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Arbeitsforschung und berufliches Lernen

von Georg Spöttl (Band-Herausgeber:in) Matthias Becker (Band-Herausgeber:in) Martin Fischer (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 297 Seiten

Zusammenfassung

Das Verhältnis von Berufsarbeit und beruflichem Lernen und Lehren ist in der Arbeitsforschung von besonderer Bedeutung und steht im Mittelpunkt dieses Bandes. Die Beiträge zeigen die Qualität und den Ertrag von vertiefenden Arbeitsanalysen in verschiedenen Bereichen und Disziplinen auf, mit denen eine Brücke zwischen empirisch vorzufindenden Arbeitsverhältnissen und dem beruflichen Lernen geschlagen wird. Die Erträge der Arbeitsforschung für das berufliche Lernen beschränken sich dabei nicht auf die Reproduktion gesellschaftlicher Praxis; sie tragen zur Aufklärung über Berufe bei und zeigen Potenziale zur Verbesserung der Berufsbildungspraxis auf. Mit dem Band werden die Diskussionen aus dem Forschungsworkshop Arbeitsbezogene Forschung und Erkenntnisse für die Kompetenzentwicklung vertieft und dokumentiert, der im Sommer 2013 an der Universität Bremen stattgefunden hat.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Volume
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Teil 1: Arbeitsforschung und Gestaltung der Berufsbildung
  • Auseinandersetzung mit arbeitsbezogener Forschung – Erkenntnisgewinn und Reichweite
  • 1 Einleitung
  • 2 Der neue Stellenwert der Berufsbildung
  • 3 Status der berufswissenschaftlichen Qualifikationsforschung und Optionen für deren Weiterentwicklung
  • 4 Berufswissenschaftliche Forschung als Disziplin
  • 4.1 Erschließung von Arbeit
  • 4.2 Arbeit als Bezugsgröße für Expertentum und Kompetenzentwicklung
  • 5 Reichweite berufswissenschaftlicher Forschung
  • 5.1 Methodendiskussion
  • 5.2 Verfahren und offene Fragen
  • 6 Resümee
  • Literatur
  • Entwurf eines Berufsfeld-Modells aus tätigkeitstheoretischer Perspektive
  • 1 Diskursive Hinführung zu Beruf und Berufsfeld
  • 2 Diskursextrakte und weiterführende Modellanforderungen
  • 3 Entwurf eines Berufsfeldmodells im Kontext eines methodologischen Begründungszusammenhangs
  • 3.1 Beschreibung des Berufsfeld-Modells in einer Gesamtschau
  • 3.2 Sinn-Modus Arbeits-Tätigkeit
  • 3.3 Gesellschaftlicher Bedeutungs-Modus Wertschöpfung
  • 3.4 Institutioneller Bedeutungs-Modus Wertsicherung
  • 4 Methodologische Schlussfolgerungen
  • Literatur
  • Arbeitssituationsanalyse und implizites Wissen bei entgrenzter subjektivierter Arbeit
  • 1 Die Welt der Arbeit im Epochenbruch
  • 2 Die Dialektik der Arbeit
  • 3 Die Typik der Arbeitssituationen als neuer interdisziplinärer Quasi-Gegenstand
  • 3.1 Die objektivierende Arbeitsforschung
  • 3.2 Die Subjektivierung der Arbeit – subjektivierendes Arbeitshandeln
  • 3.3 Die Krise der Arbeitsgestaltung
  • 4 Zur Theorie von Arbeit und Arbeitssituation
  • 5 Implizites Wissen nach Michael Polanyi
  • 5.1 Implizites Wissen als Changing Camp
  • 5.2 Implizites Wissen und Lerntypen
  • 5.3 Methoden zur Entdeckung des impliziten Wissens
  • 6 Schluss: Der subjektive Faktor im Epochenbruch als Herausforderung für eine neue Interdisziplinarität der Arbeitsforschung
  • Literatur
  • Von der Arbeitsanalyse zur Planung beruflicher Bildung
  • 1 Einleitung
  • 2 Das Seminar „Von der Arbeitsanalyse zur Planung beruflicher Bildung“
  • 3 Ergebnisse „forschenden Lernens“ in der berufspädagogischen universitären Lehre
  • 3.1 Der Ertrag von Arbeitsforschung in der universitären Lehre
  • 3.2 Erkenntnisse zu beruflicher Arbeit und Ausbildung
  • 4 Schlussfolgerungen zu den Problemen, Ergebnissen und Erkenntnissen aus Arbeitsanalyse und Entwicklung von Lernfeldern/Lernsituationen
  • Literatur
  • Teil 2: Methodologische Ansätze zum Erschließen von Hightech-Feldern
  • Methodologische Probleme vergleichender Bildungsforschung zu den Entstehungsbedingungen beruflicher Kompetenzen
  • 1 Einführende Überlegungen
  • 1.1 Kritische Anmerkungen zur „Verwissenschaftlichung“
  • 1.2 Empirie und Ethnomethodologie
  • 2 Bisherige Erfahrungen – Hypothesen
  • 2.1 Wissenschaftliche Begleittätigkeit als Erfahrungsbasis
  • Ad I („Schwarze Pumpe“)
  • Ad II („GAB“)
  • Ad III („Move Pro Europe“)
  • 2.2 Hypothesen zur internationalen Vergleichbarkeit von unterschiedlich hoch entwickelten Berufsbildungssystemen
  • Hypothese der durch Universalisierung ausgelösten Konvergenz
  • Hypothese der durch die Adaptation hervorgerufenen Divergenz
  • Hypothese der strukturellen Referenz zwischen Aufgaben und Kompetenzen
  • 3 „Einübung des Tatsachenblicks“
  • 3.1 Gestaltung von Bildungs- und Qualifizierungsprozessen
  • 3.1.1 Curriculum: Objektiver Bildungsgang
  • 3.1.2 Kompetenzentwicklung: Subjektiver Bildungsgang
  • 4 Neue methodologische Probleme
  • Literatur
  • Methodische Herausforderung bei der Analyse der Technologiediffusion in unterschiedlichen Branchenzusammenhängen
  • 1 Einleitung
  • 2 Hintergrund und Ziele der Forschungsarbeiten
  • 3 Methoden zur Untersuchung der Technologiediffusion in Aus- und Weiterbildung
  • 3.1 Qualitative Methoden zur berufswissenschaftlichen Untersuchung der Technologiediffusion
  • 3.2 Methodische Herausforderungen
  • 4 Ein exemplarischer Fall: AR/VR – Augmented und Virtual Reality
  • 4.1 Technologiebeschreibung
  • 4.2 Empirie: Datengrundlage
  • 4.3 Ergebnisse zu Qualifikationsanforderungen im Zusammenhang mit der Technologie
  • 4.4 Ergebnisse: Hypothesengenerierung
  • 4.5 Ergebnisse zum Innovationstransfer
  • 4.6 Ergebnisse bezüglich des methodischen Vorgehens
  • 5 Zusammenfassung
  • Literatur
  • Facharbeit im Offshore-Sektor: Methodische Herausforderungen bei der Identifizierung von Qualifikationsstrukturen an unzugänglichen Arbeitsplätzen
  • 1 Einleitung
  • 2 Berufswissenschaftliche Einordnung und Rahmenbedingungen für die Untersuchungen
  • 2.1 Forschungsstand der berufswissenschaftlichen Forschung
  • 2.2 Einordnung und Rahmenbedingungen für die Untersuchungen
  • 3 Methodisches Vorgehen und Schwierigkeiten bei der Umsetzung
  • 4 Kernarbeitsprozesse und Qualifizierungsansätze im Sektor
  • Aktuelle Entwicklungen im Offshore-Sektor
  • 5 Schlussfolgerungen
  • Literatur
  • Teil 3: Erkenntnisse aus arbeitsbezogenen Untersuchungen für die Gestaltung beruflicher Kompetenzentwicklung
  • Mit Arbeitsprozessanalysen zu Kompetenzmatrizen für die Berufsausbildung
  • 1 Zum Wert von Kompetenzbeschreibungen für die Berufsausbildung
  • 1.1 Problematik der Aussagekraft von Kompetenzbeschreibungen
  • 1.2 Was ist eine gute Kompetenzbeschreibung?
  • 1.3 Fragestellungen und Merkmale von Kompetenzbeschreibungen
  • 2 Berufswissenschaftlicher Ansatz zur empirischen Ermittlung von Kompetenzen
  • 2.1 Das Erhebungs- und Entwicklungskonzept
  • Phase 1: Benennen und Ergänzen von Beruflichen Aufgaben im Kernarbeitsprozess
  • Phase 2: Sammeln, Ordnen, Abgleichen, Diskutieren und Korrigieren
  • Phase 3: Korrigieren, Ergänzen und Präzisieren der Kompetenzbeschreibungen
  • 2.2 Anforderungen an die Umsetzung: Kompetenzanalysten
  • 3 Kompetenzmatrizen zur selbstgesteuerten Kompetenzerfassung
  • 3.1 Kompetenzmatrizen
  • 3.2 Kompetenzraster (Rubrics)
  • 3.3 Funktionen im Ausbildungsprozess
  • 4 Zum Beitrag arbeitsbezogener Forschung für berufspädagogische Zielsetzungen
  • Literatur
  • Herausforderungen für das Lernen in kollaborativen Diagnoseprozessen im Kfz- Service
  • 1 Einleitung
  • 2 Einordnung und Forschungsstand
  • 2.1 Einordnung des Vorhabens in die Kfz-Servicearbeit
  • 2.2 Lernen im Arbeitsprozess
  • 2.3 Fragestellungen
  • 3 Arbeitsprozessanalysen zur Identifizierung von Anforderungen an das Expertennetzwerk
  • 3.1 Erhebungsprozess
  • 3.2 Einsatz der Methode Arbeitsprozessanalyse
  • 4 Ergebnisse aus den Arbeitsprozessanalysen zur Gestaltung des Diagnosenetzwerkes
  • 4.1 Wer sind Kfz-Diagnoseexperten?
  • 4.2 Handeln der Diagnoseexperten im Arbeitsprozess
  • 4.3 Arbeitsmittel der Kfz-Diagnoseexpertinnen und -experten
  • 4.4 Diagnosefall als Beispiel des iterativen Diagnosevorgehens
  • 5 Umsetzung der iterativen Diagnosearbeit innerhalb des Expertennetzwerkes zum Lernen im Arbeitsprozess
  • 5.1 Gestaltung des Diagnosenetzwerkes auf Basis der Arbeitsprozessanalysen
  • 5.2 Aus der kollaborativen Diagnose resultierendes Lernen im Arbeitsprozess
  • 6 Fazit
  • Literatur
  • Identifikation problemlöseförderlicher Bedingungen für die kollaborative Kfz- Diagnose
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Problemlage
  • 1.2 Motivation
  • 1.3 Bedingungen beruflichen Handelns
  • 1.3.1 Diagnose in Kfz-Werkstätten
  • 1.3.2 Potenzial von Web 2.0-Technologien
  • 2 Fragestellungen und Methoden
  • 3 Ergebnisse
  • 3.1 Bedingungen der Diagnosearbeit
  • 3.2 Arbeitspraxis bei der Diagnose in Kfz-Werkstätten
  • 3.3 Lösungsansätze für eine kollaborative Diagnose
  • 4 Nutzung der Ergebnisse berufswissenschaftlicher Forschung für die Gestaltung kollaborativer Diagnosearbeit
  • 4.1 Gestaltung eines facharbeitsgerechten kollaborativen Diagnosesystems
  • 4.2 Kollaborative Problemlösung
  • 5 Fazit und Ausblick
  • Literatur
  • Experten-Workshops im Handwerk
  • 1 Hintergrund: Verwendung Beruflicher Handlungsfelder für Ausbildungsportfolios
  • 2 Konzeptidee der Experten-Workshops
  • 3 Phasen des Experten-Workshops im Handwerk
  • 3.1 Vorbereitung des Experten-Workshops: Entwurf einer vorläufigen Handlungsfeldstruktur
  • 3.2 Durchführung des Experten-Workshops: Überprüfung und ggf. Modifizierung der vorläufigen Handlungsfeldstruktur
  • Zusammensetzung des Experten-Workshops
  • Rahmenbedingungen des Experten-Workshops
  • Ablauf des Experten-Workshops
  • 3.3 Nachbereitung des Experten-Workshops: Finalisierung der Handlungsfeldstruktur
  • Überprüfung der Handlungsfeld-Titel mit Auszubildenden
  • Überprüfung der Ausbildungskompatibilität durch Ausbilder und Lehrer
  • 4 Fazit und Ausblick: Verwendung der Ergebnisse
  • Literatur
  • Teil 4: Berufswissenschaften und Curriculumentwicklung
  • Berufswissenschaftliche Aspekte der Curriculumentwicklung unter pflegedidaktischer Perspektive
  • 1 Einleitung
  • 2 Merkmale des pflegeberuflichen Handelns
  • 3 Schlussfolgerungen für die berufswissenschaftliche Forschung
  • 4 Beispiele berufswissenschaftlicher Forschung in der Pflege
  • 4.1 Schlüsselprobleme in der pflegerischen Kommunikation
  • 4.2 Schlüsselprobleme gerontopsychiatrischer Pflegepraxis
  • 5 Entwicklung von Lerninseln auf der Basis pflegeberuflicher Schlüsselprobleme
  • 6 Fazit
  • Literatur
  • „Intelligente Standards“ als Kern einer Curriculumentwicklung
  • 1 Einleitung
  • 2 Standards – Relevanz in der Berufsbildung
  • 2.1 Ein genereller Blickwinkel
  • 2.2 Konkretisierung für die Berufsbildung
  • 3 Arbeitsprozessbezogene, „Intelligente Standards“, Berufsbilder und Curricula
  • Intelligente Standards
  • 4 Berufsbilder und Curricula
  • 5 Schlussfolgerungen
  • Literatur
  • Autoren
  • Reihenübersicht

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Einleitung

Georg Spöttl, Matthias Becker, Martin Fischer

Entgegen mancher Prognose („Geht der Arbeitsgesellschaft die Arbeit aus?“, „Von der Arbeitsgesellschaft zur Wissensgesellschaft!“ etc.) spielt Arbeit in der modernen Gesellschaft nach wie vor eine wichtige Rolle. Durch Arbeit wird das wirtschaftliche Wachstum gesichert, Arbeit soll die Grundlage für die Reproduktion von Familien sein, Arbeit kann abstumpfen, gar krank machen oder aber die Persönlichkeitsentwicklung fördern. Auch Wissen gewinnt erst dann an gesellschaftlicher Relevanz, wenn es im Kontext von Wissensarbeit produziert und angewendet wird.

Der Arbeitsforschung, der wissenschaftlichen Analyse von Erwerbsarbeit und Nicht-Erwerbsarbeit, widmen sich eine Reihe von Disziplinen: Arbeits- und Industriesoziologie, Arbeits- und Organisationspsychologie, Arbeitswissenschaften, Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Berufswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften – um nur einige zu nennen. All diese Disziplinen erforschen Arbeit unter einem je spezifischen Blickwinkel: Entwicklung von Aufgabenprofilen, psychische Regulation von Arbeitstätigkeiten, Belastung und Beanspruchung durch Arbeit, Qualifizierung für die Arbeit und in der Arbeit, Produktivität von Arbeit – das alles sind Themen, die unter der Perspektive der jeweiligen Disziplin untersucht werden.

Geht es um das Verhältnis von Berufsarbeit und beruflichem Lehren und Lernen kommt der berufswissenschaftlichen Forschung eine besondere Bedeutung zu. Dieser Ansatz hat sich seit einem Vierteljahrhundert zu einer eigenen Forschungsdisziplin entwickelt. „Zu Hause“ fühlen sich in dieser Disziplin vor allem Berufsbildungsforscher und auch –praktiker. Der Grund dafür ist, dass mit diesem Forschungsansatz Instrumente und Methoden zur Verfügung gestellt werden, die sich mit „Berufen“, der Gestaltung von Berufen, der „theoretischen und praktischen“ Arbeit in Berufen und darauf bezogenem Lehren und Lernen auseinandersetzen. Forscher, die den berufswissenschaftlichen Zugang wählen, verfolgen die Absicht, Facharbeit mit allen Implikationen zu erschießen, um Erkenntnisse zu gewinnen

 zu Anforderungen an Facharbeit und den daraus zu ziehenden Konsequenzen für die Gestaltung von Berufen und beruflichen Curricula,

 zu Arbeitsprozessen in einer Domäne,

- zu deren Strukturierung,

- zu deren Relevanz für die Definition von Standards,

- zu deren Beitrag zur Leistungsfähigkeit von Unternehmen unter besonderer Berücksichtigung der Fähigkeiten von in den Arbeitsprozessen tätigen Personen (insbesondere Mensch-Maschine-Schnittstelle),

 zu dominierenden Arbeitsprozessen und wie die damit verbundenen Herausforderungen und Strukturen zum Gegenstand curricularer Strukturen werden können, ← 7 | 8 →

 zur Frage, wie Arbeitsprozesse und deren Umfeld als Substanz für die Gestaltung von Berufen genutzt werden können,

 zum Zusammenhang zwischen der Analyse von Arbeitsprozessen und Erkenntnissen für die Gestaltung von Lernsituationen bzw. Lernaufgaben,

 zu kompetenzförderlichen Lehr-/Lernarrangements unter Nutzung persönlichkeitsfördernder Aspekte von Arbeitsprozessen,

 zur Modellierung von arbeitsprozessbezogenen Kompetenzmodellen als Grundlage für die Kompetenzmessung,

 über berufliche Handlungsbereiche und die Einbettung von Prozessabläufen in diese, um zu Einsichten zur Qualität von beruflichen Aufgaben zu gelangen,

 über Berufsstrukturen, über Verwandtschaftsgrenzen von Berufsgruppen und über die Veränderungen von Strukturen in beruflichen Handlungsbereichen und deren Wirkungen auf die existierenden Berufsstrukturen,

 wie sich strukturell bedingte Problem-, Konflikt- und Dilemmatasituationen identifizieren und didaktisch aufbereiten lassen, um Lernprozesse zu unterstützen.

Die Interessenslage der Berufswissenschaftler und die von ihnen genutzten Instrumente und Forschungsmethoden ermöglichen die Bearbeitung oben genannter Schwerpunkte. Einzelne Beiträge in diesem Band konzentrieren sich auf diese Fragestellungen, jedoch mit unterschiedlicher Perspektive. Insgesamt wird mit den Beiträgen dokumentiert, dass vertiefende Arbeitsanalysen wesentlich dazu beitragen, eine Brücke zwischen empirisch vorzufindenden Arbeitsverhältnissen und dem beruflichen Lernen zu schlagen. Die Erträge der Arbeitsforschung für das berufliche Lernen beschränken sich nicht auf die Reproduktion gesellschaftlicher Praxis, sie tragen zur Aufklärung über Berufe bei und zeigen Potenziale zur Verbesserung der Berufsbildungspraxis auf.

Rainer Bremer führt eine Diskussion zu den Feldzugängen, um die beruflichen Zusammenhänge zwischen beruflicher Bildung, Erziehung und Arbeitsmarkt zu erschließen und um eine Entwicklungstheorie beruflichen Kompetenzaufbaus bearbeiten zu können. Damit wird bereits unterstrichen, mit welchem Potenzial die berufswissenschaftliche Forschung ausgestattet ist. Stärker didaktisch ausgerichtet ist der Beitrag von Ingrid Darmann-Finck. Es wird darin eindrucksvoll aufgezeigt, wie auf der Grundlage berufswissenschaftlicher Analysen in den Pflegewissenschaften eine curriculare Entwicklung von Unterrichtseinheiten stattfinden kann. Eine Verbindung von Arbeitsforschung und Hochschuldidaktik stellt Martin Fischer in seinem Beitrag her. Im Rahmen „forschenden Lernens“ haben Studierende reale berufliche Arbeitssituationen analysiert und, ausgehend von der Analyse beruflicher Arbeit, Lernfelder und schließlich ein Lehr-Lern-Arrangement zur Aneignung beruflicher Kompetenzen entwickelt. Der Beitrag reflektiert die Probleme, Ergebnisse und Erkenntnisse der Studierenden und zieht – über die Studierendenperspektive hinaus – generelle ← 8 | 9 → Schlussfolgerungen für den Zusammenhang von Arbeitsanalyse und Berufsbildungsplanung.

Die Beiträge von Frank Molzow-Voit und Lars Windelband, von Torsten Grantz und Tim Richter sowie von Torben Karges sind gute Belege für die aktuelle Leistungsfähigkeit berufswissenschaftlicher Forschung. In unterschiedlichen Domänen wird aufgezeigt, wie tiefgehend die Entschlüsselung von komplexer Facharbeit möglich ist und wofür die Ergebnisse verwendet werden können. Zum einen geht es um die Identifizierung von Implikationen der Facharbeit an unzugänglichen Arbeitsplätzen (beispielsweise an Offshore-Anlagen) und die Nutzung der gewonnenen Erkenntnisse für die Gestaltung von Berufsbildern. Im anderen Falle zielt das Untersuchungsinteresse auf die Identifizierung von Herausforderungen für das Lernen im Arbeitsprozess bei Nutzung intelligenter Expertensysteme, wobei die Erkenntnisse für die Entwicklung eines facharbeiterzentrierten Diagnoseansatzes im Kfz-Service genutzt werden. Im dritten Fall geht es um die Identifikation von problemlöseförderlichen Bedingungen wiederum im Kfz-Service, um davon ausgehend kollaborative Lösungsansätze mithilfe von Experten-Communities zu entwickeln. Die drei Beiträge belegen das Spektrum berufswissenschaftlicher Forschung, das ausgehend von einer gründlichen Analyse von Arbeitsprozessen nicht mehr nur zu Erkenntnissen für die Gestaltung von Berufen und Curricula führt, sondern auch zu Alternativen für allein technologisch dominierte Diagnoseprozesse. Dabei ist eine der Zielsetzungen, die Fähigkeiten von Fachkräften mehr in den Mittelpunkt zu rücken.

Weitere Ansätze, die aufzeigen, dass berufswissenschaftliche Forschung in der Lage ist, bisherige Grenzen des Handelns der Ordnungsmittelgeber zu überschreiten, sind in den Beiträgen von Matthias Becker zu Kompetenzmatrizen und von Georg Spöttl zu arbeitsprozessbasierten Definitionen von Standards enthalten. Kompetenzmatrizen, die ausgehend von Arbeitsprozessanalysen entstanden sind, beschreiben berufliche Kompetenz in einer für alle am Berufsbildungsprozess Beteiligten verständlichen Sprache. Die Beschreibungen schlagen eine Brücke zwischen den eher abstrakt formulierten Curricula und den eng an den Erfordernissen einzelner Institutionen ausgerichteten didaktischen Plänen. Möglich werden solche Kompetenzbeschreibungen durch die tiefgehenden Erkenntnisse aus der Arbeitswelt, die berufswissenschaftliche Forschung aufzudecken vermag. Werden diese dann – wie Georg Spöttl in seinem Beitrag diskutiert – als Standards formuliert, sind Orientierungen leichter möglich und der Berufsbildungspraxis werden mögliche pädagogische Zielsetzungen aus der Arbeitspraxis heraus aufgezeigt. Das kann auch die Arbeit von Verordnungsgebern und Verantwortlichen für die Praxis berufsbildender Schulen erleichtern.

In Anknüpfung an die Tradition berufswissenschaftlicher Forschung zeigen Falk Howe und Michael Sander, wie mittels Experten-Workshops Handwerksberufe durch berufliche Handlungsfelder beschrieben und strukturiert werden können. Der Beitrag von Monika Hackel setzt sich hingegen mit der Frage der Technologiediffusion in unterschiedlichen Branchen auseinander und folgt in erster Linie der Tätigkeitstheorie von Engeström. Berufswissenschaftliche Elemente reichern diese Untersuchung an. ← 9 | 10 → Das Spannungsverhältnis der unterschiedlichen Forschungstraditionen wird durch ihren Beitrag deutlich, darin aber nicht weiter thematisiert. Günter Essl folgt ebenfalls einer tätigkeitstheoretischen Perspektive und diskutiert die Frage, ob „Berufsfeld“ eine analytische und nicht allein klassifizierende Kategorie sein kann, wofür er mehrere Modus-Ebenen vorstellt. Die inhaltlichen Überlegungen sind dabei sehr stark von verschiedenen tätigkeitstheoretischen Ansätzen geprägt. Die Ausführungen zur Arbeitssituationsanalyse und zu implizitem Wissen bei entgrenzter subjektiver Arbeit von Olaf Katenkamp und Gerd Peter belegen anschaulich die Notwendigkeit der Kooperation verschiedener Forschungsdisziplinen, weil durch eine jeweils andere Betrachtung des identischen Gegenstandes unterschiedliche Erkenntnisse zutage gefördert werden. Bei Olaf Katenkamp und Gerd Peter spielt die Betrachtung der Sozialsysteme auf der Grundlage der Flexibilisierung und Subjektivierung eine wichtige Rolle. Die berufswissenschaftliche Forschung hat diese Implikationen weniger im Blick, wird jedoch durch solche Beiträge aufgefordert, derartige Forschungsergebnisse mit ins Kalkül zu ziehen. Im Beitrag zur Reichweite von berufswissenschaftlicher Forschung von Georg Spöttl wird gezeigt, worin die Stärken dieses Ansatzes bestehen und wo Grenzen sichtbar werden. Überlegungen zur Überwindung der Grenzen werden aufgezeigt. Deutlich wird dabei, dass in erster Linie am Arrangement der berufswissenschaftlichen Forschung gearbeitet werden muss, um weitere Entwicklungsetappen einleiten zu können. Die kleine Community der Berufswissenschaftler ist aufgefordert, diese Diskussion fortzuführen und mit den angrenzenden Disziplinen einen intensiven Dialog zu pflegen.

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Teil 1:
Arbeitsforschung und Gestaltung der Berufsbildung

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Reichweite einer arbeits(prozess)bezogenen Forschung und deren Implikationen für die Qualifikationsforschung

Georg Spöttl

In diesem Beitrag steht die berufswissenschaftliche Forschung im Zentrum der Diskussion. Es wird an die These angeknüpft, wonach die Qualifikationsforschung durch eine unterbliebene Institutionalisierung in die Krise geraten ist. Sie verblieb als zu bearbeitender Themenkomplex für verschiedene Bereiche und Disziplinen. Die berufswissenschaftliche Forschung ist demgegenüber auf dem Weg, sich als eine Forschungsdisziplin zu etablieren, die für die Erschließung von Arbeits- und Arbeitsprozesszusammenhängen in verschiedenen Berufsfeldern zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten werden für die Gestaltung von Standards, Berufsprofilen und Curricula genutzt. Der Beitrag zeigt die „Leistungsfähigkeit“ dieses Forschungsansatzes auf und verweist gleichwohl auf die nach wie vor vorhandenen Defizite des Ansatzes, die über weitere Forschungsanstrengungen behoben werden können.

The article concentrates on the discussion of vocational educational research. It is based on the hypothesis that qualification research is currently facing a crisis due to its failed institutionalization. Qualification research still exists as a range of topics which is present and emphasized in different fields and disciplines. On the other hand vocational educational research is on its way to be implemented as a research discipline that plays an increasingly important role for the access of work and work-processes in different occupational fields. The results of the research work are being used for the shaping of standards, occupational profiles and curricula. The article shows the “productive efficiency” of this research approach. At the same time it points at the still existing deficits of this approach which could, however, be overcome with further research efforts.

1 Einleitung

In der beruflichen Bildung ist der Stellenwert des Nutzens von Arbeitsforschung für die Reflexion von Arbeitsinhalten und die Ermittlung von beruflichen Kompetenzen nach wie vor sehr umstritten (vgl. Tramm 2009). Vor allem aus der zunehmenden technologischen Komplexität wird in vielen Fällen der einlinige Schluss gezogen, dass der damit einhergehende Wissenszuwachs bedingt, bei den Lern- und Vermittlungsprozessen vorrangig einer funktionalen Systematik zu folgen. Diese Sichtweise wird vor allem von der aktuellen Diskussion um output-orientierte Ordnungsmittel (BMBF 2013) forciert. Dabei wird beim Messen von Ergebnissen unter anderem auf die Item-Response-Theorie gesetzt (vgl. Nickolaus/Gschwendtner/Geißel 2008), die für den Testprozess auf eindeutig definierte Systematiken bei den Inhalten angewiesen ist, um Wissens- und/oder Leistungstests zu ermöglichen.

Mit Blick auf Anforderungen aus der Arbeitswelt, die nicht auf funktional strukturierten beruflichen Handlungen und Handlungsfeldern basieren, gibt es eher Vorbehalte, daran anknüpfend über stringente Leistungsfeststellungen nachzudenken. Auch die berufsfeldorientierten Curricula, die die Struktur des beruflichen Handlungs- und Erfahrungsfeldes als Ausgangs- und Bezugspunkt für die Strukturierung von Curricula nehmen, finden bisher nur eingeschränkte Akzeptanz (vgl. Straka/Macke 2009). Ein ← 13 | 14 → Bild von „praktischen Anforderungen“ zu zeichnen und nicht den gängigen Inhaltssystematiken zu folgen, wird immer noch als ungewöhnlich bewertet. Allerdings gibt es wichtige Gründe, hier neue Wege zu suchen und andere Positionen zu formulieren. Ein zentrales Argument für ein Zurückdrängen der Inhaltssystematiken ist, dass die Vielfalt der Arbeitswelt in der Kombination von technologischen, arbeitsorganisatorischen, rechtlichen, sicherheitsrelevanten, gesundheitlichen und anderen Parametern kaum allein mit strukturellen Ansätzen in den Griff zu bekommen ist. Zudem lässt sich die Komplexität von Gegenständen und der oft wissensbasierten Facharbeit (vgl. Pfeiffer 2008) nur sehr begrenzt reduzieren. Demgegenüber steht die Haltung einiger Berufs- und Wirtschaftspädagogen, die davon ausgehen, dass die Programmatik komplexer Lehr-Lern-Arrangements die Notwendigkeit anerkennt, die Komplexität durch die Wahl geeigneter Lehr-Lern-Zusammenhänge in Lernprozessen zu reduzieren und schritt- bzw. schichtenweise zu erschließen (vgl. Tramm 2009; Achtenhagen u. a. 1992). Die hier praktizierte implizite Annahme ist jedoch, dass es allein um Wissen geht und dieses über Lehr-Lern-Arrangements beherrschbar wird. Dem widerspricht allerdings bereits die Definition von Wissen in der Encyclopedia Britannica (1979), wonach der Begriff „Wissen“ weder alleine stehen kann noch sich von selbst versteht.

Genau hier schließen die Ausführungen in diesem Beitrag an. Es geht darum, herauszuarbeiten, wie mithilfe berufswissenschaftlicher Instrumente und Methoden das praktische Können und Erfahrungswissen und das zugehörige theoretische Wissen, das bei der Bewältigung von Arbeitszusammenhängen eine wichtige Rolle spielt, erschlossen werden können.

2 Der neue Stellenwert der Berufsbildung

Zum Stellenwert der Berufsbildung gibt es sehr unterschiedliche Positionen. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass es vielen Menschen schwer fällt, die Bedeutung von praktischem Wissen und Können für die Arbeitswelt und für das alltägliche Leben einzuschätzen und zu bewerten. Die Tatsache, dass bildungspolitisch derzeit die Berufsbildung hoch bewertet wird, hat am genannten Grundverständnis nichts verändert. In der europäischen Bildungspolitik steht die Diskussion um den Wert von Bildung und Berufsbildung seit wenigstens zehn Jahren an oberster Stelle der bildungspolitischen Agenda. Deutlich wird dabei, dass Bildung und Berufsbildung als zentrale gesellschaftliche Aufgaben unbestritten wichtig sind, ja sogar als Allheilmittel für gesellschaftliche und ökonomische Probleme gesehen werden. Demnach soll Bildung dazu beitragen, dass die sich wandelnden und tendenziell steigenden Qualifikationsanforderungen der Berufswelt bedient werden können und darüber hinaus auch das Wirtschaftswachstum und der Wohlstand mit gesichert werden sollen. Bildungsbestreben und beruflicher Erfolg werden in der Leistungsgesellschaft in einem engen Zusammenhang gesehen. Bildung und Berufsbildung, so die Vorstellungen, sollen aufklärerisch wirken und mündige Bürger hervorbringen, die sich in komplexen Problemlagen ein eigenständiges Urteil bilden. ← 14 | 15 →

Details

Seiten
297
ISBN (PDF)
9783653011661
ISBN (ePUB)
9783653996524
ISBN (MOBI)
9783653996517
ISBN (Hardcover)
9783631642085
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (August)
Schlagworte
Berufswissenschaften Curriculum-Forschung Arbeitswissenschaft Berufsforschung Berufspädagogik
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 297 S., 43 s/w Abb., 9 Tab.

Biographische Angaben

Georg Spöttl (Band-Herausgeber:in) Matthias Becker (Band-Herausgeber:in) Martin Fischer (Band-Herausgeber:in)

Georg Spöttl ist Professor für die berufliche Fachrichtung Metalltechnik und ihre Didaktik an der Universität Bremen und leitet die Abteilung Arbeitsprozesse und berufliche Bildung am Institut Technik und Bildung (ITB). Matthias Becker ist Professor für die berufliche Fachrichtung Fahrzeugtechnik und ihre Didaktik an der Universität Flensburg. Er lehrt und forscht am Berufsbildungsinstitut Arbeit und Technik (biat). Martin Fischer ist Professor für Berufspädagogik und Sprecher des Instituts für Berufspädagogik und Allgemeine Pädagogik (IBP) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

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Titel: Arbeitsforschung und berufliches Lernen