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Die «Spectators» in Spanien

Die kleinen Schriften der 1780er Jahre

von Klaus-Dieter Ertler (Autor:in) Elisabeth Hobisch (Autor:in) Andrea Maria Humpl (Autor:in)
Monographie 370 Seiten

Zusammenfassung

Die Moralischen Wochenschriften oder Spectators sind eine aus der protestantischen Ethik des frühen 18. Jahrhunderts stammende Gattung, die sich in den katholischen Ländern tendenziell mit einer Verzögerung von einem halben Jahrhundert etablierte. In Spanien dominierten zwei Wochenschriften, die jeweils eine ganze Dekade prägten: El Pensador (1760er Jahre) und El Censor (1780er Jahre). Diese Studie beschreibt die im zeitlichen Umfeld des Censor entstandenen kleineren Wochenschriften wie etwa El Curioso Entretenido, El Apologista Universal, El Duende de Madrid sowie El Argonauta Español und untersucht ihre formalen und thematischen Charakteristika.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • La Pensatriz salmantina
  • 1. Prolog
  • 1.1 Widmung
  • 1.2 Die Approbation durch einen Geistlichen
  • 1.3 Vorbemerkung der Pensatriz für das Publikum
  • 2. Das Portrait der Pensatriz salmantina
  • 2.1 Die Kindheit der Pensatriz
  • 2.2 Der Beginn ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin
  • El Curioso Entretenido
  • 1. Zeitschrift und Autor
  • 1.1 Die Publikationsweise
  • 1.2 Vorstellung von Zeitschrift und Autor
  • 1.3 Die Proverbios morales und die Satire
  • 2. Das Frauenbild
  • 2.1 Annäherung an die weibliche Leserschaft
  • 2.2 Erziehung und Bildung der Frauen
  • 2.3 Schönheit und Aristokratie
  • 2.4 Familie und Ehe
  • 3. Das Männerbild
  • 3.1 Der petimetre
  • 3.2 Der cortejo
  • 3.3 Der hombre de bien
  • 4. Die Mode
  • 4.1 Die moderne Gesprächskultur
  • 4.2 Die Sprache als Erbe der Vorfahren
  • 4.3 Der Ursprung der Mode
  • 4.4 Die Auswirkungen der Mode
  • 5. Die Gesellschaft
  • 5.1 Das politische System
  • 5.2 Das Verhältnis zwischen Herr und Diener
  • 6. Sitten und Bräuche
  • 6.1 Müßiggang und Fleiß
  • 6.2 Privilegien des Adels
  • 6.3 Die Oberflächlichkeit der Gesellschaft
  • 6.4 Die Werte eines hombre de bien
  • 6.5 Typisch weibliche Unsitten
  • 6.6 Die Liebe
  • 7. Literatur
  • 7.1 Das Theater
  • 7.2 Der Publikumsgeschmack
  • 7.3 Die Dichtung
  • El Apologista Universal
  • 1. Formale Gestaltung
  • 1.1 Autor und Publikationsweise
  • 1.2 Äußere Gestaltung und Stil
  • 1.3 Die narrativen Formen
  • 2. Die Präsenz des fiktiven Herausgebers
  • 2.1 Die Apologiefunktion der Zeitschrift
  • 2.2 Die Vorgehensweise des Apologista Universal
  • 2.3 Der Erfolg des Apologista Universal
  • 2.4 Die Leistung seiner Klienten
  • 2.5 Ein Regelkanon für das Verfassen von Apologien
  • 2.6 Tadel von zeitgenössischen Kritikern
  • 2.7 Die Auseinandersetzung des Apologista mit dem Censor
  • 2.8 Die Folgen der kritischen Verteidigungsschriften
  • 3. Die Apologetik des Apologista Universal
  • 3.1 Die Verteidigung eines theologischen Werkes
  • 3.2 Die Fortsetzung des Don Quijote
  • 3.3 Der Aberglaube: Conversaciones instructivas
  • 3.4 Die Zeitschrift El Juzgado Casero
  • 3.5 Die Angelomaquia
  • 3.6 Das Lob des Vaterlandes
  • 3.7 Die Apologie der Bildung
  • 3.8 Die Apologie der Esel
  • 4. Die Auseinandersetzung mit Juan Pablo Forner
  • 4.1 Die Ingredienzien einer wirkungsvollen Apologie
  • 4.2 Eine Apologie der Oración apologética
  • 4.3 Die Selbstdarstellung des Künstlers in seinem Werk
  • 4.4 Forner und die Religion in Spanien
  • 5. Die Kritik des Apologista Universal
  • 5.1 Die Kritik am zeitgenössischen Bildungssystem
  • 5.2 Die Kritik an den modernen Wissenschaften
  • 5.3 Das Verhältnis von Wissenschaft und Religion
  • 5.4 Die Trübung der Urteilsfähigkeit der Menschen
  • El Corresponsal del Apologista
  • 1. Zielsetzung des fiktiven Herausgebers
  • 2. Die Wirkung der Satire
  • El Teniente del Apologista Universal
  • 1. Die Zeitschrift und ihr Vorbild
  • 1.1 Formale Aspekte
  • 2. Berufung des Teniente del Apologista
  • 3. Apologie der Suma filosófica des Padre Roselli
  • El Duende de Madrid
  • 1. Konfiguration der Wochenschrift
  • 1.1 Strukturierung und Aufbau der einzelnen Nummern
  • 1.2 Das Spiel mit der fiktiven Autorschaft
  • 1.3 Die Figur des Don Benito
  • 1.4 Die Erzählungen Don Benitos
  • 2. Die Wirtschaft
  • 2.1 Nutzen und Wert handwerklicher Berufe
  • 2.1.1 Philosophische und religiöse Grundlagen einer neuen Gesellschaft
  • 2.1.2 Die Rolle der Schuster
  • 2.2 Die Beteiligung der Frauen am wirtschaftlichen Prozess
  • 3. Religion, Kirche und Monarchie
  • 3.1 Die Gesellschaftsordnung
  • 3.1.1 Die Bildung
  • 3.1.2 Die Arbeit
  • 3.2 Das Bild der spanischen Nation
  • 3.3 Kirchliche Privilegien und Korruption: Die exenciones
  • 3.4 Die Aufgabe der Kirche in einer modernen Nation
  • 4. Geschlechterrollen und -aufgaben
  • 4.1 Das Bild der Frau
  • 4.2 Die Erziehung
  • 4.2.1 Antiautoritäre Erziehung
  • 4.2.2 Die Rolle der Eltern im Familiengefüge
  • 4.2.3 Die Heimatliebe
  • 4.2.4 Wissenschaftlich-religiöse Ausbildung
  • 5. Theater
  • El Observador
  • 1. Formale Aspekte
  • 2. Vorstellung der Wochenschrift und der Person des Autors
  • 3. Literatur
  • 4. Das spanische Theater
  • 5. Staat und Gesellschaft
  • 5.1 Die spanische Geschichte
  • 5.2 Der Streit zwischen konservativen und modernen Kräften
  • 6. Die Natur des Menschen und seine tugendhafte Erziehung
  • El Argonauta Español
  • 1. Der Autor
  • 1.1 Das Werk
  • 1.2 Autobiographische Züge in El Argonauta Español
  • 2. Intention, Namensfindung und Entstehung
  • 2.1 Die formale Gestaltung
  • 2.1.1 Literarische Gattungen
  • 2.1.2 Die formale Gestaltung der einzelnen Nummern
  • 2.1.3 Die Leserbriefe
  • 2.1.4 Die Rätselseite
  • 3. Verfasser und Figur
  • 4. Die Gesellschaft
  • 4.1 Die Ständefrage
  • 4.1.1 Die Handwerker
  • 4.1.2 Die Beziehung zwischen Herr und Diener
  • 4.2 Sitten und Bräuche
  • 4.2.1 Menschliche Tugenden und Laster
  • 4.2.2 Der Bolero-Tanz
  • 4.2.3 El Compadre – der Pate
  • 4.2.4 Der Brauch im Krieg
  • 4.3 Die Mode
  • 4.4 Die Landflucht
  • 5. Die Wissenschaft
  • 5.1 Die Physik
  • 5.1.1 Das Barometer
  • 5.1.2 Das Thermometer
  • 5.1.3 Das Glas
  • 5.2 Die Geographie
  • 5.3 Die Naturkatastrophen
  • 5.3.1 Die Brandbekämpfung
  • 5.3.2 Das Erdbeben
  • 5.4 Die Medizin
  • 5.5 Die Astronomie
  • 5.6 Die Schifffahrt
  • 6. Erziehung und Bildung
  • 6.1 Geographie und Geschichte
  • 6.2 Die Philosophie
  • 7. Die Wirtschaft
  • 7.1 Der Handel
  • 7.2 Ackerbau und Landwirtschaft
  • 8. Das Bild der Frau
  • 8.1 Die Frau als brillanter Teil der Öffentlichkeit
  • 8.2 Frauen im Vergleich
  • 8.3 Die Frau im Wandel der Zeit
  • 8.4 Das Idealbild der Frau
  • 8.5 Die Ehe
  • 9. Spanien und Frankreich im Vergleich
  • 9.1 Kritik an Voltaire
  • 10. Literatur und Kunst
  • 10.1 Der Buchdruck
  • 10.2 Die Lyrik
  • 10.3 Die Redekunst
  • 10.4 Die Moralischen Wochenschriften
  • Bibliographie
  • Moralische Wochenschriften in Spanien
  • Presse/Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • Series Index

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Vorwort

Erst vor wenigen Jahrzehnten wurde die hispanistische Forschung auf die Moralischen Wochenschriften bzw. Espectadores und ihre Rolle bei der Genese des modernen literarischen Systems aufmerksam.1 Zwar waren die periodistische Schrift El Pensador (1762–1767) von José Clavijo y Fajardo wie auch der renommierte Censor (1781–1788) von Luis García de Cañuelo und Luis Marcelino Pereira nicht unbekannt, aber die dahinter liegenden poetologischen Funktionen wie auch deren Verbindungen zum nationalen Erzählsystem wurden erst neuerdings im Einzelnen analysiert. Die Einbettung des Phänomens in den europäischen Kontext sowie die Analyse der Distributionsformen des Modells über die französischen Kommunikationskanäle, d.h. die Untersuchung der migratorischen Prozesse in der Rezeption und beim Export des „spectatorialen“ Schreibens im Anschluss an die englischen Prototypen The Tatler, The Spectator und The Guardian (1709–1714) – von Richard Steele oder Joseph Addison –, sind Aufgabe der zeitgenössischen Forschung. Dabei zeichnet sich ab, dass die intertextuellen Prozesse nicht ausschließlich über Frankreich liefen, sondern auch direkte Übernahmen aus England – etwa über Richard Wall – oder aus Italien, wie im Falle des anonym verfassten Filósofo a la moda, erfolgten.2

Den Ausschlag für die Aufarbeitung der journalistischen Gattung lieferte die Faksimile-Edition des Censor (1989) von José Caso González, die im Umfeld des Instituto Feijoo in Oviedo entstand und die Grundlage für die weitere Beschäftigung mit der Gattung bildete.3

Inmaculada Urzainqui, die Nachfolgerin von Caso González, führte diese Forschungen weiter und beschäftigte sich mit der Sammlung und Bearbeitung des Korpus in Spanien. Aus ihrer Feder stammt die erste systematisch angelegte Studie zur Gattung, in der das Hauptcharakteristikum der philosophischen Essays an Hand ihrer „autokreativen“ Funktion beschrieben wird.4 Urzainqui folgt darin der französischen Forschung von Michel ← 13 | 14 → Gilot und Jean Sgard, deren Vorarbeiten zur fiktionalisierenden Presse als Parameter dienten.5 In einem rezenten Beitrag analysiert sie die „Espectadores“ als neue Gattung periodistischen Schreibens und hält neben der „autokreativen“ Dimension mehrere idealtypische Merkmale fest: Zum einen verweist sie auf die Travestie des journalistischen Beobachters und dessen journalistische Poetik als gattungskonstituierendes Element. Zum anderen kehrt sie die bewusste Förderung von thematischer Vielfalt und inszenierter Fragmentarisierung hervor. Eine weitere Konstante der „spectatorialen“ Poetik erkennt Urzainqui in der Konstruktion des fiktionalisierten Journalisten, der seine Umwelt mit empiristisch-distanziertem Blick durchleuchtet.6 Darüber hinaus spielt auch die Integration fremder Stimmen für die kritische Funktion der Texte eine zentrale Rolle. Dass den Leserbriefen eine besondere Funktion zukommt, gehört ebenso zur kommunikationellen Ausstattung der einschlägigen Presse.

In letzter Zeit erschienen zahlreiche weitere kritische Ausgaben einzelner Schriften wie auch einige monographische Studien zum Thema. Als richtungweisend ist in diesem Zusammenhang die Faksimile-Edition des Pensador von Yolanda Arencibia aus dem Jahre 1999. Darüber hinaus erschien die Pensadora Gaditana (2005) in der Ausgabe von Scott Dale. Vom Argonauta Español liegen zwei zeitgenössische Editionen vor, d.h. eine Version von Elisabel Larriba (2003) und eine zweite von Marieta Cantos Casenave und María José Rodríguez Sánchez de León (2008). In Zusammenarbeit mit Inmaculada Urzainqui entstand eine Ausgabe des Corresponsal del Censor (2009), kurz danach veröffentlichten wir eine kommentierte Edition des Duende Especulativo sobre la Vida Civil (2011).

Im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Genese der spanischen „Espectadores“ und ihres Beitrags zur Entwicklung des modernen Erzählens wurde an der Universität Graz eine Datenbank mit den bislang bekannten Titeln erstellt und spezifische Kategorisierungen nach thematischen und formalen Gesichtspunkten vorgenommen.7 Einschlägige Monographien zu den prominenten Titeln liegen bereits vor: El Pensador8, El Duende Especulativo sobre la Vida Civil9, La Pensadora Gaditana10, El ← 14 | 15 → Corresponsal del Censor11 und El Censor.12 Eine systematische Einführung in die Gesamtheit der spanischen Espectadores im Sinne eines Guide to the Prose Fiction, wie er auch für die englischen Prototypen existiert, wurde ebenso erstellt.13

Im Netzwerk der spanischen Wochenschriften lassen sich zwei Schwerpunkte erkennen, um die sich die einzelnen Titel ranken. Die beiden Zentren bilden El Pensador und El Censor und entsprechen mehr oder minder den 1760er bzw. den 1780er Jahren. Im vorhergehenden Band, Die Spectators in Spanien – Die kleinen Schriften der 1760er Jahre wurden die „Menores“ der ersten Dekade beschrieben und analysiert.14 Nun folgt eine Aufbereitung der kleineren Schriften aus dem Umfeld des Censor.

Renate Hodab, Jessica Köhldorfer und Sabrina Rathausky wie auch Alexandra Fuchs und Ulrike Rieger sei für das Engagement bei der Erstellung und Bearbeitung des Manuskripts herzlich gedankt.

Graz, im Sommer 2014

Die Herausgeber

 

1 Das Vorwort entspricht dem einleitenden Text des vorangehenden Bandes der Serie. Vgl. Ertler / Hobisch 2014.

2 Vgl. Ertler 2011. – Ertler 2012. – Ertler / Lévrier / Fischer 2012.

3 El Censor, Hg. Caso González, 1989.

4 Vgl. Urzainqui 1995.

5 Sgard 1982.

6 Vgl. Urzainqui 2009.

7 Vgl. http://gams.uni-graz.at/mws.

8 Ertler 2003.

9 Ertler / Köhldorfer 2010.

10 Ertler / Hodab / Humpl 2008.

11 Hodab 2008.

12 Ertler 2004.

13 Vgl. Evans 1977. – Ertler / Hobisch / Humpl 2012.

14 Ertler / Hobisch 2014.

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La Pensatriz salmantina

Doña Escolastica Hurtado

(1777)

1. Prolog

1.1 Widmung

In ihrem Prolog erklärt Doña Escolástica Hurtado, noch bevor sie sich ihren Lesern vorstellt, warum sie ihre Diskurse einer illustren Dame, Doña Manuela Castillo, Condesa de Francos, widmet.1 Sie hofft auf größere Akzeptanz beim Publikum und appelliert an die Solidarität unter Frauen, sich mit vereinten Kräften gegen die abwertenden Urteile von Männern zur Wehr zu setzen: „Por tanto, implóro el patrocinio de V.S., como Paysana, Patriense, y Con-Tercera mia“.2 Im Allgemeinen finden weibliche Autoren in der männlich dominierten Literaturwelt nur schwer Anerkennung. Sie rechnet sogar mit der Kritik und dem Spott ihrer männlichen Kollegen. Dagegen will sie sich wappnen, indem sie den Namen der Condesa de Francos vor die erste Nummer ihrer Zeitschrift stellt. Diese soll mit ihrem Ruf für die Qualität ihrer Reflexionen bürgen:

[…] para que viendo estampado su brillante titulo de FRANCOS à la frente de mis Idéas, las traten con respéto, y las adopten liberalmente con gustoso cariño; maxime sabiendo, como deben saber, que V.S. no es por aí Mecénas de algun Cultívo de Viñas, sino Protectriz de la Cultúra de Cuerpo, y Alma; diciendo à todos con esto, que deben dár el pàse al nè molestetur de mis Idéas, quando las protége V.S. que es la quinta esencia de las Gracias, y la náta de las Musas.3

So äußerte sich Cadalso, den sie mit dem Namen Vázquez bezeichnet, negativ über Frauen. Mit ihrer Schrift will sie beweisen, dass Frauen ebenso wie Männer intelligente Gedanken fassen und für das Schreiben geeignet sind: ← 17 | 18 →

Que Yo, Señora, deponiendo desde hoy (dia primero del año, no con falta de mysterio) el encogimiento proprio de nuestro sexo amable, amoroso, suave, perspicáz, hermoso, persuasivo, y apto para grandes cosas, (vayase por siete veces que me han llamado Cathedra de pestilencia) daré à entendér al Mundo, que hay Muger en Salamanca, que piensa con reflexion, corrige con prudencia, amonesta con madurèz, y critíca con chiste.4

1.2 Die Approbation durch einen Geistlichen

Im Anschluss an die Widmungsschrift ist der Kommentar eines Geistlichen abgedruckt, der die erste „Idea“ der Pensatriz salmantina approbiert. Es handelt sich um

Padre Fr. Balthasár Garralón, Monge Cisterciense de la Congregacion de Castilla, Lector de Sagrada Escritura, y Predicador Mayor por su Religion, en su Colegio de Nuestra Señora de el Destierro, extramuros de la Ciudad de Salamanca.5

Dieser stellt sogleich Vermutungen zur Identität des wahren Autors an:

La Pensatriz Salmantina, cuyas dos primeras Idéas remite à mi parecer, el Señor Don Juan Pablo de Salvador y de Asprer, Corregidor, Capitan à Guerra, Subdelegado General de todas rentas Reales, y Servicios de Millones de esta Ciudad de Salamanca, su Jurisdicion, y Provincia, por el Rey nuestro Señor (Dios le guarde) y Juez Subdelegado de Imprentas en ellas &c., ni piensa, ni idéa, ni discurre en cosa alguna, que pueda empañár la pureza de nuestra Santa Fè Catholica, perjudicá à las Reales Regalías, ni oponerse en un àpice à la recta moderacion de las costumbres.6

Der Kleriker äußert sich positiv zum Inhalt der Diskurse, denn tugendhafte Absichten stünden dahinter. Dies zieht er als Hauptkriterium für die Approbation heran. Als nebensächlichen Aspekt betrachtet er, wer nun tatsächlich hinter der Maske der Pensatriz salmantina steckt, ob es sich nun um eine Frau oder doch um oben genannten Geistlichen handelt.

Daher erteilt er die Druckerlaubnis für die ersten beiden „Ideas“, wie die Pensatriz ihre Diskurse nennt, und kündigt an, dass er auch folgenden Nummern gegenüber aufgeschlossen sein wird. ← 18 | 19 →

1.3 Vorbemerkung der Pensatriz für das Publikum

Die Pensatriz beginnt ihre „Idea primera“ mit einer kurzen Vorbemerkung, die sie mit „Una Letrilla a los Lectores, y una Palabrita a los Oidores“ betitelt. Dabei wird deutlich, dass sie nicht nur die Leser anspricht, sondern auch auf die – wahrscheinlich größere – Zuhörerschaft Bezug nimmt, die sich die Zeitschriften von anderen vorlesen ließ.

Um ihren Diskurs einzuleiten, nimmt die Pensatriz auf Fray Martín Sarmiento Bezug, der sich ähnlich wie Feijoo für die Gleichstellung der Frau einsetzte. Sie zitiert eine Passage aus der Demostración críticoapologética del Theatro Crítico Universal, wo er festhält, dass kein Diskurs so voller Missverständnisse und falscher Bewertungen sei wie der über das weibliche Geschlecht.7 Insofern nimmt er die gleiche Position wie sie ein, denn das Anliegen der Pensatriz ist es, gemeinsam mit Feijoo und Sarmiento die Verteidigung der Frauen zu übernehmen. Aus diesem Grund ist sie über die frauenfeindlichen Aussagen eines Abts empört. Dieser spricht Frauen jeglichen Verstand ab und ist der Ansicht, dass sie nicht zum Menschengeschlecht gehören. Escolástica Hurtado weist sogleich darauf hin, dass es glücklicherweise auch viele Männer gibt, die über Frauen keine so schlechte Meinung haben und sie nicht für dumm halten. Schließlich könnte sie auch genug Frauen aufzählen, die sehr intelligent sind und bedeutende Leistungen für die Gesellschaft erbracht haben. Sie nennt etwa die Portugiesin Luisa Sigea8, die sie allerdings als Toledanerin bezeichnet, deren Gelehrtheit beim Papst besondere Anerkennung fand, da sie ihm im Jahr 1540 einen Brief schickte, der in fünf Sprachen – in Latein und Griechisch, Arabisch, Syrisch und Hebräisch – abgefasst war. Auch Juana Morella aus Barcelona, die an öffentlichen philosophischen Debatten teilzunehmen pflegte, war eine intelligente Frau. Des Weiteren führt sie unter den heimischen großen Frauen Sor Juana Inés de la Cruz, Ana de Cervaton oder Bernarda Ferreyra an. Sie nennt aber auch französische, italienische und deutsche gelehrte Frauen: Magdalena Scuderi, Maria Magdalena Gabriela de Montemart, Dorothèa Bucca, Doktorin in Bologna, Lucrecia Helena Cornaro, Doktorin der Philosophie an der Universität Padua, oder die Deutsche Ana Maria Schurmàn, die sich nicht ← 19 | 20 → nur in den Humanwissenschaften, sondern auch in der Theologie gut auskannte und daneben auch noch mehrere Sprachen beherrschte.

Nach Ansicht der Pensatriz können die Männer die Intelligenz dieser Frauen nicht leugnen. Ihr erscheint es deshalb viel eher als eine Unterdrückung des weiblichen Verstandes, um selbst dominant bleiben zu können. Begeistert ist sie von José Iglesias de la Casa, der sich in seinem Piscator historial von der Klugheit der Frauen überzeugt zeigt.9 Die Pensatriz möchte sich nun diesen lobenden Worten anschließen und daran erinnern, dass auch Frauen intelligent sind und viel leisten. Zur Verdeutlichung dieser Idee kreiert sie Verse. In ihrem Gedicht erwähnt sie neben Louise Labé (1524–1566) und der Jungfrau von Orléans (1412–1431) die Italienerin Cassandra Fedele, 1465–?) und andere. Diese Exempel sollen zeigen, dass es eine große Zahl an intelligenten Frauen gibt und niemand diese Tatsache ignorieren darf:

Dexense, pues, Vds. de reducir toda la Ciencia, y comprehension femenina al gobierno de la aguja, al manejo de la rueca, de la escoba, y la almohadilla, y à la superintendencia de los pollos, las gallinas, y los gallos; porque si me pongo historias en cinta, como aldas, echaré Mugeres à las barbas, que les hagan baxar la cresta.10

2. Das Portrait der Pensatriz salmantina

2.1 Die Kindheit der Pensatriz

In der ersten „Idea“ mit dem Titel „Da razon de su persona“ stellt sich die Pensatriz salmantina als Doña Escolástica Hurtado vor und berichtet aus ihrem Leben. Dabei legt sie großes Gewicht auf den Stellenwert von Wissen und Gelehrsamkeit. Zunächst zeigt sie sich stolz auf ihre Herkunft und lobt Salamanca dafür, dass es eine ideale Umgebung für einen an Bildung interessierten Menschen darstellt:

Yo, Señores, gozo la suerte de ser hija de Salamanca; bastante he dicho para que vean Vds. què bien hicieron mis Padres en idear que al bautizarme me pusiesen Escolástica; pues por mi Patria lo soy en romance, y en latin, y en trescientas lenguas mas. Trasládo à la Historia de mi paysano Dorádo. Es cosa de hecho, que las Mugeres nacemos sabiendo aqui; y es notorio à todo el Mundo, ← 20 | 21 → què pródiga se muestra la naturaleza con nosotras las Salmantinas, franqueandonos dotes en alma, y cuerpo tan distinguidos, que no hay estrado en Salamanca, donde no se encuentren à cada paso las Christinas, las Isabeles, las Amalias, las Luisas, las Anas, las Olivas, las Gabrielas, y las Magdalenas, que con las luces de sus discursos sean à un mismo tiempo admiracion del alma, y embeléso de los ojos.11

Hier hebt sie vor allem die Frauen hervor, die sich in Salamanca auf Grund ihres Talents einen Namen gemacht haben und neben ihrer Intelligenz auch noch einen tugendhaften Charakter und ein gepflegtes Äußeres aufweisen können. Sie betont auch, dass Frauen in Salamanca die Möglichkeit haben, am öffentlichen Leben teilzunehmen, etwa an Tertulias, so dass ihr Verstand nicht im Verborgenen bleiben muss. Für die Pensatriz selbst allerdings gestaltet sich die Lage noch anders. Sie schreibt in der Einsamkeit und gibt ihre Identität nicht preis, denn sie ist sich bewusst, dass sie mit der Niederschrift ihrer Gedanken gegen das Gebot der Bescheidenheit verstößt. Dies tut sie jedoch nicht ganz so widerwillig, denn sie sieht nicht ein, warum sie ihr Licht unter den Scheffel stellen sollte: „Si yo (à Dios gracias) tengo entendimiento, por què le he de arrojar à la calle, y haciendo la gazmoña he de fingir ignorancia? No quiero: que no me gustan estas hypocresìas“.12 Sie will sich nicht verstellen, denn Verstellung zählt in ihren Augen zu den Untugenden und muss demnach vermieden werden.

Rückblickend erzählt sie, wie sich ihre Liebe zur Bildung entwickelte: Ihr aufkeimender Wissensdurst wurde im Kindesalter wieder eingedämmt, als sie nach dem unerwarteten Tod ihrer Eltern von einem Onkel aufgezogen wurde. Eines Tages fasst dieser den Entschluss, seine Adoptivtochter in ein Kloster zu schicken: „Este, pues, tal Tio mio, (que por mas señas, vivìa en la Calle de Zamora) un dia, despues que durmió la siesta, se levantó con la vocacion de que yo me entrase Monja“.13 Auch wenn Escolástica sich unter einem Leben in einem Konvent nicht viel vorstellen kann, findet sie intuitiv keinen Gefallen daran und eröffnet ihrem Onkel selbstbewusst, dass sie sich eher für etwas anderes interessiert und es im Übrigen noch früh sei, eine solche Entscheidung zu treffen:

Details

Seiten
370
ISBN (PDF)
9783653040807
ISBN (ePUB)
9783653993455
ISBN (MOBI)
9783653993448
ISBN (Hardcover)
9783631646526
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (April)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 370 S.

Biographische Angaben

Klaus-Dieter Ertler (Autor:in) Elisabeth Hobisch (Autor:in) Andrea Maria Humpl (Autor:in)

Klaus-Dieter Ertler ist Professor für Romanische Literaturwissenschaft an der Universität Graz sowie Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen zur spanischen Aufklärungsliteratur. Elisabeth Hobisch ist Mitarbeiterin am Forschungsprojekt «Die Spectators in der Romania: Spanien» an der Universität Graz. Andrea Maria Humpl ist promovierte Romanistin und unterrichtet an der HIB Liebenau in Graz.

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Titel: Die «Spectators» in Spanien