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Zugänge zum Text

von Péter Bassola (Band-Herausgeber:in) Ewa Drewnowska-Vargáné (Band-Herausgeber:in) Tamás Kispál (Band-Herausgeber:in) János Németh (Band-Herausgeber:in)
Konferenzband 541 Seiten

Zusammenfassung

Textbezogene Forschungsfragen werden im Spannungsfeld von unterschiedlichen sprachwissenschaftlichen Teildisziplinen, wie z. B. Grammatik, Pragmalinguistik, kognitive Linguistik, Lexikologie, Sprachgeschichte, Kontrastive Linguistik, Kontrastive Textologie, Text- und Diskurslinguistik, Textdidaktik, Bildlinguistik und Übersetzungstheorien in den einzelnen Beiträgen dieses Bandes behandelt und diskutiert. Eine solche Ausrichtung bedeutet bereits innerhalb der Sprachwissenschaft eine gegenseitige interdisziplinäre Bereicherung, welche durch das Heranziehen der germanistischen Literaturwissenschaft und der Rechtswissenschaft an die Diskussion um diverse Text-Fragen für die moderne Textforschung nur von Gewinn sein kann. Demzufolge sind hier über das engere sprachwissenschaftliche Fachgebiet hinaus literatur- und rechtswissenschaftliche Beiträge ebenfalls vertreten.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Zur Einführung: Zugänge zum Text
  • I. Sprachwissenschaftliche Zugänge
  • Nominale Satelliten an der Leine. Nominalphrasen-, Satz- und Textbereich ...
  • Die Linguistik des Textes in der Poetik von Aristoteles
  • Realien und Intertextualität
  • Argumentative Topoi in einem mehrsprachigen Pressediskurs
  • Fraktale Texte. Selbstähnliche Texte als Bausteine
  • Textkompetenzen beim Lehren und Lernen von modernen Fremdsprachen ..
  • Copy-and-Paste – Oder einige Überlegungen zur Multimodalität softwaregestützter Schülerpräsentation in der gymnasialen Oberstufe
  • Der gesprochene Text. Das öffentliche Rundfunkgespräch als interaktive Konstitution der Wirklichkeit
  • Satzintegration in neuhochdeutschen Texten. Zum Schnittstellencharakter der Integration vorangestellter Adverbialsätze ..
  • Kaffee oder Tee? Textkorpusbasierte Kollokationsforschung und ihre Realisierung in der Lernerlexikographie
  • Framesemantik als Basis textsemiotischer Analyse
  • Makrolinguistik. Möglichkeiten und Grenzen der Theoriebildung bei der Text- bzw. Diskurslinguistik
  • Ermittlung von Textillokutionen beim Zeitungskommentar durch Mutter- und Fremdsprachler(innen)
  • Persuasion und politische Kommunikation. Zwischen Anpassung und „seriöser Radikalität“ in NPD-Redetexten
  • Aggregative Negation bei negativ-implikativen Satzregentien in neuhochdeutschen Texten
  • Vom Text zum einzelnen Wort. Ein ,umgekehrter‘ Blick auf die Diskursanalyse am Beispiel der deutschen Berichterstattung zu Schulamokläufen
  • Vorüberlegungen zu einer empirischen Untersuchung
  • Lexikalische Determination vs. kontextuelle Spezifikation. Sprachkontrastive und -typologische Perspektivierung eines nominalen Klassifikationssystems
  • Die Sortenhaftigkeit von Texten im Spiegel der stilistisch motivierten Abweichungen vom Textmuster
  • Text und Grammatik – Allianz oder Mesalliance?
  • II. Literatur- und rechtwissenschaftliche Zugänge
  • Einleitung zum Podiumsgespräch über „Zugänge zum Text“
  • Literarische Kohärenz
  • An der Schnittstelle von Texten. Intertextualität und Textanalyse
  • „gesetzt, verordnet, vereinbart, gefordert, erörtert, erläutert und entschieden“ Zugänge zu Rechtstexten (mit strafrechtlichen Schwerpunkten)
  • Autorenverzeichnis
  • Reihenübersicht

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Bandherausgeber

Zur Einführung: Zugänge zum Text

Im Mittelpunkt des vorliegenden Bandes steht der Text als originäre Form der Kommunikation und als zentraler Begriff verschiedener Teildisziplinen v.a. auf dem Gebiet der Sprachgermanistik. Über dieses engere Fachgebiet hinaus sind germanistische Literaturwissenschaft und Rechtwissenschaft ebenfalls vertreten. Die einzelnen Beiträge sind auf Grund der Vorträge und der Podiumsdiskussion eines interdisziplinären, linguistischen Kollegs, das den Titel „Schnittstelle Text“ trug, entstanden. Das Kolleg fand im Dezember 2012 in Szeged statt. Es wurde vom Institut für Germanistik an der Universität Szeged mit der Unterstützung der Alexander von Humboldt-Stiftung veranstaltet.

Bei der thematischen Konzeption des Bandes, welche mit der des Kollegs in vieler Hinsicht übereinstimmt, kamen wir davon aus, dass der Text als zentrale Kommunikationsform ein genuines interdisziplinäres Phänomen bildet. Ferner ist der Text bekanntlich einem ständigen Wandel unterworfen, was immer neue Herausforderungen an die Vertreter unterschiedlichster Ansätze mit sich bringt. Um den Textwandel wissenschaftlich fundiert zu erfassen, muss die Textforschung ihren Stand ständig revidieren und sich für neue Lösungen öffnen. In diesem Sinne unternehmen wir einen Öffnungsversuch, indem textbezogene Forschungsfragen im Spannungsfeld von unterschiedlichen sprachwissenschaftlichen Teildisziplinen, wie z.B. Grammatik, Pragmalinguistik, kognitive Linguistik, Lexikologie, Sprachgeschichte, Kontrastive Linguistik, Kontrastive Textologie, Text- und Diskurslinguistik, Textdidaktik, Bildlinguistik und Übersetzungstheorien in den einzelnen Beiträgen des Bandes behandelt und diskutiert werden. Eine solche Ausrichtung bedeutet bereits innerhalb der Sprachwissenschaft eine gegenseitige interdisziplinäre Bereicherung, welche durch das Heranziehen der germanistischen Literaturwissenschaft und der Rechtswissenschaft an die Diskussion um diverse Text-Fragen für die moderne Textforschung nur noch von Gewinn sein kann.

Somit setzen wir uns zum Ziel, die Einheit Text in einem breiteren interdisziplinären Spektrum in Bezug auf gegenwärtige textbezogene Forschungsfragen, -theorien, -methoden und -ergebnisse zu präsentieren. Die Vorstellung dieses Spektrums erfolgt in zwei Teilen, aus denen unsere „Zugänge zum Text“ bestehen:

1) Der erste Teil („Sprachwissenschaftliche Zugänge“) umfasst zwanzig Beiträge, die aus den Kollegs-Vorträgen erwachsen sind. Um pauschale thematische Zuordnungen zu vermeiden, sind die Beiträge alphabetisch nach Autorennamen geordnet. ← 9 | 10 →

2) Der zweite Teil („Literatur- und rechtwissenschaftliche Zugänge“) beinhaltet vier Beiträge einer Podiumsdiskussion, welche zum Abschluss des Kollegs zwischen zwei Literaturwissenschaftlern, Károly Csúri und Magdolna Orosz sowie zwei Rechtswissenschaftlern, Krisztina Karsai und Zsolt Szomora stattfand. Geleitet wurde die Diskussion von dem Sprachwissenschaftler, Gerhard Stickel, auf dessen thematische Einführung in die interdisziplinäre Pointe unseres Bandes an dieser Stelle verwiesen sei.

Vor der Lektüre des ersten Band-Teiles möchten wir die Leser(inn)en zu einer ,Kostprobe‘ in Form des folgenden thematischen Überblicks über die zwanzig Beiträge einladen:

Péter Bassola bedient sich in seinem Beitrag einer Leine-Metapher zur Substantivvalenz. Die Leine symbolisiert die Entfernung und zugleich auch die Intensität der Beziehung zwischen dem Nomen und seinen Satelliten im Sinne fest“, „weniger fest“, „locker und dünn“. Der Autor analysiert zahlreiche Belege auf drei Ebenen, d.h. auf der Ebene der Nominalphrase (NP) sowie auf der Satz- und auf der Textebene. Die Ergebnisse der Untersuchung lassen die folgende Hypothese des Verfassers bestätigen: „von der NP durch den Satz bis hin zu dem Textbereich lässt die Festigkeit der Leine nach.“

Árpád Bernáth zeigt, dass Aristoteles in seiner Poetik nicht nur eine allgemeine Darstellung zu einer Grammatik der griechischen Sprache geboten, sondern auch zu Grundlagen einer Texttheorie beigetragen hat. Mit Zurechtlegung von problematischen deutschen Übersetzungsstellen wird dieser Fragekomplex in ein neues Licht gestellt.

Erzsébet Drahota-Szabó geht in ihrem Beitrag von ihrer breiten Realienauffassung aus und untersucht Lieder als kohärenzbildende Intertextualitätselemente. Als Korpus dient eine deutschsprachige Erzählung von Terézia Mora bzw. die ungarische Übersetzung dieses Textes. Es wird erschlossen, in welchem kulturellen Makrodiskurs die beiden Texte eingebettet sind, mit welcher Strategie die Übersetzerin Erzsébet Rácz arbeitet.

Auf der Basis ausgewählter Ergebnisse eines umfangreichen Parallelvergleichs argumentativer Topoi in einem mehrsprachigen Diskurs begründet unterbreitet Ewa Drewnowska-Vargáné einen methodischen Analyseweg, der Anwendungsmöglichkeiten in unterschiedlichen weiteren sprach- und kulturkontrastiven Vergleichen von Diskursen anstrebt. Demnach erachtet die Autorin zunächst eine Untersuchung aller Topoi in einer formal-abstrakten Hinsicht und dann einen expliziten Schritt von formal-abstrakten zu kontextspezifischen Topoi für angebracht.

Hans-Werner Eroms untersucht einen besonderen Fall der Intertextualität, nämlich diejenigen Querverbindungen bei Texten eines einzelnen Autors, die ← 10 | 11 → sich durch Ausdehnung oder Verdichtung von Texten ergeben. Solche Mechanismen lassen sich als fraktale Bauprinzipien erfassen. Musterfälle sind dabei bestimmte Texte der Lyrik. Der Autor geht den Regularitäten dieses Bauprinzips nach und zeigt, dass Fraktalität ein wichtiges Moment im Aufbau der Texte und dadurch auch ein hocheffektives Mittel der Textanalyse ist.

Der Beitrag von Ilona Feld-Knapp befasst sich mit der Anwendungsmöglichkeit und -notwendigkeit der Textkompetenz(en) im Fremdsprachenunterricht. Ausghend von der Definition und Abgrenzung wendet sich die Autorin speziell didaktischen Methoden im Unterricht von Deutsch als Zweit- und Deutsch als Fremdsprache zu, wobei sie die Textkompetenz beider Seiten, die der Lernenden sowie der Lehrenden unter die Lupe nimmt.

Olaf Gätje untersucht, wie die medientechnischen und medienkulturellen Veränderungen der vergangenen ca. 20 Jahre die Voraussetzungen der Textproduktion und die Struktur der Textprodukte selbst verändern und diskutiert die didaktisch relevante Frage nach dem Verhältnis von Sprache und visuellen Darstellungsformen. Am Beispiel der Verwendung des illustrativen Bildes in der softwaregestützten Schülerpräsentation der gymnasialen Oberstufe zeigt er, dass die Visualisierungstendenzen im Internet nicht nur die Wahrnehmungsmuster von Anwendern verändern, sondern dass diese „Bilderflut“ im Netz auch Auswirkungen auf die Textproduktion von SchülerInnen am vernetzten Computer hat.

Zsuzsanna Iványi widmet sich in ihrem Beitrag der Frage, ob gesprochener Text zum Untersuchungsgebiet der Textlinguistik gehört und ob Gespräch auch als Text gelten kann. Sie diskutiert verschiedene Ansichten zum Verhältnis von Text und Rede. Mit den Methoden der Konversationsanalyse zeigt sie am Beispiel eines Rundfunkgesprächs, welche Merkmale eine in öffentlichen Medien gesendete Kommunikation hat, mit welchen Verfahren und Methoden die interaktive Konstitution der Wirklichkeit verläuft, um soziale Ordnung in einem gesprochenen Text herzustellen. Sie kommt zum Schluss, dass Gespräch eine durchaus textuelle Struktur aufweist.

Péter Kappels Aufsatz „Satzintegration in neuhochdeutschen Texten. Zum Schnittstellencharakter der Integration vorangestellter Adverbialsätze“ befasst sich mit der Frage, inwieweit die Erfassung der Integration über ein rein grammatisches Erklärungsmodell hinausgehen sollte. Der Autor argumentiert für die Beschreibung des anvisierten Phänomens „in einem variationslinguistischen Rahmen“ und weist den Einfluss der „Nähe-Distanz-Dimension“ auf bestimmte Bereiche der Integration nach.

Kollokationen wird in der korpuslinguistisch ausgerichteten Lernerlexikographie immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Tamás Kispál geht in Form von zwei Fallstudien der Frage nach, wie sie in DaF-Wörterbüchern behandelt werden ← 11 | 12 → und inwieweit sie den Erwartungen einer korpusbasierten lexikographischen Erfassung entsprechen. Die im Deutschen Referenzkorpus angewandte Kookkurrenzanalyse und die statistisch signifikanten Kollokatoren stehen häufig nicht im Einklang mit den kodifizierten Einträgen in den Lernerwörterbüchern. Die untersuchten drei Lernerwörterbücher zeigen auch untereinander große Unterschiede bei der Kollokationserfassung, im Hinblick auf ihre Markierung sowie die Quantität und Qualität der Einträge.

Nina Maria Klug plädiert in ihrem Beitrag für die systematische Entwicklung und Etablierung eines angemessenen und in seiner Terminologie vereinheitlichten theoretischen und methodischen Instrumentariums für die semiotische Beschreibung multimodaler Texte. Der Beitrag fragt am Beispiel der Analyse von Sprache- Bild-Texten sowohl nach den Arten der Bedeutungsbildung in multimodalen Texten, also den Formen multimodaler syntaktischer Verkettung, als auch nach der Möglichkeit, das verstehensrelevante Wissen zu erfassen, das von Seiten der Rezipienten aktiv in die Bedeutungsbildung eingebracht werden muss, um den semiotisch komplexen Text angemessen zu verstehen. Die Analysen zeigen, dass für die Beschreibung der Arten der Bedeutungsbildung in multimodalen Texten die Framesemantik ein adäquates Modell ist. Das verstehensrelevante Wissen seinerseits kann u.a. durch Argumentations- bzw. Toposanalyse erfasst werden.

Michail L. Kotin untersucht die Möglichkeiten und Grenzen der Theoriebildung bei der Text- bzw. Diskurslinguistik und geht der Frage nach, welche Forschungsstrategie in der Makrolinguistik adäquat ist: das Herangehen, bei dem eine Ebenen-Hierarchie „von oben nach unten“, d.h. vom Text zu seinen Bestandteilen aufgebaut werden kann, und die ihr direkt entgegengesetzte Richtung „von unten nach oben“, d.h. vom Laut zum Text. Er zieht den Schluss, dass die Linguistik ihre eigenen Gesetzte und Mechanismen aufweist und dass die Textlinguistik, wenn sie eine Linguistik blieben will, weitgehend von genuin außerlinguistischer Denkweise Abstand halten muss.

Die Ausgangsfrage des Beitrags von Hartmut E. H. Lenk ist, wie mutter- und fremdsprachige Studierende die Hauptaussage von Kommentaren aus einer überregionalen bundesdeutschen Tageszeitung zusammenfassen können. Zur Beschreibung der verschiedenen Rezeptionsweisen untersucht Lenk die gegebenen Wiedergabeperspektiven und die Propositionskomplexe in den Antworten der Testpersonen. Die Untersuchung zeigt, dass es zwischen den befragten Mutterund Fremdsprachlern deutliche Unterschiede im Hinblick auf die Perspektive gab, mit der die Hauptaussage wiedergegeben wurde.

Heinz-Helmut Lüger untersucht Parlamentsreden von NPD-Abgeordneten. Aus der Betrachtung des Wortschatzes und der Argumentationsanlyse lassen sich vor allem zwei Folgerungen ableiten: In ihren Parlamentsreden sind die NPDRedner bemüht, NS-Anspielungen und andere juristisch angreifbare Äußerungen ← 12 | 13 → möglichst zu vermeiden. Andererseits wird – mit Blick auf die eigene Wählerschaft – keineswegs auf Provokationen der politischen Gegner und auf den Einsatz diskreditierenden Vokabulars verzichtet.

Orsolya Rauzs untersucht negativ-implikative Ausdrücke, die das Nicht-Zutreffen der Proposition der von ihnen abhängigen Nebensätze implizieren. Diese Nebensätze konnten in früheren Sprachstadien trotz der negativen Implikation des Matrixsatzes auch eine aus heutiger Sicht überflüssige Negation enthalten. Die Autorin geht anhand eines neuhochdeutschen Korpus der Frage nach, welche Gründe die Setzung bzw. Nicht-Setzung solcher Negationselemente motivieren.

Paul Reszke widmet sich der Frage, wie man die Erfassung und Analyse der Komplexität eines Diskurses mithilfe textlinguistischer Kategorien methodisch schärfen kann. Seine Antworten exemplifiziert der Autor an Pressebelegen aus seinem Arbeitskorpus zum deutschen Schulamoklaufdiskurs. Dabei werden „Einzellexeme“ im Hinblick auf ihre Semantik und ihren Bedeutungswandel sowie auf ihre Rolle in der „Themenentfaltung im Diskurs“ behandelt. Die letztere beruhe nicht nur auf der Frequenz der Lexeme, sondern vor allem auf ihrer Stelle, ihrer Verstärkung und Hervorhebung im jeweiligen, dem Diskurs zugehörigen Text. Ein weiteres Ergebnis der Diskursanalyse von Paul Reszke stellt die „Chronik“ dar. Sie etabliert sich im obigen Diskurs als eine eigenständige Textsorte zur Perspektivierung und Verarbeitung des Phänomens „Schulamoklauf“.

Ágnes Sántáné-Túri widmet sich Vorüberlegungen zur empirischen Untersuchung der Substantivvalenz auf unterschiedlichen Realisierungsebenen. Dabei schenkt sie der bisher vernachlässigten Textebene eine besondere Beachtung. Demzufolge unternimmt die Autorin eine Pilotuntersuchung, deren qualitative und quantitative Ergebnisse auf den multidimensionalen Charakter der Substantivvalenz hindeuten. Ferner begründen sie die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen auf der Textebene, da Substantivkomplemente „nicht nur auf den schon oft untersuchten Ebenen der Nominalphrase und des Satzes, sondern auch auf der des Textes mit einem großen Anteil“ eruiert werden können.

In seinem sprachkontrastiv und -typologisch ausgerichteten Beitrag stellt György Scheibl einen Ansatz „zur systematischen Beschreibung der Transposition im Deutschen“ vor. Den Mittelpunkt der Untersuchung bilden nominale Prädikate. Dabei gewährt der Autor Einsichten, die auch aus der Text-Perspektive relevant sind: Bspw. behandelt er Abhängigkeiten zwischen grammatischer bzw. semantischer Genusmarkierung und anaphorischem bzw. deiktischem Gebrauch der Nomina. Ferner geht György Scheibl der Frage nach, ob der Bedeutungsvarianz bestimmter nominaler Lexeme kontextuelle oder lexikalische Bedeutungsspezifikation zu Grunde liegt.

Der Beitrag von Roberta V. Rada behandelt die Sortenhaftigkeit von Texten vor dem Hintergrund der modernen linguistischen Intertextualitäts- und Stilforschung ← 13 | 14 → am Beispiel von deutschen und ungarischen Gebrauchstexten, in denen gleichzeitig auf mehrere verschiedene Textmuster Bezug genommen wird (vgl. Textmustermischung und -montage). Für die Analyse der Texte wird ein eigenes Analysemodell entwickelt.

„,Textgrammatik“ sollte – wenn überhaupt gebraucht – nur als Verweis auf die Textsensibilität der Satzgrammatik dienen.“ Zu diesem Schluss kommt Gisela Zifonun infolge ihrer kritischen Diskussion des Konzeptes ,Textgrammatik‘. Auf eine strikte Deutung dieses Konzeptes fokussierend legt sie als bekennende Strukturalistin nahe, dass grundlegende spezifische grammatische Eigenschaften, wie „Regeln bzw. Beschränkungen (,constraints’)“, „Gegliedertheit“ und „Form- bezogenheit“ in Texten – in einer vergleichbaren Art, wie sie in Sätzen gegeben sind – nicht auftreten. Dies exemplifiziert Gisela Zifonun an Phänomenen aus den Bereichen der Anaphorik und der Ellipse.

Zum Abschluss dieser Einführung bedanken wir uns bei allen, die am Entstehen und Erscheinen des Bandes beteiligt waren: bei den Autor(inn)en für ihre Beiträge, bei den muttersprachlichen Lektor(inn)en, Frau Charlotte Klein, Frau Elisabeth Peschke und Herrn Dr. Andreas Nolda für das Korrekturlesen, bei der Alexander von Humboldt-Stiftung für die finanzielle Unterstützung der Druckkosten und nicht zuletzt beim Verlag Peter Lang für die kompetente und freundliche Beratung.

Szeged, im Dezember 2013

die Herausgeber des Bandes

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I.

Sprachwissenschaftliche Zugänge

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Péter Bassola

Szeged

Nominale Satelliten an der Leine.
Nominalphrasen-, Satz- und Textbereich
1

Abstract

In der Nominalphrase ist die Anordnung der Satelliten bekanntlich ziemlich fest fixiert. Hier hält das Nomen die Leine kurz. Sobald die Attribute auf die Satzebene gelangen und zu Satzgliedern werden, können sie sich relativ frei bewegen: die Leine wird länger und lockerer. Die Leinen werden noch länger, wenn sich die Satelliten außerhalb des Satzes, in dem das übergeordnete Nomen steht, befinden. Die Leinen sind dann auch dünner, denn sie erfassen möglicherweise nur den semantischen Bereich der Bindung, die formale Realisierung wird nicht mehr vorgeschrieben. Für die topologische Ordnung in den ersten beiden Bereichen sind wahrscheinlich die Verben der jeweiligen Sätze (mit)verantwortlich. Wie wird die Argumentstruktur der Nomina im vorangehenden textuellen Bereich des jeweiligen Satzes vorbereitet und wie wird im nachfolgenden Textbereich auf diese Elemente gegebenenfalls verwiesen? Wie verhalten sich die nominalen Kerne und ihre Satelliten in den unterschiedlichen Situationen? Diese und weitere ähnliche Fragen werden gestellt und Antworten darauf gesucht.

1 Einführung

Nominale Satelliten an der Leine2 – in allen drei Bereichen, auf der Phrasenebene, der Satzebene sowie im Textbereich spielt das valente Nomen die leitende Rolle. In den drei Bereichen ist die Leine unterschiedlich lang. Im Phrasenbereich ist sie fest angebunden, so dass die Satelliten keinen Bewegungsraum haben. Im Satzbereich können sie sich relativ frei bewegen, im Textbereich schließlich haben sie die große Freiheit, zuvor oder danach zu erscheinen, genannt zu werden oder im Hintergrund zu bleiben (vgl. Hoffmann 1997: 569ff. und Hölzner 2007: 286ff.: Analepse vs. Katalepse). Über das Maß der Beweglichkeit hinaus können ← 17 | 18 → weitere Merkmale herangezogen werden, die die Festigkeit der Leine in den unterschiedlichen Bereichen beeinflussen. Das sind u.a. die Erfragbarkeit, Negierbarkeit und Referierbarkeit (vgl. dazu Bresson 1988 und Storrer 2006 in Bezug auf die Funktions- bzw. Nominalisierungsverbgefüge). Bei den ersten beiden Ebenen haben wir ein entweder-oder-Verhältnis: das Verb des jeweiligen Satzes bestimmt, auf welcher Ebene sich das Kernsubstantiv befindet: auf der Phrasenebene oder auf der Satzebene. Im Textbereich können sich die Kernsubstantive auf beiden Ebenen befinden; entscheidend ist dabei das Verb im jeweiligen Satz. Hier wird untersucht, wo und in welcher Form die Argumente des Kernsubstantivs platziert werden, ob in dem jeweiligen Satz oder davor oder danach, oder ob sie überhaupt genannt werden.

2 Phrasenebene

Im Phrasenbereich ist die Situation ziemlich eindeutig. Dazu liefern die beiden Bände unseres Substantivvalenzwörterbuches genügend Belege (vgl. Bassola 2003 und 2012).

(1) Wie ist Ihr erster Eindruck von der Schweizer Nationalliga? (St. Galler Tagblatt, 23.08.1997, Samstag, 23. August 1997, aus Bassola 2012: 87)

(2) Kritik an Wertpapieranalysten wegen Fehlprognosen nimmt zu. (Berliner Zeitung, 30.12.2000, S. 39, aus Bassola 2012: 198)

Die obigen Kernsubstantive Eindruck und Kritik sind zwei- bzw. dreiwertig. Ihre Satelliten haben ihre festen Plätze. Einzig die genitivischen Satelliten können im pränominalen Bereich (wie Possessivdeterminativ und sächsischer Genitiv) sowie im postnominalen Bereich (alle anderen genitivischen Substantive) stehen. Alle anderen Satelliten befinden sich hinter dem nominalen Valenzträger.

(ad 1) Ihr erster Eindruck von der Schweizer Nationalliga
(ad 2) Kritik an Wertpapieranalysten wegen Fehlprognosen

Ein wesentlicher Unterschied zu den verbalen Satelliten, d.h. zu den Satzgliedern, ist es, dass die satzförmigen nominalen Satelliten wie Nebensatz (NS) und Infinitivsatz (IS) ebenfalls meistens im postnominalen Bereich platziert sein dürfen:3 ← 18 | 19 →

(3) „Das schuf den Eindruck, als ob wir mit den Tätern freundlicher umgehen als mit den Opfern“, sagte Tutu. Die Frage der Entschädigung und Rehabilitation von Opfern sei bislang im Hintergrund geblieben. (Frankfurter Rundschau, 24.10.1997, S. 2, aus Bassola 2012: 88)
(4) Die Kritik, seine Position im ureigenen Interesse im Tagesgeschäft missbraucht und mit der späten Bekanntgabe seiner Kandidatur ein gewieftes Täuschungsmanöver inszeniert zu haben, ist kaum zu entkräften. (Frankfurter Rundschau, 02.05.1998, S. 17, aus Bassola 2012: 199)

Die Erfragbarkeit innerhalb der Nominalphrase (NP) ist wesentlich eingeschränkt; einzig der nominale Kern kann mit welcher3 oder was für ein3 erfragt werden:

(ad 3) Welchen Eindruck?
(ad 4) Welche Kritik?
(5) „Das Alter“, heißt es zum Schluss, „ist gleichsam der letzte Akt eines Theaterstücks, bei dem wir das Gefühl von Überdruss vermeiden müssen, zumal wenn ein Gefühl der Sättigung mit ihm verbunden ist.“(die tageszeitung, 15.10.1998, S. 18, aus Bassola 2012: 134)
(ad 5) Was für ein Gefühl?

Von den nominalen Satelliten kann nur der im Genitiv (in welcher Form, ob sächsischer Genitiv, Possessivdeterminativ oder nachgestellter Genitiv, und Semantik, ob Genitivus subjektivus oder objektivus, auch immer) erfragt werden:

(ad 1) Wessen Eindruck? (= Genitivus subjektivus)

Die Negierung der NP und ihrer Elemente ist sehr eingeschränkt möglich: die Satelliten des Kernsubstantivs, d.h. die Attribute können nicht negiert werden:

(6) *ein kurzes Gespräch über keine Haustiere (eigener Beleg)

Das Kernsubstantiv kann außerhalb eines Satzes, aber noch im Phrasenbereich negiert werden:

(ad 6) Kein Gespräch über Haustiere!

Ein bereits bewährtes Programm wurde kopiert: Keine Interviews, keine Gespräche über den Wettkampf. Ein fast gemütlicher Tag – mit dem Ticken der (Kalorien-) Bomben im Hintergrund. (Neue Kronen-Zeitung, 25.02.1994, S. 54) ← 19 | 20 →

Innerhalb eines Satzes wird auch das Kernsubstantiv selten negiert:

(7) Wenn schon kein Gespräch über seelische Nöte möglich war, wollte der Vater seinen Sohn wenigstens unter Leute bringen. (Mannheimer Morgen, 10.02.2011, S. 3)

Was die Referierbarkeit im Bereich der Nominalphrasen anbelangt, so können wir sagen, dass hier meistens nur auf das Kernsubstantiv referiert werden kann:

(8) Vor einem Jahr war ein Antrag auf Bezuschussung, den die Hannoveraner gemeinsam mit den Verkehrsunternehmen aus München und Bremen gestellt hatten, im Ministerium nicht zum Zuge gekommen. (Hannoversche Allgemeine, 28.01.2010; Üstra hofft auf Hybridbusse)

Das Referieren auf die Satelliten wäre wohl ziemlich schwerfällig; sie findet sich auch im größeren Korpus nicht:

(9) ?Sein Antrag auf Sozialhilfe, die für ihn und seine Familie so notwendig wäre, wurde abgelehnt. (eigener Beleg)

3 Satzbereich

Die nominale Phrasenstruktur haben wir im Wörterbuch zur Substantivvalenz (Bassola 2003 und 2012) mit Hilfe des Verbs, von dem das Nomen abgeleitet ist, und des Funktionsverbgefüges (FVG, vgl. Polenz 1963) oder Stützverbgefüges (StVG – zu verbe support vgl. PROCOPE-Projekt, s. Bresson / Kubczak 1998) eruiert.

LEVEZ jmd(A1) hat irgendwo(A2) mit etw(A3) Erfolg
(Ableit) jmd(A1) erzielt irgendwo(A2) mit etw(A3) einen Erfolg

Tab. 1 (Bassola 2012: 101)

Jetzt gehen wir den umgekehrten Weg und heben mit diesen Konstruktionen die Nominalphrase (NP) auf eine höhere grammatische Ebene, nämlich in den Satzbereich. Hier hat der Kopf der NP zusammen mit dem Verb, d.h. mit dem Funktionsverb (FV) oder Stützverb (StV) eine prädikative Funktion, und die nominalen Satelliten werden zu Satzgliedern.4 ← 20 | 21 →

Polenz bezeichnet dieses Doppelprädikat als Nominalprädikat, bestehend aus Nominalverb und Prädikativ (Polenz 1988: 82):

Tab. 2

Uns interessiert nun die Nominalgruppe, deren Kopf ein valentes Nomen ist. Dieses Kernsubstantiv gibt eines seiner Komplemente im Genitiv an das Nominalverb ab und seine weiteren Attribute werden zu Satzgliedern. Wenn wir Sätze als Entitäten mit verbalen Kernen definieren, wo die Prädikation einzig durch das Verb realisiert wird, dann können Nominalprädikate mit nominalem Prädikativ als Zwischenstufe zwischen der Syntagmaebene und Satzebene betrachtet werden, wo das Nominalprädikativ und das Nominalverb zusammen alle weiteren Elemente regieren. In der NP auf der untersten Ebene entsteht kraft des (valenten) Kernsubstantivs mit seinem/seinen Satelliten eine komprimierte Prädikation.

Tab. 3 ← 21 | 22 →

Die Satelliten des Kernsubstantivs sind auf der Satzebene frei beweglich, sie können dem Regens unmittelbar nach- (10) oder vorangestellt (ad 11) werden oder weiter davon entfernt (11) platziert sein:

(10) Das Wetter habe natürlich einen Einfluss auf die Teilnehmerzahl,... (St. Galler Tagblatt, 07.03.2008, S. 63;)
(11) Aber darauf habe ich keinen Einfluss“, betont Jörgen Schilling. (Braunschweiger Zeitung, 16.04.2010; Verfolger unter sich: MTV II trifft auf SV Osloß)
(ad 11) Ich habe darauf keinen Einfluss.

Negiert werden kann vor allem das Kernsubstantiv, dadurch wird zugleich auch sein Satellit negiert.

(12) Die Ehe hat keinen zwingenden Einfluss mehr auf den Namen. (Zürcher Tagesanzeiger, 02.09.1999, S. 1)

Die Negation des Satelliten ist eher im Falle von Kontrast möglich:

(ad 12) Er hat Einfluss nicht auf die Nachbarn, sondern auf ihre Kinder.

Die Negierung des Satelliten wird aber eher durch seine topologische Verschiebung vorgenommen, wobei das Negationselement dem Kernsubstantiv vorangestellt wird (13); diesem verneinten Komplement kann auch der Kontrast nachgeschoben werden (ad 13):

(13) Auf den Wahlkalender habe sie keinen Einfluss, antwortet Yvonne Gilli […]. (Galler Tagblatt, 15.01.2008, S. 11;)
(ad 13) Auf den Wahlkalender hat sie keinen Einfluss, höchstens nur auf die Wahlvorbereitungen.

Wegen der engeren Zusammengehörigkeit der Bestandteile innerhalb des StVG kann das nominale Prädikativ nicht erfragt werden, nur sein Satellit:

Details

Seiten
541
ISBN (PDF)
9783653041989
ISBN (ePUB)
9783653992991
ISBN (MOBI)
9783653992984
ISBN (Hardcover)
9783631646786
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (März)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 541 S., 28 farb. Abb., 16 s/w Abb., 47 Tab., 18 Graf.

Biographische Angaben

Péter Bassola (Band-Herausgeber:in) Ewa Drewnowska-Vargáné (Band-Herausgeber:in) Tamás Kispál (Band-Herausgeber:in) János Németh (Band-Herausgeber:in)

Péter Bassola, DSc an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest, Professor am Institut für Germanistik der Universität Szeged (Ungarn). Ewa Drewnowska-Vargáné, Habilitation an der Universität Szeged (Ungarn), ebenfalls dort Dozentin am Institut für Germanistik. Tamás Kispál, Promotion an der Universität Szeged (Ungarn), ebenfalls dort tätig am Institut für Germanistik. János Németh, Promotion an der Universität Szeged (Ungarn), am Institut für Germanistik der Universität Veszprém und als Freiberufler tätig. György Scheibl, Promotion an der Universität Szeged (Ungarn), ebenfalls dort Dozent am Institut für Germanistik.

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