulanten. Zu einem Symbol dieser Bestrebungen wurden die (bereits seit den zwanziger Jahren) massiv betriebenen Ortsumbenennungen112.

Ein weiteres Symptom für den Niedergang des multikulturellen Ostpreußens war das Schicksal der dortigen Juden. 1925 lebten in dieser Provinz 11 337 voll assimilierte Juden, die auch „Deutsche mosaischen Glaubens“ genannt wurden. Sie machten 0,5 % aller Einwohner Ostpreußens (1925: insgesamt 2,256 Mio. Personen) aus. Die größten jüdischen Zentren waren Königsberg, Tilsit, Insterburg, Memel und Allenstein. Bereits 1933 kam es zu körperlicher Gewalt und feindlichen Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung, und dies trotz ihrer vollen Loyalität gegenüber dem deutschen Staat113. Angesichts der nationalsozialistischen Gesetzgebung und des zunehmenden Terrors flohen erste Juden aus Ostpreußen, es kam zu ersten Morden und Vertreibungen. In der „Kristallnacht“ am 9. November 1938 wurden die meisten Synagogen in Ostpreußen (unter anderem in Königsberg, Insterburg oder Ortelsburg114) niedergebrannt und zerstört.

Mit voller Unterstützung durch die Bevölkerung wurden jüdische Geschäfte boykottiert und zerstört, jüdische Friedhöfe geschändet. Ihres Vermögens beraubt (sog. „Arisierung“) und terrorisiert, gingen die Juden zunächst nach Berlin. Manchen gelang die Flucht ins Ausland115. Nach dem Anschluss des Memellandes an das Dritte Reich im März 1939 und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs widerfuhr ein ähnliches Schicksal den polnischen und litauischen Aktivisten in Ostpreußen. ← 84 | 85 →


64    Deutschland befürchtete, die nördlichen Gebiete Ostpreußens zu verlieren, und gründete im November 1918 in Memel einen Ausschuss zur Bekämpfung der russisch-litauischen Bestrebungen zur Loslösung ostpreußischer Gebietsteile in Stadt Memel und Kreis Memel. B. Koziełło-Poklewski, Litwini Pruscy między Litwą a Prusami (1918-1920), in: Zagadnienia narodowościowe w Prusach Wschodnich w XIX i XX wieku, pod red. J. Jasińskiego, Olsztyn 1993, S. 105 f.

65    In einem im Januar 1919 in Dänemark veröffentlichten „Aufruf der Litauer in Ostpreußen“ ersuchten sie die internationale Öffentlichkeit um Hilfe, weil sie „von der ganzen Welt abgeschnitten und von den Deutschen unterdrückt“ würden. Im Aufruf lesen wir unter anderem: „Wir Preußisch-Litauer zählen in ganz Ostpreußen 200 000 und im übrigen Deutschland 150 000. (…) Wir haben unsere Sprache, unsere Eigentümlichkeiten und unsere Kultur bewahrt und fühlen uns eins mit unsern Brüdern in Großlitauen. (…) Unsere Losung kann nur sein ‚Los von Deutschland‘“. Ebenda, S. 107 f.

66    Es waren folgende Kreise: Kleipėda (Memel), Tilžė (Tilsit), Šilokarciama (Heydekrug), Ragainė (Ragnit), Labgava (Labiau), Isrutis (Insterburg), Gumbinė (Gumbinnen), Stalupėnai (Stallupönen) und Pilkalai (Pillkallen).

67    Ebenda, S. 119.

68    Jan Baczewski, polnischer Abgeordneter im preußischen Landtag, Ermländer und Aktivist der polnischen Bewegung in Ostpreußen, sah Ähnlichkeiten im Schicksal der polnischen und der litauischen Minderheit in der Provinz und initiierte 1923 eine Kooperation mit Litauern in Tilsit. Mehr darüber schreibt M. Szostakowska in ihrer Studie Litwini Pruscy w latach 1918-1933 w świetle materiałów Archiwum Akt Nowych w Warszawie, in: Polacy, Litwini, Niemcy w kręgu wzajemnego oddziaływania. Z zagadnień Litwy Pruskiej i stosunków niemiecko-litewskich i polsko-litewskich w drugiej połowie XIX i XX wieku (do 1939 roku), pod red. A. Skrzypka, S. Szostakowskiego, Olsztyn 1992, S. 106-115.

69    Ebenda, S. 105. Vgl. auch: N. Strakauskaitė, Der Einfluss politischer Faktoren auf das kleinlitauische Schulwesen 1871-1933, in: Selbstbewusstsein und Modernisierung. Sozialkultureller Wandel in Preußisch-Litauen vor und nach dem Ersten Weltkrieg, hrsg. von R. Traba, Osnabrück 2000, S. 113, 118.

70    Vgl. M. Szostakowska, Litwini…, S. 110; J. Tauber, Überlegungen zur Bedeutung der kleinlitauischen Bewegungen in Ostpreußen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Selbstbewusstsein und Modernisierung. Sozialkultureller Wandel in Preußisch-Litauen vor und nach dem Erster Weltkrieg, hrsg. von R. Traba, Osnabrück 2000. Die Hauptaktivisten waren: Wilhelm Storost, ein angesehener litauischer Schriftsteller, der unter dem Pseudonym Vydunas publizierte, Enzys Jagomastas und der propolnisch eingestellte Wilhelm Mačiulaitis.

71    Vor 1914 wurde das Blatt von etwa 8 000 Abonnenten gelesen; ihre Zahl schrumpfte bis 1931 auf nur etwa eintausend. Vgl. M. Szostakowska, Z problematyki mniejszości litewskiej w Prusach Wschodnich. Nieznana relacja informatora polskiej służby konsularnej w Królewcu z 1931 roku, in: Kommunikaty Mazursko-Warmińskie 1990, Nr. 104, S. 71.

72    Ebenda, vgl. auch: N. Strakauskaitė, Der Einfluss…, S. 76-79.

73    M. Szostakowska, Litwini…, S. 114.

74    Vgl. A. Hermann, Preußisch-Litauer und die Evangelische Kirche Ostpreußens 1871-1933, in: Selbstbewusstsein und Modernisierung. Sozialkultureller Wandel in Preußisch-Litauen vor und nach dem Erster Weltkrieg, hrsg. von R. Traba, Osnabrück 2000, S. 107.

75    Vgl. B. Piotrowski, Mniejszość litewska w Prusach Wschodnich (do lat osiemdziesiątych XIX wieku), in Lituano-Slavica Posnaniensia. Studia Historia Bd. IV, 1990, S. 63.

76    Der litauische Konsul in Tilsit bemerkte: „Bekanntlich geht die litauische Jugend in den [deutschen – A.S.] Schulen unter und wächst zu Hakenkreuzlern [Hitler-Anhängern – A.S.] heran. Die junge Generation gehört uns nicht mehr, dabei fehlen uns große Intellektuelle, die sich der Germanisierungswelle widersetzen könnten“. Zit. nach: M. Szostakowska, Z problematyki mniejszości…, S. 71. 1939 schrieb Kurt Forstreuter in seiner Arbeit Memelland:
„Jeder Litauer, der sich aus der Bauernmasse befreite und einen sozialen Aufstieg erfuhr, wurde zum Deutschen. Es geschah nicht, weil Druck ausgeübt wurde, sondern weil es bis auf die Kirche und die Volksschule keine anderen Möglichkeiten gab, sich in litauischer Sprache zu üben. (…) Somit vollzog sich ohne staatlichen Eingriff, auf eine ganz natürliche Art die weitere Sättigung des Litauertums mit deutschem Geist“ (Elbing 1939, S. 40). Der litauische Aktivist aus Tilsit, Storost, fasste 1916 diese Frage folgendermaßen zusammen: „Das Verhalten der preußisch-deutschen Regierung war das, dass sie bemüht war, die deutsche Kultur unter den Litthauern zu pflegen, deutsche Bildung dem Litthauer zu übermitteln. Auch ohne besondere Maßnahmen verbreitet sich naturgesetzlich eine höhere Kultur gegenüber einer anderen. Die Entnationalisierung der Litthauer wurde darum in deutschen Kreisen als ein natürlicher Vorgang betrachtet“. Zit. nach: W. Hubatsch, Masuren und Preußisch-Litauen in der Nationalitätenpolitik Preußens 1870-1920, „Zeitschrift für Ostforschung“ 1965, H. 4, S. 663. Vgl. auch: O. Prusaite, Preußisch-Litauen und seine Germanisierung, Tilsit 1933; D. Kaunas, Mažosios Lietuvos Spaustuvės 1524-1940 metais, Vilnius 1987.

77    A. Szymański, Die wirtschaftliche Lage der Masuren in Ostpreußen, Königsberg 1921, S. 2.

78    Im Jahr 1920 schrieb das Masurische Volksabstimmungskomitee: „Der Masure kennt nur den polnischen Katholiken, kennt nur das polnische Elend, kennt nur den armen, armen Arbeiter, der zu ihm arbeiten kommt, kennt den jüdischen Schmuggler, nur solche Polen kennt der Masure. Daher ist ‚Polen‘ für den Masuren ein Synonym für Minderwertigkeit, niedere Kultur, Armut. Kaum klettert ein Masure die soziale Leiter hinauf, schon fühlt er sich besser, beginnt sich sogar der Sprache zu schämen, die er von Zuhause mitbringt, als einer ungebildeten Sprache“ (W. Wrzesiński, Plebiscyty na Warmii i Mazurach oraz na Powiślu w roku 1920, Olsztyn 1974, S. 89).

79    Ebenda, S. 108.

80    Das polnische Konsulat in Allenstein charakterisierte die Aktivitäten des Masurenbundes folgendermaßen: „Sie betrachten die Masuren als ein eigenständiges Volk, das zwar Polnisch spricht, sich von den Polen jedoch durch Glauben, Mundart und Kultur unterscheidet. Deutschland sehen sie als ihr großes Vaterland an, in dessen Rahmen die Masuren ihre regionale Eigenart bewahren sollten. Auf dem Boden einer bedingungslosen Loyalität gegenüber dem Deutschen Reich strebte der Masurenbund nach dem Erhalt der ethnischen Eigenart bei gleichzeitiger Hervorhebung des polnischen Volksstands“. W. Wrzesiński, Ruch polski na Warmii, Mazurach i Powiślu w latach 1920-1939, Olsztyn 1973, S. 182. Vgl. auch: Demokratie in Masuren, in: Cech 1930, Nr. 2; Wir sind Masuren, in: Cech 1930, Nr. 11; Loyalität, in: Cech August 1929; Zur Lage, in: Cech 1930, Nr. 3, und Macht Schluss mit der Idiotisierung der Masuren, in: Cech 1932, Nr. 3-4.

81    W. Wrzesiński, Ruch polski…, S. 22; ders., Kwestia mazurska na Działdowszczyźnie w latach 1920-1939, „Komunikaty Mazursko-Warmińskie“ 1959, Nr. 3, S. 264.

82    Vgl. F. M. Leyk, Ocena dotycząca położenia i nastroju ludności miejscowego pochodzenia na terenie mazurskim i propozycje względnie wnioski mające na celu usunięcie złego oraz pogłębienie ich świadomości narodowościowej, Szczytno 1954 (Typoskript in der Sammlung des Autors).

83    Vgl. W. Wrzesiński, Ruch polski…

84    B. Łukaszewicz, W. Wrzesiński, IV Dzielnica Związku Polaków w Niemczech 1922-1939, Olsztyn 1982, S. 13-16.

85    Vgl. W. Wrzesiński, Związek Polaków w Niemczech wobec problemów świadomości narodowej (1922-1939), in: Kwartalnik Historyczny 1968, Nr. 3, S. 607.

86    Der Pflege der masurischen Eigenart dienten die in den dreißiger Jahren von der Zeitschrift „Mazur“ propagierten „Masurischen Nationalgebote“:

      „1.   Ziel meines Lebens ist, Gott und dem Masurischen Volke zu dienen; damit diene ich auch dem wohlverstandenen Eigenwohl.

      2.   Ich weiß genau, dass ich Bürger des Deutschen Reiches bin und dem Staat das gebe, was diesem billig zusteht. Ich achte das deutsche Volk und die deutsche Sprache, aber fordere die gegenseitige Ehre und Achtung für das Masurische Volk und seine Muttersprache.

      3.   Ich bin stolz und es gereicht mir zum Glück, dass Gott mich als einen Masuren schuf.

      4.   Ich bin mir dessen bewusst, dass mein Masurisches Volk und seine geliebte Muttersprache und Heimat über alles Irdische teuer und heilig sein muss.

      5.   Ich bin mir der großen Verantwortung bewusst, die auf mir gegenüber dem Masurischen Volk lastet. Ich weiß, dass ich wie alle Masuren und Masurinnen für die Zukunft des Vaterlandes verantwortlich bin.

      6.   Hart und unbeugsam verteidige ich meine Sprache, mein Land und meine Ehre, die ich von den Ahnen zum Erbe erhielt.

      7.   Ich haben den starken Willen, diese Verteidigungsschlacht gerecht bis zum guten Ende zu führen.

      8.   Ich glaube stark an mein Masurisches Volk, an seine glückselige Zukunft, an seine höhere Vorsehung und Mission.

      9.   Im alltäglichen Leben gehe ich anderen Masuren und Masurinnen mit gutem Beispiel voran.

      10.   Ich fürchte keine Widrigkeiten noch Schwierigkeiten. Gott wird uns in schlechten Zeiten nicht verlassen, denn Er bezwingt jedes noch so große Übel“. (vgl. Mazur 1938, Nr. 94).

        Vgl. F. Leyk, Pamięć notuje i utrwala. Wspomnienia, Warszawa 1969.

87    Signifikant für diesen Prozess war das schwache Engagement in den Kampf um eigene Rechte. „Mazurski Przyjaciel Ludu“ [Masurischer Volksfreund] schrieb am 28.07.1926 (Nr. 59): „In Masuren herrschte schon immer Gleichgültigkeit. Als ihr Gottesdienst aus den Kirchen verbannt wurde, protestierten die Masuren fast gar nicht. Mit Gelassenheit nahmen sie solche Anordnungen hin, kraft deren ihre eigenen Kinder Religionsunterricht in einer fremden statt der Muttersprache erteilt wird. In Masuren wurde der Polnischunterricht aus den Schulen verbannt, und wieder schwiegen die Masuren. Heute können die Masuren den Polnischunterricht in Schulen fordern, aber sie tun es nicht. Die Deutschen machen mit den Masuren, was sie wollen, da die Masuren zu gefügig sind und mit sich machen lassen, was den Deutschen gefällt“.

88    B. Łukaszewicz, W. Wrzesiński, IV Dzielnica…, S. 14.

89    Vgl. W. Wrzesiński, Ruch polski…

90    Ebenda.

91    Die Mitglieder der Gromadkibewegung nahmen zwar aktiv am Leben der „offiziellen“ lutherischen Kirche teil, beteiligten sich aber auch in ihren Gemeinschaften, die von Laien und nicht von Priestern geführt wurden. Diese Bewegung entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts und trug zum Erhalt der polnischen Sprache bei, in erster Linie durch die Gottesdiensten, die in der Regel in privaten Häusern und auf Polnisch gefeiert wurden. Ebenfalls auf Polnisch wurden religiöse Schriften, wie „Głos Ewangelijny“ [Stimme des Evangeliums] oder „Trąba Ewangelijna“ [Trompete des Evangeliums], verbreitet. Die Anführer der Gromadkibewegung, allen voran Reinhold Barcz, sprachen sich in ihrer missionarischen Tätigkeit für den Erhalt und die Pflege der masurischen Traditionen aus und suchten dabei Unterstützung bei den polnischen Protestanten. Vgl. R. Otello, Problemy narodowościowe w kościele ewangelickim na Mazurach w latach 1918-1945, Olsztyn 2003, S. 59-98.

92    P. Sowa, Cena polskości, Warszawa 1976, S. 116-123.

93    E. Sukertowa-Biedrawina, Dawno a niedawno. Wspomnienia, Olsztyn 1965, S. 147.

94    W. Wrzesiński, Problemy świadomości narodowej ludności polskiej na Warmii, Mazurach i Powiślu w latach 1920-1939, in: Komunikaty Mazursko-Warmińskie 1962, Nr. 1, S. 137.

95    Vgl. D. Hertz-Eichenrode, Die Wende zum Nationalsozialismus im südlichen Ostpreußen 1930-1932, „Olsztyńskie Studia Niemcoznawcze“ Bd. 1, 1986, S. 110.

96    Im Wahlkampf hielt sich Hitler mehrmals in Masuren auf. Mit dem Flugzeug oder Pkw besuchte er viele große und kleine Städte und Dörfer. So legte er beispielsweise am 19.-20. April und am 15.-17. Juni 1932 die Strecke von Hohenstein nach Lyck zurück und besuchte dabei Waplitz, Neidenburg, Ortelsburg, Schwentainen, Rudczanny, Schimonken, Johannisburg, Nikolaiken usw. Auf der Durchreise begegneten ihm enthusiastische Menschenmassen mit Bannern, wie „Das deutsche Masuren grüßt den Führer des kommenden Deutschlands“ oder „Gebt Hitler die Macht, rettet die Heimat!“. Ebenda, S. 110-112.

97    Am 5. Juni 1931 wurde beispielsweise in Ortelsburg ein großer „Deutscher Tag“ mit Aufmärschen, Kranzniederlegungen usw. veranstaltet.

98    In der deutschen Literatur wurde während des Nationalsozialismus die These aufgestellt, die Masuren gehörten zum germanischen Kulturkreis. Ihre Sprache habe deutsche Wurzeln und in ihren Adern fließe seit Anbeginn deutsches Blut. Vgl. G. Tilk, Masuren erwacht. Der Sieg der nationalsozialistischen Revolution, in: Masurischer Kalender 1934, S. 57-60; W. Schusmus, Die germanischen und altdeutschen Wurzeln der masurischen Volkskultur, ebd. S. 44-45; J. Zachau, Die deutsche Herkunft unserer Familiennamen in Masuren, ebd. S. 57-60.

99    Vgl. Z. Lietz, Ostdeutscher Heimatdienst. Materiały do antypolskiej działalności z lat 1927-1933, in: Komunikaty Mazursko-Warmińskie Nr. 1-2/1959, S. 193-206.

100  Vgl. R. Bahr, Wspomnienia z lat 1933-1945. Typoskript in der Sammlung des Autors; R. Gelles, Rola szkoły niemieckiej w kształtowaniu obrazu Polski i Polaków w okresie międzywojennym, Wrocław 1986.

101  Das System verschiedener Vergünstigungen und finanzieller Hilfen für die Landwirtschaft in den ersten Jahren der NSDAP-Herrschaft präsentiert R. Grunberger in seinem Werk Historia społeczna Trzeciej Rzeszy, Bd. 1, Warszawa 1987, S. 237-244.

102  Vgl. D. Hertz-Eichenrode, Die Wende…, S. 114. Die Zunahme der Mitgliederzahl der NSDAP in den Krisenjahren 1929-1932, die in Ostpreußen zu beobachten war, wurde durch das Ortelsburger Blatt „Mazur“ aufmerksam verfolgt. Die NS-Gefahr wurde nach Ansicht der Redaktion durch die Masuren nicht wahrgenommen. Über masurische NSDAP-Mitglieder schrieben sie: „Nur der dumme Ochse folgt seinem Schlächter“ (Mazur 1932, Nr. 32). Vgl. auch Mazur 1932, Nr. 23. Die masurische Problematik, darunter die Zeit des Nationalsozialismus, behandeln die Autoren von vier Monographien: A. Sakson, Mazurzy – społeczność pogranicza [Die Masuren – eine Grenzlandgesellschaft], Poznań 1990; A. Kossert, Preußen, Deutsche oder Polen? Die Masuren im Spannungsfeld des ethnischen Nationalismus 1870-1956, Wiesbaden 2001; ders., Masuren. Ostpreußens vergessener Süden, Berlin 2001; R. Blanke, Polish-speaking Germans? Language and national identity among the Masurians since 1871, Köln/Weimar/Wien 2001. In keiner Sprache erschien bisher eine umfassende Darstellung zur Geschichte der Preußisch-Litauer.

103  Vgl. A. Szyfer, Warmiacy. Studium tożsamości, Poznań 1996, S. 102-105; B. Łukaszewicz, W. Wrzesiński, IV Dzielnica…; S. Achremczyk, Historia Warmii i Mazur od pradziejów do 1945 r., Olsztyn 1992. In den Jahren 1935-1936 existierten im Ermland 29 BdPiD-Zirkel mit 925 Mitgliedern, neun Zirkel gab es im Marienburger Land (660 Mitglieder) und einen in Masuren (65 Mitglieder). W. Wrzesiński, Ruch polski…, S. 255.

104  Die Aktivitäten des Polnischen Hauses und seine Bedeutung für die polnische Bewegung werden in zahlreichen Erinnerungen der Ermländer erwähnt: u.a. M. Zientara-Malewska, Śladami twardej drogi, Warszawa 1966; J. Baczewski, Wspomnienia Warmiaka, Warszawa 1961; J. Boenigk, Minęły wieki a myśmy ostali, Warszawa 1957; O. Grot, W kręgu spraw ojczystych, Olsztyn 1982; W. Knosała, Była nas gromadka spora, Olsztyn 1972; F. Kwas, Wspomnienia z mojego życia, Olsztyn 1957, M. Lengowski, Na Warmii i w Westfalii, Warszawa 1972.

105  Vgl. T. Filipowski, W obronie polskiego trwania, Olsztyn 1989, S. VI-VII, A. Szyfer, Warmiacy…, S. 88 f.

106  Unter anderem in Gillau, Groß Leschno, Plautzig, Groß Purden, Woritten und Wemitten. Vgl. Kronika katolickiej szkoły polskiej w Nowej Kaletce [Chronik der katholischen polnischen Schule Neu Kaletka], zum Druck vorbereitet von B. Koziełło-Poklewski, W. Wrzesiński, Olsztyn 1979; Kronika szkoły polskiej w Worytach na Warmii, oprac. T. Filipkowski, Z. Lietz, Olsztyn 1979.

107  Vgl. B. Koziełło-Poklewski, W. Wrzesiński, Szkolnictwo polskie na Warmii, Mazurach i Powiślu w latach 1919-1939, Olsztyn 1980, S. 232-234; T. Filipkowski, Nauczyciele polscy w Niemczech 1919-1939, Olsztyn 1992; W. Wrzesiński, Ruch polski…, S. 167 f.

108  J. Wróblewski, Biblioteki polskie na Warmii, Mazurach i Powiślu w latach 1881-1939, Olsztyn 1968.

109  Vgl. A. Szyfer, Warmiacy…, S. 107.

110  P. Sowa, Tropem spadkobierców hakaty. Antypolska działalność Bund Deutscher Osten na Warmii i Mazurach (1933-1939), Warszawa 1978, S. 78-81.

111  Zunehmend versammelte die polnische Bewegung ältere Menschen in ihren Reihen. Nicht weniger als 61 % der Mitglieder waren über 60-Jährige; Jugendliche machten lediglich 6,4 % aus. A. Szyfer, Warmiacy…, 104.

112  An der Bahnstrecke Königsberg-Tilsit wurden nach 1933 acht Ortschaften umbenannt, an Namen litauischer Herkunft zum Beispiel Szargillen in Eichenrode, Groß Skaisgirren in Kreuzingen, Uszballen in Mühlenau. Gängige Praxis war dies auch in Masuren (z.B. Czerwonka in Rothbach, heute Czerwonka im Kreis Ełk) oder im Ermland (Neu Kaletka in Herrmannsort, heute Nowa Kaletka im Kreis Olsztyn). Auch des „Führers des Großdeutschen Reiches“ wurde gedacht: Hitlershöhe, Hitlerplatz, Hitlerstraße usw.

113  Von der loyalen Einstellung zeugten unter anderem die Aktivitäten des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten oder des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Vgl. S. Kossert, Żydzi wschodniopruscy, in: Tematy żydowskie, pod red. E. Traby, R. Traby, Olsztyn 1999, S. 161-168.

114  Der Bürgermeister von Ortelsburg hat zum Beispiel der jüdischen Gemeinde eine Rechnung über 1 055 RM für die Beseitigung der Reste ihrer ausgebrannten Synagoge ausgestellt. Vgl. A. Kossert Ostpreußen…, S. 288.

115  Vgl. R. Kabus, Juden in Ostpreußen, Husum 1998; S. Schüler-Springorum, Die jüdische Kindheit in Königsberg/Preußen 1871-1945, Göttingen 1996; R. Leiserowitz, Juden in Ostpreußen: Auf den Spuren der Familie Berlowitz, in: Kulturlandschaft Ost- und Westpreußen, Potsdam 2005, S. 119-132.

6.   Litauisch-Preußen – das Memelland

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 sind in Europa mehrere neue Staaten entstanden, unter ihnen Litauen und Polen. Sie knüpften große Hoffnungen an die Entscheidungen, die auf der Friedenskonferenz in Versailles getroffen wurden. In der Note vom 24. März und der Denkschrift vom 8. April 1919 an den Präsidenten der Pariser Konferenz forderte die litauische Delegation, das Gebiet Preußisch-Litauens, d. h. die nördlichen Kreise Ostpreußens mit einer Fläche von 6 700 bis 10 000 km2 (400 000-500 000 Bewohner), an Kleinlitauen anzugliedern, das wiederum integraler Bestandteil der Republik Litauen werden sollte. Ihren Anspruch auf diese Gebiete begründete die litauische Seite – ähnlich wie Polen – mit Nationalitätenverhältnissen und wirtschaftlichen Aspekten. Die Litauer vertraten den Standpunkt, in dieser Region lebe eine große litauische Bevölkerungsgruppe116, und für die reibungslose wirtschaftliche Entwicklung des Staates sei wenigstens ein Ostseehafen notwendig; einen solchen gebe es in Memel117. Die litauischen Anstrengungen riefen Gegenmaßnahmen vonseiten Deutschlands hervor118.

Frankreich und Polen zeigten lebhaftes Interesse am Ausgang der Entscheidungen zu Preußisch-Litauen. Beide Länder zielten übereinstimmend auf eine Schwächung Deutschlands ab. Die Polen verlangten unter anderem Zugang zum Ostseehafen Memel, was die Ausfuhr polnischer Waren aus den östlichen Grenzlanden Polens ermöglichen sollte119. ← 85 | 86 →

Artikel 99 des Versailler Vertrages verhandelte das Schicksal der Gegend um Memel, denn nur dieses Gebiet sollte vom nördlichen Ostpreußen abgetrennt werden. Mit der „Internationalisierung Memels“ wurde nicht definitiv über den späteren Status dieses Gebiets befunden. Beispielsweise stand die Entscheidung aus, die ja schlüssig gewesen wäre, dieses Gebiet Litauen zuzuschlagen120. Die Deutschen hielten diese Entscheidung für noch schändlicher als die Volksabstimmung im Ermland und Masuren oder den Verlust des Soldauer Gebiets, zumal sie „urdeutsches Land“ an „Polacken“ und ihren „Saisonstaat“ sowie an die „dummen Litauer“ verloren, d. h. Menschen „auf einem niedrigeren Kulturniveau“, wie jahrelang nicht nur deutsche Nationalisten behaupteten.

Mit der Unterzeichnung des Vertrages von Versailles am 28. Juni 1919 verzichtete Deutschland auf alle Rechte und Ansprüche am Memelland. Am 9. Januar 1920 wurde in Paris eine Vereinbarung über die Übergabe des Memellandes an die Alliierten unterzeichnet. Am nächsten Tag trat der Versailler Vertrag in Kraft. Am 10. Januar machte sich das 21. Jägerbataillon aus Gérardmer-St. Dié auf den Weg, und nach einer Bahnfahrt quer durch Deutschland übernahm es am 15. Januar im Namen der alliierten Staaten die Hoheitsgewalt in Memel. Somit endete in diesem Gebiet die deutsche Verwaltung, und es begann die dreijährige (1920-1923) Zeit der „französischen Herrschaft“ im „Kondominium“ auf dem Gebiet des „Territoire de Memel“. General Dominique Odry übernahm praktisch die Macht121. Er setzte das Landesdirektorium als oberste Exekutiv- und Aufsichtsbehörde ein und leitete mittels dieser die Angelegenheiten des „Kondominiums“ bzw. – aus deutscher Sicht – des „Freistaates Memelland“. Die Landesdirektoren wurden mehrheitlich von Deutschen gestellt. Im April 1920 wurde die Zollgrenze zu Deutschland festgelegt. Die Berliner Behörden vertraten den Standpunkt, die Bewohner des Memellandes seien nach wie vor deutsche Staatsangehörige. Wie Sergiusz Mikulicz schreibt, „entstand ein pseudostaatliches Gebilde, ohne Staatsangehörigkeit für seine Einwohner, ohne eigene Währung, aber von Zollgrenzen umgeben und sogar mit eigener Flagge“122. ← 86 | 87 →

Das Memelgebiet war so groß wie Luxemburg. Die Autoren machen unterschiedliche Angaben zur Größe dieses Territoriums (von 2 451 bis 2 860 km2)123. Das Gebiet war 140 km lang und lediglich 15-20 km breit. Es umfasste drei Kreise: Memel, Heydekrug und Pogegen124. Die Volkszählung vom 30. September 1920 ergab, dass in dieser Region 150 746 Menschen lebten. Als Sprache gaben 71 000 Personen Deutsch und 67 000 Litauisch an.125 Die meisten früheren Bewohner (Preußisch-Litauer und Deutsche) waren protestantisch: 132 000 Personen. Es gab 5 383 Katholiken und 1 350 Juden126. Mehr als 70 % der Einwohner lebten auf dem Lande und waren hauptsächlich in der Land- und Forstwirtschaft (darunter Holzverarbeitung) beschäftigt. Viele lebten von der Fischerei127.

Die Hauptstadt des Bezirks war Memel, das 1920 mehr als 32 000 Einwohner bzw. 1922 mehr als 35 000 Einwohner zählte128. Hier konzentrierte sich auch das industrielle Hauptpotential des „Großmemellandes“ (Werft-, Fisch-, Holz-, Maschinenindustrie). ← 87 | 88 →

Der 10. Januar 1923 bildete den Auftakt zu einem neuen Kapitel in der Geschichte des „Territoire de Memel129. An diesem Tag brach ein litauischer Aufstand aus, unterstützt durch reguläre Einheiten der litauischen Armee, die an einigen Stellen die Grenze passiert hatten130. Dieses Vorgehen wurde durch die deutschen Behörden gebilligt, die zu der Auffassung gelangten, dass es aus ihrer Sicht vorteilhafter sein würde, sich der Franzosen zu entledigen und Polens wirtschaftlichen Einfluss im örtlichen Hafen zu schwächen, indem das Gebiet dem litauischen Einflussbereich angeschlossen wurde131. Es ist zu keinen direkten Kämpfen zwischen den stationierten französischen Verbänden und den litauischen Aufständischen bzw. Soldaten gekommen132. Die mit Waffengewalt erfolgte Be ← 88 | 89 → setzung eines Teils von Kleinlitauen, d. h. des Memellandes, fand ihren festen Platz in der litauischen Nationalmythologie und im historischen Gedächtnis als ein Bestandteil des Kampfes gegen die „germanische Bedrohung“.

Am 16. Februar 1923 billigte der Botschafterrat die Angliederung des Memelgebiets an Litauen unter der Bedingung, dass diesem eine weitgehende Autonomie gewährt werden würde. Am 19. Februar verließen die französischen Truppen das besetzte Memelland an Bord des Panzerschiffs „Voltaire“. Noch am selben Tag zogen litauische Truppen in die Kasernen ein. Die litauische Regierung nahm die Bedingungen des Botschafterrates vom 13. März 1923 an, woraufhin am 8. Mai 1924 in Paris die Konvention über das Memelgebiet unterzeichnet wurde133. Somit wurden die Stadt Memel und das Memelland Teil des litauischen Staates und bildeten einen autonomen Bezirk mit eigener Verwaltung und eigenem Landtag, in dem die ortsansässigen Deutschen über die gesamte Zeit der litauischen Herrschaft, d. h. bis 23. März 1939, eine Mehrheit hatten. Nach Hitlers Machtergreifung machte Deutschland keinen Hehl mehr daraus, dass es dieses Gebiet zurückgewinnen wollte. Vor diesem Hintergrund wurden nicht umgesetzte Pläne für einen nationalsozialistischen Putsch in Memel geschmiedet. Angesichts des immer stärkeren Einflusses der NSDAP unter der deutschen Bevölkerung vor Ort erließ die litauische Regierung am 8. Februar 1934 das „Gesetz zum Schutz von Volk und Staat“, das hohe Strafen für die Schmähung des litauischen Volkes, seiner Regierung und seiner Symbole vorsah. In den Jahren 1933-1935 kam es zu zahlreichen Verhaftungen. Angeklagt wurden 122 ortsansässige Deutsche. Die litauische Politik nahm einen deutlich antideutschen Kurs, was zu einer Abkühlung der deutsch-litauischen Beziehungen führte134.

Seit 1938 warteten örtliche nationalsozialistische Organisationen auf ein Signal aus Berlin, um einen bewaffneten Aufstand auszulösen und die Sezession zu verkünden135. Nach der Annexion der Tschechoslowakei stellte die deutsche ← 89 | 90 → Regierung Litauen ein Ultimatum in Sachen Memel: „Entweder wird das Memelland freiwillig aufgrund eines Abkommens an Deutschland angegliedert oder werden militärische Schritte gegen Litauen unternommen“136. Am 23. März 1939 sah sich der litauische Außenminister Juozas Urbšys unter dem deutschen Druck gezwungen, einen Vertrag mit Deutschland zu schließen, in dem im Artikel 1 festgehalten wurde: „(…) Das Memelland, welches Deutschland im Vertrag von Versailles aberkannt wurde, wird ab heute mit dem Deutschen Reich wiedervereinigt“. Am 22. März 1939 zieht sich das litauische Militär aus dem Memelland zurück. Tags darauf landet Adolf Hitler, aus Königsberg an Bord des Panzerschiffes „Deutschland“ kommend, im Hafen von Memel. Die Deutschen bereiteten ihm einen enthusiastischen Empfang. Am selben Tag, dem 23. März 1939, marschieren die ersten Einheiten der deutschen Wehrmacht und der SS über die Brücke in Tilsit in das Memelgebiet ein137. Zahlreiche Litauer beschlossen, das Memelland zu verlassen138. Für die gesamte litauische Bevölkerung bedeutete der Verlust des Memelgebiets eine enorme gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Erschütterung139. Vonseiten der Mächte, die sich für den bisherigen Status des Memellandes verbürgt hatten, erfolgte keine Reaktion. ← 90 | 91 →

6.1.   Das Problem der Preußisch-Litauer (Lietuvininkai)

Eine große Herausforderung, mit der sich die litauische Regierung in Kaunas in den Jahren 1923-1939 konfrontiert sah, war, die dort lebenden Preußisch-Litauer für die litauische Sache zu gewinnen. Mit einem ähnlichen Problem hatte die polnische Regierung im Soldauer Gebiet angesichts der Masuren zu tun. Diese Bevölkerung stellte eine Legitimation für die Zugehörigkeit der jeweiligen Region zu Litauen bzw. Polen das. Eine Gemeinsamkeit der litauischen und polnischen Politik gegenüber den protestantischen Einheimischen im Memelland bzw. dem Soldauer Gebiet war ihr Scheitern, ablesbar unter anderem in ihrem Unvermögen, die Germanisierungsprozesse einzudämmen. Die Gründe dafür waren vielfältig.

In den Vordergrund treten dabei vor allem spezifische Merkmale von Grenzlandgesellschaften, die jahrhundertelang von ihren jeweiligen Herkunftsländern getrennt lebten. Denn ähnliche Prozesse vollzogen sich nicht nur unter den Ermländern, Schlesiern und Kaschuben, sondern auch unter den Elsässern140. Ein Problem war, dass die Litauer und Polen lange Zeit über keinen eigenen Nationalstaat verfügten, der wirksam die nationale Identität der jenseits der Grenze lebenden Bevölkerung hätte pflegen und entwickeln können, unter anderem durch finanzielle Unterstützung verschiedener Einrichtungen für die Minderheit (Schulen, Banken, Bibliotheken, Verlage usw.). Bei den protestantischen Preußisch-Litauern und Masuren fielen Religionsunterschiede, insbesondere in Kontakten mit den Katholiken aus Großlitauen oder Polen, beachtlich ins Gewicht. Die deutsche Seite machte sich die zivilisatorischen Unterschiede und das Gefälle des Lebensstandards zwischen Preußisch-Litauern und beispielsweise den armen Siedlern aus Schamaiten und den litauischen Juden, die sich nach 1923 in Kleinlitauen niederzulassen begannen, geschickt zunutze. Unabhängig von diesen objektiven Rahmenbedingungen haben sowohl die litauische als auch die polnische Seite viele Fehler und Unterlassungen gegenüber der einheimischen Bevölkerung litauischer bzw. polnischer Abstammung begangen.

1923 war die Regierung in Kaunas überzeugt, die Nationalitätenverhältnisse im Memelgebiet ließen sich in kurzer Zeit ändern und die Bindungen zu „ihren germanisierten Landsleuten“ festigen. Gezielt wurde darauf verzichtet, sie Preußisch-Litauer zu nennen; stattdessen wurden sie als memelländische Kleinlitauer (Lietuvininkai), Memelländer (Klaipėdiškai)141 oder einfach Litauer bezeichnet. Es überwog die Überzeugung vom objektiven Kriterium der nationalen Zugehö ← 91 | 92 → rigkeit, d. h. Kenntnis und Benutzung der litauischen Sprache wurden mit dem litauischen Nationalgefühl gleichgesetzt. War die nationale Identität durch (natürliche oder erzwungene) Germanisierung gestört, galt es, sie durch die Relitauisierung „wiederzugewinnen“.

Die Gesellschaft des Memellandes bestand zwischen den Weltkriegen aus zwei großen Bevölkerungsgruppen: den alten und den neuen Bewohnern. Zu der erstgenannten Gruppe gehörten die Preußisch-Litauer, deren nationale Selbsteinschätzung höchst unterschiedlich war. Unter ihnen ließ sich nur eine relativ geringe Gruppe von Menschen mit litauischer Nationalidentitä oder prolitauischer Einstellung ausmachen. Andere betrachteten sich als eine „autochthone“, „einheimische“ oder „alteingesessene“ Bevölkerung, wobei sie – schon wegen der Kenntnis der litauischen Sprache – das Gefühl der Andersartigkeit gegenüber den ostpreußischen Deutschen entwickelten; unter ihnen kam allerdings auch eine prodeutsche Haltung (in allen möglichen Schattierungen) vor. Zu den Alteinwohnern gehörte selbstverständlich die deutsche Bevölkerung, die mit Ausnahme des Landkreises Memel nach 1920 die dominierende Gruppe war. Vor 1920 hatte sie in ihrem eigenen Nationalstaat gelebt, der eine mit der deutschen Staats- und Nationalräson übereinstimmende Politik betrieb. Eine besondere kleine Gruppe bildeten die ostpreußischen Juden, die hauptsächlich in Memel und anderen Orten der Region lebten. Diese Verhältnisse werden durch die Ergebnisse der Volkszählung von 1925 veranschaulicht, als zum ersten Mal die Kategorie Lietuvininkai/Memelländer im Sinne der autochthonen Bevölkerung neben Litauern und Deutschen eingeführt wurde. Es stellte sich heraus, dass sich ein Fünftel (24,2 %) der Bewohner für Memelländer hielt, 26,6 % für Litauer und 45,2 % für Deutsche142.

Die zweite Gruppe bestand aus neuen Einwohnern, die in der Zwischenkriegszeit ins Memelland gekommen waren. Es waren mehr oder weniger gut ausgebildete Litauer aus der Gegend von Kaunas oder Landarbeiter aus Schamaiten. Zu dieser Gruppe gehörten auch litauische Juden.

Die Preußisch-Litauer, die sich für eine Autonomie ihrer Heimat, d. h. des Memelgebiets, aussprachen, gerieten in eine prekäre Lage. Arthur Hermann stellt fest: „Die Tragik der Preußisch-Litauer lag darin, dass nach der Entstehung des litauischen Staates eine eigene preußisch-litauische Identität nicht mehr möglich war. Die deutsche Bevölkerung sah nach 1919 in dem selbstbewussten Preußisch-Litauer nicht einen Mitbürger, der seine Kultur pflegen wollte, sondern einen verkappten Befürworter des Anschlusses an Litauen. Die Großlitauer dagegen witterten in jeder kleinsten Betonung der Eigenart der Preußisch-Litauer eine ← 92 | 93 → Distanzierung vom litauischen Volk.“143. Die Möglichkeit eines „dritten Weges“ war sehr begrenzt. Sie stieß weder bei den Großlitauern noch bei den Deutschen auf Gegenliebe. Die meisten Kleinlitauer entschieden sich für eine spezifisch verstandene „Hiesigkeit“ und „Vertrautheit“, die nach einer „Übergangsphase“ zum Deutschtum führte. Begünstigt wurde dies unter anderem da durch, dass die protestantischen Kirchenstrukturen weiterhin mit der Unierten Kirche verbunden blieben und die lutherische Kirche aus Großlitauen hier marginalisiert wurde. Im Memelland übten nur zwei litauische evangelische Pfarrer ihren Dienst aus144.

Auch die Zuwanderung neuer Einwohner aus Großlitauen und landwirtschaftlicher Saisonarbeiter, die hauptsächlich aus dem benachbarten Schamaiten kamen, war der Stärkung des Litauertums nicht förderlich145. Meist trat das Gegenteil ein. Die armen Landsleute „kompromittierten“ oftmals Litauen in den Augen der Memelländer146.

Paradoxerweise wurde das Litauertum im autonomen Memelgebiet weder durch die evangelischen Kirchenstrukturen (wo Gottesdienste in der Regel auf Deutsch gehalten wurden), noch durch das Schulsystem gestärkt. 1929 kam zum Beispiel im Kreis Heydekrug nach einer Inspektion von 35 Schulen (von insgesamt 66) heraus, dass in 33 auf Deutsch und nur in zwei auf Litauisch unterrichtet wurde. Von den 47 Lehrern sprachen ganze 25 gar kein Litauisch, während 17 Lehrer schwache und nur fünf genügende Litauischkenntnisse vorweisen konnten. Unter den Schülern waren jedoch 758 Litauer und 569 Deutsche. Ähnlich war es auch in anderen Kreisen. Damit lassen sich unter anderem die Germanisierungserfolge erklären147.

Auch die wirtschaftliche Lage trug keinesfalls zur Festigung des litauischen Gedankens unter den Preußisch-Litauern bei. Die Abtrennung des bisherigen ostpreußischen Absatzmarktes für Lebensmittel rief unter der ländlichen Bevölke ← 93 | 94 → rung Zorn hervor. Dies war umso offenkundiger, je schwerer es den Landwirten fiel, ihre Produkte im litauischen Staat gewinnbringend zu verkaufen148.

Die Preußisch-Litauer entwickelten, ähnlich wie die Masuren, als ethnische Minderheit keine ausreichend starke Gruppenidentität, um sich den Anstrengungen Litauens und Deutschlands, sie für sich zu gewinnen, entgegenstellen zu können. Nach Ansicht von Vytautas Žalys hatte „die litauische Regierung im Memelland viele Fehler begangen, die zum Erfolg Deutschlands führten“149. Von deutschem Einfluss zeugen unter anderem die Ergebnisse der Landtagswahlen, als im Oktober 1925 für Kandidaten deutscher Parteien 58 756 oder 94 % aller Stimmen abgegeben wurden, während die litauischen Parteien lediglich 6 % oder 3 761 Stimmen auf sich vereinen konnten, obwohl die Volkszählung im gleichen Jahr erbrachte, dass die Hälfte (51 %) der Bewohner des Memellandes Litauer waren150.

Die Deutschen, die im Memelland lebten, machten sich Litauens Verpflichtung zum Schutz der nationalen Minderheiten zunutze und bauten mit politischer und finanzieller Unterstützung durch die Regierungen in Berlin und Königsberg ein leistungsfähiges Netz eigener Schulen und vielfältiger politischer, wirtschaftlicher und kultureller Organisationen auf. Mit allen Kräften strebten sie nach der Angliederung des Memellandes an das Reich151. ← 94 | 95 →


116  Laut der Volkszählung von 1910 machte die litauische Bevölkerung beispielsweise im Kreis Heydekrug (Šilutė) die Mehrheit unter den Bewohnern aus (Preußisch-Litauer – 22 968, Deutsche 20 329; die Gesamtbevölkerungszahl betrug 43 309 Personen). Im Kreis Memel gaben sich 27 042 Personen als Litauer aus und 32 885 als Deutsche (Gesamtbevölkerungszahl: 61 972 Personen). G. H. Goring, Das Memelland. Gestern und heute. Eine historische und rechtliche Betrachtung, Bonn 1991, S. 264.

117  Vgl. A. Kossert, Ostpreußen…, S. 225.

118  Zur Unterstützung des Anliegens wurden unter anderem im April 1919 Unterschriften gesammelt. Nach deutschen Erhebungen hätten 99 % Bewohner des Kreises Heydekrug und 78 % des Kreises Memel somit für die Zugehörigkeit zu Deutschland „optiert“. P. Łossowski, Kłajpeda w polityce Republiki Weimarskiej, in: Niemcy w polityce międzynarodowej 1919-1939, Bd. 1: Era Stresemanna, pod red. S. Sierpowskiego, Poznań 1990, S. 364.

119  In der Sitzung des Polnischen National-Komitees am 2. März 1919 sagte Roman Dmowski: „Was wie ein Traum erschien, also Danzig, wird bald Realität. Was wir für unerfüllbar hielten, und zwar dass Königsberg zu Polen gehört, steht heute kurz bevor“. Am 12. März 1919 schlug die Kommission für polnische Angelegenheiten vor, Danzig Polen zuzuerkennen und im südlichen Teil Ostpreußens eine Volksabstimmung durchzuführen, während in der „Memel-Frage“ erwartet wurde, der Fluss Memel werde die nordöstliche Grenze Ostpreußens bilden und diese so mit dem Verlauf der nationalen Trennlinie zwischen Litauen und Deutschland zusammenfallen. Vgl. S. Mikulicz, Kłajpeda w polityce europejskiej 1918-1939, Warszawa 1976, S. 25-30.

120  Artikel 99 besagte: „Deutschland verzichtet zugunsten der alliierten und assoziierten Hauptmächte auf alle Rechte und Ansprüche auf die Gebiete zwischen der Ostsee, der in Artikel 28 Teil II (Deutschlands Grenzen) des gegenwärtigen Vertrags beschriebenen Nordgrenze Ostpreußens und den alten deutsch-russischen Grenzen“. Zit. nach: P. Łossowski, Kłajpeda…, S. 364.

121  Später übte Gabriel Petisné als Zivilkommissar und seit 1922 als Hochkommissar die Hoheitsgewalt aus.

122  S. Mikulicz, Kłajpeda…, S. 39-40. Die Literatur zum Status von Memel und dessen historischer Entwicklung in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ist umfangreich. Vgl. P. Łossowski. Kłajpeda w polityce…; ders. Kłajpeda kontra Memel. Problem Kłajpedy w latach 1918-1945, Warszawa 2007 (dort die neueste weiterführende Literatur). Vgl. auch; A. Plieg, Das Memelland 1920-1939, Würzburg 1962; G. H. Goring, Das Memelland…; A. Kossert, Ostpreußen…, S. 224-232; A. Gaigalaite, Lietuva Paryžiuje 1919 metais, Kaunas 1999; P. Žostautaitė, Klaipėdos Kraštas 1923-1939, Vilnius 1992; S. Pocytė, Mažlietuviai…; I. Chandavoine, Prancūzmetis Klaipėdoje ir Kas po to (1920-1923), Vilnius 2003; Francūzai Klaipėdoje 1920-1923. Les Français à Kleipėda 1920-1923. Katalogas. Cataloge, Klaipėda 2007; Klaipėdos kraštas 1920-1924 M. Archyviniuose Dokumentuose, in: Acta Historica Universitatis Klaipedensis IX, 2004; Ch. A. Schröder, Die Entstehung des „Territoire de Memel“ und die Pläne der französischen Administration (1919-1923), in: Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte Bd. X, 2001, S. 45-74. Eine Übersicht der deutschen und litauischen Historiografie nach 1945 zum Memelland präsentiert J. Tauber in seiner Arbeit Das Memelgebiet (1919-1945) in der deutschen und litauischen Historiografie nach 1945, in: Nordost-Archiv Bd. X, 2001, S. 11-44. Diese Nummer der Zeitschrift trägt den Titel Im Wandel der Zeiten: Die Stadt Memel im 20. Jahrhundert und ist ganz der Memel-Problematik gewidmet.

123  2 451 km2 nach S. Mikulicz (Kłajpeda…, S. 11), 2 656 km2 nach P. Łossowski (Kłajpeda w polityce…, S. 363), 2 657 km2 nach E. Schwertfeger (Memelland – Land in Fesseln, Berlin 1935, S. 24), 2 708 km2 nach G. H. Goring (Das Memelland…, S. 19), 2 860 km2 nach P. Łossowski (Kłajpeda kontra Memel…, S. 20).

124  Die ersten beiden Kreise hatten dieselbe Fläche wie 1919. Eine neue Verwaltungseinheit war der Kreis Pogegen (Pogiegiai), der aus Teilen dreier ehemaliger Kreise (Tilsit, Ragnit und Niederung) gebildet wurde. G.H. Goring, Das Memelland…, S. 265.

125  P. Łossowski, Kłajpeda kontra Memel…, S. 20. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 1921 sprachen im Kreis Memel 62 % der Einwohner Litauisch, im Kreis Heydekrug 39 % und im Kreis Pogegen 24 %. S. Mikulicz, Kłajpeda…, S. 12.

126  P. Łossowski, Kłajpeda kontra Memel…, s.20.

127  G. H. Goring, Das Memelland…, S. 22.

128  J. Žukas, Soziale und wirtschaftliche Entwicklung Klaipėdas/Memels von 1900 bis 1945, in: Nordost-Archiv Bd. X, 2001, S. 81.

129  1921 stellte Kommissar Petisné Pläne für eine Freistadt Memel vor. Die im Heimatbund organisierten ortsansässigen Deutschen lancierten die Idee eines Freistaates Memelland. 1922 wurde eine Unterschriftensammlung durchgeführt. Von den 72 000 Stimmberechtigten sprachen sich mehr als 54 000 für dieses Konzept aus. Vgl. P. Łossowski, Kłajpeda w polityce…, S. 367.

130  Vgl. W. Rezner, Powstanie w Kłajpedzie w 1923 r. w świetle materiałów Oddziału II Sztabu Generalnego Wojska Polskiego, in: Acta Historica Universitatis Klaipedensis XV, 2007, S. 41-56. Die neuesten Forschungsergebnisse litauischer Historiker bestätigen die entscheidende Rolle, die die Regierung in Kaunas und die regionalen litauischen Truppeneinheiten bei dem „Aufstand“ (immer häufiger in Anführungszeichen geschrieben) gespielt haben. Vgl. V. Vareikis, Historische Kontroversen über den litauischen „Aufstand“ im Memelgebiet 1923, in: Annaberger Annalen 2009, Nr. 17, S. 41-52.

131  Dies war eine Kehrtwende der deutschen Politik im „Memel-Problem“. P. Łossowski schreibt: „Man ermunterte sie ausdrücklich und entschieden, in Memel zu rebellieren. Der Anführer der Litauischen Schützenunion bekam 1922 anlässlich seines Besuchs in Deutschland bei einem privaten Gespräch von General Hans von Seeckt ermutigende Worte über eine Aktion in Memel zu hören. Anfang 1922 wurden die Litauer auf halboffiziellem Wege erneut davon in Kenntnis gesetzt, dass die Deutschen bereit seien, das Memelland Litauen zu überlassen“. P. Łossowski Kłajpeda…, S. 369. Dies bedeutete aber keineswegs einen Verzicht auf die Wiedererlangung der Stadt Memel und des Memellandes. Die französische Präsenz wurde als demütigend und unerträglich empfunden und die künftige litauische Oberhoheit dagegen als „temporär“ und „in Zukunft leichter zu beseitigen“ angesehen. Vgl. S. Mikulicz, Kłajpeda…, S. 83-91. In dieser Frage hüllen sich deutsche Historiker vollkommen in Schweigen. Vgl. unter anderem G. H. Goring, Das Memelland… A. Kossert kommentiert diese Tatsache ausweichend mit dem einzigen Satz: „(…) wurde das litauische Unternehmen von Berlin und Moskau insgeheim gebilligt, da es insbesondere Polens [und Frankreichs – Anm. A.S.] Einfluss in Ostmitteleuropa schwächen sollte“. A. Kossert, Ostpreußen…, S. 226.

132  Zur Teilnahme am Aufstand haben sich 300 Freiwillige aus der örtlichen Bevölkerung und 12 000 aus Litauen gemeldet. Es waren Mitglieder der Šaulių Sąjunga (Litauische Schützenunion). Von Soldaten der regulären litauischen Armee, die sich freiwillig gemeldet hatten, wurden etwa 600 Offiziere, drei Infanteriekompanien, eine Reiterschwadron und Kadettenschüler entsandt. Sie trugen Zivilkleidung. Zu ihren Waffen bekamen sie eine grüne Armbinde mit der Aufschrift MLS (Mažasios Lietuvos Sukileliai – Kleinlitauische Aufständische). Details dieser Operation beschreibt ausführlich unter anderem S. Mikulicz, Kłajpeda…, S. 66-91. Als Vorbild dienten die polnischen Aufständischen in Oberschlesien 1919-1921, besonders die Gestalt des Wojciech Korfanty. Vgl. 1923 Metų Sausio ivykai Klaipėdoje in: Acta Historica Universitatis Klaipedensis IV, 1995.

133  Laut Artikel 1 der Konvention übertragen Großbritannien, Frankreich, Japan und Italien „an Litauen unter Vorbehalt der in diesem Abkommen festgesetzten Bedingungen alle ihren von Deutschland gemäß Artikel 99 des Versailler Vertrages abgetretenen Rechte und Ansprüche auf das Gebiet (…) als ‚Memelgebiet‘ bezeichnet“. Der vollständige Wortlaut des Abkommens und andere Dokumente zu den Ereignissen des Jahres 1923 sowie deren Folgen präsentiert S. Mikulicz in einem Anhang zu seiner Arbeit Kłajpeda…, S. 289-328.

134  Vgl. a.a.O., S. 92-231; P. Łossowski, Kłajpeda kontra Memel…, S. 99-171.

135  Unmittelbar nachdem Hitler die Macht übernommen hatte, bekam er Briefe aus dem Memelland mit Bitten um die „Rückkehr ins Reich“. Annelene K. aus Heydekrug schrieb im Mai 1933: „Lieber guter Onkel Hitler, wir warten schon lange auf Dein Kommen in unser Memelgebiet. (…) Wir würden uns alle sehr, sehr freuen, wenn wir wieder zu Deutschland kämen. Die Juden und Litauer müssen dann doch alle raus, nicht wahr? Die machen sich hier schon furchtbar mausig. (…) Komm doch möglichst bald und erlöse uns von den Juden und Litauern. Die Juden nehmen uns nicht nur das Brot weg, sondern sie schlachten sogar zu Ostern Christen ab“.) Zit. nach: H. Eberle (Hg.), Briefe an Hitler. Ein Volk schreibt seinem Führer, Bergisch Gladbach 2007, S. 133 f.

136  W. Dobrzycki, Historia stosunków międzynarodowych w czasach nowożytnych 1815-1945, Warszawa 2000, S. 440.

137  Bei seinem Besuch in Memel unterzeichnete Hitler ein Gesetz, kraft dessen die Gesetzgebung des Dritten Reiches im Memelland eingeführt wurde; darin wurde unter anderem festgehalten, dass das „Memelgebiet Teil des Deutschen Reiches“ sei. Auch die Verwaltungsgliederung aus dem Jahr 1919 wurde wieder eingeführt, wobei das ganze Gebiet nun zum Regierungsbezirk Gumbinnen gehören sollte. Die Memelländer wurden automatisch Staatsbürger des Dritten Reiches. Ostpreußens Gauleiter Koch wurde Kommissar der neu angegliederten Region. Vgl. S. Mikulicz, Kłajpeda…, S. 232-284.

138  Ein Teil der Bevölkerung flüchtete vor dem Einmarsch der deutschen Truppen. Ab 1. Mai 1939 verließen mehr als 10 000 Menschen das Memelland Richtung Litauen, darunter 8 924 Litauer und 1 307 Juden. P. Łossowski, Kłajpeda kontra Memel…, S. 195.

139  Auf das Memelland, das lediglich 3 % des litauischen Territoriums ausmachte und in dem 6 % der Einwohner Litauens lebten, entfiel gut ein Viertel (27 %) der Industrieproduktion des ganzen Landes. Mit Memel verlor Litauen den einzigen Seehafen, über den 80 % der litauischen Ausfuhren umgeschlagen wurden (in Ausbau und Modernisierung des Hafens hatten die Litauer den enormen Betrag von 40 Mio. Litas investiert). V. Žalys, Das Memelproblem in der litauischen Außenpolitik (1923-1939), in: Nordost-Archiv Bd. II, 1993, H. 2, S. 277.

140  Diese Bevölkerungsgruppen sind Thema einer Sammelarbeit unter der Red. von A. Sakson: Ślązacy, Kaszubi, Mazurzy i Warmiacy – między polskością a niemieckością, Poznań 2008.

141  Vgl. S. Pocytė, Die Tätigkeit des Komitees Litauischer Organisationen im Memelgebiet 1934-1939, in: Annaberger Annalen 2003, Nr. 11, S. 100.

142  I. Tauber, Das Memelgebiet…, S. 28; ders. Der unbekannte Dritte: Die Kleinlitauer im Memelgebiet 1918-1939, in: „Der Fremde im Dorf“. Überlegungen zum Eigenen und zum Fremden in der Geschichte. Rex Rexheuser zum 65. Geburtstag, hrsg. von H. J. Bömelburg, B. Eschment, Lüneburg 1998, S. 85-104.

143  A. Hermann, Preußisch-Litauer und die Evangelische Kirche Ostpreußens 1871-1933, in: Selbstbewusstsein und Modernisierung. Sozialkultureller Wandel in Preußisch-Litauen vor und nach dem Erster Weltkrieg, hrsg. von R. Traba, Osnabrück 2000, S. 84.

144  Vgl. A. Hermann, Preußisch-Litauer und die Evangelische Kirche Ostpreußens 1871-1933, in: Selbstbewusstsein und Modernisierung. Sozialkultureller Wandel in Preußisch-Litauen vor und nach dem Ersten Weltkrieg, hrsg. von R. Traba, Osnabrück 2000, S. 83-110.

145  In den Jahren 1923-1939 ließen sich 30 000 Personen aus Litauen im Memelland nieder. Die meisten waren Agrararbeiter (7 000). Eine geringe Gruppe stellten Beamte (ca. 1 700 Personen) dar. Im Jahr 1939 stieg die Einwohnerzahl im Bezirk auf 153 000 Personen. Die Zunahme der litauischen Bevölkerung fand keine Bestätigung in den offiziellen Statistiken (1925 waren es 37 626 und am 1. Januar 1939 43 226, d. h. etwa 6 000 Personen mehr). V. Žalys, Ringen um Identität. Warum Litauen zwischen 1923 und 1939 im Memelgebiet keinen Erfolg hatte, Lüneburg 1993, S. 87.

146  J. Tauber, Das Memelgebiet…, S. 34.

147  V. Žalys, Ringen…, S. 79.

148  Der Hauptabnehmer von Lebensmitteln war Tilsit in Ostpreußen. Die Errichtung der Staatsgrenze und der Wirtschaftskrieg zwischen Litauen und dem Deutschen Reich in den Jahren 1934-1936 hatten einen Rückgang der Einkünfte der ländlichen Bevölkerung zur Folge. Vgl. J. Tauber, Das Memelgebiet…, S. 32-34.

149  V. Žalys, Ringen…, S. 91. Jerzy Ochmański fasste dieses Problem folgendermaßen zusammen: „Litauen gab sich kaum Mühe, dieses Land mit seinen eigenen nationalen Intellektuellen zu speisen, die unter den memelländischen Litauern die litauische Kultur und das litauische Nationalbewusstsein hätten verbreiten können. Dies war ein gravierender politischer Fehler, weil sich ein beachtlicher Teil der memelländischen Litauer für die deutsche nationalistische Propaganda empfänglich zeigte. Es gelang nicht, den Aktivitäten der revanchistisch-nationalistischen deutschen Organisationen Einhalt zu gebieten oder eine starke litauische gesellschaftlich-kulturelle Organisation aufzubauen“. J. Ochmański, Historia Litwy, Warszawa 1990, S. 302.

150  In den darauf folgenden Jahren verbesserte sich dieses Verhältnis einigermaßen, doch bekamen die litauischen Kandidaten bis 1939 nie mehr als 19,2 % der Stimmen (im Mai 1935). In den letzten freien Wahlen stimmten 9 260 Wähler (12,8 %) für die litauischen Kandidaten und 62 978 (87,2 %) für die deutschen. Im Landtag verfügten die Deutschen über eine überwältigende Mehrheit (1925: 27 deutsche und zwei litauische Mandate, 1927: 25 bzw. 4, 1930: 24 bzw. 5, 1932 und 1935: 24 bzw. 5, 1938: 25 bzw. 4). G. H. Goring, Das Memelland…, S. 54.

151  Vgl. K.-H. Ruffmann, Deutsche und Litauer in der Zwischenkriegszeit. Erinnerungen eines Memelländers. Überlegungen eines Historikers, Lüneburg 1994; ders., Deutsche und litauische Memelpolitik in der Zwischenkriegszeit. Ein Vergleich, in: Nordost-Archiv Bd. II, 1993, H. 2, S. 217-234.

7.   Polnisch-Preußen – das Soldauer Gebiet

Kraft des Versailler Vertrages erhielt Polen außerhalb der Volksabstimmung die Stadt Soldau (Działdowo) mit den umliegenden Dörfern152. Bis zum 17. Januar 1920, d. h. dem Tag des Einmarsches polnischer Truppen, bildete dieses Gebiet den südlichen Teil des Kreises Neidenburg153. Der Anschluss an Polen war durch die wichtige Rolle Soldaus als Eisenbahnknoten, der die zentral gelegenen Regionen Polens mit der Ostseeküste verband, bedingt154. Die Nationalitätenproblematik spielte in diesem Fall eine untergeordnete Rolle. Diese Frage sollte generell im Wege der Volksabstimmung gelöst werden.

Der neu errichtete Kreis Soldau, der nun zur Woiwodschaft Pommerellen mit der Hauptstadt Thorn gehörte, war 491,77 km2 groß und umfasste die Stadt Soldau, in der im Jahr 1921 3 568 Einwohner lebten (1910: 4 728), sowie 43 Landgemeinden und 21 Gutsbezirke155. Im April 1932 wurde das Kreisgebiet erweitert, indem Teile der pommerellischen Kreise Strasburg und Löbau mit der Stadt Lautenburg angegliedert wurden. Diese Gebiete hatten 1918 noch zu Westpreußen gehört. Der neue Kreis Soldau war 858,19 km2 groß156. Im April 1938 wurde der Kreis an die Woiwodschaft Warschau angegliedert. ← 95 | 96 →

Der Einverleibung des Soldauer Gebiets durch Polen gingen zahlreiche Proteste der einheimischen Bevölkerung voraus. Ihr erster Kontakt mit den Truppen unter General Haller, die Soldau übernommen hatten, rief zahlreiche Konflikte und gegenseitiges Misstrauen hervor. Dies resultierte hauptsächlich aus der Unkenntnis der komplizierten Nationalitätenproblematik in dieser Region unter den einmarschierenden Truppen. Einige Monate nach der Übernahme des Soldauer Gebiets wurde die Lage noch unübersichtlicher. Durch die Offensive der Roten Armee im August 1920 im Zuge des polnisch-sowjetischen Krieges geriet Soldau für gewisse Zeit unter die Herrschaft der Sowjets. Die eingesetzten Machthaber, die sich aus der Soldauer Einwohnerschaft rekrutierten, provozierten zahlreiche Ausfälle gegen Polen. Im Gegenzug ließen sich die polnischen Truppen, die später dieses Gebiet zurückeroberten, eine Reihe von Gewalttaten gegen die Deutschen und Masuren zuschulden kommen. Die Lage der einheimischen Bevölkerung erwies sich in dieser Zeit als sehr schwierig, viele Menschen, vorwiegend jüngere, gaben ihre Gehöfte auf und flohen nach Ostpreußen. Auch viele Masuren optierten für Deutschland.

Im Jahr 1921 lebten im Kreis Soldau 23 727 Personen (gegenüber 24 000 im Jahr 1910); die Bevölkerungszahl stieg kontinuierlich. 1931 lebten in Soldau bereits 5 100 Menschen und im ganzen Kreis 26 192. Auch die Konfessions- und die Nationalitätenstruktur machten einen Wandel durch. Diese Problematik wird in der Tabelle 6 veranschaulicht.

Tabelle 6     Bevölkerung des Kreises Soldau, gegliedert nach Religion und Nationalität, in den Jahren 1921-1939

a Nach der Eingliederung der Gebiete aus den Kreisen Strasburg und Löbau
Quelle: Berechnungen aufgrund von P. Bystrzycki, Działdowszczyzna w latach II Rzeczypospolitej. Życie społeczno-polityczne, Olsztyn 1997, S. 51. ← 96 | 97 →

Nach 1920 kam es im Soldauer Gebiet zu einem generellen Bevölkerungsaustausch, wobei die Bevölkerungszahl im Allgemeinen konstant blieb. In der Zwischenkriegszeit teilte sich die Bevölkerung des Soldauer Gebiets ähnlich wie im Memelland in zwei Gruppen. Zu den Alteinwohnern zählten protestantische Deutsche und Masuren (mit unterschiedlicher nationaler Einstellung) sowie kleine Gruppen ostpreußischer Juden. Bei den neuen Einwohnern handelte es sich hauptsächlich um katholische Polen, die in erster Linie aus Masowien (im früheren russischen Teilungsgebiet) oder aus den Nachbarkreisen in Pommerellen (Westpreußen) kamen. Eine relativ kleine, nichtsdestoweniger einflussreiche Gruppe bildeten polnische Protestanten aus Teschen oder Warschau, die der evangelisch-augsburgischen Kirche in Polen mit Konsistorium in Warschau angehörten. Im Soldauer Gebiet lebten auch polnische Masuren, die nach der verlorenen Volksabstimmung Ostpreußen freiwillig oder unter Druck verlassen hatten (z.B. Gustaw Leyding jr., Gottfryd Linka, Sohn des ermordeten Bogumił, oder Jan Jagiełłko-Jaegertal). Hier (vorrangig in Soldau) ließen sich auch etwa 200 polnische Juden nieder.

Die größte Migrationswelle fand in den Jahren 1920-1925 statt, als sich eine beachtliche Anzahl von Deutschen und Masuren für die Ausreise entschied. In erster Linie verließen preußische Beamte und Bauern die Region. Gemäß der deutsch-polnischen Vereinbarung gab es das sog. Optionsrecht. Danach durfte sowohl die deutsche als auch die polnische Bevölkerung in den jeweiligen Nationalstaat auswandern. Zwischen September 1920 und Januar 1922 haben 1 578 Familien (insgesamt 3 728 Personen) für Deutschland optiert. 1921 machten die Katholiken 55 % der Gesamtzahl aller Bewohner des Kreises aus (darunter eine geringe Zahl katholischer Deutscher und Masuren). Der Anteil der Protestanten (Deutsche, Masuren, „Teschener“, d. h. Polen) an der Gesamtbevölkerungszahl betrug ca. 44 % (darunter 65 % Polen und 34 % Deutsche). In den Folgejahren ging die Zahl der deutschen Bevölkerung kontinuierlich zurück (auf 2 626 im Jahr 1939), hauptsächlich durch die Auswanderung der Optanten. Von der Gesamtzahl der Protestanten (1931: 6 979) gehörten 6 078 der Preußischen Landeskirche an, die nach 1920 in den Strukturen der evangelisch-unierten Kirche in Polen bestehen blieb; der Sitz des Konsistoriums befand sich in Posen. 522 Protestanten gehörten der polnischen evangelisch-augsburgischen Kirche an, 262 Personen waren Mitglieder der reformierten Kirche, 217 anderer protestantischer Glaubensgemeinschaften in Polen157. ← 97 | 98 →

Nach den Erkenntnissen von Piotr Bystrzycki betrug die Zahl der Deutschen im Jahr 1910 8 904 Personen und die der Masuren 9 140. Durch die Auswanderung beider Gruppen nach Deutschland in der zweiten Hälfte der zwanziger und in den dreißiger Jahren bildete sich im Soldauer Gebiet eine feste Gruppe von 4 000-5 000 Masuren und 2 000-3 000 Deutschen heraus158.

Die Bewohner des Kreises Soldau bestritten ihren Lebensunterhalt hauptsächlich aus der Landwirtschaft, wobei die Agrarstruktur ungünstig war, da der Großgrundbesitz vorherrschte (der zunächst in deutschen Händen blieb). Es fehlten größere Industriebetriebe. Die vorhandenen arbeiteten für den Bedarf der Landwirtschaft.

Die deutsche Bevölkerung im Soldauer Gebiet war ähnlich wie die Deutschen im Memelland gut organisiert. Hier waren etwa zwanzig verschiedene Organisationen, Vereine und politische Parteien der deutschen Minderheit aktiv, z.B. die Vereinigung des Deutschen Volkstums (VDV), der Deutschlandbund (Dtb), die Deutsche Vereinigung im Sejm und Senat (DV) oder nach 1933 die Jungdeutsche Partei (JDP) und die Auslandsorganisation der NSDAP (NSDAP/AO). Die Parteien der deutschen Minderheit fanden relativ großen Zuspruch, auch unter den Masuren159. Es wurde aber keine Minderheitenschule eröffnet. Die hier lebenden Deutschen erhielten eine beachtliche finanzielle Unterstützung von der Berliner Regierung. Viele von ihnen machten aus der vermeintlichen Notwendigkeit, den ← 98 | 99 → Grenzverlauf zu revidieren und diesen Teil Masurens an Ostpreußen anzugliedern, keinen Hehl.

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gehörte das geteilte Ostpreußen zu drei Staaten: Litauen, Deutschland und Polen. Diese Lage trug bald dauerhafte Züge, wobei an die Stelle der deutschen Staatsgewalt nach 1945 die sowjetische und später die russische trat.

7.1.   Die Masuren-Frage

In Masuren gab es, ähnlich wie im Memelland, in der Zwischenkriegszeit vieles, was der einheimischen Bevölkerung die Anpassung an das neue Kräfteverhältnis erschwerte. Ungünstig gestaltete sich hier die wirtschaftliche Lage160, fehlerhaft war in der Regel die Politik der polnischen Verwaltung, die über kein klar definiertes und konsequent umgesetztes Konzept verfügte, um die Masuren für das Polentum zu gewinnen. Unvorteilhaft wirkten sich in den zwanziger Jahren insbesondere die Konflikte mit religiösem Hintergrund aus. Widersprüche zeichneten sich vor allem zwischen der polnischen evangelisch-augsburgischen Kirche, die nach der Seelsorge für alle protestantischen Masuren trachtete, und der bisherigen unierten Kirche, der Preußischen Landeskirche, ab. Infolge zahlreicher Konflikte votierten die Masuren für die unierte Kirche, die mit der deutschen Kirchenführung in Berlin verbunden war. Der Einfluss dieser Kirche auf die masurische Bevölkerung hemmte nachhaltig die sozialen Anpassungsprozesse, indem die Bindungen zum Deutschen als solchen gepflegt wurden, was sich unter anderem in der Abhaltung von Gottesdiensten auf Deutsch und dem heimlichen Deutschunterricht manifestierte161.

Mit Abneigung und Misstrauen begegneten die polnischen Zuwanderer und Verwaltungsvertreter katholischen Bekenntnisses sowohl den Masuren als auch den polnischen Intellektuellen evangelischer Religion, die in den zwanziger Jahren in Soldau viele führende Funktionen innehatten. Von den Masuren wurde oft ← 99 | 100 → mals gefordert, sie sollten in der Nationalitätenfrage Flagge zeigen, was unter den Bewohnern des Grenzlandes Reibereien und Konflikte hervorrufen musste162.

Polnische gesellschaftliche Organisationen, die sich zum Ziel setzten, die masurische Bevölkerung zu unterstützen, wie zum Beispiel der in Warschau gegründete Volksabstimmungsverband polnischer Protestanten (Zrzeszenie Plebiscytowe Ewangelików Polaków) oder die Gesellschaft der Masurenfreunde (Towarzystwo Przyjaciół Mazur), vermochten allerdings nicht immer geeignete Vorgehensweisen zu finden, und ihr Einfluss auf die Einheimischen blieb begrenzt. Nach einer Zeit gewisser Erfolge bei der Repolonisierung zeichnete sich in der Mitte des Jahres 1924 eine deutliche Krise ab. Ein deutliches Anzeichen dafür war die Steigerung der Zahl deutschsprechender Personen und der Einflussgewinn deutscher Organisationen. Zahlenmäßig schrumpfte die masurische Bevölkerung zudem erheblich. Eine Stimmung des Provisorischen kam erneut in ihr auf163.

Erfolglos blieben auch die Bemühungen masurischer Aktivisten, die im Februar 1931 versucht hatten, einen Masurenbund ins Leben zu rufen, um unter anderem der fortschreitenden Auswanderung und Flucht der Masuren nach Deutschland entgegenzuwirken164.

Die Machtergreifung durch die NSDAP in Deutschland bestärkte einen beachtlichen Teil der Masuren in ihrer Abneigung gegen Polen. Mitte der dreißiger Jahre wurden verschiedene deutsche Organisationen immer aktiver, die deutsche Sprache erfreute sich zunehmender Beliebtheit, besonders unter den masurischen Jugendlichen. Immer mehr Menschen flüchteten nach Ostpreußen. In dieser Zeit zeigte die polnische Regierung einen immer stärkeren Hang, die Masuren in Soldau dualistisch wahrzunehmen: entweder als Polen oder als Deutsche. Masuren ← 100 | 101 → wollte man nicht wahrnehmen. Diese Politik wurde durch die polnisch-deutsche Annäherung begünstigt165.

Um diesen aus polnischer Sicht negativen Tendenzen entgegenzuwirken, wurde am 18. Dezember 1935 mit erheblicher Unterstützung der Behörden, insbesondere der 2. Abteilung des Generalstabs der Polnischen Armee, in Soldau der Masurenbund (Związek Mazurów) gegründet. Er hatte zur Hauptaufgabe, die Interessen der Masuren zu wahren und ihre wirtschaftliche Entwicklung zu befördern. Auch sollten Bestrebungen intensiviert werden, die Masuren für das Polentum zu gewinnen, unter Wahrung ihrer religiösen und kulturellen Eigenart. Diese Bemühungen führten – im Verein mit weiteren Maßnahmen, dem Einfluss des von Józef Biedrawa geleiteten Lehrerseminars und später der Mittel- und Oberschule, wo viele masurische Jugendliche lernten, der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage usw. – dazu, dass sich im Soldauer Gebiet eine Gruppe von Masuren herausbildete, die sich mit dem Polentum identifizierte. Einige von ihnen beteiligten sich während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg an der polnischen Widerstandsbewegung, wirkten bei dem im Untergrund tätigen Masureninstitut mit und bekleideten nach Kriegsende und der Angliederung ganz Masurens an Polen viele verantwortungsvolle Posten in dem neu entstehenden Machtapparat166.

Rekapituliert man indes die gesamte Entwicklung der Masuren-Frage im Soldauer Gebiet in den Jahren 1920-1939, so ist festzuhalten, dass Polen dort eine schmerzliche Niederlage erfahren hat. Die Ursachen für dieses Scheitern sind in erster Linie im Mangel einer klaren und konsequent umgesetzten Repolonisierungspolitik und in der gesamten damaligen Nationalitätenpolitik zu sehen167. ← 101 | 102 →

Der Einmarsch deutscher Truppen am 2. September 1939 in Soldau änderte die Verhältnisse in dieser Region grundlegend. Das Soldauer Gebiet mit einem Teil anderer polnischer Landstriche gehörte seitdem zum Verwaltungsbezirk Ostpreußen. Die polnische Bevölkerung und die Masuren, die sich für Polen eingesetzt hatten, waren Verfolgungen und Repressalien ausgesetzt. Mehrere masurische Aktivisten mussten fliehen. Andere, von den Nazis verhaftet, wurden ermordet oder auf verschiedenste Weise schikaniert. Die gesamte masurische Bevölkerung erhielt als ehemalige Reichsbürger die deutsche Staatsangehörigkeit und wurde auf die sog. Deutsche Volksliste gesetzt. Nach der Aussiedlung zahlreicher Hofbesitzer wurden seit 1941 Volksdeutsche aus Litauen geholt.

Die Eingliederung des Soldauer Gebiets in das Dritte Reich und die deutschen Erfolge an den Fronten des Zweiten Weltkriegs bestärkten einen Großteil der Masuren in ihrer Zuneigung zum deutschen Volk und Staat. ← 102 | 103 →


152  Laut Artikel 28 des Versailler Vertrages sollte die polnisch-deutsche Grenze entlang der alten deutsch-russischen Grenze verlaufen, westlich des Ortes Bialutten aber entlang der Grenze zwischen West- und Ostpreußen. Zunächst wurde davon ausgegangen, dass die Grenze den Fluss Welle entlang, dann am Lauf der Skottau und Neide bis zu einem Punkt westlich von Bialutten, von dort bis zum Schnittpunkt der Straße Neidenburg-Mława mit der alten russischen Grenze in der Gegend von Illowo verlaufen würde. Strittig blieben im Jahr 1920 noch die Gutsbezirke Wonsin und Sczuplienen, die auf deutscher Seite verblieben. Schließlich wurde die Grenzziehung im Herbst 1920 nach Beschlüssen der Alliiertenkommission vorgenommen und diese Gebiete Polen angegliedert. Vgl. Działdowo. Z dziejów miasta i powiatu, Olsztyn 1966, S. 179

153  Das Soldauer Gebiet machte 29,7 % der Fläche des früheren Kreises Neidenburg aus; hier lebten 40,5 % aller Bewohner des Kreises. F. Gause, Geschichte des Amtes und der Stadt Soldau, Marburg /Lahn 1958, S. 358.

154  Gedacht war hierbei an die Strecke Warschau-Danzig, die über Mlawa-Soldau-Lautenburg-Strasburg-Jablonowo-Graudenz und über die Weichsel zur Strecke Bromberg-Danzig führte. P. Bystrzycki, Działdowszczyzna w latach II Rzeczypospolitej. Życie społeczno-polityczne, Olsztyn 1997, S. 9.

155  Im Süden grenzte der Kreis an die Woiwodschaft Warschau (Kreis Mława), im Osten und Norden an Ostpreußen (Kreise Osterode und Neidenburg im Regierungsbezirk Allenstein), im Westen an die Kreise Brodnica (Strasburg) und Lubawa (Löbau) in der Woiwodschaft Pommerellen. P. Bystrzycki, Działdowszczyzna w latach II Rzeczypospolitej…, Olsztyn 1997, S. 48; Z. Mogilnicki, Działdowo w latach 1344-1994. Zarys dziejów, Gdańsk 1998, S. 98 f.

156  Der 1932 erweiterte Kreis umfasste zwei Städte (Soldau und Lautenburg), 76 Landgemeinden und 28 Gutsbezirke. 1934 wurden zwei Gemeinden aus dem Kreis ausgegliedert: Bolleschin und Kowallik, die nun zum Kreis Löbau gehörten. In der Zwischenkriegszeit wurden immer wieder Gerüchte verbreitet, wonach der Kreis aufgelöst und von der Woiwodschaft Pommerellen abgetrennt werden sollte. Nach 1920 wurden auch Stimmen laut, das Soldauer Gebiet würde von Polen abgetrennt und an Deutschland angegliedert werden. Ebenda.

157  1923 betrug die Zahl der im Kreis verbliebenen Optanten 1 186 Personen; 1924 waren es 1 117, 1925 – 530, 1927 – 411, 1932 – 437. Gemäß der Vereinbarung aufgrund des Genfer Übereinkommens liefen die Auswanderungsfristen aus Polen Ende 1925 aus. Dieses Problem konnte bis zum Kriegsausbruch nicht gelöst werden. Der Anteil der Bevölkerung, die sich mit Deutschland identifizierte, ging in den Jahren 1910-1939 von 42 % auf knapp 6 % zurück (1921: 34,5 % der Gesamtzahl der Kreisbevölkerung; 1924: 11,6 %; 1927: 14,4 %; 1931: 6,7 %; 1937: 3,5 %; 1939: 5,6 %). P. Bystrzycki Działdowszczyzna…, S. 51-55, 170.

158  P. Bystrzycki, Działdowszczyzna…, S. 216 f. Bystrzycki präsentiert auch Angaben anderer Autoren, die höhere Zahlen für die masurische Bevölkerung nannten, z.B. 18 000 für das Jahr 1920 bzw. 9 200 im Jahr 1938.

159  Bei den Wahlen zum gesetzgebenden Sejm im Mai 1920 erzielte die Deutsche Vereinigung mit 74,6 % der Stimmen einen enormen Erfolg. Mit der Abwanderung der deutschen und masurischen Bevölkerung nach Deutschland schwand der Einfluss dieser Parteien. In der Wahl zum Sejm im Jahr 1928 erhielt der Minderheitenblock (Blok Mniejszości Narodowych) 27,9 % der Stimmen 1930 sprachen sich 25,7 % der Wähler für die Listenkandidaten des Deutschen Wahlblocks aus. In den Wahlen zum Kreistag 1925 erhielt die Deutsche Liste 625 Stimmen (12,2 %) und damit zwei Mandate; 1930: 2 036 Stimmen (28,8 %) und zwei Mandate; 1933: 2 190 Stimmen (19,1 %) und vier Mandate. Ebenda, Anhang, Tabelle I-III. Eine wichtige Persönlichkeit war E. Barczewski aus Soldau, Superintendent der unierten Kirche, der jahrelang Abgeordneter der deutschen Minderheit zum Sejm und Senat war. Über die Lage der deutschen und masurischen Bevölkerung im Soldauer Gebiet schreibt Piotr Bystrzycki ausführlich und kompetent. Sein hier mehrmals zitiertes Werk ist eine äußerst wertvolle Monografie über die Nationalitätenverhältnisse und das gesellschaftliche und politische Leben dieser masurischen Region. Bedauerlicherweise fehlt eine ähnliche Studie zum Memelland und Ostpreußen in der Zeit zwischen den Weltkriegen.

160  Die Region Soldau besaß bis dahin zahlreiche natürliche Bindungen an das deutsche Wirtschaft sgebilde. Der Abbruch dieser Bande zog viele Komplikationen nach sich. Auch arbeiteten die Soldauer Arbeiter unter schwierigeren Verhältnissen, der Arbeitstag war länger und die Löhne niedriger als jenseits der Grenze.

161  Vgl. W. Wrzesiński, Kwestia mazurska na Działdowszczyźnie w latach 1920-1939, in: Komunikaty Mazursko-Warmińskie 1959, Nr. 3, S. 284-286; A. Chojnacki, Związek Mazurów w Działdowie (1935-1939), in: Przegląd Historyczny Bd. LXVI, 1975, S. 217-237; P. Bystrzycki, Działdowszczyzna…, S. 215-261.

162  Obwohl die Gottesdienste in der unierten Kirche in Soldau sowohl auf Deutsch als auch auf Polnisch abgehalten wurden, gewann die deutsche Sprache allmählich die Oberhand. Dies kann als eine gewisse Unmuts bekundung der Masuren über die Verhältnisse im Soldauer Gebiet gewertet werden.

163  Ende 1922 erschien die erste Ausgabe der Zeitung „Gazeta Mazurska“ (Masurische Zeitung), die sich an die einheimische Bevölkerung richtete (das Blatt existierte bis 1933). Zu der Zeit wurde in Soldau das Masurische Volkshaus (Mazurski Dom Ludowy) eröffnet. Emilia Sukertowa-Biedrawina gab Kalender für die Masuren („Kalendarze dla Mazurów“) heraus. In wirtschaftlicher Hinsicht konnte die polnische Seite im Gegensatz zur deutschen keine größeren Erfolge verzeichnen. Stark destabilisierend wirkte es sich auf die damaligen sozialen Verhältnisse im Soldauer Gebiet aus, dass nach wie eine große Gruppe von Optanten einer Lösung ihres Problems harrte.

164  In der Gründungssitzung des Masurenbundes stellte Adolf Szymański fest, die polnische Regierung behandelte die Masuren genau so oder gar noch schlimmer als es die Deutschen täten, und zwar indem sie nach der Beseitigung der masurischen Bevölkerung als solcher strebte, da sie in ihr nur Steuerzahler und Arbeiter sähe und sie auf Schritt und Tritt benachteiligte. Vgl. W. Wrzesiński, Kwestia mazurska…, S. 284.

165  Vielen Masuren war weniger das Polentum selbst verleidet, als vielmehr der damalige polnische Staat, der sich außerstande zeigte, wirksame Mittel zu finden, um diese Bevölkerung für sich zu gewinnen. Vgl. K. Małłek, Interludium mazurskie. Wspomnienia 1920-1939, Warszawa 1968; E. Sukertowa-Biedrawina, Dawno a niedawno. Wspomnienia, Olsztyn 1965. S. Grzesiuk beschreibt in seinen Erinnerungen (Boso ale w ostrogach, Warszawa 1987, 10. Aufl.) die Ansprache des Kommandanten eines Militärlagers vor dem Aufbruch zum Übungsplatz: „’(…) wir fahren in die Gegend um Soldau’, begann er. ‘Die Einheimischen sind zumeist Deutsche und den Polen feindlich gesinnt. Wer eine Waffe hat, selbst ohne Waffenschein, sollte sie mitnehmen.’“ (S. 136).

166  Vgl. J. Kutta, Kaszubi i Mazurzy w świetle tajnej konferencji toruńskiej z 28 października 1936 r., in: Polska między Niemcami a Rosją. Studia ofiarowane Marianowi Wojciechowskiemu w siedemdziesiątą rocznicę urodzin, pod red. W. Borodzieja, P. Wieczorkiewicza, Warszawa 1997, S. 117-128; P. Bystrzycki, Działdowszczyzna…

167  Ähnlich wie gegenüber den Preußisch-Litauern manifestierte sich der soziale Mechanismus des „Fremden“ auch gegenüber den Masuren. P. Bystrzycki schreibt: „Die katholischen Einwohner, die sich im Kreis Soldau niederließen, verstanden die dort angetroffene alteingesessene Bevölkerung nicht und vermochten nicht, mit ihr eine gemeinsame Sprache zu finden. Alle Elemente des Deutschtums, die bei den Masuren zu bemerken und bei ihnen ja so üblich und historisch begründet waren, wurden als Feindseligkeit wahrgenommen und schütteten einen Wall des Misstrauens auf“. Eine negative Rolle spielte auch der „deutsche Irredentismus“. Ebenda, S. 261 (dort auch umfangreiche weiterführende Literatur).

Kapitel III

Ostpreußens Größe und Untergang (1939-1945)

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Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, der mit dem Überfall Nazideutschlands auf Polen am 1. September 1939 begann, erwies sich für die Geschichte Ostpreußens als fundamental. Durch die Bezwingung Polens im „Blitzkrieg“ konnte der „schmähliche Korridor“ beseitigt und die Provinz, die nun über ein neues größeres Territorium verfügte, mit dem Großdeutschen Reich vereinigt werden. Andererseits war dies der Anfang vom Ende des deutschen Staatswesens in dieser Region. Der Überfall auf die noch unlängst verbündete Sowjetunion am 21. Juni 1941 kündigte schon die spätere Niederlage an der Ostfront und die Besiegung des Dritten Reiches an. Der Einmarsch der Roten Armee brachte Ostpreußen Besatzung, Teilung und totale Auflösung.

Ostpreußen wurde zur wichtigen militärischen Ausfallbasis für die deutsche Aggression auf Polen1. ← 105 | 106 →

1.   Das Neue Ostpreußen

Der siegreiche Krieg gegen Polen und die späteren Erfolge des Dritten Reiches im Krieg gegen die UdSSR (1941-1942) schufen neue Möglichkeiten der territorialen Expansion Ostpreußens. Das Memelland und das Soldauer Gebiet wurden annektiert. Es waren „heimgekehrte Gebiete“ (wie Großpolen, Pommern und Schlesien). 1939 wurden große Teile anderer polnischer Lande dem Deutschen Reich angeschlossen. Um die Jahreswende 1941/1942 erreichte Ostpreußen den Höhepunkt seiner territorialen Ausdehnung. Die Macht des ostpreußischen Gauleiters erstreckte sich von Płock an der Weichsel (Regierungsbezirk Zichenau) über Tallin und den Narew (Reichskommissariat Ostland) bis nach Kiew am Dnjepr (Reichskommissariat Ukraine). Der Stern Erich Kochs, des „Führers“ des Neuen Ostpreußens, wie diese Provinz im Zweiten Weltkrieg genannt wurde, stand im Zenit. Wie sonst kein Gauleiter im Reich verfügte er über eine einmalige Macht. Er fungierte unter anderem als Gauleiter und Oberpräsident Ostpreußens, Überleitungskommissar für die Eingliederung des Memellandes, Führer der Besatzungsverwaltung im Regierungsbezirk Zichenau, Chef der Zivilverwaltung im Bezirk Bialystok und Reichskommissar für die Ukraine sowie Reichskommissar Ostland2.

1.1.   Verwaltungsgliederung

Ohne die endgültige Entscheidung im Krieg gegen Polen abzuwarten, hatte die Berliner Regierung bereits zu Kriegsausbruch, d. h. am 1. September 1939, ein Gesetz erlassen, in dem stand: „Mit Wirkung vom gleichen Tage wurde die Freie Stadt Danzig mit ihrem Gebiet wieder mit dem Deutschen Reich vereinigt“. In der Anordnung vom 8. Oktober, die ab 26. Oktober rechtskräftig wurde, wurde dagegen beschlossen, einen neuen Gau zu bilden, der zunächst den Namen Reichsgau Westpreußen trug, um ab dem 2. November 1939 in Reichsgau Danzig-Westpreußen umbenannt zu werden3. Dies bedeutete einen Akt der „historischen Gerechtigkeit auf den Trümmern des Versailler Vertrages“, nämlich die Beseitigung des „Korridors“ und der Anschluss der bisherigen polnischen Landkreise in der ← 106 | 107 → Woiwodschaft Pommerellen an den Reichsgau Danzig-Westpreußen. Dieser umfasste auch die Freie Stadt Danzig und die fünf „Westpreußischen Kreise“ (Regierungsbezirk Westpreußen), die in den Jahren 1919-1939 unter der offiziellen Bezeichnung Regierungsbezirk Marienwerder Teil Ostpreußens waren. Somit wurde dieses Gebiet von der Provinz (dem Gau) Ostpreußen abgetrennt.

Der Kreis Elbing (Stadt und Land) wurde an den Regierungsbezirk Danzig angegliedert4. Die Kreise Marienburg, Stuhm, Marienwerder und Rosenberg wurden Teil des Regierungsbezirks Marienwerder5.

Der Kreis Soldau wurde zu 92,2 % erneut in den Kreis Neidenburg eingegliedert, der zum Regierungsbezirk Allenstein in Ostpreußen gehörte6.

Die Revision des Versailler Vertrages war ein vorrangiges Ziel der Politik sowohl in der Weimarer Republik als auch im Dritten Reich. Als „selbstverständlich“ erschienen der deutschen Öffentlichkeit vor diesem Hintergrund die Forderungen nach der „Wiedergewinnung verlorener Gebiete“ durch die Beseitigung des „Korridors“, den Anschluss des Memellandes, Danzigs und Soldaus und anderer Landstriche, die vor 1914 zu Deutschland gehört hatten (d. h. Pommerellen, Großpolen, Oberschlesien sowie das französische Elsass-Lothringen, das dänische Nordschleswig und andere Gebiete, in denen Deutschland bei den Volksabstimmungen unterlegen war).

Die administrative Zugehörigkeit derjenigen polnischen Gebiete, die nach der Teilung Polens unter russischer bzw. österreichischer Herrschaft gestanden hatten und nun nach dem Sieg über Polen und kraft des Hitler-Stalin-Paktes vom August 1939 (vierte Teilung Polens) Deutschland zufielen, war vor dem verbrecherischen Überfall auf Polen nicht detailliert festgelegt worden. Es war somit auch gar nicht vorgesehen, den nördlichen Teil Masowiens an das Deutsche Reich anzugliedern. Durch die geschickten Bemühungen Kochs gelang es, Hitler von der notwendigen territorialen Ausweitung Ostpreußens zu überzeugen (unter anderem, weil die Provinz durch den Verlust eines Teils an den Reichsgau Danzig-Westpreußen kleiner wurde). Koch berief sich auf „historische Argumente“, da ein Teil Masowiens am Fluss Narew (Gebiet um Ciechanów und Region Bialystok) nach der dritten Teilung Polens 1795 einige Jahre lang als Neuostpreußen zu Preußen gehört hatte7. ← 107 | 108 →

Gemäß dem „Erlass des Führers und Reichskanzlers über Gliederung und Verwaltung der Ostgebiete“ vom 8. Oktober 1939 wurde mit Rechtskraft ab 26. Oktober desselben Jahres unter anderem der Regierungsbezirk Zichenau gebildet, der Teil Ostpreußens wurde. Er bestand aus annektierten Gebieten der nördlichen Woiwodschaft Warschau mit einer Fläche von 1 284 730 ha, in denen im Jahr 1939 843 000 Menschen lebten. Der Regierungsbezirk setzte sich aus neun Kreisen zusammen8. Der Kreis Suwalken (ab 1941: Sudauen), der 1939 125 000 Einwohner (mit beachtlichem Anteil litauischer Bevölkerung) zählte, wurde dem Regierungsbezirk Gumbinnen angegliedert. In diesem Fall waren strategische Aspekte ausschlaggebend (Gebiet zwischen der Weichsel und Narew). Insgesamt wurden Ostpreußen mithin das 16 144 km2 große rein polnische Nordmasowien sowie die Kreise Suwałki und Augustów mit zusammen etwa 1 Mio. Einwohnern angeschlossen (von den 1 001 560 Einwohnern der annektierten polnischen Gebiete, die Ostpreußen eingegliedert wurden, waren 886 061 Polen, 18 400 Deutsche, 79 098 Juden, 8 099 Ukrainer und 9 902 Vertreter anderer Nationen). Im gesamten Gau Ostpreußen machten die Polen laut deutschen Statistiken 26 % der Gesamtbevölkerung aus9.

Ende Juni 1941 wurde die Region Bialystok, die nach dem 17. September 1939 an die Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik angegliedert worden war, von deutschen Truppen besetzt. Mit dem Erlass Hitlers vom 1. August 1941 wurde der Bezirk Bialystok gebildet, der an Ostpreußen angeschlossen wurde. Er umfasste vornehmlich das Gebiet der ehemaligen Woiwodschaft Bialystok (bis auf die Region Suwalki und einen Teil des Kreises Augustów)10. ← 108 | 109 →

Zur formalen Zugehörigkeit der Region Bialystok zu Ostpreußen wurde kein Rechtsakt erlassen. Allerdings blieb dieses Gebiet nur formell außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches. Man ging hier nach dem Prinzip der vollendeten Tatsachen vor11.

Der Bezirk Bialystok hatte eine Fläche von annähernd 32 000 km2 und zählte knapp 1,5 Mio. Einwohner. Diese wirtschaftlich unterentwickelte Region hatte eine äußerst differenzierte Nationalitätenstruktur. Hier lebten unter anderem ca. 150 000-200 000 Juden und 8 000 Volksdeutsche sowie beachtliche Gruppen von Weißrussen, Ukrainern und Litauern. Die dominierende Bevölkerungsgruppe stellten die Polen12.

Insgesamt wurde während des Zweiten Weltkriegs ein 47 570 km2 großes Gebiet dem „alten“ Ostpreußen (Altostpreußen) eingegliedert, davon 16 144 km2 im Oktober 1939 und 31 426 km2 im August 1941 in Gestalt des Bezirks Bialystok13.

Die Personalunion zwischen Ostpreußen und dem Bezirk Bialystok betraf auch andere eroberte Gebiete im Osten. In den Jahren 1941-1944 war Erich Koch Chef der Zivilverwaltung in der Ukraine (Reichskommissar für die Ukraine)14 ← 109 | 110 → und in den baltischen Staaten (Reichskommissar für das Ostland)15. Diese umfangreichen Machtbefugnisse Kochs sollten der Umsetzung seiner schon früher geschmiedeten Pläne zur wirtschaftlichen Stärkung und Entwicklung Ostpreußens dienen. Sie passten zu den allgemeinen bevölkerungs- und wirtschaftspolitischen Grundsätzen des „Führerstaats“; dazu gehörte auch der Generalplan Ost16.

Im Westen grenzte das Neue Ostpreußen an den Reichsgau Danzig-Westpreußen und den Reichsgau Wartheland, im Süden an das Generalgouvernement, im Osten an das Reichskommissariat Ukraine und im Norden an das Reichkommissariat Ostland.

1.2.   Terror und Verbrechen

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ließ die bisher mehr oder weniger verborgene nationalsozialistische Rassen- und Lebensraumideologie zutage treten. Oberstes Ziel war die Bildung des Großdeutschen Reiches, das die Vormachtstellung zunächst in Europa und später der ganzen Welt einnehmen sollte17. Realisiert werden konnte dieses Vorhaben unter anderem durch Bündnisse mit ideologisch nahestehenden Staaten (dem faschistischen Italien, Japan oder auch Ungarn und Spanien), die Abhängigmachung anderer Staaten (Tschechien, Finnland, Litauen, Lettland, Estland, Norwegen oder Rumänien) oder die Besatzung der mit Waffengewalt eroberten Staaten (Polen, Frankreich, Dänemark, Niederlande usw.). Gewonnen wurden auch neue Verbündete, indem mit deutscher Unterstützung neue Nationalstaaten gebildet (z.B. Slowakei) oder auch nur versprochen wurden (z.B. den Ukrainern, Kroaten oder Flamen).

Die Rassentheorie und Eroberungen im Osten Europas spielten in den expansionistischen Plänen des Dritten Reiches eine besondere Rolle. Nach der Rassenlehre lebten in Europa vollwertige Rassen (Germanen, Franken usw.), die gegenüber den minderwertigen Rassen (z.B. Slawen) die Führungsrolle (Herrenvolk) übernehmen sollten. Juden und Zigeuner (Sinti und Roma) sollten als rassig „unwert“, (ähnlich wie z.B. psychisch Kranke) nicht nur aus der deutschen Volksge ← 110 | 111 → meinschaft, sondern aus dem ganzen „neuen Europa“ physisch eliminiert werden. Der Umsetzung dieses Ziels diente der nationalsozialistische „Volkstumskampf“.

Ein Vorbote der späteren Verbrechen war das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933. Dieser zynische Euphemismus bedeutete unter anderem die Entlassung aller Juden, die im Dritten Reich in staatlichen Einrichtungen (Justiz, Schulwesen, Gesundheitsdienst, öffentliche Behörden usw.) beschäftigt waren. Radikale Erscheinungen dieser Politik waren die Nötigung deutscher Juden zur Emigration, die „Arisierung“ ihres Vermögens und die „Kristallnacht“ am 9.11.1938. Nicht ohne Bedeutung war hierbei, wie die NS-Behörden ihre Bürger behandelten. Wenn sie die eigenen Landsleute (politische Gegner, Homosexuelle usw.) skrupellos folterten und verfolgten – durfte man sich da wundern, dass sie – so Fritz Stern – „etwas unsäglich Schlimmeres jenen angetan haben, die sie für Untermenschen und Todfeinde der Rasse hielten?“18.

Nachdem Polen 1938-1939 seine Mitwirkung an der Bildung eines deutschen Imperiums im europäischen Osten (hauptsächlich nach der Zerschlagung der Sowjetunion) verweigert hatte, wurde es zum ideologischen Gegner Nazi-Deutschlands.

Am 24. Oktober 1939 wurde den deutschen Journalisten auf einer Reichspressekonferenz unmittelbar nach dem Sieg über Polen die Anweisung Nr. 1306 über die Behandlung der polnischen Bevölkerung als Untermenschen mitgeteilt: „Es muss auch der letzten Kuhmagd in Deutschland klargemacht werden, dass das Polentum gleichwertig ist mit Untermenschentum. (…) Es ist nicht angebracht, jetzt tiefsinnige Betrachtungen und Leitartikel über die Kulturlosigkeit Polens und das polnische Untermenschentum abzufassen. Dieser Tenor soll immer nur leitmotivartig anklingen und gelegentlich in feststehenden Begriffen wie polnische Wirtschaft, polnische Verkommenheit und ähnlichen in Erscheinung treten, bis jeder in Deutschland jeden Polen, gleichgültig ob Landarbeiter oder Intellektuellen, im Unterbewusstsein schon als Ungeziefer ansieht“19.

Eingang in Presseartikel fanden diese Anweisungen häufig als Wertedichotomien: „deutsche Ordnung“ versus „polnische Unordnung“, „deutsche Hochkultur“ versus „slawische Unkultur“ oder auch „deutscher Wohlstand“ versus „polnische Armut“20. ← 111 | 112 →

Die Spitzenfunktionäre des Reiches (Hitler, Himmler oder Goebbels) äußerten sich immer wieder verächtlich über die Polen als „Untermenschen“ und stellten ihnen die Deutschen als das zum Herrschen berufene „Herrenvolk“ gegenüber21.

Polen und seine Einwohner wurden neben anderen slawischen Völkern als „Osten“ klassifiziert. Im Dritten Reich wurde – gestützt auf politische und rassenideologische Anschauungen – ein spezielles Programm entwickelt, das in der deutschen „Mission im Osten“ gipfelte. Dabei wurde vom ideologischen Konzept ausgegangen, wonach Deutsche die „Kulturträger“ seien, die in den eroberten Gebieten den „Lebensraum“ für das gesamte deutsche Volk schaffen sollten. Damit gingen die Versklavung der dortigen slawischen Bevölkerung und die „Sicherstellung“ der geplanten deutschen Herrschaft über ganz Europa einher22. Im Dienste dieser „zivilisatorischen Mission“ standen auch die physische Vernichtung der Juden, Zigeuner und slawischen Führungseliten sowie die Massenaus- und -umsiedlungen bisheriger Einwohner, entsprechend den Plänen zur Germanisierung besetzter Gebiete und zur Neuordnung Europas auf der Grundlage der Rassentrennung.

Als zu erreichendes Ziel sahen die Pläne vom „Lebensraum im Osten“ vor, dass die eroberten „Großräume“ in der Zukunft von ihren bisherigen Einwohnern befreit würden und dort eine „Germanisierung des Bodens“ stattfände, nicht eine „Germanisierung der Menschen“ fremder Rasse und Nation. Für das besetzte Polen war geplant, die polnische Bevölkerung aus den dem Reich angegliederten Gebieten zu entfernen und diese dann mit Deutschen aus dem „Altreich“ so wie anderen europäischen Staaten (Baltendeutschen aus den baltischen Staaten, Russlanddeutschen aus der UdSSR, Deutschen aus Rumänien usw.) zu besiedeln23. Auf der Grundlage dieser Politik wurden die verabschiedeten Germanisierungspläne umgesetzt. Sie umfassten: Auslöschung des polnischen Volkes, insbesondere seiner Führungseliten, Raub von Hab und Gut in bislang ← 112 | 113 → ungekanntem Ausmaß, Massendeportationen von Zwangsarbeitern, Aufnahme in die Deutsche Volksliste usw.24

Während der Besatzung wurde die unterschiedliche Behandlung der Polen und Deutschen rechtlich fixiert. Die polnische Bevölkerung stand auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen Leiter, und ihr Lebens- und Bildungsniveau hatte niedrig zu bleiben. Die Rolle der Polen sollte auf den Dienst als „Knechte“ und „Untermenschen“ für das „deutsche Herrenvolk“ begrenzt werden. Der Sklavenstatus sollte jeglichen Widerstand ausschließen25. Im Herbst 1940 gab die NSDAP-Führung die Anweisung, Maßnahmen gegen die „Assimilation der Polen“ zu ergreifen und die Polen als „Mischlingsrasse“ und „Todfeinde Deutschlands“ zu behandeln“26.

Laut Himmlers “Erlass für die Überprüfung und Aussonderung der Bevölkerung in den eingegliederten Ostgebieten“ vom 12. September 1940 sollten in Zukunft dort nur drei Bevölkerungsgruppen leben: „Deutsche Volkszugehörige“, die die deutsche Staatsangehörigkeit und das Reichsbürgerrecht besitzen, „Deutschstämmige“, die sich zur Wiedereindeutschung eignen, sowie „wertvolle Fremdvölkische und deutsche Renegaten“, die die deutsche Staatsangehörigkeit auf Widerruf besitzen und im Altreich „eingedeutscht“ werden können. Polen fielen unter keine dieser Kategorien (wenn man von den Volksdeutschen oder Personen mit deutschen Vorfahren einmal absieht)27.

Bei der feierlichen Eröffnung der Ausstellung „Planung und Aufbau im Osten“ am 23. Oktober 1941 in Posen führte Konrad Mayer, ein hoher NSDAP-Funktionär, aus, für die Polen käme nur eine Lösung in Betracht: sie sollten nach Westsibirien abgeschoben oder nach Südamerika, insbesondere Brasilien ausgesiedelt werden28.

Das „sibirische Konzept“ hing mit dem 1941-1942 vom Reichssicherheitshauptamt entwickelten Generalplan Ost (GPO) zusammen. Demnach sollten dem ← 113 | 114 → – im ursprünglich vorgesehenen Blitzkrieg errungenen – Endsieg über die Sowjetunion Massenumsiedlungen folgen. Man plante, die Grenze um etwa tausend Kilometer nach Osten zu verschieben, um „Lebensraum“ für ca. 10 Millionen deutsche Kolonisten zu gewinnen. Dieses Gebiet erstreckte sich östlich vom Wartheland, dem Regierungsbezirk Zichenau, dem Kreis Suwalken und dem Generalgouvernement bis zum Dnjeprbogen und der Krim (und umfasste dabei das Baltikum, Weißrussland, die Ukraine und einen Teil Russlands – unter anderem den Petersburger Bezirk). Aus diesen Gebieten sollten etwa 31 Millionen „rassisch fremde“ Menschen (von insgesamt 45 Mio.) ausgesiedelt werden, darunter etwa 16 bis 17 Mio. Polen aus dem Generalgouvernement und dem Reich eingegliederten Regionen. Die gesamte jüdische Bevölkerung (5-6 Mio.) sollte ermodert werden29. Bedingt durch den Kriegsverlauf an der Ostfront, war die polnische Bevölkerung am stärksten von den Aussiedlungen betroffen (laut Schätzungen haben die Deutschen in den Jahren 1939-1944 mehr als 1,6 Mio. Polen aus- bzw. umgesiedelt)30. Als Vorbild und „große Generalprobe“ für den späteren GPO diente der schon erwähnte Ostpreußenplan, der im Sommer 1933 auf einer Sitzung der nationalsozialistischen Regierung verabschiedet wurde. Dessen praktische Umsetzung sollte die Ausführung neuer Raumpläne ermöglichen, unter anderem durch den Bau von Arbeiter- und Bauernsiedlungen31.

Dieser Abriss der deutschen Nationalitätenpolitik im besetzten Polen und in Osteuropa ist insofern von Bedeutung, als ihre grundlegenden Ansätze zwischen 1939 und 1945 in den Grenzen des Neuen Ostpreußens umgesetzt wurden. Der Terror und die skrupellose Vorgehensweise deutscher Behörden im „alten“ Ostpreußen (Vernichtung der ostpreußischen Juden, Ermordung und Schikanierung ← 114 | 115 → polnischer und litauischer Aktivisten, Einstellung zu polnischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern) sowie im Regierungsbezirk Zichenau, dem Kreis Suwalken und dem Bezirk Bialystok beeinflussten nachhaltig das Verhältnis der polnischen Bevölkerung und Verwaltung zu den Deutschen insgesamt. Dies gilt insbesondere für die Einstellung polnischer Siedler, die nach 1945 ins Ermland und nach Masuren kamen, gegenüber den früheren Bewohnern Ostpreußens (Deutschen, Ermländern und Masuren).

1.2.1.   Memelland und Soldau

Die Eroberungspolitik des Dritten Reiches führte 1939 zum Anschluss des Memel- und des Soldauer Gebiets32 an Ostpreußen und zur Bildung des Neuen Ostpreußens. Damit gingen unter anderem brutale Repressalien gegen litauische und polnische Aktivisten und die jüdische Bevölkerung einher.

Deren erstes Opfer waren (nach früheren Verfolgungen der ostpreußischen Juden) die litauischen Aktivisten in „Altostpreußen“ und im Memelland. Viele, die es nicht rechtzeitig geschafft hatten, nach Großlitauen zu flüchten33, wurden schikaniert, ein Teil verhaftet34, manche umgebracht35.

Einige Tage vor dem Überfall auf Polen begannen die deutschen Behörden auch die polnischen Aktivisten festzunehmen. Am 25. August 1939 wurden in Marienwerder Schüler und Lehrer des Polnischen Gymnasiums verhaftet (unter ihnen Leon Kauczor). Nach Kriegsbeginn setzten im Ermland und Masuren massenhaft Repressalien gegen polnische Aktivisten ein. Anhand früher vom BDO erstellter Listen wurden die Führungsmitglieder und Aktivisten der polnischen Bewegung gezielt festgenommen, geschlagen und misshandelt. Die meisten von ihnen wurden in Konzentrationslager in Tapiau bei Königsberg, Stutthof oder ← 115 | 116 → Soldau eingewiesen36. Einige von ihnen verloren ihr Leben, wie z.B. Seweryn Pieniężny, langjähriger Redakteur und Herausgeber der „Gazeta Olsztyńska“, der im Lager Hohenbruch ermordet wurde, oder Reinhold Barcz, Herausgeber der „Głos Ewangelicki“, der in Moabit hingerichtet wurde. Einigen gelang es, zu fliehen und sich für die Dauer des Krieges erfolgreich zu verstecken37. Gemäß den Anweisungen deutscher Behörden vom September 1939 wurde die polnische Bewegung restlos liquidiert. Im November 1939 wurde das Redaktionsgebäude der „Gazeta Olsztyńska“ abgerissen und an seiner Stelle ein „Platz der Schande“ mit einer Bedürfnisanstalt errichtet.

Nach Ausbruch des Krieges gelang einem kleinen Rest ostpreußischer Juden die Auswanderung. Andere wurden deportiert, beispielsweise nach Riga und Theresienstadt. Etwa eintausend Juden aus Königsberg kamen in Konzentrationslagern um, so auch in Auschwitz. Mitte 1943 erklärten die Behörden das „alte“ Ostpreußen für „judenrein“38.

Der Überfall auf Polen39 beschleunigte die Beseitigung litauischer Spuren im Memelland. Auch im Soldauer Gebiet wurden nach dem Anschluss ans Reich jegliche Äußerungen des Polentums konsequent bekämpft. Im „alten“ Ostpreußen wurden die polnische und die litauische Minderheit nicht nur ruhiggestellt und ihnen jegliche institutionelle Betätigung untersagt, sondern auch die Benutzung der polnischen und litauischen Sprache im öffentlichen Leben sowie in katholischen und protestantischen Kirchen verboten (der letzte Gottesdienst auf Litauisch in einer protestantischen Memeler Kirche fand am 15. September 1940 statt, in Soldau dagegen im September 1939, und in Masuren im Juni 1940). ← 116 | 117 →

Im Zuge der sog. Gleichschaltung setzte man alles daran, die Spuren der litauischen und polnischen Herrschaft so schnell wie möglich zu verwischen. Unter anderem begann man mit der Eindeutschung der Ortsnamen (oftmals wurden ihnen neue „typisch germanische“ Namen gegeben, die mit der Überlieferung in keinem Zusammenhang standen, wie beispielsweise Rusinai – Kerndorf). Die „heimgekehrten“ Gebiete wollte man um jeden Preis an das übrige Reich angleichen und dabei jede abweichende Andersartigkeit beseitigen, und zwar nicht bloß polnische oder litauische, sondern auch masurische, ermländische oder preußisch-litauische. Es wurde eine neue Verwaltungsstruktur eingeführt, damit zum Beispiel nicht einmal die Kreisgrenzen im Memelland an das frühere Aussehen der Region erinnerten40. Neu geregelt wurden die rechtlichen Fragen der Staatsangehörigkeit. Alle ehemaligen Einwohner des Memellandes erhielten die Reichsstaatsangehörigkeit. Die Vor- und Nachnamen in den neuen Identitätspapieren wurden gemäß der deutschen Schreibweise geändert. Zerstört oder übermalt wurden jegliche Aufschriften auf Litauisch bzw. Polnisch; es wurde beispielsweise angeordnet, alle solche Inschriften auf Grabplatten auf dem Friedhof in Soldau zu „tilgen“. Mit aller Brutalität wurden die polnischen bzw. litauischen Denkmäler und anderen Symbole der „Raub- und Besatzungsmacht“ zerstört.

In diesen Gebieten begann sich die deutsche Bevölkerung aus den benachbarten Kreisen Ostpreußens anzusiedeln. Zahlreiche Führungsfunktionen übertrug man Beamten aus dem Altreich. Angestrebt wurde ein tiefgreifender Wandel der nationalen Struktur, unter anderem durch freiwillige Auswanderung oder durch Aussiedlungen. 1939 verließen mehr als 10 000 Menschen (darunter etwa 1 500 Juden) das Memelgebiet in Richtung Litauen. Es handelte sich hauptsächlich um „Siedler“ aus Großlitauen, die nach dem Anschluss an den litauischen Staat ins Memelland gekommen waren und zuvor nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen.

Nach der Annektierung des Memellandes wurde von der deutschen Regierung ein Gesetz erlassen, wonach Einwohner, die mit dem 30. Juli 1924 ihre deutsche Staatsangehörigkeit verloren hatten und am 22. März 1939 im Memelland oder dem Deutschen Reich wohnten, automatisch deutsche Staatsangehörige wurden. Die litauische Regierung in Kaunas war ihrerseits bestrebt, den Preußisch-Litauern, d. h. den alten Einwohnern des Memellandes, den Erwerb der litauischen Staatsangehörigkeit zu ermöglichen. Zu diesem Zweck nahm sie im April 1939 mit der Berliner Regierung Gespräche auf. Am 8. Juli 1939 wurde betreffs der Optionsfrage der Vertrag über die Staatsangehörigkeit der Memelländer (Klaipėdišių pilietybės) geschlossen41. ← 117 | 118 →

Mit diesem Vertrag wurde der alteingesessenen Bevölkerung, d. h. den Preußisch-Litauern, die Möglichkeit eröffnet, für den litauischen Staat zu optieren. Die Einreichungsfrist entsprechender Unterlagen betrug nur zwei Wochen42 und lief am 31. Dezember 1939 aus. Die deutschen Behörden, darunter die Gestapo, begannen mit der Einschüchterung Einheimischer, die gewillt waren, Anspruch auf die litauische Staatsangehörigkeit zu erheben. Manche wurden nach der Einreichung entsprechender Papiere verhaftet und bewogen, ihre Entscheidung zu ändern. Es wurde die Frage gestellt: „Was wollt ihr mit der litauischen Staatsbürgerschaft, wo ihr doch im Memelland geboren seid und automatisch die deutsche bekommen habt“. Unter diesem Druck gab ein Teil der alteingesessenen Bevölkerung die Absicht auf43.

Nach 16 Jahren litauischer Staatlichkeit wurden im litauischen Generalkonsulat in Memel lediglich 303 Anträge auf die litauische Staatsangehörigkeit für insgesamt 585 Personen gestellt. Dies machte knapp ein Prozent aller Autochthonen, d. h. der 60 000 Preußisch-Litauer (Lietuvininkai), aus. Unter den litauischen Optanten waren 332 Männer (57 % aller Antragsteller) und 252 Frauen; es waren 160 ledige Personen und 142 Familien mit 424 Mitgliedern, darunter 164 Kinder. Von den insgesamt 303 Anträgen wurde knapp die Hälfte (130) von Personen gestellt, die nicht mehr im Memelland lebten (die meisten waren nach Kaunas verzogen)44.

Eine ähnliche Optionsmöglichkeit wurde den Alteingesessenen litauischer Staatsangehörigkeit eröffnet, die die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben wollten, aber außerhalb der Reichsgrenzen lebten. Sie hatten die entsprechenden Anträge in deutschen diplomatischen Vertretungen, darunter in Generalkonsulaten, zu stellen45.

Das spätere Schicksal der litauischen Optanten war sehr kompliziert. Als folgeschwer erwiesen sich für sie (wie auch für die Gesamtheit der Preußisch-Litauer) die Einverleibung Litauens in die Sowjetunion im Juni 194046 und der spätere Abschluss des Vertrages über den Bevölkerungsaustausch zwischen dem Dritten ← 118 | 119 → Reich und der UdSSR am 10. Januar 1941. Schätzungsweise wanderten etwa 100 Optanten als Volksdeutsche aus der Litauischen SSR ins Deutsche Reich aus47.

Andere litauische Optanten nutzten den Vertrag vom 10. Januar 1941, um ins sowjetische Litauen auszuwandern. Wieder andere blieben im sowjetischen Litauen und unternahmen keine Anstrengungen, in ihre Heimat zurückzukehren. 1944 brachte sich ein Teil von ihnen in Sicherheit oder floh vor der anrückenden Roten Armee. Einige kehrten später nach Litauen zurück, andere blieben in Deutschland. Manche von denjenigen, die in Litauen geblieben waren, wurden nach 1945 während der „zweiten Okkupation“ nach Sibirien deportiert. Als es in den Jahren 1958-1960 möglich wurde, nach Deutschland auszureisen, entschlossen sich viele von ihnen zur Emigration in die Bundesrepublik. Das Schicksal der litauischen Optanten wie auch das der polnischfreundlichen Masuren und Ermländer zeugt eindringlich von der Tragik der Grenzlandgesellschaften48.

Aufgrund des Vertrags über den Bevölkerungsaustausch zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion vom Januar 1941 wanderten insgesamt 50 000 Deutsche („Volksdeutsche“) aus der Litauischen SSR im Rahmen der Aktion „Heim ins Reich“ aus.

In die UdSSR (in erster Linie nach Sowjetlitauen) wanderten mehr als 20 000 Personen aus. In dieser Gruppe waren 6 167 Memelländer und 14 528 Personen aus dem von den Deutschen besetzten polnischen Teil der Region Suwalki (vorwiegend Litauer und russische Altgläubige)49.

Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion und der Einnahme Sowjetlitauens begannen die deutschen Behörden mit der Verfolgung der dort lebenden Memelländer und brandmarkten sie als Verräter (1941 wurde der schon genannte Enzys Jagomastos in Wilna erschossen). Schätzungsweise kamen 180 prolitauisch eingestellte Memelländer in verschiedene deutsche Konzentrations ← 119 | 120 → lager oder Gefängnisse. Mehrere sind dort ums Leben gekommen. Unter ihnen waren etwa Lehrer, Journalisten und gesellschaftliche Aktivisten50.

Ab 1939 war die deutsche Regierung zunächst bemüht, das Litauer- und das Polentum zu schwächen und zu marginalisieren, später, es völlig zu eliminieren. Ein beredtes Zeugnis war die Schließung aller Schulen mit Litauisch bzw. Polnisch als Unterrichtssprache. Geschlossen wurden litauische und polnische Bibliotheken und Buchhandlungen, Sportverbände, Kultur- und Jugendorganisationen usf. Terror und Repressalien gegen jegliche Erscheinungen des Polen- oder Litauertums griffen um sich. Beide Nationalitäten wurden als „kulturlos“, „Dreckschweine“ oder „judenhörig“ betrachtet, die es zu deklassieren galt.

Im Dezember 1940 erging ein Führererlass über städtebauliche Maßnahmen in Memel („Neugestaltungsstadt“) im Sinne nationalsozialistischer Stadt- und Raumplanung51. Erich Koch sah darin ein Prestigeprojekt und wollte Memel zur zweitgrößten Stadt der Provinz machen. Ähnliche Pläne wurden für Ostpreußen angegliederte polnische Städte entwickelt, wie zum Beispiel für Zichenau (Ciechanów), die Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks. Vom Memelland aus, wo zahlreiche Verbände der Wehrmacht, der Kriegsmarine und der Waffen-SS stationiert waren52, begann der Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Nachdem sich die Front weiter nach Osten verlagert hatte, lag das Memelland – wie übrigens ganz Ostpreußen – tief im Hinterland. Es teilte wie das Soldauer Gebiet und die ganze Provinz das Kriegsschicksal des Tausendjährigen Reiches. Es herrschte hier eine trügerische Ruhe, die sich mit Stolz und Freude über deutsche Siege verband; dennoch konnte nicht übersehen werden, dass die Zeit der Abrechnung mit dem verbrecherischen Nazi-Regime unerbittlich näherrückte.

Im Soldauer Gebiet, wo die deutschen Truppen am 2. September 1939 kampflos einmarschiert waren53, griffen die nationalsozialistischen Besatzungsbehörden zu einer anderen Variante der Nationalitätenpolitik als im Memelland. Die ma ← 120 | 121 → surische und die deutsche Bevölkerung des Soldauer Gebiets konnten aufgrund der Bestimmungen der „Verordnung über die Deutsche Volksliste in den eingegliederten Ostgebieten“ vom 4. März 1941 die Reichsstaatsangehörigkeit beanspruchen. Diese Deutsche Volksliste (DVL) hatte vier Kategorien (mehr dazu im nächsten Kapitel). Im Jahr 1939 bekannten sich im Kreis Soldau 2 626 Personen zum Deutschtum, davon 797 in der Stadt Soldau und in Lautenburg54. Schätzungen zufolge erhielt die gesamte autochthone Bevölkerung einen entsprechenden Eintrag auf der DVL (hauptsächlich in den Kategorien 3 und 4). Die wenigen Masuren und Polen, die sich hier nach 1920 niedergelassen hatten und in die DVL nicht eingetragen wurden, waren verpflichtet, ein P-Zeichen (für „Pole“) an sichtbarer Stelle zu tragen.

Ein Teil der Einwohner verließ Soldau am 1. September 1939, doch die meisten kehrten in den darauf folgenden Tagen zurück. Juden und Zigeuner, für staatenlos erklärt, wurden wie zahlreiche wohlhabende polnische Familien aus dem Kreis ausgesiedelt (insgesamt 398 Personen)55. Nach Soldau kamen viele deutsche Familien, hauptsächlich aus dem Kreis Neidenburg. Sie bezogen die besten Wohnungen der Polen, die ausgesiedelt oder in kleinere Wohnungen umquartiert wurden.

Unmittelbar nach der Einnahme der Stadt erließen die Besatzungsbehörden eine Anordnung über die sofortige Meldepflicht. Anhand neuer Meldekarten (mit Fingerabdruck) wurde die erste „Nationalitätentrennung“ vorgenommen, da unter anderem nach der nationalen Zugehörigkeit, Religion und Muttersprache gefragt wurde. Während der ganzen Besatzungszeit wurde die polnische Bevölkerung immer wieder zur Zwangsarbeit ins Reichsinnere verschleppt. Dieses Schicksal ist 1 461 Menschen widerfahren.

Bereits am 6. September 1939 marschierte eine Einsatzgruppe aus Mitgliedern von SS, Gestapo, Sicherheitsdienst (SD) und Ordnungspolizei (Orpo) in die Stadt ein. Diese Einheiten, die zur Befriedung und „Säuberung“ der von der deutschen Wehrmacht eingenommenen und okkupierten Gebiete eingesetzt wurden, waren berüchtigt. Ihre Bestimmung war es, „Feinde“ des Reiches und des Nationalsozialismus zu verhaften und physisch zu eliminieren56. Furcht und Schrecken verbreitend, verhafteten die Einsatzgruppen erste propolnische Masuren und Polen (unter anderen Adolf Szymański, Arno Kant, Robert Małłek und Edward Ulanowski – die beiden letztgenannten wurden in einem Wald in Kämmersdorf bei Soldau erschossen, Kant wurde im Gefängnis in Allenstein zu Tode gefoltert)57. ← 121 | 122 →

Im nunmehr deutschen Soldau machte man sich wie in Memel daran, jegliche polnische Spuren zu tilgen (unter anderem zerstörte man das Denkmal für die Schlacht bei Tannenberg von 1410), polnische Aufschriften in örtlichen Kirchen zu übermalen usw. Polnische Schulen wurden geschlossen, alle polnischen Organisationen aufgelöst, der Gebrauch der polnischen Sprache und die Herausgabe polnischer Bücher und Zeitschriften verboten. Soldau sollte „auf ewig“ ins Reich heimkehren.

Eine tragische Berühmtheit erlangte das Lager Soldau. Ende November bis Dezember wurde in der hiesigen Kaserne eines der zahlreichen Durchgangslager für gefangene polnische Soldaten errichtet. Um die Jahreswende 1939/1940 wurde ein Durchgangslager für Häftlinge aus Ostpreußen eingerichtet und im Mai 1940 in Arbeitserziehungslager umbenannt. Seit der Lagergründung, d. h. ab Februar 1940, bis Mitte Januar 1945 kamen hier mindestens 3 000 Menschen ums Leben und wurden insgesamt ca. 20 000 Personen gefangen gehalten. Unter den Lagerinsassen, denen an unsäglichen Leiden und Demütigungen nichts erspart blieb, stellten die Polen die größte Gruppe58.

Während der Besatzung verloren insgesamt 712 Einwohner des Kreises ihr Leben59. Relativ schnell wurde mit dem Aufbau der Widerstandsbewegung begonnen. Die Heimatarmee (Armia Krajowa) fokussierte ihre Aktivitäten auf die Bildung von zwei starken Aufklärungsabteilungen. Hier agierte auch das Kommando der Bauernbataillone „Bataliony Chłopskie“ für den Bezirk Soldau mit über 200 Mann (davon 26 aus Soldau). 1943 nahm der Volksfrauenbund „Ludowy Związek Kobiet“ die Arbeit auf. Konspirativ tätig waren auch untergetauchte Mitglieder des Masurenbundes, die im Winter 1943 in Radość bei Warschau das konspirative Masureninstitut gründeten60. ← 122 | 123 →

1941 entstand in Soldau das VoMi-Durchgangslager für Volksdeutsche aus Litauen, Lettland und dem Einzugsgebiet des Narew, die umgangssprachlich als Litauendeutsche bezeichnet wurden (zu dieser Gruppe gehörte auch eine kleine Anzahl von Polen). Durch dieses Lager gingen insgesamt etwa 5 000 Menschen. Zu diesem Zweck wurde ein Holzbarackenkomplex mit vielen Annehmlichkeiten (Bäder, fließendes Wasser usw.) errichtet. Das Areal war umzäunt und dem Kommandanten des Soldauer Lagers unterstellt. Eigens für die Kinder der „Umsiedler“ wurde eine Lagerschule geschaffen, in der zwischen 1941 und 1944 ca. 3 000 Kinder unterrichtet wurden. Die Bewohner hielt man unter Arrest, ließ sie nicht aus dem Lager und stimmte sie polenfeindlich. Anschließend wurden sie ins Reichsinnere geschickt, wo sie verschiedene Arbeiten verrichteten61.

Den Preußisch-Litauern, Masuren und Ermländern im „alten“ Ostpreußen widerfuhr ein anderes Schicksal als der Bevölkerung im Memelland oder dem Soldauer Gebiet. In die deutsche Volksgemeinschaft eingegliedert, profitierten sie von der Macht und den Kriegserfolgen des Dritten Reiches. Der Preis, den sie für diesen kurz währenden Wohlstand zahlen mussten, waren der Militärdienst (gleich den als Deutsche anerkannten Autochthonen im Memelland und dem Soldauer Gebiet) und die steigende Opferzahl unter ihnen (besonders an der Ostfront). Die Germanisierung der autochthonen Bevölkerung schritt voran.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und sein Verlauf prägten nachhaltig das Bewusstsein der masurischen und ermländischen Bevölkerung. Die antipolnische Stimmung verstärkte sich, und besonders unter der mittleren und jüngeren Generation verfestigte sich die Bindung an das Deutschtum und die Identifizierung mit dem Dritten Reich durch den geleisteten Militärdienst und die Teilhabe an den Kriegserfolgen der Wehrmacht. Andererseits regte sich ein gewisser – immer schwächer werdender – Widerstand und das Bestreben, die Eigenart zu wahren. Nach wie vor sprachen die Masuren und Ermländer Polnisch im Alltag sowie in den Kontakten mit polnischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, denen sie während des Krieges in der Regel mit Wohlwollen und Verständnis begegneten62. Ein beredtes Zeugnis für diese Haltung ← 123 | 124 → liefert die Aussage eines höheren SS-Offiziers aus dem Jahre 1943, der im Zusammenhang mit den Plänen, Masuren in dem neu errichteten Regierungsbezirk Zichenau anzusiedeln, seine vertrauliche Denkschrift folgendermaßen abschloss: „Abgesehen vom teils heute noch polnisch eingestellten kleinen katholischen Bevölkerungsgebiet im Kreis Allenstein, besteht bei den protestantischen Masuren, entsprechend ihrem Charakter und ihrer Natur, jedenfalls die größere Gefahr eines Übertritts zum Polentum als bei anderen Deutschen Ostelbiens. Oftmals konnte man im gegenwärtigen Krieg beobachten, dass der Masure mit großer Freude und sprachlichem Geschick aus der Erinnerung seinen masurischen Dialekt, der von den Polen meistens sehr wohl verstanden wird, hervorkramte und in Polen sprach. Zwar beherrscht jeder Masure die deutsche Sprache einwandfrei, aber gerade unter Landarbeitern, Fischern, Kleinbauern und kleinen Handwerkern wird im Familienkreis vielfach Masurisch gesprochen. Masurisch sprechen miteinander zumindest Eltern und Großeltern, oft spricht man Masurisch auch mit den Kindern, allemal mit dem Vieh. Auch die Einstellung zur Arbeit, der Zustand des Gehöfts, die Art der Unterhaltung und viele andere Alltagssachen, die insbesondere mit der beruflichen Betätigung und den Spielen zusammenhängen, unterscheiden sich immer noch sehr deutlich von den allgemeinen deutschen Werten. Im nationalpolitischen Hinblick fehlt ihnen (d. h. den Masuren) manchmal allerdings das absolut klare Gefühl dafür, dass ein Masowier oder ein Pole doch etwas Fremdes sind, was mit Zurückhaltung zu betrachten wäre. Aus diesem Grund warnen wir mit allem Nachdruck vor der Ansiedlung der Masuren als Kolonisten im Regierungsbezirk Zichenau“63.

Mit der veränderten Lage an den Fronten des Zweiten Weltkriegs wurde in Masuren immer häufiger Polnisch gesprochen. Ein Organ der Exilregierungsvertretung im Inland (Delegatura Rządu na Kraj) charakterisierte im Januar 1944 anhand der Vor-Ort-Berichte die Lage in Masuren folgendermaßen: „Entgegen strikten Verboten sprechen die Masuren im Alltag verbreitet ihre Mundart. Auf eindrucksvolle und unbezweifelbare Weise unterstreichen sie ihre Stammeseigenart gegenüber den Deutschen“64. ← 124 | 125 →

1.2.2.   Die eingegliederten Gebiete: Regierungsbezirk Zichenau, Kreis Suwalken, Bezirk Bialystok

Der siegreiche Krieg gegen Polen schuf neue Handlungsmöglichkeiten65 für den ehrgeizigen Gauleiter Ostpreußens, Erich Koch66. Er ermöglichte nicht nur, die Grenzen der Provinz auszuweiten, sondern auch, den Entwicklungsplan (Erich-Koch-Plan) sowohl im bisherigen Mustergau des Reiches als auch in den „neugewonnenen Gebieten“ umzusetzen. Diese Pläne entsprachen der nationalsozialistischen „Ostideologie“.

Koch, der zu jener Zeit großes Vertrauen bei Hitler genoss, bekam freie Hand in den eingegliederten Gebieten. Dies war auch ein Ergebnis der fehlenden klaren Abgrenzung von Kompetenzen zwischen der Parteiführung und der Staatsverwaltung in den annektierten Gebieten67. Die Nationalitätenpolitik in den eingeglie ← 125 | 126 → derten Gebieten unterschied sich erheblich von den Maßnahmen in den „wiedergewonnenen“ Gebieten (Soldauer Gebiet und Memelland).

Allergrößte Bedeutung wurde den Plänen für den Regierungsbezirk Zichenau, der als „Vorwerk der Provinz“ bezeichnet wurde, beigemessen. Um historische Argumente für die Legitimation dieser Annexion zu bekommen, wurde in Königsberg eine Historikergruppe eingesetzt (Landesstelle für Nachkriegsgeschichte). Diese berief sich auf die deutsche Kolonisation im Mittelalter und auf die Person des Oberpräsidenten Friedrich Leopold von Schrötter, dem das nördliche Masowien (Südostpreußen) zu Beginn des 19. Jahrhunderts mehr als zehn Jahre lang unterstellt war. Koch wurde als sein Nachfolger dargestellt. Von dieser Historikergruppe wurden auch Ansätze und konkrete Vorschläge für Germanisierungsmaßnahmen ausgearbeitet, beispielsweise neue, typisch deutsche Ortsnamen für den Regierungsbezirk erstellt68. Die Zukunft dieser Region war mit der Umsetzung des Konzepts vom deutschen „Lebensraum“ (Germanisierung des Bodens) verbunden, was eine einschneidende Veränderung der Nationalitätenverhältnisse bedeutete. Die „totale Germanisierung“ setzte voraus, dass künftig ausschließlich deutsche Bevölkerung in diesen Gebieten lebte. Dies bedeutete die Ermordung der Juden und Zigeuner sowie die Aussiedlung, Auslöschung und Ausbeutung der Polen und (im Raum Suwalki lebenden) Litauer als einer „rassisch minderwertigen“ Bevölkerung.

Die neuen Raumordnungspläne für den Regierungsbezirk Zichenau sahen dessen „totalen Neuaufbau“ vor. Symbol der deutschen Herrschaft über dieses Gebiet sollte das Bauvorhaben für Ciechanów, die Hauptstadt des Regierungsbezirks, sein. Aus einer Kleinstadt mit 14 000 Einwohnern sollte eine ganz neue Verwaltungsstadt mit 50 000 Menschen entstehen. Übrigbleiben sollten nur eine Kirche aus der Zeit des Deutschen Ordens und eine Burgruine. Der Rest sollte dem Erdboden gleichgemacht und eine neue „nationalsozialistische Stadt“ errichtet werden. Geplant war auch der Bau von Straßen, Bahnlinien und sogar einer Autobahn69.

Nach dem „Endsieg“ sollten sich hier die aus dem „siegreichen Krieg“ heimkehrenden Frontsoldaten (Veteranen) und ostpreußische Bauernsöhne niederlas ← 126 | 127 → sen. Mit ihrer Hilfe wollte man die Agrarstruktur der Provinz verändern. Geplant war ein Netz von großen, 50 Hektar umfassenden Agrarbetrieben mit entsprechender Infrastruktur. Vorgesehen war eine symmetrische Verteilung der Landkreis- und Gemeindesitze in gleichmäßiger Entfernung vom Sitz des Regierungsbezirks, der Kreise und Gemeinden. Geostrategisch sollte dem Neuen Ostpreußen eine Brückenfunktion im osteuropäischen Raum „von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer“ an der Schnittstelle zwischen der Nord-Süd- und der Ost-West-Achse zukommen70. Als Garant für diese „visionären Pläne“ fungierte Koch, der als Schöpfer des „deutschen Wunders“ in Ostpreußen (Bekämpfung der Arbeitslosigkeit usw.) galt und das Wort „unmöglich“ nicht kennen wollte. Diese Pläne wurden von Hitler unterstützt71.

Unter Beachtung obiger Faktoren blieb Koch skeptisch gegenüber der Ansiedlung von Volksdeutschen aus Litauen. Gleichzeitig sprach er sich für die Aussiedlung der Litauer aus der „eingegliederten“ Region Suwalki nach Litauen aus72.

Die Umsetzung dieser und vieler anderer weitreichender Pläne wurde beschränkt bzw. unterbrochen durch den Ausbruch des Krieges gegen die Sowjetunion und die späteren Niederlagen, die den Untergang des Dritten Reiches herbeiführten.

Von der Mehrheit der Bevölkerung getragen, begannen die deutschen Nationalsozialisten, ihre Vision eines großgermanischen Imperiums in einem „judenreinen“ europäischen „Lebensraum“, errichtet auf der Unterjochung und Verfolgung slawischer Völker, mit aller verbrecherischen Entschlossenheit im besetzten Polen in die Praxis umzusetzen. Zutage trat diese Entschlossenheit in den Verbrechen der deutschen Wehrmacht im September 1939, der Vernichtung polnischer Eliten, den Razzien und Exekutionen der Zivilbevölkerung, dem Aufbau eines Netzes von Konzentrationslagern, unzähligen Befriedungen polnischer Dörfer, der Beschäftigung von Zwangsarbeitern, Massenaus- und -umsiedlungen, der Ausbeutung von Leib und Gut, Raubzügen und der Zerstörung der polnischen Kultur, Terror und Unrecht im Alltag, der Rassen- und Volkstrennung sowie der systematischen Ausrottung und Erniedrigung des polnischen Volkes. In den annektierten Gebieten wurde nicht eine einzige eigene polnische ← 127 | 128 → Zeitung oder Druckerei, keine einzige Hoch-, Mittel- oder Grundschule belassen, die polnische Gesetzgebung nicht beachtet usw.73

Die Anfangstage der Besatzung kündigten schon die „neue nationalsozialistische Ordnung“ an. Die ersten Verbrechen wurden von Wehrmachtssoldaten verübt. Unter Verletzung völkerrechtlicher Normen und ohne Angabe von Gründen ermordeten sie während der Militärverwaltung einen Teil der polnischen Kriegsgefangenen und wehrlose Zivlisten. Massenmorde an polnischen Soldaten wurden beispielsweise in Zambrów begangen, wo am 13./14. September 1939 etwa 200 Personen getötet und 100 verletzt wurden. In Zakroczym wurden am 28. September 500 Menschen (400 Kriegsgefangene und 100 Zivilisten) ermordet. Zahlreich waren die Opfer von Exekutionen an der polnischen und jüdischen Zivilbevölkerung. Bereits am 6. September fanden erste Massenerschießungen im Gebiet des späteren Regierungsbezirks Zichenau statt. Nach dem Durchzug der Front wurden mehrere Städte und Dörfer in Brand gesteckt und zerstört (im Kreis Ostrołęka brannten zum Beispiel die Stadt Komorowo und 10 Dörfer, im Kreis Mława 12 Dörfer nieder)74.

Besonders berüchtigt waren die Einsatzgruppen der SS, denen die Aufgabe der „politischen Flurbereinigung“ zufiel. Sie begannen mit Verhaftungen, Folterungen und Ermordungen „führender Elemente“75. Dieses Vorgehen war die Umsetzung eines Planes zur Auslöschung der polnischen Intellektuellen (sog. „Intelligenzaktion“). Bei ihnen handelte es sich um die besonders Aktiven und Gebildeten, die Angehörigen der gesellschaftlichen Eliten. Insgesamt wurden ca. 36 500 Einwohner des Regierungsbezirks ermordet (darunter 2 000 aus dem Kreis Plock und hunderte aus der Region Suwalki)76. Im Winter 1940 wurde auch die ← 128 | 129 → Ermordung von Älteren und unheilbar Kranken, sog. „überflüssigen Menschen“, begonnen77.

Die deutsche Bevölkerungspolitik in den annektierten Gebieten beruhte auf Völkermord. Angewandt wurden dabei zwei Grundformen der Vernichtung: die unmittelbare durch physische Liquidierung Einzelner und ganzer Bevölkerungsgruppen, und die mittelbare (Zugrunderichten durch Arbeit, Aussiedlungen, Vermögensraub, magere Lebensmittelrationierung, Lehr- und Lernverbot, Vorenthaltung nötigster medizinischer Hilfe usw.)78.

Krassester Ausdruck der unmittelbaren Tötung im Regierungsbezirk Zichenau war der Holocaust. Die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung erfolgte in drei grundlegenden Phasen. In der ersten Phase (von September 1939 bis Dezember 1939) waren die Deutschen bestrebt, in den von ihnen eingenommenen Ortschaften möglichst viele Juden zu eliminieren (Erschießungen, Zerstörung und Raub von Vermögen). Die Verantwortung für diese Taten trifft Besatzungstruppen, Einsatzgruppen und Stadtkommandanten. In der zweiten Phase (von Januar 1940 bis März 1941) wurden Ghettos und Arbeitslager errichtet, Massendeportationen und Aussiedlungen ins Generalgouvernement (GG) durchgeführt. Juden waren vogelfrei, Raub, Terror und Zwangsarbeit waren gang und gäbe. In der dritten und letzten Phase (von April 1941 bis Ende 1942) wurden nach einer Welle brutalsten Terrors die Ghettos liquidiert79 und alle Juden im KZ Auschwitz ermordet. Insgesamt wurden während des Krieges im Regierungsbezirk Zichenau 60 000 Juden und in der Region Suwalki ca. 4 000 umgebracht. Ermordet wurden auch alle Zigeuner. Insgesamt kamen etwa 20 % der Bevölkerung des Regierungsbezirks Zichenau und der Region Suwalki ums Leben, d. h. 162 000 Menschen (etwa 100 000 davon Polen)80.

Von der mittelbaren Vernichtung, die ebenfalls in drei Hauptphasen durchgeführt wurde, waren ca. 33 000 Aus- bzw. Umgesiedelte aus dem Regierungsbezirk Zichenau und der Region Suwalki betroffen. Erste Massenaussiedlungen von 11 000-12 000 Personen ins Generalgouvernement fanden im Mai und Juni 1940 statt. Am 10.-20. November 1940 wurde die „Mlawaaktion“ durchgeführt, ← 129 | 130 → bei der etwa 10 700 Dorfeinwohner ausgesiedelt wurden. Die letzte Aktion führte man im Dezember 1940 durch und nannte sie „Litauenaktion“. Damals wurden etwa 9 900 Menschen ausgesiedelt, um Platz für Volksdeutsche aus Litauen zu schaffen. Aus dem Regierungsbezirk Zichenau wurden ca. 80 000 Einwohner, hauptsächlich nach Altostpreußen, zur Zwangsarbeit deportiert81.

An die Stelle der brutal ausgesiedelten Polen und Juden traten Deutsche aus dem benachbarten Ostpreußen, dem Reichsinneren und Litauen. Bis Jahresende 1944 trafen im Regierungsbezirk Zichenau 21 600 Deutsche und 3 300 litauische Volksdeutsche ein82.

Nach Abschluss der Aussiedlungen und „Siedlungsaktionen“ im Dezember 1942 stellten die Polen nach wie vor die größte Gruppe im Regierungsbezirk Zichenau und machten 93,3 % der gesamten Bevölkerungszahl (823 696 Personen) aus; Deutsche hatten einen Anteil von 6,4 % (57 107, gegenüber 18 400 oder 1,85 % im Jahr 1939)83. Alle Juden wurden ermordet und in den offiziellen Statistiken nicht mehr ausgewiesen (1939 machten sie 7,9 % oder 79 098 Personen aus). In dem Gebiet lebten auch 809 Ukrainer (0,1 %) und 1 405 Vertreter anderer Nationen (0,2 %)84. Bis auf die Ermordung jedes fünften Einwohners des Regierungsbezirks, darunter beinahe 100 % der Juden, scheiterte der Plan des volkstumsbestimmten „Rassenkampfes“, der die Germanisierung des Bodens, d. h. den völligen Wandel der Nationalitätenverhältnisse, hätte bringen sollen, sang- und klanglos.

Die deutsche Besatzungsmacht verbuchte dagegen sichtbare „Erfolge“ beim Raub von Eigentum, darunter Landgütern und Nutztieren85. Massiv wurde polnische und jüdische Arbeitskraft ausgebeutet (unter anderem in speziellen Arbeits ← 130 | 131 → lagern, Ghettos usw.). Auch Kriegsgefangenen und Häftlinge wurden zur Arbeit herangezogen. Allgemeine Verachtung der deutschen Besatzer traf jegliche Anzeichen des Polentums. In den Koch unterstellten Gebieten, d. h. in den Regionen Ciechanów, Suwalki und Bialystok, wurde wegen der geringen Zahl der deutschen Bevölkerung der öffentliche Gebrauch der polnischen Sprache nicht verboten (Amtssprache war Deutsch)86. Der polnische Untergrundstaat verfügte in dem Gebiet über gut ausgebaute Strukturen, unter anderem in Form von bewaffneten Einheiten (Heimatarmee, Bauernbataillone und andere Partisaneneinheiten).

Als blutiger und grausamer erwies sich die Besatzungszeit in der Region Bialystok, die nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 als Bezirk Bialystok Teil Ostpreußens wurde.

Zum ersten Mal besetzten Wehrmachtseinheiten dieses Gebiet im September 1939 (in die künftige Bezirkshauptstadt Białystok marschierten die deutschen Truppen am 15. September ein), und zwar die Brigade Lötzen. Nach einwöchiger Besatzung, bei der es auch einen gemeinsamen Siegesaufmarsch der Wehrmacht und der Roten Armee sowie einen Empfang im Hotel „Ritz“ gegeben hatte, zog sich die Brigade am 22. September gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt aus der Stadt zurück und übergab die Region der Sowjetunion, die sie dann in die Weißrussische SSR eingliederte. Die sowjetische Besatzung dauerte bis 1941, als hier erneut deutsche Truppen einmarschierten (in Bialystok am 22. Juni). Die deutsche Besatzung dauerte bis zum erneuten Einmarsch der Roten Armee im Juli 1944.

Pazifikationsmaßnahmen fanden sowohl unter der Militär- als auch unter der Zivilverwaltung statt. In erster Linie wurden Russen eliminiert, die nach dem 17. September 1939 aus dem Inneren der Sowjetunion gekommen waren, sowie die mit ihnen kooperierenden Polen und Juden. Vorbote des blutigen Terrors war am 22. Juni 1941 die Pazifikation des jüdischen Viertels Chanajki in Bialystok. Es wurden damals mehrere tausend Einwohner umgebracht und dabei etwa 2 000 Juden in der Hauptsynagoge bei lebendigem Leib verbrannt. Einige Tage später, am 27. Juni, kam es vielerorts zu Massakern. Im Juni und Juli 1941 wurden 13 400 Menschen, darunter 11 000 Juden, ermordet. Eine andere Vernichtungsmethode waren Vergeltungsaktionen, die unter manchem Vorwand durchgeführt wurden, und Pazifikationen, bei denen die Einwohner der jeweiligen Ortschaft ermordet und die Häuser niedergebrannt wurden. Insgesamt wurden 147 Pazifikationen verübt, bei denen etwa 800 Menschen umkamen87. ← 131 | 132 →

Aus der Region Bialystok wurden annähernd 27 000 Menschen ausgesiedelt. Insgesamt kamen dort 259 400 Menschen, darunter 164 000 Juden, ums Leben. In den polnischen Gebieten, die Ostpreußen angegliedert wurden (Nordmasowien, Regionen Suwalki und Bialystok), verloren 422 000 Menschen, darunter etwa 224 000 Juden, ihr Leben88. In der Region Bialystok wurden auch eine Vernichtungsmaßnahme an polnischen Intellektuellen verübt89, Ghettos errichtet und die gesamte jüdische Bevölkerung ausgelöscht90.

Der Bezirk Bialystok war eher ein deutscher Regierungsbezirk und teilte sich in sieben Bezirkskommissariate. Die Verwaltungsstruktur war mit der in Ostpreußen identisch (Koch, der sich für Bialystok nur mäßig interessierte, wurde von Dr. Brix aus Tilsit ständig vertreten, der de facto die Macht im Bezirk ausübte). Im Unterschied zum Regierungsbezirk Zichenau und zu Altostpreußen herrschten im Bezirk Anarchie und allgegenwärtige Korruption. Dies resultiert aus seiner Behandlung als „koloniales Neuland“. Die Nationalitätenstruktur war für die Machthaber sehr ungünstig. Im Januar 1943 lebten hier bei insgesamt 1 486 000 Einwohnern nur 16 956 Deutsche (gegenüber 4 000 im Jahr 1941), dafür aber 897 172 Polen, 475 984 Ukrainer, Weißrussen und Russen (12 979) sowie 10 841 Vertreter anderer Nationalitäten (unter anderem 7 999 Litauer). Laut offiziellen Statistiken war diese Region „judenrein“ (1941 hatten hier noch 199 000 Juden gelebt)91. Unter den an Ostpreußen angeschlossenen polnischen Gebieten hatte die Region Bialystok die ausgeprägtesten Strukturen des polnischen Untergrundstaates. Einheiten der Heimatarmee und der Nationalen Streitkräfte (Narodowe Siły Zbrojne) führten bewaffnete Operationen durch. Sowjetischen Partisanen agierten. Repressalien der Besatzer trafen nicht nur die polnische und jüdische Bevölkerung, sondern auch die weißrussische, ukrainische und russische. Gezielt wurden dabei nationale Gegensätze, besonders aus der Zeit der sowjetischen Besatzung, ausgenutzt92. ← 132 | 133 →

Nach nationalsozialistischer Planung fiel dem Bezirk Bialystok die Funktion einer „Landbrücke“ zwischen Ostpreußen und dem Reichskommissariat Ukraine zu. Bei der Darstellung dieses Gebiets bediente sich die Propaganda der Metapher von einem „Grenzwall“ zwischen dem östlichsten Reichsgebiet und der alten Grenze der UdSSR. Oft wurde auch auf die deutsche Besatzung dieser Gebiete im Ersten Weltkrieg und auf damalige Annexionspläne verwiesen. Die geplante „totale Germanisierung“ verschob man auf die Zeit nach dem Endsieg; dann sollte der Bereich „ein deutsches Antlitz“ bekommen93.

Der deutsche Krieg und die deutsche Besatzung im Osten, d. h. auf dem Gebiet Polens und der Sowjetunion, zeichnete sich durch eine allmählich zunehmende Brutalität und die Freisetzung mörderischer Instinkte aus. Besonders verbrecherische und rücksichtslose Züge trug der Krieg in Weißrussland, der Ukraine und Russland. Um die Haltung dieser Völker zu den Deutschen in der Endphase des Zweiten Weltkriegs und nach Kriegsende, besonders im nördlichen Ostpreußen, das der Sowjetunion zufiel, zu verstehen, sind die Art der Kriegsführung sowie die wesentlichen Grundsätze, die Ziele und die Umsetzung der deutschen Politik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion zu berücksichtigen. Die Feindseligkeit gegenüber den Deutschen und allem Deutschen war Teil der Vergeltung, und zwar proportional zu den deutschen Verbrechen. Für Stalingrad, Charkow und Brest musste ein Zahltag kommen. Viele Deutsche, auch heute noch, erachten den Überfall auf die bolschewistische Sowjetunion für durchaus berechtigt, ebenso wie – so meinen sie – „die Luftangriffe auf Warschau 1939 durchaus gerechtfertigt gewesen seien, da es sich dabei um eine polnische Festung gehandelt habe und die Angriffe zu deren Eroberung beigetragen hätten“94.

Der Krieg gegen den „Osten“, den man als „uralten Kampf Europas mit Asien“ betrachtete, war für die Deutschen etwas ganz anderes als der Krieg im Westen. Hier galten keine Regeln. Gegen die „bolschewistische Barbarei“ konnte man keinen Krieg nach den Prinzipien der Ritterlichkeit führen. Hier war ein totaler und erbarmungsloser Vernichtungskrieg zu unternehmen. Zum Ausdruck kam ← 133 | 134 → dies unter anderem in der sofortigen Erschießung von Kommunisten, Politoffizieren (der berüchtigte Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941, der der Wehrmacht zur Schande gereichte)95 und Juden und in der Behandlung der Kriegsgefangenen, die jeglichen Grundsätzen der europäischen Zivilisation96 widersprach.

Mordtaten, Pazifikationen und Terror gegen die Zivilbevölkerung, in nie dagewesenem Ausmaß verübt, brachten eine enorme Zahl von Opfern und großen Hass hervor97. Hitler führte im Osten einen „Weltanschauungskrieg“, der auf die Zerstörung des „jüdisch-bolschewistischen Staates“ abzielte98. Nach Kriegsende sollten die Russen hinter den Ural ausgesiedelt werden und in einem rudimentären „Slawenland“ ihr Dasein fristen. Um ihre Rückkehr in die alten Gebiete zu verhindern, plante man in den Bergen die Errichtung einer Befestigungslinie mit Garnisonsstädten und Forts unter SS-Verwaltung.

Die Russen begriffen rasch, dass die Deutschen nicht vorhatten, die Bolschewiki zu vertreiben und die Macht an eine nichtkommunistische russische Nationalregierung zu übergeben. Die Deutschen lösten die Kolchosen nicht auf, noch gaben sie vom leninistisch-stalinistischen Regime konfiszierten Boden und Besitz zurück. Die Russen, wie Polen und andere Slawen zur Rasse der Untermenschen gerechnet, hatten nur einen einzigen Ausweg. Dieser war der Kampf um Leben und Tod, bis zum bitteren Ende. Gegen die Deutschen kämpfte das russische Volk nicht für Sowjetmacht, Weltrevolution oder stalinistischen Kommunismus. Es kämpfte für sein Vaterland, daher auch der Name: Großer Vaterländischer Krieg. Stalin wurde zum Inbegriff des Vaterlandes99. ← 134 | 135 →

Unvorstellbare Opfer (bei der Verteidigung Moskaus kamen etwa eine Million Menschen ums Leben, ebenso viele wurden verwundet, die Blockade Leningrads brachte ebenfalls fast eine Million Tote und ungefähr zwei Millionen Verwundete, und die Schlacht bei Stalingrad eine halbe Million Tote und 700 000 Verwundete, größtenteils aus der Zivilbevölkerung) riefen unvorstellbaren Hass und Rachegelüste hervor100.

So wie die Deutschen in Russland massenhaft plünderten, gingen später auch die Russen vor. Deutsche Soldaten vergewaltigten russische Frauen und brachten kaltblütig Kinder um101. Auch die Rotarmisten vergewaltigten und schändeten – diesmal massenweise – deutsche Frauen (allein von April bis Juni 1945 wurden in Berlin und Umgebung 100 000 Frauen im Alter zwischen 12 und 80 Jahren vergewaltigt und 10 000 ermordet)102.

Vergewaltigung soll die Frau erniedrigen und demütigen. Der Krieg begünstigt Akte jeglicher Gewalt, darunter auch die der sexuellen. In der Vergangenheit war es üblich, dass der Sieger direkt nach dem Krieg sich das „Recht“ anmaßte, seinen Hass gegen den Besiegten auf dessen Frauen zu entladen. Stefan Maiwald und Gerd Mischler meinen: „Genauso wie sich die Soldaten der deutschen Wehrmacht und der SS in Ost- und Westeuropa sexueller Gewalttaten schuldig gemacht haben, vergewaltigen amerikanische, britische, französische und russische Soldaten nach Kriegsende im besetzten Deutschland. Mit dem Missbrauch deutscher Frauen nahmen sie Rache für die Gewalttaten, die das braune Regime während des Krieges ihren eigenen Frauen, Töchtern und Müttern angetan hatte“103. ← 135 | 136 →

Verantwortung für die im Namen des „kolonialen Kampfes und der Zerstörung des Bolschewismus“ im Osten begangenen Verbrechen fällt auch auf Erich Koch, der Reichskommissar für die Ukraine gewesen ist und für das Ostland mit den Generalbezirken Estland, Lettland, Litauen und Weißruthenien. Auch propagierte er eine Politik, die Gegensätze in den Nationalitätenbeziehungen stiftete, darunter in den polnisch-litauischen104 und den polnisch-ukrainischen105.

1.3.   Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter

Ausbruch und Verlauf des Zweiten Weltkriegs führten in Ostpreußen zur Errichtung eines dichten Netzes von Kriegsgefangenenlagern. Zunächst waren in ihnen Soldaten (Stalag) und Offiziere (Oflag) der polnischen Armee sowie aus Frankreich inhaf ← 136 | 137 → tiert, dann aus Belgien und den Niederlanden (ab 1940), und nach 1941 der Roten Armee. In dutzenden Lagern unterschiedlicher Größe und Betriebsdauer wurden bis Kriegsende Vertreter von nicht weniger als 33 Nationen gefangen gehalten.

Die Kriegsgefangenen kamen zunächst in Durchgangslager (Dulag), eingerichtet zumeist in Kasernen, beispielsweise in Soldau, Mohrungen oder Rastenburg. Das größte Kriegsgefangenenlager schuf man 40 km südlich von Königsberg in Stablack (heute Dolgorukowo im Kaliningrader Gebiet). Dieses Lager, Stalag I A genannt, befand sich auf einem Truppenübungsplatz. Zum Jahresende 1940 waren dort (einschließlich weiterer Nebenlager u.a. in Riesenburg) ca. 90 000 Gefangene registriert106.

Ein weiteres großes Kriegsgefangenenlager lag in Hohenstein und hieß Stalag I B. Die Wahl dieses Ortes war symbolisch. Das Lager befand sich nicht weit vom Denkmal für die Schlacht bei Tannenberg, dem Ort der russischen Niederlage. Die dort untergebrachten Kriegsgefangenen verschiedener Nationalität (Polen, Franzosen, Litauer, Belgier, Russen usw.) sollten die „Schmach von Versailles“ aufzeigen und beredtes Zeugnis von der „historischen Gerechtigkeit“ ablegen. Das umfassende System zur Erniedrigung der Gefangenen (Hungerrationen, katastrophale Raumbedingungen, Zwangsarbeit, brutale und unwürdige Behandlung der Soldaten geschlagener Armeen usf.) war Bestandteil der Revanche für die erfahrenen Demütugungen infolge der Versailler Ordnung und Ausdruck allgemeiner Bestialität. Die Durchmärsche ausgehungerter und malträtierter Gefangener, insbesondere der Soldaten der Roten Armee, sollten in den Augen der Einwohner der Provinz, darunter der masurischen Bevölkerung, das nationalsozialistische System glaubwürdig erscheinen lassen, das sich im Namen einer neuen großdeutschen Zukunft auf die Vergangenheit berief. In der Entehrung der Kriegsgefangenen, die an Uniformen und Abzeichen feindlicher Armeen leicht zu erkennen waren, und der Zwangsarbeiter manifestierte sich, wie in der Vergewaltigung von Frauen, der Fortnahme von Kindern zur Germanisierung, den Deportationen und Aussiedlungen, der Tötung unschuldiger Säuglinge und Kinder, der Demütigung gefangen gehaltener Polen oder der Juden in den Ghettos, eine neue Gesellschaftsordnung. Im Namen der nationalsozialistischen Revolution und der Weltanschauung wurde auf Normen der europäischen Zivilisation keine Rücksicht genommen. Dies führte beispielsweise noch lange vor Kriegsausbruch zur Zerstörung von Wegekreuzen und -kapellchen durch die Mitglieder der Hitlerjugend. Diese Handlungen, wie auch die häufige Inszenierung von Jahrestagsfeiern, sollten, indem sie die aktuelle politische Ordnung legitimierten, die Bevölkerung zur klassenlosen „Volksgemeinschaft“ integrieren. Dies war ein wesentlicher Bestandteil der Fortsetzung der historischen deutschen Mission im Osten. ← 137 | 138 →

Durch die Baracken und Zelte des Lagers Hohenstein gingen insgesamt mehr als 200 000 Gefangene (darunter etwa 100 000 sowjetische, 70 000 französische, 20 000 polnische, 13 000 italienische, 10 000 belgische sowie Soldaten anderer Nationalität). An Entkräftung und Krankheiten starben mehr als 36 000 Menschen107. Ein großes Kriegsgefangenenlager entstand 1943 auch im memelländischen Heydekrug (Šilutė) als Stalag Luft VI108. Für Luftwaffenangehörige gab es auch ein Lager in Suwalki (Stalag Luft IV).

Die Kriegsgefangenen wurden zur Arbeit für das Dritte Reich gezwungen. Im Juli 1941 arbeiteten von mehr als 80 000 Gefangenen in Ostpreußen über 60 000 in der Landwirtschaft und 7 000 im Bauwesen109.

Ein anderes schändliches Beispiel für die Ausbeutung der Arbeitskraft unterworfener Staaten war das Heer der Zwangsarbeiter, deren hunderttausende in Ostpreußen arbeiteten. Im Januar 1941 betrug ihre Zahl 62 820, um Mitte August 1944 auf mehr als 220 000 anzuwachsen. Beschäftigt waren sie größtenteils in Industrie und Handwerk (1944: 56,9 %) sowie in der Landwirtschaft (1944: 36,0 %, gegenüber 49,1 % im Januar 1941). In dieser „Sklavenarmee“, die sich aus fast allen europäischen Staaten rekrutierte, waren die Mehrheit Polen (92 000 oder 81 % im Dezember 1942) und Sowjetbürger (4 500 oder 14,1 %). Gegen Ende September 1944 war das Nationalitätenverhältnis anders. Die Mehrheit stellten nach wie vor Polen (146 000 oder 61,6 %) und Russen (52 900 oder 22,3 %). Weniger zahlreich vertreten waren Franzosen (15 500 oder 6,6 %) und Italiener (4 700 oder 2,0 %)110.

Die Einstellung der ostpreußischen Bevölkerung zu den Fremd- bzw. Zwangsarbeitern war zumeist feindlich und unfreundlich. Man betrachtete sie als Sklaven des 20. Jahrhunderts. Dass Tausende solcher Arbeiter in Agrarbetrieben oder Fabriken arbeiteten, wurde als selbstverständlich angesehen und gesellschaftlich akzeptiert. Hier eine typische Aussage, die den Zustand rechtfertigt: „Unsere Söhne kämpften an der Front. Es fehlten Arbeitskräfte. Es ist ja halt natürlich, dass eroberte Völker für die Sieger arbeiten müssen. Sie waren Sklaven und wir behandelten sie ← 138 | 139 → auch entsprechend. Die einen behandelten dieses ‚Arbeitsvieh‘ besser, die anderen schlechter. Es musste ja Gerechtigkeit geben. Die meisten, das war eben Pack“111.

Selbst während der Flucht und Evakuierung, angesichts der unausweichlich nahenden Niederlage des Dritten Reiches, begegnete die Mehrheit der Deutschen den Zwangsarbeitern mit Herablassung und Verachtung. Dieser Stand der Dinge wurde durch das deutsche Rechtssystem legitimiert. Streng verboten waren nicht nur jegliche sexuelle Kontakte, die, als „Rassenschande“ betrachtet, mit schweren Strafen bis hin zu- Todesstrafe und Deportation in ein Konzentrationslager geahndet wurden, sondern ebenso z.B. gemeinsame Mahlzeiten, Besuche von Kinos, Theatern, Tanzveranstaltungen und Restaurants oder Kirchgänge zusammen mit der deutschen Bevölkerung112. Generell untersagt war jeglicher Umgang (bis auf den unerlässlichen) mit den „Untermenschen“. Können Franzosen, Dänen, Niederländer als „Zwangsarbeiter“ gelten, da sie weit größere Rechte hatten als die Arbeiter aus dem Osten, so hatten Polen de facto Sklavenstatus und wurden dementsprechend behandelt113. Es gab auch Fälle einer anderen, menschlicheren Haltung ihnen gegenüber, zum Beispiel bei vielen Ermländern und Masuren, aber auch gebürtigen Deutschen. Dies weisen unter anderem Augenzeugenberichte nach114. Besonders erschütternd sind die Berichte über ihre „Gefangenschaft“ von Kindern und Jugendlichen ab dem 12. Lebensjahr oder sogar darunter115. Man ← 139 | 140 → schätzt, dass sich in Ostpreußen 20 000 polnische Kinder und Jugendliche aufhielten, die in der Provinz zwangsbeschäftigt waren116.

Die damals fünfzehnjährige Kazimiera Gotesman aus der Region Augustów, die im Juni 1940 zur Zwangsarbeit nach Ostpreußen verschleppt wurde, berichtete wie folgt, zunächst über ihre Ankunft in Goldap: „Man hat uns wie die Tiere getrieben, mit Gewehrkolben gestoßen und mit Gummiknüppeln geschlagen. Wir mussten uns alle nackt ausziehen, dann war ‚Parade‘ in einem sehr großen Vorraum und auf dem Korridor [des Arbeitsamtes Goldap – A.S.]. Die Deutschen haben sich krankgelacht, wir zitterten vor Angst, Scham und ich kann nicht beschreiben wovor noch. Unter uns waren viele junge Menschen, Frauen und Männer, alle in ihren besten Jahren. Dann war der ‚Umzug‘ der Schande endlich vorbei. Nun wurde eine Polin oder ein Pole für 10 Mark verkauft. Die Deutschen suchten sich welche aus. Mich hat ein Bauer aus Guddenheim gekauft, der hieß Perrot. Er nahm mich mit nach Hause, da wartete seine Frau. (…) Vom ersten Augenblick an begegnete sie mir mit viel Herzlichkeit und Verständnis wegen meines Alters. Sie war wie eine Mutter.

(…) Für ein kleines Missverständnis wurde ein Kollege, ein Pole, zum Tode verurteilt; er wurde öffentlich gehängt, und alle Polen aus der Umgebung mussten das Verbrechen mitansehen. Es kam eine besondere Benachrichtigung. (…) Familie Perrot wurde unter dem Vorwurf vor Gericht gezogen, sie sei gegenüber einem polnischen Mädchen [d. h. Autorin der Erinnerungen – A.S.] zu liberal gewesen. In Deutschland war es eine Schande, ‚Polin‘ zu heißen, das wurde als Schimpfwort benutzt.

Am nächsten Tag kam ich zu einem Bauern, so einem Schinder, der die Polen ganz besonders hasste. Er besaß ein sehr großes Gut; die Arbeit dauerte von 6 Uhr morgens bis 11 Uhr abends. Das Essen war sehr schlecht, geschlafen wurde im Schweinestall, und die Behandlung war schrecklich. Da arbeiteten viele Polen, Franzosen, Russen. Der Deutsche hieß Stubel“117. ← 140 | 141 →


1      Nach den deutschen Kriegsplänen für Polen wurde der Hauptvorstoß der Wehrmacht von Oberschlesien aus geführt. Der Nebenangriff sollte unter anderem von Ostpreußen aus erfolgen. Im Bereich Allenstein-Neidenburg-Willenberg wurde die 3. Armee mit fünf Infanteriedivisionen, einer Panzerdivision und einer Kavallerie-Brigade zusammengezogen. Zum Angriff auf Polen bestimmte man Geschwader der 1. Luftflotte, die unter anderem in Ostpreußen stationiert waren (Bombergeschwader auf den Flugplätzen in Königsberg, Bartenstein, Insterburg und Elbing). Flugzeuge der Luftwaffe, die von den ostpreußischen Flugplätzen starteten, flogen die ersten Terrorangriffe des Zweiten Weltkriegs, gegen Warschau. Die Haupstoßrichtung der 3. Armee, die ihr Hauptquartier in Mohrungen hatte, wurde wie folgt festgelegt: „Kräfte umgruppieren und die Truppen auf kürzestem Weg nach Warschau schicken“, das von der Grenze zu Ostpreußen nur 110 km weit entfernt war. Diese Ziele wurden wie später beim Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 von den in Ostpreußen stationierten Truppen vorbildlich umgesetzt. Vgl. W. B. Łach, L. Wyszczelski, Militarna rola Prus Wschodnich w latach 1918-1939 und W. Łach, H. Stańczyk, W. Wróblewski, Prusy Wschodnie w II wojnie światowej (1940-1945), in: Działania militarne w Prusach Wschodnich, pod red. W. Wróblewskiego, Warszawa 1998, S. 268-316. In den ersten Tagen des Krieges dauerte der Grenzkampf an. Am 2. September 1939 eroberten polnische Soldaten der Podlachischen Kavallerie-Brigade das Dorf Groß Brzoske (Brzózki) in Ostpreußen. Am 3. September nahm eine Einheit des 135. Infanterieregiments Prostken ein und zerstörte dort die Bahnstation, das Post- und Zollamt sowie die Wachtürme. Am 4. September machten sich polnische Soldaten Richtung Bialla im Kreis Johannisburg auf den Weg und drangen 7 km tief ins deutsche Staatsgebiet vor (am weitesten während des ganzen Verteidigungskriegs). Ulanen des 5. Regiments drangen unter anderem in Falkendorf (Sokollen) ein und nahmen Gefangene und Waffen mit, während Soldaten des 9. Dragonerregiments, das nicht weit davon operierte, 66 Wehrmachtssoldaten gefangen nahmen. Als polnische Kriegsgefangene später durch Bialla marschierten, wurden sie von den Einwohnern mit Steinen beworfen und mit nagelbewehrten Holzbrettern geschlagen. Mazury. Słownik stronniczy, ilustrowany, pod red. W. Mierzwy, Dąbrówno/Warszawa 2008, S. 211 f.

2      Koch übte auch eine Reihe anderer wichtiger Funktionen aus: Er war unter anderem Abgeordneter zum Reichs- und Provinziallandtag, Mitglied des Preußischen Staatsrates, Herausgeber und Eigentümer der Parteizeitung („Preußische Zeitung“), Begründer und Vorstandsmitglied der Erich-Koch-Stiftung usw. Vgl. R. Meindl, Ostpreußens Gauleiter. Erich Koch – eine politische Biographie, Osnabrück 2007, S. 11.

3      Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815-1945. Reihe A: Preußen, hrsg. von W. Hubatsch, Bd.1: Ost- und Westpreußen, bearb. von D. Stüttgen, Marburg/Lahn 1975, S. 178.

4      Der Regierungsbezirk bestand aus 13 Kreisen. Ebenda, S. 179.

5      Der Regierungsbezirk Marienwerder umfasste 11 Kreise. Zum Reichsgau Danzig-Westpreußen gehörte noch der Regierungsbezirk Bromberg.

6      Die übrigen Teile des Kreises (unter anderem die Gemeinden Lautenburg und Rybno) wurden dem Regierungsbezirk Marienwerder angeschlossen . Ebenda, S. 213.

7      Dies betraf Südostpreußen, d. h. polnische Gebiete, die nach der zweiten Teilung Polens an Preußen fielen (unter anderem das Plocker Land), sowie Neuostpreußen, das nach der dritten Teilung Polens aus Landstrichen an Weichsel, Bug und Memel geschaffen wurde. Diese Gebiete verblieben bis 1807 bei Preußen, um dann zwischen dem Königreich Polen und Russland aufgeteilt zu werden.

8      Dies waren die Kreise Maków, Mława, Ostrołęka, Płońsk, Płock, Przasnysz, Pułtusk, Sierpc und Ciechanów. 1941 erhielten die meisten von ihnen neue „typisch deutsche Ortsnamen“: Mackeim (deutscher Name in den Jahren 1939-1941: Makow); Mielau (Mlawa), Scharfenwiese (Ostrolenka), Plöhnen (Plonsk), Schröttersburg (Plotzk); Praschnitz (Przasnysz), Ostenburg (Pułtusk), Sichelberg (Schirps), Zichenau (Zichenau). Grundriß…, S. 158.

9      Die übrigen 28 000 Personen, d. h. die Einwohner des Soldauer Gebiets, lebten nunmehr in den Grenzen des erweiterten Regierungsbezirks Allenstein (Kreis Neidenburg). Cz. Madajczyk, Polityka III Rzeszy w okupowanej Polsce, Bd. 1, Warszawa 1970, S. 69, 72.

10    Er wurde aus 15 polnischen Kreisen nach dem Stand vom August 1939 gebildet, und zwar in der Woiwodschaft Bialystok: Augustów (Teil), Białystok (Stadt und Land), Bielsk, Grodno, Sokółka, Szczucin, Wołkowysk und Wysoka Mazowiecka; in der Woiwodschaft Warschau: Ostrołęka (Teil) und Łomża; in der Woiwodschaft Podlachien: Brześć, Kosów Poleski und Prużana; in der Woiwodschaft Nowogródek: Baranowicze und Szczuczyn. B. Górczyńska-Przybyłowicz, Życie gospodarczo-społeczne na ziemiach polskich włączonych do Prus Wschodnich, Ciechanów 1989, S. 10.

11    Laut Czesław Łuczak und Bożena Górczyńska-Przybyłowicz würden folgende Beschlüsse für diese These sprechen: Laut Erlass Hitlers vom 15. August 1941 wurde Koch zum Chef der Zivilverwaltung im Bezirk Bialystok ernannt, am 31. Oktober 1941 wurde die Zollgrenze zwischen der Provinz Ostpreußen und dem Bezirk Bialystok abgeschafft. Ab November 1941 wurden hier das deutsche Währungssystem und ab 1942 das deutsche Steuersystem eingeführt. Die Personalunion beider Territorien verschaffte Koch umfangreiche Befugnisse zur Festlegung der Vorgehensweise. Die Berliner Regierung war bemüht, den Anschein zu erwecken, sie achtete das Völkerrecht, das den Anschluss besetzten Staatsgebietes während des Krieges verbot (solche „Skrupel“ hatte man bei den polnischen Gebieten 1939 nicht besessen). Davon zeugt unter anderem die Tatsache, dass die Polizeigrenze zwischen dem Bezirk Bialystok und Ostpreußen bis zum Ende der Besatzungszeit intakt blieb (zwischen dem Regierungsbezirk Zichenau und dem Kreis Suwalki wurde sie dagegen aufgehoben). Dies sollte unter anderem auf die beibehaltene Selbständigkeit des Bezirks Bialystok hinweisen, und die bestehende Grenze hatte Ostpreußen vor dem Eindringen von Partisanen zu schützen. Vgl. Ebenda, S. 11 f. und Cz. Łuczak, Polityka ludnościowa i ekonomiczna w okupowanej Polsce, Poznań 1979; ders.: Polska i Polacy w II wojnie światowej, Poznań 1993.

12    Im Bezirk lagen drei größere Städte: Bialystok (ca. 100 000 Einwohner im Jahr 1938), Grodno (50 000) und Łomża (27 000). R. Meindl, Ostpreußens Gauleiter…, S. 298.

13    Die Gesamtfläche der Provinz bestand nunmehr zu 56,2 % aus annektierten polnischen Gebieten. Somit hatte die Provinz im Vergleich zum Stand vor September 1939 ein um 128 % größeres Territorium. Bei der Eingliederung derart beachtlicher Gebiete wurden vorrangig wirtschaftliche Ziele verfolgt (z.B. waren 73,6 % des Regierungsbezirks Zichenau Agrarflächen). B. Górczyńska-Przybyłowicz, Życie…, S. 12.

14    Das Reichskommissariat Ukraine teilte sich in sechs Generalbezirke: Wolhynien mit der Hauptstadt in Rowno, Schitomir, Kiew, Nikolajew, Dnjepropetrowsk und Taurien (Melitopol), R. Meindl, Ostpreußens Gauleiter…, S. 505.

15    Das Reichskommissariat teilte sich in Estland, Lettland, Litauen und Weißruthenien (nördliches Weißrussland mit Minsk). Ebenda. Geplant war auch, Koch die Funktion des Reichskommissars für Moskau zu übertragen.

16    Vgl. D. Rebentisch, Führerstaat und Verwaltung im Zweiten Weltkrieg. Die Verfassungsentwicklung und Verwaltungspolitik 1939-1945, Stuttgart 1989. Vgl. auch: V. Auer, E. Butikkala, Finnlands Lebensraum, Berlin 1941. Auch die Finnen planten ein Großfinnland und die Eroberung von Lebensraum am Ural. Vgl. T. Walat, Spowiedź fińska, in: Polityka 2009, Nr. 12, S. 90 f.

17    Vgl. J. Thiel, Architekt der Weltherrschaft. Die „EndzieleHitlers, Düsseldorf 1976.

18    F. Stern, Niemcy, wielki strach, in: Gazeta Wyborcza vom 24.-25.01.2009, S. 24.

19    J. Hagemann, Die Presselenkung im Dritten Reich, Bonn 1970, S. 271.

20    Vgl. H.Y. Arani, Deutsche Pressefotografie im Kontext der NS-Kriegspropaganda, in: Brechungen. Willy Pragher: Rumänische Bildräume 1924-1944, bearb. von K. Hochstuhl, J. Wolf, Ostfilden 2007, S. 97; E.C. Król, Polska i Polacy w propagandzie narodowego socjalizmu w Niemczech 1919-1945, Warszawa 2006.

21    Hans Frank, der auf der Wawel-Burg zu Krakau, der Hauptstadt des Generalgouvernements, residierte, vertrat die Ansicht, dass man den „polnischen Staat töten“, die politische Existenz der Polen zerstören und „dieses Ungeziefer zerquetschen“ solle, wenn es schon nicht möglich sei, alle Polen zu ermorden.

22    Vgl. H. Schaller, Der Nationalsozialismus und die slawische Welt, Regensburg 2002; J.W. Borejsza, Antyslawizm Adolfa Hitlera, Warszawa 1988.

23    Arthur Greiser, Reichsstatthalter im Warthegau, vertrat beispielsweise die Ansicht, dass sich die nationalsozialistische Nationalitätenpolitik grundlegend von Kolonisationsmaßnahmen aus der Zeit der polnischen Teilung unterscheiden müsste. Er stellte fest: „Die Eindeutschung des Warthegaus bedeutet mir zufolge, dass kein anderes Volk außer dem deutschen ein Recht hat, hier zu leben. Das ist der Unterschied zwischen meiner Kolonisierung und der alten Bismarck’schen Kolonisierung“. Zit. nach: M. Rutowska, Wysiedlenie ludności polskiej z Kraju Warty do Generalnego Gubernatorstwa 1939-1941, Poznań 2003, S. 24.

24    Vgl. M. Rutowska, Wysiedlenie…, S. 23, 24; Cz. Madajczyk, Polityka III Rzeszy…; M. Broszat, Nationalsozialistische Polenpolitik 1939-1945, Stuttgart 1961.

25    A. Hitlers Ideal war, dass ein Deutscher auf der niedrigsten Hierarchiestufe noch viel höher stehen sollte als die höchstrangigen polnischen Arbeitskräfte. Vgl. Cz. Madajczyk, Polityka III Rzeszy…, S. 485.

26    Gemäß diesen Anweisungen war „jedweder Kontakt mit ihnen eine Volksschande und Volksverrat und mit härtesten Strafen zu bestrafen“. Aus diesem Grund wurde unter anderem im Mai 1940 den Deutschen die Eheschließung mit Polen bzw. Tschechen verboten. Diesem Verbot war eine andere Verordnung vom Januar 1940 über die Ehen zwischen Juden und Ariern vorangegangen. Ebenda. Vgl. auch K. M. Pospieszalski, Polska pod niemieckim prawem 1939-1945 (Ziemie Zachodnie), Poznań 1946.

27    H. Schaller, Der Nationalsozialismus…, S. 286. Die „vorläufige Rassenhierarchie“ gestaltete sich im besetzten Polen wie folgt: Deutsche – „rassisch wertvolle“ Polen – Ukrainer – Weißrussen – Polen – Zigeuner – Juden. Cz. Madajczyk, Polityka III Rzeszy…, S. 484.

28    H. Schaller, Der Nationalsozialismus…, S. 217.

29    Die Literatur zum GPO ist umfangreich. Vgl. unter anderem: Generalny Plan Wschodni. Zbiór dokumentów, pod red. Cz. Madajczyka, Warszawa 1990; B. Mącior-Majka, Generalny Plan Wschodni. Aspekty ideologiczne, polityczne i ekonomiczne, Kraków 2007; M. Rössler, S. Schleiermacher, Der „Generalplan Ost“. Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik, Berlin 1993; B. Wasser, Himmlers Raumplanung im Osten. Der Generalplan Ost in Polen 1940-1944, Basel/Berlin/Boston 1993, S. 332-344 (dort auch umfangreiche weiterführende Literatur).

30    Zu dieser Zahl wären 2,7 Mio. ermordete polnische Juden und 2,5 Mio. Polen, die zur Zwangsarbeit ins Reich deportiert wurden, zu addieren. Im Zweiten Weltkrieg verloren ca. 6 Mio. polnische Staatsangehörige ihr Leben.

31    Schon damals war man sich im Klaren, dass der „Lebensraum“ durch einen Eroberungskrieg im Osten zu erreichen wäre. Im Krieg sollten folgende Ziele verwirklicht werden: 1. die Bildung eines Großgermanischen Reichs deutscher Nation als Hegemonialmacht in Europa; 2. die Einheit von Rasse, Volk und Staat; 3. die Synthese von Bauer und Soldat („wehrhaftes Bauerntum“); 4. die weitgehende Autarkie durch Gewinnung von Rohstoffen und fruchtbaren Böden; 5. die Vernichtung des ideologischen Hauptfeindes, des Bolschewismus. B. Wasser, Himmlers Raumplanung …, S. 16.

32    Laut Nazipropaganda handelte es sich dabei um eine offenkundige historische Gerechtigkeit. Man schrieb von der „Wiedergewinnung“, „Rückgliederung“ oder „Heimkehr“ des Memel- bzw. Soldauer Gebiets.

33    Bereits am 21. März floh gelang es eine große Gruppe von Litauern und Juden Hals über Kopf aus dem Memelland in grenznahe Städte (Tauroggen, Krottingen). Auf der Flucht befanden sich hauptsächlich Schüler, Studenten und Beamte. Vgl. P. Łossowski, Kłajpeda kontra Memel. Problem Kłajpedy w latach 1918-1939-1945, Warszawa 2007, S. 185.

34    Die erste Verhaftungswelle fand am 22. März statt, als in Memel eine beachtliche Gruppe führender Litauer aus Wirtschaft und Gesellschaft festgenommen wurde, so z.B. Vincas Rastanis, Redakteur bei der Zeitung „Vakara“. Auch andere Städte waren betroffen.

35    Zum Beispiel wurde am 23. August 1941 Jagomastos Enzys, Druckereibesitzer in Tilsit und Verleger litauischer Bücher, in Wilna exekutiert. In deutschen Konzentrationslagern kamen unter anderen Alvinas Gaulius, Eduardas Simaitis, Jonas Toleikis ums Leben. Ebenda, S. 210.

36    In Konzentrationslager wurden unter anderen eingeliefert: Stanisław Nowakowski, der dort verstarb, Ryszard Knosała und Józef Groth, Häftling in Hohenbruch und Sachsenhausen. Häftlinge des Lagers Dachau waren auch Jan Hedrych, Lehrer an polnischen Schulen, und Julian Malewski, Aktivist im Ermland, sowie Kurt A. Obitz, Redakteur bei der Zeitung „Cech“. Im Lager Hohenbruch wurde Lehrer Jan Maza ermordet. Ebenfalls dort inhaftiert war ein anderer Lehrer an polnischen Schulen im Ermland, Franciszek Piotrowski. Häftling in Oranienburg war außerdem Lehrer Edward Piotrowski. Władysław Gębik war Häftling in Mauthausen-Gusen und Otylia Grothowa in Ravensbrück.

37    Einer Verhaftung sind unter anderen die masurischen Aktivisten Karol Małłek, Fryderyk Leyk, Gustaw Leyding durch Flucht zuvorgekommen. Vgl. T. Oracki, Słownik biograficzny Warmii, Mazur i Powiśla, Warszawa 1983.

38    Vgl. Ch. Tilitzki, Alltag in Ostpreußen. Die geheimen Lageberichte der Königsberger Justiz 1940-1945, Leer 1991, S. 34.

39    Bevor es nach Danzig verlegt wurde und am 1. September 1939 die polnische Stellung auf der Westerplatte beschoss (was als Beginn des Zweiten Weltkriegs gilt), hielt sich das Linienschiff „Schleswig-Holstein“ in Memel auf, wo es die Verbände zur Eroberung des polnischen Munitionsdepots aufnahm. Der siebentätige Verteidigungskampf wurde zur „polnischen Thermopylenschlacht“, einem Symbol für den Mut des polnischen Soldaten.

40    Der Kreis Heydekrug wurde dem Kreis Memel angegliedert. Der Landkreis Pogegen war nun Teil des „alten“ Ostpreußens. Auch der Kreis Soldau wurde aufgeteilt und größtenteils in den Kreis Neidenburg überführt.

41    „Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Republik Litauen über die Staatsangehörigkeit der Memelländer“. Diese Urkunde wurde auf Deutsch und Litauisch von A. Arbušauskaitė in ihrem Werk Lietuvos optantai: Klaipėdiškai 1939, Klaipėda 2001, S. 172 f. veröffentlicht.

42    Die litauische Regierung verabschiedete die diesbezügliche Gesetzeslösung erst am 9. Dezember 1939.

43    Vgl. A. Arbušauskaitė, Deutschlands Politik gegenüber den litauischen Bürgern des Memellandes 1939 bis 1944, in: Vorposten des Reiches? Ostpreußen 1933-1945, hrsg. Von Ch. Pletzing, München 2006, S. 165 f.

44    A. Arbušauskaitė, Memeländische Litauenoptanten – Geiseln zweier Totalitärer Regime, in: Annaberger Annalen 2000, Nr. 8, S. 64-70.

45    Ihre Zahl ist nicht bekannt. Ebenda.

46    Im Gegenzug für die Zustimmung der Sowjetunion zum Anschluss des Memellandes an das Deutsche Reich gaben die Deutschen ihr indirektes Einverständnis zur Einverleibung Litauens in die UdSSR.

47    Sie wurden nach der Ankunft in Deutschland in speziellen Lagern untergebracht (sog. „VoMi“-Lager der Volksdeutschen Mittelstelle), wo sie unter Berücksichtigung der „rassischen, sprachlichen und sonstigen Kriterien“ genau „überprüft“ wurden. Die meisten von ihnen waren staatenlos und erhielten keine Möglichkeit zur Rückkehr ins Memelland, sondern wurden ins Reichsinnere (Altreich) weitergeleitet. Ebenda.

48    Die Folgen der jeweils getroffenen Wahl reichen bis ins nächste halbe Jahrhundert. Als der Heydekruger R. A. in der ersten Hälfte der neunziger Jahre die Bestätigung seiner deutschen Staatsangehörigkeit beantragte, um nach Deutschland ausreisen zu können (diese Möglichkeit eröffnete die deutsche Regierung der alteingesessenen Bevölkerung), wurde er abschlägig beschieden, weil seine Großeltern 1939 für die litauische Staatsangehörigkeit optiert und diese auch bekommen hatten. R. A. war lutherischen Glaubens und deutsch erzogen. Vgl. A. Arbušauskaitė, Deutschlands Politik..., S. 166.

49    Vgl. A. Arbušauskaitė, Lietuvos optantai…, Klaipėda 2001, S. 29-32; P. Łossowski, Kłajpeda kontra Memel…, S. 209.

50    A. Arbušauskaitė, Deutschlands Politik ..., S. 173 f.

51    Vgl. J. Žukas, Soziale und wirtschaftliche Entwicklung Klaipėdas/Memels von 1900 bis 1945, in: Nordost-Archiv Bd. X, 2001, S. 111-115.

52    Hier lag unter anderem die 24. U-Boots-Flottille (zunächst Ausbildungsflottille). In der Umgebung der Stadt wurden Kasernen und Flugplätze errichtet und die Kriegsinfrastruktur erweitert. Vgl. P. Łossowski, Kłajpeda kontra Memel…, S. 211, R. Meindl, Ostpreußens…, S. 237-247.

53    Die die Grenzregionen um Soldau verteidigenden Bataillone – das V. Schützenbataillon des 32. Infanterieregiments (vor dem Krieg III. Bataillon des 32. IR aus Soldau) und das I. Bataillon der Nationalverteidigung) – erhielten nach einigen Gefechten mit Einheiten der vorrückenden 3. Armee der Wehrmacht die Order, sich in Richtung Mlawa zurückzuziehen. Vgl. Z. Mogilnicki, Działdowo w latach 1344-1994. Zarys dziejów, Gdańsk 1998,s. 156-165.

54    Ebenda, S. 166.

55    Ebenda, S. 180.

56    Vgl. R. Rhodes, Mistrzowie śmierci. Einsatzgruppen, Warszawa 2008.

57    Mit den deutschen Polizeibehörden arbeitete seit Kriegsbeginn eine örtliche Einheit des Volksdeutschen Selbstschutzes aus Deutschen und deutschen Masuren zusammen. Sie verhafteten unter anderem den Aktivisten des Masurenbundes, Jan Jagiełłko-Jaegertal, den sie öffentlich demütigten (er wurde geschlagen, bespuckt, verhöhnt und durch die Stadt gezerrt). Später zwangen sie ihn, die öffentlichen Latrinen mit bloßen Händen zu reinigen. Nach der Deportation ins KZ Sachsenhausen starb er unter dem Beil.

58    Die Erschießungen fanden in einem Wald auf einer Anhöhe bei Kämmersdorf (sog. Góra Komornicka) statt. Die Erschossenen wurden dort in Massengräbern verscharrt (insgesamt etwa 1 500 Tote). Im Lager hielt man auch 120 polnische katholische Priester gefangen, darunter der 83-jährige Erzbischof Antoni Julian Nowowiejski, Bischof von Plock, und Bischof Leon Wetmański, Weihbischof von Plock, die wie Bogdan Jałowiecki, polnischer Konsul in Allenstein, und dessen Vertreter, Jan Piotrowski, im Lager zu Tode gemartert wurden. Vgl. Z. Mogilnicki, Działdowo…, S. 167-171; J. Gumkowski, Obóz hitlerowski w Działdowie, in: Biuletyn Głównej Komisji Badania Zbrodni Hitlerowskich w Polsce Bd. X, Warszawa 1958.

59    In dieser Zahl enthalten sind 227 im Krieg getötete, 192 ermordete und 90 bei der Zwangsarbeit gestorbene; 38 erlagen als Versteckte ihren Verletzungen. Z. Mogilnicki, Działdowo…, S. 180.

60    Vgl. K. Małłek, Z Mazur do podziemia. Wspomnienia 1939-1945, Warszawa 1970.

61    Z. Mogilnicki, Działdowo…, S. 169-172, 237.

62    Der BDO-Leiter in Allenstein, ein Lehrer aus dem Kreis Ortelsburg namens Tiska, berichtete im Februar 1940: „(…) So ist auch die wenig erfreuliche Haltung der Bevölkerung unseres Bezirkes den polnischen Kriegsgefangenen gegenüber unter diesem Gesichtspunkt zu sehen. Die schnelle Verbrüderung mit den Kriegsgefangenen, die Gewährung von Familienanschluss, die Beteiligung an den Weihnachtsfeiern der Kriegsgefangenen (…) sind Symptome einer wenig gefestigten völkischen Haltung und eines Mangels an nationalem Selbstgefühl. Sie liegen auf der gleichen Ebene wie das Verhalten der aus Masuren und Südermland stammenden Truppen während des Feldzuges der polnischen Zivilbevölkerung gegenüber, mit der man sich schnell verständigte und sogar verbrüderte und die man nicht als feindlich ansah, obwohl man gegen Polen Krieg führte und in Feindesland war.“ Zit. nach B. Koziełło-Poklewski, Die Denkschrift des Bundes Deutscher Osten vom Jahre 1940 zur polnischen Frage in Ostpreußen, in: Komunikaty Mazursko-Warmińskie 1976, H. 3 (133), S. 407-422, S. 414; Ders., Zagraniczni robotnicy przymusowi w Prusach Wschodnich w latach II wojny światowej, Warszawa 1977; A. Sakson, Mazurzy a Polacy ze znakiem „P“, in: Gazeta Olsztyńska z 3-5.08.1982.

63    W. Chojnacki, Sprawy Mazur i Warmii w korespondencji Wojciecha Kętrzyńskiego, Wrocław 1952, S. XXVII.

64    W. Wrzesiński, Warmia i Mazurzy pod rządami hitlerowskimi, in: Dzieje Warmii i Mazur w zarysie, Bd. 2: Od 1871 do 1975 roku, Warszawa 1983, S. 168-188.

65    Noch bis zum Sommer 1939 war Koch überzeugt, dass es gelingen würde, Polen als Verbündeten des Dritten Reiches gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Persönlich war er an einer Hinauszögerung des Kriegsausbruchs interessiert, weil der Krieg den „Wirtschaftsaufbau“ der Provinz stören und Ostpreußen „auch bei einem gewonnenen Krieg“ nur verlieren könnte. In der letzten Phase der Vorbereitungen zum Überfall auf Polen sprach er sich aber vehement für den Krieg aus, nahm zum Beispiel im September 1939 in Moskau an der Unterzeichnung des Grenz- und Freundschaftsvertrages teil, einer Ergänzung des früher geschlossenen Hitler-Stalin-Paktes, nach dem es zur erneuten Teilung Polens kommen sollte. Vgl. R. Meindl, Ostpreußens…, S. 249.

66    Koch, 1896 im Rheinland geboren, nahm wie Hitler am Ersten Weltkrieg teil. Als Angehöriger eines Freikorps kämpfte er gegen die schlesischen Aufstände. Der NSDAP trat er 1922 bei. Bis zum Schluss prahlte er mit seinem NSDAP-Mitgliedsausweis Nr. 88. 1934 hätte er beinahe sein Leben verloren. Er war nämlich Vertreter des linken Flügels in der Partei und mit den Brüdern Strasser befreundet. Er galt als „russlandfreundlich“. Als Hitler in der „Nacht der langen Messer“ mit der SA und dem Strasser-Flügel abrechnete, hielt sich Koch in Berlin auf. Es gelang ihm, sich zu verbergen und die parteiinternen Säuberungen abzuwarten. Er gewann Hitlers Vertrauen wieder, der ihn in der Funktion des Gauleiters von Ostpreußen beließ, die er seit 1928 bekleidete. Ebenda.

67    Die Zusammenlegung der allgemeinen und der politischen (NSDAP) Verwaltungsorgane im Rahmen des staatlichen Ausnahmezustandes in den eingegliederten und besetzten Gebieten erfolgte dadurch, dass die Funktionen des die Zivilverwaltung leitenden Statthalters bzw. Oberpräsidenten und des an der Parteispitze stehenden Gauleiters in einer einzigen Person vereinigt wurden. Der Gauleiter übernahm auch die wichtige Funktion des Reichsverteidigungskommissars und war Bevollmächtigter des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums. Die Dienstaufsicht über die Zivilbehörden wurde durch das Ministerium des Inneren, in erster Linie über die Zentralstelle für die eingegliederten Ostgebiete, ausgeübt. Vgl. Cz. Madajczyk, Polityka III Rzeszy…, S. 72-76; Z. Janowicz, Ustrój administracyjny ziem polskich wcielonych do Rzeszy Niemieckiej 1939-1945, Poznań 1951, S. 182-185; E. Jędrzejewski, Hitlerowska koncepcja administracji państwowej 1933-1945. Studium polityczno-prawne, Wrocław 1975.

68    Die neuen Ortsnamen waren teils an die polnische Lautung angelehnt, teils deren Übersetzung, zum Teil auch reine Phantasiegebilde. Nach von Schrötter benannt wurde lediglich Plock (Schröttersburg). Interessanterweise blieben die Namen Hitlers, Görings oder Kochs nur den Straßennamen und landschaftlichen Gegebenheiten vorbehalten (z.B. Adolf-Hitler-Straße, Erich-Koch-Platz, Hitlershöhe usw.).

69    Die Wahl des kleinen Ciechanów (Płock z.B. zählte 33 000 Einwohner) war bedingt durch seine zentrale Lage und die geringe Entfernung zur Grenze des „Muttergaus“ (d. h. des „alten“ Ostpreußens). Vgl. Planung und Aufbau im Osten, Berlin 1941, S. 26-32; W. Kierser, Der Aufbau im Gebiet Zichenau, Berlin 1941, S. 11-18.

70    Vgl. H. B. Grynberg, Das neue Ostpreußen, Königsberg 1938, S. 23-28.

71    Man nahm an, dass er den „polnisch-jüdischen Schandfleck“ rasch ausmerzen würde. Die Pläne zum Regierungsbezirk Zichenau und der Region Suwalki sollten mit den Reformbestrebungen in „Altostpreußen“ aufs engste koordiniert werden (Fortsetzung des Erich-Koch-Plans). Ebenda, S. 275-276.

72    Ausführlich über die Nationalitätenverhältnisse in der Region Suwalki schreibt W. Pronobis in der Dissertation Polityka narodowościowa okupanta hitlerowskiego w rejencji ciechanowskiej, Toruń 1974, Typoskript in der Universitätsbibliothek Toruń.

73    Cz. Madajczyk schrieb: „Die Behandlung der Polen als Untermenschen, in der der deutsche Chauvinismus gipfelte, berührte letzten Endes eine sehr empfindliche Saite, den Nationalstolz, das menschliche Ehrgefühl. Schwerer waren bisweilen moralische Demütigungen, Gebaren und Manieren der Angreifer zu ertragen als die so häufig auftretende Brutalität und Gewalt. (…) Rücksichtslosen Hass hegte die Bevölkerung gegen deutsche Polizei, SS und Mitglieder der NSDAP als unmittelbare Täter des verbrecherischen Terrors. (…) Das Verhältnis zu den Volksdeutschen war besonders unerbittlich“, Polityka…, S. 488, 489.

74    Im Dorf Głażewo Świątki (Gemeinde Wieluń) beispielsweise wurden 20 Polen erschossen, am 17. September 1939 wurden 76 Einwohner des Dorfes Henryków (Gemeinde Rybno) erschossen usw. In der Region Bialystok verloren 852 Personen während der ersten deutschen Besatzung im Jahr 1939 ihr Leben. B. Górczyńska-Przybyłowicz, Życie…, S. 19-36.

75    In seiner Ansprache an die Befehlshaber der Waffen-SS sagte Hitler im Jahr 1940: „Wir müssen Tausende, Zehntausende, Hunderttausende verbannen, (…) Tausende von Polen aus Führungskreisen erschießen, wir müssen skrupellos sein, um in Zukunft der Rache zu entgehen“. Zit. nach: Ph. W. Blood, Siepacze Hitlera. Oddziały specjalne SS do zwalczania partyzantki, Warszawa 2008, S. 258.

76    Darunter waren Lehrer, Geistliche, Journalisten, Gutsbesitzer, Beamte, soziale und politische Aktivisten. Viele von ihnen wurden ab Februar 1940 ins Lager Soldau deportiert, wo unter anderem Personen, die als gefährlich für Deutschland eingestuft wurden, „unbemerkt liquidiert“ werden sollten. Ein Teil der Lagerinsassen wurde an Ort und Stelle getötet, andere wurden in andere Lager (meistens ins KZ Dachau) deportiert. Bis Mitte 1940 wurden etwa 1 500 Menschen ermordet. B. Górszczyk-Przybyłowicz, Życie…, S. 22.

77    Solche Fälle gab es unter anderem in den Kreisen Plock und Sierpc.

78    Koch stellte fest: „(…) ich muss die Möglichkeit haben, Polen und Juden, die das Werk des Wiederaufbaus stören, jederzeit aufzuhängen, ohne auf die Gerichte zu sehen, die ja hier völlig unbrauchbar sind“. Am 15. Januar 1942 wurden besondere strafrechtliche Vorschriften für Polen, Juden und Zigeuner erlassen. Ebenda, S. 28.

79    In den Ostpreußen angeschlossenen Gebieten existierten insgesamt 24 Ghettos.

80    Vgl. Ebenda, S. 24-26; R. Meindl, Ostpreußens Gauleiter…, S. 286-295.

81    Bis Jahresende 1939 wurden ca. 5 000 Menschen aus den Ostpreußen angeschlossenen polnischen Gebieten ausgesiedelt oder vertrieben. Aussiedlungen fanden auch 1943 statt. B. Górczyńska-Przybyłowicz, Życie… S. 36-58.

82    Die meisten von ihnen (5 105 Personen) ließen sich im Kreis Zichenau, wo auch die Regierungsbehörden ihren Sitz hatte, und (2 300) im Kreis Schröttersburg/Płock nieder, die wenigsten (etwas mehr als 1 000) in den Kreisen Mackeim/Maków, Sichelberg/Sierpc und Praschnitz/Przasnysz. Die meisten Litauendeutschen wurden in den Kreisen Schröttersburg/Płock (687), Scharfenwiese/Ostrołęka (621) und Ostenburg/Pułtusk (435) angesiedelt. Ebenda, S. 53.

83    1942 wurden im Regierungsbezirk Zichenau und im Kreis Suwalken insgesamt 19 500 Menschen auf die DVL gesetzt, darunter 5 000 in Kategorie 1, 11 000 in Kategorie 2, 3 000 in Kategorie 3 und 500 in Kategorie 4. Nach Stand vom Januar 1944 hatten 46 500 Personen die DVL unterschrieben (darunter 9 000 in Kategorie 1, 22 500 in 2, 13 500 in 3 und 1 500 in 4). Polen machten in den Kategorien 3 und 4 ein Drittel aller Volksdeutschen aus. Cz. Madajczyk, Polityka III Rzeszy… S. 449.

84    B. Górczyńska-Przybyłowicz, Życie…, S. 57.

85    Laut Angaben vom Februar 1942 wurden 547 Landgüter mit einer Fläche von insgesamt 148 500 ha konfisziert. Abtransportiert wurden 39 000 Pferde, 88 000 Rinder, 7 800 Schweine und 46 300 Schafe. Ebenda, S. 68, 74.

86    Cz. Madajczyk, Polityka III Rzeszy…, S. 450, Ch. Tilitzki, Alltag…, S. 43-47; M. Roth, Herrenmenschen. Die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen – Karrierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte, Göttingen 2009.

87    Im Dorf Rajsk (Kreis Bielsk Podlaski) hat eine Strafexpedition am 16. Juni 1942 149 Menschen ermordet und das Dorf niedergebrannt. Im Dorf Bajki bei Różańsk wurden 957 Personen getötet. B. Górczyńska-Przybyłowicz, Życie…, S. 33.

88    Ebenda, S. 58.

89    In einer in Bialystok am 11. Juli 1943 ausgehängten Bekanntmachung teilten die Besatzer mit: „Zur Vergeltung für die in der letzten Zeit sich mehrenden Überfälle auf Reichsdeutsche und Einheimische in Bialystok habe ich angeordnet, am 10. Juli 1940 85 Personen aus der örtlichen Bevölkerung – hauptsächlich aus der Intelligenz, als Vertreter der Polen, die sich nicht unterordnen wollen – zu erschießen“. Ebenda, S. 197.

90    Vgl. A. Eisenach, Hitlerowska polityka zagłady Żydów, Warszawa 1961.

91    Ebenda, S. 57. Białostocczyzna 1944-1945 w dokumentach podziemia i polskich władz, oprac. J. Kułak, Warszawa 1998.

92    Viel Aufsehen erregten Judenmorde, die auf Anstiftung der Deutschen begangen wurden, unter anderem in Jedwabne und in den nicht weit entfernten Dörfern Radziłów und Wąsacz. Vgl. J. T. Gross, Sąsiedzi. Historia zagłady żydowskiego miasteczka, Sejny 2000; ders.: Upiorna dekada. Trzy eseje o stereotypach na temat Żydów, Polaków, Niemców i komunistów, 1939-1948, Kraków 1998; Strach. Antysemityzm w Polsce tuż po wojnie. Historia moralnej zapaści, Kraków 2008. Die erstere Publikation („Nachbarn“) hat heftige Kontroversen zum polnisch-jüdisch-sowjetisch-deutschen Verhältnis in der Region Bialystok hervorgerufen. Vgl. unter anderem Wokół Jedwabnego, Bd. 1-2, pod red. P. Machcewicza, K. Persaka, Warszawa 2002; M. Szczęsna, My z Jedwabnego, Warszawa 2008; M. J. Chodkiewicz, Po zagładzie. Stosunki polsko-żydowskie 1944-1947, Warszawa 2008.

93    Zur „Schwächung des Deutschtums“ führte unter anderem die Umsiedlung von 4 000 örtlichen Volksdeutschen (sog. Narew-Deutschen) in den Regierungsbezirk Zichenau (1943 lebten hier lediglich 1 364 Volksdeutsche). R. Meindl, Ostpreußens Gauleiter…, S. 297-321; Ch. Tilitzki, Alltag…, S. 48-51.

94    T. Szarota, Licytacji na nieszczęścia żaden naród nie wygrał, in: Gazeta Wyborcza vom 21.01.2009, S. 21.

95    Vgl. W. Kęcik, Masakra radzieckich komisarzy, „Przegląd“ vom 7.12.2008, S. 3, 4.

96    In den Kriegsgefangenenlagern für Soldaten der Roten Armee war Hunger allgegenwärtig. Es kam zu Fällen von Kannibalismus Ähnlich war es im belagerten Leningrad. Derselben Methoden bedienten sich die Russen gegen über deutschen Kriegsgefangenen und der Zivilbevölkerung in Königsberg, wo es nach 1945 ebenfalls zu Fällen von Kannibalismus kam.

97    Schätzungsweise kamen im Großen Vaterländischen Krieg (1941-1945) etwa 20 Millionen Sowjetbürger um. Andere Quellen sprechen gar von 30-50 Millionen.

98    Am 30. März 1941 sprach der braune Diktator in der Reichskanzlei zu über 200 Befehlshabern der deutschen Wehrmacht „Kampf zweier Weltanschauungen gegeneinander. Vernichtendes Urteil über Bolschewismus, ist gleich asoziales Verbrechertum. (…) Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um eine Vernichtungskampf… Kommissare und GPU-Leute sind Verbrecher und müssen als solche behandelt werden“. Hitler verlangte daher die „Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz“. Zit. nach: I. Kershaw, Hitler, 1936-1941: nemezis, Poznań 2004, S. 126.

99    Vgl. G. Popow, O wojnie ojczyźnianej 1941-1945, Warszawa 2005, S. 103-146.

100  Konstanty Simonow schrieb: „Wisse, wenn du ihn [den Deutschen] nicht tötest, tötet ihn niemand, also töte zumindest einen! Und töte ihn schneller! Sooft du einen von ihnen siehst, sooft töte!“. Zit. nach: Ebenda.

101  Vgl. P. W. Blond, Siepacze Hitlera. Oddziały specjalne SS do zwalczania partyzantki, Warszawa 2008; T. Bastian, Furchtbare Soldaten. Deutsche Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg, München 1997.

102  Nach deutschen Angaben wurden im ganzen früheren Ostdeutschland zwischen einigen zehntausend und 1,9 Millionen Frauen vergewaltigt. A. Krzemiński, Sowieckie gwałty czyli niemiecki pakt milczenia, in: Gazeta Wyborcza vom 12.11.2008, S. 18.

103  Die sowjetischen Befehlshaber duldeten die Vergewaltigungen, da sie sie als Rache für die Verbrechen ansahen, die Deutsche an der russischen Bevölkerung, an ihren Frauen, Müttern und Kindern begangen hatten. Beim Einmarsch der Franzosen in Freudenstadt und Pforzheim wurden ungefähr 100 Frauen im Alter von 14 bis 74 Jahren vergewaltigt. Zu Vergewaltigungen kam es auch im Juni 1945, als die Polizei 1 198 Fälle von sexuellem Missbrauch registrierte. Unter den Vergewaltigern waren viele senegalesische Soldaten. Vier Frauen wurden umgebracht. S. Maiwald, G. Mischler, Sexualität unter dem Hakenkreuz. Manipulation und Vernichtung der Intimsphäre im NS-Staat, Hamburg 1999, S. 158 f. Die Soldaten der Roten Armee vergewaltigten auch viele Polinnen und Einheimische. Im Gegensatz zu den deutschen oder angelsächsischen Soldaten bekamen die Rotarmisten keinen Urlaub, so dass sie oft jahrelang ihre Frauen nicht sahen. Joanna Ostrowska und Marcin Zaręba schrieben: „Man muss auch an die Demoralisation und Verwilderung denken. Vergewaltigung ist dem Verhalten der Sieger gegenüber den Besiegten gewissermaßen immanent. Sie galt und gilt immer noch als eine Art Kriegswaffe, wie es Susan Brownmiller im Jahr 1975 beschrieb. Als Instrument zur Terrorisierung der Zivilbevölkerung berührt sie sehr häufig die Volksmythologie, die den Frauenkörper in Verbindung bringt mit dem Begriff der Mutter Erde – des Vaterlandes. Die heutigen bewaffneten Konflikte sind ebenfalls durch sexuelle Gewalt gegen Frauen des Feindes geprägt, man denke nur an den Krieg im ehemaligen Jugoslawien und die historisch erste Verurteilung für Vergewaltigung als Kriegsverbrechen“. J. Ostrowska, M. Zaręba, Kobieca gehenna. Strach przed gwałtami ze strony radzieckich żołnierzy to jedna z najsilniejszych emocji lękowych wojny i powojnia, in: Polityka 2009, Nr. 10, S. 64-67. Vgl. auch: C. Gmyz, Gwałt na gwałcicielach. Sam Stalin akceptował przemoc seksualną jako metodę podboju, in: Wprost vom 15.07.2007, S. 72-75.

104  Zu den Massenaussiedlungen polnischer Bevölkerung und dem polnisch-litauischen Konflikt, der durch Deutsche im Generalbezirk Litauen (insbesondere in der Region Wilna) geschürt wurde, vgl. M. Wardzyńska, Sytuacja ludności polskiej w Generalnym Komisariacie Litwy czerwiec 1941 - lipiec 1944, Warszawa 1993, S. 28-35, 45-87.

105  Teil des von den Deutschen 1941 gegründeten Reichskommissariats Ukraine war auch die Woiwodschaft Wolhynien. In dieser Region ist es zu einem der tragischsten Verbrechen an der zivilen Bevölkerung gekommen. Infolge des polnisch-ukrainischen Antagonismus, der von den Deutschen angestachelt wurde, kam es zum Massaker an der polnischen Bevölkerung von Wolhynien. Durch diesen Konflikt kamen insgesamt etwa 80 000-100 000 Polen ums Leben. Vgl. R. Torzecki, Polacy i Ukraińcy. Sprawa ukraińska w czasie II wojny światowej na terenie Drugiej Rzeczypospolitej, Warszawa 1993, S. 267;W. Siemaszko, E. Siemaszko, Ludobójstwo dokonane przez nacjonalistów ukraińskich na ludności polskiej Wołynia: 1939-1945, Bd. 1-2, Warszawa 2000; R. Meindl, Ostpreußens Gauleiter…, S. 323-397; G. Motyka, Co stało się w Hucie Pieniackiej. 60 lat temu spacyfikowano Polską wieś na Ukrainie. Była to niemiecka pacyfikacja dokonana rękami ukraińskich żołnierzy SS. W dniu 28 lutego 1944 r. zamordowano około tysiąca Polaków, a wieś zrównano z ziemią, in: Gazeta Wyborcza vom 27.02.2009, S. 22.

106  Z. Lietz, Obozy jenieckie w Prusach Wschodnich 1939-1945, Warszawa 1982, S. 78.

107  Ebenda, S. 96 f.

108  1944 waren in diesem Lager u.a. 2 403 amerikanische Piloten inhaftiert.

109  Im Dezember 1941 waren in den Stalags I A und I B 118 178 Gefangene registriert, von denen nicht weniger als 108 366 arbeiteten, mithin 91,69 % aller Inhaftierten. Diese Lager waren der deutschen Wehrmacht (Wehrkreis I) unterstellt. Ebenda, S. 178.

110  B. Koziełło-Poklewski, Zagraniczni robotnicy przymusowi w Prusach Wschodnich w latach II wojny światowej, Warszawa 1977, S. 112-129. Vgl. auch: Cz. Łuczak, Praca przymusowa Polaków w Trzeciej Rzeszy, Warszawa 1999. Der Autor schätzt, dass insgesamt 2 826 000 Polen ins Deutsche Reich zur Zwangsarbeit deportiert wurden. Die Zahl der von ihnen geleisteten Arbeitsstunden übersteige 19 Millionen und der Gesamtgewinn der deutschen Wirtschaft aus nicht gezahlten Löhnen für die geleistete Zwangsarbeit belaufe sich auf mehr als 10 Milliarden Reichsmark (S. 8).

111  Interview mit M. K. (P-31). Eigene Recherchen in Purda (Groß Purden) 2004.

112  In einer Anordnung vom 8. März 1940 über die „Pflichten der Zivilarbeiter und -arbeiterinnen polnischen Volkstums während ihres Aufenthalts im Reich“ wurde u.a. festgehalten: „Für alle Arbeiter und Arbeiterinnen polnischen Volkstums im Großdeutschen Reich gelten folgende besondere Bestimmungen: 1. Das Verlassen des Aufenthaltsortes ist streng verboten. (…) 2. Alle Arbeiterinnen und Arbeiter polnischen Volkstums haben die ihnen übergebenen Abzeichen stets sichtbar auf der rechten Brustseite eines jeden Kleidungsstückes zu tragen. 3. Wer nachlässig arbeitet, die Arbeit niederlegt, andere Arbeiter aufhetzt, die Arbeitsstätte eigenmächtig verlässt usw., erhält Zwangsarbeit im Arbeitserziehungslager“. Kopie im Archiv des Verfassers. Das Abzeichen bestand aus einem gelben Karo von 5 cm Seitenlänge mit violettem „P“ in der Mitte und ebensolchem, halbzentimeterbreitem Rand.

113  Die Anwerbung, der Rechtsstatus, die Haltung der Behörden und die alltägliche Praxis gegenüber ausländischen Arbeitern wurden am Beispiel Ostpreußens eingehend analysiert von B. Koziełło-Poklewski in seinem Werk Zagraniczni robotnicy…

114  Vgl. Ze znakiem „P“. Relacje i wspomnienia robotników przymusowych i jeńców wojennych w Prusach Wschodnich w latach II wojny światowej, ausgewählt und bearb. von B. Koziełło-Poklewski, B. Łukaszewicz, Einführung von B. Koziełło-Poklewski, Olsztyn 1977.

115  In den besetzten Ländern Westeuropas galt der Zwang zur Arbeit im Reich für Jugendliche im Alter ab 18 Jahren (Jungen) bzw. 21 (Mädchen). Im besetzen Polen bestand in den dem Reich angeschlossenen Gebieten die Pflicht zur Zwangsarbeit ab dem 12. Lebensjahr und im Generalgouvernement ab dem 14. Lebensjahr. Vgl. K. Sosnowski, „Ohne Mitleid“. Dziecko w systemie hitlerowskim, Warszawa/Poznań 1962, S. 142; Cz. Łuczak, Polscy robotnicy przymusowi w Trzeciej Rzeszy podczas II wojny światowej, Poznań 1974, S. 34; W. Rusiński, Położenie robotników polskich w czasie wojny 1939-1945 na terenie Rzeszy i „obszarów wcielonych“, T. 1, Poznań 1949, S. 233.

116  Dzieciństwo i młodość ze znakiem „P“. Wspomnienia, ausgewählt und bearb. von B. Koziełło-Poklewski, B. Łukaszewicz, Einführung von B. Koziełło-Poklewski, Olsztyn 1982, S. XI.

117  K. Gotesman, Piekło na ziemi, in: Dzieciństwo i młodość ze znakiem „P“. Wspomnienia, ausgewählt und bearb. von B. Koziełło-Poklewski, B. Łukaszewicz, Olsztyn 1982, S. 58 f. Der sechzehnjährige Stefan Zarzyski aus dem Kreis Plock beschreibt in seinen Erinnerungen Pięć lat poza domem (Fünf Jahre von Zuhause fort) seinen Aufenthalt in der Gegend von Memel bei einem Landwirt und NSDAP-Mitglied folgendermaßen: „Er ersparte mir keine Arbeit, die über meine Kräfte ging. Nachts sperrte er mich ein, nahm mir Schuhe und Kleidung ab. An die Tür der Küche, wo ich die Mahlzeiten aß, klebte er einen Zettel mit der Aufschrift ‚Vorsicht, Pole ist dein Feind‘. Häufig schrie er, einmal schlug er mich zusammen, weil ich, des Deutschen nicht mächtig, seine Anweisungen nicht richtig ausgeführt hatte“. Ebenda, S. 184.

2.   Ostpreußens Vernichtung

Ostpreußen galt im Reich bis Sommer 1944 beinahe als eine Oase der Ruhe118. In das Bewusstsein der meisten der 2,5 Millionen Provinzbewohner drang der Krieg erst Ende 1944, als die ersten Einheiten der Roten Armee schon das nördliche Ostpreußen einnahmen. Die Randlage dieses Landes erweist sich daran, dass sich hier noch im Jahr 1944 Zivilbevölkerung (ca. 200 000 Personen) aus den regelmäßig bombardierten Großstädten im Westen Deutschlands („Bombengeschädigte“) einfand.

Dank dem Agrarcharakter Ostpreußens litten die Einwohner im Gegensatz zu anderen deutschen Provinzen keinen Mangel bei der Lebensmittelversorgung. Für die dortigen Landwirte bedeutete der Krieg den Höhepunkt ihres wirtschaftlichen Wohlstands. Nach den Plänen der Berliner und Königsberger Behörden sollte Ostpreußen während des Krieges die Kornkammer für das ganze Reich abgeben. Aus diesem Grunde bekamen die Bauern unter anderem günstige Darlehen für Wirtschaftsinvestitionen gewährt. 50 % der Bankschulden wurden automatisch getilgt, die restliche Rückzahlung auf 60 Jahre verteilt. Die Getreidepreise wurden stabilisiert und erhöht119. Die Landwirtschaft wurde durch den weitverbreiteten Einsatz von Kunstdüngern, Agrarmaschinen und kostenloser Arbeitskraft in Form von ausländischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen zur Quelle hoher Einkünfte120. Das Sozialleistungssystem war ebenfalls gut ausgebaut, was ← 141 | 142 → für die ländliche Bevölkerung etwas völlig Neues darstellte und zugleich eine zusätzliche Einkommensquelle bildete121.

Die Lage in Ostpreußen bewirkte, dass die Bevölkerung des Altgaus mit ihren Lebensbedingungen zufrieden war. Gauleiter Erich Koch genoss die aufrichtige Unterstützung der Mehrheit der Einwohner122. Die Maßnahmen der NSDAP für „Entwicklung und Wohlstand“ der Provinz bekamen den Namen „Heimatfront“123. Diese Erfolge erzielte man unter anderem durch Plünderungen ungekannten Ausmaßes in den der Provinz angegliederten Gebieten und durch die sklavenartige Ausbeutung ausländischer Arbeiter und Kriegsgefangener.

2.1.   Operation Ostpreußen

Infolge der am 22. Juni 1944 eröffneten sowjetischen Großoffensive gelang es der Roten Armee innerhalb weniger Wochen, dreißig deutsche Divisionen zu zerschlagen und die Frontlinie an der nördlichen Grenze Ostpreußens in Stellung zu bringen. Die Machthaber in Berlin beschlossen, die katastrophale militärische Lage Deutschlands mit einem „totalen Kriegseinsatz“ abzuwenden. Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Einführung des totalen Krieges bestand darin, den gesamten Wirtschafts- und Verwaltungsapparat den Bevollmächtigten der NSDAP zu unterstellen, deren ohnehin weitgehende Befugnisse nun auf Verteidigungsfragen aus ← 142 | 143 → gedehnt wurden. Unnachgiebiger Befürworter des totalen Krieges war Gauleiter Erich Koch, der zum Reichsverteidigungskommissar für Ostpreußen ernannt war. Entschlossen stellte er sich jeglichen Entscheidungen entgegen, die den „Siegeswillen“ hätten schwächen können. Dies führte dazu, dass die Provinzbehörden die Evakuierung der Bevölkerung verzögerten und den Vorschlag ablehnten, einen Evakuierungsplan anzunehmen und die untergebenen Stellen mit diesem unter Geheimhaltung bekannt zu machen. Koch betrachtete den Volkssturm als gleichberechtigten Verband neben der Wehrmacht und bereitete die ihm unterstellte Verwaltung darauf vor, das Konzept der „toten und verbrannten Erde“ umzusetzen, nach vorhergehender „Räumung“ Ostpreußens.

Die heranrückende Rote Armee rief unter den Einwohnern der Provinz Angst und Schrecken hervor. Die Behörden wirkten dem Verlassen der Städte und dem Abtransport wertvollen Guts aufs Land entgegen. Es wurde angeordnet, dass alle Frauen eine Arbeit aufnehmen sollten, es sei denn sie hatten Kinder. Jugendliche über dem 16. Lebensjahr unterbrachen die Ausbildung und wurden zum Arbeitseinsatz geschickt. Alle Einwohner waren zur Verteidigung des Vaterlandes verpflichtet und hatten „zu den Waffen zu greifen“ („Volksaufgebot in Waffen“). Der im Osten geführte Krieg, der zu einem „Vernichtungskrieg“ wurde, traf seit 1943 immer stärker auch die Angreifer selbst. Die Deutschen, darunter die Einwohner Ostpreußens, litten unter Luftangriffen, Kriegshandlungen oder den späteren Racheakten und Aussiedlungen.

Beginn der Vernichtung Königsbergs waren zwei Teppichbombardements britischer Fliegerverbände in den Nächten vom 26. auf den 27. und vom 29. auf den 30. August 1944. Durch den Einsatz von Brandbomben kamen etwa 4 000 Menschen ums Leben, während 200 000 ihr Zuhause verloren. Mehr als die Hälfte der historischen Bauten wurden zerstört124.

Koch bekam Hitlers Genehmigung zum Bau von Verteidigungsstellungen entlang der (alt-)ostpreußischen Grenze („Ostpreußen-Schutzstellung“), die auch als Erich-Koch-Wall bezeichnet werden. Diese bestanden aus Minenfeldern, Sperren, Verhauen, Panzergräben, Stahlbetonbunkern und Artilleriestellungen125. ← 143 | 144 →

Am 16. Oktober 1944 begann die Operation der Roten Armee an der Grenze Ostpreußens, wodurch die deutschen Truppen aus einigen der nordöstlichen Kreise verdrängt werden konnten. Die deutschen Behörden beschlossen, die Zivilbevölkerung zu evakuieren. Man benutzte die an diesem Frontabschnitt zwischen Ende Oktober 1944 und Anfang Januar 1945 eintretende Unterbrechung der Kampfhandlungen zur Evakuierung derer, die ihren Wohnsitz in einem ca. 30 km breiten Streifen an der Front hatten. Betroffen waren knapp 60 000 Menschen, die meist Zuflucht in den westlichen Kreisen Ostpreußens fanden (einen Teil von ihnen schaffte man nach Pommern, Sachsen oder Thüringen), was die spätere Evakuierung der dortigen Bevölkerung tatsächlich erschwerte. Gleichzeitig verließen dieses Gebiet jene, die 1943-1944 hier vor alliierten Luftangriffen Schutz gesucht hatten.

Begonnen wurde die sowjetische Offensive namens Operation Ostpreußen am 13. Januar 1945 im östlichen Abschnitt durch die 3. Weißrussischen Front, anderntags im südlichen Abschnitt durch die 2. Weißrussische Front. Der gewaltige Vorstoß der Roten Armee durchbrach die deutsche Verteidigung rasch in beiden Hauptangriffsrichtungen. In Bialystok war die Rote Armee bereits im August 1944 einmarschiert, in Ciechanów im Januar 1945. Gleichzeitig begann die Evakuierung der Zivilbevölkerung, die sich nach und nach in eine ungeordnete Flucht verwandelte. Sie verlief in zwei Hauptrichtungen: Von Ost nach West versuchten die Menschen zur Weichselmündung zu gelangen, anschließend über Pommern zur Oder und weiter nach Zentraldeutschland; aus den am östlichsten gelegenen Gebieten in Richtung Königsberg, um dann den Hafen Pillau zu erreichen und von dort auf dem Seeweg ins Reich oder das von den Deutschen besetzte Dänemark zu gelangen. Die blitzartig vorrückenden sowjetischen Truppen umzingelten Ostpreußen aus zwei Richtungen. Am 26. Januar 1945, als die Rote Armee Elbing erreichte, wurde der direkte Fluchtweg nach Westen abgeschnitten126. Der panisch fliehenden Zivilbevölkerung blieben nur zwei Möglichkeiten: Entweder über das zugefrorene Frische Haff die Nehrung zu erreichen und von dort aus zu versuchen, zur Weichselmündung und nach Danzig zu gelangen, oder aber in Pillau auf einen Transport per Schiff zu warten. Auf ersteren Ausweg waren die Bewohner des südöstlichen und mittleren Ostpreußens angewiesen. Der Übergang über das Eis des Frischen Haffs forderte viele Opfer und verwandelte sich in einen „Todesweg“. Die vor der nahenden Front fliehende Zivilbevölkerung mischte sich mit „Todeskolonnen“ der evakuierten Kriegsgefangenen und der Insassen der zahlreichen Vernichtungslager127. ← 144 | 145 →

2.2.   Evakuierung und Flucht

Dass die deutschen Behörden die Mehrheit der Männer im Alter von 16-65 Jahren, die bis dahin aus verschiedenen Gründen vom Militärdienst befreit waren, zum im Herbst 1944 gebildeten Volkssturm eingezogen, führte dazu, dass an Evakuierung und Flucht Anfang 1945 hauptsächlich Frauen, Alte und Kinder teilnahmen, was zweifelsohne einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Ausmaß der erlittenen Verluste hatte. Die Einwohner größerer Städte befanden sich in einer günstigeren Lage, denn sie konnten sich hauptsächlich mit Bahntransporten Richtung Westen in Sicherheit bringen. Leid und Verlusten ganz besonders ausgesetzt war die Bevölkerung aus kleinen Ortschaften, denn sie verließ ihre Dörfer und Kleinstädte in langen Konvois, zumeist aus Pferdegespannen, die nicht selten unter Artillerie- oder Panzerbeschuss sowohl der sowjetischen als auch der deutschen Seite gerieten, oder auch von deutschen Militärfahrzeugen, die sich auf denselben Straßen fortbewegten und deren Operationen sie behinderten, zur Seite gedrängt wurden. Viele Dorfbewohner wollten ihren Wohnort nicht verlassen und warteten mit der Abfahrt bis zum letzten Augenblick ab. Es war bezeichnend, dass sich die Parteiführung und die lokalen Verwaltungsbehörden unter sehr viel besseren Bedingungen in Sicherheit brachten.

Evakuierung und Flucht der Zivilbevölkerung aus Ostpreußen Anfang 1945, von denen die gesamte Einwohnerschaft betroffen waren, gehören zweifelsohne zu den dramatischsten Ereignissen des Zweiten Weltkriegs. Sie führten zu enormen Verlusten unter der Bevölkerung und trugen zur weitgehenden Entvölkerung dieser Gebiete bei. Die Verantwortung dafür trifft die fanatische NSDAP-Führung, die keinen entsprechenden Evakuierungsplan ausgearbeitet und umgesetzt hat.

Das Ausmaß der Verluste, die die ostpreußische Bevölkerung durch Evakuierung und Flucht erlitten hat, ist schwer zu ermitteln. Schätzungsweise kamen etwa 150 000 Menschen um. Andere Quellen nennen als Gesamtzahl 511 000 Opfer, davon 311 000 unter der Zivilbevölkerung128. ← 145 | 146 →

Ursachen für die so hohe Sterblichkeit unter den Flüchtligen werden im Zusammentreffen unterschiedlicher Faktoren gesehen. Zu den wichtigsten sind zu zählen: mangelnde Evakuierungsvorbereitungen und -pläne, die Geschwindigkeit der sowjetischen Offensive und die daraus folgende Abschnürung Ostpreußens vom Reich, die Verbissenheit der Kämpfe, die dadurch bedingt war, dass Ostpreußen die erste Provinz des Reiches war, in die die Rote Armee einmarschierte. Potenziert wurde all dies durch den außergewöhnlich strengen Winter jenes Jahres und die zahlreichen Fliegerbombenangriffe, in deren Folge das Eis auf dem Frischen Haff einbrach, durch Angriffe sowjetischer U-Boote (unter anderem die Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ mit tausenden von ostpreußischen Flüchtligen an Bord auf der Ostsee129), die erbitterten Kämpfe um Königsberg, bei denen ← 146 | 147 → ca. 25 000 Menschen ums Leben kamen130, und die panische Flucht, Deportationen und zahlreiche Fälle der Gewalt gegenüber der wehrlosen Bevölkerung.

Die deutschen Truppen, die sich aus dem Osten zurückzogen, wo sie einen rassischen und ideologischen Krieg voller Greuel und Bestialität geführt hatten (Taktik der „verbrannten Erde“), mussten mit blutiger Vergeltung rechnen. Dieses Bewusstsein drang allmählich in die Köpfe aller Einwohner der Provinz. Sie wussten, dass für die pseudowissenschaftliche „Rassenhierarchie“, wonach die Slawen minderwertige „Untermenschen“ und deswegen die Unterwerfung Osteuropas und seine Umwandlung in deutsche Kolonien gerechtfertigt waren, die Stunde der Abrechnung in Gestalt eines Hasses auf alles Deutsche kommen würde131.

Die Haltung der ostpreußischen Bewohner war durch psychotische Angst vor der einmarschierenden Roten Armee geprägt. Es gab dafür mehrere Gründe. Einer war das sog. Nemmersdorf-Syndrom. Dieses Dorf wurde, wie einige andere in den Kreisen Gumbinnen und Goldap, von der sowjetischen Armee noch im Oktober 1944 eingenommen. Nach 48 Stunden drängten die Wehrmachtstruppen die Russen ostwärts zurück; nach erbittertem Kampf kam die Frontlinie zwischen Augustów und der Memel zum Stehen. In Nemmersdorf kamen 26 Menschen (zumeist Frauen, Greise und Kinder) ums Leben132. Die nationalsozialistische Propaganda machte diese Vorfälle überaus publik. Der Umfang der Goebbelsschen ← 147 | 148 → Lüge133 lässt sich mit dem Ausmaß der Fälschungen im Zusammenhang mit dem sog. „Bromberger Blutsonntag“ im September 1939 vergleichen.134

Die Ereignisse von Nemmersdorf (heute Majakowskoje im Kaliningrader Gebiet) wiederholten sich später in verschiedenen Varianten in anderen Teilen Ostpreußens, auch den von Ermländern und Masuren bewohnten, wie z.B. in Altwartenburg oder Groß Kleeberg im Ermland. Nemmersdorf wurde zu einem Symbol, weil es dort zur ersten Berührung der deutschen Zivilbevölkerung mit der Roten Armee gekommen war135. Die Behörden propagierten massenwirksam „Rache für Nemmersdorf“. Die Auswirkungen dieser Kampagne waren vielfältig. Einige fragten, wie es dazu habe kommen können, dass die „unbesiegte Wehrmacht“ nicht in der Lage gewesen sei, die eigene Bevölkerung zu schützen. Andere, von Furcht geleitet, fuhren unter mancherlei Vorwänden ins Reich ab. Durch massenhaften Aufbruch schrumpfte die Bevölkerungszahl im „alten“ Ostpreußen von ca. 2,4 Mio. im März 1944 auf ca. 1,75 Mio. am Jahresende136. ← 148 | 149 →

Eine andere Auswirkung der Kampagne war die Angsthysterie unter den deutschen Frauen. In vielen Ortschaften der Provinz und in anderen Teilen Deutschlands wurden massenhaft Selbstmorde begangen137.

Hauptzweck der Kampagne war indes, den Widerstandswillen gegenüber „Horden wilder Russen“ bzw. „dem Iwan“ wachzurütteln. Diese waren Vorboten eines unvermeidlichen, brutalen und „schmachvollen Todes“. Einen Ausweg aus dieser Situation bot nur der „Glaube und Kampf auf Leben und Tod bis zum Schluss“, bis zum Endsieg138.

Mit dem Überschreiten der ostpreußischen Grenze befand sich die Rote Armee zum ersten Mal auf dem Gebiet des Dritten Reiches. Deshalb entlud sich in diesen Gegenden der ungeheure Hass, nicht zuletzt wegen der Verbrechen deutscher Truppen auf dem Territorium der Sowjetunion139.

Opfer der Roten Armee wurden ganz überwiegend Frauen und Greise. Zu den häufigsten Verbrechen gehörten Vergewaltigungen von Frauen140 sowie Plünde ← 149 | 150 → rungen und Hinrichtungen141. Diese Handlungen wurden zum Massenphänomen und stützten sich auf die Erlaubnis der sowjetischen Militärführung, die zur blutigen Vergeltung und Rache anstiftete. In diesen Gebieten waren – ähnlich wie in den von der deutschen Wehrmacht eingenommenen Gebieten Weißrusslands, der Ukraine und Russlands – die allgemein befolgten Grundsätze für den Umgang des Siegers mit den Besiegten nicht gültig. Weit verbereitet war die Praxis, dass die Befehlshaber der Roten Armee ihren Soldaten die jeweils eroberten Städte für zwei- bis dreitägige Beutezüge überließen.

Zur vollen Freiheit in ihren Rachehandlungen ermunterte die Soldaten auch die damalige sowjetische Propaganda. In einer Reihe von Flugblättern, Presseartikeln und Rundfunksendungen hieß es ähnlich wie in einer Frontzeitung vom 17. September 1944: „Die Deutschen werden die Stunde verfluchen, in der sie unseren Boden betreten haben. Die deutschen Frauen werden die Stunde verfluchen, in der sie ihre Söhne geboren haben. Wir werden nicht schänden. Wir werden nicht verwünschen. Wir werden nicht zuhören. Wir werden töten“142. ← 150 | 151 →

Der Oberbefehlshaber der 3. Weißrussischen Front, General Iwan Tschernjachowski, dessen Soldaten es zu ganz besonderem „Ruhm“ für ihre Racheakte und Pazifikationen brachten, erließ am Vortag des Angriffs auf Ostpreußen folgenden Befehl: „Zweitausend Kilometer sind wir marschiert und haben die Vernichtung all dessen gesehen, was wir in zwanzig Jahren aufgebaut haben. Nun stehen wir vor der Höhle, aus der heraus die faschistischen Angreifer uns angegriffen haben. Wir bleiben erst stehen, nachdem wir sie gesäubert haben. Gnade gibt es nicht – für niemanden, wie es auch keine Gnade für uns gegeben hat. Es ist unnötig von den Soldaten der Roten Armee zu fordern, dass Gnade geübt wird. Sie lodern vor Hass und Rachsucht. Das Land der Faschisten muss zur Wüste werden“143.

Die Rücksichtslosigkeit der Roten Armee gegenüber der gesamten Bevölkerung Ostpreußens, darunter gleichfalls den Ermländern und Masuren, aber teilweise auch den französischen oder italienischen Kriegsgefangenen, fand ihre Beglaubigung ebenfalls in den Spalten der Moskauer „Prawda“, die in ihrer Ausgabe vom 7. Oktober 1944 den Brief eines Frontsoldaten an Stalin abdruckte. Darin lesen wir unter anderem: „Ich hasse die Deutschen. Mit meinem Gewehr erschieße ich Deutsche, die sich in den preußischen Landen herumtreiben. Melde gehorsamst, Genosse Stalin, dass ich schon 15 Deutsche in ihrem eigenen Land umgebracht habe!“144.

Von den Meldungen über das Ausmaß an Brutalität und Rücksichtslosigkeit des Tuns ihrer Truppen in Ostpreußen aufgeschreckt, beschloss die Militärführung der Roten Armee, entsprechende Direktiven auszugeben, um dieser beispiellosen Barbarei Einhalt zu gebieten. Infolgedessen hielten sich die Racheakte in anderen Gegenden des Dritten Reiches, z.B. in Schlesien oder westlich der Oder, in Grenzen.

Zu den wenigen Ausnahmen gehörte die Haltung Lew Kopelews, eines Offiziers der Roten Armee, der 1945 vom NKWD wegen „kleinbürgerlichen Humanismus, Mitleids mit dem Feind und Untergrabung des Kampfgeistes der Truppe“ zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Der spätere Autor eines aufsehenerregenden Buches, das apokalyptisch den Einmarsch der sowjetischen Truppen in Ostpreußen schildert145, verteidigte eine deutsche Frau, die man auszurauben versuchte. Kopelew beschreibt unter anderem, wie die Russen fast kampflos eroberte Städte ← 151 | 152 → in Brand steckten. Auf diese Weise größtenteils zerstört wurden Allenstein, Neidenburg und viele andere Städte und Ortschaften.

Charakteristisch für die „selektive Erinnerung“ an den Untergang Ostpreußens ist die Art und Weise, wie der massenhafte Tod der evakuierten Häftlinge der Lager Soldau und Stutthof sowie die von Deutschen an ihnen verübten Morde in der letzten Kriegsphase wahrgenommen werden. Diese Verbrechen scheinen in einer anderen Dimension begangen worden zu sein. Sie galten nicht als beachtens- oder erwähnenswert. Und so hat beispielsweise der grausame Mord an 120 zumeist polnischen Häftlingen des Lagers Soldau, in der Nacht vom 21. auf den 22. Januar 1945 (am Fluchttage der Wehrmacht) an der Landstraße Osterode-Allenstein unweit von Altfinken (Alt Jablonken), keinen Niederschlag gefunden in den Erinnerungen Hans von Lehndorffs mit dem Titel Ostpreußisches Tagebuch. Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945-1947 (München 1967). Er wohnte in einer Entfernung von ungefähr 3 km vom Ort des Geschehens. Der Autor beschreibt indes sehr detailliert allerlei Grausamkeiten, die in nächster Umgebung beim Einmarsch sowjetischer Truppen und polnischer Plünderer begangen worden sind146. Höchst bezeichnend ist es, dass der Exodus der ostpreußischen Bevölkerung im Jahr 1945 und die unmenschliche Behandlung durch die Rote Armee von den zahlreichen Memoirenschreibern keinesfalls damit in Verbindung gebracht werden, dass es die Deutschen waren, die diesen schrecklichsten aller Kriege auslösten, und dass die Flucht und die späteren Vertreibungen und Aussiedlungen der deutschen Bevölkerung nur ein Glied darstellten in einer langen Kette von Vertreibungen und Verbrechen, angefangen von der Vertreibung der Polen aus Großpolen durch die Deutschen in den Jahren 1939-1940.

Fast völlig unbekannt ist das Massaker, das Ende April 1945 an jüdischen Häftlingen an der Ostseeküste in Palmnicken (heute Jantarnyj) im Samland verübt wurde (etwa 50 km nordöstlich von Königsberg).

Gegen Ende Januar begann die Evakuierung der Lager und Außenlager des KZ Stutthof. Damals waren die Häftlinge zu 75 % Juden. Die restlichen Insassen dieses 1939 errichteten Lagers in der Nähe von Danzig waren Polen und Russen. Unter den jüdischen Häftlingen überwogen Frauen im Alter von 16-40 Jahren, die als „arbeitsfähig“ vom KZ Auschwitz ins KZ Stutthof verlegt worden waren. Im Herbst 1944 hatten die ostpreußischen Behörden Bedarf an Arbeitskräften für den Bau von Befestigungen zum Schutz vor der anrückenden Roten Armee angemeldet. In Ostpreußen gab es kein großes Konzentrationslager, aber schon 1939 waren viele Außenlager von Stutthof entstanden. ← 152 | 153 →

Unter den Häftlingskolonnen, die zunächst Richtung Königsberg marschierten, war auch eine Gruppe von Häftlingen des Lagers Stutthof, die mehrheitlich aus den baltischen Staaten stammten. Während der ersten Etappe des Todesmarsches, an dem ungefähr 10 000 Frauen und 2 000 Männer teilnahmen, wurden täglich dutzende Häftlinge ermordet, viele verhungerten, es kam zu Fällen von Kannibalismus.

Nach der Zusammenziehung der gesamten Juden aus verschiedenen in Ostpreußen bestehenden Außenlagern (unter anderem Heiligelinde, Schippenbeil, Gerdauen, Seerappen, Jessau) traten die Häftlingskolonnen den Marsch nach Palmnicken an, wo sie ermodert werden sollten. Auf dem Weg dorthin erschossen SS-Einheiten und Abteilungen der Organisation Todt zwischen 2 000 und 2 500 Menschen. Von den insgesamt ca. 6 500-7 000 Häftlingen kamen etwa 3 000 Juden am 26.-27. Januar in Palmnicken an.

An der Meeresküste wurde mit dem Morden begonnen. Das Massaker wurde unter Beteiligung der Hitlerjugend verübt. Beobachtet wurde es von Ortsansässigen147. Gegen Morgen wurde den Opfern, die am Strand oder im Wasser lagen, der Todesstoß versetzt. Als am 15. April 1945 die Rote Armee in Palmnicken einmarschierte, stellte sich heraus, dass nur fünfzehn von den 7 000 Juden überlebt hatten, die den Todesmarsch mitgemacht hatten. Erst am 31. Januar 2000, dem 55. Jahrestag des Massakers, wurde hier ein Gedenkstein enthüllt148. Das Massaker von Palmnicken war das größte deutsche Kriegsverbrechen in Ostpreußen. Andreas Kossert schreibt: „Der Todesmarsch von Königsberg nach Palmnicken berührt in ganz eigener Weise die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, da das Massaker mit Flucht und Vertreibung zusammenfällt. Das Geschehen in Palmnicken steht für das letzte Kapital des Holocaust und ist zugleich der erste Akt im Drama der Flucht“149. ← 153 | 154 →

Die letzten Kämpfe in Ostpreußen fanden Ende April im Samland statt. Einer der letzten, der Ostpreußen vor dessen Untergang verließ, war Erich Koch150. Ostpreußen hatte die größten Verluste auf deutschem Staatsgebiet zu beklagen. Die Trümmer des Dritten Reiches begruben siebenhundert Jahre deutscher Geschichte. ← 154 | 155 →


118  Erste, vereinzelte Bombenangriffe der sowjetischen Luftwaffe auf Königsberg fanden am 23. Juni 1941 statt. Zerstört wurden damals einige Häuser. Weitere Bombardements er folgten am 20. April 1943. Das Ausmaß der Zerstörungen war deutlich größer.

119  Eine Frau, die 1949 bei Recherchen von Wanda Górszczyk im ermländischen Dorf Groß Purden (Purda) befragt wurde, sagte: „Die Steuern waren niedriger, und man hatte Geld, weil man was verkaufen konnte. Die Preise in der Stadt und auf dem Land waren gleich. Für alles, was die Deutschen abnahmen, zahlten sie auch. Die Milch wurde gemeinsam eingesammelt und abgeliefert, das Gemüse genauso. Alles konnte man dabei an die Läden abgeben. Die zahlten mit Schecks oder schickten Geld per Post, jeden Monat, regelmäßig, nie kam was abhanden. Es gab einen großen Markt, wo Ferkel, Pferde usw. verkauft wurden. Auf Karten bekamen sie alles. Schwarzhandel gab es nicht. Das wurde bestraft“. Archiv des West-Instituts Posen, Forschungen von Wanda Górszczyk in Purda Wielka im Jahr 1949.

120  Die Dorfbewohner von Groß Purden schilderten die damaligen Verhältnisse wie folgt: „Im Dorf gab es 10 Dreschmaschinen mit Motor, fast das ganze Getreide wurde der Reihe nach mit diesen Maschinen gedroschen. Eine Kuh hatte jeder, selbst der Ärmste, die Reichen hatten 30 oder 40 Stück Vieh“. Der gute Vertriebsablauf wurde gelobt. Jeden Tag kam aus Allenstein ein spezielles Auto, um Milch und Eier abzuholen. Für alle Produkte, die während des Krieges obligatorisch abzuliefern waren (Hafer, Heu, Kartoffeln usw.), gab es hohe, marktgerechte Preise. Gut ging es auch den Handwerkern und Landarbeitern: „Ein Mäher mit Frau verdiente 8 RM. Jeder Arbeiter war bei der Krankenkasse versichert; wenn einer krank wurde, bekam er eine Auszahlung, von der er gut leben konnte“. Archiv des West-Instituts Posen, Forschungen von Wanda Górszczyk in Purda Wielka im Jahr 1949.

121  Besondere A NSDAP dem Geburtenzuwachs. Dieser wurde nicht nur durch den nationalsozialistischen „Kult der Fruchtbarkeit deutscher Frauen“ begünstigt, sondern auch durch materielle Anreize, wie behördliche Zuschüsse (Beihilfen) für Kinder, für Frischvermählte sowie Ausgleichzahlungen für Militärdienst leistende Männer und Söhne. Die Beihilfe für das dritte Kind betrug 10 RM im Monat, für das vierte 20 RM, für das fünfte 30 RM. Und schon „für zehn Kinder konnte man eine Woche lang gut leben“. Kinder zu haben, was bis vor kurzem materielle Schwierigkeiten bedeutete, wurde nun zur Einkommensquelle, denn „Eltern hatten viel Geld für die Kinder. Eine Frau arbeitete nur zu Hause und ganz wenig. Auf dem Feld arbeiteten nur einzelne. Die Kinder lernten, und arbeiteten erst, wenn die Schule aus war. Außerdem bekamen die Frauen während der Schwangerschaft eine Beihilfe“. Ebenda.

122  Besondere Fürsorge ließ er den „kleinen Leuten“ angedeihen. Er honorierte z.B. Bäuerinnen und Handwerker. Die Behörden sorgten auch für die Familien gefallener und an der Front dienender Soldaten. Oft überreichte er die zahlreichen Auszeichnungen, wie z.B. das Mutterkreuz für kinderreiche Frauen. Im September 1940 wurde er von Hitler mit dem Kriegsverdienstkreuz I. Klasse ausgezeichnet, was die Parteipropaganda als „Auszeichnung für die gesamte Provinz“ feierte. R. Meindl, Ostpreußens Gauleiter…, S. 400 f.

123  Vgl. Ch. Tilitzki, Alltag …, S. 59-64.

124  Vgl. I. Denny, Upadek twierdzy Hitlera. Bitwa o Królewiec, Warszawa 2007, S. 110 f. Eine Augenzeugin berichtete: „Ein Regen von Spreng- und Brandbomben ergoß sich über die Stadt. Die Macht des Feuers war so groß, daß selbst die Pfähle im Pregel verkohlten. Der Feuersturm in der sonst windstillen, heißen Augustnacht fegte alles vor sich her. Die Hitze hat in den engen Straßen besonders der alten Stadt viele sogar in den Kellern ersticken lassen“. L. Böhmer, Erinnerungen eines Ostpreußen-Flüchtlings, in: M. Weber, Frauen auf der Flucht, Bielefeld 2005, S. 71. Der Geruch verbrannter Körper hielt sich in der Luft noch viele Wochen lang.

125  Vgl. W. Haupt, Das Ende im Osten 1945. Chronik vom Kampf in Ost- und Mitteldeutschland, Eggolsheim 2009, S. 11-20. Nicht zuletzt war es von Bedeutung, dass sich in Görlitz bei Rastenburg das Führerhauptquartier Wolfschanze befand, wo 1944 das missglückte Attentat auf Hitler begangen wurde.

126  Vgl. Działania militarne w Prusach Wschodnich…, S. 331-342.

127  Auf vielen Straßen, besonders an Flussübergängen, bildeten sich große Staus. Die Flüchtlinge wurden oft durch zurückweichende deutsche Truppen gefährdet, deren schweres Gerät alles zerstörte, was ihm im Weg stand. Die Soldaten hatten Befehl, niemandem, der auf der Flucht vor den Russen war, zu helfen. Marion von Dönhoff schilderte das vollständige Chaos so: „Nämlich das Ineinanderfluten von drei großen Wellen: das Zurückströmen einer geschlagenen Armee, die planlose Flucht der Zivilbevölkerung und das Hereinbrechen eines zu äußerster – vergeltender – Grausamkeit entschlossenen Feindes. (…) Die ersten waren weißrussische Bauern (…) gewesen (…). Einige Monate später folgten Litauer, dann die Memelländer, und schließlich kamen die ersten Ostpreußen aus den östlichen Kreisen.“ M. Dönhoff, Nach Osten fuhr keiner mehr, in: Dies., Namen die keiner mehr nennt, München 1964 u.ö., S. 14.

128  A. Kossert, Ostpreußen. Geschichte und Mythos, München 2005, S. 330. Insgesamt kamen durch Flucht, Evakuierung und Aussiedlungen etwa 500 000 Menschen zu Tode. Bis vor kurzem wurde von 2 Millionen Opfer berichtet. Vgl. I. Haar, Ile było ofiar wypędzeń, in: Gazeta Wyborcza vom 20.11.2006, S. 21; ders.: Die Zahl der deutschen Opfer nach dem Zweiten Weltkrieg wird übertrieben, in: Süddeutsche Zeitung vom 14.11.2006, S. 13.

129  Das am 5. Mai 1937 im Beisein Hitlers vom Stapel gelassene Schiff wurde nach dem „Blutzeugen der Bewegung“ Wilhelm Gustloff benannt. Es war das erste klassenlose Kreuzfahrtschiff der Organisation Kraft durch Freude (KdF), erbaut im Auftrag der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Es war in der Geschichte der deutschen Seefahrt das erste Parteischiff, das in der ganzen Welt für das „neue Deutschland“ werben sollte. In der Endphase des Krieges transportierte es, wie viele andere deutsche Schiffe, Flüchtlinge aus Ostpreußen. Das sowjetische U-Boot S-13 versenkte die „Gustloff“ in Höhe Stolpmünde in der frostigen Nacht des 30. Januar 1945. Insgesamt 9 343 Menschen kamen um. Dies war die größte Opferzahl in der Geschichte der Seefahrt. Das gleiche Schicksal widerfuhr anderen Transportschiffen mit verängstigten Flüchtlingen an Bord: Am 10. Februar 1945 wurde die „Steuben“ versenkt, was 3 608 Menschenleben forderte. Am 16. April 1945 kamen bei der Versenkung der „Goya“ in Höhe Stolp 6 666 Menschen zu Tode. Vgl. H. Schön, Tragedia Gustloffa. Relacja osoby ocalałej z największej katastrofy morskiej w drugiej wojnie światowej, Zakrzewo 2006, S. 50-56; A. Kossert, Ostpreußen…, S. 323. Die Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ hat sich tief ins historische Gedächtnis der Deutschen eingegraben. Davon zeugen unter anderem der Erfolg des (auch ins Polnische übersetzten) Buches von Günter Grass, Im Krebsgang, Göttingen 2002 und zwei Spielfilme, die diese Geschichte behandelten: Nacht fiel über Gotenhafen aus dem Jahr 1957 und Die Gustloff aus dem Jahr 2008. Den letztgenannten Film sahen sich 10 Millionen Deutsche an. Vgl. P. Jendroszczyk, „Wilhelm Gustloff“ utonie jeszcze raz na ekranach telewizorów, in Rzeczpospolita vom 24.01.2009, S. A 11; B. T. Wieleński, Love Story na Gustloffie, in: Gazeta Wyborcza vom 5.03.2008, S. 2; W. Pięciak, Historia jest sexy, in: Rzeczpospolita vom 15.-16.03.2008, S. A 18, 19; F. Gańczyk, Titanic Trzeciej Rzeszy, in: Newsweek vom 2.03.2008, S. 12; S. F. Kellerhoff, K. Voy, Der Tod in der Kälte ist ein stiller, in: Die Welt vom 2.03.2008, S. 8; V. K. Heye, Die Gustloff schwimmt wieder, in Süddeutsche Zeitung vom 1.-2.03.2008, S. 21. Auf starke Resonanz stieß auch der zweiteilige Fernsehfilm Die Flucht aus dem Jahr 2007. Die Handlung spielt in Ostpreußen und zeigt unter anderem das Chaos bei der Flucht der zivilen Bevölkerung. Vgl. P. Jendroszczyk, Wypędzenia według Niemiec. Film o wypędzeniach z Prus Wschodnich ma wywołać dyskusję o doli Niemców w czasie drugiej wojny światowej: ich krzywdzie, winie i odpowiedzialności, in: Rzeczpospolita vom 3.-4.03.2007, S. A 6; B. Zwierz, Niemka oskarża Putina. Gwiazda filmu „Ucieczka“ chce, by prezydent przeprosił za zbrodnie Armii Czerwonej, in: Dziennik vom 6.03.2007, S. 40; B. T. Wieleński, Pruska arkadia w niemieckiej TV, in: Gazeta Wyborcza vom 7.03.2007, S. 13. In Ostpreußen spielt ferner der Spielfilm Operation Walküre aus dem Jahr 2009, in dem die Geschichte des gescheiterten Attentats auf Hitler in der Wolfschanze gezeigt wird. Vgl. A. Krzemiński, Kowboj w kwaterze Hitlera, in: Gazeta Wyborcza vom 29.01.2009, S. 15; P. Semka, Nie musimy czcić Stauffenberga, in: Rzeczpospolita vom 14.-15.02.2009, S. A 16, 17.

130  Die „Gauhauptstadt“ wurde zur Festung erklärt und sollte um jeden Preis gehalten werden. Die Erstürmung der Festung Königsberg war wesentlicher Bestandteil der ganzen ostpreußischen Operation der Roten Armee. Diese setzte sich aus drei Etappen zusammen: Vernichtung der deutschen 4. Armee, Sturm auf Königsberg und Beseitigung deutscher Truppen auf der Halbinsel Samland.

131  In der Schlussphase des Krieges waren sich viele Deutsche bewusst, dass sie schuldig geworden waren durch ihre grenzenlose Unterstützung für Hitler, durch die passive Duldung seiner Verbrechen oder auch nur dadurch, dass sie den Heldenmut nicht aufbrachten, gegen die verbrecherische Diktatur zu kämpfen. Immer weniger Menschen glaubten an die „Wunderwaffe“, die das Reich retten sollte. Dies ändert nichts an der Tatsache, dass viele Deutsche bis zum Schluss kämpften und bis zum letzten Augenblick fanatisch an das „Genie des unfehlbaren Führers“ glaubten.

132  E. Meindl, Ostpreußens Gauleiter…, S. 433. Andere Quellen geben eine Opferzahl zwischen 56 und 73 an.

133  Es wurde eigens eine internationale Ärztekommission mit „unabhängigen Fachleuten“ eingesetzt. Den in das Dorf erneut einrückenden Soldaten soll sich ein grausiger Anblick geboten haben: zwei Frauenkörper in gekreuzigter Stellung an die Scheunentore genagelt, ein Leiterwagen, an den vier nackte Frauen genagelt waren, Leichname durch „bolschewistische Horden“ vergewaltigter und geschändeter Frauen sowie bestialisch gefolterter Kinder. Diese Bilder wurde in ganz Deutschland verbreitet (vgl. unter anderem die „Deutsche Wochenschau“ vom 2.11.1944, Nr. 739, www.YouTube.com (23.03.2010). Zu Propagandazwecken wurden die bereits beigesetzten Opfer exhumiert und entsprechend „hergerichtet“. In Wahrheit wurde keine der getöteten Frauen vergewaltigt. Die eigens nachgestellten Fotografien waren eine Lüge. Die Unwahrheit über die Vorfälle in Nemmersdorf hält sich bis heute in den deutschen Publikationen und im gesellschaftlichen Bewusstsein. Vgl. G. Böddeker, Nemmersdorf, in: Letzte Tage in Ostpreußen. Erinnerungen an Flucht und Vertreibung, hrsg. von H. Reinoß, München 1993, S. 301-305; Ch. L. Mee, Die Teilung der Beute, Wien/München/Zürich/Innsbruck 1975, S. 22.

134  Im Dezember 1939 erschien in der deutschen Presse eine Meldung über 103 deutsche Zivilopfer, die bei den Ereignissen am 3.-5. September 1939 umkamen (zumeist Menschen, die ohne Gerichtsurteile von den Polen erschossen wurden). Bald wurde diese Zahl auf 5 000 Opfer angehoben. Im Februar 1940 schrieb die nationalsozialistische Propaganda von 45 000, später von 58 000. Hitler selbst sprach von 62 000. Vgl. T. Chińciński, P. Kosiński, Koniec mitu „Bydgoskiej Krwawej Niedzieli“, in: Biuletyn Instytutu Pamięci Narodowej 2003-2004, Nr. 1, S. 24-27. In den Jahren 1939-1945 ermordeten Deutsche insgesamt mehr als 13 000 polnische Einwohner Brombergs (nach anderen Quellen 28 000).

135  Gemäß den Anweisungen des Propagandaministeriums vom 30. Oktober 1944: „a) Sie [diese Ereignisse] würden als Bestätigung des (…) dem Volk Gesagten empfunden und steigern den Widerstandswillen, b) unter den Frauen (…) das Angstgefühle ausgelöst“. A. Kossert, Ostpreußen…, S. 320; B. Fisch, Nemmersdorf Oktober 1944. Was in Ostpreußen wirklich geschah, Berlin 1998.

136  R. Meindl, Ostpreußens Gauleiter…, S. 434, 435.

137  Derlei ereignete sich unter anderem in Mohrungen, wo 26 Diakonissen im Januar 1945 den Freitod wählten. Durch die Reportage Die Nacht von Wildenhagen von Włodzimierz Nowak und Agnieszka Kuźniak wurde der kollektive Selbstmord zahlreicher Frauen in Wildenhagen (Lubino) im Lebuser Land bekannt. Aus Angst vor einem „zweiten Nemmersdorf“ töteten sie sich und ihre Kinder in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1945. Die Welle der Massenselbstmorde unmittelbar vor dem Einmarsch der Russen erfasste ganz Deutschland. Man schätzt, dass mehr Frauen Selbstmord verübten als von den sowjetischen Truppen umgebracht wurden. Diese Reportage wurde zuerst im Jahr 2000 in der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ publiziert und dann in einen Sammelband von W. Nowak Obwód głowy, Wołowiec 2007, S. 19-40, aufgenommen. Auch eine deutsche Übersetzung liegt vor: Die Nacht von Wildenhagen. Zwölf deutsch-polnische Schicksale, Berlin 2009, S. 21-45.

138  Aufschriften an Hausmauern und auf Transparenten lauteten nun: „Wir kapitulieren nie“ oder „Uns geht die Sonne nicht unter“. Vgl. R. Leszczyński, Syndrom Nemmersdorfu. Niemcy nie mają historycznej racji, ale mają lepszych historyków, in: Wprost vom 15.04.2007, S. 78-81.

139  Infolge der deutschen Besatzung Weißrusslands beispielsweise kamen 2,7 Millionen Menschen (oder ein Viertel der Gesamtbevölkerung) um. Ungefähr 9 200 Dörfer brannten nieder, 692 Dörfer wurden mit ihren Bewohnern durch deutsche Pazifikationseinheiten vernichtet. Die Wirtschaft wurde zu 95 % zerstört.

140  Eine Einwohnerin Elbings berichtet: „Wir wurden jetzt noch einmal gemustert und nach Alter sortiert. Ich war damals 39 Jahre alt. Ein Zimmer von diesen Behelfsheimen war für die Vergewaltigungen hergerichtet, die nun erfolgen sollten. Zuerst kamen die jüngeren Frauen dran, ich erst gegen Morgen und wurde gleich von drei russischen Soldaten gebraucht. Diese Vergewaltigungen wiederholten sich täglich zweimal, jedesmal mehrere Soldaten, bis zum 7. Tag. Der 7. Tag war mein schrecklichster Tag, ich wurde abends geholt und morgens entlassen. Ich wurde am Geschlecht ganz aufgerissen und hatte armstarken Geschwulst vom Geschlechtsteil an beiden Oberschenkeln bis an die Knie. Ich konnte nicht mehr laufen und nicht liegen. Dann folgten noch 3 dieser schrecklichen Tage wie bis zum 6. Tag. Dann waren wir nach Ansicht der russischen Soldaten fertig und wurden nackt aus diesem Höllenraum herausgejagt. Andere Frauen traten an unsere Stelle. Eine ältere Frau gab mir eine Decke. Diese Scheußlichkeiten wurden im Beisein von 10 Frauen und oft auch im Beisein der eigenen Kinder durchgeführt. Meinen beiden Kindern blieb jedoch dieses erspart. In diesen schrecklichen Tagen erhielten wir kein Essen, sondern nur Alkohol und Zigaretten.“ Zit. nach Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Bd. I/1: Die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße, bearb. von Th. Schieder, hrsg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Bonn 1953, S. 62 f. Am 23. Januar 1945 vergewaltigten und töteten sowjetische Soldaten in Allenstein insgesamt 104 Nonnen der Kongregation der Schwestern von der hl. Jungfrau und Martyrin Katharina (gemeinhin Katharinerinnen genannt). Vgl. E. K. Czaczkowska, Pierwsze ofiary Armii Czerwonej na ołtarze, in: Rzeczpospolita vom 19.12.2006, S. A5. Vgl. auch: A. Krzemiński, Zwyczajne Niemki. Niemieckie obrachunki, in: Gazeta Wyborcza vom 3.-4. Januar 2004, S. 13-16; ders.: Sowieckie gwałty, czyli niemiecki pakt milczenia, in: Gazeta Wyborcza vom 12.11.2008, S. 18.

141  Die Berichte eines sechzehnjährigen Jungen aus Parwolken im Kreis Osterode zeichnen folgendes Bild: „Sie zündeten an, brachten um, raubten aus, was ihnen gefiel. Keiner verwehrte es ihnen. Innerhalb von wenigen Stunden verwandelten sich ganze Gehöfte in Trümmer. An Straßen und auf Feldern lagen Leichen. Jeder Tag brachte Mord und Raub. Erst kamen die einen und holten sich, was ihnen beliebte, dann kamen andere und wieder andere, ohne Ende. Was der eine nicht mitnahm, nahm der andere. Auf diese Weise haben wir fast unser ganzes Hab und Gut verloren. Die siegreiche Armee hinterließ eine bleibende Spur“. Zit. nach B. Domagała, Kształtowanie się tożsamości młodego pokolenia Mazurów w życiorysach wychowanków Mazurskiego Uniwersytetu Ludowego, in: Komunikaty Mazursko-Warmińskie 1991, Nr. 3, S. 154.

142  Zit. nach M. Podlasek, Wypędzenie…, S. 98.

143  Ebenda, S. 100.

144  Zit. nach Z. Romanow, Ludność niemiecka na Ziemiach Zachodnich i Północnych w latach 1945-1947, Słupsk 1992, S. 42 f. Die amerikanischen, britischen und französischen Streitkräfte waren der Gesamtheit der Deutschen ebenfalls feindlich gesinnt, zumal den Kriegsgefangenen. Vgl. J. Bacque, Der geplante Tod. Deutsche Kriegsgefangenen in amerikanischen und französischen Lagern 1945-1946, Hamburg 1990.

145  Vgl. L. Kopelew, Aufbewahren für alle Zeit, Hamburg 1982.

146  Über diese Angelegenheit schreibt Hubert Orłowski in einem Vorwort zum Sammelband Utracona ojczyzna. Przymusowe wysiedlenia, deportacje i przesiedlenia jako wspólne doświadczenie, pod red. h. Orłowskiego, A. Saksona, Poznań 1996, S. 10-12.

147  Es war kein Einzelfall. Am 9. April 1945 wurden in Celle 170 Häftlinge (darunter viele Polen), die aus einem Transport nach dem nahe gelegenen KL Bergen-Belsen geflohen waren, getötet. Einem Aufruf der SS folgend, ermordeten viele Celler Bürger wehrlose Häftlinge, wo sie sie nur aufgreifen konnten. Dieser Vorfall ging in die Geschichtsbücher als Massaker von Celle ein. Vgl. P. Jendroszczyk, Niemcy przypomną ofiary pogromu, upamiętniając wypędzonych, „Rzeczpospolita“ vom 13.03.2009, S. A 10.

148  Im Februar 2009 kam es zu einem diplomatischen Eklat, nachdem die Fahrzeugkolonne mit Vertretern des polnischen und des deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad von ihrem Weg nach Jantarny zur Umkehr gezwungen wurde. Ziel der Reise war eine Gedenkfeier für die Ermordeten. Die russischen Behörden erklärten, der Ort liege im Grenzgebiet; um es zu betreten, bedürfe es einer Sonderaufenthaltsgenehmigung.

149  A. Kossert, Prusy Wschodnie. Historia i mit, Warszawa 2009, S. 295.

150  Am 23. April 1945 verließ er auf dem Eisbrecher „Ostpreußen“ mit seinem Stab den Hafen Pillau, um über einen Militärstützpunkt auf der Halbinsel Hela und über Saßnitz am 30. April in Kopenhagen einzutreffen. Nach der Kapitulation des Dritten Reiches hielt er sich unter geändertem Namen in Norddeutschland versteckt. Am 25. Mai 1949 wurde er in der Umgebung von Hamburg wiedererkannt und von den Briten verhaftet, die ihn 1950 an Polen auslieferten. 1958 wurde er vor einem Warschauer Gericht unter anderem wegen Mitwirkung an der Ermordung von 400 000 Menschen und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Zu Tode verurteilt kam er ins Gefängnis in Barczewo im Ermland im früheren Ostpreußen. Im Alter von neunzig Jahren starb er eines natürlichen Todes am 12. November 1986 in einem Krankenhaus in Allenstein. Vgl. R. Meindl, Ostpreußens Gauleiter..., S. 459-491; A. Kossert, Ostpreußen…, S. 323 f.

Kapitel IV

Die alten und neuen Bewohner (1945-1950)

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Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete für Ostpreußen den Untergang und Zerfall der bisherigen sozialen Ordnung. Die bisherige Kontinuität, die eine staatliche, territoriale, nationale, wirtschaftliche, politische, historische, kulturelle und zivilisatorische war, riss nach Jahrhunderten ab. Das zusammenhängende Gebiet entfiel auf drei Staaten, nämlich Litauen, Russland (Sowjetunion) und Polen, die sich nach Größe, Wirtschaftspotential, historischer Tradition und ihrem Verhältnis zu diesem Land unterschieden. Entscheidend für die Herausbildung der lokalen und regionalen Identität der neuen Bewohner Ostpreußens waren der Besiedlungsverlauf, die nationale Zusammensetzung, die Politik der zentralen und regionalen Behörden, die Bedeutung dieser Gebiete für die Nationalmythologie sowie das Verhältnis zur Vergangenheit und insbesondere zum deutschen Kulturerbe.

1.   Das Memelland (Klaipėdos Kraštas) in den Grenzen des Mutterlandes

Das Jahr 1945 markiert eine „Stunde Null“, den Beginn einer neuen Epoche für das der Vergangenheit anheim fallende Land namens Ostpreußen. Die neuen Einwohner des Memellandes (auch Kleinlitauen genannt), des Königsberger/Kaliningrader Gebiets sowie des Ermlands und Masurens waren mit einer neuen und fremden Realität konfrontiert. Die bisherigen Einwohner konnten nicht viel mit ihr anfangen und kamen sich darin gleichermaßen fremd vor, degradiert zu Menschen zweiter oder dritter Klasse und, was häufig vorkam, jeglicher Rechte beraubt. Sie waren zur „Vernichtung bestimmt“ – so wie Zehntausende Häftlinge der Konzentrationslager, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Polen und anderen Ländern, die 1939-1945 in Ostpreußen die Grundlagen für das tausendjährige Dritte Reich schaffen sollten.

Die Bevölkerungsverluste unter den Einwohnern Ostpreußens waren die größten im gesamten Staat Adolf Hitlers, der Europa den grauenvollsten aller Kriege bereitet hatte. Sie bekamen als erste den ungeheuren Hass und die Rache zu spüren für das, was ihre Landsleute im Krieg und während der grausamen Besatzung in Russland, Weißrussland, der Ukraine und Polen getan hatten. Der totale Untergang des Dritten Reiches zog die völlige Vernichtung Ostpreußens nach sich.

Im Oktober 1944 überschritten Verbände der Roten Armee die Nordgrenze Ostpreußens. Ohne größere Verluste nahmen sie die Umgebung von Goldap, Gumbinnen und das südliche Memelland ein. Infolge der geordneten Aussiedlung auf Veranlassung der deutschen Behörden waren diese Landesteile zu 90 % von der Zivilbevölkerung geräumt. Ähnlich verhielt es sich in Tilsit und Insterburg.

Im Oktober 1944 nahmen sowjetische Truppen Šilutė (deutsch: Heydekrug, polnisch: Szyłokarczma) und die übrigen Ortschaften südlich von Memel ein. ← 157 | 158 → Erbittert gekämpft wurde auf der Kurischen Nehrung und um die Stadt Memel. Am 28. Januar 1945 fiel Memel, das anschließend mit dem gesamten historischen Memelland in die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik (LSSR) eingegliedert wurde. Die neuen sowjetischen Machthaber in Wilna begannen mit dem Aufbau einer eigenen Verwaltungsstruktur für das Gebiet. Ausgehend von Militärkommandanturen, die die Vorhut der neuen kommunistischen Ordnung darstellten, wurde die Gewalt allmählich an Parteifunktionäre übergeben, die aus dem Landesinneren Litauens und anderen Regionen der Sowjetunion kamen und den Grundstock der künftigen Nomenklatura, die neue sowjetische Machtelite, bildeten.

Das historische Gebiet des Memellandes/Kleinlitauens wurde trotz zahlreicher Verwaltungsänderungen nach 1945 niemals in seinen alten Grenzen wiederhergestellt.

Infolge des vom Deutschen Reich verlorenen Ersten Weltkriegs hatte man 1919 aus dem östlichen Teil Ostpreußens kraft § 99 des Versailler Vertrages einen neuen Verwaltungsbezirk namens Memelgebiet/Klaipedos Kraštas geschaffen und durch Völkerbundsmandat unter französische Verwaltung (1920-1923) gestellt.

Das Gebiet war insgesamt 2 708 km2 groß1, was etwa der Fläche Luxemburgs entsprach, und bestand aus den ehemaligen preußischen Kreisen Memel und Heydekrug und aus den nördlich der Memel liegenden Teilen der Kreise Tilsit und Ragnit. Ab 1920 umfasste es die Stadt Memel sowie die drei Kreise Memel, Heydekrug und Pogegen. Letzterer entstand 1920 und war eine neues Verwaltungsgebilde. Er umfasste den Ostteil des früheren Kreises Heydekrug und die nördlichen Landstriche der Kreise Tilsit und Ragnit. Nach dem Anschluss des Memellandes an Deutschland im März 1939 wurde dieser Kreis aufgelöst, um 1945 in Sowjet-Litauen wieder zu erstehen2.

Das 1919 geschaffene Memelgebiet reichte nördlich bis zur alten preußisch-russischen (später -litauischen) Grenze; im Westen wurde es durch die Kurische Nehrung begrenzt, wo 4 km südlich von Nidden die Grenze zur Weimarer Republik verlief. Die Memel war der Grenzfluss im Süden. Während der Zugehörigkeit ← 158 | 159 → zu Litauen bestand das Memelland 1923-1939 aus 65 Amtsbezirken, 30 Städten und 551 Dörfern. 1939 lebten hier 153 000 Einwohner3.

Die neue Verwaltungsgliederung Kleinlitauens (des Memellandes) rief unter den neuen kommunistischen Machthabern in Wilna heftige Kontroversen hervor. Nach den ersten Plänen, die am 22. November 1944 in der Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Litauens verabschiedet wurden, sollte diese Region aus zwei Kreisen bestehen: Klaipėda/Memel in seinen bisherigen Grenzen und Šilutė/Heydekrug. Letzterer sollte aus dem früheren gleichnamigen Kreis und 6 Gemeinden des früheren Kreises Pogegen bestehen: Katyčiai/Koadjuthen, Natkiškiai/Natkischken, Ruckai/Rucken, Pogegen, Piktupėnai/Piktupönen und Vilkiškiai/Willkischken. Die restlichen drei Gemeinden des alten Kreises Pogegen, Smalininkai/Schmalleningken, Viešvile/Wischwill und Lauksargiai/Laugszargen, sollten dem Kreis Taurage/Tauroggen angegliedert werden.

Letzten Endes verabschiedete das oberste Organ der litauischen Kommunisten die folgende Verwaltungseinteilung des Memellandes: Kreis Klaipėda mit 16 Gemeinden, Kreis Šilutė mit 15 Gemeinden und Kreis Pagegiai mit 16 Gemeinden. Die Ortschaften Priekulė/Prökuls (Kreis Klaipėda), Rusnė/Russ und Šilutė/Heydekrug waren direkt der Bezirksregierung mit Sitz in Klaipėda unterstellt. Die Umbenennung der Verwaltungsorgane auf der lokalen und regionalen Ebene (Bezirk, Kreis und Rajongemeinden) trugen auch zur Schaffung einer sowjetischen (gesamtsowjetischen) Realität bei, wodurch sich das Gefühl der Fremdheit, besonders bei den früheren Einwohnern verstärkte.

Die Änderung der Kreisgrenzen, unter anderem durch den Anschluss von Orten der alten Landesteile, d. h. des historischen Großlitauens, hatte für die neuen Machthaber – ähnlich wie im Ermland und in Masuren – symbolische Bedeutung. Man schuf nicht nur eine neue Gesellschaftsordnung im Sinne der stalinistisch-marxistisch-leninistischen Ideologie, sondern zog auch neue geographische Grenzen, die durch die neuen kommunistischen Behörden garantiert wurden. Dadurch brach man mit der alten Ordnung und historischen Tradition, sowohl der preußisch-deutschen (wilhelminischen, weimarischen, nationalsozialistischen) als auch der litauischen (der Jahre 1923-1939) oder derjenigen der 2. Polnischen Republik, wie dies im Soldauer Gebiet (1920-1939) der Fall war.

Der heutige Bezirk Klaipėda ist doppelt so groß wie das historische Memelland der Jahre 1919-1939. Er besteht zur Hälfte aus Regionen Großlitauens, d.h. dem südlichen und östlichen Schamaiten. Diese Landstriche gehörten früher zu historischen Gebieten wie Tauroggen/Tauraga, Schillehlen/Šilalė, Plungen/Plungė, Krottingen/Kretinga und Polangen/Palanga. Der Bezirk besteht aus den vier Rajongemeinden Schoden/Skuodas, Krottingen/Kretinga, Memel/Klaipėda ← 159 | 160 → und Heydekrug/Šilutė, den drei selbstverwalteten Städten Klaipėda, Neringa (gebildet aus drei Ortschaften auf der Kurischen Nehrung: Perwelk/Pervalka, Preil/Preila und Nidden/Nida) und Seebad Polangen/Palanga. Achte Verwaltungseinheit ist die Gemeinde Pagegiai mit den vier Hauptorten Ruckai, Pagegiai, Rambynas, Vilkyškiai. Im Gebiet lebten 2003 über 380 000 Einwohner4.

Der soziale Wandel, der sich in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg im historischen Gebiet Kleinlitauens vollzog, verlief unterschiedlich und war abhängig von der Eigenart der einzelnen Subregionen als historische Gebiete (z.B. Schamaiten, Wilnaer Region). Die Besiedlungsvorgänge und Nationalitätenverhältnisse in der Bezirkshauptstadt Klaipėda gestalteten sich anders als in den Kreisen, wo die Einheimischen, die wie im Ermland und in Masuren als Autochthone bezeichnet wurden, einen großen Anteil der Bevölkerung ausmachten (Kreise Memel-Land, Heydekrug und Pogegen). Wieder anders gestaltete sich die Lage in den Orten auf der Kurischen Nehrung, wo Nachfahren der aus Lettland stammenden Kuren lebten.

Die neue Gesamtbevölkerung Kleinlitauens nach dem Untergang des Dritten Reiches lässt sich im Lichte meiner Forschungen generell in drei Gruppen unterteilen, ähnlich wie im Ermland und in Masuren:

1.     Ehemalige Einwohner Kleinlitauens: Preußisch-Litauer, Kuren und Deutsche. Aus der Kulturlandschaft dieses Gebiets verschwunden ist die jüdische Bevölkerung, die seit Jahrhunderten diese Region bewohnte;

2.     Litauische Siedler, die selbständig oder in organisierten Gruppen aus dem benachbarten Schamaiten und anderen Teilen Litauens kamen;

3.     Russen und Vertreter anderer Nationalitäten, die aus verschiedenen Teilen der Sowjetunion ins Memelland kamen. Bei den Russen waren es hauptsächlich Berufssoldaten ihren mit Familien, Matrosen und Mitarbeiter der Meeresindustrie. Eine separate Gruppe bildeten Parteifunktionäre und Spezialisten verschiedener Fachgebiete, die größtenteils die künftige Nomenklatura stellten. In der Regel hatten sie, besonders in der frühen Nachkriegszeit, privilegierte Stellungen inne. Vertreter anderer Volksgruppen waren vor allem Weißrussen, Ukrainer und Polen. Sie ließen sich hauptsächlich in Klaipėda und größeren Städten nieder.

1.1.   Klaipėda – vollständiger Bevölkerungsaustausch

Die Stadt an der Dange wurde ähnlich wie andere Städte Ostpreußens (Königsberg, Tilsit, Insterburg, Allenstein, Elbing, Mohrungen, Lyck oder Neidenburg) ← 160 | 161 → stark zerstört, sowohl während der bewaffneten Kämpfe (z.B. Tilsit, Königsberg, Wormditt, Elbing), als auch durch Brandstiftungen und Raubzüge der Soldaten der Roten Armee nach dem Durchzug der Front (z.B. Allenstein, Neidenburg, Rastenburg). In allen größeren Städten der Region kam es zu einem fast völligen Bevölkerungsaustausch. Ursache dafür war, dass sich die Mehrheit der ostpreußischen Stadtbevölkerung (aus Deutschen oder germanisierten Litauern, Masuren und Ermländern) vor der Offensive der Roten Armee in Sicherheit gebracht hatte oder geflohen war, unmittelbar nach dem Krieg und in den folgenden Jahren aus ihren bisherigen Wohnorten ausgesiedelt wurde (1945-1949) bzw. mehr oder weniger freiwillig nach beiden deutschen Staaten ausreiste (hauptsächlich in den Jahren 1961-1968 aus Kleinlitauen und nach 1956 dem aus Ermland und Masuren).

Durch die blutigen Kämpfe im Januar 1945 wurde die Stadt Memel zu ca. 28 % zerstört. Weitere 36 % der Bausubstanz wurden erheblich beschädigt. Am stärksten betroffen war das Stadtzentrum (was auf alle Städte der Region beinahe regelmäßig zutraf). Viele wichtige Gebäude (Börse, Rathaus, Markthalle) und ganze Straßenzüge (z.B. die Häuser in der damaligen Marktstraße) wurden in Schutt und Asche gelegt. Bei ihrem Rückzug sprengten die Deutschen systematisch Hafenanlagen, Fabriken und Uferstraßen in die Luft. Viele hohe Bauten, zum Beispiel Kirchtürme, das neugotische Postgebäude oder der Wasserturm, wurden arg in Mitleidenschaft gezogen. Völlig durch Bomben und Brände zerstört wurden zahlreiche symbolische und historische Bauten, wie der Elefantenspeicher, oder wunderschöne Bürgerhäuser5.

Hinsichtlich der Bevölkerungsverluste war Klaipėda eine Ausnahmeerscheinung nicht nur innerhalb Ostpreußens, sondern im gesamten Nachkriegseuropa. Denn die Stadt verlor fast alle ihre Vorkriegseinwohner (man schätzt, dass Danzig 93 %, ganz Ostpreußen 94,9 % und Ost-Brandenburg (Lebuser Land) 94,9 % ihrer Einwohnerschaft verloren hatten)6. Der fast hundertprozentige Bevölkerungsverlust in Memel war das Ergebnis der vollständigen Räumung der Stadt durch die nationalsozialistischen Behörden und der Aufnahme der Bevölkerung in den mittleren Reichsgebieten. Es war das einzige Unternehmen dieser Art, als rechtzeitig vor der herannahenden Front die gesamte Zivilbevölkerung der damals 40 000 Einwohner zählenden Stadt evakuiert wurde. Ende 1944 kehrten etwa 10 % der Zivilbevölkerung nach Memel zurück, um die städtische Infrastruktur aufrechtzuerhalten. In jener Zeit waren in der Stadt etwa eintausend sowjetische Kriegsgefangene inhaftiert. Die letzten 100 Einwohner flohen zusammen mit dem Militär aus der zerstörten und verminten Stadt über die Kurische Nehrung in die Gegend von Königsberg. ← 161 | 162 →

Einer der ersten litauischen Neubürger schrieb: „Übriggeblieben waren nur zwei Litauerinnen im Alter von 80-90 Jahren, zwei weißrussische Kriegsgefangene, ein junger Mann und zwei zur Zwangsarbeit deportierte polnische Architektinnen“7.

Die sowjetischen Militärbehörden registrierten nach der Besetzung Memels insgesamt 28 Vertreter der lokalen Zivilbevölkerung in der Stadt. Seit Jahresbeginn 1945 kamen die ersten neuen Einwohner nach Klaipėda. Es war eine echte „Stunde Null“.

Der erste Zustrom neuer Einwohner nach Klaipėda erfolgte, wie im Ermland und Masuren, spontan und meist ohne behördliche Kontrolle. In die Hauptstadt und die Grenzorte des Memellandes kamen nach und nach Litauer aus Großlitauen. Ihre Beweggründe waren vielfältig. Einige kamen zum Plündern, um eigene Verluste aus den Jahren des Krieges wiedergutzumachen oder sich an „deutschen Gütern“ zu bereichern. Andere beabsichtigten, sich hier für eine kürzere oder längere Zeit niederzulassen. Neben den in der Stadt stationierten Rotarmisten trafen auch erste litauische und sowjetische Parteifunktionäre, Mitarbeiter des Sicherheitsapparats, der Miliz, der Verwaltung und Experten verschiedener Fachgebiete ein. In ihre Heimatstadt kehrten zunächst vereinzelt auch ehemalige Einwohner und die Bevölkerung aus den umliegenden Orten des früheren Memellandes zurück. Es waren Deutsche, Litauer und Einheimische, die wie im polnischen Teil Ostpreußens als Autochthone bezeichnet wurden. Diese erste, von den Behörden nicht kontrollierte „wilde Besiedlung“ dauerte bis Mitte des Jahres 1946.

Am 23. März 1946 verabschiedete das ZK der KPL und der Rat der Volkskommissare der Litauischen SSR ein Dekret über die Besiedlung des Bezirks Klaipėda. Es war geplant, binnen einer relativ kurzen Zeit hier etwa 13 000 Familien (knapp 39 000 Personen) aus anderen Regionen Litauens anzusiedeln. Bald erwies sich, dass die behördlichen Beschlüsse und Pläne unrealistisch waren.

Die Nachkriegsrealität entpuppte sich als viel komplizierter. So wie die polnischen und sowjetischen Behörden ihre ursprünglichen Siedlungspläne nicht realisieren konnten, wurden auch die litauischen Kommunisten mit zahlreichen Problemen konfrontiert, woraufhin sie ihre Vorhaben korrigieren mussten. Mangelndes Sicherheitsgefühl, kriegsbedingte Demoralisation, unzureichende finanzielle Hilfen für die Neusiedler, Unfähigkeit der neuen Behörden, das Ausmaß an Kriegszerstörungen und -verwüstungen, Unsicherheit über den endgültigen Grenzverlauf und die Nachkriegsordnung, Bürgerkrieg: dies waren die Hauptfaktoren, die die Besiedlung der neuen Gebiete auf Schwierigkeiten und vielfältige Hindernisse stoßen ließen. ← 162 | 163 →

Nachdem sich die Regierung der Reichweite des Problems bewusst geworden war, reduzierte sie die Besiedlungspläne. Nun sollten 9 600 Familien in Klaipėda und der Region wohnen. Letztendlich ließen sich im Rahmen der Siedlungsaktion in den ersten Nachkriegsjahren nur 5 300 Familien im Memelland nieder. Gegen Ende 1945 zählte Klaipėda etwa 6 000 Einwohner, 1947 stieg diese Zahl auf 51 000. Im Jahre 1946 kamen 19 000 Menschen in die Stadt, 1947 19 500, und 1948 13 800 neue Einwohner. Der Bevölkerungszuwachs in Klaipėda in den Jahren 1945-1950 gehörte zu den größten in ganz Litauen. Die meisten neuen Einwohner der Regionalhauptstadt stammten aus der Landbevölkerung. Vygantas Vareikis zufolge arbeiteten bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 91,47 % der Litauer von allen 88,45 % Berufstätigen landesweit in der Landwirtschaft. Sie kamen hauptsächlich aus dem benachbarten Schamaiten und den Regionen Dzūkija und der Suvalkija8.

Das Beispiel der litauischen Umsiedler aus der Region Suvalkija ist einer eingehenderen Untersuchung wert, allein schon wegen der Analogie zu den polnischen Aussiedlern aus der Region Wilna, die sich in den Städten und Dörfern des Ermlands und Masurens niederließen. Wie die Deutschen und andere Einwohner Ostpreußens wurden diese beiden Gruppen Opfer des Großen Krieges, der dazu führte, dass sie ihre Heimat verlassen mussten.

Der Zweite Weltkrieg hatte tiefgreifenden Einfluss auf den Verlauf der Grenzen, die soziale, politische und wirtschaftliche Ordnung sowie auf die Nationalitätenverhältnisse. Er bewirkte eine Änderung der polnisch-sowjetischen und folglich nach dem Zerfall der Sowjetunion der polnisch-russischen, -ukrainischen, -weißrussischen und -litauischen Staatsgrenze. Dadurch fanden sich viele Menschen polnischer, ukrainischer, weißrussischer und litauischer Herkunft, die polnische Staatsbürger waren, in den Grenzen der Sowjetrepubliken wieder. In den Jahren 1944-1946 wurden aus Polen 489 000 Ukrainer (von insgesamt 600 000, die 1945-1946 in Polen lebten) und etwa 36 000 Weißrussen, deren 150 000 im Land blieben, freiwillig, halb oder ganz zwangsweise ausgesiedelt. Kraft eines Abkommens zwischen dem Polnischen Komitee der Nationalen Befreiung (Lubliner Komitee) und der sowjetischen Regierung Litauens vom 22. September 1944 über den Bevölkerungsaustausch verließen etwa 1 000 Litauer (von insgesamt ca. 20 000) Polen9. Aus der Region Wilna, die Litauen angegliedert wurde, kamen in den Jahren 1944-1948 197 156 Personen (oder 12,98 % aller Repatriier ← 163 | 164 → ten aus der Sowjetunion) nach Polen. Im südlichen Ostpreußen, d. h. im Ermland und in Masuren, ließen sich etwa 100 000 Polen aus der Region Wilna nieder10.

Auch in diesem Fall waren Schicksale der Polen und Litauer kurios miteinander verflochten. Die Litauer verließen ihre Häuser in der Region Suwałki, die nun in Polen lag, und gingen ins nördliche Ostpreußen, d.h. ins Memelland.

Die polnischen Aussiedler aus der Region Wilna, die an Litauen kam, fanden größtenteils ihre neue Heimat im Süden Ostpreußens, d. h. im Ermland und in Masuren. Beide Gruppen bezogen Häuser und übernahmen Gehöfte, in denen jahrhundertelang Deutsche und „Autochthone“ (Ermländer, Masuren und Klaipediskis) lebten. Ein Teil der Litauer aus der Region Suwałki zog im Rahmen der freiwilligen Binnenmigration in einen angrenzenden masurischen Kreis (hauptsächlich nach Ełk/Lyck und dem gleichnamigen Landkreis), der damals Teil der Woiwodschaft Białystok war (in der auch die Region Suwałki lag). Das Hauptziel des Wohnsitzwechsels war die Verbesserung der Lebensbedingungen durch die Übernahme gut eingerichteter Gehöfte, die früher von Deutschen oder Masuren bewirtschaftet wurden.

Litauer, die aus der Region Suwałki ausgesiedelt wurden, sowie Polen aus der Region Wilna begegneten nun ihren jeweiligen Landsleuten, die über Jahrhunderte in den Grenzen Ostpreußens gelebt hatten. Die Mentalitätsunterschiede waren so gravierend, dass es oftmals zwischen den beiden Gruppen zu mehr oder weniger ernsthaften Spannungen kam. Die einen wie die anderen betrachteten ihre alteingesessenen Landsleute als Deutsche oder im besten Fall als germanisierte Litauer oder Polen. Sie bemerkten deren Eigenart, akzeptierten sie jedoch leichter als die Einwohner Zentralpolens oder Kernlitauens. Dies deswegen, weil die Polen in der Region Wilna und die Litauer in der Region Suwałki in einer multinationalen und multikulturellen (polnisch-litauisch-jüdisch-russischen) Gesellschaft lebten. Zu verschiedenen historischen Zeiten war ihre jeweilige Gruppe bald in der Mehrheit, bald in der Minderheit gewesen. Daher fiel es ihnen leichter, die Eigenart germanisierter Landsleute und die der dort lebenden Deutschen zu akzeptieren.

Polen, die aus dem „zentralen“, „echten“ bzw. „Kern“-Litauen oder -Polen kamen, waren gegenüber litauischen oder polnischen Einheimischen in der Regel feindselig eingestellt. Sie nahmen sie als „Faschisten“, „Hitleristen“ oder auch Deutsche wahr.

M.K. erinnert sich an eine Begegnung mit „Kolonisten“, d.h. mit Litauern aus Großlitauen: „Sie betrachteten uns als Feinde. Oft bekam man zu hören: ‚Was ← 164 | 165 → sucht ihr hier. Geht zu eurem geliebten Hitler’ oder auch ‚Faschisten’ bzw. einfach ‚Deutsche’. Auf unsere Beteuerungen, wir seien doch Litauer und sprächen Litauisch, wurde häufig erwidert: ‚Solche in der Wolle Gefärbten gibt es hier mehr als genug. Als die Deutschen hier waren, habt ihr Heil geschrien, und jetzt, wo der Iwan euch den Arsch versohlt hat, ist euch wieder eingefallen, dass ihr Litauisch sprecht’. So war das…“ (Interview des Autors im Oktober 2005).

Die nach Klaipėda gekommenen Kolonisten bezogen Wohnungen und andere Gebäude in der Regel ohne darauf zu achten, ob die früheren Besitzer Deutsche, Litauer oder Autochthone waren. Oft wurden letzteren Kleidung, Getreide, Lebensmittel oder verschiedene Gerätschaften weggenommen. Dabei wurde das historische und kulturelle Erbe der Region negiert. Zum Ausdruck kam dies unter anderem durch die Plünderung zerstörter Kirchen, das Fällen und Verheizen hundertjähriger Bäume und das Weiden von Vieh auf lutherischen Friedhöfen, die man in der Regel nicht ehrte, weil sie als zum „deutschen“ Glauben gehörig betrachtet wurden.

Zu einer ersten Rückkehrwelle ehemaliger Einwohner der Stadt und ihrer Umgebung kam es um den Jahreswechsel 1945/1946. In dieser Zeit wurden an den entsprechenden Stellen etwa 4 000 Menschen registriert. Ein Teil von ihnen ließ sich in Klaipėda nieder. 1948 trafen 562 und im Jahr 1949 652 frühere Stadteinwohner in Klaipėda ein. Laut Schätzungen kehrten in den Jahren 1945-1949 fast eintausend frühere Einwohner in die Stadt zurück. Wegen ihrer bescheidenen Zahl waren sie kein prägendes Element in der Landschaft der Stadt mehr, in die nun massenweise neue Einwohner strömten.

Von Anfang an gaben die „Neuen“ den Ton an und prägten den Charakter Klaipėdas. Es waren unter ihnen drei Hauptgruppen zu unterscheiden: Litauer aus Großlitauen, Russen und andere Volksgruppen (vorrangig Ukrainer, Weißrussen, Polen und Juden). In der Mehrheit handelte es sich um Landbevölkerung, für die der Umzug in die Stadt zweifelsohne eine Form des gesellschaftlichen und zivilisatorischen Aufstiegs darstellte. Dieser Umstand federte die Alltagsbeschwernisse in den ersten Nachkriegsjahren ab und entschädigte sie gewissermaßen. Die damals im Entstehen begriffene Gesellschaft Klaipėdas begründete dauerhaft den unverwechselbaren Charakter der Stadt. Im Unterschied zu anderen litauischen Städten stand ihre Herausbildung unter dem Vorzeichen des fast vollständigen Bevölkerungsaustauschs. Es gab und gibt bis heute keine zweite Stadt in Litauen, in der so viele Russen wohnen (1950 machten die Litauer nur 40 % der Stadtbevölkerung aus, Russen hingegen 51 %, Weißrussen 3 %, Juden 1 % und Vertreter anderer Nationen 5 % von insgesamt 45 500 Einwohnern).

Für die meisten neuen Einwohner war Klaipėda eine kulturell höchst „fremd“ anmutende Stadt, deren deutscher Charakter auf Schritt und Tritt zu sehen war. Rasch wurde sie auch bekannt als eine Stadt, in der „sehr viele Russen leben“. ← 165 | 166 →

Auch die Tatsache, dass Klaipėda eine Hafen- und Militärstadt war, bestimmte ganz entscheidend seine Eigenart mit. Ähnlich wie Kaliningrad und das gesamte Kaliningrader Gebiet war die Stadt für Ausländer praktisch nicht zugänglich, ein mehr oder weniger abgeriegeltes Gebiet unter „Sonderaufsicht“11.

Entscheidend beeinflusst wurden der intensive Wiederaufbau der zerstörten Stadt, die Wiederinbetriebnahme der industriellen Infrastruktur und folglich die Zunahme der Einwohnerzahl durch die günstige geographische Lage. Der ganzjährig eisfreie Zugang zum Hafen von Klaipėda machte es nicht nur zu einem günstigen und laufend erweiterten Militärstützpunkt, sondern auch zu einem wichtigen Ostseehafen. Bis Ende 1945 nahmen 12 Industriewerke ihren Betrieb auf, von denen in hohem Maße das normale Funktionieren und die Entwicklung der Stadt abhingen (Mühle, Elektrizitätswerk, Bäckereien, Möbelfabrik, Brauerei usw.). Im Jahr 1947 waren bereits 66 Arbeitsstätten in Betrieb. Gegen Jahresende 1945 entfiel auf Klaipėda 1 % der Industrieproduktion von ganz Litauen. Im Lauf der Jahre wurden Fischerei und Fischverarbeitungsindustrie intensiv ausgebaut (der Fischfang in der Ostsee wurde 1947 wieder aufgenommen). Ende der vierziger Jahre wurden 40 neue Fischkutter gekauft. 1950 entfielen 80 % der gesamten Fischfangmenge auf Schiffe aus dem Hafen Klaipėda. Die Fischerzeugnisse wurden in der gesamten Sowjetunion abgesetzt. Die meisten Fischer waren in den ersten Nachkriegsjahren Russen, die auch in den hier zahlreich stationierten Garnisonen (Berufsoffiziers- und -unteroffizierskader mit Familien), in der Parteinomenklatura, im Sicherheitsapparat und in der Werftindustrie dominierten. Die russische Sprache gehörte von nun an zum kulturellen Bild der Stadt. Die beachtliche Zahl der Russen beförderte eine relativ rasche und umfangreiche Sowjetisierung der Stadt, die auch im allgemeinen Bewusstsein der Litauer als solche galt (und immer noch gilt). Dies hatte vielfältige Folgen im Bereich der Mentalität, aber auch für das Straßenbild, die Kultur, Wissenschaft und den Alltag, was sich zum Beispiel im Kampf gegen ein im weiten Sinne verstandenes „Deutschtum“ im zeigte. Ein spektakuläres Indiz für diese Sowjetisierung war die Tatsache, dass die meisten amtlichen Unterlagen in den städtischen Einrichtungen in den Jahren 1947-1950 auf Russisch geführt wurden! Zuvor (in den Jahren 1945-1947) hatte man in den Behörden die litauische Sprache benutzt.

Wie in Kaliningrad und einigen ermländischen und masurischen Städten, wo große Aussiedlergruppen aus der Sowjetunion eintrafen (z.B. in Braniewo/Braunsberg), war auch in Klaipėda in den Jahren 1945-1946 das Phänomen der Ruralisierung oder „Verdörflichung“ der Stadt zu beobachten. Der starke Zustrom ländlicher Bevölkerung und die Versorgungsschwierigkeiten in der Nachkriegszeit ließen die Hauptstadt der Region eher an ein Dorf als eine Stadt erinnern ← 166 | 167 → (1946 lebten in Klaipėda bereits 30 000 Einwohner). Das Hauptproblem war der Mangel an Lebensmitteln und Heizmaterial. Die neuen Stadtbürger hielten in ihren Wohnungen und Häusern verbreitet nicht nur Hühner und Kaninchen, sondern auch Schweine und Kühe.

Vygantas Vareikis schreibt: „morgens wurden die Kühe durch das Stadtzentrum getrieben, durch die Laukininkai- und Liepoja-Straße auf umliegende Wiesen, und abends zurück. Wessen Vieh in den Straßen zu langsam lief, der bekam eine Strafe in Höhe von 100 Rubel oder einen Monat Zwangsarbeit. 1950 wurde den Stadtbewohnern verboten, Kühe in den Stadtgrenzen zu halten und zu weiden“12.

Die schlechte Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Produkten resultierte einerseits aus den objektiven Schwierigkeiten der Nachkriegszeit, andererseits aber aus der „geplanten kommunistischen Mangelwirtschaft“. Kurz nach Kriegsende gab es privaten Handel, Verkaufsstände und Gaststätten. Doch gemäß dem sowjetischen Verbot privaten Handels und Unternehmertums wurde dieser „marktwirtschaftlichen“ Episode bald ein Ende gesetzt. Wegen der Versorgungsschwierigkeiten hielten die Behörden bis Ende 1947 am System der Lebensmittelbewirtschaftung in Form von Lebensmittelkarten fest. Arbeiter konnten 600 g Brot und sonstige Personen 250 g pro Woche kaufen; die Kinder hatten Anspruch auf 300 g Brot13. Wie im gesamtsowjetischen Zuteilungssystem für Mangelware gab es auch hier „Sonderlisten“ für die Nomenklatura und die Funktionäre der kommunistischen Partei. Dies stand eindeutig im Widerspruch zu den Propagandaparolen von sozialer Gleichheit, die das sozialistische (kommunistische) System angeblich auszeichnen sollte. Im gesamten ehemaligen Ostpreußen, somit auch in Klaipėda und der Umgebung, wurde in großem Stil illegaler Schnaps gebrannt, mit dem „der Schmerz gelindert“ werden konnte, der aber neben Zigaretten als Währung fungierte, mit der man verschiedene Güter bei den Soldaten der Roten Armee bezahlen konnte. Diese Güter stammten meistens aus Diebstahl und Raub. Dies war ein ernsthaftes Problem. Noch 1946 wurden zahlreiche Frauen in den Trümmern der Stadt von Seeleuten aus dem Kriegsflottenstützpunkt im nahen Giruliai (Försterei) überfallen und vergewaltigt. Betrunkene russische Militärangehörige pöbelten die Frauen auch am helllichten Tag an. Die Stadt genoss einen zweifelhaften Ruf wegen der hohen Zahl der Straftaten.

Dies ließ das ohnehin gespannte Verhältnis zwischen den alten und neuen litauischen Einwohnern und den Russen sich noch mehr zuspitzen. Verstärkt wurden die Gegensätze in erster Linie durch die privilegierte Stellung der Russen (sowohl der aktiven als auch der demobilisierten Soldaten und Zivilisten) bei der Zuteilung von Wohnungen, die immer knapper wurden. 1947 sahen sich die Stadtbehörden zum Beispiel gezwungen, 60 Häuser an Militärangehörige und ihre Familien zu übergeben. Dadurch fand sich die Öffentlichkeit in der gängigen ← 167 | 168 → Meinung bestätigt, dass die Militärs in den ersten Nachkriegsjahren (1945-1947) die tatsächlichen Verwalter und Besitzer der Stadt gewesen seien. In der Regel ließen sie zahlreiche Wohnungen und Häuser verkommen oder verwüsteten sie. Oft wurde die Zentralheizung zerstört und durch holz- oder seltener kohlebefeuerte Kanonenöfen ersetzt. Ähnliches geschah auch im Kaliningrader Gebiet, aber auch im Ermland und in Masuren14.

Spannungen und Konflikte zwischen Litauern und Russen vor dem Hintergrund des Zugangs zu knappen Wohnungen dauerten mit unterschiedlicher Intensität bis zur Wende der Jahre 1988-1990 an, zumal die privilegierten Militärangehörigen nicht Litauer waren, sondern hauptsächlich Russen, Ukrainer und Weißrussen.

Ein anderes Merkmal der neuen städtischen Bevölkerung war der anhaltende Mangel an Intellektuellen. Die ehemalige Intelligenz hielt sich im besetzten Deutschland auf. Unter den neuen Einwohnern dominierte die ländliche Bevölkerung, die in der Regel nur über eine Grundausbildung verfügte. Städter mit Hochschulabschluss ließen sich meistens in Wilna oder Kaunas nieder, die „litauisch“ waren und keine „kulturelle Wüste“ darstellten. Im zerstörten Klaipėda fehlte es unter anderem an Bibliotheken. Litauische Bücher waren früher, d.h. nach dem „Anschluss“ Memels an das Dritte Reich im Jahr 1939, nach Kaunas und Schaulen abtransportiert worden, während Bücher in deutscher Sprache allgemein als Heizmaterial dienten. Unter den neuen Intellektuellen stellten Russen einen hohen Prozentsatz und bildeten gewissermaßen eine Kette entlang der Ostseeküste durch ihre stärkere Konzentration in den Städten des Kaliningrader Gebiets (Baltijsk/Pillau, Kaliningrad) und in Klaipėda, Liepāja, Riga und Tallinn.

1.2.   Litauische Autochthone

Durch die totale Evakuierung und Flucht der Einwohner aus Klaipėda und dem übrigen Kleinlitauen entstand ähnlich wie in vielen Gegenden des Ermlands und Masurens sowie der Kenigsbergskaja Oblast ein demographisches Vakuum. Die ← 168 | 169 → einmarschierende Rote Armee nahm oftmals Landstriche ein, die praktisch unbewohnt waren. Das war in Klaipėda und den nördlichen Teilen des Memellandes der Fall.

Zwischen der Regionalhauptstadt und den übrigen Gebieten bestanden allerdings gravierende Unterschiede. In Memel dominierte bis zur Einnahme durch sowjetische Truppen die deutsche Bevölkerung oder auch litauische Memelländer (Einheimische genannt), die sich für Deutsche hielten. Die Gruppe der für Litauen optierenden Memelländer war gering. Das war einer der Gründe, warum recht wenige in ihre Heimatstadt zurückkehrten. Der Anteil der früheren Einwohner war nicht höher als 5 %, so dass sie kaum ins Gewicht fielen und außerdem durch die neuen Machthaber desintegriert und marginalisiert wurden.

Im Gegensatz zu anderen Städten Großlitauens oder zu städtischen Zentren im Ermland und in Masuren bildeten in Memel die Russen in der Nachkriegszeit die dominierende Gruppe (sowohl zahlenmäßig als auch hinsichtlich der bekleideten Funktionen). Diese einmalige Situation führte dazu, dass die Sowjetisierung in dieser „sowjetischen Stadt“ anders und mit anderer Dynamik verlief als in den übrigen Orten der Region in Litauen oder Polen.

Verlauf und Charakter der Kämpfe im Jahr 1944 sowie die Einstellung der sowjetischen Besatzungsbehörden und der neuen Verwaltung zur gesamten Region und deren früheren Einwohnern ähnelten denen im Ermland und Masuren. Diese Einstellung war allerdings durchaus verschieden von derjenigen der sowjetischen Soldaten und Kriegskommandanturen im späteren Kaliningrader Gebiet.

Die Lage der ehemaligen Bewohner Ostpreußens nach dem Untergang des Dritten Reiches gestaltete sich meinen Recherchen zufolge gerade im Memelland am günstigsten. Dies war durch mehrere Faktoren bedingt:

1.     Gemäß den Plänen Joseph Stalins zur Nachkriegsordnung und dem Verlauf der Westgrenzen der Sowjetunion wurde schon 1943 davon ausgegangen, dass das Gebiet des Memellandes in den Grenzen Litauens liegen würde. Dieser Staat sollte ähnlich wie Lettland und Estland eine Sowjetrepublik werden und zur UdSSR gehören. Aus diesem Grund entlud sich der Hass gegen das Dritte Reich hauptsächlich im „typisch deutschen“ Gebiet Ostpreußens, d.h. in Königsberg und den zentralen Landstrichen der Region, wo keine polnisch- oder litauischstämmige Bevölkerung lebte. Das Ausmaß der Raubzüge, der Aussiedlungen in den Osten und der Demontage war in Preußisch-Litauen am geringsten;

2.     Unter den sowjetischen Truppen, die im Norden Ostpreußens kämpften, war auch eine so genannte litauische Division. Deren litauische Befehlshaber und Soldaten waren sich bewusst, dass in diesen Gebieten litauischstämmige Bevölkerung lebte und dass diese Region 1923-1939 Teil Litauens gewesen war. An Kämpfen in den südlichen Regionen Ostpreußens, die an Polen an ← 169 | 170 → gegliedert wurden, waren polnische Soldaten nicht beteiligt. Verbände der 1. und 2. Armee des polnischen Heeres kämpften hauptsächlich im Rahmen von Operationen in westlicher Richtung und beendeten ihren Kampfzug mit dem Sturm auf Berlin. Aus dem südlichen Memelland hatten sich die deutschen Einheiten generell kampflos zurückgezogen. Schon im Oktober 1944 nahmen die Russen Heydekrug ein. Die deutsche Wehrmacht verteidigte ihre Stellungen hauptsächlich in Memel und auf der Kurischen Nehrung;

3.     Die nationalsozialistischen Machtaber hatten angesichts der Frontlage schon im Juni 1944 die Massenevakuierung der zivilen Bevölkerung angeordnet. Sie verlief „vorbildlich“. Als im August die Kampfhandlungen zum Stillstand kamen, verfügten die Behörden, dass die Landwirte in ihre Höfe zurückkehren sollten, um die Ernte einzubringen. Allerdings ordnete die Wehrmacht schon zwischen dem 9. und 19. Oktober die vollständige „Säuberung“ der Region von der übrigen Zivilbevölkerung an. Die NSDAP-Führung hielt die Einwohner des Memellandes für politisch unzuverlässig. Sie wurden verdächtigt, sie könnten mit dem Feind kooperieren. Die ländliche Bevölkerung rettete sich mit ihrer Habe auf Pferdewagen ins Innere Ostpreußens. Die Regierung in Berlin befürchtete, dass der Anblick der Flüchtlinge und ihrer Trecks das Durchhaltvermögen aller Deutschen negativ beeinflussen könnte, und stimmte aus diesem Grund ihrem Weiterzug in das Reich nicht zu. Die Einwohner Memels wurden auf dem Seeweg oder per Bahn hauptsächlich nach Sachsen evakuiert.

Ein Einwohner Memels erinnerte sich so: „Und als die Russen näherkamen, sollten wir alle flüchten. Zu der Zeit, als wir flüchten sollten, da sollten alle rauskommen, keiner sollte hierbleiben. Überhaupt wurde von der SS gesagt, dass jemand, der hierbleibt, den Russen gerne treffen will. Also, haben sie gesagt, du bist ein Kommunist, du willst mit den Russen hier sein. Das ganze Memelgebiet sollte flüchten. In Memel, also in Klaipėda, da durfte keiner hier bleiben. Das wurde von der Partei und der SS geprüft. Ham se einen gefunden, der wurde im Moment erschossen. Der Eine war für früher, der Andere war für später. Es sind nicht alle zusammen gefahren. Wer schneller war, fuhr schneller ab. Und wer nicht so schnell abreiste, weil: ein jeder Bauer wollte, dass der Wagen gut war. Und dann sollten wir auch ein Dach auf dem Wagen machen. Ein Wagen hatte drei Familien. Das waren bei uns vier Kinder und noch einmal fünf Kinder“15.

Trotz des „vorbildlichen“ Charakters der ganzen Aktion, der Gauleiter Erich Koch große Bedeutung beigemessen hatte, gelang es einem Teil der Bevölkerung des südlichen Kreises Pogegen nicht mehr zu fliehen; sie blieb in ihren Häusern oder kehrte nach kurzer Flucht wieder heim. ← 170 | 171 →

1.2.1.   Lage und Rechtsstatus der einheimischen Bevölkerung

Die ehemaligen Bewohner des Memellandes, d.h. Deutsche und Einheimische (der litauischen bzw. deutschen Option), waren im Vergleich zu den Einwohnern der übrigen Teile Ostpreußens, die an die Russische Sozialistische Sowjetrepublik und Polen kamen, in der günstigsten Lage.

Unmittelbar nach der Einnahme durch sowjetische Truppen wurde das Memelland an die Litauische SSR angeschlossen. Die Sowjetunion akzeptierte den Anschluss an das Dritte Reich im März 1939 nicht und billigte den Stand aus dem Jahr 1923, als dieses Gebiet zu Litauen gehörte. Aus diesem Grunde wurden alle ehemaligen Bewohner, Deutsche wie litauische Autochthone, gleich behandelt. Sie durften heimkehren und sich in ihrer Heimat niederlassen. Man ging davon aus, dass sie als litauische Staatsangehörige aus den Jahren 1923-1939 weiterhin die litauische Staatsbürgerschaft besitzen. Die Jahre 1939-1945 galten als Zeit deutscher Besatzung. Deswegen wurden die ehemaligen Einwohner, die sich evakuierungsbedingt in verschienen Regionen des besetzten Deutschlands aufhielten, zur Heimkehr aufgefordert, und zwar unabhängig von der objektiven oder dem subjektiven Gefühl ihrer nationalen Zugehörigkeit; es wurden ihnen entsprechende Bedingungen für die Rückkehr geschaffen.

Dieser Umstand war nicht nur für die litauischen Kommunisten von großer Bedeutung. Die ehemaligen Bewohner des Memellandes (ähnlich wie Ermländer und Masuren in Polen) lieferten Litauen ein gewichtiges Argument zur Begründung seines Anspruchs auf diese Region. Andererseits waren die litauischen Kommunisten und die Rote Armee die Hauptgaranten der Zugehörigkeit dieser Region zum litauischen Staat. Ähnlich verhielt es sich mit der Region Wilna, die kraft der Entscheidungen Stalins von 1939 und 1945 Teil Litauens wurde. Daher bleibt festzuhalten, dass Litauen als einziges Land in Ostmitteleuropa nicht nur nichts von seinem Besitzstand von 1938 eingebüßt hatte, sondern diesen auch deutlich vergrößerte (um die Region Wilna, die 1923-1939 zu Polen gehört hatte, und um das Memelland, das bis 1919 und in den Jahren 1939-1944 Teil Preußens/Deutschlands gewesen war).

Die besondere Lage der deutschen Bevölkerung im Memelland unterschied sich stark von der ihrer Landsleute in anderen Regionen Ostpreußens. Nach etwa dreijähriger Duldung der deutschen Bevölkerung im Kaliningrader Gebiet beschloss die Moskauer Regierung deren vollständige Aussiedlung. In den Jahren 1947-1949 wurden alle Deutschen in die Sowjetische Besatzungszone ausgesiedelt. Auch die polnische Regierung begann seit 1945 mit der Aussiedlung aller Deutschen nicht nur aus dem Ermland und aus Masuren, sondern aus dem ganzen Land. Die sowjetischen und polnischen Machthaber wollten längerfristig in ihrem jeweiligen Staatsgebiet keine deutsche Bevölkerung mehr dulden; dies galt ← 171 | 172 → besonders für Ostpreußen. Für Moskau existierten zwei Möglichkeiten: die Deutschen hinter den Ural zu deportieren oder in die sowjetische Besatzungszone auszusiedeln.

Es gab auch große Unterschiede in der Haltung der litauischen und der polnischen Behörden gegenüber der autochthonen Bevölkerung. Die gesamten ehemaligen Einwohner des Memellandes, d.h. die Deutschen und die litauischstämmigen Einheimischen (Autochthonen), wurden als ehemalige litauische Staatsangehörige eingestuft und keiner nationalen Überprüfung unterzogen wie im Ermland und Masuren. Diese Maßnahmen hatten zum Zweck, die polnischstämmige Bevölkerung, die auf ihren Höfen bleiben durfte, abzugrenzen von den Deutschen, die zur Aussiedlung aus Polen verurteilt waren. Die Lage der ehemaligen Einwohner des Memellandes war auch günstiger als die der masurischen Bevölkerung im Soldauer Gebiet, das 1920-1939 Teil Polens war. In dieser Region wurde die nationale Rehabilitierung durchgeführt, weil die dortigen Masuren im Unterschied zu den Memelländern 1939 keinesfalls quasi automatisch die Staatsbürgerschaft des Dritten Reiches erhielten, sondern in der Regel unter Druck die Eintragung in die Deutsche Volksliste beantragen mussten. Im Kaliningrader Gebiet gab es das Problem der Einheimischen (Autochthonen) nicht, da alle ehemaligen Einwohner der Region als Deutsche angesehen wurden.

Trotz der unterschiedlichen Einstellung der sowjetischen, litauischen und polnischen Behörden (vom Grad der Abhängigkeit der Wilnaer bzw. Warschauer Kommunisten von Moskau einmal ganz abgesehen) zu den ehemaligen Einwohnern Ostpreußens wurden diese im Alltag in der Regel als Bürger zweiter Klasse behandelt. Man legte ihnen die Mitschuld an den unermesslichen Verbrechen des Dritten Reiches zur Last und begegnete ihnen daher mit Argwohn und Misstrauen. Die Einheimischen wurden meistens als „Deutsche“ oder „eingedeutschte Autochthone“ angesehen.

Nach der Beendigung der Kriegshandlungen war die Regierung in Wilna bestrebt, das entstandene demographische Vakuum zu füllen; dabei griff sie auf zweierlei Maßnahmen zurück: Repatriierung früherer Einwohner aus dem Inneren Deutschlands und Ansiedlung neuer Siedler. Bei der Repatriierung ließen sich die Behörden nicht nur durch Aspekte der nationalen Legitimation des Anspruchs auf diese Gebiete leiten, nämlich dadurch, dass hier seit Jahrhunderten Litauer bzw. Litauischstämmige lebten, sondern auch durch pragmatische Gesichtspunkte. Die ehemaligen Einwohner sollten zum Wiederaufbau und der wirtschaftlichen Entwicklung der Region beitragen.

Deswegen herrschte die Überzeugung vor, wonach das Memelland ein integraler Bestandteil Litauens sei und die ehemaligen Bewohner folgerichtig genauso zu behandeln seien wie andere litauische Staatsbürger. ← 172 | 173 →

Für die Regierungen in Wilna und Moskau bestand ein formales Problem hinsichtlich der Repatriierung der Memelländer darin, dass diese nie zuvor die sowjetische Staatsbürgerschaft besessen hatten. Daraus erwuchsen rechtliche Bedenken, ob diese Menschen sich in der Sowjetunion, d.h. der Litauischen SSR, überhaupt „repatriieren“ lassen dürften.

Durch Evakuierung und Flucht vor den heranrückenden Truppen der Roten Armee waren ca. 140 000 Einwohner der Region (ca. 93 %) gezwungen, ihren bisherigen Wohnsitz zu verlassen. 1938 lebten hier 152 800 Menschen16. Trotz der Evakuierungsanweisungen und der Kriegswirren blieben knapp 6 000 Personen in ihren Häusern (hauptsächlich im Süden, d.h. in den Kreisen Heydekrug und Pogegen) zurück, darunter diejenigen, die zwar ihre Häuser in der Folge der Evakuierung oder Flucht verlassen hatten, sich aber in der Nähe aufhielten und nach dem Durchzug der Front möglichst rasch zur Rückkehr in ihre Häuser entschlossen.

An diese Ereignisse erinnert sich der ehemalige Landrat aus Heydekrug, Mitglied der NSDAP, den die Nachricht von der bevorstehenden Evakuierung Anfang Oktober 1944 erreichte: „Am 7. früh kam dann der Räumungsbefehl, und zwar sollten zunächst die Bauernfrauen, die wieder auf den Höfen saßen, mit den Polen [dorthin deportierten Zwangsarbeitern – A.S] und Kriegsgefangenen trecken. Es herrschte aber auch jetzt ein großes Durcheinander, auch hinsichtlich der Befehlsgebung. (…) Aus dem Kreise Memel sind voll beladene Trecks kaum herausgekommen, da der Russe die Treckwege abschnitt. Mindestens ein Drittel der Bevölkerung fehlt. (…) Auch aus dem Kreis Heydekrug sind zahlreiche ländliche Bewohner nicht mehr rausgekommen. Zum Teil lag das auch daran, dass sich die Bauern schwer zum Trecken entschließen konnten. Sie wollten ihre Höfe vor dem herumstrolchenden Gesindel solange wie möglich bewachen und verpassten dann häufig den richtigen Zeitpunkt. Die flüchtige Bevölkerung kam in die Kreise Labiau und Samland“17.

Die übrigen Bewohner der Region fanden sich nach Kriegsende in Zentraldeutschland, sowohl in der Sowjetischen wie auch in den westlichen Besatzungszonen, wieder.

Die so genannte erste Repatriierung fand 1945-1946 statt, als aus Polen und der Sowjetischen Besatzungszone 3 987 Menschen kamen18. Die Moskauer Re ← 173 | 174 → gierung ging in diesem Fall über die Tatsache hinweg, dass die Bürger des Memelgebiets nicht die sowjetische Staatsbürgerschaft besaßen.

Hier ein Bericht von Lena Grigoleit aus dem Dorf Bittehnen im Kreis Pogegen: „Der Oktober [1944 – A.S.] kam, wieder wurde zum Aufbruch geblasen. Diesmal waren die Straßen schon voll mit Flüchtlingen. Tagsüber fuhren wir, abends machten wir irgendwo Quartier.

(…) Anderntags wieder, ich glaube der Ort hieß Königsblumenau, hatten wir weniger Glück. So ein Mistwetter war, die Wege waren ausgefahren und dreckig. An dem Hof, wo wir landeten, putzte die Hausfrau gerade die Treppe und schimpfte: ‚Von dem Scheiß ist schon die ganze Stube voll!‘. (…) Diese Frau wusste noch nicht, dass sie auch bald fliehen musste. (…) So erreichten wir Westpreußen, den sogenannten polnischen Korridor.

(…)‚Damoi, damoi‘, sagten die Russen. ‚Geht nach Hause.‘ Es war ein Befehl, und wir wollten auch nach Hause. (…) In Deutsch Eylau war ein Auffanglager, dort blieben wir vier Wochen. Da waren Baracken und allerhand Volk, waren Russen und Deutsche, Litauer und Polen und was nicht alles. (…) Ein Schub Litauer reiste nach Hause. Auf den Listen, die aufgestellt wurden, waren nur meine Eltern drauf und die Kinder und ich nicht. Unser russischer Offizier sorgte für uns. ‚Steig ein in den Waggon. Sage: Eltern fahren, Kinder auch‘. (…) Einen Tag dauerte es und eine Nacht, dann hielten wir auf litauischem Boden. In Kaunas stiegen wir ab. (…) Auf den Bahnsteigen standen viele Züge, einer nach da, einer nach dort. Auf einem stand geschrieben ‚Telšiai‘. (…) Wir kamen bis Pogegen, fünfzehn Kilometer vor Bittehnen. (…) Das Haus stand. Am. 30. April 1945 waren wir wieder zu Hause“19.

Anders verhielt es sich mit Personen, die die westlichen Besatzungszonen Deutschlands erreichten.

Nach der erneuten Einnahme und der Angliederung des Memelgebiets an das Dritte Reich im Mai 1939 wurden die Einheimischen litauischer Nationalität – wie Arūne Arbušauskaitė schreibt – in zwei Kategorie eingeteilt20:

1.     Zur ersten Kategorie gehörten jene, die 1942 für den litauischen Staat optierten und sich für den Verzicht auf die deutsche Staatsangehörigkeit entschieden (auch jene, die durch die Geburt oder Eheschließung ihre Staatsangehörigkeit ← 174 | 175 → an die genannten Personen weitergegeben hatten) und nach dem Anschluss des Memellandes noch bis 31. Dezember 1939 ihre litauische Staatsangehörigkeit behielten. Kraft des Abkommens zwischen Deutschland und der Litauischen Republik vom 22. März 1939 erhielten sie das Recht auf die deutsche Staatsangehörigkeit bei gleichzeitigem Verlust der litauischen;

2.     Zur zweiten Kategorie gehörten litauische Staatsangehörige (zumeist Litauer, die zwischen 1923 und 1939 aus Großlitauen gekommen sind), die sich entschlossen, nach dem Anschluss an Deutschland 1939 im Memelland zu bleiben. Sie wurden als Ausländer behandelt und wohnten mit litauischem Pass in der Region.

Personen beider Kategorien, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Westen Europas geblieben waren, waren gemäß dem Gesetz über die sowjetische Staatsangehörigkeit keine Bürger der Litauischen SSR mehr. Deswegen wurden Personen der ersten Kategorie von den sowjetischen Behörden als deutsche Staatsbürger und solche der zweiten als Staatenlose behandelt. Endgültig geregelt wurde diese Frage unter dem Druck der litauischen kommunistischen Regierung, der daran gelegen war, dass möglichst viele Menschen nach dem Memelland zurückkehrten. In einer am 16. Dezember 1947 bekanntgegebenen Verordnung wurde kraft des Beschlusses des Präsidium des Ministerrates der UdSSR festgelegt, dass Personen litauischer Nationalität, frühere Einwohner der Stadt Memel bzw. der Kreise Memel, Heydekrug und Pogegen, die bis zum 22. März 1939 die litauische Staatsangehörigkeit besaßen, sowie ihre Kinder ab dem 28. Januar 1945 als Staatsbürger der UdSSR anerkannt werden. Personen beider Kategorien, die sich außerhalb der Grenzen der Sowjetunion aufhielten, waren verpflichtet, sich bis zum 1. Juni 1948 in den sowjetischen Generalkonsulaten bzw. diplomatischen Vertretungen registrieren zu lassen. Diese Frist wurde später bis zum 1. Juni 1950 verlängert.

Kraft dieser Beschlüsse und unter dem Druck der Sowjets konnten in den Jahren 1948-1949 etwa 2 000 Personen aus den westlichen Besatzungszonen Deutschlands zur Rückkehr bewogen werden (davon im Zeitraum Mai-Dezember 1948 1 794 Personen, darunter 558 Männer, 639 Frauen und 597 Kinder; im Zeitraum Januar-Dezember 1949 209 Personen, darunter 68 Männer, 68 Frauen und 73 Kinder). Entscheidend war nicht die Nationalität, sondern der Geburtsort. Dies war die so genannte zweite Repatriierung (hauptsächlich aus den westlichen Besatzungszonen Deutschlands).

Die aus dem späteren Blickwinkel wenig verständliche Entscheidung zur Rückkehr in die Sowjetunion während der zweiten Repatriierung (1948-1949) wurden von W. J. folgendermaßen begründet: „Dann kam ein Erlass von der amerikanischen Militärbehörde, wer sich 1947 entschließt, in die Heimat zurückzukehren, der kriegt von der UNRRA pro Kopf 3 kg Lebensmittelpakete, also mit ← 175 | 176 → amerikanischen Schokoladen, Konserven usw. Die Pakete, die haben uns auch verlockt. Wir dachten, da wir nun doch in die Heimat zurückkehren müssen, dann müssen wir nicht ohne Lebensmittel fahren. Und dann haben wir uns entschlossen, in die Heimat zurückzukehren.

(…) Wir mussten durch ein Lager, ein Durchgangslager [in] Grodno. Das war eine Räuberhöhle, das Lager da. In der Erde eingegraben waren da solche Stellagen gemacht, solche Bretter an Stelle von Betten. Viele wurden da auch bestohlen“21.

Letztlich haben sich etwa 6 000 ehemalige Memelländer in den Jahren 1945-1949 repatriieren lassen. Es waren zumeist Ältere und Kranke, Familien mit Kleinkindern (darunter auch nach dem Kriegsende geborene) und alleinstehende Frauen. Junge Menschen haben sich nicht entschlossen, in ihre Heimat zurückzukehren. Diese Bevölkerung wurde wie die Daheimgebliebenen offiziell als „germanisierte Litauer“ betrachtet.

Laut amtlichen Angaben lebten im Memelgebiet am 1. Januar 1946 insgesamt 55 500 Personen, wobei im Kreis Memel 1 353 Höfe, im Kreis Heydekrug 1 055 und im Kreis Pogegen 245 von Einheimischen bewohnt waren. Die Statistiken wiesen 2 653 autochthone ländliche Haushaltungen aus, in denen 7 800 Personen wohnten. Schätzungsweise lebten in dieser Region gegen Ende der vierziger Jahre etwa 12 000-13 00022 ehemalige Bewohner, was knapp 10 % der Bevölkerungszahl von 1939 entsprach. Diese Zahl umfasste etwa 6 000 Repatriierte und ebensoviele, die ihren Wohnsitz nicht verlassen hatten. Die Massenmigration hielt wie im Ermland, Masuren und dem Kaliningrader Gebiet bis Ende 1949 an. Später, d.h. in den Jahren 1950-1955, war sie schon sehr begrenzt (sowohl was Rückkehr als auch Ausreise angeht).

1.2.2.   Zwischen Litauen und Deutschland

Die Einwohnerschaft Preußisch-Litauens, Kleinlitauens oder des Memellandes setzte sich aus Litauern, Deutschen, Kuren und Juden zusammen. Über Jahrhun ← 176 | 177 → derte hinweg stellten die Preußisch-Litauer hier die zahlenmäßig stärkste Gruppe. In der Stadt Memel dominierte die deutsche Bevölkerung; es lebte hier auch eine beachtliche Gruppe von Litauern und Juden. Durch die jahrhundertelange Koexistenz bildete sich eine spezifische regionale Gemeinschaft heraus. Ähnlich war die Situation im Ermland in und Masuren, d.h. in Polnisch-Preußen, anzutreffen. In Königsberg und den umliegenden Kreisen überwogen Deutsche, die als mehrheitliche und dominierende Gruppe im gesamten Gebiet Ostpreußens lebten und die Mehrheit der Stadteinwohner in der ganzen Provinz stellten.

Evangelische Preußisch-Litauer und Masuren sowie katholische Ermländer lebten in einem Grenzland, in dem sich Einflüsse verschiedener Kulturen und Traditionen kreuzten. Diese Bevölkerungsgruppen entwickelten ein Gefühl ihrer Eigenart. Ihr Merkmal war die spezifische, nach Nationalität und Kultur vielschichtige Identität. Stark entwickelt war auch die regionale Identität im Sinne des „Zuhauseseins“ dort, wo die Nachbarn Litauisch, Deutsch, Polnisch oder Jiddisch sprachen. Ich bin des Kaisers Untertan, Bewohner Ostpreußens, Preußisch-Litauer oder Masure bzw. Ermländer, aber zugleich auch Deutscher, Pole oder Litauer.

Die Germanisierungspolitik der Berliner und Königsberger Behörden, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts radikale Formen annahm, sah einen allmählichen Verlust der ethnischen Eigenart litauischer und polnischer Untertanen vor. Das Fehlen eines polnischen bzw. litauischen Staates im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts musste die nationale Identität der hier lebenden litauisch- und polnischstämmigen Bewohner beeinträchtigen. Preußens Stärke und zivilisatorische Attraktivität einerseits und die rücksichtslose Assimilationspolitik andererseits, die eine Entnationalisierung und einen Verlust der Eigenart anstrebte, sollten zum allmählichen Niedergang des multikulturellen Charakters Ostpreußens führen. Der preußische Nationalismus, unterstützt durch den ausgebauten und gut funktionierenden Staatsapparat, ließ die litauische und preußisch-polnische Gemeinschaft auf verlorenem Posten stehen. Deren Waffen waren die der Schwachen und Beherrschten: Unterordnung und defensive Verteidigung ihrer Eigenart.

Die Preußisch-Litauer begannen wie Masuren und Ermländern seit der Wende zum 20. Jahrhundert rasch ihr ethnisches Zugehörigkeitsgefühl zu verlieren. Viele hatten den Ehrgeiz, als Deutsche, deutsche Litauer oder deutsche Ermländer bzw. Masuren zu gelten. Aufzuhalten vermochte diesen Prozess weder die Politik der litauischen Regierung in den Jahren 1923-1939, als das Memelland eine autonome Region des litauischen Staates war, noch die Maßnahmen der zweiten polnischen Republik im Soldauer Gebiet, einem Teil des masurischen Kreises Neidenburg, der ohne Volksabstimmung 1920 an Polen angegliedert wurde. Auch unter den kommunistischen Regierungen in Litauen und Polen (in dessen Grenzen das gesamte Ermland und Masuren lagen) konnte nicht verhindert werden, dass ← 177 | 178 → das Gefühl der Eigenart unter dieser Bevölkerungsgruppe schwand. Massenhafte Ausreisen in die beiden deutschen Staaten lagen, wie bereits die Rückkehr nach 1945 und der Versuch, einer Aussiedlung zu entgehen, im kollektiven Interesse dieser Gemeinschaften. Sie machten sich den eigenartigen „Schwebezustand“ zwischen Litauertum und Deutschtum sowie zwischen Polentum und Deutschtum zunutze. Auch die nach dem Fall des Kommunismus demokratisch gewählten Regierungen beider Länder änderten nichts an der Tatsache, dass die meisten in der Heimat Gebliebenen Mitglieder der deutschen Minderheit sind. Analog verliefen Desintegration und Zerfall der autochthonen Gesellschaft polnischer und litauischer Herkunft. Dies weist auf gewisse allgemeine Gesetzmäßigkeiten und objektive Rahmenbedingungen hin, die zum allmählichen Schwund der Eigenart geführt haben. Schuld daran scheint nicht eine irrige Politik der Relitauisierung (Litauisierung) bzw. der Repolonisierung (Polonisierung) zu sein, sondern allgemeine Mechanismen historischer Prozesse, die diese Gruppen marginalisiert und aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen haben.

Fast alle Preußisch-Litauer, Masuren und Ermländer sahen sich 1944-1945 als Deutsche oder deutsche Litauer bzw. deutsche Masuren oder Ermländer. Die totalitäre Herrschaft der Nationalsozialisten verstärkte die Identifizierung mit dem Deutschtum. Bei Ausschaltung des Litauer- und Polentums boten sie die Zugehörigkeit zur deutschen Volksgemeinschaft, zum tausendjährigen Reich, das über Europa und die Welt herrschen sollte.

Die so geprägten einheimischen Bevölkerungsgruppen im Ermland, Masuren und dem Memelland wurden nach dem Durchzug der Front mit einer neuen, fremden und unverständlichen Realität konfrontiert. Es war eine andere Form des Totalitarismus. Das kommunistische System eliminierte naturgemäß „mittlere“ Gruppen, wollte eine neue homogene Gesellschaft entwickeln. Der Sowjetmensch, Homo sovieticus, sollte eng an das kommunistische System gebunden sein. Tradition und Bindung an eine Region bzw. den Wohnsitz stellten einen unnötigen Ballast dar, den man zugunsten der Idee des „Internationalismus“, der „Völkerfreundschaft“ und der „sozialistischen (kommunistischen) Ideologie“ beschränken oder gar abwerfen sollte. Die Postmigrationsgesellschaften aus entwurzelten Zuwanderern, die nun in einzelnen Regionen Ostpreußens lebten, schienen ein ideales Material zu sein, um eine neue klassenlose Gesellschaft aufzubauen.

Die früheren Bewohner Ostpreußens wurden rasch marginalisiert und zum Objekt vielfältiger Maßnahmen, mit denen sie zu „echten“ Litauern bzw. „echten“ Polen werden sollten23. ← 178 | 179 →

Das Problem des nationalen und ethnischen Identitätsgefühls sowie die allgemeine Lage der autochthonen Bevölkerung des Memellandes in den ersten Nachkriegsjahren lässt sich am Beispiel der Bewohner der Kurischen Nehrung veranschaulichen. Hier haben Angela Vyšniauskaite und Vaclavas Milius, Ethnologen von der Litauischen Akademie der Wissenschaften, Feldforschungen über die Wechselbeziehung zwischen dem national-ethnischen Selbstbild und der Verkehrssprache durchgeführt, die den breiteren sozialen Kontext der Jahre 1945-1956 aufzeigen. Diese interessanten und wohl einzigen Untersuchungen mittels des völkerkundlichen und soziologischen Instrumentariums wurden von Arūne Arbušauskaitė präsentiert, die auch ihre eigenen Feldforschungen in dieser besonderen Region durchführte und um Ergebnisse ihrer Recherchen in zahlreichen Archivquellen ergänzte24.

Das Spezifische der Kurischen Nehrung im Vergleich zu anderen Regionen Kleinlitauens bestand darin, dass sie ausschließlich von Kuren bewohnt war, einem Volksstamm, der aus Kurland (dem heutigen Lettland) stammte25.

Im Laufe der geschichtlichen Vorgänge wurden sie zu einer ethnischen Gruppe, die sich ihrer kulturellen Eigentümlichkeit bewusst war und zwischen Deutschtum und Litauertum „schwebte“. Die gesellschaftlichen Prozesse, die sich in dieser Region vollzogen haben, lassen sich auf die gesamte autochthone Bevölkerung des Memellandes verallgemeinern. Davon zeugen unter anderem interessante Forschungen über die lokale Bevölkerung im Dorf Agluonėnei (Aglohnen), Kreis Memel, die von Silva Pocytė26 durchgeführt wurden, sowie eigene Feldforschungen des Verfassers vom Oktober 2005. ← 179 | 180 →

Fast die gesamte Bevölkerung der Kurischen Nehrung wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs evakuiert. Ein Teil kehrte bis 1948 in seine Häuser zurück. Die Kurische Nehrung wurde zwischen der Litauischen SSR und der Russischen SFSR (Grenzverlauf 4 km südlich von Nidden) aufgeteilt, ähnlich wie die Frische Nehrung, deren westlicher Teil Polen zugefallen war, während der östliche Teil zur UdSSR gehörte (die Grenze verläuft unweit des Dorfes Neukrug/Piaski).

Die lokale Bevölkerung wurde mit der neuen sowjetischen Realität konfrontiert, nahm am Wiederaufbau und der Sowjetisierung der Region teil und musste auch ihre Staatsangehörigkeit wechseln. Zu den Faktoren, die die Haltung der alteingesessenen Bevölkerung nachdrücklich beeinflussten, zählten neben der neuen staatlichen und politischen Ordnung auch der Zustrom neuer Siedler, Kollektivierung und Deportationen hinter den Ural im Jahr 1949. Nicht unbedeutend war auch die Tatsache, dass hier bis zum 4. Juni 1946 der Kriegszustand mit allen daraus resultierenden Einschränkungen herrschte.

Ein Beschluss des Ministerrates der UdSSR vom 29. Juni 1946 erklärte die Kurische Nehrung und den Großteil des Memellandes zum Sperrbezirk (zwei Kilometer breiter Streifen entlang der Grenze). Die Ostseeküste war Sperrgebiet. Jegliche wirtschaftliche Tätigkeit, Besiedlung und Bevölkerungsbewegungen sowie Warenumschlag wurden durch Sonderbestimmungen geregelt, wie sie für Grenzregionen typisch sind. Es gab besondere Vermerke in den Personalausweisen (Pässen) der Einwohner und Sondergenehmigungen für den Aufenthalt in der Grenzzone. Gesellschaftliche Kontakte wurden begrenzt und vom Sicherheitsapparat strengstens überwacht. Viele Orte blieben für externe Besucher „unzugänglich“. In Klaipėda, das Stadt in der Grenzzone war, galten besondere Vorschriften der „Grenzordnung erster Klasse“ bis in die frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein27.

Im gesamten Gebiet Ostpreußens führte das Aufeinandertreffen alter und neuer Einwohner zu zahlreichen Spannungen und zur Abschottung einzelner Bevölkerungsgruppen. Stark beeinflusst wurden die gegenseitigen Beziehungen durch das starke Gefühl der Feindseligkeit, des Vorläufigen und Provisorischen, das allen Bewohnern gemeinsam war. Die alten und neuen Bewohner (Siedler aus Großlitauen oder Zentralpolen) unterschieden sich durch Sitten und Gebräuche, Sprache, oft auch Religion, Normen- und Wertesystem sowie ihre Vorstellung von der sozialen Ordnung. Sehr schnell fanden sich die alteingesessenen Bewohner im Memelland, dem Kaliningrader Gebiet oder auch im Ermland ← 180 | 181 → und in Masuren als diskriminierte Minderheit wieder. Über viele Jahre hinweg konnten sie sich mit der sowjetischen bzw. kommunistischen (sozialistischen) Realität nicht abfinden.

In Abwesenheit der Besitzer wurden viele Häuser geplündert und oft mutwillig zerstört.

Neben Resten der einheimischen Bevölkerung lebten auf der Kurischen Nehrung nach Migrationsende Mitte der fünfziger Jahre insgesamt 1 412 Personen, darunter 1 193 Siedler (hauptsächlich Russen und Litauer aus Großlitauen) sowie 219 Alteingesessene. Diese machten 16 % der gesamten Einwohnerzahl gegenüber 59 % „Großlitauern“ und 21 % Russen aus. In Nida (Nidden) wohnten 156 Familien, davon 22 Familien, die hier vor dem Kriegsausbruch lebten. In Juodkrantė (Schwarzort) waren acht Familien von insgesamt 55 alteingesessen, in Preila (Preil) waren es 12 von 47. In den übrigen Orten auf der Kurischen Nehrung lebten insgesamt noch 71 alteingesessene Familien (darunter 105 Männer, 114 Frauen, 60 Kinder unter dem 16. Lebensjahr, wovon 38 nach dem Krieg geboren waren). 52 Personen waren im Rentenalter. In Nida wohnten 108 Einheimische, in Pervalka (Perwelk) 45, in Preila 36 und in Juodkrantė 3028.

Die Forschungsergebnisse eines litauischen Ethnologenpaares aus dem Jahr 195629 ergaben, dass die Autochthonen drei Sprachen sprachen (insgesamt wurden 393 Familien untersucht, davon 168 in Nida, 49 in Preila, 29 in Pervalka und 147 in Juodkrantė). In Schule, Kirche und Behörden wurde Deutsch gesprochen, Kurisch und Litauisch nur im Familienkreis. Kurisch war hauptsächlich die Sprache der Fischer. Da die Mehrheit der Nehrungsbewohner von der Fischerei und Fischverarbeitung lebte, wurde die gesamte Bevölkerung als Kuren bezeichnet. Diese verließen selten ihren Wohnsitz, so dass sich unter ihnen ein dichtes Netz verwandtschaftlicher Beziehungen entwickelt hat. In der Zwischenkriegszeit entfielen die Bewohner des nördlichen, litauischen Teils der Kurischen Nehrung generell auf zwei Optionen: die prolitauische und die prodeutsche. Erstere dominierte in den Badeorten Schwarzort und Nidden. Im südlichen Teil der Nehrung, der heute zu Russland gehört, waren die deutsche Sprache und Option vorherrschend.

Das Verhältnis zwischen dem nationalen Zugehörigkeitsgefühl und der Sprache wird in der Tabelle 7 veranschaulicht. ← 181 | 182 →

Tabelle 7     Nationale Selbsteinschätzung und die Muttersprache der alteingesessenen Bewohner der Kurischen Nehrung im Jahr 1956

Quelle: A. Arbušauskaitė, Einige Aspekte der nationalen Selbsteinschätzung bei der altansässigen Bevölkerung der Kurischen Nehrung nach 1945, in: Annaberger Annalen 1994, Nr. 2, S. 70.

Die autochthone Bevölkerung der Kurischen Nehrung bildete ähnlich wie die Masuren und Ermländer eine Grenzlandgesellschaft, die sich durch eine Vielzahl von Identitäten kennzeichnet. Es herrschte die Identifikation mit dem Deutschtum (108 Personen) vor. Von den Personen mit dieser nationalen Orientierung sprachen im Alltag77 Deutsch, 21 Kurisch, 9 Kurisch und Litauisch und nur eine 1 Person Litauisch.

Für die litauische Nationalität sprachen sich 91 Personen aus. Davon gaben als Muttersprache 53 Personen Kurisch an, 29 Deutsch und nur 9 Litauisch. Für Kuren hielten sich 20 Personen, die auch alle im Alltag Kurisch sprachen. Die Untersuchungen belegen, dass Zwei- oder gar Dreisprachigkeit etwas Natürliches war. Fast alle Einheimischen beherrschten neben ihrer Muttersprache auch eine weitere Sprache. Unter den ältesten Vertretern der alteingesessenen Bevölkerung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts geboren waren, waren noch Personen anzutreffen, die sich für Preußisch-Litauer hielten, aber angaben, ihre Muttersprache sei Kurisch. Die ältesten Einheimischen waren alle dreisprachig. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlernten viele Einheimische auch Russisch, um mit den Behörden und russischen Nachbarn kommunizieren zu können.

In den übrigen Teilen Kleinlitauens, wo frühere Bewohner lebten, konnte ebenfalls eine Vielfalt an unterschiedlichen Selbsteinschätzungen angetroffen werden. Die meisten identifizierten sich mit der Heimat, worunter die Region Klaipėda, Kleinlitauen bzw. das Memelland verstanden wurde. Unter ihnen herrschte die deutsche oder prodeutsche Option vor (wie unter den Masuren und Ermländern). ← 182 | 183 → Mit der prolitauischen und litauischen Orientierung identifizierte sich eine Minderheit der autochthonen Bevölkerung, obwohl der Anschluss dieser Regionen an Litauen und Polen diese Orientierung hätte verstärken sollen.

1.3.   Siedler

Ein gemeinsamer Faktor, der die allgemeine Lage Ostpreußens in den Jahren 1939-1946 entscheidend beeinflusste, war die Tatsache, dass die Oberhoheit in der gesamten Region durch zwei gegensätzliche Kräfte ausgeübt wurde, die eine unterschiedliche Legitimation besaßen. In den Jahren 1939-1944 war dies das Dritte Reich und in den Jahren 1944/45-1946 die UdSSR.

Nach der Niederlage des Dritten Reiches blieb die Besatzungsmacht in den Jahren 1944-1946 in den Händen der Militärkommandanturen der Roten Armee. Nach einer mehr oder weniger langen Periode des Ausnahmezustands übertrug sie die Gewalt auf die litauische, sowjetische und polnische Zivilverwaltung. Die sowjetische Armee übte jedoch viele Monate in ganz Ostpreußen und den benachbarten Gebieten eine absolute und uneingeschränkte Herrschaft aus. Dies beeinflusste entscheidend den Lauf der Geschehnisse nach Kriegsende und die Migrationsbewegungen, darunter Form, Ausmaß und Dynamik des Ansiedlungsprozesses.

Im gesamten Gebiet Ostpreußens vollzog sich dieser Prozess in zwei Hauptphasen. Die erste war die Zeit des spontanen, unkontrollierten und elementaren Zustroms der Bevölkerung, vorwiegend aus den umliegenden Grenzgebieten. Die zweite fand unter Aufsicht der Behörden in Moskau, Wilna bzw. Warschau statt, die versuchten, den gesamten Prozess in geordnete und kontrollierte Bahnen zu lenken.

Lena Grigoleit aus Bittehnen beschreibt die erste Phase der wilden Zuwanderung neuer Bewohner folgendermaßen: „Das Dorf wurde ziemlich schnell wieder belebt. Aus Litauen kamen viele und siedelten sich in den leeren Häusern an. Das waren meistens ‚Buožė‘, reichere Bauern, die hatten Angst, die waren gegen das [kommunistische – A.S.] Regime. Deshalb liefen sie aus der Heimat und versteckten sich bei uns. Schon damals ging das los mit dem Sibirien. Wer auffiel, wurde in den Transport gesteckt. Diese Bauern waren gute und intelligente Menschen. ‚Akademie‘ haben wir unsere Ecke getauft zum Scherz. Nach einer Weile, als sie meinten, die Gefahr könnte vorüber sein, verschwanden die Neuen wieder. Andere kamen zu uns, und die waren meistens nicht so gut. Nicht Lumpen, aber solche waren auch darunter. Das waren welche, die vorher nichts hatten, die dachten, jetzt könnten sie auf leichte Weise Besitzer werden. Einige waren vor dem Krieg ← 183 | 184 → bei den deutschen Gütern in Dienst gestanden, und sie hatten anscheinend gehört, da ist jetzt keiner mehr von den Herren.

Für die Bittehner Häuser war es gut, wenn einer sie in Besitz nahm. Bei Kellotats nebenan war es leer, da haben sie alles abgebrochen und anderweitig verbraucht. Auch Ballnus’ Hof erging es so, Erst wohnten da noch der Max Kukat und seine Aldonna. aber als die ausreisten, ging dort auch alles seinen Gang. Der brauchte Bretter, ein anderer brauchte Ziegel, ein dritter einen Grabstein, und dann verschwand alles. Von weit her waren manche, bis nach Szameiten oder Kaunas, wird erzählt, sollen sie unser Bittehner Hab und Gut geschleppt haben. Das war eine schreckliche Unordnung..

(…) Nachts klopfte es oft an der Haustür. Wir hatten sie immer mit einem Pfahl von innen verrammelt, einbrechen konnten sie nicht. ‚Gib Essen!‘ Sie forderten, sie hatten Gewehre. Ich bettelte immer nur: ‚Wir haben kleine Kinder, geht woandershin.‘ Meine Mutter führte die Verhandlungen. ‚Söhnchen, ich werd euch ein Stückchen Brot geben.‘ Sie regelte das und erreichte, dass sie uns nichts taten. Kaum ein Tag verging ohne diesen Besuch. Wir mussten teilen, ob wir wollten oder nicht. Einmal waren es litauische Partisanen, ein andermal versprengte russische Truppen, auch Deutsche geisterten noch im Lande herum. Man wusste nie, was sie wollten und was sie in dieser Gegend trieben. Andernorts haben sie getötet. Wenn die einen deinen Bruder erschlagen haben, haben die anderen gelauert, wer geht die Leiche abholen. Deshalb haben viele auf der Straße gelegen, bis sie stanken. Nicht bei uns, wir hatten nicht so viele Wälder. Unsere Gegend war nicht günstig für deren Kampf. Bei uns reisten sie nur durch und schnell wieder weg.

Eines schönen Tages erschien ein Kommandant von Pogegen. ‚Ihr müsst raus. Wo Soldaten sind, darf kein Zivilvolk sein.‘ Kurz und bündig sprach er: ‚Wenn ich das nächste Mal komme, dass ich euch bloß nicht hier finde!‘ Ich glaubte, jetzt muss ich sterben.

(…) Wir blieben. Auf einmal hieß es, das Militär wird ein Konzert machen. Der Kommandant kommt! ‚Versteckt euch! Dass euch keiner sieht‘, riet unser Iwan. Mit Birutė und Irena stand ich die ganze Zeit, während sie spielten, in Dilbas Wäldchen, hinter einem Baum, von wo aus ich unseren Hof übersehen konnte. Iwan holte uns ab. ‚Der Kommandant ist weg!‘ Der Mann hatte uns vergessen.

Nachher schickten sie einen anderen Kommandanten, der war besser.“30.

Die Mehrheit der „wilden Siedler“, kämpfenden Soldaten und Banden von Plünderern sowie anderer „durchziehender Vögel“ kam zumeist nicht mit der Absicht, hier sesshaft zu werden, sondern um sich zu verstecken, zu bereichern oder in dieser unruhigen Nachkriegszeit einfach zu überleben. Besonders in kleinen Orten und Dörfern bekamen das Unrecht, das sich diese Marodeure zuschulden ← 184 | 185 → kommen ließen, sowohl die alten als auch ebenso häufig die neuen Bewohner zu spüren.

Besonders die ersten Siedler, die aus eigenem Antrieb nach „Deutschland“, wie das Memelgebiet allgemein genannt wurde, kamen, behandelten die alten Bewohner herablassend und feindselig. Im Frühjahr 1945 versuchten achtzig Bauernfamilien aus der benachbarten Rajongemeinde Gargždai (Garsden) die verlassenen Höfe in Besitz zu nehmen. Im April desselben Jahres brannte das Dorf Dituva (Dittauen) ab, woraufhin zehn neu angekommene Familien in ihre alten Häuser zurückkehrten.

Es kam auch vor, dass die neuen Einwohner überfallen, getötet und ausgeraubt wurden. In den Ortschaften, „wo keine Autochthonen wohnten, konnten sich die Neuankömmlinge sicherer fühlen. Es war eine Zeit, in der jeder gegen jeden kämpfte“31.

Unter diesen Bedingungen war es nötig, „den Siedlerstrom in den Griff zu bekommen“ und die elementare Ordnung herzustellen. Deswegen beschloss das ZK der KPL, einen Sonderbeauftragten in das Memelland zu entsenden. Seinen Namen (Solin) trug ein Plan zur Besiedlung unbewohnter Höfe. Danach war vorgesehen, diese etwa 13 000 Bauernfamilien zu überlassen.

Tabelle 8     Siedlungskapazitäten im Memelland nach dem Stand vom 3. März 1945

Quelle: s. Tab. 7, S. 48.

Der Solin-Plan wurde von der Regierung in Wilna verabschiedet. Danach sollten alsbald Vorbereitungen zur landwirtschaftlichen Kollektivierung aufgenommen werden. Durch die allmähliche Rückführung der früheren Einwohner und die Zuwanderung neuer entstand – ähnlich wie im Ermland und in Masuren – das Problem der strittigen Bauernhöfe, das bis 1948 anhielt, als mit der Massen- und Zwangskollektivierung begonnen wurde. Nach dem Agrarreformgesetz sollte die Mehrheit der leerstehenden Höfe verstaatlicht werden. Eine Wiedererlangung bisherigen Eigentums durch die heimkehrenden ehemaligen Besitzer war nicht ← 185 | 186 → vorgesehen. Viele Siedler aus Litauen übernahmen, aus eigenem Antrieb oder mit behördlicher Einwilligung, die leerstehenden Gehöfte guten Glaubens. Die Lage wurde komplizierter, sobald die rechtmäßigen Besitzer zurückkamen. Diese konnten nicht verstehen, dass sie ihr Eigentum nicht zurückbekommen können. Nahmen sie es in Besitz oder wurde ihnen ein anderes Gehöft zugewiesen, so vermochten sie nicht einzusehen, dass die Regierung allen das Land wegnehmen will, um Kolchosen zu errichten. Je später sich jemand repatriiert hatte, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass er seinen eigenen Hof zurückbekommen würde. Dies brachte Verbitterung und ein starkes Ungerechtigkeitsgefühl hervor, woraus Konflikte mit den neuen litauischen Einwohnern entstanden. Die lokalen Behörden beäugten Heimkehrende mit Unwillen, da daraus zahlreiche Probleme erwuchsen. Die früheren Einwohner wurden häufig angefeindet. Es wurde die Ansicht propagiert, dass „diese deutschen Schweine“ keinen Anspruch auf irgend etwas hätten. Vor diesem Hintergrund war die Lage der gesamten Autochthonen sehr schwierig. Sie wurden als Konkurrenten bei der Übernahme attraktiverer Agrarbetriebe und Funktionen in der lokalen Verwaltung wahrgenommen. So wurden beispielsweise die Lehrer in den Dörfern Vabalai (Wabbeln) und Traksedžiai (Trakseden) nur deswegen entlassen, weil sie „Hiesige“ waren32. Manche der Autochthonen versuchten, das Problem um die strittigen Gehöfte gerichtlich entscheiden zu lassen. Dies scheiterte und endete wie im Fall von vier Familien von der Kurischen Nehrung mit der Deportation nach Sibirien33.

Die ersten organisierten und freiwilligen Siedlergruppen von 200 Familien aus den Nachbarregionen ließen sich Ende Februar/Anfang März 1945 im Memelland nieder. Nach dem Ende der Kriegshandlungen betrieb die litauische Regierung über Rundfunk und Presse eine breit angelegte Kampagne, die zur Übernahme leerstehender Gehöfte animieren sollte. Dabei war vorgesehen, dass sich zum Beispiel im litauischen Teil der Kurischen Nehrung 350 Fischerfamilien niederließen. Bis August 1946 siedelten indes nur 64 Familien, zumeist aus der Gegend um Krottingen und Telschen (Telšiai) auf die Nehrung über. Es wurde ein spezieller Finanzhilfenplan für die neuen Bewohner aufgelegt. Jede Siedlerfamilie sollte ein Haus mit Gemüsegarten als Eigentum erhalten und außerdem ein 10-jähriges Darlehen in Höhe von 1 000 Rubel, ferner Fischerkleidung, Fangnetze und sonstige Gerätschaften, die zum Fischfang benötig werden. Das Besiedlungsproblem der Kurischen Nehrung konnte erst 1951 gelöst werden. Es war dies allerdings ein Sonderfall34. ← 186 | 187 →

Entscheidend beeinflusst wurde das Verhältnis der alten und neuen Einwohner in der unmittelbaren Nachkriegszeit durch die Einstellung der sowjetischen Behörden zu diesem Gebiet und damit auch zu seiner Bevölkerung. Einerseits behandelte man das Memelland als Teil der UdSSR (der Litauischen SSR), andererseits als Kriegsbeute, als einen Teil des besiegten Deutschlands. Die sowjetischen Behörden ließen die Rückführung der gesamten Altbevölkerung zu. Von dieser Möglichkeit konnten auch Deutsche Gebrauch machen, da die Nationalitätenfrage keine grundlegende Bedeutung hatte. Wichtig war nur, ob jemand 1938 die litauische Staatsbürgerschaft besessen hatte oder nicht. Diese Situation war im ehemaligen Ostpreußens einzigartig, besonders im Vergleich zum Kaliningrader Gebiet oder dem Ermland und Masuren. Allerdings hielt dies die neuen Machthaber keineswegs davon ab, die Repatriierten als Deutsche zu behandeln und sie beispielsweise „deutsche Schweine“ oder „Faschisten“ zu nennen.

Obwohl im Memelland, anders als im Ermland und Masuren, keine Nationalitätenprüfung durchgeführt wurde, um so die autochthone Bevölkerung von den Deutschen, die ihre bisherigen Wohnsitze verlassen mussten, abzugrenzen, lief doch das ab 1. Dezember 1945 geltende Gesetz über die sowjetische Staatsangehörigkeit de facto auf dasselbe hinaus. Damit verbunden waren neue Regelungen zur Passvergabe. Es berührte zwar nicht die notwendige Ausgabe neuer Personalausweise (Pässe) selbst, dennoch war es gewissermaßen eine Überprüfung der gesamten Bevölkerung. Im Fall des Memellandes und seiner alten Bewohner war nur eine einzige Möglichkeit vorgesehen. In den entsprechenden Vordrucken galt es, „litauische Nationalität“ einzutragen. Wer „deutsche Nationalität“ eintrug, bekam keinen Pass. Diese Personen wurden als Staatenlose behandelt und bekamen besondere Bescheinigungen (Ausweise) in einer charakteristischen Farbe ausgestellt. Die Zahl dieser Bescheinigungen ist schwer festzustellen. Die Forscher geben aufgrund verschiedener Quellen Zahlen an, die zwischen 700 und 5 000 schwanken. Diese Bevölkerungsgruppe besaß keine Bürgerrechte. Aufgrund eines Beschlusses der KPL vom 10. Dezember 1945 war es verboten, die „autochthone deutschstämmige Bevölkerung“ auf die Wählerlisten zu setzen35.

Die Behörden versuchten, dieses Problem zu lösen, indem sie 1947 der gesamten Bevölkerung des Memellandes die sowjetische Staatsangehörigkeit verliehen. Nichtsdestoweniger gab es im Juni 1950 noch 517 Personen deutscher Nationalität und 219 Kinder ohne Staatsbürgerschaft. Die meisten von ihnen wollten nach Deutschland ausreisen36.

Die Tatsache, dass ein Teil der Einheimischen keine litauische (sowjetische) Staatsbürgerschaft besaß, schwächte einerseits ihre Position zum Beispiel in Vermögensauseinandersetzungen, stärkte aber andererseits die allgemeine Überzeu ← 187 | 188 → gung, dass die Autochthonen „verkappte Deutsche“ seien, die nicht dieselben Rechte wie die übrige Bevölkerung besitzen sollten. Viele litauische Siedler und die lokalen Behörden behandelten sie wie Bürger zweiter Klasse, als „Abtrünnige“, die zum Feind übergelaufen seien. Die Regierung in Wilna hatte gar nicht vor, wie das im Ermland und in Masuren der Fall war, eine Relitauisierung dieser Bevölkerungsgruppe durchzuführen. Unter Stalin herrschte in der Sowjetunion enormes Misstrauen und Argwohn gegenüber allen Rückkehrern aus dem Westen. Sie wurden feindseliger Absichten und der Spionage bezichtigt, als „schädliche Elemente“ behandelt, auf verschiedene Weise bespitzelt und eingeschüchtert. Die Sicherheitsbehörden schätzten zum Beispiel im Jahr 1947, dass sich im Kreis Klaipėda sehr viele „antisowjetische Elemente“ befänden, die „Städte und Dörfer vergiften“. Zu dieser Gruppe wurden 30 Angehörige des nationalen Untergrunds, 26 „Banditen“, 512 „Kulaken“ („Großbauern“) und weitere „antisowjetische Elemente“ gezählt. Um sich diesen „Feinden“ entgegenzustellen, wurde beschlossen, gegen 2 079 Personen aus dem Kreis Klaipėda „operative Maßnahmen“ zu ergreifen. Unter ihnen befanden sich folgende Bevölkerungsgruppen:

      „1.   Personen, deren Familienangehörige mit den Deutschen geflohen sind: 915;

      2.   Personen, deren Familienangehörige in der Deutschen Wehrmacht gedient haben: 195;

      3.   Mitglieder der ‚Hitlerjugend‘: 99;

      4.   Repatriierte, die kein Filtrationslager durchlaufen haben und nicht vom NKWD registriert wurden: 506;

      5.   Personen, die der NSDAP angehörten: 45;

      6.   Personen, die mit den Deutschen nach Deutschland geflohen waren: 32“37.

1.4.   Deportationen

Entscheidend beeinflusst wurden die gesellschaftlichen Prozesse, darunter die Beziehungen zwischen neuen und alten Einwohnern des Memellandes, durch die 1948 begonnenen Deportationen ins Innere der Sowjetunion. Sie fanden auch im Kaliningrader Gebiet statt. Das Ermland und Masuren sowie die übrigen polnischen Gebiete waren von solchen Maßnahmen „frei“, weil sie, im Gegensatz zu beispielsweise Litauen und den übrigen baltischen Staaten, nicht in der UdSSR lagen.

Hauptzweck der Deportationen war es, aus der jeweiligen Region Menschen zu entfernen, die für „Feinde“ oder „Gegner der Sowjetmacht“ befunden wurden. Diese beiden Kategorien waren sehr schwammig und wurden von den lokalen Behörden oftmals willkürlich ausgelegt. Sie umfassten „Volksfeinde“, „Klassenfeinde“, also Großbauern, Gutsbesitzer, Personen, die dem „alten Regime“ nahe ← 188 | 189 → standen, „Hitleristen“, „Banditen“, aber auch „Repatriierte“ oder „Deutsche“. Gewissermaßen ein Nebeneffekt der Deportationen war die „große Angst“, die zur Atomisierung des gesellschaftlichen Lebens, zum allgegenwärtigen Argwohn und zur Spionagemanie führte. Dadurch wurde die Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse erschwert und die Anpassung an die neuen Lebensbedingungen eingeschränkt.

Deportationen und der spätere Verlauf der Zwangskollektivierung waren die wesentlichen Instrumente zur Brechung des gesellschaftlichen Widerstandes, zur Schwächung und zum Abbruch sozialer Bindungen. Auf den „Trümmern“ der alten Gesellschaft wollte man die Grundlagen für eine neue sowjetische Realität schaffen: die klassenlose sozialistische und kommunistische Gesellschaft. Der damals herrschende Stalinismus war ein System der politischen Diktatur, das sich alle Lebensbereiche unterwarf, Furcht und Schrecken sowie ständige Unsicherheit verbreitete, über einen realen Polizeiapparat verfügte und zugleich die Ideen der „Gerechtigkeit und sozialen Gleichheit“ verkündete. Die Macht übte uneingeschränkt die kommunistische Partei aus, die mittels des (geheimen und öffentlichen) Sicherheitsapparates das Handeln der gesamten Bevölkerung auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens kontrollierte. Ausgebaut wurde das Indoktrinierungssystem, das zur Sowjetisierung der Bevölkerung diente. Zu diesem Zweck wurden – wie in jedem totalitären (faschistischen oder kommunistischen) Staat – die Gesamtheit der Bildungseinrichtungen (von Kindergärten bis zu Hochschulen), die politischen, gesellschaftlichen und Jugendorganisationen sowie staatlichen Institutionen (Militär, Verwaltung), wie auch alle damaligen Massenkommunikationsmittel (Presse, Rundfunk) und die „in Inhalt und Form sozialistische Kultur“ eingespannt. Jegliche oppositionelle Haltungen und Aktivitäten wurden im Keim und mit aller Härte erstickt.

Auf dem gesamten sowjetischen Territorium, darunter auch in der Litauischen SSR und im „unterjochten“ Volkspolen, wurden eine ähnliche Nationalitätenpolitik betrieben und gleiche ideologische Ziele verfolgt. Das führte dazu, dass die sozialen Prozesse im gesamten ehemaligen Ostpreußen zum Teil ähnlich verliefen. Besonderes Gepräge verlieh ihnen die identische Politik der sowjetischen Militärbesatzungsbehörden (Kommandanturen): Terror, Deportationen, Demontage, brutale Abrechnung mit politischen Gegnern usw. Die Bildungsweise der neuen Zivilverwaltung beeinflusste auch die Ähnlichkeit der Politik im Memelland und im Kaliningrader Gebiet. Die Lage im Ermland und in Masuren war spezifisch. Dies resultierte aus der regionalen Eigenart, Tradition, Bevölkerungszusammensetzung, der allgemeinen politischen und sozialen Lage sowie der Kraft des sozialen Widerstands. Den Ideologen der sozialistischen (kommunistischen) Gesellschaft erschienen die neuen Bewohner der „neuen Gebiete“, der „ehemals deutschen Territorien“, als ideales Material, das sie sowjetisieren und in einen Homo ← 189 | 190 → Sovieticus umformen könnten. Entwurzelung, Bruch mit der Tradition, Mangel an ausgestalteten sozialen Bindungen, schwache gesellschaftliche Kontrolle, Gefühl der Unsicherheit und des Provisorischen begünstigten die Herausbildung der gewünschten Haltungen und des notwendigen sozialen Bewusstseins. Die Bevölkerung, die das gesamte Gebiet Ostpreußens bewohnte, sollte die Rote Armee, die kommunistische Partei und die Sowjetunion als Bürgen der bestehenden Staatsgrenzen wahrnehmen, was die Ängste vor einer Rückkehr der Deutschen in diese Region abbauen helfen sollte. In der Tat sollte die Bevölkerung zum passiven Element des Wandels degradiert werden.

Der gesellschaftliche Widerstand gegen die Sowjetisierung und Russifizierung war im Memelland viel schwächer als in Großlitauen. Die geringe Anzahl ehemaliger Einwohner, die große Zahl der Russen, die Unsicherheit der litauischen Siedler und der Sonderstatus dieser Grenzregion bedingten, dass der bewaffnete Widerstand in der Nachkriegszeit sehr begrenzt blieb. Schätzungsweise haben zwischen 10 000 bis 30 000 Personen in Großlitauen den bewaffneten Kampf aufgenommen; sie wurden „Partisanen“ oder „Waldbrüder“ (Miskiniai) genannt, in Kleinlitauen dagegen „Banditen“. So sollte die Sowjetisierung Litauens aufgehalten werden. Im Verlauf des bewaffneten Kampfes lassen sich drei Zeiträume unterscheiden: Herbst 1944 bis Frühling 1946, Sommer 1946 bis Ende 1948 und die letzte Phase bis Ende 1952.38

Die Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren eine zweite Besatzungszeit Litauens. Die erste Zeit der sowjetischen Diktatur fällt in die Jahre 1940-1941, als zum ersten Mal der bewaffnete Kampf aufgenommen wurde, so wie Ende 1944/Anfang 1945. Die manchmal 500 Mann starken Partisanenverbände konzentrierten sich in großen zusammenhängenden Waldgebieten sowie in Dörfern und Kleinstädten, hauptsächlich im südlichen Litauen in der Region Dzūkija und in Schamaiten, das an das Memelland grenzte. Die sowjetischen Behörden schätzten, dass es im Jahr 1946 in Litauen 336 Partisanengruppen und 436 antisowjetische Organisationen gab. In den Waldbunkern wurden eigene Zeitungen, z.B. „Laisves varpas“ („Glocke der Freiheit“), herausgegeben. Die Auflagen erreichten bis zu eintausend Exemplare. Die Partisanenverbände waren bemüht, mit den antikommunistischen Untergrundorganisationen im polnischen Suwalker Gebiet sowie mit den deutschen Gruppen im Kaliningrader Gebiet Kontakte aufzunehmen. Ziel war es, die Anstrengungen im Kampf gegen die Sowjets zu vereinen. Diese Aktivitäten scheiterten. Im Kampf gegen die bewaffnete litauische Opposition wurden starke Militär- und NKWD-Verbände aufgeboten. Die letzten Punkte des bewaffneten Widerstands fielen 1953.39 ← 190 | 191 →

Viele litauische Partisanen verbände operierten auch in Kleinlitauen. Es handelte sich zumeist um Ausfallaktionen zur Ausschaltung sowjetischer Funktionäre, die unter anderem die Kollektivierung der Landwirtschaft vorantreiben wollten. Die Einwohner des Memellandes stellten keine eigenen bewaffneten Verbände auf. Einige schlossen sich dafür den litauischen „Waldbrüden“ an oder unterstützten sie. Dadurch hielt sich zumal in den Dörfern und Kleinstädten das Gefühl der Unsicherheit, was zur Demoralisation führte. Unter dem Deckmantel der Partisanen agierten oft allerlei Gauner, die die Bevölkerung ausraubten und terrorisierten. Aus Angst um sein Leben zog ein Teil der Dorfbevölkerung in die Städte. Auch sowjetische Verbände, die die Partisanen bekämpften, terrorisierten die Einwohner und beschlagnahmten oft Lebensmittel und Alkohol, führten drastische Verschärfungen ein sowie Vergeltungsaktionen, falls ihnen Informationen über Partisanenunterstützer zugespielt worden waren.

Um den gesellschaftlichen Rückhalt der Partisanen bei der wohlhabenderen und gebildeteren Landbevölkerung einzudämmen und den Widerstand der Bevölkerung gegen die geplante Zwangskollektivierung zu brechen, wurde mit Massendeportationen begonnen. Dabei ging es auch um die Gewinnung billiger Arbeitskräfte für die Industrialisierung und Urbanisierung der endlosen Weiten Sibiriens. Dort war die Errichtung sozialistischer Schwerindustrie geplant. Ein weiteres geheimes Ziel der Aussiedlungen war die vollständige Vermischung unterschiedlicher Völker, um gemäß der stalinistischen Ideologie – ähnlich wie in den ehemaligen deutschen Gebieten – ein „Sowjetvolk“ zu schaffen, das keine Heimat, keine Muttersprache und kein nationales Zugehörigkeitsgefühl haben sollte. Ein in der Praxis realisierter Idealtypus war der Berufsmilitär (Offizier oder Unteroffizier der Sowjetischen Armee), der oft seinen Stationierungsort wechselte (von Kaliningrad bis nach Kamtschatka), nur in Dienstwohnungen lebte und somit kein Wohneigentum besaß. Da seine Familie und Kinder in immer anderen Regionen des Imperiums lebten, konnten sie nirgendwo Wurzeln schlagen. Kinder, deren Elternteile nicht selten unterschiedlicher ethnischer Herkunft waren, sprachen oft nicht die Sprache ihrer Eltern oder der lokalen Bevölkerung. Die neue Lingua Sovietica war Russisch und die erwünschte Haltung eine Identifikation mit dem sowjetischen Vaterland, der kommunistischen Partei und deren Führern.

Erste Deportationen aus Litauen fanden 1941 und unmittelbar nach dem Krieg statt. Wegen des demographischen Vakuums, der späteren intensiven Siedlungstätigkeit und der fehlenden Anzeichen für einen größeren Widerstand wurden in dieser Zeit im Memelland keine Deportationen durchgeführt. Bis 1947 wurden aus ganz Litauen etwa 70 000 Personen ausgesiedelt. Eine weitere große Deportationswelle fand im Frühling 1948 statt. Zu ihrer Durchführung wurden der lokale Verwaltungsapparat und die Mitglieder der kommunistischen Partei sowie der Komsomol-Organisation im Vorfeld mobilisiert. Die Zentralregierung entsandte ← 191 | 192 → zu diesem Zweck mehr als tausend Aktivisten. Durchgeführt wurde die Aussiedlungsaktion von militärischen Sondereinheiten des Innenministeriums. Die Kriterien zur Einteilung der zu Deportierenden waren weit gefasst. Auf besonderen Listen standen vor allem reiche Bauern und andere Landwirte, die als Kulaken eingestuft wurden. Eine eigene Kategorie bildeten Personen, die der Unterstützung oder der Solidarität mit nationalen Streitkräften im Untergrund verdächtigt wurden („Partisanen“, „Waldbrüder“). Letztere wurden bei der Festnahme erschossen oder zu hohen Haftstrafen verurteilt. Sie wurden auch in entlegene Regionen am Rande des Imperiums verbannt. Es gab Fälle von Denunziation durch die Nachbarn, die Anzeigen erstatteten, weil sie neidisch waren oder fremdes Eigentum zu übernehmen trachteten. Am 12. Dezember 1947 verabschiedete das ZK der KPL einen Beschluss, in dem sieben Kategorien reicher Bauern nach folgenden Kriterien definiert wurden:

Praktisch bedeutete dies, dass fast alle landwirtschaftlichen Betriebe unter diese Kategorien fielen. Die Aussiedlungen begannen am 22. Mai 1948 um vier Uhr früh unter dem poetischen Decknamen Vesna (Frühling). An einem Tag wurden in ganz Litauen etwa 40 000 Personen verhaftet. Gemäß den vorher verabschiedeten „Plänen“ sollten auch 343 Familien aus dem Memelland deportiert werden. Dank ihrem „operativen Engagement“ konnten die Behörden „den Plan übererfüllen“ und schließlich 412 Familien (oder 1 642 Personen) aus ihren Häusern und Wohnungen vertreiben. Dies rief Panik in der Region hervor. Anderntags, am 23. Mai, einem Sonntag, blieben alle Kirchen geschlossen41.

Die Durchführung der Aussiedlungen unterschied sich nicht von der Vorgehensweise eines Stalin oder Hitler42. In der Regel wurde das betroffene Haus am Abend von Militäreinheiten umstellt und den Hauseinwohnern bekanntgegeben, sie würden deportiert. Sie durften nur kleines Gepäck mitnehmen. Das gesamte Hab und Gut musste zurückgelassen werden. Anschließend wurden sie unter ← 192 | 193 → strenger Bewachung zur nächstgelegenen Bahnstation abtransportiert und gewarnt, dass bei Fluchtversuch Erschießung drohe. Nach der Verladung in Viehwaggons warteten die Aussiedler meistens tagelang auf die Abfahrt und verblieben auf Abstellgleisen in der Nähe der Bahnhöfe. Der Transport setzte sich in Bewegung, nachdem er vollständig und gesichert war. Genau dann bestand eine Fluchtmöglichkeit, von der viele zumeist junge Leute Gebrauch machten. Nach einer mehrwöchigen Fahrt erreichten die Transporte meistens Westsibirien und Kasachstan. Für die Einwohner Kleinlitauens wurden Sammelpunkte (Deportationspunkte) in Rimkai, Šilutė und Radviskis eingerichtet. Zielstationen waren Kansk und Jenissei in der Region Krasnojarsk in Sibirien. Unter den Deportieren stellten Frauen die größte Gruppe (39 %), gefolgt von Männern (31 %) und Kindern unter 15 Jahren (30 %)43.

Weitere Aussiedlungen folgten im März 1949 unter dem Namen Priboj („Brandung“). Aus dem Memelland wurden damals 1 465 Personen (426 Familien) und aus ganz Litauen insgesamt 8 500 Personen deportiert. In späteren Jahren erreichte die Zahl der Ausgesiedelten nicht mehr dieses Ausmaß. In den Jahren 1951-1952 wurden aus Kleinlitauen etwa 3 500 Personen (940 Familien) deportiert. Insgesamt wurden zwischen 1948 und 1952 aus der Region fast 2 000 Familien (ca. 6 500 Personen) ausgesiedelt. Die Alteinwohner machten knapp 45 % der Gesamtzahl der Deportierten aus. Fast die Hälfte von ihnen waren Repatriierte44.

Tabelle 9     Deportationen der Bevölkerung aus Litauen zwischen 1948 und 1952

Quelle: A. Arbušauskaitė, Die alteingesessene Zivilbevölkerung des Memelgebietes während der sowjetischen Okkupation, in: Annaberger Annalen 1999, Nr. 7, S. 59. ← 193 | 194 →

Wie jede Deportation, so war auch die im Mai 1948 ein traumatisches Erlebnis. Die damals dreizehnjährige A. G. erinnert sich an diese Ereignisse so: „Auf dem Kaunaser Bahnhof stand ein langer Güterzug mit geöffneten Türen und verschlang Menschen wie eine Riesenschlange. Von den Soldaten gestoßen, ergoss sich die graue Masse der versklavten Menschen in sie. (…) Kaum war ich im letzten Waggon gelandet, wurde auch die Tür vernagelt. Man verdunkelte auch das kleine vergitterte Fenster, damit ja keiner von außen sähe, welches ‚Vieh‘ befördert wird. Notdürftig richtete ich mich unter der Decke zwischen verschwitzten und jammernden Körpern ein. (…) Irgendjemand erspähte durch einen Bretterspalt, dass wir fuhren… in Richtung Deutschland. Dann hielt der Güterzug in Mauruciai, einige volle Waggons wurden drangehängt und dann ging es wieder in Richtung Osten. Die Insassen überlegten, an welcher Stelle man uns wohl erschießen würde. Es stellte sich heraus, dass die Erschießung nicht nur mir angedroht worden war. Man vermutete, dass man uns in Paneriai bei Wilna [dort fanden 1941-1943 Massenerschießungen von Juden statt – A.S.] erschießen würde, andere meinten, dass es in den belorussischen Sümpfen bequemer sei…“45.

1.5.   Zwangskollektivierung

Durch die Terrorisierung der litauischen und memelländischen Bevölkerung wurde, wie in der Ukraine der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, der Weg für die Zwangskollektivierung geebnet. Ohne eine „Vergesellschaftung“ der Landwirtschaft vermochten sich die stalinistischen Ideologen und Machthaber ein kommunistisches System nicht vorzustellen.

Die Grundlage für die Agrarpolitik der Sowjets, die auf die vollständige Kollektivierung der Landwirtschaft und die Zerschlagung der bisherigern Sozialstruktur abzielte, bildete die Agrarreform der Jahre 1945-1948. Bereits am 30. August 1944 verabschiedete der Oberste Rat der LSSR (das sowjetische Pendant eines Parlaments) ein Gesetz über die Beseitigung von Folgen der deutschen Besatzung in der Landwirtschaft, auf dessen Grundlage nun die Agrarreform eingeführt wurde. Alle bisher herrenlosen, von repatriierten Polen aus dem Wilnaer Gebiet zurückgelassenen Agrarbetriebe und Gehöfte wurden in einem staatlichen Bodenfonds zusammengelegt. Sonstige Ackerböden, die beispielsweise im Eigentum der Kirchen standen, wurden verstaatlicht. Die Landeigentümer durften zwischen 20 und 30 ha Land besitzen. Aktive Kollaborateure aus der Zeit der deutschen Besatzung durften lediglich 5 ha Land behalten. Die Landreform erfüllte aber die Erwartungen der Regierung nicht. Das hatte mehrere Gründe: ← 194 | 195 →

Dass durch die Agrarreform viele unrentable Höfe entstanden, schuf nach Ansicht der Betreiber der sowjetischen Agrarpolitik günstige Voraussetzungen für die Einführung der Zwangskollektivierung. Ihr ging die Bildung staatlicher Agrarbetriebe (Sowchosen) voraus, die in Polen ihr Pendant in den Staatlichen Landwirtschafts betrieben (PGR) hatten. Die ersten Sowchosen wurden wie die militärisch verwalteten Landgüter bereits in den Jahren 1944-1945 ausgehend von – meist ehemaligen deutschen – Großgütern errichtet. In der Nachkriegszeit entstanden im Memelland 16 Sowchosen. Sie alle litten unter Arbeitskräftemangel. Da sie unrentabel waren, zahlten sie oft nur einen Teil ihrer niedrigen Löhne in bar aus und den Rest in „Naturalien“. Die Sowchosenarbeiter durften 0,6 ha Land bei ihrem Haus besitzen. Die Behörden versuchten meist erfolglos, Arbeitskräfte für die Sowchosen anzuheuern. Es wurden vielfältige Anwerbungsmaßnahmen durchgeführt. Unter den Sowchosarbeitern waren auch Repatriierte.

1949 wurde mit der totalen Zwangskollektivierung begonnen. Es handelte sich dabei um eine durch und durch doktrinär-politische Entscheidung. Der ländliche Waren- und Geldverkehr, das heißt die Marktwirtschaft, war für die sowjetischen Machthaber nicht hinnehmbar. Es hieß, die Kleingüterwirtschaft ließe zwangsläufig den Kapitalismus wieder aufleben. Allein durch die Abschaffung privaten Landbesitzes sei volle politische und wirtschaftliche Kontrolle über den ländlichen Raum zu erreichen. Auch ökonomisch wurde argumentiert. In der Propaganda war die Rede von der Möglichkeit, die Agrarproduktion durch Flurbereinigung und Einführung moderner Technologien zu steigern. Die Behörden konnten die Pflichtkontingente von den Kolchosen leichter eintreiben als von den Privatbauern.

Ende 1949 konnten die litauischen Kommunisten es als Erfolg ansehen, dass 62 % aller Agrarbetriebe landesweit kollektiviert worden waren. Der partisanengestützte Widerstand der Bevölkerung führte dazu, dass noch 1951 27 % der Agrarbetriebe in privater Hand waren. Obwohl viele Kolchosen (landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) unrentabel blieben, waren die Behörden besonders um die Kollektivierung im Memelland bemüht. Anfang der fünfziger Jahre wurde die Mehrzahl der Agrarbetriebe kollektiviert. Die Kolchosen erhielten auch passende Namen wie Naujas Darbas („Neue Arbeit“) oder Geguzes pirmoj („Erster Mai“). Auch auf der Kurischen Nehrung entstanden Fischereikolchosen. Am 12. Juni 1948 wurde in Nida die erste derartige Kolchose gegründet. Sie hieß Pasi ← 195 | 196 → enetis („Grenzkolchose“) und ihr gehörten 37 Fischer an. Der Kolchose Baltijos Aušra („Ostsee-Morgenröte“) gehörten 47 Fischer aus Juodkrantė, Pervalka und Preila an.

Die gesamten sozialen Prozesse in den Jahren 1945-1950, d.h. Massenmigrationen, Bürgerkrieg, Landwirtschaftsreform, Deportationen, Kollektivierung und Sowjetisierung, ließen vielfältige Konflikte und Spannungen aufkommen. Diese betrafen die Gegensätze sowohl zwischen den sowjetischen Behörden und der gesamten Bevölkerung als auch zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen. Dazu kam das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen, Religionen, Werte, Normen und Verhaltensmuster. Für die alten Einwohner bedeutete dies die Ablösung ihrer bisherigen Welt durch die unverständliche Sowjetrealität mit ihren Merkmalen wie fehlender Disziplin, um sich greifender Unordnung, Schwinden des Arbeitsethos, Trunksucht sowie Inkompetenz und Arroganz der Regierung.

Nach Abschluss der massenhaften Wanderungsbewegungen erreichte die Bevölkerungszahl im Memelland einen Stand von über 100 000 Personen, darunter ca. 15 000 Altbewohner. 1950 wohnten in Klaipėda, der Hauptstadt der Region, 48 500 Einwohner, von denen die Litauer nur 40 % ausmachten. Wegen späterer territorialer Änderungen im Memelland (Bildung neuer Verwaltungseinheiten, die nun auch großlitauische Landstriche umfassten) fällt es sehr schwer, die Einwohnerzahl innerhalb des historischen Gebiets präzise zu bestimmen. ← 196 | 197 →


1      Vgl. G. H. Goring, Das Memelland. Gestern und heute. Eine historische und rechtliche Betrachtung, Bonn 1991, S. 19. Andere Autoren nennen unterschiedliche Zahlen: 2 848 km2 (A. Arbušauskaitė, Die alteingesessene Zivilbevölkerung des Memelgebietes während der sowjetischen Okkupation, „Annaberger Annalen“ 1999, Nr. 7, S. 4) bzw. 2 657 km2 (E. Schwertfeger, Memelland – Land in Fesseln, Schicksal an deutschen Grenzen, Teil I, Berlin 1935, S. 24).

2      Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815-1945, Rheie A: Preußen, hrsg. von W. Hubatsch, Bd. 1: Ost- und Westpreußen, bearb. von D. Stüttgen, Marburg/Lahn 1975, S. 101, 115, 121.

3      A. Arbušauskaitė, Die alteingesessene…, S. 40.

4      Angaben der Volkszählung von 2003, www.std.lt (2.10.2005).

5      V. Vareikis, Klaipėda zwischen der Sowjetunion und der Litauischen SSR, 1945-1990, in: Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte Bd. X, 2001, S. 122 f.

6      Ebenda, S. 123.

7      Ebenda.

8      Ebd Vgl. auch V. Vareikis, Region Kłajpedy po II wojnie światowej, in: Pamięć i historia (Olsztyn, Kaliningrad, Kłajpeda), pod red. T. Chrzanowskiego, Olsztyn 2009, S. 68-83.

9      K. Sirblys, Lietuvos komunistų partijos veikla udgant socialistiną darbininkų klasą,Vilnius 1976, S. 32.

10    Ähnliche Abkommen wurden von den polnischen Behörden mit der Ukraine und Weißrussland (9. September 1944) und mit Moskau über die Ausreise polnischer und jüdischer Bevölkerung aus den übrigen Regionen der Sowjetunion (6. Juli 1945) geschlossen. Vgl. A. Sakson, Mniejszości narodowe w Polsce ze szczególnym uwzględnieniem mniejszości niemieckiej, in: Kultura i Społeczeństwo 1991, Nr. 4, S. 186 f.

11    V. Vareikis, Kleipėda..., S. 128 f.

12    Ebenda, S. 131.

13    V. Vareikis, Klaipėda…, S. 128 f.

14    Solche Fälle sind mir auch aus der Familienüberlieferung bekannt. Nachdem meine Eltern 1948 ein ehemaliges deutsches Haus in Elbing bezogen hatten, in dem zuvor Offiziere der Roten Armee gewohnt hatten, waren sie gezwungen, nicht nur eine Generalsanierung durchführen zu lassen, bei der unter anderem eine Toilette in einem der Zimmer im Untergeschoss beseitigt werden musste (die frühere war total ruiniert), sondern auch eine riesige Menge an Müll und verschiedenstem Abfall wegzuschaffen. Es fehlten auch Fenster und Türen. Dass sie an diesen Ort kamen, war durch die Verlegung des 5. Jagdfliegergeschwaders aus Lodz, bei dem mein Vater diente, auf den Militärflugplatz in Elbing bedingt. In diesem Haus bin ich später zur Welt gekommen.

15    Zit. nach: Kibelka, Memellandbuch. Fünf Jahrzehnte Nachkriegsgeschichte, Berlin 2002, S. 30.

16    Vgl. A. Rūtė, Grundzüge des sozialen, kulturellen und administrativen Lebens in Klaipėda 1945-1982, in: Nordost-Archiv Bd. X, 2001, S. 151-158.

17    Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Bd. I/1: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neisse, bearb. von Th. Schieder [o.O. u. J.] S. 2.

18    A. Bohmann, Menschen und Grenzen, Bd. 3: Strukturhandel der deutschen Bevölkerung im sowjetischen Staats- und Verwaltungsbereich, Köln 1971, gibt an, dass im Oktober 1941 im Memelland insgesamt 134 000 Menschen lebten, davon 47 000 in Memel. Bis zum 22. März 1939 besaßen sie zumeist litauische Pässe mit dem Zusatzvermerk „Bürger des Memelgebiets“ (S. 189).

19    V. Lachauer, Paradiesstraße. Lebenserinnerungen der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit, Reinbek bei Hamburg 1996, S. 48. Vgl. A. Arbušauskaitė, Die alteingesessene…, S. 50-52

20    Zusammenstellung von A. Arbušauskaitė für das Museum der Stadt Klaipeda in der Ausstellung zur Stadtgeschichte nach 1945 (Information, die der Verfasser bei seinem Museumsbesuch im November 2005 erhielt).

21    R. Kibelka, Memellandbuch…, S. 37.

22    Kibelka, Ostpreußens Schicksalsjahre 1945-1948, Berlin 2004, S. 42. Vgl. auch: A. Hermann stellt in der Arbeit Lietuvių ir vokiečių kaimynystė. Straipsnių rinkimp, Baltos lankos 2004, fest, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hätten sich im Memelland 30 000 Dagebliebene aufgehalten, d.h. Personen, die sich nicht in Sicherheit gebracht hatten, und Repatriierte (S. 94). Er präsentiert aber keine Quellen für diese Schätzung. Andere deutsche Forscher, die sich mit der Problematik Kleinlitauens befassen, nehmen in ihren Arbeiten zu dieser wichtigen Frage keine Stellung. Vgl. Kibelka, Memellandbuch…; dies., Ostpreußische Schicksalsjahre…; A. Kossert, Ostpreußen. Geschichte und Mythos, München 2005; G. H. Goring, Das Memelland. Gestern und heute…

23    Vgl. A. Arbušauskaitė, Kuršių Nerijas gyventojų socialiniai – demografiniai pokyčiai, in: Lietuvininkų Kraštas monografija, Red. N. Vėlius, A. Kaziukonienė, A. Matulevičius,V. Milius, I. Seliutaitė, Kaunas 1995, S. 372-398; auch: Demographische Veränderungen auf der Kurischen Nehrung nach 1945, in: Annaberger Annalen 1993, Nr. 1, S. 61-81; Einige Aspekte der nationalen Selbsteinschätzung bei der altansässigen Bevölkerung der Kurischen Nehrung nach 1945, in: Annaberger Annalen 1994, Nr. 2, S. 65-73.

24    A. Arbušauskaitė, Die alteingesessene…, S. 43.

25    Die Kuren sind ein heute nicht mehr existierender, zu den baltischen Völkern gezählter Volksstamm. Er entstand etwa im siebten Jahrhundert und lebte in Nordwestlitauen (Kurland). Um das Jahr 1000 zählte er 100 000 Mitglieder. Im 13. Jahrhundert gelangte er unter die Herrschaft des Deutschen Ordens. Die Kuren zettelten mehrmals Aufstände gegen die Ordensritter an; nichtsdestoweniger hat sich ihre Assimilation rasch vollzogen. Reste von Sprache und Traditionen überdauerten bis ins 16. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert erlosch das Volk. Im 16. Jahrhundert wurde auf der Kurischen Nehrung Deutsch, Litauisch, Lettisch (Kurisch) und Prußisch gesprochen. Heute leben sie als eine kleine ethnische Gruppe in Finnland, Lettland und auf der Kurischen Nehrung (Litauen). Vgl. J. Ochmański, Historia Litwy, Wrocław/Warszawa/Kraków 1990, S. 27, 37-39; A. Bezzenberger, Die Kurische Nehrung und ihre Bewohner, Stuttgart 1889; www.free4web.pl (16.02.2006).

26    S. Pocytė, Agluonėnei Kaimas istrijos pagairėje (1939-1990), Klaipėda 1994. Vgl. auch: A. Hermann, Klaipėdiškių liminas Lietuvoje po 1945 metų, in: ders., Lietuvių ir vokiečių kaimynystė. Straipsnių rinkimp, Baltos lankos 2000, S. 73-94; ders.: Klaipėdiecių likimas po 1945 metų, in: Akiračiai (Chicago) 1988, Nr. 5; Das Schicksal der in der Heimat verbliebenen Memelländer nach 1945, in: Annaberger Annalen 1993, Nr. 1; Die Memelländer in der Heimat nach 1945 und ihr Verhältnis zu den Litauern, Litauisches Kulturinstitut, Jahrestagung 1987, Lampertheim 1988.

27    Ebenda.

28    V. Lachauer, Paradiesstraße…, S. 59-62.

29    A. Arbušauskaitė, Die alteingesessene…, S. 47 f.

30    V. Lachauer, Paradiesstraße…, S. 55 f.

31    Ebenda, S. 62-66.

32    Ebenda, S. 56. Vgl. auch Kibelka, Ostpreußens…, S. 119.

33    Vgl. M. Mačiulskis, Die Tätigkeit des MVD-MGB im Memelland in den Nachkriegsjahren (1945-1953), in: Annaberger Annalen 1999, Nr. 7, S. 93.

34    Ebenda, S. 93 f.

35    Kibelka, Wolfskinder. Grenzgänger an der Memel, B4erlin 2003, S. 58 f.

36    Ebenda, S. 60-64.

37    Ebenda, S. 56.

38    A. Arbušauskaitė, Die alteingesessene…, S. 57.

39    Ebenda.

40    Kibelka, Wolfskinder…, S. 56 f.

41    Kibelka, Ostpreußens…, S. 140. Vgl. auch N. Kairiūkštytė, Klaipėdos krašto kaimo vietovių apgyvendinimas pokario metais, in: Lietuvininku kraštas, Kaunas 1995, S. 349-371.

42    A. Hermann, Lietuvių…, S. 85-90.

43    Kibelka, Ostpreußens…., S. 139-146.

44    Kibelka, Wolfskinder..., S. 57.

45    Kibelka, Memelland…, S. 42 f.

46    A. Arbušauskaitė, Die Demographische…, S. 67.

2.   Sonderzone – Vom Königsberger zum Kaliningrader Gebiet

Die Beendigung des Zweiten Weltkriegs am 8./9. Mai 1945 besiegelte den endgültigen Zerfall Ostpreußens. Die formalrechtliche Stellung ganz Ostpreußens blieb in den ersten Monaten nach dessen Einnahme durch die Rote Armee (April-Juli 1945) bis zur Unterzeichnung der Schlussdokumente auf der Konferenz der Siegermächte in Potsdam am 2. August 1945 ungeklärt. Die Gegend Königsbergs mit den benachbarten Landkreisen, die ein Drittel der Fläche Ostpreußens ausmachten, wurde an die Sowjetunion angeschlossen und als Besatzungszone behandelt. Daher war die Einstellung der sowjetischen Truppen zur deutschen Zivilbevölkerung wie auch zum vorgefundenen materiellen Vermögen identisch mit der im gesamten besetzten Deutschland47.

2.1.   Sowjetische Besatzung und Einverleibung – Entstehung der Herrschaft und der Verwaltungsstruktur

Wie in anderen von der Roten Armee eingenommenen Gebieten wurde auch in Ostpreußen die volle Gewalt zunächst durch die sowjetische Militärverwaltung in Gestalt von Militärkommandanturen übernommen. In Ostpreußen übte anfangs die Militärführung die Oberhoheit aus, genauer der Kriegsrat der 3. Weißrussischen Front. Im Operationsgebiet der 11. Garde-Armee gab es in der ersten Hälfte des Februar 1945 neun Kommandanturen, darunter sieben Armee- und zwei Frontkommandanturen (in Wehlau und Tapiau). Ungeachtet der schweren Kämpfe um Königsberg wurde eine Militärkommandantur der Stadt und Festung Königsberg errichtet und der Chef der Stadt- und Festungsgarnison Königsberg ernannt. Nach der Einnahme der ostpreußischen Hauptstadt wurde diese in acht Bezirke (Rajons) unter den Militärkommandanten aufgeteilt. Unabhängig von den Kommandanturen gab es auch andere Militärorgane für die Sicherung des Hinterlands (einschließlich des Beutegutes).

Nach Fall und Kapitulation des Dritten Reiches wurde gemäß dem Befehl des Militärrates der 3. Weißrussischen Front vom 10. Mai 1945 beim Stadtkommandanten Königsberg die provisorische Verwaltung für Zivilangelegenheiten gebildet, ebenso deren Pendants bei den Bezirkskommandanturen. Ihre Struktur umfasste viele verschiedene Abteilungen: Passwesen, Verwaltung, Handel, Nahrungsmittelbeschaffung, lokale Industrie und Gesundheitsschutz. Eine sehr wich ← 197 | 198 → tige Rolle kam aus der Sicht der alten und neuen Zivilbevölkerung der Passabteilung zu, die provisorische Aufenthaltsbescheinigungen ausstellte, Wohnsitze und Beschäftigungen zuwies. Bereits am 11. Juni 1945 wurden gemäß einem Befehl des Königsberger Kommandanten in allen von Deutschen bewohnten Häusern Vorsteher ernannt. Sie hatten für Ordnung zu sorgen und dabei auch auf die Habe und die entsprechende Zahl der Bewohner zu achten. Damals begann eine groß angelegte Zwangsmaßnahme, um die deutsche Bevölkerung aus, ihren Wohnungen und Häusern zu vertreiben. Die Deutschen wurden oft in festgelegte Straßenzüge oder Stadtbezirke eingewiesen. Am 10. Juni 1945 wurde durch Beschluss des Staatlichen Verteidigungskomitees der UdSSR der Sondermilitärbezirk Königsberg begründet, deren Oberbefehlshaber vom Stadt- und Festungskommandanten die Zivil- und Wirtschaftsangelegenheiten übernehmen sollte. Erst am 19. November 1945 jedoch fasste der Kriegsrat des Sondermilitärbezirks Königsberg einen Beschluss über die Gründung der Provisorischen Verwaltung für Zivilangelegenheiten beim Kriegsrat mit 15 Abteilungen. Dadurch wurden alle Militärkommandanturen in Wirtschaftsfragen der Provisorischen Verwaltung unterstellt. Auch die territoriale Gliederung in 15 Rajons und die separate Stadt Königsberg von Mitte 1945 wurde beibehalten.

Anfang 1946 hatten Rajons in folgenden Ortschaften ihren Sitz: Königsberg Stadt mit 8 Rajons; Königsberg Land; Darkehmen (Osjorsk); Fischhausen (Primorsk); Friedland (Prawdinsk); Gumbinnen (Gussew); Heiligenbeil (Mamonowo), später nach Ludwigsort (Laduschkin) verlegt; Heinrichswalde (Slawsk); Labiau (Polessk); Kreuzburg (Slawskoje), später nach Preußisch Eylau (Bagrationowsk) verlegt; Pillkallen (Dobrowolsk), später nach Lasdehnen (Krasnosnamensk) verlegt; Stallupönen (Nesterow); Tapiau (Gwardeisk); Tilsit (Sowetsk), später nach Ragnit (Neman) verlegt48.

Die so ausgestaltete Verwaltungsstruktur wurde von der Moskauer Regierung als eine Sondermilitärzone der UdSSR behandelt. Die Provisorische Verwaltung agierte als provisorische Zivilbehörde49. Gemäß einem Erlass des Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR vom 7. April 1946 wurde das „Königsberger Gebiet“ (Kenigsbergskaja Oblast) gebildet und in die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (RSFSR) eingegliedert. Praktisch bedeutete dies ein Ende der Militärverwaltung und deren Ersetzung durch eine Zivilverwaltung, wie sie für die gesamte UdSSR typisch war. Zweck der bisherigen Provisorischen Verwaltung für Zivilangelegenheiten, die bis Ap ← 198 | 199 → ril 1946 bestand, war der Wiederaufbau von Industrie, Kommunalwirtschaft und Transport sowie die Gründung von Militärkolchosen und die Sicherstellung materieller Werte, bis die Verhältnisse die Gründung eines neuen Bezirks zuließen. Die offizielle Machtübergabe durch das Militär an die zivilen Verwaltungsstrukturen fand am 31. Mai 1946 statt. Am 4. Juli 1946 wurden Königsberg und sein Gebiet durch Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR zu Ehren des am 3. Juli 1946 verstorbenen Stellvertretenden Präsidiumsvorsitzenden des Obersten Sowjets Michail Iwanowitsch Kalinin in Kaliningrad und Kaliningrader Gebiet (Kaliningradskaja Oblast) umbenannt (in den darauf folgenden Monaten wurden keine weiteren Ortschaften umbenannt)50. Die formale Eingliederung des Kaliningrader Gebiets in die UdSSR wurde erst am 25. Februar 1947 vollzogen.51

Bei der Einrichtung des Kaliningrader Gebiets kam es zu einer administrativen Neuordnung mit 14 Rajons und der separaten Stadt Kaliningrad. Es wurden ein Gebietsamt für Zivilangelegenheiten und die ihm unterstellten Ämter den in einzelnen Verwaltungseinheiten gegründet. In jedem dieser Ämter gab es eine politische Abteilung, über deren Kaderbesetzung das Zentralkomitee der Kommunistischen Allunions-Partei (Bolschewisten) entschied. Deswegen vereinte das Gebietsamt für Zivilangelegenheiten Aufgaben einer staatlichen und einer parteipolitischen Institution in sich. Es bestand bis zum 28. Mai 1947, als es ersetzt wurde durch ein neues Verwaltungsgebilde, das höheren Orts eingesetzte Exekutivkomitee des Arbeiterdelegiertenrates für das Kaliningrader Gebiet, dem in den Städten und Rajons die Stadt- und Rajonexekutivkomitees der Delegiertenräte entsprachen. Mit Erlass vom 21. Juli 1947 wurde eine neue Verwaltungsgliederung des Gebiets eingeführt52. Die Gebietshauptstadt Kaliningrad wurde in vier Stadtrajons untergliedert, und zwar den Baltischen, den Leningrader, den Moskauer und den Stalingrader, das Gebiet (Oblast) in 17 Rajons, darunter drei Stadtbezirke, 19 Städte, davon 7 rajonfrei, 5 Arbeitssiedlungen und 129 Dorfsowjets (Tabelle 10). ← 199 | 200 →

Tabelle 10     Verwaltungsstruktur des Kaliningrader Gebiets 1947

Quelle: Vgl. V. Frobarth, Das Königsberger Gebiet in der Politik der Sowjetunion 1945-1990. Mit einer analytischen Betrachtung des Kaliningrader Gebiets in der Politik Russlands 1991-2000, Berlin 2001, S. 271. ← 200 | 201 →

Weitere geringfügige Änderungen der Verwaltungsstruktur traten 1951 ein, als Mamonowo zur Rajonstadt und Primorje (Groß Kuhren) zur Arbeitersiedlung aufstiegen. 1952 avancierte Pionerskij (Neukuhren), bislang Erholungssiedlung, zum städtischen Seebad und wurde Rajonsitz. Die oben dargestellte Verwaltungsstruktur blieb mit geringfügigen Änderungen (1958 wurden neue Rajongrenzen für Neman bestimmt, im Juni 1960 der Rajon Kaliningrad-Land aufgelöst und zum größten Teil dem Rajon Bagrationowsk zugeschlagen) bis 1962 erhalten, als 16 Rajons mit 22 Städten, davon 7 rajonfrei, 5 Arbeitersiedlungen und nur 98 Dorfsowjets gebildet wurden.

Die Eingliederung des Kaliningrader Gebiets in die Struktur der Sowjetunion bedeutete auch die Übernahme der allgemeinen Grundsätze des sozialistischen Systems, in dem die kommunistische Partei die wichtigste und eigentlich die einzige soziale und politische Kraft war. Ende 1945 wurde intensiv mit dem Aufbau der Strukturen der kommunistischen Partei (VKP(b)) begonnen. Zu Jahresbeginn 1946 waren im Gebiet 50 Parteiorganisationen mit 889 Kommunisten (654 Mitglieder und 235 Kandidaten) aktiv. Am 6. März 1947 wurde das erste Gebietskomitee (Obkom) der VKP(b) gegründet. Ende 1947 fand die erste Gebietsparteikonferenz statt, nach der am 21. Dezember 1947 die Mitglieder der Delegiertenräte aller Ebenen (Stadt-, Rajon- und Gebietsräte) gewählt wurden. Mit der Zuwanderung neuer Siedler stieg auch die Zahl der Parteimitglieder kontinuierlich. 1947 zählte die Partei 7 497 Mitglieder (gegenüber 290 000 Sowjetbürgen, was einer Parteimitgliedschaftsquote von 25,9 Personen auf 1 000 Einwohner entsprach).

1948 stieg diese Zahl auf 14 544 (gegenüber 380 000 Sowjetbürgern, wodurch die Parteimitgliedschaftsquote auf 38,3 stieg). In Kaliningrad zählte die VKP(b) im Jahr 1948 4 957 Mitglieder (gegenüber ca. 80 000 Sowjetbürgern, was einer Parteimitgliedschaftsquote von 62 Personen auf 1 000 Einwohner entsprach). Zusammen mit dem Aufbau der Parteistrukturen, die parallel zur staatlichen Verwaltung, der kommunalen Selbstverwaltung und der Exekutivgewalt aller Ebenen des Gebiets tätig waren, wurden auch Komsomol-Organisationen gegründet, denen im Jahr 1947 9 100 Personen angehörten, sowie Gewerkschaften, die im selben Jahr 43 000 Mitglieder hatten53. Eine solche Ausgestaltung der Herrschaftsstrukturen folgte dem UdSSR-weiten Muster, d.h. sie glich sich im Kaliningrader Gebiet und im Memelland. In der Volksrepublik Polen ähnelte lediglich die Parteistruktur dem sowjetischen Modell. ← 201 | 202 → Die Verwaltungsstruktur leitete sich aus der Tradition der 2. Polnischen Republik her. Das Abhängigkeitsgefüge zwischen der kommunistischen Regierungspartei und den Verwaltungsbehörden folgte aber dem sowjetischen Modell.

Wegen der großen Kriegszerstörungen, späterer Beschlagnahmungen und des Abtransports materieller Güter ins Innere der Sowjetunion befand sich die Wirtschaft der Region in den ersten Nachkriegsjahren in einer sehr schwierigen Lage. Mehr als die Hälfte der erfassten Industrieanlagen waren völlig zerbombt (182 von 360 Industriebetrieben). Der Rest war zu 50-60 % zerstört. Viele Betriebe hatte man ins Innere Deutschlands evakuiert. Praktisch gab es gar keine Rohstoffe und Energieträger. Dem Boden gleichgemacht waren zahlreiche Ortschaften, Königsberg zu 80-90 % (genutzt werden konnten nur 8,3 % der Gebäudefläche im Stadtzentrum). Andere größere Städte, besonders jene in der Nähe Königsbergs, wurden ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen (Insterburg zu mehr als 90 %, Tilsit zu 60 %.).

Das Erdreich war durch hunderttausende Bomben, Geschosse und Minen aufgewühlt, über tausende Kilometer zogen sich Schützengräben und Wehrbefestigungen hin. Riesige Flächen fruchtbarer Polder waren überflutet, weil an der Memel die Fluss- und an beiden Haffen die Seedeiche gebrochen waren. Auf diese Weise wurde fast die ganze Memelniederung (sechs frühere Verwaltungskreise), die unter dem Meeresspiegel liegt, überflutet, Sumpfpflanzen begannen sich auszubreiten. Der Ausbruch einer Malaria-Epidemie war durchaus real54.

Wegen des besonderen militärischen Gepräges der Region erfüllte die Armee in der ersten Nachkriegszeit eine entscheidende Rolle für deren Funktionstüchtigkeit. Die Kriegsgefangenen und die deutsche Bevölkerung wurden zur Enttrümmerung der Straßen, dem Bau der notwendigen Betriebe (Bäckereien, Wäschereien, Fleischereien usw.) und der Entminung eingesetzt.

Unmittelbar nach Einstellung der Kriegshandlungen begann in ganz Ostpreußen der Abtransport des Beutegutes, zu dem man eigentlich alle vorgefundene Habe zählte. Diese wurde meist nahe der Bahnstrecken gesammelt und dann ins Innere der UdSSR deportiert. Genauso verfuhr man mit dem lebenden Inventar und den Erträgen der ersten Ernte. Delegationen von Moskauer Ministerien oder von Unternehmen aus der Sowjetunion bezeichneten Maschinen und Geräte zu Demontage und anschließendem Abtransport55.

Gemäß den Direktiven aus Moskau hatten die Gebietsbehörden während der Eingliederung der Region in die Strukturen der UdSSR, d.h. in den Jahren 1945-1948, folgende wirtschaftliche Hauptaufgaben:

1.     Überführung von Demontagegut (Kriegsbeute) aus dem besetzten Deutschland über das Königsberger Gebiet in die Sowjetunion;

2.     Demontage von Produktionsanlagen im Königsberger Gebiet und deren Abtransport in die Sowjetunion; ← 202 | 203 →

3.     Wiederinbetriebnahme bzw. Umstrukturierung oder Neuaufbau von Industriebereichen im Gebiet mit besonderer Bedeutung für die Sowjetunion, wie zum Beispiel Schiffbau, Waggonfabrik, Papier- und Zellulosefabriken, Häfen, Fischverarbeitung, Bersteinförderung und -verarbeitung;

4.     Landwirtschaft: zur Versorgung der Streitkräfte sowie im weiteren als bedeutendes landwirtschaftlich nutzbares Gebiet für die Sowjetunion56.

Diese typisch extensive Raubwirtschaft brach bald zusammen, was am augenfälligsten in der Hungersnot zum Ausdruck kam, unter der zunächst die deutsche Zivilbevölkerung zu leiden hatte. Dazu kam es, obwohl formell die Verordnung des Präsidiums des Ministerrates der UdSSR Nr. 1298 „Über Maßnahmen zum wirtschaftlichen Aufbau des Königsberger Gebiets“ vom 21. Juni 1946 verabschiedet wurde, die die aktuellen Aufgaben und Pläne zur Entwicklung der Region vorgab57.

Die Moskauer Regierung richtete ihr Augenmerk besonders auf den „allgemeinen Wiederaufbau der Wirtschaft“ in den „neuen Gebieten und Territorien“. Einen Niederschlag fand dies im ersten Fünfjahresplan nach dem Krieg vom März 1945. Teil der Sowjetunion wurden nach dem Zweiten Weltkrieg außer der Region Königsberg auch die südliche Insel Sachalin58, die Kurilen59 im Fernen ← 203 | 204 → Osten sowie die Umgebung der Stadt Petschenga (früher Petsamo in Finnland)60. Doch nur das Kaliningrader Gebiet bildete eine selbständige Verwaltungseinheit innerhalb der RSFSR. Dies verdankte es der räumlichen Trennung von Russland durch andere Sowjetrepubliken. In der Nachkriegszeit prüften litauische Kommunisten die Möglichkeit, das Gebiet an die Litauische SSR anzuschließen61, was nicht realisiert wurde. Das südliche Sachalin und die Kurilen gehörten anfänglich zur Region Chabarowsk; 1947 wurde aber die Oblast Sachalin gebildet, die die gesamte Halbinsel und die Kurilen umfasst. Die Gegend um Petschenga war bis 1920 Teil Russlands und gehörte seit 1945 zur Region Murmansk62.

2.2.   Sowjetisierung der Namen

Wesentlicher Bestandteil der Eingliederung territorialer Neuerwerbungen in den jeweiligen Staat ist eine Umbenennung bisheriger Ortsnamen. Haben die neuen Behörden im Memelland, im Ermland oder in Masuren noch mehr oder weniger auf litauische, polnische oder slawische Namen Bezug genommen, so wurden die Namen im Kaliningrader Gebiet vollständig ausgetauscht. Dies galt sowohl für die Namen der Region selbst, der einzelnen Städte, Ortschaften und Dörfer sowie naturräumlichen Gegebenheiten als auch für die Namen von Straßen, Plätzen u.ä.

Auffallend an diesen Umbenennungen war der völlige Bruch mit der bisherigen historischen Vergangenheit. Diesem Ansatz lag die totale Ablehnung des Deutschtums als solchem zugrunde. Dessen Höhepunkt war das Dritte Reich, insbesondere sein verbrecherischer Apparat, der zum tödlichen Zusammenstoß der beiden totalitären Staaten geführt hatte. Die UdSSR zahlte einen ungeheuerlichen Preis für den Sieg im Zweiten Weltkrieg. Im Bewusstsein der gesamten sowjetischen Bevölkerung versinnbildlichte Nazi-Deutschland den größten Feind, das Böse in „Reinform“. Gesellschaftlich geduldet war daher nicht nur die Negierung der ganzen deutschen Vergangenheit und des materiellen und geistigen Erbes, sondern auch deren Zerstörung und Marginalisierung. Solche Haltungen herrschten ← 204 | 205 → solange vor, wie die tiefen Wunden, die der Große Vaterländische Krieg (1941-1945) hinterlassen hatte, noch nicht vernarbt waren.

Im Gegensatz zum Memelland, dem Ermland oder Masuren, wo die „Entdeutschung“ der Ortsnamen Priorität genoss, wurden die Namen im Kaliningrader Gebiet relativ spät, erst ab Sommer 1946, geändert.63

Noch 1947 hatten die meisten Ortschaften keine neuen russischen Namen. In der offiziellen Namensgebung und im Alltag bediente man sich der deutschen Namen aus der Zeit vor deren Eindeutschung im Jahr 1938, zum Beispiel Pillkallen statt Schloßberg, Darkehmen und nicht Angerapp, Lasdehnen statt Haselberg, Stallupönen und nicht Ebenrode. Dies war nicht etwa der Sorge um den Erhalt von Namen altpolnisch-litauischer Herkunft geschuldet, sondern der Tatsache, dass in den verfügbaren sowjetischen Landkarten die Änderungen von 1938 nicht eingezeichnet waren. Bei der Umbenennung handelt es sich hier weder um eine russische Übersetzung alter Namen noch um den Versuch, den Namen eine ähnliche Lautung zu geben. Die Namensänderungen wurden durch die Verwaltung von oben erlassen und sollten mit der deutschen, altprußisch-litauischen oder polnischen Herkunft gänzlich brechen. Eine Ausnahme bildeten einige wenige Ortschaften: Domnowo, das sich an den deutschen Namen Domnau bei Friedland (Prawdinsk) anlehnte, Schilino als Anlehnung an Schillen im früheren Landkreis Tilsit-Ragnit (Sowetsk-Neman)64, sowie Drozdowo-Droosden und Talpaki-Taplacken. Eine Zeitlang hielten sich in den Städten auch einige alte deutsche Straßennamen65. Im ersten Besiedlungszeitraum im Kaliningrader Gebiet (1945-1947) lebten die Zuwanderer also in Ortschaften mit deutschen Namen.

Die Umbenennungsaktion hatte einen komplizierten Verlauf und entwickelte aufgrund des Lokalkolorits verschiedener Siedlergruppen ihre eigene Dynamik. Behördlicherseits kam sie in unterschiedlichen Projekten, Dekreten und Verordnungen zum Ausdruck, die zwischen Juni 1946 bis Juli 1947 auf verschiedenen Verwaltungsebenen angenommen bzw. erlassen wurden. Rechtsgrundlage der Änderungen waren folgende Vorschriften:

1.     Entwurf eines Erlasses des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR „Über die Umbenennung der Stadt Königsberg in Baltijsk und der Königsbergskaja Oblast in Baltijskaja Oblast“ sowie „Über den administrativ-territorialen Aufbau der Baltijskaja Oblast“ vom 17. Juni 1946. Nach dem Tod ← 205 | 206 → Kalinins wurde beschlossen, das Gebiet (Baltijskaja Oblast) in Kaliningrader Gebiet (Kaliningradskaja Oblast) umzubenennen;

2.     Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über die Umbenennung der Stadt Königsberg in Kaliningrad und des Königsberger Gebiets in Kaliningrader Gebiet“ vom 4. Juli 1946;

3.     Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR „Über den administrativ-territorialen Aufbau des Kaliningrader Gebiets“ vom 7. September 1946;

4.     Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der RSFSR „Über den administrativ-territorialen Aufbau des Kaliningrader Gebiets“ vom 21. Juli 1947. Er enthielt zahlreiche Anordnungen zur Änderung von Ortsnamen und bestätigte zugleich die meisten der bereits angenommenen neuen Namen66.

Um die Umbenennung zügig durchzuführen, wurden „Gebietskommissionen für die Umbenennung der Siedlungsorte“ (Rajonnyje komissii po peremenowaniju naselonnych punktow) eingerichtet67. Die Umbenennung erfolgte nach Leitlinien, die, so eigentümlich sie waren, niemanden verwunderten (auf der Landkarte der UdSSR gab es zum Beispiel mehr als zwanzig Namen mit dem gleichen Wortstamm und sogar noch eine weitere Stadt Kaliningrad am Fluss Moskwa), weil sie als Zeichen besonderen Interesses wahrgenommen wurden. Die Umbenennungskommissionen verzeichneten die Namen aller Städte des Kaliningrader Gebiets sowie Ortsnamen, die sich Einwohner oder lokale Behörden hatten einfallen lassen. Im Endeffekt gab es viele Ortschaften, gleichen Namens: Sosnowo (12), Malinowo (10), Oktjabr (9), Nekrasowo (8). Zahlreich vertreten waren auch Namen mit dem Zusatz „neu“ (etwa 50). Die Wahl der Begriffe und Namen war weitgehend ein Indiz für die Bildung und die Mentalität der ersten sowjetischen Ansiedler68.

Die neuen Ortsnamen lassen sich in folgende Hauptgruppen einteilen69. ← 206 | 207 →

1.     Namen zum Gedenken russischer und sowjetischer Politiker, Feldherren, Generäle, Offiziere, Helden der sowjetischen Geschichtsschreibung, zum Beispiel:

        Bagrationowo = Wikischken/Wiecken

        Bagrationowsk = Preußisch Eylau

        Tschernjachowsk = Insterburg

        Dserschinskoje = Gowarten

        Frunzenskoje = Bokellen

        Gussew = Gumbinnen

        Kaliningrad = Königsberg

        Kalinino = Kallehnen

        Krylowo = Nordenburg

        Kutusowo = Schirwindt

        Laduschkin = Ludwigsort

        Mamonowo = Heiligenbeil

        Newskoje = Pillupönen/Schloßbach

        Nesterow = Stallupönen/Ebenrode

        Pugatschewo = Neu Skardupönen/Grenzwald

        Timofejewo = Wedereitischken/Sandkirchen

        Uljanowo = Kraupischken/Breitenstein

2.     Namen, die an den Großen Vaterländischen Krieg erinnerten, Namen aus dem militärischen Bereich sowie aus dem sowjetischen bzw. „revolutionären“ Sprachgebrauch:

        Dobrowolsk = Pillkallen/Schloßberg

        Gwardeisk = Tapiau

        Gwardeiskoje = Mühlhausen

        Komsomolsk = Löwenhagen

        Komsomolskoje = Peyse

        Krasnoflotskoje = Rosenberg

        Krasnooktjabrskoje = Groß Ponnau

        Krasnosnamensk = Lasdehnen/Haselberg

        Matrossowo = Gilge

        Oktjabrskoje = Moritten

        Pionerski = Neukuhren

        Pobedino = Schillehnen/Schillfelde

        Soldatowo = Friedrichsthal

        Sowetsk = Tilsit

3.     Namen nach russischen und sowjetischen Dichtern und Schriftstellern, zum Beispiel:

        Tschechowo = Uderwangen

        Lermontowo = Ischdaggen/Branden ← 207 | 208 →

        Majakowskoje = Nemmersdorf

        Puschkino = Göritten

        Tolstowo = Löbegallen/Löbenau

        Turgeniewo = Legitten

4.     Namen mit Bezug auf geographische Regionen, Natursehenswürdigkeiten, Funktionen der Orte, zum Beispiel:

        Baltijsk = Pillau

        Jantarnyj = Palmincken

        Kolchosnoje = Krauleidschen/Schöppenfelde

        Primorje = Groß Kuhren

        Rybatschi = Rossitten

        Sowchosnoje = Rippen

        Schelesnodoroschnyj = Gerdauen

5.     Namen nach dem Herkunftsort der Siedler, zum Beispiel:

        Brianskoje = Pruszischken/Preußendorf

        Donskoje = Groß Dirschkeim

        Kurskoje = Althof

        Lwowskoje = Gudwallen

        Mordowskoje = Groß Legitten

        Odesskoje = Klinglacken

        Orlowka = Adomlauken/Adamshausen

        Pskowskoje = Friedrichsberg

        Russkoje = Germau

        Smolenskoje = Neuhof-Lasdehnen/Altbaum

        Tambowskoje = Loppinnen

Ähnliche Grundsätze galten für die Umbenennung von Straßen, Plätzen oder Flüssen, z.B. Matrossowka-Gilge, Krasnaja-Rominte, Solotaja-Arge. Einige Flussnamen lehnten sich an die Vergangenheit an, z.B. Lawa-Alle, Kanal Masurskij-Masurischer Kanal, Rus-Ruß, Angrapa-Angerapp, Neman-Memel, Pissa-Pissa, Pregolja-Pregel.

Der Umbenennung lag neben ideologischen Aspekten vornehmlich das Bestreben zugrunde, die Namen möglichst „heimisch“ erscheinen und dadurch unter den neuen Einwohnern ein Geborgenheitsgefühl entstehen zu lassen. Entscheidende Bedeutung hatten Namen, die mit dem Großen Vaterländischen Krieg in Verbindung standen, der ja die hauptsächliche Rechtfertigung für die Übernahme dieser Gebiete und deren Eingliederung in die Sowjetunion bildete.

Im Gegensatz zum Memelland, dem Ermland und Masuren waren die deutschen Namen im Kaliningrader Gebiet noch in den fünfziger Jahren in kyrillischer Umschrift in Gebrauch; dies galt beispielsweise für Namen der Bahnstationen in amtlichen Kursbüchern. Auch zur besseren Orientierung der Leser wurden die ← 208 | 209 → Namen in beiden Sprachen benutzt: russisch und deutsch. Noch in den sechziger Jahren waren Umbenennungen zu verzeichnen70.

2.3.   Die Lage der deutschen Bevölkerung und ihre Aussiedlung

Nach dem Ende der Kämpfe im Mai 1945 hielten sich verschiedene Bevölkerungsgruppen im nördlichen Ostpreußen auf. Einerseits waren es Truppen der Roten Armee und die ihnen folgenden Verbände zur Hinterlandabsicherung, darunter auch zur Spionageabwehr eingesetzte SMERSch-Einheiten, die nach Kriegsverbrechern, Befehlshabern und Offizieren der deutschen Wehrmacht, Mitgliedern der SS und des SD, NSDAP- und Polizeifunktionären usw. fahndeten. Nach und nach strömten demobilisierte sowjetische Soldaten aus dem Westen sowie sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus dem Reichsinneren und anderen vom Dritten Reich besetzten Ländern in die Gegend. Durch Ostpreußen verlief die strategisch wichtige Bahnstrecke zwischen der Sowjetischen Besatzungszone in Deutschland und der Sowjetunion (Berlin-Frankfurt/Oder-Schneidemühl-Allenstein-Pr. Eylau-Königsberg-Tilist-Moskau). In der zweiten Jahreshälfte 1945 strömten die ersten Siedler aus dem Inneren Russlands in das Gebiet. Vor ihnen trafen allerdings verschiedene Einsatzgruppen ein, die unter anderem für Sicherstellung und Abtransport von Sachwerten zuständig waren. Nach und nach kamen auch verschiedenste, hauptsächlich dienstlich entsandte Beamte des Sicherheitsdienstes (NKWD), der Miliz, hauptamtliche Mitarbeiter des Parteiapparats, Verwaltungsbeamte, Fachleute unterschiedlichen Ranges und für vielfältige Bereiche (Ärzte, Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes, Ingenieure, Techniker, Facharbeiter, z.B. in der Werftindustrie), Eisenbahner, Lehrer und Bildungsmitarbeiter.

Die nach dem Krieg in Ostpreußen zurückgebliebene deutsche Bevölkerung bestand aus gefangen genommenen Soldaten der deutschen Wehrmacht, der Waffen-SS, des Volksturms, darunter auch Einheiten jugendlicher Fanatiker aus der Hitlerjugend und anderen bewaffneten und paramilitärischen Formationen (unter anderem der Polizei). Es waren sowohl frühere Einwohner Ostpreußens als auch Menschen aus anderen Teilen Deutschlands. Die Zivilbevölkerung, die in ihren bisherigen Wohnsitzen geblieben oder nach den Kriegswirren dorthin zurückgekehrt war, bestand hauptsächlich aus Ortsansässigen sowie Massen Deutscher aus zentralen Gebieten des Reiches, die durch verschiedene Umstände hierher gelangt waren (unter anderem auf der Flucht vor alliierten Luftangriffen). In den nördlichen und südlichen Regionen Ostpreußens lebten einheimische (autochthone) ← 209 | 210 → Preußisch-Litauer, Ermländer und Masuren, Bürger des Dritten Reiches mit unterschiedlichem nationalen Identitätsgefühl.

Ergänzt wurde dieses Völkermosaik in den ersten Monaten nach Kriegsende durch zehntausende alliierte Kriegsgefangene (Franzosen, Russen, Polen usw.) sowie hunderttausende Zwangsarbeiter (aus Polen, Russland, der Ukraine, Weißrussland, Frankreich unter anderen Ländern). Binnen recht kurzer Zeit verließen diese beiden Gruppen – nach einem mehr oder weniger langen Aufenthalt in den Durchgangslagern – Ostpreußen in Richtung Heimat.

Die sowjetischen Besatzungsbehörden, sowohl in Ostpreußen als auch in den übrigen Teilen Deutschlands, betrieben eine ähnliche Politik gegenüber der deutschen Bevölkerung. Alle gefangen genommenen deutschen Soldaten wurden in Kriegsgefangenenlager in den besetzten Gebieten oder den unendlichen Weiten der Sowjetunion eingewiesen. Die arbeitsfähige Zivilbevölkerung, Männer wie Frauen (zumeist im Alter von 16-30 Jahren), wurde zur Sklavenarbeit ins Innere der UdSSR deportiert, um die kriegszerstörte Sowjetwirtschaft wiederaufzubauen. Die vor Ort gebliebenen Zivilisten, zumeist Frauen, ältere Männer und Kinder, wurden in Arbeitslagern zusammengezogen oder in abgegrenzten Straßenzügen bzw. Stadtvierteln einquartiert, um sie wirksam kontrollieren zu können. Ein großer Teil von ihnen fand Verwendung als kostenlose Arbeitskraft bei der Beseitigung von Kriegsschäden, einfachen Aufräumarbeiten (Straßenräumung, Enttrümmerung usw.) oder später als Arbeiter in Betrieben (vorrangig auf den rangniedrigsten und beschwerlichsten Arbeitsplätzen). Auch auf diese Weise erhielt die gesamte deutsche Bevölkerung die Quittung für den mörderischen Krieg, die Vernichtung von Abermillionen unschuldiger Menschen, die blutige und rücksichtslose Besatzung, die Träume von der Vorherrschaft der „germanischen Herrenrasse“ in einem tausendjährigen Dritten Reich, dessen Einfluss von Gibraltar bis nach Wladiwostok hätte reichen sollen.

Ende Juni 1945 schufen die sowjetischen Militärbehörden die Verwaltung der Kriegsgefangenenlager des Innenministeriums der UdSSR Nr. 533 mit Sitz in Pr. Eylau (Bagrationowsk), die dem Bevollmächtigten des Innenministeriums der 3. Weißrussischen Front unterstand. Im November 1945, schreibt Tadeusz Baryła, verwaltete sie drei Kriegsgefangenenlager. Im Mai 1946 wurde ein viertes Lager errichtet, um die Beschäftigtenzahl zu erhöhen. Im Hauptlager Nr. 1 in Pr. Eylau wurden die Gefangenen hauptsächlich beim Wiederaufbau und dem Betrieb eines Zellulose- und Papierkombinats eingesetzt. Das Nebenlager Nr. 2 war ein Hilfs- und Wirtschaftslager, das für die Versorgung der Kriegsgefangenen in allen Lagern sorgte. Ursprünglich befand es sich in Romitten (Slawjanowka, Rajon Bagrationowsk, ab 1947 in Kaliningrad). Im Nebenlager Nr. 3 in Königsberg-Kaliningrad wurden Kriegsgefangene und Häftlinge, darunter auch des Verrats bezichtigte Sowjetbürger, in erster Linie beim Wiederaufbau der Stadt eingesetzt. ← 210 | 211 → Insassen des Außenlagers Nr. 4 in Königsberg-Kaliningrad arbeiteten vorrangig bei Wiederaufbau und Betrieb der Schichau-Werft (Werk Nr. 820).

Die steigende Zahl der Kriegsgefangenen, darunter Zivilgefangene aus dem gesamten Gebiet Ostpreußens, die zur Verrichtung der Sklavenarbeit unerlässlich waren, führte dazu, dass im Januar 1946 eine weitere Verwaltung der Kriegsgefangenen- und Internierungslager des Innenministeriums Nr. 445 mit Sitz in Insterburg (Tschernjachowsk) gebildet wurde. Diese Verwaltung verfügte zunächst über fünf Lager, und in den Jahren 1946-1947 bereits über zehn Außenlager und eine Außenstelle. Alle dienten dem Arbeitseinsatz der Häftlinge bei Wiederaufbau und Betrieb wichtiger Industrieanlagen. Standorte dieser Lager waren: AL Nr. 1 – Ragnit (Neman) – 750 Personen; AL Nr. 2 – Tilsit (Sowetsk) – 2 000 Personen; AL Nr. 3 – Wehlau (Snamensk) – 5 000 Personen; AL Nr. 4 – Kaliningrad – 750 Personen; AL Nr. 5 – Kaliningrad, dann Molsehnen (Kosmodemjanskoje) – 1 000 Personen; AL Nr. 6 – Pillau (Baltijsk) – Zahl der Insassen unbekannt; AL Nr. 7 – Baltijsk – Zahl der Insassen unbekannt; AL Nr. 8 – Kaliningrad – Zahl der Insassen unbekannt; AL Nr. 9 – Molsehnen (Kosmodemjanskoje) – Zahl der Insassen unbekannt; AL Nr. 10 – Kaukehmen (Jasnoje, Rajon Slawsk) – 400 Personen. Es wurden auch Lagerlazarette in Insterburg (Tschernjachowsk) und im Dorf Georgenburg (Majowka) eingerichtet. Zu einem späteren Zeitpunkt entstanden die Nebenlager Nr. 11 Seckenburg (Sapowednoje) mit 300 Personen und AL Nr. 8 in Tramischen (Myssowka) mit 300 Personen. Die Häftlinge dieser Lager leisteten Meliorationsarbeiten auf der Kurischen Nehrung71.

Nach den Angaben deutscher Forscher72 existierten im Kaliningrader Gebiet 295 verschiedene Lager und Gefängnisse für Deutsche.

Die große Lagerzahl war durch den notwendigen Wiederaufbau des Gebiets nach den enormen Kriegszerstörungen bedingt. Dabei ließen sich folgende Lagerkategorien unterscheiden:

   99 typische Arbeitslager,

   110 Landwirtschaftslager oder Militärsowchosen,

   37 Arbeitslager zur Verbüßung von Strafen,

   21 Haftanstalten, deren Insassen zur Arbeit verpflichtet wurden,

   7 Arbeitsbataillone der Sowjetischen Armee,

   21 Lagerlazarette.

Einzelne Lager zählten einige tausend bis 25 000 Insassen. Die meisten Lager bestanden in Kaliningrad. Ein Teil der größeren Lager hatte Außenlager73. ← 211 | 212 →

In den Kriegsgefangenenlagern, wo zehntausende Kriegsgefangene und Häftlinge interniert waren, herrschten katastrophale Bedingungen. Die Sterblichkeit war sehr hoch, was auf Zwangsarbeit, Unternährung, Epidemien von Infektionskrankheiten, unhaltbare hygienische und Wohnbedingungen usw. zurückzuführen war. Ab Mitte 1948 begann man, die am Leben gebliebenen deutschen Kriegsgefangenen allmählich zu entlassen. Sie wurden mit Zügen in die sowjetische Besatzungszone (spätere DDR) abtransportiert. Die meisten trafen im Auffanglager in Frankfurt an der Oder ein.

Unmittelbar nach dem Durchzug der Front begannen die zuständigen Kommandanturen der Roten Armee mit der Deportation der Zivilbevölkerung. Nach deutschen Schätzungen wurden aus dem nördlichen Ostpreußen zwischen 44 000 und 50 000 Personen ins Innere der UdSSR deportiert74. Die Lebensmittelversorgung während der Deportationen war katastrophal. Unterernährung und die lange Reise verursachten eine hohe Sterblichkeitsrate, die fast 10 % der Deportierten betrug75. Mit einem Deportationszug wurden in der Regel 2 000 Personen befördert. Die Fahrt an den Verbannungsort dauerte 3-6 Wochen. Das Endziel der Deportierten waren hauptsächlich Arbeitslager, aber auch Lager für deutsche Kriegsgefangene auf dem gesamten sowjetischen Territorium (am Nordpolarmeer gleichermaßen wie im Kaukasus, Turkmenistan, Kasachstan oder in Industriezentren auf dem Ural oder in Donezk). Die Lagerinsassen waren unterschiedlichen Alters, sowohl Männer als auch Frauen. Deutsche aus Ostpreußen kamen mit zwei Arten von Transporten in die Arbeitslager. Bis zur Kapitulation Deutschlands waren es Ziviltransporte, danach so genannte Mischtransporte mit Kriegsgefangenen und Zivilbevölkerung. Transporte fanden nach Kriegsende über einen längeren Zeitraum statt. In der UdSSR gab es insgesamt etwa 3 000 Lager, in denen 2 388 000 deutsche Kriegsgefangene inhaftiert waren. Davon starben 356 600 (14,9 %)76. Schätzungsweise wurden insgesamt 342 000-402 000 deutsche Zivilisten deportiert. Am Ort der Verbannung starben 100 000-125 000 Personen77. Die Rückkehr der aus den Lagern entlassenen Zivilpersonen vollzog sich nach und nach in den Jahren 1946-1949. Einwohner Ostpreußens und Deutsche, deren Heimat an Polen gefallen war, kehrten nicht an ihren alten Wohnort zurück, sondern wurden der sowjetischen Besatzungszone zugeführt. Eine Ausnahme bildeten hierbei die früheren Memelländer, die eine litauische Abstammung angaben. Nach 1950 kehrten die deutschen Kriegsgefangenen nach und nach in die beiden deutschen Staaten zurück. Nach Angaben aus dem Jahr 1953 waren in verschiedenen Lagern der So ← 212 | 213 → wjetunion immer noch etwa 100 000 Menschen inhaftiert (darunter 32 000 Deutsche nach Angaben für 1951).

In den Jahren 1944-1948 kam es nicht nur zum Zerfall Ostpreußens und seiner Tilgung von der politischen Landkarte, sondern auch zu großen Migrationsbewegungen, die zu einem völligen Bevölkerungsaustausch geführt haben. Dadurch änderten sich das demografische Gefüge und die Nationalitätenverhältnisse. Dies galt insbesondere für den Teil Ostpreußens, der nun in den Grenzen der RSFSR lag. In den nördlichen und südlichen Gegenden Ostpreußens trat keine totale „ethnische Säuberung“ ein. Die im Memelland, dem Ermland und Masuren verbliebene autochthone Bevölkerung und eine gewisse Anzahl Deutscher fungierten als Bindeglied mit der vormaligen Gesellschaftsstruktur.

Ein Vorbote der Veränderungen war die verspätete und in ihren Folgen tragische Evakuierung und Flucht vor der heranrückenden Front, infolge deren sich fast die ganze Zivilbevölkerung außerhalb ihrer bisherigen Wohnsitze befand. Ein Teil kehrte an den Heimatort zurück. Schlussakkord des tiefgreifenden Bevölkerungswandels waren die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung und der Zustrom neuer Einwohner.

Das Kaliningrader Gebiet wurde auf einem Drittel des ostpreußischen Territoriums geschaffen (ungefähr zwei Drittel wurden Teil des polnischen Staates). 1939 lebten hier 1 086 000 Menschen, die Provinzhauptstadt Königsberg zählte 372 000 Einwohner, drei Viertel aller Einwohner waren Städter. Bis heute lässt sich nicht eruieren, wie hoch die Zahl der Dagebliebenen war; hauptsächlich deswegen, weil aufgrund des Nachkriegschaos und der ständigen (erzwungenen und freiwilligen) Verlagerung einzelner Bevölkerungsgruppen verlässliche statistische Angaben fehlen.

Nach Angaben der Abteilung für Bevölkerungsregistrierung und -kontrolle, die bereits am 26. April 1945, d.h. zwei Wochen nach dem Fall der Stadt und Festung Königsberg, erhoben wurden, registrierte man 23 247 deutsche Bürger. Die Schätzungen sowjetischer Militärbehörden sprachen von 40 000 Personen, die in ihren Häusern überlebt hatten und nun durch den Abwehrdienst „Smiersch“ zu „überprüfen“ waren. In dieser Zeit trafen Flüchtlinge aus anderen Teilen Ostpreußens in Königsberg ein, hauptsächlich aus dem am 25. April 1945 eingenommenen Pillau. Am 10. Mai 1945 erließ der Militärkommandant von Königsberg den Befehl, zwischen dem 20. Mai und 10. Juni die gesamte Bevölkerung zu registrieren. Die Personendaten wurden in speziellen Meldebüchern in den einzelnen Rajons registriert (notiert). Erfasst wurden alle Einwohner im Alter ab 14 Jahren (nach anderen Meldebüchern ab 16 Jahren). Nach der Registrierung wurde eine Aufenthaltsbescheinigung ausgestellt. Die Registrierungsaktion dauerte den Sommer über. Laut einer „Aufstellung der Zahl Ortsansässiger“ (Sprawka o nalitschii mestnowo naselenija) wohnten zum 1. September 1945 im nördlichen Teil ← 213 | 214 → Ostpreußens, der später zur RSFSR gehörte, 129 614 Personen, davon 68 014 in Königsberg. Davon waren 37,8 % Männer und 62,2 % Frauen. Nicht weniger als 80 % aller erfassten deutschen Einwohner lebten in Königsberg und in den drei (von 15) benachbarten Rajons78. Von einem Ortswechsel nach Königsberg erhofften sich die Deutschen eine Verbesserung ihrer Sicherheitslage und der Lebensbedingungen. Die Militärbehörden waren ihrerseits bestrebt, die Bevölkerung zu konzentrieren, um sie besser zum Arbeitseinsatz nutzen und wirksamer kontrollieren zu können.

Erhaltene Archivdaten erlauben es, nachzuvollziehen wie sich die Zahl der deutschen Bevölkerung um die Jahreswende 1945-1946 veränderte. Die amtlichen Angaben vom 1. September 1946 weisen eine höhere Zahl dieser Bevölkerung aus als die vom 1. Mai 1946. Im Gebiet hielten sich damals 118 503 Deutsche auf, davon 45 120 in Königsberg. Laut Angaben vom 1. August 1946 waren es 108 547 Deutsche, davon 39 739 in Königsberg, und nach Angaben vom 15. November 1946 waren nur noch 90 991 Deutsche, davon 38 879 in Königsberg, registriert79. Aus der Zusammenstellung amtlicher Daten aus den Jahren 1945-1946 geht hervor, dass die Gesamtzahl der deutschen Bevölkerung von 129 614 auf 90 991 Personen (also um 38 623) zurückgegangen ist. In Königsberg betrug dieser Rückgang 29 135 Personen (von 68 014 auf 38 879).

Die Verteilung der deutschen Bevölkerung im Verhältnis zur Gesamteinwohnerschaft nach dem Zensus vom 1. Mai 1946 (ohne hier stationierte Militärangehörige) veranschaulicht Tabelle 11.

Tabelle 11     Einwohnerzahl des Kaliningrader Gebiets nach dem Zensus vom 1. Mai 1946 (ohne Militärangehörige)

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Quelle: V. Frobarth, Das Königsberger Gebiet in der Politik der Sowjetunion 1945-1990. Mit einer analytischen Betrachtung des Kaliningrader Gebiets in der Politik Russland 1991-2000, Berlin 2001, S. 150.

Die deutsche Bevölkerung war sehr ungleichmäßig verteilt. Fast die Hälfte lebte in Königsberg, größere Ansammlungen gab es im Samland (Rajon Primorsk, später Selenogradsk) mit mehr als 16 000 Personen. Die wenigsten lebten in den weiter östlich und südöstlich gelegenenen Landstrichen: im Rajon Stallupönen (Ebenrode, Nesterow) 1 458 Deutsche, und im Rajon Darkehmen (Angerapp, Osjorsk) 1 692 Personen.

Anderen Angaben zufolge wohnten im Gebiet am 1. Juli 1946 insgesamt 170 000 Personen, darunter 116 737 Deutsche. Die übrigen ca. 64 000 Personen waren Sowjetbürger, die damals eine Minderheit bildeten. Unter ihnen überwogen die aus den vom Dritten Reich besetzten Gebieten der UdSSR ins Innere Deutschlands deportierten bzw. aus den Kriegsgefangenenlagern befreiten Personen (ca. 21 000), außerdem in Ostpreußen demobilisierte Soldaten der Roten Armee sowie ← 215 | 216 → verschiedene hierher entsandte Spezialisten, die die Funktionstüchtigkeit des Gebietes gewährleisteten (43 743 Personen)80.

Die Angaben zur deutschen Bevölkerung vom 1. September 1945 sprechen von 174 000 Personen (Tab. 12). Andere Statistiken scheinen zu hoch angesetzt. Sie veranschaulichen aber das Verhältnis zwischen Frauen, Männern und Kindern unter 17 Jahren.

Tabelle 12     Deutsche Bevölkerung in den Kreisen Ostpreußens, die an die UdSSR fielen (ohne Memelgebiet), am 1. September 1945

Quelle: A. Kossert, Ostpreußen. Geschichte und Mythos, München 2005, S. 332.

Aus den von I. A. Gordejew zusammengetragenen Archivdaten geht hervor, dass im Vergleich zu 1939, als in den Dörfern 615 000 Einwohner lebten, es Ende 1945 nur 61 100 waren. Mitte 1946 stellten unter den Deutschen die 18- bis 59-Jährigen 38 % aller Frauen und nur 9,5 % aller Männer. In dieser Gruppe von Männern waren viele Kriegsbeschädigte. Das bedeutet, dass sich 90 % der Männer in diesem Alter außerhalb ihres Wohnorts aufhielten (hauptsächlich in Kriegsgefangenenlagern einsaßen) oder gefallen waren. In der Region wohnten damals 111 537 Frauen und nur 58 482 Männer81. In diesen Zahlen sind Militärangehörige nicht enthalten. In den ersten Nachkriegsjahren waren in der Oblast 75 000-100 000 Soldaten aller Truppenarten (hauptsächlich im Rahmen der 11. Garde-Armee) stationiert82.

Aus den vom Innenministerium erhobenen Daten geht hervor, dass sich vor der großen Aussiedlungsmaßnahme, die am 22. Oktober 1947 begann, im April 110 217 Deutsche im Gebiet lebten, im Juni nur noch 107 408, und im Oktober 105 55883.

Die Beendigung der Kriegshandlungen veränderte nicht wesentlich die Lage der deutschen Bevölkerung. Sie war nach wie vor vogelfrei, und ihre materiellen Existenzbedingungen interessierten zunächst die Militär- und später die Zivilverwaltung herzlich wenig. Nach einer detaillierten Selektion der Kriegsgefangenen, ← 216 | 217 → der Ausschaltung von Funktionären und Aktivisten der NSDAP und anderer nationalsozialistischer Organisationen wurden die Erwachsenen zum „Wiederaufbau der Kriegszerstörungen“ im Inneren der UdSSR und im Kaliningrader Gebiet eingesetzt. Die Landbevölkerung wurde hauptsächlich auf großen Gütern konzentriert, wo man „Militärsowchosen“ errichtete. In den Städten wurden Arbeitsbataillone zu Beseitigung von Kriegsschäden, Viehtrieb, Sammlung, Demontage und Abtransport von Beutegut und Wiederherstellung der Wirtschaft gebildet.

Die apokalyptische Flucht der Zivilbevölkerung aus Ostpreußen gehört zu den dramatischen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs, ähnliches gilt für die Lage der Deutschen in dieser Region nach Kriegsende. In keinem der im Ersten und Zweiten Weltkrieg besetzten Gebiete war das Verhältnis der Besatzer zur Zivilbevölkerung so rücksichtslos wie im Kaliningrader Gebiet. Unberührt bleibt von dieser Betrachtung die Massenvernichtung der Juden während des Zweiten Weltkriegs, für die es in der Geschichte der Menschheit keinen Präzedenzfall gab. Die Lage der deutschen Bevölkerung, zumeist Greise, Frauen und Kinder, war nach ihrem Empfinden tragisch: aus ihren Wohnungen zwangsweise ausquartiert, ihrer Habe beraubt, zu 10-12 Stunden Arbeit am Tag gezwungen, ohne Überlebenschancen, da ihr Lebensmittelzuteilungen verwehrt blieben. An der Tagesordnung waren Massenvergewaltigungen, Raub, das Fehlen eines elementaren Sicherheitsgefühls, die reale Gefahr des Hungertodes; all dies führte zum Schwund der zwischenmenschlichen Solidarität und dem Verfall der Grundwerte. Ein Ausdruck dessen waren zahlreiche Fälle von Kannibalismus (von dem in den Ghettos nicht berichtet wurde, der aber während der großen Hungersnot in der Ukraine in den Jahren 1932-1934 oder bei der deutschen Belagerung Leningrads 1941/1942 vorkam).

Die Sowjets behandelten die übernommenen Gebiete Ostpreußens als Kriegsbeute. Das Potsdamer Abkommen ließ Stalin vollkommene Freiheit bei der Behandlung der zurückgebliebenen deutschen Bevölkerung. Für sie galten beispielsweise keine Vorschriften über die Aussiedlung in die deutschen Besatzungszonen, wie dies in Polen, Tschechien oder Ungarn der Fall war. Unmittelbar nach der Einnahme Königsbergs wurde mit der Durchführung stundenlanger Märsche begonnen. Ungeachtet der Wetterlage zogen Kolonnen von Zivilisten ziellos durch die Städte. An diesen „Märschen der Schande“, die auch als „Todesmärsche“ bezeichnet wurden, mussten alle Deutschen, einschließlich der Greise und Kinder, gezwungenermaßen teilnehmen. Einer der Teilnehmer beschreibt einen solchen Marsch folgendermaßen: Für meine Gruppe begann dann der Propagandamarsch. So bezeichnete der Volksmund die Märsche in großen Kolonnen, die fast die ganze Bevölkerung Ostpreußens durch die Provinz machen mußte, Märsche von einigen Tagen, aber auch von Wochen. Manchmal kehrte die Kolonne zum Ausgangspunkt zurück, meist endete der Marsch in einem Lager. Von besonderer ← 217 | 218 → Unmenschlichkeit wußten die Landsleute zu erzählen, die nach Pillkallen (umbenannt in Schloßberg) geführt worden waren, mehr als 100 km von Königsberg entfernt. Dort wurden je 12 Frauen vor einen Pflug gespannt und so der Boden beackert.

„Unsere Kolonne war nur zwei Tage unterwegs. Aber das genügte auch schon. (…)

Viele hatten unter Durst gelitten. Zu allen Gräben und kleinen Rinnsälen liefen sie, um Wasser zu trinken, und legten so den Grund für die schweren Durchfallerkrankungen der kommenden Tage. Einige Einzelheiten von jenem Morgen sind mir noch in Erinnerung. Ein Ehepaar hatte versucht, aus dem Leben zu gehen. Einer von beiden war bald gestorben, der andere lag in körperlichen und seelischen Qualen neben seinem Ehegefährten“84.

Im Laufe der Nachkriegsmonate wurde die Lage immer hoffnungsloser. Die Verarmung schritt voran. Soziale Beziehungen verwilderten und wurden immer primitiver. Die Aktivitäten der Sowjetbehörden gegenüber der deutschen Bevölkerung waren im Gegensatz zu Polen, der Tschechoslowakei oder den Besatzungszonen in Deutschland durch keinerlei völkerrechtliche Abkommen geregelt und jeder Kontrolle entzogen.

Das Kaliningrader Gebiet wurde schnell zu einem grenznahen, beinahe geheimen militärischen Sperrbezirk. Dies beeinflusste das Leben der dortigen alten und neuen Einwohner.

Die Auslöschung der deutschen Bevölkerung folgte nicht einem bestimmten Plan der Sowjets, sondern resultierte aus der Tatsache, dass nur arbeitende Personen berechtigt waren, Lebensmittelrationen auf Karten zu bekommen. Die Lage der deutschen Bevölkerung verschlechterte sich ab Mitte 1946 mit dem Zustrom neuer Einwohner aus dem Inneren der Sowjetunion. Eine besonders verhängnisvolle Ernte hielt der strenge Winter 1946/1947. Schätzungsweise starben durch Epidemien, Zwangsarbeit, Unterernährung und Kälte in den ersten drei Jahren nach Kriegsende (von Sommer 1945 bis Sommer 1947) 50 000 Menschen (darunter 30 000 Einwohner Königsbergs).

Ein sowjetischer Neusiedler, Anatolij S. Karandejew, erinnert sich: „Die Deutschen waren vor Hunger aufgebläht. Sie schwollen an und sahen auf den ersten Augenblick wie aus Glas gemacht aus. Manche wiederum umgekehrt – wie ausgetrocknet: Im Frühling aßen sie winzige Äpfel, die sich gerade erst aus der Blüte zu formen begannen, grüne Johannisbeeren“85. Ein anderer Siedler, Wladimir D. Fomin, sagte, die Lage sei so stark durch Hoffnungslosigkeit geprägt gewesen, ← 218 | 219 → dass die Deutschen „in Ahnung ihres Todes allein zum Friedhof gingen und sich dort niederlegten, um auf den Gräbern ihrer Verwandten zu sterben“86.

Es kamen Fälle von Kannibalismus vor. In einem als streng geheim eingestuften Bericht des sowjetischen Innenministers Sergej Kruglow an Stalin und Molotow vom 6. Mai 1946 lesen wir: „Nach einem Bericht des Leiters der Abteilung des Innenministeriums im Gebiet Königsberg, Generalmajor Trofimov, wurden in Königsberg folgende Personen wegen Handels mit Menschenfleisch festgenommen: N. G., Deutscher, geboren 1885, Volksschulabschluss, zur Zeit Friedhofswärter, und L. K., Deutscher, geboren 1875, Korbmacher, seit Februar nicht arbeitend. Die Untersuchung ergab, dass N. G. des öfteren den Toten die Beine abgehackt und das Fleisch über seinen Gehilfen L. K. an andere Deutsche verkauft hatte.

Bei der Durchsuchung wurden in seiner Wohnung einige Fässer mit vorbereitetem Menschenfleisch gefunden. Nach der Öffnung der Gräber hat man 15 Leichen mit abgehackten Extremitäten gezählt.

Trofimov informiert, dass die Versorgung der Deutschen in Ostpreußen mit Lebensmittel ungenügend [Hervorhebung – A.S.] ist. Denjenigen Deutschen, die in Unionsbetrieben [die den Ministerien unterstanden – A.S.] arbeiten, können die Essenmarken bis zu 50 % eingelöst werden. Doch Deutsche, die in örtlichen Betrieben und in Sowchosen beschäftigt sind, erhielten im März und April gar keine Essenmarken. Nichtarbeitsfähigen Deutschen werden nur unregelmäßig 200 gr. Brot pro Tag zugeteilt. Wegen fortdauernder Unterernährung nahm unter den Deutschen die Sterblichkeit und die Kriminalität zu, dagegen die Arbeitsfähigkeit ab“87.

In einem Schreiben aus dem Jahr 1947 an den Innenminister Kruglow, berichtet Generalmajor Trofimov, Leiter der Verwaltung des Innenministeriums im Kaliningrader Gebiet: „Nach vorliegenden Angaben befinden sich am 15. April 1947 110 217 Deutsche im Kaliningrader Gebiet, davon 36 201 Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren.

Ein bedeutender Teil dieser Deutschen ist aufgrund körperlicher Entkräftung nicht arbeitsfähig und geht keiner gesellschaftlich nützlichen Arbeit nach. Der übrige Teil von 36 600 Personen arbeitet überwiegend auf Militärsovchozen des Ministeriums für Streitkräfte, zum Teil auch auf Sovchozen des Trests für Fleisch- und Milchindustrie und in sonstigen Industriebetrieben und wirtschaftlichen Institutionen des Gebiets.

Von der erwachsenen deutschen Bevölkerung sind 31 112 Männer und 42 806 Frauen. ← 219 | 220 →

Die nicht arbeitende deutsche Bevölkerung mit Ausnahme von Invaliden und Kindern, die sich in Kinder- und Altersheimen befinden, bezieht keinerlei Lebensmittelversorgung. Aufgrund dessen befindet sie sich im Zustand äußerster Erschöpfung.

Als Resultat ist in jüngster Zeit ein drastischer Anstieg von Straftaten in der deutschen Bevölkerung zu verzeichnen (Diebstahl von Produkten, Raub und sogar Mord), im 1. Quartal 1947 wurden sogar 12 Fälle von Kannibalismus im Gebiet registriert.

Einige Deutsche haben nicht nur Menschenfleisch von Leichen gegessen, sondern sogar ihre Kinder und Verwandten umgebracht. Von Fällen dieses Kannibalismus wurden 4 registriert.(…)

Die Anwesenheit der deutschen Bevölkerung im Gebiet wirkt nicht nur auf den labilen Teil der zivilen sowjetischen Bevölkerung moralisch zersetzend, es leiden auch die Militärangehörigen großer Teile der Sowjetischen Armee und Flotte, die im Gebiet stationiert sind, unter sich verbreitenden Geschlechtskrankheiten.

Das Eindringen von Deutschen in das Leben sowjetischer Bürger befördert die Entwicklung von Spionage durch ihre weitgehende Nutzung für gänzlich unbezahlte oder niedrig bezahlte Dienste“.

Der Autor des obigen Zitats fasst seine Meinung und die der Verwaltung des Kaliningrader Gebiets zusammen und stellt abschließend fest: „…daß die deutsche Bevölkerung – wie oben dargestellt – die Aneignung des sowjetischen Gebietes negativ beeinflußt und halte es für zweckmäßig, die Frage nach der Organisation der Aussiedlung der Deutschen in die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands zu stellen“88.

Generalmajor Kruglow präsentierte J. Stalin persönlich seinen Bericht am 6. Mai 1946. Die dargelegten Argumente beeinflussten maßgeblich die spätere Entscheidung über die völlige Aussiedlung der deutschen Bevölkerung89.

Die hier beschriebene dramatische Lage wurde von der deutschen Bevölkerung wie folgt wahrgenommen: „Ich machte wiederholt die Erfahrung, daß man immer auf sich selbst angewiesen war. Es konnte ja auch niemand helfen, denn immer lauerte im Hintergrund der Hungertod. Ich merkte mit Schrecken, daß auch ich in meinen Empfindungen kälter wurde; wo früher Mitleid war, entstand eine Interesselosigkeit, Gefühlskälte, Abstumpfung. Die Sinne, die Augen registrierten alles, was um mich herum geschah, aber ich zeigte keine innere Reaktion. Manchmal durchzuckte mich der Gedanke: heute du, morgen vielleicht ich? Es war, als ob die Seele langsam starb. ← 220 | 221 →

Eine Zukunft gab es nicht, wir planten immer nur bis zur nächsten Mahlzeit, Wir erhielten keine Nachrichten. Wir wußten, daß der grauenvolle Krieg beendet war, aber für mich hatte er erst richtig am 30. Januar 1945 begonnen und sollte noch bis Mai 1947 andauern. Von der Aufteilung unseres Vaterlandes wussten wir nichts. Ich hatte ein Gefühl grenzenloser Verlassenheit, ein Gefühl, daß die Welt uns vergessen hatte.

(…) Dauernd wurden dort Deutsche überfallen, und das Letzte, was sie noch besaßen, wurde geraubt. Vergewaltigt wurde bei diesen Überfällen noch so nebenbei. Das Leben wurde immer unerträglicher und die Not immer größer. Nun sollte man annehmen, daß viele Frauen schwanger wurden, das war aber nicht der Fall. Die meisten Frauen verloren nach Einmarsch der Russen infolge des Hungers ihren monatlichen Zyklus, ob sie nun vergewaltigt waren oder nicht.

(…) Immer wieder stießen wir auf Leichen. Die Überlebenden besaßen keine Decken und auch keine Kraft mehr, um sie auf die Friedhöfe zu schaffen. Der Weg war zu weit. Auch besaß keiner die Kraft, den gefrorenen Boden aufzubrechen und Gräber zu schaufeln. So lagen sie aufgeschichtet in den und um die Leichenhallen.

(…) Matka hatte keine Ahnung, durch welche Hölle deutsche Frauen seit 1945 gegangen waren. Wie Tiere hatten sich die Russen auf die deutschen Frauen gestürzt“90. Ein anderer Augenzeuge schilderte diese entsetzlichen Vorfälle so: „Da wurde Fleisch angeboten durch Händler, die in die Häuser kamen, es war billiger, als das Fleisch üblicherweise kostete. Heimliche Schlachtungen von Kühen und Pferden kamen ja vor, da fragte niemand nach der Herkunft der angebotenen Ware. Also man kaufte. So wurde eines Tages dem Dr. Piontek ein Stück Fleisch zum Kauf angeboten. Er erkannte es als das Knie eines Menschen. (…)

Es muß aber noch auf anderen Wegen Menschenfleisch in den Handel gebracht worden sein, denn auf dem großen Markt in der Luisenallee wurden verhältnismäßig billige Klopse und Sülze angeboten. Eine Reihe von Menschen aus unserer Nachbarschaft erzählte mir später, daß sie von solch verbilligtem Fleisch gekauft und ahnungslos gegessen hätten. (…)

Da wohnten auf den Hufen drei Frauen. Sie trieben Menschenfang und Menschenmord und Handel mit Menschenfleisch und haben sich an schwächere Personen, insbesondere Frauen und Kinder, herangemacht. Dann kam es unter ihnen zu schweren Auseinandersetzungen, sie erschlugen sich gegenseitig. Schließlich hat ein Mann die letzte von ihnen getötet. Das war eine Art Feme, wofür die geängstigte Umgebung ihm dankbar war, und er hatte es aus dem Gefühl der Notwehr für die Bevölkerung getan. Im anderen Fall handelte es sich um eine alte Frau in Rosenau, die ihren Enkel tötete und sein Fleisch aß. Die entsetzten Nachbarn (…) ← 221 | 222 → wußten zu berichten, (…) wie sie etwa zwei Tage danach verstorben ist. Reste des etwa achtjährigen Knaben wurden in Kochtöpfen noch gefunden. (…)

Aber das war das schmerzlichste Erlebnis auf vielen Gebieten, daß der, der kraft der Nachbarschaft, der Zugehörigkeit zum selben Volk, sich als Freund und Bruder, als Gehilfe wie Schicksalsgefährte erweisen sollte, sich gegen den Bruder kehrte, seine Not mehrte durch Neid und Streit, durch Betrug und Diebstahl, durch Verrat und Denunziation und Spitzelwesen. Ja, die Gewalt des Teufels war groß“91.

Besonders geringe Überlebenschancen hatte die deutsche Bevölkerung im Winter 1945/1946 sowie – infolge der Seuchen – im Jahr 1946. Schätzungsweise starb damals etwa ein Drittel der deutschen Gesamtbevölkerung92. Eine verheerende Ausbreitung von Infektionskrankheiten herrschte schon in den Jahren 1945-1946. In Tabelle 13 sind „registrierte Todesfälle“ unter den Deutschen im Jahr 1945 aufgeführt.

Tabelle 13     Sterblichkeit der deutschen Bevölkerung in Königsberg 1945 (Juni-Oktober)

Quelle: B. Fisch, M. Kiemeseva, Zum Schicksal der Deutschen in Königsberg 1945-1948 (im Spiegel bisher unbekannter russischer Quellen), in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 1995, H. 3, S. 396 ← 222 | 223 →

Allein zwischen Juni und Oktober 1945 sind nach offiziellen Angaben 8 586 Menschen an Seuchen gestorben. Nach weiteren amtlichen Angaben für die Zeit vom 1. September 1945 bis 1. Mai 1946 sind 21 111 Menschen an Bauchtyphus, Paratyphus und Fleckfieber gestorben (zwischen Juni und November 1946 starben weitere 9 000 Personen)93. Als die grundlegende Ursache für die Verbreitung von Seuchen in Königsberg verwies man auf die hohe Konzentration der deutschen Bevölkerung an ihren Wohnorten genannt. Dies rührte aus einer gezielten Politik der sowjetischen Behörden her. Im November 1945 wurden beispielsweise im Gebiet der 5. Kommandantur 8 621 Personen auf einer Wohnfläche von 17 100 m2 zusammengepfercht, so dass im Durchschnitt auf eine Person 2 m2 entfielen. Eine andere Ursache für das Massensterben war die chronische Unterernährung, bedingt durch die unzureichende Versorgung mit Lebensmitteln. Nach einem offiziellen Bericht vom Oktober 1945 gestaltete sich die Lage folgendermaßen: „Angaben zu arbeitenden Deutschen: 1) 15 900 Personen (unqualifizierte Arbeiter) erhalten je 400 g Brot. 2) 1 100 Personen (Wasserwerke, Kanalisation, Stadtraum) erhalten je 600 g Brot. 3) 42 000 Personen (Arbeitsunfähige, Kinder, Behinderte) erhalten 200 g Brot gegen Bezahlung. 4) 120 Personen (Fachleute) werden nach der Norm Nr. 4 versorgt“94.

Die Arbeitsfähigen erhielten an ihrem jeweiligen Einsatzort zusätzlich eine warme Mahlzeit, die aus 250 g Kartoffeln, Rüben, Kohlrüben, 10 g Mehl und 8 g Fleischkonserve bestand. Für gute Leistungen konnte man eine Extramarke über 100-200 g Brot bekommen. Diese Essensrationen reichten für den einfachen Ersatz der bei der Arbeit verbrauchten Energie nicht aus. Katastrophal waren auch die Bedingungen der Zwangsarbeit, die 12 Stunden (von 8.00 bis 19.00 Uhr) dauerte, auch sonntags. Ernsthafte Probleme bereitete die Versorgung mit Trinkwasser, das auch an den Arbeitsorten ständig fehlte. Unsäglich war auch die Lage in den Krankenhäusern, wo Patienten auf Matratzen ohne Decken auf dem Fußboden oder zu zweit in einem Bett lagen (derartige Verhältnisse herrschten in den Seuchenkrankenhäusern) und die „Deutschen sich selbst mit Heizmaterial versorgten“. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die sowjetischen Behörden in Kaliningrad wie in Moskau sehr gut von der tragischen Lage der deutschen Bevölkerung unterrichtet waren. Übrigens herrschten Hunger, Mangel und verschiedene Epidemien in den ersten Monaten nach Kriegsende nicht nur in Ostpreußen, sondern auch in vielen Regionen der UdSSR, besonders in den Gebieten, die durch das Dritte Reich besetzt gewesen waren, wo das Ausmaß der Zerstörung, Verwüstung und Entartung sehr groß war.

Die Lage der deutschen Bevölkerung in Ostpreußen veränderte sich nach dem Einmarsch der Roten Armee schlagartig. Noch 1944 gehörte sie zu den „Nutz ← 223 | 224 → nießern“ des Dritten Reiches. Tausende Zwangsarbeiter standen den Einwohnern von Städten und Dörfern zur Verfügung. Infolge des Krieges zogen die durchschnittlichen Reichsbürger spürbaren Nutzen aus den besetzen Gebieten95. Bis Mitte 1944 erschienen die Pläne einer fortdauernden Herrschaft in den besetzten Gebieten Europas durchaus realistisch. Überheblichkeit, gepaart mit dem allgemeinen Glauben an das Genie Adolf Hitlers, die NSDAP und das Dritte Reich, war allgemein verbreitet. Die Möglichkeit, dass die bisherige Ordnung eines Tages einstürzen könnte, wurde nicht zur Kenntnis genommen. Die Armee und die Zivilbevölkerung waren erfüllt von Fanatismus und grenzenloser Hingabe an die nationalsozialistischen Ideale. Der Untergang des Dritten Reiches bedeutete, dass die Deutschen von einem „Herrenvolk“ zu einem Volk von Sklaven wurden, gedemütigt, ohne Hoffnung für die Zukunft.

Die eingetretene Lage zwang die Deutschen in Ostpreußen wie auch in anderen besetzten Gebieten dazu, sich nach den neuen ungünstigen Bedingungen zu richten und sich dabei verschiedene Überlebens- und Anpassungsstrategien einfallen zu lassen.

Die von der Goebbelsschen Propaganda noch befeuerte Aversion gegenüber der heranrückenden „bolschewistischen Flut“ fand ihren extremen Ausdruck im individuell und kollektiv begangenen Freitod. Dies betraf besonders Frauen. Zu einem solchen Gruppenselbstmord kam es zum Beispiel in Mohrungen, wo sich Diakonissen des örtlichen Krankenhauses auf dem Dachboden erhängten. Ähnliche Fälle wurden auch aus anderen Regionen des Dritten Reiches gemeldet: Die Frauen brachten zunächst ihre eigenen Kinder um, um sich anschließend zu erhängen. Bekannt wurden auch andere Methoden des kollektiven Freitods, wie zum Beispiel Brückensprünge in den eiskalten Fluss, was in Frankfurt an der Oder kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee 1945 passierte. Andere fanatische NSDAP-Mitglieder wählten ebenfalls den Freitod, wodurch sie in den Augen der lokalen Bevölkerung ihre Ehre „wiedererlangten“, da sie „Adolf Hitler und dem Dritten Reich das höchste Opfer, das des Lebens, darbrachten“96. Nicht ohne Bedeutung war, dass Hitler und die ganze Familie Goebbels kurz vor dem Fall Berlins Selbstmord begingen. In diesem Zusammenhang kann man sogar von Anzeichen einer Hysterie sprechen.

Der Fanatismus vieler Deutsche kam auch in einem hoffnungslosen Kampf gegen die alliierten Truppen, oft gegen den Willen der örtlichen Bevölkerung zum Ausdruck. Zu solch einer „heldenhaften Verteidigung“ im Sinne des verbreiteten Propagandaspruchs „Wir kapitulieren nie“ entschlossen meistens Einheiten ← 224 | 225 → der Waffen-SS und jugendlicher Soldaten der Hitlerjugend. Eine Folge dieser Haltung war, dass die Einwohner häufig auf brutale Weise zur Evakuierung und Flucht vor den heranrückenden Verbänden der Roten Armee genötigt wurden, als alles darauf hindeutete, dass die Lage an der Front hoffnungslos sei und unnötige Opfer fordern würde. In anderen Fällen wurde die Zivilbevölkerung mit vorgehaltenen Gewehren aus ihren Behausungen getrieben, selbst wenn draußen extreme Wetterbedingungen (z.B. starker Frost, Schneesturm usw.) herrschten. Diese heroische Verteidigung führte gelegentlich massive Gegenmaßnahmen der alliierten Streitkräfte herbei (Bombardierungen und Einsatz unverhältnismäßig großer Truppenverbände), die Pazifikationen als Vergeltung für den Widerstand kleiner, meistens fanatischer Militäreinheiten durchführten. Das Ausmaß an Zerstörungen und Menschenverlusten war in solchen Fällen unermesslich. Fanatische Wehrverbände verbreiteten unter der Zivilbevölkerung Angst und Schrecken, da sie vielfach Soldaten aus den eigenen Reihen, darunter auch aus dem Volkssturm („Deserteure“), sowie Vertreter der örtlichen Bevölkerung („Defätisten“) standrechtlich oder ohne jegliche Gerichtsbarkeit zum Tode verurteilten (vorwiegend durch öffentliches Erhängen). Leidtragende dieses Vorgehens waren zumeist Ortsansässige (starke Zerstörungen und hohe Opferzahlen sowie spätere Brandstiftungen, Raub, Plünderungen, Vergewaltigungen, Erschießungen oder Deportationen). Diese Situation herrschte sowohl an der Ost- als auch der Westfront. Es kam jedoch auch vor, dass die lokale Bevölkerung die Verbände der deutschen Wehrmacht oder der Waffen-SS vollumfänglich im „Kampfgeist“ unterstützte. Im Endeffekt waren unverhältnismäßig hohe Verluste und Zerstörungen die Folge. In diesen Fällen galt die Parole: „Geht das Dritte Reich unter, so soll die ganze Welt untergehen“ oder auch „Das Leben wird vollkommen sinnlos“. Entscheidend war dann oft die Haltung der Befehlshaber auf den jeweiligen Befehlsebenen.

Die totale Kriegsniederlage ließ für die in Ostpreußen gebliebene Zivilbevölkerung (hauptsächlich Frauen, Greise und Kinder) nach der Beendigung der Kriegshandlungen den Überlebenskampf zum wichtigsten Ziel werden. Die diesbezügliche Lage war höchst unterschiedlich. Am schwierigsten war, wie sich später herausstellte, das Überleben in Königsberg, wo sich wegen der hohen Konzentration der deutschen Bevölkerung deren Lage von Monat zu Monat verschlechterte. Hier ein Beispiel, das diese Zustände veranschaulicht: „Immer mehr Zivilrussen kamen nach Königsberg, das von den Russen Kaliningrad genannt wurde. Immer mehr Deutsche mussten ihre Wohnungen räumen und in Trümmerkellern Unterkunft suchen. Die Eingänge zu solchen Kellern waren meistens sauber gefegt. So wusste man immer, welcher Keller bewohnt war. Dauernd wurden dort Deutsche überfallen, und das Letzte, was sie noch besaßen wurde geraubt“.

Wer schlauer war, flüchtete in den illegalen Handel, suchte nach Lebensmittelresten, fuhr aufs Land, um Nahrung zu „erobern“. Viele deutsche Frauen such ← 225 | 226 → ten den „Schutz“ sowjetischer Offiziere und ziviler Funktionäre, deren Familien weit weg waren. „Jeder Russe hatte hier sein festes Mädchen und ‚besuchte‘ es jede Nacht, so schützten sie sich vor Geschlechtskrankheiten.

(…) Die Straße, die von Lichtenhagen nach Königsberg führte, hatte eine Abzweigung, die zum Vorgut des Grafen Dohna führte. Ich sah eines Tages in der Nähe der Ziegelei, die dicht hinter dem Bahnhof lag, eine ältere und eine jüngere Frau, vielleicht Mutter und Tochter, die in Richtung Königsberg gingen. Plötzlich liefen, mit dem Gewehr in der Hand, zwei der auf dem Bahnhof weilenden Asiaten hinter ihnen her. Die Frauen bemerkten ihre Verfolger und begannen zu laufen, aber sie hatten nicht genug Kraft und kamen nicht weit. Sie wurden brutal in den Straßengraben gerissen und vergewaltigt.

(…) Wollte man etwas verkaufen, dann setzte man z.B. fünfzig Rubel höher an, als der Gegenstand wert war, und ließ dann mit sich handeln; die Russen waren mit Leidenschaft dabei. Anfangs wurde auch oft alles einfach gestohlen. Man stand dann hilflos da, niemanden interessierte es, niemand half.

(…) Wer arbeitete, erhielt einen provisorischen Ausweis, den er bei seiner Arbeitsstelle abgegeben mußte, und bekam dann monatlich Rubel und eine Lebensmittelzuteilung. Kartoffeln waren nie dabei, übrigens bei den Russen ebenfalls nicht, denn das war eine Rarität. Meine Leidensgenossin und ich ernährten uns von dem, was die Küche übrig behielt, und das war sehr wenig, zumal der Koch alle Reste zu verwerten verstand“97.

Etwas bessere Überlebenschancen hatten die Einwohner kleinerer Städte, da sie dort weniger schikaniert wurden, bessere Wohnverhältnisse hatten und sich in den umliegenden Dörfern mit Lebensmitteln versorgen konnten. Für die Arbeit auf dem Hof oder Acker konnte man Getreidekörner, Rüben, Obst und andere lebenswichtige Produkte bekommen. Es bot sich auch die Möglichkeit, Feldprodukte oder Reste von Hackfrucht- oder Gemüseernte zu stehlen.

Von diesem Standpunkt aus gesehen war die Lage der Landbevölkerung am günstigsten. Ihr blieb, selbst wenn die Russen die Getreideernte von 1945 allgemein beschlagnahmten, dennoch ein bestimmter Vorrat übrig, der für eine gewisse Zeit ausreichte. Obwohl man nach der Rückkehr ins eigene Haus in der Regel das meiste Hab und Gut nicht mehr vorfand, weil es geplündert worden war, konnte man auf die von den Dieben zurückgelassenen und oft listig versteckten (vergrabenen) Weckgläser mit Lebensmitteln oder Obst aus dem Garten zurückgreifen. Die Lage verschlechterte sich nach der Gründung eines Netzes von Militärkolchosen, dennoch blieb die Versorgung besser als in den Städten. Generell ändert dies nichts an der Tatsache, dass die städtische Bevölkerung nicht aufs Land gehen wollte. Durch die Militärverwaltung gezwungen, zum Beispiel ← 226 | 227 → während der „Propagandamärsche“, kehrte sie an ihren bisherigen Wohnsitz zurück. Sie rechnete mit einer Arbeitsmöglichkeit oder einer anderen Hilfe, die das Überleben ermöglichen würde.

In der zweiten Jahreshälfte 1945 blieb das von den Russen besetzte Gebiet um Königsberg nach wie vor ein riesiges Internierungslager, in dem die NSDAP-Mitglieder rasch „aussortiert“ (in speziellen Filtrationslagern) und vom „Rest der Bevölkerung“ abgetrennt wurden. Die von der Flucht Heimkehrenden wurden in spezielle Durchgangs- oder Arbeitslager eingewiesen. In Tapiau (Gwardeisk) wurde ein Arbeitslager für jugendliche Mitglieder der Hitlerjugend unter 14 Jahren geschaffen (Detskaja trudowaja kolonija)98. Die sich verschlechternde materielle Lage der gesamten Bevölkerung machte die Lebensbedingungen verwaister Kinder und älterer Menschen besonders prekär.

Ab Frühjahr 1946 begann eine massenhafte Wanderung nach Litauen zur Arbeitssuche bei privaten Landwirten oder zum Betteln, wie das bei den Kindern der Fall war. Die Versorgungslage in Litauen war sehr viel günstiger als im Kaliningrader Gebiet. Obwohl man offiziell die Oblast nicht verlassen durfte, war die Grenze zu Litauen als innersowjetische im Gegensatz zur polnischen Grenze nicht bewacht. Die Leitungen der Militärkolchosen und Unternehmen behielten die zweisprachigen vorläufigen Papiere (Wremiennoje Udostowerienije / Vorläufiger Personalausweis) ein, die die Sowjetbehörden ab Ende 1945 allen erwachsenen Deutschen ausstellten. Dies hinderte die Deutschen aber nicht daran, nach Litauen aufzubrechen, sowohl nach dem Memelland, wo viele Familienangehörige, Verwandte oder Bekannte hatten, als auch in die Nachbarregionen sowie ins Landesinnere Litauens. Manche gingen auf der Suche nach einem besseren Schicksal nach Lettland, ja sogar nach Estland. Die Behandlung der Deutschen als Sklaven wurde nicht als eine besondere Schikane empfunden, weil die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung im Inneren der UdSSR ohnehin keine „Reisepässe“ (die als Personalausweise fungierten) besaßen, mit denen sie den Wohnort hätten verlassen dürfen.

„Ich bemerkte, dass je weiter wir uns von der ostpreußischen Grenze entfernte, umso weniger arme Schlucker wie wir unterwegs waren. Je weniger, umso besser für uns. Manchmal nahmen uns die Bauern für eine Woche oder länger auf. Dann mussten wir wieder wandern, wohin uns das Auge wies. In der zweiten Sommerhälfte brachte uns die Kleinbahn sogar bis in die Gegend von Birzai“ (Nordlitauen)99. Deutsche Kinder, die Litauen allein oder in kleinen Gruppen durchstreiften, wurden Vokielukai („kleine Deutsche“) genannt. In die Geschichte eingegangen ist die Bezeichnung Wolfskinder. Oft wurden sie, wie die Deutschen überhaupt, als „Fritzen“ oder „Faschisten“ beschimpft. ← 227 | 228 →

Die Hauptstrecke „Richtung Litauen“ führte entlang der Bahnlinie Kaliningrad-Kybartai-Kaunas-Wilna. In den meisten Dörfern um Vilkaviškis, Marijampole und Kalvarija konnte man deutsche Kinder antreffen.

„Wir stiegen in einen Güterzug und fuhren nach Kybartai. Von dort wanderten wir und bettelten. So kamen wir nach Kudirkos Naumiestis. Dort blieb die Schwester bei einem deutschen Arzt, der jung war und zwei Kinder hatte. Ich aber war in dieser großen Stadt niemandem zunütze. Die Schwester blieb drei Tage bei dem Doktor. Dann gingen wir in den Bezirk Vilkaviškis. Als wir die Stadt verließen, hielt ein Fuhrwerk an. Darauf saß eine Frau mit einem kleinen Kind. Sie nahm uns mit. So kamen wir in das Dorf Slabadai. Dort stiegen wir ab. Die Frau zeigte uns ihr Haus und lud uns ein. Wir gingen zum Hof und sahen dort einen russischen Soldaten umhergehen. Es war der Ehemann, der gerade aus dem Krieg heimgekehrt war und noch seine Uniform trug. Meine Schwester blieb dort und hütete die Kinder. Mir befahl man, zu anderen Leuten zu gehen, die uns aufnehmen würden. Es waren ältere Leute, die am anderen Dorfende wohnten. Ihre Kinder waren schon erwachsen, Der Vater konnte deutsch. Ich blieb dort. 1947 (…) ließ man mich in die Schule“100.

Viele deutsche Kinder kehrten aus Litauen nicht mehr zurück nach Ostpreußen, das seit 1948 „frei von Deutschen“ war. Die „Kaliningrader Deutschen“ blieben mehrheitlich in Litauen, manche reisten später nach Deutschland aus. Sie wurden gern von den litauischen Kolchosen und Sowchosen, die unter Arbeitskräftemangel litten, eingestellt. Ein Teil der deutschen Kinder wurde von Litauern adoptiert. Nach der Unabhängigkeit Litauens gründeten die Wolfskinder den Verband „Edelweiß“. In Erinnerung geblieben sind ihnen Litauer, die sie zwar zu schwerer Arbeit zwangen und manchmal wie Sklaven behandelten, aber – wie sie sagen – „deren Brot uns das Leben gerettet hat“. Andere beklagen, dass sie fast ihr ganzes Leben im kommunistischen System fristen mussten, im Gegensatz zu anderen, denen die Ausreise nach Deutschland gelang und denen es im Leben viel besser erging.

Die Situation der deutschen Bevölkerung im Kaliningrader Gebiet (insbesondere in Königsberg) besserte sich ab 1947 allmählich. Dies lag an einer teilweisen Verbesserung der Versorgungslage und der Währungsreform vom Dezember 1946, wodurch der Wert des Rubels deutlich stieg und Lebensmittel billiger und leichter zu bekommen waren. Wer bis dahin überlebte, hatte inzwischen meist Arbeit, wodurch seine Existenz gesichert war.

Die lokalen Behörden, die mit einem langfristigen Verbleib der Bevölkerung im Gebiet rechneten, versuchten nun, ihre Lage zu „normalisieren“, und ergriffen Maßnahmen zu ihrer Sowjetisierung. ← 228 | 229 →

Zu den ersten Ordnungs- und Organisationsmaßnahmen dieser Art gehörten die Registrierung (Meldung) aller deutschen Einwohner und die Ausgabe vorläufiger Papiere (Pässe). Zur besseren Weiterleitung von Anordnungen und Anweisungen der Besatzungs- und später der Zivilbehörden sowie zur Kontrolle der Deutschen wurden deutsche Obleute eingesetzt. Nach dem Stand zum 1. Mai 1946 übten 51 Personen diese Funktion aus. Ihre Befugnisse erstreckten sich auf einige Häuser, eine Straße oder den Abschnitt eines Stadtteils oder einer Stadt101.

Ähnlichen Zielen diente die Institution „deutscher Klubs“, die damals gegründet wurden. Sie waren der Politverwaltung der Militärkommandanturen unterstellt. Eine ihrer wichtigen Aufgaben war die Verbreitung prosowjetischer Propaganda. Im Februar 1946 wurde der „Zentrale Deutsche Klub“ gegründet. Später entstanden 60 Stadt- und 20 Rajonklubs als Begegnungsorte für die deutsche Bevölkerung. Der Zentrale Klub saß im Gebäude der ehemaligen Chirurgischen Universitätsklinik im Zentrum Kaliningrads. Der Klub existierte bis zum 1. Mai 1948. Hier fanden verschiedene Veranstaltungen statt, es gab Musik (u.a. bildete sich ein deutsches Ensemble für Kammer- und Unterhaltungsmusik) und Theater. Im Rahmen des Klubs gab es eine „antifaschistische Schule“ und die Redaktion der deutschen Abteilung des Kaliningrader Rundfunks. Laut offiziellen sowjetischen Angaben fanden zwischen Februar und Juni 1946 238 „Lektionen“ vor 49 955 deutschen Zuhörern statt (in Wirklichkeit gab es nach Archivbefund nur 193 solche Treffen mit 16 970 Teilnehmern). Auch diese Zahl ist noch außerordentlich hoch und zeugt vom Ausmaß und der Bedeutung, die die Behörden der Propaganda und Sowjetisierung beimaßen. Hier die wichtigsten Themen dieser „Lektionen“:

   „Der Nürnberger Prozess gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher “,

   „Die Diktatur des Faschismus und ihre Folgen für die deutsche Bevölkerung“,

   „Die demokratische Umgestaltung Deutschlands“,

   „Fünfjahresplan zu Wiederaufbau und Entwicklung der Volkswirtschaft der UdSSR“,

   „Der 1. Mai – internationaler Feiertag der Arbeiter“,

   „Der 9. Mai – Tag des Sieges über das faschistische Deutschland“.

Neben dem deutschsprachigen Rundfunk und dem Zentralen Klub wurde auch die deutschsprachige Zeitung „Neue Zeit“ herausgegeben und ein Netz von Schulen mit deutscher Unterrichtssprache gegründet. Die erste Ausgabe des deutschsprachigen Blattes erschien Anfang Juli 1947. Bis Oktober 1948 erschien es zweimal wöchentlich (nach der Aussiedlung aller Deutschen ging aus diesem Blatt die Redaktion der Tageszeitung „Kaliningradskij Komsomolez“ hervor). Die „Neue ← 229 | 230 → Zeit“ war, ähnlich wie zum Beispiel die in Wilna erscheinende polnischsprachige Zeitung „Czerwony Sztandar“ (Rotes Banner), eine typische Sowjetzeitung, deren Hauptzweck die Indoktrinierung war. Trotz dieser Ausrichtung war es allerdings eine Quelle wichtiger Informationen für die Leser (Anordnungen, Erlasse, Informationen aus dem Stadtleben und über die kulturelle Aktivitäten usw.).

Auf Initiative der Verwaltung für Zivile Angelegenheiten wurden ab Oktober 1946 Schulen für deutsche Kinder eröffnet. Deswegen begann eine entsprechende Lehrerausbildung in besonderen Kursen. Nach sowjetischen, in der „Neuen Zeit“ veröffentlichten Angaben gab es im Juli 1947 im Kaliningrader Gebiet 43 Schulen mit deutscher Unterrichtssprache, davon 35 Grundschulen. In Kaliningrad selbst fand der Unterricht an drei Grundschulen und zwei Schulen bis zur 7. Klasse statt. 15 Schulen wurden bei Kinderheimen eingerichtet. Die sowjetischen Behörden betrieben auch andere Formen der „Kultur- und Bildungsarbeit“. Es gab Konzerte, zum Teil in Sowchosen und Kriegsgefangenenlagern, 36 Filmvorführungen und „Schulungs- und Propagandaversammlungen“. In deutscher Sprache wurde eine Reihe von Broschüren herausgegeben, beispielsweise: Die Rede des Genossen STALIN zur Wahlversammlung am 9. Februar 1946 in Moskau; Das Interview des Genossen STALIN auf die Rede Churchills in Fulton; Der Erlass des Genossen Stalin zum 1. Mai; Russisch-deutscher Sprachführer für Sowchosen.102

Angesichts ihrer katastrophalen Existenzbedingungen im Kaliningrader Gebiet unternahmen die Deutschen bereits nach der Beendigung der Kriegshandlungen verschiedene Versuche, diesen Teil Ostpreußens zu verlassen. Fluchtwege führten hauptsächlich nach Polen und Litauen. Die polnisch-sowjetische Grenze in Ostpreußen war während einer kurzen Zeit nach Kriegsende durchlässig. Ab Ende 1945 gehörte sie aber zu den am strengsten bewachten in der UdSSR. Leichter war die Grenze zu Litauen zu passieren, doch endeten die meisten Fluchtversuche innerhalb der UdSSR. Bis April 1947 erteilten die sowjetischen Behörden der deutschen Bevölkerung keine Ausreisegenehmigungen aus dem Kaliningrader Gebiet in irgendeine der Besatzungszonen Deutschlands.

Im Januar 1947 erörterten die Moskauer Behörden über 90 bei den Militärbehörden der sowjetischen Besatzungszone eingegangene Briefe bezüglich der Aussiedlung von 214 deutschstämmigen Personen aus dem Kaliningrader Gebiet in die SBZ. Das Innenministerium der UdSSR gab positiven Bescheid. Am 2. April 1947 begann die Aussiedlung der ersten 265 Personen in die SBZ103.

Die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus dem Kaliningrader Gebiet verlief generell in zwei Phasen. Die erste fiel in die Monate April-Juni 1947 und kann als „freiwillige Aussiedlung“ bezeichnet werden. Das Gebiet verließen damals 3 390 Personen. Die zweite Phase wurde durch einen Geheimbeschluss der ← 230 | 231 → Moskauer Regierung über die Aussiedlung der gesamten deutschen Bevölkerung aus dem Kaliningrader Gebiet vom 11. Oktober 1947 eingeleitet. Der erste Zug mit deutschen Aussiedlern fuhr am 22. Oktober 1947 vom Kaliningrader Bahnhof ab. Der Höhepunkt der Ausreisen fiel auf die Zeit zwischen Oktober 1947 bis Oktober 1948, als 97 422 Personen in 48 Bahntransporten in die SBZ deportiert wurden. Den Abschluss bildete schließlich im Mai 1951 die Ausreise von 193 Personen. Zwischen April 1947 und Mai 1951 wurden 102 407 Menschen ausgesiedelt. Den Verlauf der Aussiedlungen veranschaulicht Tabelle 14.

Tabelle 14     Aussiedlungsphasen der deutschen Bevölkerung aus dem Kaliningrader Gebiet in den Jahren 1947-1951 (darunter 655 Personen aus dem Memelland in Litauen)

Quelle: B. Fisch, M. Kiemeseva, Zum Schicksal der Deutschen in Königsberg 1945-1948 (im Spiegel bisher unbekannter russischer Quellen), in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 1995, H. 3, S. 399.

Die Genehmigung der „freiwilligen“ Aussiedlung der ersten Deutschen aus Kaliningrad im April 1947 rief ein wahres „Ausreisefieber“ hervor. Bis zum 10. Juni 1947 wurden 6 526 Anträge auf Ausreisegenehmigung nach Deutschland gestellt. Die behördliche Genehmigung erhielten 1 744 Personen. Gebrauch machten davon letztlich 1 121 Personen104.

Die Hauptmotive, die in den Ausreisegesuchen an die Behörden geltend gemacht wurden, waren der Wunsch nach Familienzusammenführung sowie die schweren materiellen Existenzbedingungen105. Hier ein Bericht, der die Atmosphäre von damals veranschaulicht: „Dann kam 1947. Mehr als anderthalb Jahre waren schon seit dem Ende des Krieges vergangen, und wir litten immer noch. War denn kein Ende des Elends abzusehen? Ich erzählte oft, daß ich nach Berlin fahren wollte, und wartete auf ein Echo. Ich habe lange gewartet, aber dann war es soweit. Eine Russin kam zu mir und sagte: ‚Anna-Lisa, du willst immer nach ← 231 | 232 → Berlin fahren, du kannst es bald. Ich erhalte ein Büro, dann kommst du zu mir.‘ Ich war glücklich über diese Nachricht.

(…) Ich ging wieder zu meiner Russin und hatte Glück: Ich durfte einen Antrag für eine Ausreise nach Westdeutschland stellen. Von dem Formular mit zweiundzwanzig Fragen existierten nur drei Bögen, daher musste ich alles abschreiben und den Bogen zurückgeben. Ein geschäftstüchtiger Deutscher saß im Vorzimmer und bot Fragebogen, die er angefertigt hatte, für fünf Rubel an. So half er sich und anderen.

Ich erledigte alles für Albert und mich. Wir mussten noch viele Stempel einholen, die verlangt wurden. Dazu war der Pass notwendig. Das nahm mehrere Tage in Anspruch, denn man musste schon Glück haben, den jeweiligen Bearbeiter für den Stempel anzutreffen. Oft erwischten wir den Betreffenden erst nach dreimaligem Wiederkommen, oder er nahm einfach seine Mütze und verschwand, so war der Weg wieder umsonst. Die älteste Tochter von Matka füllte dann alles in russischer Sprache aus. Es wurde nach Adresse, Schule, Fremdsprachen gefragt, auch ob man Verwandte in Russland hätte, wenn ja, wo usw. Aus meiner Sicht waren viele unnötige Fragen dabei.

Nun begann das Warten. Bis dahin mussten wir durchhalten. Ich stellte beginnende Anzeichen von Hungerödemen bei mir fest.

(…) Am nächsten Morgen erhielt ich den Ausreiseausweis bei Abgabe des Personalausweises.(…) So trat ich meinen letzten Weg durch Königsberg an mit ein paar Schnitten Brot in der Tasche und einer Decke unter dem Arm. Andere hatten sich zusammengetan, um gemeinsam zum Bahnhof zu gehen. Aber ich wollte alleine sein, ganz für mich noch einmal Abschied nehmen. Ich ahnte, dass ich diese Stadt nie wiedersehen würde. Ich war tieftraurig, musste aber zufrieden sein, wenigstens überlebt zu haben. Inzwischen war es Ende April 1947 geworden.

Am Fahrkartenschalter erhielt ich für sechs Rubel eine Fahrkarte. Wir fuhren bis zur Grenzstation Pr. Eylau. Dort wurden wir vom Zoll gefilzt: Sparkassenbücher flogen in den Ofen, deutsches Geld wurde fortgenommen. (…)

Wir waren ein Trupp von vielleicht fünfundzwanzig Frauen, meistens ältere; ich gehörte zu den jüngsten.

In Pr. Eylau übernahm uns der Pole. Dann ging es Tag und Nacht mit Unterbrechungen weiter in Güterwaggons. Ich weiß nicht, wie lange wir unterwegs waren. Ich hatte nichts zu essen, mir war alles egal….

(…) Wir waren ungefähr fünfzig Kilometer vor Frankfurt an der Oder. Dort angekommen wandten wir uns an die Bahnhofsmission, die dann Verbindung mit dem Heimkehrerlager Grohnenfelde aufnahm. Ein Polizist und eine Krankenschwester holten unseren Transport ab.

Im Lager war man sehr erstaunt über unser Eintreffen, denn wir waren die ersten Deutschen, die ‚legal‘ aus Königsberg ausreisen durften. Die Russen hatten ← 232 | 233 → ‚nur vergessen‘, die deutschen Behörden davon zu unterrichten. Einige sollten uns noch folgen, bis wieder eine Sperre verhängt wurde. Später wurden dann Transporte zusammengestellt und alle überlebenden Deutschen 1948 gnadenlos aus der Heimat vertrieben.

(…) Wenn ich heute Rückblick halte, so erkenne ich in dem Verhalten der Russen gegenüber der deutschen Bevölkerung im nördlichen Teil von Ostpreußen eine ganz klare Methode. Uns war damals nicht bekannt, dass dieses Gebiet der Sowjetunion einverleibt werden sollte.

Die Russen nahmen bewusst eine Reduzierung der Bevölkerung vor, teils durch Verschleppung, teils durch Vertreiben jedes Deutschen aus seinem Haus und indem man ihn jeder Ernährungsgrundlage beraubte. Dazu dieser sinnlose Propagandamarsch bei klirrender Kälte und tiefem Schnee durch die Provinz. Es waren ja nur Kinder und Frauen sowie ein paar alte Männer“106.

Nachdem der Ministerrat der UdSSR den geheimen Beschluss Nr. 3547-1169s „Über die Umsiedlung der Deutschen aus der Kaliningrader Oblast der RSFSR in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands“ vom 11. Oktober 1947 erlassen hatte, begann die planmäßige und organisierte Aussiedlungsaktion. Die Behörden planten, im Oktober desselben Jahres 10 000 Deutsche und im November weitere 20 000 auszusiedeln. In erster Linie waren die Einwohner der Ostseestadt Baltijsk (Pillau) für die Ausreise vorgesehen, weil die Stadt zur Militärnutzung bestimmt war. Den Verlauf dieser Aussiedlung schilderte Tatiana Pawlowna Mulinkowa wie folgt: „Einmal kamen wir alle zur Arbeit, da waren die Deutschen weg, niemand mehr zum Arbeiten da. Das war 1948. Da hatten sie nachts die Deutschen nach Deutschland geschickt – in einer Nacht waren sie wie weggeblasen“107.

Aus den übrigen Rajons der Oblast sollten die nicht Arbeitsfähigen und ihre Familien sowie „gesellschaftlich unnütze“ Personen ausreisen. Zu dieser Kategorie zählten Kinder aus den Kinderheimen sowie die Alten aus den Pflegeheimen. Die Aussiedler durften bis 300 kg Habe pro Familie (ohne Wertsachen) mitnehmen. Nachfolgend wurden andere Bewohner der Küste, des Grenzgebiets zu Polen und Einwohner Kaliningrads deportiert. Die Auszusiedelnden wurden einen Tag vor der Abreise benachrichtigt. Die Transporte wurden von Soldaten und Medizinpersonal begleitet. Ihr Bestimmungsort war Pasewalk108.

Die Entscheidung über die Aussiedlung aller Deutschen fiel später. Am 15. Februar 1948 fasste der Ministerrat der UdSSR einen geheimen Beschluss „Über die Umsiedlung der Deutschen des Kaliningrader Gebietes der RSFSR in die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands“. In diesem Papier hieß es unter anderem: ← 233 | 234 →

„Der Ministerrat der Union der SSR verordnet:

1.     Im Jahr 1948 sind aus dem Gebiet Kaliningrad alle [Hervorhebung durch A.S.] im Gebiet lebenden Deutschen in die Sowjetische Besatzungszone umzusiedeln, dabei im März-April 25 000 Personen und im August-Oktober alle übrigen – insgesamt 37 300 Personen. In erster Linie sind die in den Städten des Kaliningrader Gebiets lebenden Deutschen umzusiedeln;

2.     Die Organisation der Umsiedlung der Deutschen aus dem Kaliningrader Gebiet wird dem Innenministerium der UdSSR, ihre Unterbringung in der Sowjetischen Besatzungszone wird der Sowjetischen Militäradministration übertragen.(…)“109.

Anfang 1948 wurde mit der Zusammenstellung weiterer Transporte begonnen. Vom 16. März bis zum 15. April verließen insgesamt 25 194 Personen mit 12 Zügen das Gebiet, während zwischen dem 24. August und dem 26. Oktober in der SBZ 21 Transporte mit 42 094 Personen eintrafen. Der letzte 48. Zug mit deutschen Aussiedlern verließ Kaliningrad am 21. Oktober 1948. Damit waren die Aussiedlungen formell beendet. Unter den 102 125 Deportierten waren 17 521 Männer, 50 932 Frauen und 33 622 Kinder, in dieser Zahl waren auch 1 076 Deutsche aus dem Teil Ostpreußens, der an Litauen gefallen war (Memelland).

Die russischen Siedler nahmen die Aussiedlungen der Deutschen so wahr: „Aus unserer Sowchose Nr. 8 wurden die Deutschen schnell ausgesiedelt. Es waren vorwiegend Frauen und Kinder. Sie wurden in zehn Lastkraftwagen verfrachtet, in der Hand ein Bündel, nur das Allernötigste. Viele Frauen weinten, sie wollten nicht fahren. Ein Junge, der etwa vierzehn Jahre alt war und bei uns als Briefträger arbeitete, bat, hier bleiben zu dürfen: seine Eltern waren tot, und in Deutschland hatte er keine Verwandten. Aber er wurde zur Abfahrt gezwungen“, erzählte Jekaterina Michailowa Kowaliowa.

Es kam vor, dass im organisatorischen Durcheinander zwei Menschenströme aufeinanderstießen. Im Oktober 1947 kam eine große Siedlergruppe aus dem Nowgoroder Gebiet auf die Kurische Nehrung, in das Dorf Rybatschi (Rossitten). Michail M. Riabow erinnerte sich: „Sie brachten uns in noch warme Häuser. Wir vom Boot runter und die Deutschen auf die Lastwagen. Sechzehn Kilo in der Hand und weg waren sie“110.

In der Praxis entpuppte sich die Aufgabe, „alle“ Deutschen auszusiedeln, als gar nicht so einfach. Denn es war beispielsweise ein Problem, Ersatz für deutsche Spezialisten zu finden, die von ihren jeweiligen Unternehmen vor der Aussiedlung geschützt wurden. Deshalb ließ man am 8. November 1948 aus Kaliningrad einen „Sonderzug“ mit 138 Personen abgehen. Einen anderen Charakter hatte ein nicht ← 234 | 235 → angemeldeter Transport, der am 11. Dezember 1948 Kaliningrad verließ. Er versammelte aufgegriffene „Lumpen“, die sich bisher versteckt gehalten hatten. Er wurde nicht nach Pasewalk geleitet (über Schneidemühl-Stettin wie die meisten Transporte), sondern direkt in das Umsiedlerlager Gronenfelde bei Frankfurt/Oder111.

Der letzte Transport mit Deutschen aus dem Kaliningrader Gebiet und Litauen traf 1951 in der DDR ein. Mit ihm kamen 3 500 „vergessene“ Deutsche. Die Zahl der Aussiedler aus der Oblast wird auf insgesamt 110 000 Personen geschätzt112. Somit riss in diesem Teil Ostpreußens, anders als im Memelland, dem Ermland oder Masuren, die jahrhundertalte kulturelle Kontinuität ab. Der totale Bevölkerungsaustausch war im Europa des 20. Jahrhunderts ein Ereignis ohne Beispiel.

Für die deutschen Aussiedler bedeutete die Überschreitung der Grenze Ostpreußens, wie sich einer der Alteinwohner erinnerte, die Erlösung von „dem niedrigsten Niveau der menschlichen Existenz, die sich auf die Sorge ums nackte Überleben beschränkte. Für uns wurde die Heimat nun völlig fremd“113. Von allen Deutschen zahlten die Bewohner Ostpreußens den höchsten Preis für den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg.

2.4.   Sowjetische Siedler

Ins Stammbuch einer Siedlerin aus dem Kusnezker Becken, die 1946 im Kaliningrader Gebiet eintraf, schrieb jemand, der ihr nahestand, folgende Worte:

„Liebe Katja !

Das einzige, was ich Dir vor Deiner Abreise in ferne Länder sagen will:

Ich wünsche Dir alles Gute, Glück, Glück und nochmal Glück.

Es möge dein Traum – Königsberg – wunderschön sein

und Dein Leben ebenfalls.

Wir bleiben fürs erste in ‚ewiger Verbannung‘ in Sibirien.

Mit Verehrung Dusja“ (30/I-46). ← 235 | 236 →

Ins Königsberger Gebiet, ins Memelland und in die „Wiedergewonnenen Gebiete“, also nach Ostpreußen, zog es Menschen aus verschiedenen Teilen Litauens, Polens, den unermesslichen Weiten der Sowjetunion, aber auch aus Deutschland und anderen Ecken Europas. Sie kamen freiwillig oder gezwungenermaßen. Die einen, um ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern, die anderen, weil sie alles im Krieg verloren und keine Bleibe mehr hatten oder sich verstecken mussten, und wieder andere, weil sie von ihrer Arbeits- oder Dienststelle entsandt wurden. Was sie alle verband, war, dass sie ins Unbekannte fuhren, in ein „feindliches Land“, wo sich eine ungewisse Zukunft abzeichnete, schon allein deswegen, weil nicht ganz klar war, wem diese Landtsriche gehören würden und ob sie nicht eines Tages wieder den ehemaligen deutschen Besitzern zufielen.

2.4.1.   Siedlungsverlauf in den „neuen Gebieten“

Die Besiedlung des Königsberger/Kaliningrader Gebiets verlief hauptsächlich organisiert und geplant durch die Moskauer Zentralregierung, nicht selten aber auch spontan. Die Kaliningrader unterscheiden zwei wichtige Phasen: die erste vom Frühjahr 1945 bis 1946 und die zweite vom Sommer 1946 bis 1950.114 Jede Phase kennzeichnete sich durch einen bestimmten Verlauf und eine spezifische Form der Besiedlung, von den russischen Forschern meist als Saselenije („Besiedlung“) bezeichnet115.

Die russischen Forscher unterscheiden mehrere Gruppen von Siedlern, die meist „Umsiedler“ (Pereselency) genannt werden116. Die ersten sowjetischen Bewohner der Oblast waren aktive Armee- und Marinesoldaten, was daraus resultierte, dass es sich um ein von der Roten Armee erobertes und besetztes Gebiet handelte. Die Macht lag in der Nachkriegszeit vollständig in den Händen der Militärorgane und der Kommandanturen. Sie waren unter anderem dafür verantwortlich, Sicherungs-, Deportations-, Abrüstungsmaßnahmen durchzuführen, Minen zu räumen und für die Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Der Militärrat des Sondermilitärbezirks errichtete gemäß Beschluss vom 29. Januar 1946 30 ← 236 | 237 → Militärsowchosen, die über 250 000 ha Ackerlandes unter den Pflug nehmen sollten. Anfänglich arbeiteten hier annähernd 50 000 Deutsche. Schätzungsweise betrug der Anteil der Soldaten und des Militärpersonals in der ersten Nachkriegszeit etwa 100 000 Personen. Sie bildeten längere Zeit die dominierende Gruppe. Dies war einmalig nicht nur im gesamten Gebiet Ostpreußens, sondern auch größtenteils in der gesamten UdSSR. Es stellte sich aber heraus, dass die Militärkader und -strukturen auch später trotz immer neuer Wellen ziviler Ansiedlungen eine wichtige Rolle im Leben aller Bewohner der Oblast spielten und immer noch spielen. Diese große Militärkonzentration innerhalb eines relativ kleinen Gebietes zeichnet die westlichste Region der früheren Sowjetunion/Russischen Föderation bis heute aus.

Eine weitere Gruppe Oblast-Bewohner der ersten Stunde bildeten demobilisierte Soldaten, die an Kriegshandlungen in Ostpreußen teilgenommen hatten und hier geblieben waren. Sie kamen in den Genuss einer Reihe von Privilegien, wurden unter anderem in Schulen aufgenommen und in verschiedenen Betrieben beschäftigt. Viele hatten leitende Funktionen in den lokalen Machtstrukturen inne. Es waren zumeist junge Menschen, nirgendwohin zurückkehren konnten, weil sie in den von den Deutschen eingenommenen und besetzten Teilen der Sowjetunion ihre Nächsten und ihr Zuhause verloren hatten. Mit Ostpreußen waren sie durch die Kriegserlebnisse verbunden, hier waren viele ihrer Frontkameraden und Freunde gefallen. Mit der Zeit wurden sie die „ersten Kaliningrader“. Die politische Militärverwaltung unternahm viel, um die demobilisierten Soldaten zum Bleiben zu bewegen.

Nikolai Tschudinow erinnert sich: „Ich wurde im Sommer 1946 demobilisiert. Bis dahin wurde ein Partei- und Regierungsbeschluss erlassen, die Felder der neuen Oblast zu bestellen. Damals begann die Politabteilung unseres Regiments, aus der Armee entlassene Kommunisten zum Bleiben aufzufordern. Sie sagten zu uns: ‚Liebe Genossen, ihr habt hier Krieg geführt, nun gilt es das neue Land [Hervorhebung durch A.S.] zu bewirtschaften, weil es uns übergeben wurde‘. Schau, wie lange ich nicht Zuhause war. Ich komme ja aus Saratow. Was soll mir dieses Ostpreußen? Und die von der Politabteilung meinten immer wieder das gleiche: ‚Sie sind doch Kommunist und sollten mit gutem Beispiel vorangehen‘“117.

Eine andere Gruppe Oblast-Bewohner der ersten Stunde waren neben den demobilisierten Soldaten die „Repatriierten“ und Zwangsarbeiter. Diese Gruppe umfasste Sowjetbürger, die zur Zwangsarbeit deportiert wurden, sowie Häftlinge der im Inneren des Dritten Reiches eingerichteten Konzentrations- und Kriegsgefangenenlager. Viele von ihnen machten in Ostpreußen Zwischenstation auf dem Rückweg in die Heimat, zehntausende entschlossen sich zum Bleiben. Es ← 237 | 238 → waren vor allem Menschen, die „nirgendwohin zurückkehren konnten“, echte Opfer des Krieges. Eine Deportierte begründet ihre Entscheidung so: „Sie fuhren uns quer durch Ostpreußen, Stadt Insterburg. Nicht weit davon gab es in einem Landstädtchen so etwas wie ein sowjetisches Lager für solche wie uns. Bald kam ein Mensch angefahren und sagte zu uns: ‚Mädels! Was sollt ihr nach Smolensk weiter fahren? Lasst euch hier anwerben [Hervorhebung durch A.S.]!‘. Heimkehren hieß in Erdhöhlen, in Ruinen leben. Und wir, die keine Familien hatten, ließen uns anwerben“118.

Auch ein Teil der ehemaligen Lagerinsassen aus Königsberg, Insterburg (Tschernjachowsk), Tapiau (Gwardeisk), Pr. Eylau (Bagrationowsk), Tilsit (Sowetsk) und Cranz (Selenogradsk) beschloss, hier zu bleiben.

Mit der nächsten Siedlerwelle der Anfangsphase zwischen Mai 1945 und August 1946, die der Zuwanderung der „normalen“ Siedler voranging, kamen Spezialisten, die von verschiedenen Betrieben oder Einrichtungen in Zentralrussland bzw. von der kommunistischen Partei entsandt oder angeheuert wurden. Ihre Hauptaufgabe war es, die übernommenen Güter der Nutzung zuzuführen, die notwendigen Verwaltungs- und Sicherheitsstrukturen (Miliz, Sicherheitsdienst, Grenzschutz usw.) sowie die Strukturen der WKP(b) zu etablieren, das Schul-, Bildungs- und Gesundheitswesen aufzubauen und die nötigen Fachkräfte zur Inbetriebnahme und Beaufsichtigung der für die Behörden wichtigen Industrieanlagen zu beschaffen. Zunächst kamen etwa 40 000-50 000 solcher „Spezialisten“. In der zweiten Jahreshälfte 1945 trafen 10 000 Arbeiter mit ihren Familien aus 17 russischen Gebieten zur Arbeit im Betrieb „Nemanlez“ ein. In die Kaliningrader Waggonbaufabrik kamen 250 Arbeiter aus den Oblasten Uljanowsk, Perm und Tambow. Ähnlich war die Situation in der Papier- und Zellulosefabrik sowie im Hafen und der Werft in Königsberg/Kaliningrad119. Die Anwerbung von Umsiedlern für den Bedarf der Industriebetriebe wurde im Unterschied zum Agrarsektor nicht zentral, sondern durch die Betriebe und Organisationen, die den jeweiligen Ministerien unterstanden, organisiert. Die Motive der Zuwanderer waren vielfältig (Entsendung, Arbeitsbefehl, Eigenentscheidungen usw.). Sie konnten mit zahlreichen Privilegien und Begünstigungen rechnen. Interessanterweise wurde vielen Delegierten mit einer gefragten zivilen Spezialisierung ein hoher Offiziersgrad verliehen; sie bekamen auch Lebensmittelzuteilungen für Militärs und ein relativ hohes Gehalt. Sie bezogen die besten Häuser und Wohnungen. Eine Absolventin der Pädagogischen Oberschule im Gebiet Orlow berichtet: „Es wurde ← 238 | 239 → die Entscheidung bekannt gegeben, wer wohin geschickt wurde. Ich bekam Kaliningrad. Und wir waren doch noch gar nicht herumgekommen, nicht wie die heutige Jugend. Ich hatte bis dahin keinen Zug gesehen. Zur Oberschule liefen wir sogar 25 Kilometer zu Fuß. Und wir hatten Angst hinzufahren, doch nach unseren Wünschen fragte niemand“120.

Mit der Errichtung des Königsberger/Kaliningrader Gebiets im April 1946 war die zweite Ansiedlungsphase vom Sommer 1946 bis Dezember 1946 verbunden. In dieser Zeit wurde die zuvor begonnene Besiedlung der Städte intensiviert. Es wurden neue Arbeiter und Angestellte für die Industrie des Gebiets angeworben und mit der organisierten Besiedlung der ländlichen Landstriche begonnen (in den Dörfern lebten bis dahin fast ausschließlich Deutsche). Die ländliche Besiedlung war eine wichtige „Ergänzung“ der Migrationsprozesse in dieser Region.

Die massenhafte Besiedlung der Oblast begann infolge des Beschlusses Nr. 1522 des Ministerrates der UdSSR vom 9. Juli 1946 „Über die dringendsten Aufgaben im Bereich der Rajonbesiedlung und Landwirtschaftsentwicklung im Kaliningrader Gebiet“. Dieser sah vor, dass noch im September und Oktober desselben Jahres 12 000 Kolchosfamilien aus 23 Bezirken und autonomen Republiken der RSFSR und Weißrussland freiwillig umsiedeln würden121. Der erste Siedlerzug traf am 23. August 1946 am Bahnhof Gumbinnen (Gussew) im Osten der Oblast mit 160 Familien aus der Oblast Brjansk ein. In den Jahren 1946-1949 wanderten in das Kaliningrader Gebiet insgesamt 161 873 Personen, davon 92 452 Arbeitsfähige, ein. Die Entwicklung der Ansiedlungsaktion veranschaulicht Tabelle 15.

Tabelle 15     Ansiedlungen im Kaliningrader Gebiet in den Jahren 1946-1949

Quelle: U. Frobarth, Das Königsberg Gebiet in der Politik der Sowjetunion 1945-1990. Mit einer analytischen Betrachtung des Kaliningrader Gebiets in der Politik Russlands 1991-2000, Berlin 2001, S. 160. ← 239 | 240 →

Unter den Zugewanderten überwogen Siedler aus der RSFSR. 1946 waren es beispielsweise 9 559 aus 25 Gebieten und drei autonomen Republiken Russlands. Die meisten Siedler kamen aus der Region Woronesch (1946: 934; 1947: 420; 1948: 714; 1949: 371), Kursk (1946: 911; 1947: 508; 1948: 651; 1949: 315), Brjansk (1946: 497; 1947: 560; 1948: 558; 1949: 262), Orjol (1946: 531; 1947: 686; 1948: 507; 1949: 417) und Penza (1946: 501; 1947: 622; 1948: 714; 1949: 403). Größere Siedlergruppen (zwischen 400 und 200 im Jahr) kamen aus den Städten Wladimir, Gorki, Kalinin, Kaluga, Kirow, Kostroma, Moskau, Rjasan, Tambow, Jaroslaw. Aus der Autonomen SSR der Mari kamen 1945 und 1946 219 Personen, aus der Mordwinischen ASSR 319 (1946), aus der Tschuwaschischen ASSR 445 (1946-1948), und 27 (1947) aus der Tatarischen ASSR. Die meisten weißrussischen Zuwanderer (jährlich zwischen 469 und 370) kamen aus den Regionen Mogilew, Homel, Witebsk und Minsk122.

Durch die Einwanderung stieg die Bevölkerungszahl der Oblast. 1947 lebten hier 320 000 Menschen, 1948 380 000, 1949 401 000, 1950 407 000.123 Die Bevölkerungsstruktur im Kaliningrader Gebiet in den Jahren 1948-1950 zeigt Tabelle 16.

Tabelle 16     Bevölkerungsstruktur im Kaliningrader Gebiet in den Jahren 1948-1950 (in Tsd., % im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung der Oblast)

Quelle: U. Frobarth, Das Königsberg Gebiet in der Politik der Sowjetunion 1945-1990. Mit einer analytischen Betrachtung des Kaliningrader Gebiets in der Politik Russlands 1991-2000, Berlin 2001, S. 171.

Kennzeichnend für das Kaliningrader Gebiet war im Vergleich zu anderen Regionen der UdSSR ein hoher Anteil städtischer Bevölkerung, insbesondere die ständig zunehmende Einwohnerzahl Kaliningrads. 1948 betrug der Anteil der Stadtbevölkerung 52,9 %, 1952 61,1 %, 1963 68,9 % (1967 stieg dieser Wert auf über 70 %, während er 1988 79,5 % betrug). Die Einwohnerzahl Kaliningrads stieg von 139 200 im Jahr 1949 auf 405 800 im Jahr 1990. Hier lebten 60 % der städtischen Bevölkerung. Im Durchschnitt entfielen im Gebiet lediglich sieben ← 240 | 241 → Personen auf 100 ha. Die erste Einwohnergeneration war jung, das Durchschnittsalter betrug ca. dreißig Jahre. Im Jahr 1950 überwogen Slawen: Russen machten 77,6 % der Gesamtbevölkerung aus, Weißrussen 8,4 %, Ukrainer 5,8 %, Litauer 3,5 %, Vertreter anderer Völker der UdSSR 3,7 % (hauptsächlich Mordwinen, Mari und Tschuwaschen). Die planmäßige Umsiedlung in das Gebiet dauerte bis Mitte der fünfziger Jahre, war aber nicht mehr von der bisherigen Intensität. Seit 1956 wurden die vakanten Arbeitsplätze im Wege der üblichen Arbeitskraftauswahl neu besetzt. Die Oblast besitzt nach wie vor die größte Militärdichte je km2 und auf die Gesamtbevölkerungszahl gerechnet124.

Bis vor kurzem herrschte in der sowjetischen (russischen) Geschichtsschreibung die Ansicht vor, die Ansiedlung der sowjetischen Bevölkerung habe auf Freiwilligkeit beruht. Widerlegt wird dies durch die Forschungen von Jurij W. Kostjaschow125. Ehe sich die Neusiedler in der Oblast niederließen, wurden sie von Anwerbern und örtlichen Behörden unter Druck gesetzt, auf ihre Loyalität hin „durchgesiebt“ und entsprechend auf die Reise vorbereitet. Mit Sonderzügen legten sie einen langen und nicht selten beschwerlichen Weg zurück, um schließlich am nicht immer ersehnten Ziel anzukommen. Die erste Zeit ihres Aufenthalts steckte voller überraschender Situationen und Erlebnisse.

Gegen Ende August 1946 begann eine breit angelegte Vorbereitung auf die planmäßige Umsiedlung in den ländlichen Raum der Oblast. Die Behörden legten Anwerbungsregionen fest und erstellten Anwerbungspläne für die einzelnen Gebiete. Anwerber des Umsiedlungsdienstes begaben sich in hunderte Ortschaften. In den Zeitungen erschienen erste Berichte über das Leben der neuen Bewohner des Kaliningrader Gebiets. Sie forderten, wie auch die eigens geschalteten ermunternden Aufrufe, zur Reise in „unsere Gebiete“ auf. Neben den offiziellen brachen auch „selbständige“ Anwerber auf, die von Kaliningrader Industriebetrieben losgeschickt wurden.

In dem von Jurij W. Kostjaschow zusammengetragenen Band mit Erinnerungen von Siedlern des Kaliningrader Gebiets Przesiedleńcy opowiadają. Pierwsze lata Obwodu Kalingradzkiego we wspomnieniach i dokumentach [Umsiedler berichten. Die ersten Jahre der Kaliningrader Oblast in Erinnerungen und Dokumenten] (Olsztyn 2000) finden wir den folgenden Bericht: „Nach dem Krieg wohnte ich mit meiner Schwester in Grodno. Eines Tages sah ich auf dem Heimweg eine Bekanntmachung. Darin hieß es, dass Arbeiter und Angestellte für die Kaliningrader Schiffbauanstalt gesucht würden. Ich sprach mit der Schwester darüber, ← 241 | 242 → und wir beschlossen, nach Kaliningrad zu gehen. Die Anwerbung fand in einem Verwaltungsgebäude statt. Als wir hineingingen, begegneten wir drei Werbern auf einmal. Sie redeten durcheinander auf uns ein, wir sollten nach einem neuen Ort aufbrechen: der eine schlug eine Grube im Kusnezker Becken vor, der andere eine Werft in Kaliningrad“(S. 27).

Um die Einwanderung Kaliningrader Gebiet attraktiv zu machen, schufen die Behörden ein System vielfältiger Anreize und Vergünstigungen, die sie, wie sich später herausstellte, nicht immer erfüllten. Dazu zählten unter anderem: kostenlose Reise, Transport von Besitz und Vieh (bis zu 2 Tonnen pro Familie, Erstattung der Umzugskosten mit 1 000 Rubel pro Familienoberhaupt und 300 Rubel für jeden unterhaltspflichtigen Familienangehörigen, ein Haus auf dem Lande, das unentgeltlich übergeben werden sollte, eine Kuh oder einen Zuschuss für deren Erwerb in Höhe von 3 000 Rubel). Unabhängig davon wurden den Siedlern Steuerrückstände getilgt und drei Jahre lang Steuern und Pflichtablieferungen an den Staat erlassen. Im Gegensatz zu den Bauern im Ermland, in Masuren oder dem Memelland bekamen die ländlichen Siedler im Kaliningrader Gebiet 1945-1947 keinen Landbesitz, sondern wurden Kolchosen- oder Sowchosenarbeiter. Aus Sicht der Behörden war dies eine äußerst günstige Situation, da es nach der Aussiedlung der Deutschen keine Probleme mit der Kollektivierung gab, weil alles Ackerland der Oblast staatliches (Kolchosen- oder Sowchosen-) Eigentum war. Die Rechtsgrundlage dafür lieferte ein Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über die Nationalisierung des Bodens, der Banken, der Industrie- und Kommunalunternehmen, des Bahn- und Wassertransports sowie der Verkehrsmittel im Königsberger Gebiet“ vom 21. Juni 1946. Unter Punkt 1 dieses Erlasses lesen wir: „Es wird beschlossen, dass der gesamte Boden mit Hinterlassenschaften, Wäldern und Gewässern im Königsberger Gebiet zum 9. April 1945 in das Eigentum des Staates, das heißt des gesamten Volkes, übergeht“126.

Wegen der Grenznähe und militärischen Bedeutung des Kaliningrader Gebiets, das Sperrbezirk war, standen potentielle Umsiedler unter besonderer Beobachtung durch die Sicherheitsbehörden, um „antisowjetische Elemente“ zu eliminieren und der Verbreitung von falschen Gerüchten oder Panik vorzubeugen. Ein potentieller Siedler konnte vor Reiseantritt einen „Pass“ (Personalausweis) beantragen, denn ohne dieses Dokument durfte er sich innerhalb seines eigenen Landes nicht frei bewegen: er war ein an seinen Wohnsitz gebundener „Kolchosbauer“. Die Erlaubnis zur Niederlassung im Kaliningrader Gebiet bot besonders jungen Menschen die Möglichkeit, der schweren und oft nicht hinnehmbaren ländlichen Realität des Kolchosenlebens zu entkommen. Also griff man oft zu verschiedenen Mitteln, das Recht zu umgehen, beispielsweise durch fingierte Eheschließung. ← 242 | 243 → Kennzeichnend war für viele Umsiedler auch der fehlende Glaube an eine Stabilisierung ihrer Existenz, das Gefühl eines vorläufigen Aufenthalts in den neuen Landen. „Hätte es schlecht ausgesehen, wären wir zurückgekehrt. Laut den Anwerbungsauflagen wurde man für drei Jahre verpflichtet. Wir hatten nicht vor, länger hier zu leben, weil es ja keine Heimat ist“ – so eine typische Aussage aus dieser Zeit127.

Unter den neuen Bewohnern der Oblast gab es auch so genannte „berufsmäßige Umsiedler“, die hierher kamen, um von den Vergünstigungen zu profitieren, dann den erhaltenen Besitz veräußerten und woanders hingingen, um neue Sachwerte zu bekommen.

Eine weitere Gruppe stellten Umsiedler, die als „zufällig“ oder „unorganisiert“ bezeichnet werden können. Viele Familien und Alleinstehende fanden Mittel und Wege, in das geheime und unzugängliche Gebiet hinein zu gelangen und sich hier niederzulassen. Dieses Vorgehen war beliebt bei den Einwohnern Litauens und Weißrusslands und jahrelang ein wesentlicher Umsiedlungsfaktor. In diese Kategorie fielen auch die „Zugesiedelten“, die unter den übrigen Siedlern eine so genannte „gemischte Gruppe“ bildeten. Es handelte sich um Verwandte von Siedlern, die bereits im Kaliningrader Gebiet wohnten, oder um Personen, die von der Familie oder Bekannten eingeladen worden waren, die ihnen vor oder auch nach der Ankunft entsprechende Aufenthaltsgenehmigungen verschafften. In dieser Gruppe fanden sich auch ehemalige Häftlinge sowie Familienangehörige politisch Verfolgter.

Die Zentralbehörden gaben den einzelnen Regionen der RSFSR ein „Plankontingent“ an Umsiedlern vor. Ließ es sich nicht auf freiwilligem Wege erreichen, wurde zu mancherlei Druck und Zwang gegriffen. Dazu kam es beispielsweise in der Region Woronesch. Hier bediente man sich der zu Sowjetzeiten bewährten „Methode des freiwilligen Zwangs“. Die lokalen Behörden oder die Kolchosenleitung wählten Umsiedlungskandidaten aus, denen diese Entscheidung anschließend eröffnet wurde. Waren sie mit der Ausreise ins Kaliningrader Gebiet nicht einverstanden, wurde ihnen eine gerichtliche Verurteilung oder eine „Geldstrafe bis zu 2 000 Rubel“ angedroht. In Extremfällen wurden die am wenigsten prosperierenden Kolchosen administrativ aufgelöst und alle Mitarbeiter zur Umsiedlung gezwungen128.

Unter derlei Umständen war es keine Siedlungsaktion, sondern Deportationen. Für die Dorfbewohner begann die Umsiedlung bereits an ihrer Haustür. Die Kolchosbauern wurden mit Lastwagen zu regionalen Sammelpunkten gebracht; dort wurden die Transporte zusammengestellt, die anschließend mit Sonderzügen befördert wurden. Nach Erledigung aller Formalitäten erhielten die Umsiedler ← 243 | 244 → Umsiedlerausweise. Mit diesen durften sie in die Oblast einreisen und einen finanziellen Zuschuss erhalten. Hier eine typische Schilderung der Vorgänge: „Bei jedem Haus fuhren Militärfahrzeuge vor. Dann wurde die Habe aufgeladen und zur Bahnstation gefahren. Auf jeden Wagen passten drei, vier Familien. Kühe wurden auch auf die Autos geladen“129.

Die Reise dauerte lange, meist zwei, drei Wochen, aber auch länger. Ein typischer Zug, wie Nr. 109 vom Anfang Januar 1950, der in Woronesch losfuhr, setzte sich aus 71 Waggons zusammen; darunter waren 31 „Personenwagen“, 9 Güterwagen mit dem persönlichen Besitz der Umsiedler und 28 Wagen mit Vieh und Geflügel. Außerdem gab es drei Sonderwaggons: einen Kinderwaggon, einen Dienstwaggon (für Wachleute und den Transportleiter) und einen „Isolierwaggon“. Ein Teil der Umsiedler flüchtete aus den Transporten und kehrte gewöhnlich in die frühere Wohngegend zurück130.

Dem polnischen Staatlichen Repatriierungsamt entsprach im Kaliningrader Gebiet eine am 3. Juli 1946 eigens gegründete Abteilung für die Organisation der Ansiedlung (Kaliningradskij oblastnoj pereselentscheskij otdel). Auf Anordnung Nr. 299 der Gebietsleitung entstand am 1. August 1946 eine „Gebietskommission zur Lenkung von Aufnahme, Zuteilung und Einrichtung“ (Oblastnaja komissija po rukowodstwi prijomom, rasselenijam i ustrojstwom) der eingetroffenen Umsiedler. Die Mitarbeiter dieser Kommission richteten ihre Büros in jedem Rajon der Militärsonderzone ein, die das Kaliningrader Gebiet ja war. Sie fungierten als Etappenpunkte (Lager) für die Siedler (prijomnyje punkty), teilten Unterkünfte zu usw.131

Nach ihrem Eintreffen in der Oblast war unter den Umsiedlern das Gefühl einer doppelten Entfremdung vorherrschend. Nicht nur weil es eine bislang unbekannte Region war, sondern auch weil sie zu einem fremden Staat gehörte, der ja bis vor kurzem als Todfeind galt. Alles war unbekannt, feindlich und fremd: die Bebauung ebenso wie das Ausmaß der Kriegszerstörungen. Die dagebliebenen Deutschen wiesen diese Landstriche als „Beute“ aus. Nicht nur Klima und Land ← 244 | 245 → bestellung waren anders, sondern auch das Aussehen der Orte und der militärische Charakter der Grenzregion. Hier ein typischer Bericht über den ersten Kontakt mit Ostpreußen: „Wir kamen in Königsberg an einem bewölkten, nassen und trüben Regentag an, dem 17. Januar 1947. (…) Nach einer Zeit ging ich auf die Straße hinaus. Rechts und links nur Schlamm und vorn Ruinen. Ich kam zur erhaltenen Brücke in der heutigen Kijowska-Straße. Ringsherum Stille und Trümmerhaufen. Links der Bahngleise hunderte deutsche Lokomotiven. Von der Brücke aus schaue ich Richtung Stadt: keine Promenade, kein Auto, kein Mensch weit und breit, nur Trümmer. So leer!“ – so beschrieb A. J. Malgnow seine Ankunft im zerbombten Königsberg132.

Die neue Realität wirkte auf die Kolchosbauern wie ein Kulturschock: „In Russland wohnten wir in Holzhütten“, sagt Anatoli S. Koramejew, „und hier war es, als wären wir im Märchenland angekommen: Parkettböden, Kachelöfen, bunt gestrichene Wände. Wandfarben waren damals bei uns eine Seltenheit. In Russland hatte ich bis dahin keine gesehen“133.

Viele der Neuankömmlinge berührten die Asphaltdecke mit Händen, so etwas hatten sie noch nie gesehen. In den Dörfern und Siedlungen bezog man gemauerte Häuser mit ungewöhnlicher Raumaufteilung, hie und da hatten sich schöne Möbel, Standuhren mit Stundenschlag usw. erhalten.

Die Lebensverhältnisse waren wie in anderen kriegszerstörten Gebieten schwer. 1946 herrschte in vielen Regionen der UdSSR wegen lang anhaltender Dürre Hungersnot, die bis ins nächste Jahr anhielt. Das wichtigste Problem nach der Ankunft in der Oblast war die Versorgung mit Lebensmitteln und Heizmaterial. In Kaliningrad und anderen Städten schritt (wie in Klaipėda in den ersten Jahren) die Verländlichung voran. Die Behörden erlaubten bis 1947 Viehhaltung in den Städten.

So wird die Haltung von Kühen in der Stadt von einer Neubürgerin Königsbergs beschrieben: „Alle haben sich Kühe zugelegt. Auch Frauen von Angestellten in wichtigen Positionen. Es waren Kühe besonderer Art: Milchkühe. Die Frauen handelten mit Milch. Die Kühe marschierten wie dressiert treppauf, treppab und hinterließen in der ganzen Stadt ihre ‚Visitenkarten‘. Morgens und abends zogen die Herden durch die Straßen. Sie wurden auf Ödland geweidet. Zur Nacht trieb man sie in Stockwerke, Keller und Garagen“134.

Zum Weiden und Pflegen der Kühe wurden eigens Kuhhirten eingestellt. In den Wohnungen wurden auch Ferkel, Kaninchen, Geflügel u.ä. gehalten. Hausgärten wurden bestellt. Fehlte Heizmaterial, wurden oftmals Türen, Fenster, Möbel aus leerstehenden Häusern verfeuert. Im damals noch sauberen Pregel sowie ← 245 | 246 → in zahlreichen Teichen und Seen wurde allgemein gefischt. In der Regel bediente man sich dazu des Sprengstoffs. Wilderei, Schwarzbrennerei und Plünderungen waren an der Tagesordnung, der Schwarzmarkt florierte. Nicht nur die Deutschen litten Hunger. Auch die Umsiedler hatten es schwer, besonders im schneereichen, frostigen und lang anhaltenden Winter 1946-1947. Die Lebensmittelrationen wurden damals gekürzt, zum Beispiel die Brotzuteilung um 30 %. Um sich vor der Hungersnot zu retten, aß man Hunde, Katzen, Pferde und verendetes Vieh sowie verfrorene Kartoffeln.

Hier Erinnerungen an die damaligen schwierigen Jahre: „Es herrschte schrecklicher Hunger. Wir teilten Essensreste untereinander. Meine Eltern, die Frolowows, hatten eine riesige Familie. Einen Jungen aus ihrer Familie habe ich zur Erziehung zu mir genommen um ihnen das Leben irgendwie zu erleichtern. In den ersten Jahren sind den Frolowows zwei Kinder weggestorben“135.

Der Untergang der früheren ostpreußischen Welt vollzog sich in den ersten Nachkriegsjahren sehr schnell. Viele Umsiedler waren den Schwierigkeiten nicht gewachsen und entschlossen sich, die Oblast zu verlassen. Es kam (wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts während der „Stolypinschen Umsiedlungen“ im zaristischen Russland) zum so genannten Obratmijalstwo, d.h. der Rückkehr in die Heimat. Eine große Zahl an Kolchos- und Sowchosbauern zog vom Land in die Städte, wo sie meistens in Industriebetrieben und im Transportwesen Arbeit fanden. Zwischen 1946 und 1951 zogen etwa 18 % der Umsiedler aus dem ländlichen Raum fort, von denen nur die Hälfte an den früheren Wohnort zurückkehrte. Ab 1950 flaute die Rückkehrbewegung aus der Oblast ab und die Zahl der ländlichen Bevölkerung stabilisierte sich auf einem Niveau von 180 000-190 000 Personen136. Dieser Sachverhalt wird in Tabelle 17 veranschaulicht.

Tabelle 17     Abwanderung der Bewohner des Kaliningrader Gebiets in den Jahren 1947-1950 nach der territorialen Herkunft der Umsiedler (in Tsd.)

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Quelle: T. Baryła, Wstęp, in: Przesiedleńcy opowiadają. Pierwsze lata Obwodu Kaliningradzkiego we wspomnieniach i dokumentach, red. J.W. Kostjaszow, Olsztyn 2000, S. 20.

Betrachtet man die Rückwanderung der Umsiedler vor dem Hintergrund ihrer ursprünglichen Herkunftsgebiete, so fällt auf, dass an ihre früheren Wohnsitze zurückkehrten: 72 % der Siedler aus der UdSSR ohne Angabe der jeweiligen Sowjetrepublik, nach Lettland 65,6 %, nach Estland 49,5 %, in die übrigen Sowjetrepubliken 48,6 %, nach Litauen 41,0 %, in die Ukraine 40,0 %, ins Ausland 33,4 %, in die RSFSR 31,3 % und nach Weißrussland 21,5 %137.

Ab Frühjahr 1947 verbesserten und stabilisierten sich Versorgungslage und Lebensbedingungen der neuen Einwohner nach und nach. Um die Versorgung zu verbessern, schickten Betriebe einzelne Mitarbeiter mit betriebseigenen Lastkraftwagen nach Litauen zum Lebensmittelankauf. Auch einzelne Umsiedler unternahmen „Lebensmittelfahrten“ ins Nachbarland (Sowjetrepublik).

Ein wichtiger Einschnitt für die Oblast-Bewohner und die gesamte Sowjetunion war die Abschaffung der Lebensmittelkarten am 4. Dezember 1947. Von da an konnten die Einwohner Lebensmittel wie Brot ohne Einschränkungen kaufen. Mit der Abschaffung der Karten verbesserte sich die Versorgungslage und begann der Aufbau des staatlichen Handelsnetzes. Schlechter wurde dagegen die Lage auf dem Land. Es wurde an die Dorfläden kein Brot mehr geliefert, das man sich nun in den Städten besorgte. Dieser Zustand herrschte bis 1950. Nach Ansicht vieler begannen die Menschen ab 1953 normal zu leben. Damals stiegen die Gehälter und infolgedessen die Kaufkraft bei einem relativen Marktgleichgewicht138.

Im Laufe der Jahre wurden weitere Betriebe gegründet, die intensivere Enttrümmerung eingeleitet und mit der planmäßigen Aussaat in den Kolchosen und Sowchosen begonnen.

Der eigentümliche Charakter des Königsberger/Kaliningrader Gebiets, dieser westlichsten „russischen Region“, resultierte daraus, dass es ein Sperrbezirk war, für den besondere Einreisebestimmungen galten. Eine Anordnung des Leiters der Verwaltung für Zivilangelegenheiten des Königsberger Gebiets vom 12. Juli 1946 ← 247 | 248 → enthielt den Hinweis: „Die Einreise der Bürger in die Stadt Kaliningrad und die Oblast erfolgt nur aufgrund von Passierscheinen der Miliz, die den Bürgern an ihrem Wohnsitz ausgestellt werden, und die Einreise der Ehefrauen und Kinder von Generälen, Admirälen und Offizieren, die sich an den Dienstort des Familienoberhauptes begeben, aufgrund der durch den Divisions- oder einen ranghöheren Befehlshaber ausgestellten Genehmigungen. Personen, die ohne Passierscheine eingetroffen sind, dürfen nicht angemeldet werden und sind auszuweisen“139.

Alle Bewohner des Kaliningrader Gebiets hatten Personalausweise, was in der UdSSR keineswegs die Regel, hier aber wegen des Sperrbezirks unumgänglich war. Ohne Personalausweis (russ. Passport) durfte formell niemand einreisen. Bis Mitte der fünfziger Jahre enthielten die Personalausweise einen eigenen rechteckigen Stempel mit einer großen Ziffer „2“ und daneben dem Vermerk „verbotene Zone“ („Nr. 2 Sapretnaja Zona“). Manche bekamen den Stempel mit der Ziffer „1“, der zum Betreten der als besonders geheim eingestuften Rajons, hauptsächlich in der Nähe des Kriegsflottenstützpunkts Baltijsk oder im Grenzgebiet, berechtigte. Ohne einen besonderen Ausweis durfte man Städte wie Swetlogorsk und Selenogradsk an der Ostsee oder Bagriatonowsk und Mamonowo nahe der polnischen Grenze nicht besuchen. Jene, die im Personalausweis den Stempel „Nr. 1 und 2“ hatten, durften in die Oblast frei einreisen und sie wieder verlassen.

Die ersten Schulen und Kultureinrichtungen im Kaliningrader Gebiet errichtete man nach dem Grundsatz der Schaffung einer „neuen Welt“. Dieses Prinzip sah vor, die sowjetische Realität auf den Trümmern und in Negation der deutschen Vergangenheit zu erbauen. Im Jahr 1947 eröffnete man neben den zuvor bestehenden Grundschulen Lehreranstalten in Kaliningrad und Tschernjachowsk. Das Kaliningrader Pädagogische Institut mit zwei Fakultäten, der physikalisch-mathematischen (50 Studierende) und der historisch-philosophischen (für 100 Hörer), wurde 1948 eröffnet.140

Der massenhafte Zustrom neuer Bewohner in das Kaliningrader Gebiet leitete ähnlich wie im Ermland, in Masuren und dem Memelland den gesellschaftlichen Anpassungs- und Stabilisierungsprozess ein. Dadurch wurde es notwendig, sich an die neuen schwierigen Lebensbedingungen anzupassen und an den geographischen und materiellen Raum zu gewöhnen. In einzelnen Städten und Ortschaften der Region kam es nicht nur zum Zusammenprall der Kulturen, die durch die alten und neuen Einwohner repräsentiert wurden, sondern auch zu einer Konfrontation der Kulturmuster, die einzelne nationale und regionale Gruppen der „Sowjetmenschen“ mitgebracht hatten. Die Behörden waren bestrebt, eine gewisse kulturelle Kontinuität innerhalb der jeweiligen Bevölkerungsgruppen zu bewahren, indem die Umsiedler aus einer bestimmten Region der UdSSR in einem Ort oder ei ← 248 | 249 → ner Region Ostpreußens angesiedelt wurden. Dies galt insbesondere für ländliche bzw. Fischersiedlungen (Fischereikolchosen). Anders verliefen diese Prozesse in Kaliningrad, wo zwei Drittel der gesamten Industrieproduktion der Region konzentriert wurden. Die im Entstehen begriffene städtische Bevölkerung setzte sich aus Vertretern verschiedener Regionen der Sowjetunion zusammen. Im Gegensatz zu den Kolchosen, in denen Gruppen ländlicher Siedler aus einer bestimmten Region dominierten, war dieses Phänomen in den Städten nicht zu beobachten. Dort hatten wir es mit einem einzigartigen Mosaik von Nationalitäten und Kulturen zu tun.

Ende 1947 arbeiteten in den Kolchosen 16 250 Umsiedler, die in den 489 bis 1950 gegründet en Kolchosen beschäftigt waren. In einigen von ihnen bildeten die Neusiedler kohärente Gruppen, da sie aus den gleichen Herkunftsorten stammten. So verhielt es sich zum Beispiel im Falle von 395 Familien, die 1946-1947 aus der Tschuwaschischen ASSR umgesiedelt worden waren und sich im Rajon Polessk (Labiau) in acht neu errichteten Kolchosen niederließen („Lenin“, „Tschaapajew“, „Iskra“, „Krasnyj Oktjabr“, „Nowaja derewnia“, „Krasnoje snamia“, „Kalinin“ und „Put’ k komunismu“). Im Jahr 1946 wurden Siedler aus der Gegend um Brjansk im Rajon Gussew (Gumbinnen) angesiedelt. Einwohner aus Welikije Luki, Nowogrod und Pskow ließen sich in Osjorsk (Darkehmen) nieder, solche aus Woronesch in Dobrowolsk (Pillkallen), aus Kalinin, Kaluga und Kuibyschew in Mamonowo (Heiligenbeil), aus Kursk in Tschernjachowsk (Insterburg), aus Kirow in Nesterow (Stallupönen), aus Moskau in der Gegend von Kaliningrad, aus Pensa in Neman (Ragnit), aus Rjasan und Tambow in Slawskoje (Kreuzburg). Einwohner aus Wladimir, Gorkow, Jaroslaw wurden im Rajon Samland angesiedelt. Siedler aus der Mordwinischen ASSR wurden in Polessk (Labiau) sesshaft, solche aus der ASSR der Mari in der Gegend von Kaliningrad. Umsiedler aus Weißrussland wurden in zwei geschlossenen Gruppen angesiedelt: im Rajon Prawdinsk (Friedland) fast 150 Personen, im Rajon Gwardeisk ca. 1 000 Personen141. Zur gesellschaftlichen Stabilisierung beitragen sollte auch die Vergabe von vertraut klingenden Ortsnamen. Gegen Jahresende 1947 waren in der Oblast insgesamt 79 123 Arbeiter und Beamte aus verschiedenen Bereichen der Wirtschaft und Verwaltung beschäftigt. Die größten Gruppen arbeiteten in der Zellulosen- und Papierindustrie (9 704 Personen), der Holzindustrie (5 468), der Fleisch- und Milchindustrie (6 151), der Fischindustrie (3 149), im Handel (3 304), im Gesundheitswesen (3 036) und in der Bildung (3 304)142.

Jeder Neueinwohner Ostpreußens kam mit der deutschen Bevölkerung (bis 1949) in Kontakt und war mit dem fremden kulturellen Erbe konfrontiert. Das Verhältnis zwischen den neuen und alten Bewohnern war unmittelbar nach der ← 249 | 250 → Beendigung der Kriegshandlungen auf beiden Seiten durch Feindseligkeit und Angst geprägt. Allmählich wurden die Russen zur dominierenden Gruppe. Im Laufe der Zeit fiel ihre Einstellung zur deutschen Bevölkerung differenzierter aus. Nach wie vor überwogen Feindseligkeit und Abneigung gegen alles „Faschistische“ bzw. „Deutsche“. Mit der Zeit wurden aber, besonders in den Betrieben, Anzeichen einer sozialen Solidarität sichtbar. Die katastrophale Versorgungslage, Elend und Hungersnot riefen einerseits Rachegelüste gegenüber den ungeliebten Gegnern hervor, nährten jedoch andererseits das Mitgefühl und das Bewusstsein einer Schicksalsgemeinschaft in der Not. In dieser Zeit kam es sowohl zu Verfolgungs- oder Vergeltungsakten für erlittenes Leid und zur offenen Diskriminierung der Besiegten, die nach dem Grundsatz der kollektiven Verantwortung als Kriegsverbrecher und Straftäter gebrandmarkt wurden, als auch zur gegensätzlichen Einstellung, die Verständnis, gar Freundschaft oder Liebe zuließ. Das ganze Spektrum an Verhaltensweisen wird durch die Erinnerungen sowohl der Russen als auch der Deutschen dokumentiert143. Hier ein Bericht aus dem Jahr 1945: „Sie waren deswegen in so düsterer Stimmung, weil sie mit diversem Unfug vollgestopft wurden. Die Goebbelssche Propaganda verkündete ja, dass der russische Iwan sie niedermetzeln, aufhängen, töten würde. Also fürchteten sie sich, aber später, nachdem sie gesehen hatten, dass das Verhältnis ihnen gegenüber loyal, normal, menschlich war, wurden sie ruhiger. Unsere Leute verstehen doch, dass die Deutschen auch Menschen sind, es waren ja vor allem Kinder, Frauen, Greise“144.

Zahlreich waren indes die Fälle offener Feindschaft: „Die Militärs verkehrten überhaupt nicht mit Deutschen. Im Gegenteil: viele verspürten Hass auf sie. Mehrmals bemerkte ich, dass nachts in den Gewehrpyramiden ein oder zwei Automaten fehlten. Morgens wurde uns mitgeteilt, es sei eine deutsche Familie erschossen oder ein Deutscher umgebracht worden. Ich bin überzeugt, dass es Rache war, Rache für getötete Brüder, Mütter, für unsere geraubte Erde. In Gesprächen untereinander gaben die Soldaten nämlich zu, ‚für den Vater, der Partisan war, für die erhängte Mutter hab’ ich abgerechnet‘. Alle hüteten das aber als ein großes Soldatengeheimnis, denn war ein Schuldiger oder Vergewaltiger gefasst worden, so erwartete ihn das Militärtribunal“145. ← 250 | 251 →

In den Erinnerungen sowjetischer Siedler haben sich keinerlei Berichte erhalten, die auf häufigere und scharfe Konflikte zwischen einzelnen Siedlergruppen hinweisen würden. Dies resultiert weitgehend aus dem Wesen des stalinistischen totalitären Systems, in dem die Mehrheit der Bevölkerung des Eigentums beraubt und der totalen Überwachung sowie vielfältigen Repressalien ausgesetzt war. Potentielle Konflikte der Nationalität oder des Eigentums wegen, die beispielsweise im Ermland und in Masuren lange Zeit zum Alltag gehörten, erstickten die sowjetischen Sicherheitsdienste im Keim. Die herrschende Angst und Furcht vor Verhaftung und Deportierung erzwangen Unterwürfigkeit und Gehorsam gegenüber den Behörden. Artikulierung und Durchsetzung eigener Gruppeninteressen wurden durch die Furcht vor Repressalien des allmächtigen Staates gehemmt.

In den Jahren 1945-1949 vollzog sich in Ostpreußen ein massenhafter Bevölkerungsaustausch. Infolge der Migration bildete sich im Kaliningrader Gebiet allmählich eine neue sowjetische Postmigrationsgesellschaft heraus. Russische Forscher bezeichnen diesen Prozess als einzigartiges „Kaliningrader Phänomen“, als Formung von Bewohnern einer neuen russischen Region an der Ostsee, losgelöst von der Heimat ihrer Vorfahren und in einer fremden Umwelt146. ← 251 | 252 →


47    W. Galcow, Grundlegende Besonderheiten der Geschichte des Kaliningrader Gebietes, in: Annaberger Annalen 1999, Nr. 7, S. 31.

48    T. Baryła, Wstęp in: Przesiedleńcy opowiadają. Pierwsze lata Kaliningrader Gebiet we wspomnieniach i dokumentach, pod red. J. W. Kostjaschowa, wyd. polskie przygotował T. Baryła, Olsztyn 2000, S. 15.

49    I. M. Rega, Die sowjetische Neubesiedlung des nördlichen Ostpreußens bis 1950 am Beispiel von vier Landkreisen, Siegen 2002, S. 14.

50    V. Frobarth, Das Königsberger Gebiet in der Politik der Sowjetunion 1945-1990. Mit einer analytischen Betrachtung des Kaliningrader Gebiets in der Politik Russlands 1991-2000, Berlin 2001, S. 100.

51    G. Goring, Das nördliche Ostpreußen gestern und heute. Eine historische und rechtliche Betrachtung, Bonn 1996, S. 127.

52    T. Baryła, Wstęp in: Przesiedleńcy…, S. 16, nennt den 25. Juli 1947, V. Frobarth hingegen den 21. Juli 1947. Vgl. V. Frobarth, Das Königsberger…, S. 270-275.

53    I. M. Rega, Die sowjetische Neubesiedlung…, S. 22.

54    W. Galcow, Obwód Kaliningradzki w latach 1945-1991. Społeczeństwo, gospodarka, kultura, in: Komunikaty Mazursko-Warmińskie 1996, Nr. 2, S. 211.

55    T. Baryła, Wstęp do: Przesiedleńcy opowiadają…, S. 17.

56    V. Frobarth, Das Königsberger…, S. 113.

57    Der Wortlaut der Verordnung vgl. Przesiedleńcy opowiadają. Pierwsze lata Obwodu Kaliningradzkiego we wspomnieniach i dokumentach, pod red. J. W. Kostjaschowa, wyd. polskie przygotował T. Baryła, Olsztyn 2000, S. 267-273.

58    Sachalin ist eine 76,4 km² große Insel vor der Pazifikküste Russlands; die Insel ist Gegenstand eines Streits zwischen Japan und Russland. 1875 nahm Russland die Insel in Besitz. Bis 1904 war sie eine Strafkolonie. Nach dem russisch-japanischen Krieg 1905 fiel der südliche Teil der Insel an Japan. 1909 wurde die Oblast Sachalin mit der Hauptstadt Alexandrowsk gegründet. Während der bolschewistischen Revolution wurde Sachalin durch Weißgardisten eingenommen. Bis 1925 blieb die Insel unter japanischer Verwaltung. 1945 wurde der südliche Teil der Insel durch die Rote Armee erobert. Auf den Konferenzen in Jalta und Potsdam wurde vereinbart, dass die ganze Insel nach dem Krieg zur UdSSR gehören sollte. Im Norden der Insel liegen Erdgas-, Steinkohle- und Erdölvorkommen.

59    Die Kurilen sind eine Inselkette im Pazifik zwischen der japanischen Insel Hokkaido und der Halbinsel Kamtschatka. Der Archipel zählt über 30 größere und kleinere Inseln. Die Gesamtfläche beträgt 15 600 km2. Der südliche Teil des Archipels ist bis heute Gegenstand eines Streits zwischen Russland und Japan. Japan übt die Oberhochheit über die Kurilen seit 360 Jahren aus. Aufgrund des Vertrages zwischen Russland und Japan von 1855 fielen alle Inseln nördlich der Insel Ilturup an Russland. 1875 überließ Russland Japan die Kurilen, im Gegenzug wurde Sachalin vollständig an Russland abgetreten. 1945 nahm die Sowjetunion die gesamte Inselkette ein. 2004 erklärte der russische Außenminister Sergej Lawrow die Bereitschaft Russlands, zwei umstrittene Inseln an Japan zurückzugeben. Japan ging auf dieses Angebot nicht ein und forderte seinerseits vier strittige Inseln (Etorofu, Kunashirir, Shikotan und Habomai) zurück. Die Kurilen sind die größte Belastung im russisch-japanischen Verhältnis.

60    Kraft des Hitler-Stalin-Paktes sollte Finnland unter die Einflusssphäre der Sowjetunion kommen. Durch den Überfall der Sowjets auf Finnland und den Winterkrieg 1940 schloss Finnland ein Bündnis mit dem Dritten Reich. Letztendlich verlor Finnland im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs einen Teil seines Gebiets. Die Karelische Landenge und das Gebiet Petsamo wurden in die Sowjetunion eingegliedert. Sie liegen an der Barentssee (an einem Fjord der Barentssee). 2002 lebten in Petschenga 2 959 Einwohner.

61    Vgl. V. Frobarth, Das Königsberger….

62    W. Galcow, Obwód..., S. 204.

63    Ebenda, S. 203.

64    Das nördliche Ostpreußen nach 1945 – Deutsch-russisches und russisch-deutsches Ortsnamenverzeichnis mit einer Dokumentation der Demarkationslinie, bearb. von P. Wörster, in: Dokumentation Ostmitteleuropa. Wissenschaftlicher Dienst für Ostmitteleuropa. Neue Folge Jg. 6, Juni 1980, H. 2/2, S. 60. Vgl. auch. V. Frobarth, Das Königsberger…, S. 244.

65    W. Galcow, Obwód…, S. 203.

66    Vgl. Sprawka ob ismeneenijach administratiwno-territialnogo delenija Kaliningradskoj Oblasti, in: Fondy Gosudarstwennogo Archiwa Kaliningradskoj Oblasti. Kratkij sprawotschnik, Kaliningrad 1978, S. 83-100; Samaja Sapadnaja. Sbornik dokumentow i materialow o stanowlenii i raswitii Kaliningradskoj Oblasti, Bd. 1: (1946-1952), Kaliningrad 1980, S. 17; E. M. Kolganowa, I. Kolganow, Samaja Sapadnaja. Kratkij otscherk o Kaliningradskoj Oblasti, Kaliningrad 1959, S. 7; Kaliningradskaja Oblast. Istorija. Ekonomika. Kultura, red. K. F. Schtschekin, Kaliningrad 1978, S. 18-25; Ortsnamenverzeichnis der Ortschaften des Kaliningrader Gebiets und des Memellandes, bearb. von F. Barran, Zeer 1992; P. Wörster, Das nördliche Ostpreußen nach 1945. Verwaltung, Bevölkerung, Wirtschaft, in: Dokumentation Ostmitteleuropa Jg 5, 1979, H.1/2; V. Frobarth, Das Königsberger…, S. 244-258.

67    I. M. Rega, Die sowjetische…, S. 20.

68    W. Galcow, Obwód…, S. 203 f.

69    V. Frobarth, Das Königsberger…, S. 259-261.

70    Das nördliche Ostpreußen…, S. 5-11.

71    T. Baryła, Wstęp in: Przesiedleńcy…, S. 14; V. Frobarth, Das Königsberger…, S. 140.

72    Bährens, Deutsche in Straflagern und Gefängnissen der Sowjetunion, in: Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges, hrsg. von E. Maszke, München 1965, Bd. V/3, S. 181-197, dort auch weiterführende Literatur.

73    W. Stankowski, Obozy i inne miejsca odosobnienia dla niemieckiej ludności cywilnej w Polsce w latach 1945-1950, Bydgoszcz 2002, S. 101.

74    Vgl. Dokumentation der Vertreibung…, Bd. I/1, S. 84 E; W. Stankowski, Obozy…, S. 99.

75    Dokumentation der Vertreibung…, Bd. I/1, S. 84E.

76    W. Stankowski, Obozy.., S. 98 f.

77    Dokumentation der Vertreibung…, Bd. I/1, S. 87E.

78    J. W. Kostjaschow, Wyselenije Niemzow is Kalininingradskoj oblasti w poslewojennyje gody, in: Woprosy istorii 1994, Nr. 6, S. 186.

79    Ebenda, S. 187.

80    I. A. Gordejew, Kaliningradskaja oblast w 1945-1946 godach, in: Woprosy istorii 1995, Nr. 4, S. 173 f.

81    Ebenda.

82    V. Frobarth, Das Königsberger…, S. 286

83    Ebenda, S. 151

84    M. Linck, Königsberg 1945-1948, Leer 1959, S. 18 f.

85    Przesiedleńcy opowiadają…, S. 202.

Details

Seiten
1168
ISBN (PDF)
9783653032154
ISBN (ePUB)
9783653994940
ISBN (MOBI)
9783653994933
ISBN (Buch)
9783631788738
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (August)
Schlagworte
Kalingrader Gebiet/Russland Memelgebiet/Litauen Transformationsprozese nach 1989 Deutsches Kulturerbe
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2019. 1168 S., 150 s/w Abb., 74 Tab., 8 Graf.

Biographische Angaben

Andrzej Sakson (Autor)

Andrzej Sakson hat an der Adam Mickiewicz-Universität in Poznań studiert. Er ist Professor der Sozialwissenschaften an der Adam-Mickiewicz-Universität sowie am West-Institut in Poznań und Präsident der «Association for the Study of the World Refugee Problem». Seine Forschungsinteressen umfassen nationale und ethnische Minderheiten, polnisch-deutsche Beziehungen, Migrationsangelegenheiten, das Gebiet Kaliningrad sowie gesellschaftliche Veränderungen in den West- und Nordgebieten Polens.

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Titel: Von Memel bis Allenstein