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Alltags- und Fachkommunikation in der globalisierten Welt

Eine Annäherung

von Armin Burkhardt (Band-Herausgeber) Jin Zhao (Band-Herausgeber) Jianhua Zhu (Band-Herausgeber)
Konferenzband 349 Seiten

Inhaltsverzeichnis


← 6 | 7 → Vorwort der Herausgeber

Der unaufhaltsame Prozess der Globalisierung ist für die ganze Welt nicht nur eine ökonomische und ökologische, sondern auch eine kulturelle Herausforderung. Über wirtschaftliche Zusammenarbeit, internationalen Handel, wissenschaftlichen Austausch, weltweiten Tourismus, Migration und mediale Kommunikationsverbindungen, die in fast jeden Winkel der Erde reichen, greift er inzwischen in das private und berufliche Leben fast aller Menschen ein. Für eine internationale germanistische Konferenz in der Expo-Stadt Shanghai bot sich daher für das Jahr 2010 das Thema „Alltags- und Fachkommunikation in der globalisierten Welt“ beinahe von selber an. Veranstaltet wurde die Tagung, die vom 24.-27. Mai 2010 im Huiwen-Gebäude der Tongji-Universität Shanghai stattfand, vom Humboldt-Club Shanghai und der Deutschen Fakultät der Tongji-Universität, gefördert wurde sie von der Alexander von Humboldt-Stiftung, unterstützt von der Gesellschaft für deutsche Sprache. Dass die Tagung und ihr Rahmenthema reges Interesse fanden, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass 22 ausländische Teilnehmer – aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, den USA, Japan und Südkorea – anwesend waren und insgesamt 57 Humboldtianer, 41 Nachwuchswissenschaftler und 40 weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an diesem Humboldt-Kolleg teilgenommen haben.

Die Tagung umfasste zwei Fest- sowie 8 Plenarvorträge, eine Podiumsdiskussion und 4 Sektionen, in denen 46 Vorträge gehalten wurden. V.a. unter interkulturellen und kontrastiven Aspekten wurden recht unterschiedliche sprachund literaturwissenschaftliche sowie fremdund fachsprachendidaktische Themen diskutiert und beleuchtet. Aus der Vielfalt der Beiträge wurden 27 in den vorliegenden Band aufgenommen, die sich sehr unterschiedlichen – allgemeineren und spezielleren – Teilbereichen des Gesamtgegenstandes widmen. In den meisten von ihnen zeigt sich, wie spannend und hilfreich der Blick des Anderen auf das jeweils Eigene ist.

Die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes sind in 5 Kapitel gegliedert, deren Überschriften die wichtigsten Schwerpunkte der Tagung widerspiegeln. Da das Buch in deutscher Sprache in Deutschland erscheint und sich an Germanisten richtet, wurde auf englischsprachige Abstracts verzichtet. Aus demselben Grund haben wir entschieden, dass die chinesischen Namen wie die europäischen behandelt werden, d.h. dass im Inhaltsverzeichnis, im Artikelkopf und im Fließtext die Reihenfolge Vorname – Familienname gilt, während im Literaturverzeichnis schon aufgrund der Alphabetisierungsregeln der Familienname in jedem Fall zuerst genannt wird.

← 7 | 8 → Zu bedanken haben sich die Herausgeber bei der Alexander von Humboldt-Stiftung, hier insbesondere bei der damaligen Stellvertretenden Generalsekretärin Dr. Gisela Janetzke, und bei der Gesellschaft für deutsche Sprache, hier vor allem bei ihrem damaligen Vorsitzenden Prof. Dr. Rudolf Hoberg, und ihrer Geschäftsführerin, Prof. Dr. Karin Eichhoff-Cyrus, für die Förderung der Tagung, die ohne diese Unterstützung nicht hätte stattfinden können. Wir danken der gastgebenden Tongji-Universität Shanghai, hier besonders den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie der Leitung der Deutschen Fakultät, für die exzellente Organisation. Herzlicher Dank gebührt ebenfalls Dorotheé Radwe, die in Magdeburg als studentische Hilfskraft für die Endformatierung der Beiträge und die Erstellung der für den Druck benötigten PDF-Datei verantwortlich war und dabei sehr gute Arbeit geleistet hat. Wir danken auch den Autorinnen und Autoren für ihre interessanten, interkulturelles Verständnis fördernden Beiträge und für ihre Geduld.

Leider kamen den Herausgebern andere private und dienstliche Aufgaben, Probleme und Verpflichtungen immer wieder in die Quere, sodass sich die Publikation des Bandes mehrfach verzögert hat. Umso mehr freuen wir uns, der wissenschaftlichen Öffentlichkeit nun den fertigen Band vorlegen zu können, und hoffen auf dessen wohlwollende Aufnahme.

Armin Burkhardt   •   Jin Zhao   •   Jianhua Zhu

Magdeburg und Shanghai im November 2013

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Globalisierung und Interkulturelle Kommunikation← 9 | 10 →

← 10 | 11 → Globalisierung Über die Notwendigkeit interkulturell-interdisziplinärer Wissenschaften

Ralf Glitza (Bochum/Osnabrück)

Abstract

Im vorliegenden Beitrag wird der Frage nachgegangen, ob und inwiefern sich einzelwissenschaftsorientierte, medial geprägte oder landläufig wiederkehrende Charakterisierungen der Globalisierung als Fundament wissenschaftlicher Definitionen des Globalisierungsbegriffs eignen. Sowohl die Globalisierung in ihrem Reichtum an Facetten und Perspektiven als auch ihre häufig nicht klar umgrenzte begriffliche Bestimmung – so wird gezeigt – ist nur im Kontext „querdisziplinärer“ Wissenschafts- und Dialogkultur adäquat fassbar.

1. Der Begriff der Globalisierung

„Alltags- und Fachkommunikation in der globalisierten Welt“, so lautete das Rahmenthema des Humboldt-Symposions, aus dessen Beiträgen der vorliegende Band hervorgegangen ist und dessen Anliegen es war, den vielleicht „tollkühnen“ Versuch zu unternehmen, zwei den Inhalten, aber auch Methoden nach so verschiedene Fachwissenschaften wie die Germanistik und die Ökonomie thematisch zusammenzuführen: Dass die Erforschung von Kommunikation, Sprache und Verständigung einen zentralen Forschungsgegenstand der Linguistik bildet, scheint evident. Wie aber ist das vieldiskutierte Phänomen der Globalisierung unter germanistischen Gesichtspunkten zu fassen? In den folgenden Ausführungen werde ich mich einerseits dem Begriff der Globalisierung aus kritischer Distanz nähern, andererseits aus ihm die Notwendigkeit des vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) – als dessen Hochschuldidaktik-Repräsentant ich in der Volksrepublik China Wissenschaftsaustausch zu verantworten hatte – geförderten und vorangetriebenen Wissenschaftsdiskurses herleiten. So werde ich u.a. der Frage nachgehen, ob die landläufige Art und Weise, sich die Welt als globalisiert vorzustellen und als solche zu artikulieren, nicht fragwürdig und wissenschaftlich unhaltbar erscheint: Wie sinnvoll werden überhaupt Phänomene der Globalisierung im Alltag und in den Wissenschaften kommuniziert, vermittelt, rezipiert und verstanden?

Dass der Begriff der Globalisierung – das Gegenteil zu behaupten, wäre vermessen – gegenwärtig in aller Munde ist, lässt sich nicht von der Hand weisen: Weder von den Foren einer weltweiten kritischen Öffentlichkeit, noch von der Agenda politisch Verantwortlicher, noch aus wissenschaftlichen Diskursen ist der Globalisierungsbegriff fortzudenken. So ist es evident, dass viele Menschen glauben, sie lebten – so suggeriert die mediale Omnipräsenz des Begriffs ← 11 | 12 → – in einer Ära der Globalisierung. Der Philosoph Otfried Höffe (1999) setzt sich bereits 1999 mit dem sog. „Zeitalter der Globalisierung“ auseinander.

Einige Zeitgenossen setzen den Begriff der Globalisierung mit einer Zauberformel gleich, die eine Überwindung nationaler Grenzen, eine schier grenzenlose Entfaltung ökonomischer Werte und einen rasanten Austausch von Informationen, Gütern und Kapital ermögliche. Auf andere wiederum wirkt der Globalisierungsbegriff bedrohlich: Als wohl klingender Euphemismus bezeichne er nichts anderes als die weltweite Erfahrbarkeit eines rücksichtlosen Standortwettbewerbs und Konkurrenzdrucks, eines permanenten Abbaus von Arbeitsstellen, einer drastischen Infragestellung sozialer Sicherungssysteme und der Vernichtung überkommener Ordnungen und Lebensgefüge. In diesem Sinne konstatiert Bruce Stokes eine destruktive ökonomische Dimension der Globalisierung: „Sie ist eine unwiderstehliche wirtschaftliche Kraft, angetrieben durch transnationale Produktions- und Handelswerke, die die traditionellen sozialen und politischen Einheiten, nationale Märkte und möglicherweise die Regierungsfunktion des Nationalstaats zerstören.“ (2001: 19f.) Bereits 1932 betrachtet Karl Jaspers in seinem Werk,,Die geistige Situation der Zeit“ kritisch das zunehmend mit Schrecken wahrgenommene Phänomen einer technischen und ökonomischen Globalisierung unter den Zeichen und Vorzeichen seiner Zeit als einen Prozess der Aufhebung, des Anpassens, des Angleichens und des „Massendaseins“: „Als technische und wirtschaftliche scheinen alle Probleme planetarisch zu werden.“ Mit einer Vereinheitlichung des Planeten habe ein „Prozess der Nivellierung“ begonnen, der mit „Grauen“ wahrgenommen werde. (Vgl. Jaspers 1999: 74f.)

Doch eignen sich – so ist zu fragen und zu hinterfragen – einzelwissenschaftsorientierte, medial geprägte oder landläufig wiederkehrende Charakterisierungen der Globalisierung als Fundament wissenschaftlicher Definitionen des Globalisierungsbegriffs?

2. Globalisierung und Wissenschaft

2.1 Absichten und Ziele

In den folgenden Ausführungen werde ich auf mögliche Relationen des Begriffs und des Phänomens der Globalisierung im Hinblick auf eine interkulturelle Wissenschaftsdimension eingehen. Es wird die These vertreten, dass der Begriff der Globalisierung kein klar umgrenztes Phänomen beschreibt, sondern Ausdruck für Wahrnehmung von Komplexität ist, die sich einzelwissenschaftlichen Zugängen versperrt und sich grundlegend nur im Kontext „querdisziplinärer“ Wissenschafts- und Dialogkultur adäquat erfassen lässt. Des Weiteren wird ← 12 | 13 → diskutiert, welche Herausforderungen sich durch ein „Globalisierungskonstrukt“ für ein interkulturelles Verstehen aus germanistischer Perspektive stellen.

2.2 Pauschalisierung des Globalisierungsbegriffs

Die pauschalierende Rede von „der“ Globalisierung suggeriert, dass Globalisierung ein homogenes Geschehen sei, welches einer spezifischen Logik folge und eigendynamisch ablaufe. Beobachtbar ist, dass in Abhängigkeit vom Sprecherfokus verschiedene Aspekte (politische, kulturelle, ökonomische, etc.) unter den einen Globalisierungsbegriff subsumiert werden. Gegenstand der Auseinandersetzungen mit „dem“ Globalisierungsbegriff sind folglich Einzelbereiche im Kontext wissenschaftlich-singulärer Codes der Wirtschaftsund Gesellschaftswissenschaften. Dass „Globalisierung“ sich jedoch zwischen verschiedenen Dimensionen und Wechselwirkungen konstituiert, wird zumeist außer Acht gelassen: Üblicherweise wird jeweils der aus der disziplinären Perspektive nahe liegende Ausschnitt als das zentrale Phänomen der Globalisierung identifiziert. Der im exkludierenden Entweder-Oder-Modus geführte Diskurs verdeckt jedoch die Frage, ob das, was kritisiert oder befürwortet wird, fundiert kommuniziert und sinnstiftend verstanden werden kann. Sowohl die Gegner als auch die Befürworter der Globalisierung unterstellen gleichermaßen die Existenz eines eindeutig fassbaren Denotats des Globalisierungsbegriffs und bestimmen diesen über seine positiven oder negativen Wirkungen auf Parametern wie „Wohlstand vs. Armut“, „sozial vs. unsozial“, „nachhaltig vs. kurzsichtig“. Je nach Modellierung der Wirkungsursache konstituieren sich die zumeist durch die Massenmedien vermittelten Bezugsoder Angriffspunkte des Globalisierungsbegriffs.

2.3 Vergegenständlichung der Welt

Bei genauer und differenzierter Betrachtung suggeriert der pauschalisierende Gebrauch des Globalisierungsbegriffs zweierlei:

a) Wir hätten einen distanzierten, omniszienten Blick auf die uns umgebende und umschließende Welt, über die wir uns quasi supranatural erheben und die wir aus der Vogelperspektive neutral und in ihren Zusammenhängen vollständig betrachten könnten.

b) Wir lebten in einer als solche vollständig erfassbaren globalisierten Welt und verfügten tatsächlich über sie.

Beide Suggestionen sind problematisch:

← 13 | 14 → a) Das, worauf sich Globalisierung bezieht, wird objektiviert, zum objektiv wahrnehmbaren Gegenstand, der unabhängig vom subjektiven Dafürhalten erfasst und beschrieben werden kann, gemacht. Die Bedingtheit, Situierheit und Subjektivität des eigenen empirischen Fassens und kognitiven Erfassens wird intuitiv und unreflektiert negiert.

b) Wir distanzieren uns von der scheinbar eindeutig beschreibbaren, charakterisierbaren, vereinheitlichbaren und vergegenständlichbaren Welt, indem wir gleichsam frei wie ein Vogel über ihr schweben und sie aus metaphysischer Distanz beobachten, sie normieren und evaluieren.

c) Wir denken und verstehen Globalisierung, wie wir sprechen und Sprache gestalten, nämlich im Singular: Es gibt scheinbar für uns EINE und NUR EINE eindeutig erkennbare Welt. So bestätigen wir indirekt – unabhängig davon, ob bewusst oder unbewusst – Wilhelm von Humboldts transzendentalphilosophisch fundierbare Organon-These, derzufolge Sprache als „das bildende Organ des Gedanken“ (1968: 151) aufzufassen sei, aber auch die Sapir-Whorf-Hypothese (vgl. Whorf 2008), dass die Sprache das Weltbild bestimme, dass Sprache und Denken deckungsgleich oder gar identisch seien, wie die Vertreter des „Linguistic turn“ der 50er Jahre geglaubt hatten.

Die vereinheitlichende Vergegenständlichung der Welt verliert unmittelbar unter der Voraussetzung an Plausibilität, dass die Welt nachgezeichneter Migrationsbewegungen eine andere ist als die der Visualisierung von Religionszugehörigkeiten nach geographischen Parametern und Einheiten. Die aufgrund von Kapital- und Informationsströmen rekonstruierte und aufgrund von sprachlichen Vereinheitlichungen konstruierte Welt unterscheidet sich deutlich von einer auf Lebenserwartungen basierenden Welt. Das Nebeneinander verschiedener Welten aufgrund unterschiedlicher Weltsichten verdeutlicht sich insbesondere im Fokus der kulturellen Welten. Trotz aller Unterschiede sind die „Welten“ aufeinander bezogen, miteinander verbunden und unabhängig voneinander nur beschränkt begreifbar: DIE EINE, in sich wirkende, erfassbare und verstehbare Welt gibt es nicht; diese ist zugleich das Produkt und das Resultat einer bloßen Abstraktion, einer sprachlichen Determination und einer selektiven Wahrnehmung. Eine einheitliche Welt ist nichts anderes als eine bloß eingebildete, durch das Globalisierungsphänomen suggerierte Vorstellung von Einheit und Vereinheitlichung, die der Realität widerspricht.

2.4 Möglichkeiten des Verstehens

Unter der Prämisse der selektiven Wahrnehmung globaler Phänomene stellt sich die Frage nach der Möglichkeit eines „rechten“ Verstehens des Begriffs der Globalisierung. Als Wissenschaft des Verstehens empfiehlt die Hermeneutik, so ← 14 | 15 → darf ich mit Gadamer supponieren, sich allen Prozessen zuzuwenden, die Verstehen ermöglichen, sich nicht nur mit Hilfe bestimmter Methoden mit schriftlichen Zeugnissen und Kunstwerken zu befassen, sondern sich allen denkbaren und erforschbaren Äußerungsformen individuellen und sozialen Handelns mit dem Ziel zuzuwenden, „einen Sinnzusammenhang aus einer anderen,Welt‘ in die eigene zu übertragen“ (1974: 1061).

Im Sinne einer so verstandenen Hermeneutik erscheint es mir zunächst notwendig, Sinnzusammenhänge zu differenzieren, um auseinanderhalten zu können, ob man über singuläre Entwicklungen und Vorgänge spricht oder über die Frage, wie man deren Zusammenspiel adäquat erfassen kann. Verstehen von Globalisierung basiert demnach auf Modi des Erfassens ihrer Gesamtzusammenhänge in allen erdenklichen Äußerungsformen.

Wie könnte ein solches Verstehen ermöglicht werden? Für eine philosophische Annäherung an den Begriff der Globalisierung ist es interessant, dass – obgleich jeder einzelne Aspekt der Globalisierung mit einer wissenschaftlichen Disziplin korreliert – bislang kaum versucht worden ist, deren Verweisungszusammenhang für eine Deutung des Globalisierungsphänomens zu erhellen. Die komplexe Phänomenologie, die durch das Schlagwort Globalisierung bezeichnet wird, lässt sich schließlich nicht hinreichend durch exklusive einzelwissenschaftliche Zugänge erfassen; vielmehr bedarf es eines dynamisch-komplementären Zugriffs in Richtung reziproker Ergänzung disziplinär-spezifischer Blickwinkel und Methodenarsenale: Aufgabe aller Wissenschaftszweige ist es, sich

a) über Globalisierungsphänomene im Spannungsfeld disziplinärer Zuspitzungen und disziplinärer Öffnungen zu verständigen,

b) methodische Hermetisierungen und Blickwinkelverengungen aufzulösen, die bereits bestehende interdisziplinäre Forschung fortzuentwickeln und

c) disziplinenintegrative Theorieansätze zu konzipieren.

Bezogen auf die Vertreter weltweiter germanistischer Einrichtungen könnte dies

a) eine verstärkte Öffnung der Germanistik zu einer interkulturellen Wissenschaft bedeuten, in der das Verstehen des Globalisierungsbegriffs nicht verhandelt oder ausgehandelt wird, sondern in welcher alle Standpunkte, Perspektiven und Einstellungen, auch die des Fremden, Bedrohlichen und Beängstigenden eingenommen werden. Dies könnte

b) eine Erforschung der Möglichkeit einer interkulturell-interdisziplinären Sprache der Empathie und

c) die Entwicklung einer interkulturellen Hermeneutik bedeuten, die eine Stellung zwischen „Fremdheit und Vertrautheit“ einnimmt, die nicht abgrenzt, sondern Verstehensprozesse als Wesen einer interkulturell-interdisziplinären ← 15 | 16 → Sprachwissenschaft vorantreibt. So könnte beispielsweise ein „querdisziplinäres“ Wörterbuch über die Sprache der Globalisierungsphänomene entwickelt werden.1

Eine weitere Aufgabe bestünde in der intensiven Erforschung des Anderen, des Andersartigen und des Beängstigenden in der Sprache der Wissenschaften und der Medien, in der Begründung einer interkulturellen Alteritäts- und Xenologieforschung hinsichtlich diverser Globalisierungsproblematiken und im Vergleich von Begriffen der zahlreichen Globalisierungsphänomene vor dem Hintergrund kultureller Differenzen. Zu denken wäre in diesem Zusammenhang an die Eruierung von Globalisierung prägenden Begriffspaaren wie „Individualismus und Kollektivismus“, „Demokratie und Hierarchie“, „High Context und Low Context“ etc. Ziel einer sich diesen Aufgaben stellenden, interkulturellinterdisziplinär ausgerichteten Germanistik wäre eine Annäherung an einen Globalisierungsbegriff, der über eine bloße Summenbildung einzelwissenschaftlicher Forschungsergebnisse hinausgeht. Schließlich könnte der Begriff der Globalisierung trotz aller negativen politischen und ökonomischen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte dann ein umfassendes Verständnis für die Tragweite seines Denotats ermöglichen, das Hans-Olaf Henkel (2002) mit der Aufklärung vergleicht:

Für mich ist die Globalisierung nach der Aufklärung und der Erklärung der Menschenrechte die größte gute Nachricht für die Menschheit überhaupt. Globalisierung bedeutet ja nicht nur, dass Waren, Güter und Dienstleistungen um die Welt gehen. Sie beinhaltet vielmehr einen Austausch der besten Ideen. (Ebd.)

In diesem Sinne schafft Globalisierung – darauf ist abschließend hinzuweisen Kommunikation durch ein umfängliches Reservoir an Themen und Perspektiven. Sie ermöglicht Kontroversen und Vergleiche und bietet die Möglichkeit, Welt-, Wissenschafts- und Kulturentwürfe kritisch in den Blick zu nehmen und produktiv zu verarbeiten.

3. Fazit

← 16 | 17 → Die Globalisierung, so ist gezeigt worden, hat in der Tat Konjunktur, nämlich nicht nur als ein Phänomen der Weltwirtschaft, sondern auch ihrem Begriff nach. Angesichts einer Vereinheitlichung des Begriffs in der Öffentlichkeit wurde gefragt, ob einzelwissenschaftsorientierte, medial geprägte oder landläufig wiederkehrende Charakterisierungen der Globalisierung als Fundament wissenschaftlicher Definitionen des Globalisierungsbegriffs taugen. Der Begriff der Globalisierung, so sei abschließend betont, impliziert kein klar umgrenztes Phänomen, sondern ist Ausdruck für Wahrnehmung von Komplexität, die sich einzelwissenschaftlichen Zugängen versperrt und nur im Kontext „querdisziplinärer“ Wissenschafts- und Dialogkultur adäquat erfassen lässt.

Literatur

Gadamer, Hans-Georg (1974): Hermeneutik, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter. Bd. 3. Basel.

Henkel, Hans-Olaf: „So bedeutend wie die Aufklärung“, DW-World, 1.8.2002. In: www.dw-world.de/german/0,3367,1504_A_600618,00html (Zugriff: 30.08.2003).

Höffe, Otfried (1999): Demokratie im Zeitalter der Globalisierung. München.

Humboldt, Wilhelm von (1968): Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts, § 35. Faksimilenachdruck der Ausgabe Berlin 1836. Bonn-Hannover-München.

Jaspers, Karl (1999): Die geistige Situation der Zeit (1932). Berlin-New York, 5. Aufl.

Stokes, Bruce (2001): Globalisierung in der öffentlichen Meinung. In: Internationale Politik 7, S.19 f.

Whorf, Benjamin Lee (2008): Sprache, Denken, Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie. Reinbek bei Hamburg, 25. Aufl.

Adresse des Autors:

StR Ralf Glitza
Hochschule Osnabrück
LOGinCHINA
Caprivistraße 30A
49076 Osnabrück
Ralf.Glitza@daad-alumni.de← 17 | 18 →

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1 In diesem Zusammenhang ist auch auf den Beitrag „Fremdsprachenkultur und Fremdsprachenkultivierung im Zuge der Internationalisierung und Globalisierung in Korea bzw. Asien“ zu verweisen, in dem Kim Dong-Uk eine intensive Zusammenarbeit der Inlandsund Auslandsgermanisten postulierte: Dem Phänomen einer einseitig verstandenen Globalisierung sei insbesondere im Bereich der Fremdsprachenvermittlung durch gemeinsame Projekte, in denen internationale Forscher querdisziplinär kooperieren, zu begegnen.

← 18 | 19 → Die andere Seite der Sprachenszene in der globalisierten Welt

Roland Harweg (Bochum)

Abstract

Die eine Seite der Sprachenszene in der globalisierten Welt ist die, dass die globalisierte Welt zu einer weltweit benutzbaren Verkehrssprache drängt, die andere, also diejenige, über die ich in diesem Beitrag spreche, die, dass sie, in Gestalt des weltweiten elektronischen Netzes, früher nicht gekannte Möglichkeiten zur Pflege der Sprachenvielfalt bietet. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die – bereits genutzte – Möglichkeit zur Pflege der Sprachenvielfalt im Rahmen der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Das Internet bietet, nicht zuletzt durch die Bereitstellung kostenlosen Speicherraums, auch Sprachaktivisten kleinerer Sprachen Möglichkeiten, ihre Sprache zu pflegen, von denen sie vor dem Zeitalter der Globalisierung nicht zu träumen gewagt hätten.

1. Hintergrund und Wahl des Titels

Der Titel meines Vortrages, der diesem Beitrag zugrunde liegt, hatte ursprünglich lauten sollen,,Zwei Seiten der Sprachenszene in der globalisierten Welt“, aber dann habe ich es für sinnvoller gehalten, nur über eine der beiden Seiten der Sprachenszene in der globalisierten Welt zu sprechen. Der Grund ist, dass die andere Seite mir zu offensichtlich und bekannt erscheint und ich es deshalb vorgezogen habe, über diejenige der beiden Seiten zu sprechen, die ich für die etwas weniger offensichtliche und die etwas weniger bekannte halte. Was die offensichtliche und allseits bekannte Seite betrifft, so möchte ich an dieser Stelle lediglich ein wenig über ihre Zukunft spekulieren.

2. Die allseits bekannte Seite der Sprachenszene in der globalisierten Welt

Die allseits bekannte unter den beiden Seiten der Sprachenszene in der globalisierten Welt ist die Tatsache, dass die globalisierte Welt auch zu einer globalen, einer im globalen Verkehr global benutzbaren (und weitgehend auch bereits benutzten) Sprache drängt, und es ist auch allgemein bekannt, welches diese Sprache heutzutage ist, nämlich das Englische. Die Wurzeln dafür, dass das Englische zu einer Art von beinahe global benutzter Sprache geworden ist, liegen natürlich schon in der Zeit v o r der gegenwärtigen Globalisierung, der Zeit der Blüte des britischen Weltreiches. Trotzdem ist nicht zu verkennen, dass das Englische auf dem Weg zu seiner weltbeherrschenden Stellung als Verkehrssprache im Zuge der Globalisierung noch einmal einen besonderen Schub ← 19 | 20 → erhalten hat, und an die Stelle der geschwundenen Bedeutung des ehemaligen britischen Weltreiches ist – wobei die Sprache, grob gesprochen, dieselbe geblieben ist – der Aufstieg der USA zur Weltmacht getreten. Aber wenn wir an die Zukunft denken, so könnte es sein, dass sich die Gewichte eines Tages ein wenig verschieben. Seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts ist auch China dabei, zur Weltmacht aufzusteigen, und wenn das Land im Augenblick, aus pragmatischen Gründen, die weltweite Vorherrschaft des Englischen auch noch anerkennt und sich im internationalen Verkehr, wie alle anderen, des Englischen bedient, so ist doch, in fernerer Zukunft, durchaus ein Sprachenszenario denkbar, in dem das Chinesische – das ja, als Erst- oder Muttersprache, schon lange die Sprache mit den meisten Sprechern auf der Welt ist – auch als internationale Verkehrssprache eine große Bedeutung erlangen könnte und vielleicht sogar zu einem ernsthaften Konkurrenten des Englischen bei dem Kampf um die Vorherrschaft auf diesem Gebiet werden könnte.

Aber das sind Erwägungen, die auf diejenige der beiden Seiten der Sprachenszene in der globalisierten Welt gehören, zu der ich mich hier eigentlich nicht äußern möchte, die ich, als Hintergrund und Gegenpol zu der Seite, die ich eigentlich zum Thema machen möchte, lediglich habe erwähnen wollen. Die Seite, über die ich ein paar Worte mehr verlieren möchte, ist diejenige, die ich als die andere bezeichnet habe. Diese andere Seite ist die verstecktere und weit weniger beachtete Seite, und da sie weit weniger beachtet wird, ist sie wohl auch die unbekanntere. Gekennzeichnet ist sie durch eine Strömung, die der Tendenz zur Globalisierung der Sprache oder zur globalen Favorisierung einer einzigen Sprache entgegengesetzt ist. Es ist eine Tendenz zur Pflege der Sprachen vielfalt.

3. Die weniger bekannte Seite der Sprachenszene in der globalisierten Welt: Pflege der Sprachenvielfalt in der Wikipedia

Natürlich hat die Pflege der Sprachenvielfalt gegenüber dem Sog zur Globalisierung der Sprachenwelt einen schweren Stand, und in manchen Lebensbereichen, wie z.B. dem der Wirtschaft, ist sie wohl geradezu aussichtslos; denn während die Globalisierung der Sprachenwelt, ihre Globalisierung durch die Favorisierung einer bestimmten Weltsprache, in manchen Lebensbereichen geradezu ein Selbstläufer zu sein scheint, bedarf die Pflege der Sprachenvielfalt besonderer Anstrengungen, und diese Anstrengungen sind nicht jedermanns Sache. Aber diejenigen, die bereit sind, sich solchen Anstrengungen zu unterziehen, haben und darauf möchte ich hinaus – im gegenwärtigen Zeitalter, dem der ← 20 | 21 → Globalisierung, zum Teil erheblich bessere Möglichkeiten als jemals zuvor. Ich will versuchen, das an einem Beispiel zu veranschaulichen.

Eine der wesentlichsten Errungenschaften und eins der spektakulärsten Markenzeichen der globalisierten Welt ist das weltumspannende elektronische Netz, das sogenannte Internet, und eins der ehrgeizigsten Unternehmen im weltumspannenden elektronischen Netz ist die Stiftung Wikimedia, die Wikimedia Foundation. Gleichsam das Aushängeschild dieser Stiftung ist das Unternehmen Wikipedia, eine lexikographische Unternehmung allgemeinverständlicher Wissensaufbereitung und Wissensvermittlung mit enzyklopädischer Zielsetzung, und ein hervorstechendes Merkmal dieser Unternehmung ist die Vielzahl der Sprachen, in denen an dieser Unternehmung gearbeitet wird. Sie manifestiert jene andere Seite der Sprachenszene in der globalisierten Welt, von der ich hier sprechen möchte.1

3.1 Der Name Wikipedia und sein Bestandteil wiki

Schon der bloße Name dieser enzyklopädisch lexikographischen Unternehmung wirft, wenn auch nur ansatzweise und vermutlich ohne dass diese Absicht hinter der Wahl des Namens gestanden hätte, ein signifikantes Schlaglicht auf jene von mir beschworene andere Seite der Sprachenszene in unserer globalisierten Welt. Eigentlich müsste man wohl sagen, er würfe ein Schlaglicht auf beide Seiten dieser Sprachenszene, aber letztlich ist das Schlaglicht, das er, wenn auch nur ansatzweise, auf die von mir beschworene andere Seite wirft, doch das strahlendere und hellere.

Inwiefern aber wirft der Name ein Schlaglicht auf beide Seiten der Sprachenszene? Nun, einfach auf Grund seiner hybriden Bildung. Und die Bildung dieses Namens ist nicht nur überhaupt hybrid, sie ist, sprachverwandtschaftlich und sprachgeographisch gesehen, im höchsten Maße hybrid. Im sprachgeographischen Sinne besonders dann, wenn man bei seinem zweiten Bestandteil zurückgeht bis auf seine altgriechische Wurzel, das Wort παιδεία; denn der erste Bestandteil des Namens ist dem Hawaiianischen entnommen, einer der polynesischen Sprachen. Im Hawaiianischen nämlich gibt es ein Wort wiki und daneben seine Reduplikation wikiwiki, zwei Wörter, die einmal als Verben und zum andern als Adjektive vorkommen und als Verben,sich beeilen‘ und als Adjektive,schnell‘ bedeuten.

← 21 | 22 → Der zweite Bestandteil ist bekanntlich der zweite (oder dritte) Bestandteil des englischen Wortes (griechischer Herkunft) encyclopedia2 Inwiefern dieser Bestandteil die eine Seite der Sprachenszene in der globalisierten Welt repräsentiert, ist offensichtlich. Insofern nämlich, als er eben der Sprache entnommen ist, die heutzutage als die am weitesten globalisierte gelten kann. Inwiefern aber der erste Bestandteil die andere Seite, die der Sprachenvielfalt, manifestieren soll, mag weniger deutlich sein; denn für Sprachenvielfalt steht dieser Begriff natürlich nicht, wenigstens nicht unmittelbar. Mittelbar aber vielleicht doch; denn das Hawaiianische gehört zu den ganz kleinen und randständigen Sprachen der Welt, und wenn ihm, mit der Namensbildung Wikipedia, explizit Beachtung geschenkt wird, dann wird mit diesem Akt implizit die Aufmerksamkeit zugleich auch auf eine Vielzahl weiterer, vor allem kleiner und unterprivilegierter Sprachen gelenkt.

Inwiefern aber wirft der Name Wikipedia mit seinem Bestandteil wiki auf die Seite des Hawaiianischen und damit implizit auf die Seite all der unterprivilegierten Sprachen der globalisierten Welt ein noch stärkeres Schlaglicht, als er mit seinem Bestandteil pedia auf die Seite der globalen Weltmacht Englisch wirft? Nun, insofern, als z.B. bei Übersetzungen des Namens in andere Sprachen sich der Bestandteil wiki als viel resistenter gegenüber Veränderungen und damit als viel konstanter erwiesen hat als der Bestandteil pedia. Hat der Bestandteil wiki von Sprache zu Sprache allenfalls gewisse Veränderungen im Schriftbild, aber, außer im Chinesischen, nicht eigentlich im Lautlichen erfahren, so hat der Bestandteil pedia nicht nur Änderungen im Lautlichen, sondern teilweise sogar im Lexikalischen erfahren. Letzteres ist bei dem chinesischen und dem koreanischen Namen der Enzyklopädie der Fall. In dem chinesischen und dem koreanischen Namen ist der Bestandteil pedia gewissermaßen durch eine – allerdings auch lautlich affine – eigensprachliche Lehnbildung ersetzt worden, nämlich den chinesischen Ausdruck băi-kē bzw. den ihm etymologisch entsprechenden koreanischen baek-kwa, Ausdrücke, die – so wie der Bestandteil pedia das 3. Lexem des aus drei Lexemen bestehenden englischen Wortes encyclopedia ist – die beiden ersten Lexeme der aus jeweils vier Lexemen bestehenden Wörter chin. băi-kē-qudn-shū bzw. kor. baek-kwa-jŏn-sö oder baek-kwa-sa-jŏn bilden. Außerdem wird der Bestandteil pedia durch andere Ausdrücke ersetzt, wenn es um die Bezeichnung von Schwesterunternehmungen der Wikipedia, wie Wikibooks, Wikinews, Wikisource usw. geht, und in gewissen Wikipedien, wie z.B. ← 22 | 23 → in der plattdeutschen Wikipedia, werden diese neuen Bestandteile dann ihrerseits wieder übersetzt, so dass von „Wiki-Bökern“, von „Wikinarichten“ und „Wikiborn“ die Rede ist. Unverändert aber bleibt auch hier der hawaiianische Bestandteil wiki.

3.2 Die Vielsprachigkeit der Wikipedia

3.2.1 Die Anzahl der Wikipedia-Sprachen

Aber nun zu der Sache, für die der Name lediglich ein ansatzweiser Indikator ist. Natürlich kommt der Weltsprache Englisch auch bei dem Unternehmen Wikipedia eine gewisse Dominanz zu, und zwar sowohl diachron als auch synchron. Diachron insofern, als die englischsprachige Ausgabe von Wikipedia die erste gewesen ist, und synchron in dem Sinne, dass sie heute mit Abstand die umfangreichste ist. Aber andererseits ist sie eben nicht die einzige geblieben. Bereits kurz nach der Begründung der englischsprachigen Ausgabe sind die ersten anderssprachigen Ausgaben ins Leben gerufen worden, und heute gibt es Wikipedia-Ausgaben in sage und schreibe 260 Sprachen und Dialekten. Es ist dies eine Zahl, die angesichts der hohen Zahl von sechs- bis siebentausend Sprachen, die heute noch auf der Welt gesprochen werden, niedrig erscheinen könnte, in Wirklichkeit aber ist sie eine Zahl, die sehr hoch ist; denn nicht nur, dass die meisten jener sechs- bis siebentausend Sprachen, die heute noch gesprochen werden, von nur sehr wenigen Sprechern gesprochen werden und viele von ihnen bereits vom Aussterben bedroht sind, die meisten von ihnen haben auch überhaupt keine schriftliche und die wenigsten von ihnen haben eine enzyklopädisch-lexikographische Tradition. Eine Frage ist auch, wie viele überhaupt jemals verschriftlicht worden sind.

Die Anzahl der Wikipedia-Sprachen mit der Anzahl der überhaupt gesprochenen Sprachen zu vergleichen ist also wenig sinnvoll. Sinnvoller ist es da schon, die Anzahl der Wikipedia-Sprachen mit der Anzahl der Bibel-Sprachen zu vergleichen, also der Sprachen, in die, und zwar in ihrer Gesamtheit, die Bibel, das meistübersetzte Buch der Welt, übersetzt worden ist; denn Übersetzung setzt ja Verschriftlichung voraus und schafft somit eine probate Vergleichsgrundlage. Nun, die Anzahl dieser Bibelsprachen soll sich auf 438 belaufen eine Zahl, die angesichts der jahrhundertealten Missionstätigkeit der christlichen Kirchen auf den ersten Blick niedrig erscheinen mag, die jedoch, auch vor diesem Hintergrund, zurechtgerückt wird durch die erheblich höhere Zahl von Sprachen, in die wenigstens Teile der Bibel übersetzt worden sind, denn das ← 23 | 24 → sollen immerhin 2900 sein.3 Was aber die Zahl 438 betrifft, so ist der Unterschied zwischen ihr und den 260 Wikipedia-Sprachen nicht übermäßig groß. Die Anzahl der Wikipedia-Sprachen ist immerhin mehr als halb so hoch, und ergänzt man die bereits etablierten Wikipedia-Sprachen noch um die 114 weiteren Sprachen, für die ein Antrag auf Aufnahme in den Kreis der Wikipedia-Sprachen gestellt worden ist und die sich zurzeit noch in der Testphase, im sogenannten Inkubator, befinden, so kommt die Anzahl der Wikipedia-Sprachen schon fast an die Anzahl der Bibelsprachen mit vollständiger Bibelübersetzung heran. Aber angesichts der Tatsache, dass das Unternehmen Wikipedia im Augenblick noch nicht einmal ganz zehn Jahre alt ist, ist auch die Anzahl der schon etablierten Wikipedien bereits staunenerregend hoch.

3.2.2 Umfang und Qualität der Wikipedien in den verschiedenen Sprachen

Natürlich sind die Wikipedien der einzelnen Sprachen ganz unterschiedlich umfangreich. Die zurzeit umfangreichste ist die englischsprachige mit über 3 Millionen Artikeln, in großem Abstand gefolgt von der deutschsprachigen mit über 1 Million Artikeln. Die 15 kleinsten Wikipedien weisen demgegenüber zurzeit nur zwischen 20 und 100 Artikeln auf.4 Verglichen mit den meisten der herkömmlichen, im Druck erschienenen Enzyklopädien bedeutet das, dass die größten Wikipedien schon viel größer, die kleinsten aber noch sehr viel kleiner als diese Enzyklopädien sind; denn die vielleicht berühmteste der modernen Enzyklopädien herkömmlicher Art, die 32-bändige Encyclopedia Britannica, enthält, in ihrer letzten Ausgabe, etwas über 65.000, und die letzte der herkömmlichen deutschsprachigen Enzyklopädien, die 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie von 2005–2006, enthält, in 30 Bänden, über 300.000 Artikel. Allerdings sind die Artikel in den einzelnen Enzyklopädien unterschiedlich lang, und nach Wörtern ← 24 | 25 → gezählt, ist die Encyclopedia Britannica umfangreicher als die Brockhaus-Enzyklopädie. Während sie über 44 Millionen Wörter verfügt, verfügt der Brockhaus nur über 33 Millionen. Die zurzeit größten Wikipedien aber übertreffen diese beiden herkömmlichen Enzyklopädien auch nach der Anzahl der Wörter um ein Vielfaches. Die englischsprachige Wikipedia umfasst über 1 Milliarde Wörter, die deutschsprachige immerhin noch über 400 Millionen, also fast das Zehnfache der Britannica. Die englischsprachige und die deutschsprachige Wikipedia sind, sowohl nach Artikeln als auch nach Wörtern, selbst größer als die größte herkömmliche, die 2004 in 90 Bänden neu aufgelegte spanische Enzyklopädie Espasa, die Enciclopedia universal ilustrada europeo-americana.5

Außer durch ihren Umfang unterscheiden sich die Artikel der riesigen und der winzigen Wikipedien vielfach auch durch ihre Qualität. In den kleinen und winzigen Wikipedien sind zahlreiche Artikel mit Hilfe bestimmter Programme, sogenannter „bots“, beinahe robotermäßig-schematisch unter Rekurs auf bestimmte Datenbanken erstellt worden, und oft werden Artikel in ihnen auch nicht eigenständig geschrieben, sondern aus größeren Wikipedien übersetzt (vgl. van Dijk 2010).

Doch was mich in diesem Beitrag eigentlich interessiert, sind nicht so sehr Anzahl, Umfang und Qualität der Artikel, sondern vielmehr die Anzahl der Sprachen, in denen die Wikipedien geschrieben werden. Natürlich sagen Anzahl und Umfang der Artikel in einer bestimmten Wikipedia auch über den Sprachstand der betreffenden Wikipedia etwas aus, und was den Inhalt der Artikel betrifft, so ist eine gewisse Streuung und Breite desselben ebenfalls für den Stand der betreffenden Sprache von Bedeutung, aber zweitrangig für den Stand der Sprache ist, ob die Artikel eigenständige oder aus einer großen Wikipedia, wie z.B. der englischen, übersetzte sind. Wichtig für den Sprachstand ist nur, dass sie, wenn sie nicht eigenständig sind, wenigstens überhaupt übersetzt, d.h. nicht einfach nur unübersetzt übernommen sind – so wie es der Fall bei einigen der ganz winzigen Wikipedien aus der Dritten Welt gelegentlich tatsächlich der Fall sein soll (vgl. van Dijk 2010).

3.2.3 Dialektale Wikipedien und Wikipedien in bedrohten, toten und wiederbelebten Sprachen

Die hohe Anzahl an Wikipedien ergibt sich zum Teil daraus, dass außer Sprachen auch zahlreiche Dialekte ins Wikipedia-Programm aufgenommen worden sind. Das soll zwar in Zukunft nicht mehr geschehen, aber die bereits ← 25 | 26 → eingerichteten sollen wohl bleiben (vgl. van Dijk 2010), und außerdem ist es im Einzelfalle oft nicht leicht, zwischen Sprache und Dialekt zu unterscheiden. Von linguistisch klaren Fällen einmal abgesehen, ist es oft nur eine Frage der Sprachpolitik, ob eine bestimmte Sprachform als Sprache oder als Dialekt eingestuft wird, und von besonderer Bedeutung ist dabei, ob eine bestimmte Sprachform über eine Standardorthographie verfügt. Die nämlich haben bloße Dialekte – was auch eine Folge der Sprachpolitik ist – oft nicht, und wenn sie (wie z.B. das Niederdeutsche in der von Johannes Sass vorgeschlagenen und im Prinzip auch der niederdeutschen Wikipedia zugrunde gelegten Schreibweise) eine solche haben sollten, so dürften die Dialektsprecher sie in der Schule zumeist nicht gelernt haben und deshalb Schwierigkeiten haben, ihr zu folgen. So ist selbst die unter dem Namen Plattdüütsch aufrufbare norddeutsch-niedersächsische Dialekt-Wikipedia orthographisch nicht einheitlich und konsistent, aber orthographisch (und auch lautlich) sehr viel uneinheitlicher noch ist die unter dem Namen Nedersaksisch auftretende Dialekt-Wikipedia des Niedersächsischen in den Niederlanden; denn diese zerfällt in eine Reihe von Unterdialekten ohne irgendeine Standardorthographie. Es wäre interessant, zu vergleichen, wie es sich mit der Orthographie der chinesischen Dialekte verhält, von denen z.B. Bânlâm-gu, Gan, Hakkâ-fa, Min-dong und Wu eine eigene Wikipedia haben. Was die Orthographie des Kantonesischen (das ebenfalls eine eigene Wikipedia hat) betrifft, so scheint sie mir, nach ersten Stichproben, vergleichsweise konsistent zu sein. Aber das Kantonesische gilt ja, zumindest westlichen Sprachwissenschaftlern, auch als eine eigene Sprache.

Was die norddeutsche Wikipedia Plattdüütsch und die ostniederländische Wikipedia Nedersaksisch betrifft, so waren sie übrigens ursprünglich, da man wohl dachte, die beiden Dialektgebiete seien hinreichend einheitlich, miteinander vereint, aber dann haben sie sich doch getrennt und eine je eigene Wikipedia gegründet (vgl. van Dijk 2010), und das wohl mit gutem Recht, denn Plattdüütsch und Nedersaksisch sind, bei aller Ähnlichkeit in vielen Bereichen, doch auch hinreichend verschieden, und dies nicht zuletzt durch den jeweiligen Einfluss der Dachsprachen, unter denen sie leben, nämlich Deutsch und Niederländisch – einen Einfluss, der sich, außer im Lexikon, auch in der Orthographie niederschlägt.

Ebenso wie in bloßen Dialekten, sollen zukünftig auch in toten oder in Plansprachen keine Wikipedien mehr eingerichtet werden (vgl. van Dijk 2010). Aber die Tatsache, dass dies in den vergangenen Jahren mehrfach geschehen ist – so gibt es einerseits Wikipedien auf Latein, auf Sanskrit und selbst auf Altenglisch und andererseits Wikipedien auf Esperanto und Volapük –, zeigt, dass es vielen Wikipedia-Betreibern mehr um die Sprache geht als um das Wissen, das sie in ihnen vermitteln. Und das ist gut für die Sprachen. Es ist vor allen Dingen gut ← 26 | 27 → für Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind oder die, wie das Kornische in Südwestengland, bereits einmal ausgestorben gewesen sind und um deren Wiederbelebung man sich seit einiger Zeit bemüht; denn auch solche Sprachen sind unter den Wikipedien vertreten.

3.3 Die Leistung der Wikipedia für die Pflege der Sprachenvielfalt

Der Beitrag, den die globalisierte Welt in Form des global operierenden Unternehmens Wikipedia für die Pflege der Sprachenvielfalt, die Stärkung kleiner Sprachen, die Rettung vom Aussterben bedrohter Sprachen und vielleicht sogar für die Wiederbelebung bereits ausgestorben gewesener Sprachen leistet, besteht im wesentlichen darin, dass das Unternehmen für die Erstellung von Texten in diesen Sprachen und ihre Verbreitung geradezu ideale Möglichkeiten schafft und bietet. Das Unternehmen tut dies vor allem insofern, als es den einzelnen Wikipedien kostenlosen Speicherplatz für ihre Texte zur Verfügung stellt und damit kleinen und unbemittelten Sprachgemeinschaften ein Forum eröffnet, auf dem sie ihre textschaffenden Möglichkeiten überhaupt entfalten können.

Ein zweiter Vorzug, der den Wikipedien gegenüber traditionellen Texterstellungsverfahren zu eigen ist, ist die unmittelbare und wiederum kostenlose Zugänglichkeit der erstellten Texte für jedermann mit Anschluss an das weltweite Netz. Diese Möglichkeiten sind ein ideales Angebot für Sprachidealisten in Gestalt von Sprachaktivisten, und diese scheinen von diesem Angebot denn auch mit Leidenschaft Gebrauch zu machen.

Zu den Vorzügen, die das Unternehmen Wikipedia gerade kleinen und winzigen Sprachgemeinschaften bietet, aber gehört, außer der kostenfreien Bereitstellung von Speicherraum für Texte in ihren Sprachen und der Ermöglichung kostenfreien Zugangs zu ihnen für jedermann mit Netzanschluss, schließlich auch, als ein mehr ideeller Vorzug, die Eingliederung in eine Gemeinschaft mit zahlreichen anderen Sprachgemeinschaften und Sprachen, in eine Gemeinschaft, in der sie im Prinzip gleichberechtigt neben den großen Weltsprachen stehen, so dass sie von diesen in einer gewissen Weise gleichsam mitgezogen werden. Natürlich sind die einzelnen Wikipedien nur in ihren Rechten und prinzipiellen Möglichkeiten gleich, in ihren aktuellen Möglichkeiten und Leistungen sind sie sehr verschieden voneinander, und diese Verschiedenheit wird auch gemessen, gemessen in Ranglisten.

Aber diese Ranglisten spornen auch an und kommen damit dem Wettbewerb zwischen den einzelnen Wikipedien zugute. Natürlich wäre es aus der Sicht der kleinen Wikipedien aussichtslos und vermessen, wenn sie mit den großen wetteifern wollten, aber es gibt immer noch genügend vergleichbare Wikipedien, mit denen sie in einen Wettbewerb treten können, der aussichtsreich ← 27 | 28 → und sinnvoll ist. Und tatsächlich geht es vielen Wikipedia-Autoren bei ihrer Mitarbeit auch um das Prestige ihrer Wikipedia. Das zeigt sich u.a. darin, dass einige von ihnen auch, und zwar mit fragwürdigen Mitteln, versuchen, die Artikelanzahl und damit das Prestige ihrer Wikipedia künstlich hochzutreiben. Dies soll besonders bei der Wikipedia in der Plansprache Volapük der Fall sein (vgl. van Dijk 2010). Aber es scheint, zwischen den einzelnen Wikipedien, nicht nur Wettbewerb zu herrschen, sondern, an gewissen Stellen, auch so etwas wie ein Gemeinschafts- und Solidaritätsgefühl zwischen verschiedenen Wikipedien aufzuschimmern. Ein solches Gemeinschafts- und Solidaritätsgefühl scheint besonders zwischen Wikipedien kleiner und unterprivilegierter Sprachgemeinschaften zu bestehen, und zu bekunden scheint es sich darin, dass die Wikipedien, auf die diese auf ihrer Haupt- und Startseite vorzugsweise hinweisen, andere Mini-Wikipedien sind, und da es in der Gesamtgemeinschaft der Wikipedien zu viele kleine Wikipedien gibt, als dass sie auf alle hinweisen könnten, weisen sie nur auf solche ihrer näheren Umgebung hin. So z.B. weist die Nedersaksische Wikipedia außer auf die Wikipedia in der Dachsprache Niederländisch und die Wikipedien in den benachbarten Sprachen Deutsch, Englisch und Friesisch sowie die Wikipedia im sprachlich nah verwandten Afrikaans in Südafrika nur auf die Wikipedien in den benachbarten Dialekten Alemannisch, Boarisch, Ripoarisch, Lëtzebuergesch, Limburgs, Plattdüütsch, Seeltersk, West-Vlaams und Zeêuws hin und hebt die sprachlich nächstverwandte Wikipedia, diejenige, von der sie sich einstmals abgespalten hat, besonders hervor. Und was das Wikipedia-Schwesterprojekt Wiki-Nachrichten (Wikinews) betrifft, so bringen die Wiki-Nachrichten in den kleinen Minderheitensprachen auch unverhältnismäßig oft Nachrichten über andere Minderheitensprachen. So habe ich beispielsweise unter den Nachrichten des plattdüütschen Wiki-Nachrichten-Projektes Wikinarichten Nachrichten angetroffen, die das Schwäbische, das Sorbische, das Friesische und das Gälische (in Schottland) betrafen. Überhaupt nehmen Sprachennachrichten in diesem Schwesterprojekt der Minderheiten-Wikipedien und ebenso auch Sprachenartikel in den Minderheiten-Wikipedien selber einen großen Raum ein.

Viele Wikipedien kleiner oder – aus der Sicht des Englischen – abgelegener Sprachgemeinschaften haben auf ihrer Startseite einen Text in ihrer eigenen und in englischer Sprache, der für die Wikipedia in ihrer Sprache wirbt, zur Mitarbeit an ihr einlädt und um Hilfe für ihren Ausbau bittet. Auch die Startseite der Wu-Wikipedia, also der Wikipedia in jenem chinesischen Dialekt, in dessen Gebiet u.a. Shanghai liegt, wartet mit einem solchen Text auf. Er lautet auf Englisch:

Do you speak Wu? Wu is a Sino-Tibetan Language spoken in most of Zhejiang province, the municipality of Shanghai, southern Jiangsu province, as well as ← 28 | 29 → smaller parts of Anhui, Jiangxi, and Fujian provinces. It was estimated in 1991 that there were 87 million speakers of Wu language, making it the 2nd most populous language in China and the 10th in the world. If you speak Wu or you are interested in it and its culture, please help us enrich the Wu wikipedia to better promote the knowledge about the language and the amazing culture.

Literatur

Dijk, Ziko Van (2010): Handbuch der vielsprachigen Wikipedia. de.wikipedia.org/ wiki/Benutzer:Ziko/Handbuch-Allgemeines (abgerufen am 29.3.2010).

Pape, Wilhelm (1880): W. Pape’s Griechisch-Deutsches Handwörterbuch. Bearbeitet von M. Sengebusch. Braunschweig, 3. Aufl.

Adresse des Autors:

Prof. em. Dr. Roland Harweg

Ruhr-Universität Bochum

Germanistisches Institut

Fakultät für Philologie

GB 4/38

Universitätsstraße 150

D-44780 Bochum← 29 | 30 →

__________

1 Die die freie Enzyklopädie Wikipedia betreffenden Angaben in diesem Aufsatz sind Angaben, die von mir Ende März 2010 aus derselben abgerufen worden sind.

2 Griech. ή εγκύκλιος παιδεία „der Kreis von Wissenschaften u[nd] Künsten, welche jeder freie Grieche in der Jugend treiben mußte, bevor er ins bürgerliche Leben eintrat od[er] sich einem besondern Studium widmete, (Arist. Eth.1, 5, 6 u[nd] öfter)“. Vgl. dazu Pape (1880), s.v. εγκύκλιος.

3 Diese Zahlen habe ich aus der deutschsprachigen Wikipedia, s.v. Bibelübersetzung, Ende März 2010 abgerufen. Bei einer neuerlichen Konsultierung dieses Artikels am 29.1.2011 habe ich etwas andere Zahlen gefunden: eine deutlich niedrigere Zahl für die Sprachen, in die wenigstens Teile der Bibel übersetzt worden sind, nämlich die Zahl 2508, und eine etwas höhere Zahl für die Sprachen, in die die Bibel als ganze übersetzt worden ist, nämlich die Zahl 459. Beziehen sollen sich diese Zahlen aber auf das Ende des Jahres 2009.

4 Dazu gehören jetzt, Ende März 2010, laut der deutschsprachigen Wikipedia, Projektseite Über Wikipedia. Allgemein. Sprachen, z.B. die Wikipedien in der Eskimo-Sprache Inupiaq sowie die Wikipedien in einigen afrikanischen Sprachen wie z.B. Rwanda, Sesotho, Ful und Luganda. Aber die Wikipedien in Sprachen wie Suaheli, Quechua, Friesisch, Afrikaans und Irisch haben schon zwischen 10.000 und 20.000, die in Sprachen wie Persisch, Estnisch, Malaiisch, Thai, Hindi und Baskisch bereits zwischen 50.000 und 100.000 und die in Sprachen wie Ungarisch, Tschechisch, Türkisch, Arabisch und Vietnamesisch immerhin schon zwischen 100.000 und 200.000 Artikel.

5 Die Angaben entstammen der deutschsprachigen Wikipedia, s.v. Enzyklopädie, von Ende März 2010.

← 30 | 31 → Interkulturelle Kontraste in der Alltagsund Fachkommunikation (mit chinesischen Beispielen)

Bernd Spillner (Duisburg-Essen)

Abstract

Interkulturelle Kontraste werden im Bereich der Alltagssprache und von Fachsprachen analysiert. Im lexikalischen Bereich werden interkulturell unterschiedliche Konnotationen an fachlichen und gemeinsprachlichen Lexemen sowie an englischen, deutschen, französischen und chinesischen Anredeformen und phraseologischen Begrüßungsformeln verdeutlicht. Der Textvergleich stützt sich auf kontrastive Analysen von deutschen und chinesischen Todesanzeigen und Wetterberichten. Dabei werden auch non-verbale Bildelemente einbezogen.

1. Globale Universalität und linguale Interkulturalität

In der Diskussion um die sogenannte Globalisierung (die in Wirklichkeit die kommunikative Reduzierung auf eine einzige Sprache/Kultur bedeuten würde) wird oft davon ausgegangen, dass der internationale Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturaustausch darauf hinaus läuft, nationale sprachliche und kulturelle Unterschiede aufzuheben bzw. durch internationale Standards zu ersetzen. Dies ist jedoch nur in eng begrenzten normierten Kommunikationsbereichen der Fall (z.B. der internationalen Luftverkehrsund Seefahrtskommunikation). Aber nicht einmal die ISO-Normen für Datumsangaben oder Postadressen werden international befolgt.

In den meisten Kommunikationsbereichen bestehen sprachlich und kulturell unterschiedliche Konventionen. Sie reichen von interkulturell unterschiedlichen semantischen Klassifikationen über divergierende Anredeformen und Konnotationen bis hin zu Höflichkeitsformen, Dialogstrukturen und Argumentationsmustern. Noch größere interlinguale Kontraste gibt es bei alltags sprachlichen Textsorten wie Lebenslauf, Telefongespräch, Todesanzeige oder Tourismuswerbung. Auch fachsprachlich gibt es solche Unterschiede, von mathematischen Maßangaben über die medizinische und technische Terminologie bis hin zur wissenschaftlichen Beweisführung und zur Existenz bestimmter Textsorten in der Wirtschaftskommunikation. Durch solche Kontraste können sich Kommunikationsprobleme und sogar interlinguale und interkulturelle Missverständnisse ergeben. Nicht nur in der interlingualen Alltagskommunikation, sondern besonders auch in der Fremdsprachenvermittlung und in der Übersetzungspraxis ergeben sich dadurch Probleme. Nur durch eine sprachund kulturwissenschaftlich fundierte, pragmatische,Kontrastive Textologie‘ können solche Probleme im Rahmen der, Globalisierung‘ analysiert und bewältigt werden.

← 31 | 32 → 2. Ebenen interkultureller Kontraste

Natürlich gibt es auch bereits unterhalb der Textebene interkulturelle Kontraste, die sich beim Sprachvergleich ergeben. Die sprachlichen Ebenen, auf denen sich solche Unterschiede ausmachen lassen, können etwa wie folgt schematisch dargestellt werden:

image

2.1 Interkulturelle Konnotationen von Lexemen

Die lexikalischen Realisierungen einiger Begriffe können in verschiedenen Sprachen sehr unterschiedliche Konnotationen aufweisen, z.B.:

deutsch

Lebensgefahr

französisch danger de mort (wörtlich übersetzt: ‘Todesgefahr‘)

Die alltagssprachlichen Bezeichnungen haben in vielen Sprachen einen religiösenAspekt, allerdings mit ganz unterschiedlicher Referenz:

Deutsch

Französisch

Englisch

Spanisch

Italienisch

Dänisch

Niederländisch

Letzeburgisch

Marienkäfer

bête à bon Dieu

ladybird

mariquita de San Antón

gallinetta della Madonna

Mariehøne

lieveheersbesje

Himmelsdéiercher

Dagegen haben chinesische Entsprechungen der Bezeichnungen für den Marienkäfer keinerlei religiöse Konnotationen, z.B. piao chong (Assoziationen an ← 32 | 33 → Schöpfgefäße wegen der Form einer halben Kugel) oder hong niang (ähnliche Assoziationen an eine Schildkröte).

Konnotationen treten sehr wohl auch in der fachsprachlichen Terminologie auf, und in diesem Bereich ergibt der kontrastive Sprachvergleich, dass in der einen Sprache sogar erotische Konnotationen vorhanden sein können, z.B. in der Elektrotechnik:

deutsch

Stecker

französisch la prise mâle (wörtlich übersetzt: ‘der männliche Stecker‘)

deutsch

Steckdose

französisch la prise femelle (wörtlich übersetzt: ‘ der weibliche Stecker‘)

Im Gegensatz zu den französischen Termini haben die äquivalenten deutschen Bezeichnungen keine erotischen Konnotationen. Die Distribution zwischen den beiden verglichenen Sprachen kann aber auch umgekehrt verlaufen. In der Terminologie des Dachdeckerhandwerks gibt es unterschiedliche Bezeichnungen für die unten liegenden Ziegel und die darüber liegenden Ziegel:

deutsch

Mönch

französisch ‘tuile de couvert (dessus)’

 

Nonne

‘tuile de courant (dessous)’

In diesem Fall lösen nur die deutschen (metaphorischen) Termini erotische Konnotationen aus, während dies bei den neutralen, deskriptiven französischen Termini nicht der Fall ist.

Anzumerken ist dabei, dass bei solch geläufigen Bezeichnungen den muttersprachlichen Sprechern die möglichen Konnotationen oft gar nicht mehr auffallen, während fremdsprachliche Lerner beim Wortschatzerwerb sofort darauf stoßen.

Oft ergeben sich interkulturelle Kontraste dadurch, dass Lexeme in verschiedenen Sprachen unterschiedlich klassifiziert werden. So gehören die Bezeichnungen für die Begriffe ‘Tomate‘ und ‘Gurke‘ in einigen Sprachen/Kulturen in die Klasse ‘ Obst‘, in anderen jedoch in die Klasse ‘Gemüse‘.

2.2 Phraseologische Kontraste: Anredeformen

Im Bereich der Phraseologie sind besonders die Anredeformen ein wichtiger sprachlicher Bereich, an dem sich interkulturelle Unterschiede belegen lassen. Dies zeigt sich an einer kleinen Übersicht über die Anredeformeln, mit denen sich erwachsene Personen anreden, die sich kennen, ohne Freunde oder Mitglieder derselben Familie zu sein:

← 33 | 34 → image

In Deutschland gibt es keine gesonderte Anredeform mehr für erwachsene weibliche Personen. Während eine solche Anrede im amerikanischen Englisch ebenfalls weitgehend verschwunden ist, ist der Unterschied zwischen ‘verheiratet‘ und ‘unverheiratet‘ in England in der gesprochenen Sprache noch existent (Mistress: Miss). Unabhängig von Alter und Geschlecht wird die Anrede im Japanischen durch das Suffix -san ausgedrückt.

Im Russischen bestehen Namen aus drei Teilen (Vorname + Vatersname + Familienname); die Anrede geschieht durch den Vornamen und den Vatersnamen; bei weiblichen Personen wird der Name durch ein finales -a markiert. Die korrekte Anredeform für

Michail Sergeevic Gorbacev ist also Michail Sergeevic.

Im Chinesischen wird üblicherweise mit der Folge Familienname + xiansheng (‘Herr‘) bzw. Familienname + xiaojie (‘Frau‘)/Familienname + nüshi (‘Dame‘) angeredet.

Da die Anrede ein wichtiges kommunikatives Kontaktphänomen ist, kommt der Vermittlung der sprachlich-kulturellen Unterschiede im Fremdsprachenunterricht hohe Priorität zu.

← 34 | 35 → 2.3 Syntaktische Kulturkontraste

Den interpersonalen Anredeformen naheliegend sind jene syntaktischen Routineformeln, mit denen die Kommunikation nach Anrede und Begrüßung eingeleitet wird. Als prototypisch kann die englische Formel

How do you do?

gelten. Es handelt sich dabei hur formalgrammatisch um eine Frage. Es geht auch keineswegs um eine Erkundigung nach dem Wohlbefinden des Gesprächspartners, sondern um eine routinehafte Gesprächseinleitung. Dies geht deutlich aus der konventionellen Erwiderung des Kommunikationspartners hervor; sie lautet nämlich ebenfalls

How do you do?

Im Deutschen ist die entsprechende Formel nicht ganz so stereotyp wie im Englischen:

Wie geht‘s?

Aber auch hier geht es nicht um eine explizite Erkundigung nach dem Befinden, denn die Replik lautet konventionell

Es geht

oder

Geht so

oder

Danke, gut

oder im Ruhrgebiet

Muss.

Vergleichbar ist auch die französische stereotype Gesprächssequenz

Ça va?
Ça va.

Im Chinesischen gibt es eine traditionelle kulturell interessante Realisierung dieses Begrüßungsrituals:

Ni chi le ma?(‘Haben Sie schon gegessen?‘)

Diese Frage ist keineswegs eine Erkundigung danach, ob der Gesprächspartner bereits Nahrung zu sich genommen hat. Sie kann nämlich unabhängig von der Tageszeit geäußert werden. Und die Antwort lautet obligatorisch:

Wo chi guo le! (‘Ich habe schon [gegessen].‘)

Diese für Nicht-Chinesen überraschende Paarformel erklärt sich natürlich durch den hohen kulturellen Rang, den das Essen in China genießt.

← 35 | 36 → 2.4 Kontrastiver Textvergleich

Beim kontrastiven Textvergleich gibt es unterschiedliche Vergleichstypen und Methoden, um interkulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzufinden (zu Einzelheiten s. Spillner 2005, 271–288):

Tab. 1: Kontrastive Textologie

Methoden

Textrelationen

Texte

1. Übersetzungsvergleich

Translatrelation Übersetzungsäquivalenz

Alltagstexte Fachtexte Literarische Texte

2. Vergleich Ausgangstext – zielsprachige Textadaptation

Paratextualität

Werbetexte Technische Dokumentation

3. Analyse von Nachdichtungen/ Textneuschöpfungen

Interlinguale Intertextualität

Literarische Texte

4. Situationsäquivalenter TextVergleich

Kommunikative Homologie Interkulturalität

Politische Texte Rhetorische Texte

5. Textsortenkontrastierung

Pragmatische Konventionalität Mitteilungsintention

Textsorten Fachtextsorten

3. Textsortenkontr astier ung

Als der kommunikativen Realität am nächsten stehender und am ehesten pragmatisch-kulturelle Faktoren einbeziehender methodischer Ansatz der Kontrastiven Textologie hat sich der interlinguale Vergleich von Textsorten erwiesen (vgl. Spillner 2005). Gebrauchssprachliche und fachsprachliche Textsorten sind leicht zugänglich und existieren in vergleichbarer Form in den meisten Sprachen. Auch hier stellt sich das Problem des tertium comparationis, wegen der konventionalisierten Form allerdings weniger kritisch als beim situationsäquivalenten Textvergleich. Auszugehen hat der Vergleich einzelsprachenunabhängig von der kommunikativen Mitteilungsabsicht, formuliert als pragmatische Metalingua. Dafür sind für L1 und L2 jeweils Corpora von Textsortenexemplaren zusammenzustellen. Es werden bei der Textsortenkontrastierung also nicht vorliegende Übersetzungen verglichen, sondern unabhängig voneinander entstandene Texte aus zwei oder mehreren Sprachen, die aufgrund identischer Kommunikationsintention vergleichbar sind.

Grundgedanke ist, dass Textsorten routinemäßige Mitteilungshandlungen sind, die einzel sprachig und bis zu einem gewissen Grad kulturspezifisch ← 36 | 37 → konventionalisiert sind. In jeder Sprache/Kultur gibt es mehr oder weniger unterschiedliche, ab er innerhalb der Sprache/Kultur rel ativ konstonte Muster, s ich zu begrüßen, ei nbn Antrag zu sten en, ain Familienereigvis bekannt zu geben, einen Lebenslauf zu nchreiben etc.

Wenn das so ist, kann eine Kontrastierung von Textsorten einzelsprachenspezifische Sprachmu ster, aber auch kulturelle Unterschiede ermitteln.

3.1 Alltagssprachliche Textsorten

Als Beispiel Sür einen kontrastiven Vergleich von alltagssprachlichen Textsortenseien je eine deuts che und eine chinesische Todesanzeige aus Tag eszeitungen gegenüber g estellt. Dabei ist allerdings zu bedenken, das s in Deutschland private und von Instltutionen bzw. Firmgn geschaltete Todesanzeigen ih der Presse sehr gelaufig sind, während in (China solche Anzeigen nur sglten, ganz überwiegend beim Todn hochrangiger Persönlichkeiten und vorwiegend im Auftrag von staatlichen Beh örden veröffentlicht werden. Daher sind Textexemplare nur bedingt vergleichbar. Trotzdem zeigen sich auch an Ein zelbeispielen deutliche Kontraste:

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Bild 1 (Westdeutsche Allgemeine Zeitung 15/5/04,101/25)

← 37 | 38 → image

image

Bild 2 (Xinhua, Beijing 2/6/09)

[Deutsche Übersetzung des verbalen Textteils:

Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas, der Ständige Ausschuss des Nationalen Volkskongresses, der Staatsrat und das Landeskomitee der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes teilen in stiller Trauer mit: Ein ausgezeichnetes Parteimitglied, ein erfahrener treuer Kommunist, einer der hervorragenden Führer der Partei und des Landes, Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros, stellvertretender Ministerpräsident des Staatsrates, Genosse Huang Ju, ist an einer schweren Krankheit am 02. 06. 2009, um 20 Uhr 03, im Alter von 69 Jahren in Beijing gestorben.]

Der Text wird konventionell fast wörtlich so in Todesanzeigen für hochgestellte Pareteimitglieder verwendet. Ein Foto der verstorbenen Person ist in Deutschland traditionell unüblich, wenn nicht gar tabuisiert. Erst seit einigen Jahren tauchen in der deutschen Presse in Todesanzeigen vereinzelt Fotos auf (vgl. dazu Spillner 2000). In manchen Ländern werden sie in fast allen Todesanzeigen verwendet; in China sind sie bei hochrangigen Persönlichkeiten nicht unüblich. Non-verbale Elemente in Deutschland (außer Fotos) sind traditionell das Kreuzeszeichen. Darüber hinaus haben in den letzten Jahren andere non-verbale Textelemente (wie hier florale Abbildungen) stark ← 38 | 39 → zugenommen. Im Gegensatz zur chinesischen Anzeige sind Geburtsdatum und Angaben zur Beerdigung (Ort, Zeit) in deutschen Anzeigen obligatorischer Bestandteil der Textsorte. Vor allem in deutschen privaten Anzeigen, aber auch in solchen von Firmen werden persönliche Angaben zur verstorbenen Person und zu den Hinterbliebenen (bei privaten Anzeigen) bzw. zu Kollegen (bei Firmenanzeigen) in den Text aufgenommen. China scheint das einzige Land zu sein, in dem die genaue Uhrzeit des Todes genannt werden kann.

Bei kontrastiven Analysen (auf der Grundlage von Corpora) können sprachliche, semiotische, religiöse bzw. weltanschauliche und kulturell-konventionelle Unterschiede ermitteltn werden. Dies gilt bis zu einem gewissen Grad auch für Fachtextsorten (vgl. z.B. Spillner 2007).

3.2 Fachtextsorten

Als Beispiel für die Kontrastive Fachtextologie kann eine vergleichende Analyse von Wetterberichten in Tageszeitungen dienen, da sich diese Texte zwar an fachliche Laien wenden, aber dennoch einen nicht geringen Grad an Fachsprachlichkeit (Terminologie, Satzbau, Textmuster, fachliche Illustrationen etc.) aufweisen. Für den Vergleich von deutschen Textsorten mit chinesischen ergibt sich jedoch eine methodische Schwierigkeit. In chinesischen Tageszeitungen werden Wetterberichte zwar sehr oft auf der ersten Seite rechts oben gedruckt, aber nur mit rudimentären Informationen quantitativer Art. Um einen vergleichbar expliziten Text zu bekommen, wird ausnahmsweise auf eine chinesische Internet-Seite zurückgegriffen.

Der deutsche schriftliche Wetterbericht stammt aus einer Tageszeitung; in diesem Medium erscheint er nie auf der ersten Seite:

← 39 | 40 → image

Bild 3 (WELT 5/5/95, 12)

Deutsche Wetterberichte in Tageszeitungen haben einen relativ hohen Terminologisierungsgrad; sie enthalten fast immer non-verbale Textelemente (Wetterkarte) und quantitative Formel. Sie sind deutlich zweigeteilt in Wetterlage und Wettervorhersage.

Beide Textteile sind dezidiert fachlich-deskriptiv, die Angaben zum Wetter streng chronologisch geordnet (beginnend mit dem frühen Morgen). Im Gegensatz zu anderen Sprachen werden im stichwortartigen Textteil Wettervorhersage traditionell keine finiten Verben verwendet (auch wenn einige Tageszeitungen sich in letzter Zeit nicht mehr an diese Konvention halten). Im Kontrast zu ← 40 | 41 → anderen Sprachen enthalten deutsche Wetterberichte in Tageszeitungen keinen Personenbezug und keine wertende Kommentierung des herrschenden Wetters (vgl. dazu Spillner 1997).

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← 41 | 42 → image

[Teilübersetzung ins Deutsche:

Stetiger Temperaturanstieg ab heute in den meisten Gebieten, kalte Luft ab Morgen nach Süden

04. März. 2011: 20:42 Quelle: www.weather.com.cn

Diese Webseite meldet:

Heute (4. 3.2011) vergrößert sich zwar das Niederschlagsgebiet im ganzen Land ein bisschen, aber in den meisten Gebieten steigen die Temperaturen stetig an. Das meteorologische Zentralamt Chinas vermutet, dass ab morgen neue Kaltluft unser Land beeinflussen und im Süden relativ starke Niederschläge bewirken wird.

In der kommenden Woche weinige Niederschläge im Norden.

← 42 | 43 → […]

Wegen der Kaltluft stärkere Niederschläge in den meisten Gebieten des Südens.

Ab morgen wird neue kalte Luft unser Land beeinflussen. Die neue Luft wird zunächst den Osten und Nordosten der Inneren Mongolei erreichen, und in diesen Gebieten einen Temperaturabfall von 2–6°C und Nordwind der Stärke 4–5 bewirken. Später wird sie den Süden und mittleren Osten unseres Landes beeinflussen.

Meteorologische Experten meinen, dass vorher bereits relativ kalte Luft in den Süden und mittleren Osten unseres Landes vorgedrungen ist, so dass der Temperaturanstieg geringer als eigentlich zu erwarten ausgefallen ist. Daher wird der neue Temperaturabfall zwar geringer ausfallen, aber zusammen mit der feuchten und wärmeren Luft starke Niederschläge in den meisten Gebieten im Süden bewirken.

[… ]

Im Zusammenhang mit den Niederschlägen treten Gewitter auf. Die Experten meinen, dass ab jetzt unser Land in die Jahreszeit mit häufigen Gewittern kommt. Man sollte darauf achten, bei solchem Wetter vorsichtig zu sein und sich zu schützen.]

Als meteorologische Fachtextsorte enthält auch der chinesische Wetterbericht eine Wetterkarte. Aussagen zu Wetterlage und Wettervorhersage sind nicht strikt getrennt. Es überwiegt eine geographische Gliederung statt einer chronologischen Reihung wie im Deutschen. Im chinesischen Text wird sogar auf zeitlich bereits abgeschlossene Wetterereignisse zurückgegriffen. Ein logischer Textaufbau ist oft nicht zu ersichtlich; gelegentlich sind Wiederholungen zu erkennen. Es gibt Personenbezug auf die Leser („unser Land“).

Es gibt also auch in Fachtexts orten interkulturelle Kontraste aufgrund von unterschiedlichen Wissenschaftstraditionen und rhetorischen Konventionen.

Literatur

Spillner, Bernd (1997): Der Wetterbericht in Tageszeitungen. In: Fachsprache. Internationale Zeitschrift für Fachsprachenforschung, -didaktik und Terminologie 19, n° 1–2, 2–8.

Spillner, Bernd (2002): Tabubrüche in deutschen Todesanzeigen: ein interkultureller Einfluß? In: Rothe, Matthias/Schröder, Hartmut (Hrsg.): Ritualisierte Tabuverletzung, Lachkultur und das Karnevaleske. Bern-Berlin-Bruxelles-Frankfurt/Main-New York-OxfordWien: Peter Lang Verlag [= Beiträge des Finnisch-Ungarischen Kultursemiotischen Symposiums 9.-11. November 2000 Berlin-Frankfurt (Oder)], 457–468.

Spillner, Bernd (2005): Kontrastive Linguistik – Vergleichende Stilistik – Übersetzungsvergleich – Kontrastive Textologie. Eine kritische Methodenübersicht. In: Schmitt, Christian/Wotjak, Barbara (Hrsg.): Beiträge zum romanisch-deutschen und innerromanischen Sprachvergleich. Akten der gleichnamigen internationalen Arbeitstagung (Leipzig, 4.10. – 6. 10.2003). Bd. 1, Bonn: Romanistischer Verlag, 269–293.

← 43 | 44 → Spillner, Bernd (2006): Analyse contrastive des textes multimédias: le cas de la nécrologie, in: von Münchow, Patricia/Florimon, Rakotonoelina (Hrsg.): Discours, cultures, comparaisons. Paris: Presses Sorbonne Nouvelle [= Les Carnets du Cediscor no. 9. Centre de recherche sur les discours ordinaires et spécialisées], 75–90.

Spillner, Bernd (2007): Sprachliche und kulturelle Kontraste von Fachtexten – am Beispiel von Rechtsverordnungen. In: Heller, Dorothee/Ehlich, Konrad (Hrsg.): Studien zur Rechtskommunikation, Bern-Berlin-Bruxelles-Frankfurt/Main-New York-OxfordWien: Peter Lang Verlag, 83–113.

Adresse des Autors:

Prof. Dr. Bernd Spillner

Universität Duisburg-Essen,

Fachbereich Geisteswissenschaften

Institut für Romanische Sprachen und Literaturen

Geibelstr. 41

D-47057 Duisburg

bernd.spillner@uni-due.de

← 44 | 45 → Interkulturelle Aspekte der Alltagskommunikation

Chongyi Li (Shanghai)

Abstract

Missverständnis und Konflikt zwischen Chinesen und Deutschen im Alltag sind auf den Unterschied der beiden Kultur zurückzuführen. In diesem Beitrag wird zuerst kurz der sprachliche Unterschied in Phonetik, Wortschatz und Syntax dargestellt. Dann wird die Differenz der Kulturstandards gezeigt. Im Gespräch ist diese ebenfalls zu erkennen. Darüber hinaus ist ein Unterschied in der nonverbalen Kommunikation bei Geräuschen, Schweigen, Augenkontakt und bei paraverbalen Merkmalen festzustellen. Die unterschiedlichen politischen Systeme in China und Deutschland spielen dabei eine große Rolle. An den Universitäten werden Studiengänge für interkulturelle Germanistik aufgebaut. Durch Training und mit der Zunahme des entsprechenden Bewusstseins kommt neben dem Konflikt auch kulturelle Annäherung zustande.

1. Einführung

Im Zeitalter der Globalisierung gehört interkulturelle Kompetenz zu den Grundfertigkeiten und zu den Schlüsselqualifikationen im schulischen Alltag. Ohne eine solche Kompetenz ist eine reibungslose Kommunikation unvorstellbar. Dafür ein Beispiel:

Eine deutsche Kollegin an unserer Universität war zum ersten Mal in China. Sie erhielt eine Einladung zu einer Weihnachtsfeier der Germanistikstudenten. Sie kam erst mit Verspätung zu der Feier. Ein Student, der die Veranstaltung als Moderator leitete, stellte sie den Anwesenden nachträglich vor. Aber er gab den Namen der deutschen Kollegin undeutlich und falsch an. Die deutsche Kollegin war sehr ärgerlich und nach der Feier beschwerte sie sich deswegen beim Dekan der Deutschabteilung. Irgendetwas stimmte hier nicht. Vielleicht hatte der Student deutsche Pünktlichkeit erwartet? Vielleicht dachte die deutsche Kollegin, dass Chinesen immer sehr höflich gegenüber ausländischen Freunden sind und großen Wert auf die Etikette legen?

Der Unterschied zwischen der chinesischen und der deutschen Kultur ist groß. Sprache ist die Grundlage menschlicher Kommunikation, und der sprachliche Unterschied spiegelt sich auch in der Kultur und umgekehrt. In dem oben genannten Fall geht es wahrscheinlich um ein stereotypes Benehmen einerseits und die mangelnde deutsche Kenntnis davon andererseits. Für Chinesen ist es zudem nicht einfach, deutsche Eigennamen, besonders Personennamen, richtig auszusprechen. Zum einen ist der deutsche Name normalerweise länger als der chinesische. Zum anderen haben die beiden Sprachen ganz verschiedene phonetische Systeme.

← 45 | 46 → In den folgenden vier Punkten werden die Unterschiede im Alltag dargestellt und diskutiert.

2. Der sprachliche Unterschied zwischen dem Chinesischen und dem Deutschen

2.1 Zur Phonetik

Im Bereich der Phonetik besteht der wohl wichtigste Unterschied zwischen dem Deutschen und dem Chinesischen im Fehlen bzw. Vorhandensein der Töne. Das (Hoch-)Chinesische besitzt davon vier. Der Ton über dem Vokal hat im Chinesischen bedeutungsdifferenzierende Funktion, ist also phonematisch. Das bekannteste Beispiel ist das chinesische Wort ma, das mit verschiedenen Tönen verschiedene Bedeutungen hat. Im ersten Ton bedeutet es ‚Mutter‘, im zweiten ‚Hanf‘ oder ‚taub werden‘, im dritten ‚Pferd‘ und im vierten ‚schimpfen‘. Im Deutschen gibt es dagegen nur unterschiedliche Tonkurven für Aussage-, Frageund Aufforderungssätze. Aufgrund seiner phonetischen und silbischen Struktur gibt es im Chinesischen eine große Menge von Homonymen. Nach einer neueren Statistik sind 38,6 % von 45.300 chinesischen Wörtern Homonyme (vgl. Guan 1995: 229). Das kann natürlich zu Schwierigkeiten beim Übersetzen vom Chinesischen ins Deutsche und umgekehrt führen.

2.2 Zum Wortschatz

In manchen Bereichen ist der chinesische Wortschatz reicher als der Deutsche. Dies gilt zum Beispiel für den Wortschatz der Küche. In der chinesischen Küche gibt es mindestens über 50 Arten, in denen man Speisen zubereiten kann. Grundlegend sind davon neun, deren Bezeichnungen schwer ins Deutsche zu übersetzen sind. Selbst das Frittieren (‚in heißem Fett schwimmend garen‘) kann noch in neun Arten untergliedert werden. Deutsche essen dagegen gern einfach. Es gibt daher im Deutschen auch nicht so viele Wörter für komplizierte Zubereitungsarten. Darum ist es oft schwierig, chinesische Speisekarten ins Deutsche zu übersetzen und selbst gut Deutsch sprechende chinesische Gastgeber können ihr leckeres Essen oft nicht präzise auf Deutsch benennen.

Auch bei den Verwandtschaftsbezeichnungen hat das Chinesische heute mehr Benennungen als das Deutsche. Mehr als dies bei den deutschen Entsprechungen Geschwister, Onkel, Tante, Cousin, Neffe, Nichte, Schwager usw. der Fall ist, differenzieren die Chinesen ganz genau zwischen Blutsverwandten und angeheirateten Verwandten. Im Deutschen kann man die genaue Verwandtschaft oft erst aus dem Kontext erkennen. In der chinesischen Kultur spielen dagegen ← 46 | 47 → Generation, Alter und Geschlecht in der Familie für die Rollenverteilung eine große Rolle. Daher hat man auch in der Sprache eine Vielzahl eindeutiger Be- nennungen. In der westlichen Kultur ist die Rollenverteilung dagegen ziemlich einfach, was dazu führt, dass man Verwandtschaftsrelationen auch weniger konkret benennt (vgl. Chen 2007: 108). In diesem Bereich treten deswegen oft Missverständnisse auf.

Ein anderes Beispiel, das allerdings nur bedingt zum Bereich des Wortschatzes zu rechnen ist, zeigt sich in der Zählweise der Etagen. So wird z.B. in Deutschland das zu ebener Erde befindliche Stockwerk eines Gebäudes als Erdgeschoss bezeichnet und (jedenfalls in den alten Bundesländern) mit 0 gezählt. Darüber liegt der als 1 gezählte 1. Stock. In der chinesischen Kultur nennt man bereits das Erdgeschoß den 1. Stock und zählt es als 1.

2.3 Zur Syntax

Auch in der Syntax sind die Unterschiede zwischen dem Chinesischen und dem Deutschen groß. Für fast alle Sätze braucht man im Deutschen ein Subjekt. Man benutzt es sogar beim impersonalen Verb. In chinesischen Sätzen tritt dagegen sehr häufig kein Subjekt auf, ohne dass dies die Kommunikation stören würde. Auch das spiegelt den kulturellen Unterschied zwischen China und Deutschland bei der Betrachtung der Dinge wider. Manche Autoren vertreten die Meinung, dass man im Westen den Gegenstand statisch bzw. aus einer bestimmten Perspektive oder mit einem bestimmten Fokus betrachte (das Verb steht in der Mitte eines Satzes), während ihn die Chinesen dynamisch und diffus beobachten (die Bedeutung ist stark vom Zusammenhang der Sätze abhängig).

3. Differenz des Kulturstandards zwischen Chinesen und Deutschen

Alexander Thomas hat gesagt:

Zur Vermeidung kulturell unangepassten Handelns und daraus resultierender Handlungsstörungen bedarf es einer Veränderung und Erweiterung des eigenkulturellen Orientierungssystems in Richtung auf das fremdkulturelle Orientierungssystem. […] Dies erfordert Kenntnisse über fremde Kulturstandards. (Zit. nach Heringer 2007: 185)

← 47 | 48 → 3.1 Die chinesischen Kulturstandards

Was sind die chinesischen Kulturstandards? Lin Yutang1 hat in seinem Werk „Mein Land, mein Volk“ geschrieben:

Wenn wir das chinesische Volk überprüfen und seine Nationalcharaktere beschreiben, können wir folgendes nennen:

Es ist zuverlässig.
Es ist ehrlich.
Es ist Naturfreund.
Es ist geduldig.
Es ist gleichgültig.
Es ist listig und witzig.
Es ist geburtenstark.
Es ist fleißig.
Es ist sparsam.
Es hat Familiensinn.
Es ist friedlich.
Es ist genügsam.
Es ist humorvoll.
Es ist konservativ.
Es ist erotisch. (Lin 2002: 28)

Chen (2009: 6) glaubt, dass man dies als die chinesischen Kulturstandards oder die kulturellen Wertvorstellungen betrachten könne. Unter 65 Studierenden habe ich eine kleine Umfrage gemacht, in der die Probanden zur Beschreibung der 15 chinesischen Nationaleigenschaften von Lin Yutang Stellung nehmen sollten. Das Ergebnis war wie folgt:

Nur Einer ist mit allen 15 Eigenschaften einverstanden. Ein Anderer hat dazu überhaupt keine Meinung. Die Meinungen anderer sind in der folgenden Ta- belle abzulesen:

Platz

Chinesische Nationaleigenschaften

Anzahl der Befragten

1

konservativ

45

2

geduldig

44

3

fleißig

41

4

sparsam

38

5

Familiensinn

36

6

friedlich; ehrlich

34

← 48 | 49 → 7

zuverlässig

32

8

genügsam

27

9

gleichgültig

20

10

Naturfreund

19

11

listig und witzig

18

12

geburtenstark

15

13

erotisch

13

14

humorvoll

8

Mehr als die Hälfte der Befragten sind mit 7 Eigenschaften einverstanden, nämlich ‚konservativ‘, ‚geduldig‘, ‚fleißig‘, ‚sparsam‘, ‚mit Familiensinn‘, ‚fried- lich‘, ‚ehrlich‘. An der Spitze steht auffälligerweise die Eigenschaft ‚konservativ‘ und nicht ‚fleißig‘, wie man es sonst immer findet.

3.2 Die deutschen Kulturstandards

Zum Vergleich möchte ich hier die deutschen Kulturstandards zitieren:

1. Interpersonale Distanz

2. Direktheit interpersonaler Kommunikation

3. Regelorientiertheit

4. Autoritätsdenken

5. Organisationsbedürfnis

6. Körperliche Nähe

7. Abgegrenzter Privatbereich

8. Persönliches Eigentum

9. Pflichtbewusstsein

10. Geschlechtsrollendifferenzierung (Heringer 2007: 186ff.)

Sofort wird der Unterschied zwischen den beiden Kulturen deutlich.

3.3 Unterschiede im Gespächsverhalten

Im alltäglichen Leben unterscheiden sich die beiden Kulturen in vielen Fällen, z.B. im Gespräch.

Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist. (Baccalaureus in J.W. v. Goethe, Faust 6771; zit. nach Zoozmann 2001: 251)

Wie schon Goethe festgestellt hat, kommen die Deutschen im Gespräch recht schnell zur Sache. Es herrscht im Allgemeinen ein offener und direkter Ton vor. Die Chinesen beginnen das Gespräch dagegen oft mit einer Unterhaltung über ← 49 | 50 → das Alltagsleben oder mit gemütlichem Klatsch und Tratsch. Manchmal dringt man sogar in die Intimsphäre des Gesprächspartners ein, indem man über Ver- dienst, Alter, Familienstand, Kinder usw. redet.

Fragen nach Alter, Verdienst, Kindern und Partnerschaft sind in der chinesischen Kultur selbstverständlich. In den deutschsprachigen Ländern jedoch werden sie leicht als Verletzung des Intimbereichs empfunden und können daher nur in einer sehr persönlichen intimen Situation gestellt werden.

Wenn sie sich am Beginn eines Telefongesprächs melden, sagen Chinesen typischerweise nur „Wei“ (‚Hallo‘). Deutsche melden sich dagegen am Telefon meistens mit ihren Familiennamen.

Zur Ablehnung sagt man in China zuerst „danke“, dann „nein“. Deutsche sagen zuerst „nein“, dann „danke“. Überhaupt wird bei Chinesen ein „Nein“ sehr oft indirekt ausgedrückt. Im Vergleich dazu bevorzugen die Deutschen eher die Direktheit.

4. Unterschiede zwischen Chinesen und Deutschen in der nonverbalen Kommunikation

4.1 Erzeugen von Geräuschen

Schlürfen, Schmatzen und andere Geräusche beim Essen sind für Chinesen ganz normal und kein Zeichen für schlechte Tischmanieren. Man kann sie sogar als ein Lob für die Gastgeber ansehen. Mit viel Geräusch essen heißt, dass das Essen schmeckt. (Vgl. Chen 2007: 136) In Deutschland isst man dagegen möglichst leise. Schmatzen gilt als grob unhöflich. Schmatzen und Aufstoßen beim Essen gelten in Deutschland als äußerst unangemessen, als Ausdruck von schlechter Erziehung, und wenn das Essen auch noch so gut geschmeckt hat.

4.2 Sitzordnung

Die Sitzordnung beim Essen in China ist strenger als in Deutschland. Bei offiziellen Essen spiegelt die Tischordnung die hierarchische Rangfolge der Teilnehmer wider. Die höheren Gäste nehmen immer einen Ehrenplatz ein. In Deutschland gibt es dagegen nur bei besonderen offiziellen Essen eine hierarchische Rangfolge am Tisch.

4.3 Paraverbales

Bei den paraverbalen Merkmalen ist die chinesische Frageintonation normalerweise gleich. Die Stimmkurve geht nämlich sowohl bei Ja-Nein-Fragen als auch ← 50 | 51 → bei W-Fragen meistens nach oben. Im Deutschen kann die Stimmkurve hingegen beim W-Fragesatz sowohl nach unten als auch nach oben gehen. Die Deutschen haben kein großes Problem damit, auch bei fallendem Ton einen Fragesatz zu verstehen. Die Chinesen haben dagegen oft Schwierigkeiten beim Ver- ständnis des deutschen W-Fragesatzes.

4.4 Schweigen

Chinesen sind schweigsam, mundfaul. Chinesische Studenten sind schüchtern und im Unterricht oft unmotiviert. Alexander Thomas hat auch das Wahren des Gesichts als einen der typischen chinesischen Kulturstandards angesehen. Das Schweigen von Chinesen ist in manchen Fällen nicht negativ zu verstehen, weil man sich gemäß der Tradition an die Lehre von Konfuzius hält:

Der Edle sollte in der Erledigung seiner Aufgaben sorgfältig, in seinen Worten vorsichtig sein. (Zit. nach den Analekten „Lun Yun · Xue Er“ von Konfuzius)

Man lernt das in China von Kindesbeinen an als gute Tugend. Außerhalb der Familie und des engeren Freundeskreises zeigen Chinesen ihre Gefühle nicht deutlich und sagen ihre Meinungen in der Regel auch nicht offen.

4.5 Augenkontakt

Bei der Kommunikation mit anderen ist in der deutschen Kultur Augenkontakt üblich. Wenn dieser Augenkontakt beim Sprechen nicht vorhanden ist, so wird dies oft dahingehend interpretiert, dass der oder die dem Anderen ausweicht, nicht offen oder sogar unehrlich ist, vielleicht etwas zu verbergen hat, nicht zuhört, desinteressiert ist und keinen Respekt zeigt. Aber in der chinesischen Kultur ist dies nicht so. In altem China war es sogar ein Tabubruch, wenn die Frauen einen Mann ansahen.

5. Unterschiede zwischen dem politischen System in China und in Deutschland

China und Deutschland haben sich in ihren Verfassungen jeweils auf vier Prinzipien festgelegt. China soll sich nach vier Grundprinzipien richten, nämlich sich auf dem sozialistischen Weg, unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas, auf Grundlage des Marxismus-Leninismus und des Denkens von Mao Zedong zu einer demokratischen Diktatur des Volkes entwickeln, während Menschenwürde, Demokratie, Rechtsstaat und die Bundesstaatlichkeit die vier Grundsätze und das politische Fundament des deutschen Staates sind.

← 51 | 52 → Das herrschende politische System spielt in einer Kultur eine wichtige Rolle. Wenn man darauf nicht Rücksicht nimmt, kann man wohl nur sehr schwer verstehen, dass fast alle Professoren an chinesischen Universitäten oft von der politischen Schulung sprechen, alle Studierenden etwa 10% der Unterrichtsstunden ihres Studiums obligatorisch für Politik belegen müssen und es an allen Fakultäten der Hochschulen Chinas einen Parteisekretär oder eine Parteisekretärin gibt.

Darüber hinaus beeinflusst das politische System vieles andere, wie zum Beispiel Schulwesen, die Religion, die Familie und sogar den Familienstand. Ein Beispiel dafür ist das folgende: Ein deutscher Lehrer stellte seine Partnerin in der Klasse mit den Worten vor:,Das ist meine Frau.“ Aber später fanden die chinesischen Studenten heraus, dass ihr deutscher Lehrer mit ihr noch nicht verheiratet war, obwohl sie schon seit Jahren zusammenlebten. Da bekamen die chinesischen Studenten einen Kulturschock. Ich glaube, dass ein Teil der Konflikte der interkulturellen Kommunikation zwischen Deutschen und Chinesen im Alltag auf solche Differenzen zurückzuführen ist.

6. Interkulturelle Kommunikation in China

6.1 Wichtige Publikationen über Interkulturelle Kommunikation in China

In China ist die Disziplin der Interkulturellen Kommunikation sehr jung. 1982 erschien das Buch,Kultur und Kommunikation“ von Wang Qi in Taiwan, 1995 „Interkulturelle Kommunikation“ von Guan Shijie in Beijing, 1997 Jnterkulturelle Kommunikation“ von Jia Yuxin in Harbin, 1999,,Einführung in die inter- kulturelle Kommunikation“ von Hu Wenzhong in Beijing, 1999,Kulturelle Kommunikation von Huang Weiwei (vgl. Chen 2007: 10) und 2003 Jnterkulturelle Kommunikation“ von Chen Guoming wiederum in Taiwan. 2000 bzw. 2007 wurde die erste und die zweite Sammlung von Arbeiten über interkulturelle Kommunikation Chinesisch-Deutsch von der Deutschabteilung der TongjiUniversität herausgegeben. In Lehrwerken, wie zum Beispiel,Klick auf Deutsch“ (2002) oder „Studienweg Deutsch“ (2004) kann man viele Ansätze für interkulturelle Kommunikation finden. Interkulturelle Vergleiche werden in den Lehrbüchern durch Bilder, Kommunikationssituationen, Lesetexte und Übungen hervorgehoben.

6.2 Studiengänge für interkulturelle Germanistik

Im Fremdsprachenunterricht wächst das Bewusstsein für die interkulturelle Kommunikation ebenfalls. In immer mehr Universitäten Chinas werden entspre- ← 52 | 53 → chende Kurse angeboten. Die Universität Qingdao hat schon 1994 den Studiengang für interkulturelle Germanistik aufgebaut. Im dazugehörigen Curriculum wurde die Befähigung der Studierenden zu interkulturellem Handeln und zu be- ruflichen Tätigkeiten in der internationalen Zusammenarbeit als Grundprinzip und Zielsetzung festgelegt. Nach mehrjähriger Praxis hat man „ein relativ zufriedenes Ergebnis“ bekommen. (Vgl. Liu 2000: 253 u. 259) Am zweiten Fremdspracheninstitut in Beijing hat man nach der Reform der Studiengänge in den letzten Jahren ebenfalls für das Germanistikstudium den Schwerpunkt auf Interkulturelle Kommunikation festgelegt. Im Fremdsprachenunterricht ist die interkulturelle Kompetenz für Studierende nun das wichtigste Lernziel.

7. Schlussbemerkung

Kultur ist nichts Abgeschlossenes. Sie ist historisch entstanden und ändert sich dauernd. Sie ist ein dynamischer Prozess. Wir sind es gewohnt, uns ständig auf neue, einmalige Situationen einzustellen. Auch bei Chinesen ist das so. V.a. die jungen Leute in China lernen heute zum Beispiel, bei Vorstellungsgesprächen Augenkontakt zu suchen. Auch bei der Meinungsäußerung sind sie jetzt immer offener. Und immer mehr Deutsche, die nach China kommen, weisen Grundkenntnisse über das Land auf. Durch Training und mit steigendem Bewusstsein zeigt sich neben kulturellen Konflikten in einigen Situationen immer deutlicher auch eine kulturelle Annäherung.

Literatur

Chen, Guomin (2009): Interkulturelle Kommunikation. Shanghai.

Guan, Shijie (1995): Interkulturelle Kommunikation. Beijing.

Heringer, Hans Jürgen (2007): Interkulturelle Kommunikation Grundlagen und Konzepte. Tübingen.

Liu, Dezhang (2000): Interkulturelle Kompetenzbildung im Fremdsprachenunterricht. In: Zhu, Jianhua (Hrsg.): Arbeiten zur Interkulturellen Kommunikation Chinesisch-Deutsch. Shanghai, 253–262.

Lin, Yutang (2002): Mein Land, mein Volk. Xian.

Zoozmann, Richard (2001): Zitatenschatz der Weltliteratur. Hamburg.

← 53 | 54 → Adresse des Autors:

Prof. Chongyi Li

University of Shanghai for Science and Technology (USST)

Deutschabteilung

Briefbox 435

Jungong Lu 516

200093 Shanghai

V.R. China

chongyili@yahoo.com.cn

__________

1 Yutang Lin (1895-1976) war ein berühmter chinesischer Gelehrter, Schriftsteller und Linguist, der 1895 in der Provinz Fujian geboren wurde, 1922 in Leipzig promovierte, 1966 auf Taiwan wohnte und 1976 in Hongkong gestorben ist.

← 54 | 55 → Zu chinesischen und deutschen Kulturstandardund Verhaltensunterschieden aus interkultureller Sicht1

Zhiqiang Wang (Shanghai)

Abstract

Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit den chinesischen und deutschen Kulturstandards und den dadurch begründeten Verhaltensformen und versucht, in Bezug auf die interkulturelle Epistemik, die Kulturwerte und die Verhaltensspezifika von Chinesen und Deutschen zu ermitteln mit dem Ziel, die Problemfelder der chinesisch-deutschen interkulturellen Kommunikation zu sondieren, um auf dieser Grundlage einige epistemische Vorschläge zum interkulturellen Verstehen und zur interkulturellen Kommunikation zu formulieren.

1. Einleitung

Im Zeitalter der ökonomischen Globalisierung und Internationalisierung des interpersonellen Austausches sind wir immer mehr mit kulturdifferenten Werten und Verhaltensformen konfrontiert. Die sich daraus ableitenden kulturellen Missverständnisse und interkulturellen Kommunikationsprobleme beeinflussen in hohem Maße den Austausch und die Kooperation zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen. Das gilt auch für die chinesisch-deutsche interkulturelle Kommunikation. Angesichts dessen bildet der Erwerb der interkulturellen Kompetenz die Voraussetzung für die Bewältigung der neuen Herausforderung. Interkulturelle Kompetenz fordert von uns, die gewohnte Sichtweise und die eigene Perspektive (vgl. dazu Wierlacher/Wiedemann 1996) zu ändern und aus interkulturellen Blickwinkeln die anderen Kulturen, die Verhaltensformen und Kommunikationsmuster von Menschen anderer Kulturen kulturadäquat und kulturgerecht wahrzunehmen. Davon ausgehend versucht der vorliegende Beitrag, mit Blick auf die interkulturelle Epistemik (vgl. Wang 2008a), die Kulturwerte und die Verhaltensspezifika von Chinesen und Deutschen mit dem Ziel zu ermitteln, die Problemfelder der chinesisch-deutschen interkulturellen Kommunikation zu sondieren und auf dieser Grundlage einige epistemische Vorschläge zum interkulturellen Verstehen und zur interkulturellen Kommunikation aufzustellen.

← 55 | 56 → 2. Zur interkulturellen Epistemik

Kultur und Menschen stehen in enger Beziehung zueinander. „Betrachtet man das Verhältnis von Individuum und Kultur […], so lässt sich Folgendes erkennen: Das Verhältnis erschöpft sich nicht darin, dass das Individuum über die Kultur verfügt, vielmehr verfügt auch die Kultur über das Individuum. Das Verhältnis ist nicht monokausal instrumental, sondern dialektisch.“ (Hansen 1995: 204) Unter dieser so beschriebenen Annahme der „Dialektik von Kultur und Individuum“ (Hansen 2003: 390) stellen sich die Fragen, wie Kultur hinsichtlich unseres Verhaltens zu definieren ist, in wie weit sie unser Verhalten, unser Wahrnehmen der Fremdkultur bestimmt und welche Funktionen Kultur hinsichtlich des menschlichen Verhaltens und des zwischenmenschlichen Umgangs hat (vgl.Wang 2006a; Wang 2008a).

Kultur ist mit Alexander Thomas als ein universelles, für eine Gesellschaft, Nation, Organisation oder Gruppe sowie Individuum sehr typisches Orientierungssystem zu bestimmen (vgl. Thomas 1996:128). Sie setzt auch Handlungsbedingungen und Handlungsgrenzen fest, bestimmt und beeinflusst unser Wahrnehmen, Denken, Bewerten und Handeln, unser emotionales Erleben und unsere Motivation. Ein so fundiertes Orientierungssystem der Kultur definiert die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer jeweiligen Kultur und steuert unser kulturelles Verhalten, das seinerseits von der Einstellung von Menschen zu bestimmten Kulturwerten geleitet wird.

Epistemisch betrachtet ist Kultur raum-, zeit-, und menschengebunden (vgl. Wang 2000:183–187). Wegen dieser Raum-, Zeit-, und Menschengebundenheit besteht in der Einstellung der Menschen zu Kulturwerten und Kulturstandards eine kulturelle Asymmetrie (vgl. Thomas 1991). Dabei geht es um die graduelle kulturelle Abweichung von Kulturwerten und Kulturverhaltensformen. Davon ausgehend findet man ein kulturelles Phänomen und eine kulturelle Verhaltensweise normal bzw. anormal. Normal ist es, wenn es dem eigenkulturellen Orientierungssystem, den eigenkulturellen Normen und Kulturstandards entspricht, anormal ist es, wenn es dem eigenkulturellen Orientierungssystem, den eigenkulturellen Normen und den eigenkulturellen Kulturstandards nicht entspricht. Die sogenannte Normalität und Anormalität sind das hermeneutische Ergebnis der Fremdwahrnehmung auf der Grundlage des eigenkulturellen Orientierungssystems. Dabei bezieht sich die Anormalität auf die Divergenz zwischen der Eigen-/Herkunftskultur und der Fremd-/Zielkultur, in unserem Fall zwischen der chinesischen und der deutschen. Ob ein kulturelles Verhalten und ein kulturelles Phänomen für Menschen einer Kultur als normal bzw. anormal betrachtet wird, ist auch raum-, zeit-, und menschenbedingt (vgl. Wang 2008b).

← 56 | 57 → Die jeweilige Raum-, Zeit-, und Menschengebundenheit prägt auch unser Fremdverstehen und unsere kulturelle Haltung zu Menschen einer anderen Kultur (vgl. Wang 2006b). Durch diesen epistemischen Umstand sind wir gewohnt, die fremdkulturellen Phänomene nach unserem vertrauten und gewohnten kulturellen Orientierungssystem wahrzunehmen. Die davon hergeleiteten interkulturellen Probleme entstehen eher dort,

wo man die Kulturgebundenheit von Menschen im interkulturellen Verstehen ignoriert;

wo zwei konkurrierende Kulturmuster aufeinander prallen;

wo Mangel an Wissen über die Fremdkultur besteht;

wo kulturelle Abweichungen existieren;

wo man die Fremdkultur nur ausgehend von eigenkuturellen Deutungsmustern und Wertvorstellungen wahrnimmt und versteht;

wo man versucht, die eigenkulturellen Muster und Erwartungen auf das fremdkulturelle Umfeld zu übertragen bzw. dort durchzusetzen;

wo man nur mit eigenen Augen sieht;

wo man sich unwohl fühlt;

wo in der interkulturellen Kommunikation ein unangenehmes Moment aufkommt;

wo es divergierende kulturelle Bedeutungszuweisungen zu einer Kulturform gibt;

wo unsere Wahrnehmungsfähigkeit in der interkulturellen Begegnung versagt;

wo man sich gegenüber Menschen einer Kultur falsch verhält, also Chinesen wie Deutsche und Deutsche wie Chinesen behandelt.

Die oben angesprochenen Aspekte der epistemischen Besonderheiten prägen mit die Art und Weise, wie wir fremdverstehen. So gilt Verstehen als „ein Prozess, in dem Beziehungen etabliert werden“ (Oksaar 1991: 13). Davon abzuleiten sind fünf Verstehensarten (vgl. Wang 2008b):

das aktive/positive Verstehen: Das damit gemeinte Fremdverstehen berücksichtigt die kulturelle Andersartigkeit und versucht, die Fremdkultur in deren kulturellem Kontext zu erschließen;

das Nichtverstehen: Anders als das aktive/positve Verstehen geht das Nichtverstehen von einer subjektiven kulturellen Annahme aus, dabei ignoriert und blendet man die fremdkulturelle Eigenartigkeit aus;

das böse/negative Verstehen: Das „böse“/negative Verstehen ist eine gesteigerte Form vom Nichtverstehen. Man erkennt dabei die kulturelle Besonderheit nicht an und weist ihr bewusst subjektiv eine negative Vermutung zu;

← 57 | 58 →das Missverstehen: Beim Missverstehen geht es vor allem um die unbewusste Übertragung des Eigenen auf das Fremde, was eigentlich immer auf einen Mangel an kulturellem Wissen zurückgeht;

das reziproke Verstehen: Damit ist das wechselseitige Verstehen im Sinne vom Fremdverstehen als Selbstverstehen gemeint. Hier gilt das Fremde als Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen.

Kulturepistemisch betrachtet prägen die genannten Verstehensarten ihrerseits auch die kulturellen Konflikte. Hier muss man sich v.a. das Nichtverstehen, das „böse“/negative Verstehen und das Missverstehen vor Augen führen. Die durch sie entstehenden kulturellen Konflikte sind:

der bewusste kulturelle Konflikt. Dieser entsteht da, wo die kulturelle Tradition und die besonderen kulturellen Werte, Normensysteme und die kulturspezifische Religiosität einer Kultur vom diese Betrachtenden absichtlich ignoriert werden, wo der Kulturbetrachtende seine eigenkulturelle Einstellung in der interkulturellen Begegnung und in der interkulturellen Kommunikation unbedingt durchsetzen möchte;

der unbewusste kulturelle Konflikt. Anders als der bewusste kulturelle Konflikt geht der unbewusste eher auf kulturelles Missverstehen zurück;

der personbedingte kulturelle Konflikt. Verursacht ist diese Art des Konfliktes durch das bewusste Bestehen auf der personenbezogenen Haltung gegenüber den anderen.

3. Zu den chinesischen und deutschen Kulturstandardsund Verhaltensunterschieden

Angesichts der oben angeführten epistemischen Besonderheiten sollte der Versuch, die chinesischen und deutschen Kulturwerte/Kulturstandards, ihre Divergenz und Unterschiede zu ermitteln, uns helfen, das chinesische und deutsche Verhalten besser nachvollzuziehen. Die differenten Kulturwerte und Kulturstandards prägen auch das kulturelle Verhalten von Deutschen und Chinesen jeweils mit (vgl. Wang 2005; Wang 2007). Folglich sollte das Ermitteln der Kulturstandards für das Nachvollziehen der chinesischen und deutschen Verhaltensspezifika sehr nützlich sein.

Für die chinesische Gesellschaft und die chinesische Kultur bildet die Harmonie den Finalwert und das Finalziel. Das chinesische Schriftzeichen Harmonie besteht aus Reissetzling und „Mund“, das bedeutet, dass in der menschlichen Gesellschaft die Harmonie und der harmonische Zustand dann herrschen, wenn jeder etwas zu essen hat. Von diesem Finalwert geprägt sind Hierarchie, ← 58 | 59 → Kollektivität und Ritusprudenz2. Sie dienen als Wege und Mittel zur Erreichung der Harmonie und zur Bewahrung der gesellschaftlichen Stabilität. So bestimmt und regelt die Hierarchie die sozialen Beziehungen von Menschen untereinander und verlangt von jedem, in seiner in die Hierarchie eingeordneten Position zu bleiben, nach seiner Position zu handeln und mit seinen Nächsten auszukommen. Die Kollektivität ihrerseits stellt die Basis des sozialen Handelns dar, sie bildet das grundlegende Merkmal der chinesischen Gesellschaft und der chinesischen Kultur. Die auf der Kollektivität beruhenden sozialen Verhältnisse werden durch Ritusprudenz geregelt. Dies betrifft auch den chinesischen Umgang mit interpersonellen Interessenkonflikten. Von den Kulturwerten abgeleitet sind: die Guanxi-Beziehung, das Goldene-Mitte-Prinzip, Lianmianguan - das soziale Gesicht, das Bewusstsein für soziale Sanktionen, Hierarchieorientierung, Höflichkeit, Gruppenbewusstsein, Gruppenorientierung, Ordnungsbewusstsein, Gastfreundlichkeit (vgl. Thomas 1993; Liang/Kammhuber 2003).

Diese Haltungen sind als tragende chinesische Kulturstandards des sozialen Handelns und sozialen Verhaltens durch den Konfuzianismus begründet. Dahinter stehen die Harmonie und das Streben danach, das eine allgemeine soziale, kulturelle Verhaltenserwartung in Bezug auf Menschen darstellt. Maßgebend für die chinesische Verhaltensorientierung sind jedoch die Guanxi-Beziehung, das Goldene-Mitte-Prinzip, die Gesichtswahrung und das Bewusstsein für soziale Sanktionen:

Die Guanxi-Beziehung zieht sich wie roter Faden durch das chinesische interpersonelle und soziale Leben. Unter diesem Verhaltenszwang sind die Chinesen im sozialen Leben so miteinander vernetzt und verkettet, dass sie kaum persönlichen Freiraum haben. Man differenziert hier zwischen dem sozialen Innen und Außen. So werden Menschen in demselben Kreis geschützt, andere ausgegrenzt, und der Vertrauenserwerb hängt nach Jürgen Henze von Beziehungen ab: Menschen innerhalb des Beziehungsnetzes genießen das Vertrauen, durch die Beziehung wird aber auch das Vertrauen gestiftet, „die Beziehungen stellen das Eintrittstor für die Entwicklung des Vertrauens“ (Henze 2008: 204–205). Dazu gehört auch die hierarchiegeprägte wechselseitige Rücksicht auf Interessen. Man schafft des Weiteren Vertrauen, wenn es einem gelingt, bei seinem Gegenüber den Eindruck zu erwecken, dass dessen Interessen mit garantiert ← 59 | 60 → werden sollten. Nach diesem Verständnis von Beziehungen stellen mit Jürgen Henze „die Kultivierung von Beziehungen, ihre Nutzung und die Sicherung ihrer Stabilität für jedes Mitglied der chinesischen Gesellschaft eine unbedingbare Voraussetzung für gesellschaftlichen Erfolg, damit auch eine permanente Herausforderung dar.“ (Ebd.:197)

Wie die Beziehungen ist das Goldene-Mitte-Prinzip als weitere tragende chinesische Verhaltensnorm prägend. Danach darf man beim sozialen Handeln nicht extrem vorgehen, es ist geboten, jeglichen Konflikt im sozialen Leben zu vermeiden, denn Konflikt wird hier als personenbezogen und von daher harmoniestörend wahrgenommen. Man sieht sich demgemäß gezwungen, sich Mitmenschen gegenüber vorsichtig zu verhalten, richtet sich nach Gruppenregeln und versucht, sich in der Gruppe zu verstecken. Man vermeidet Kritik und lässt sich treiben, statt von sich aus die Initiative zu ergreifen. Solche vorsichtigen Verhaltensweisen von Chinesen in ihrer interpersonellen Beziehung sind auch von der Angst vor Sanktionen und dem entsprechenden Bewusstsein gesteuert. Eben aus Angst vor drohender Vergeltung durch die Mitmenschen verhält man sich diesen gegenüber vorsichtig, oft sogar übervorsichtig.

Die Gesichtswahrung gilt den Chinesen als weitere soziale Anforderung und -erwartung. Das Gesicht wird dabei mit der Menschenwürde einer Person gleichgestellt. Mit diesem Verständnis von Gesicht versucht man es zu vermeiden, sich in den Streit im öffentlichen Raum hineinziehen zu lassen. Die Gesichtswahrung ist zugleich beziehungsgebunden, die Reichweite der Beziehung bestimmt die des Gesichtgebens und des Gesichtwahrens. Freunde, Kollegen, Mitarbeiter, Studienkollegen und Landsleute sind auf diese Weise an dasselbe Gesicht gebunden.

Die so begründeten chinesischen Kulturstandards prägen maßgeblich das chinesische Verhalten, das sich durch folgende Spezifika kennzeichnet:

Beziehungs-, Gruppenausrichtung, d.h. die Menschen und ihre Beziehung sind wichtiger als Regeln, Personenbezogenheit vor Sachbezogenheit, Fremdprofilierung, Außenbestimmung, Ansehen-/Ruforientierung, kollektive Verantwortung, Gefühlsunterdrückung, Undurchsichtigkeit, Kritikvermeidung, Konfliktscheu, Passivität im sozialen Handeln, Entscheidungsschwäche, verschwommene Terminvereinbarung, externe Kontrolle, ein Hang, sich treiben zu lassen, sich indirekt und unbestimmt auszudrücken und sich indirekt zu verhalten, seine Gefühle und Meinungen mit Zurückhaltung zu äußern, höflichdiplomatisch zu sprechen, verschwommene Verhaltensweisen zu bevorzugen, abzuwarten, Entscheidungen offen zu lassen, das Private und das Öffentliche zu vermischen, sich zurückzuhalten und flexibel zu sein.

In der deutschen Kultur besteht dagegen ein enger Zusammenhang mit der westlichen Kultur allgemein. So stellt die individuelle Freiheit für die westliche ← 60 | 61 → Gesellschaft und die westliche Kultur den höchsten Wert und das höchste Ziel dar. Damit gemeint ist, dass sich der Einzelne frei entscheiden kann, was er oder sie tun möchte, es geht also um den freien Willen der einzelnen Person bei der Entfaltung seiner Persönlichkeit. Davon hergeleitet sind die Gleichheit, die Individualität und die Jurisprudenz. Der Kulturwert Individualität gilt für das einzelne Individuum in der westlichen Kultur als elementarer Ausgangspunkt seines sozialen Verhaltens. Vor diesem kulturellen Hintergrund ist das individuelle Streben nach Verwirklichung seiner Interessen in der westlichen Gesellschaft und in der westlichen Kultur erlaubt und der soziale Konflikt und die soziale Disharmonie werden dabei bis zu einem gewissen Grade toleriert. Des Weiteren wird Privatsphäre als unverletzliches Grundrecht der Bürger bewahrt und geschützt. Selbst die Gleichheit bezieht sich auf die Individuen. Damit ist gemeint, dass jedes Individuum das gleiche Recht und die gleichen Chancen haben sollte, sich persönlich zu entfalten. Dabei betont man die Gleichstellung von Menschen als Individuen und befürwortet die individuelle Gleichheit, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichheit in der Wahrnehmung der politischen Rechte und die gleichrangige Partizipation der Bürger am sozialen und politischen Leben. Die von den unterschiedlichen Ausgangslagen der einzelnen Individuen verursachten Interessenkonflike werden mit Hilfe der Jurisprudenz, also auf dem Weg der Legalität, geregelt. Mit Hilfe von Gesetzen werden die sozialen Beziehungen von Individuen so geregelt, dass soziale Konflikte in der Gesellschaft möglichst ausbleiben, indem die Interessen jedes einzelnen Individuums bis zu einem für jeden akzeptablen Grade garantiert und gewahrt werden.

Abgesehen von den graduellen Unterschieden sind die Kulturstandards von westlichen Ländern mehr oder weniger von Gleichheit, Individualität und Jurisprudenz geprägt. Dies betrifft auch die deutschen Kulturstandards, die wie folgt aussehen (vgl. Thomas 1993; Scholl-Machl 2003):

Formalismus, Regelorientierung, Sachorientierung, Ordnungsorientierung, Autoritätsorientierung, Pflichtbewusstsein, Individualitätsbewusstsein, Trennung des privaten Bereiches vom öffentlichen, interpersonelle Distanzdifferenzierung, Privatschutzbewusstsein.

Dabei bestimmt Formalismus als tragender deutscher Kulturstandard das soziale, berufliche und private Leben und den Umgang von Deutschen miteinander. Alles, was man tut, sollte danach normiert werden. Das betrifft sowohl das private als auch das öffentliche Leben, nicht zuletzt das deutsche Rechtsverhalten. So legen die Deutschen großen Wert auf Ordnung und versuchen, alles zu regulieren, indem sie das Leben optimal organisieren. Damit in Zusammenhang steht die deutsche Art der Sachorientierung, bei der man in erster Linie die jeweilige Sache vor Augen hat, die Sanktionsangst chinesischer Art ist den Deutschen daher wohl nicht bekannt. Stattdessen äußert man sachlich und direkt sei- ← 61 | 62 → ne Meinung und Kritik. Auf die Sachbezogenheit geht die Trennung zwischen dem privaten und dem öffentlichen Bereich zurück. So vermeidet man, bei der Arbeit oder im öffentlichen Gespräch über persönliche Dinge zu reden, d.h. man gibt auch auf die Einhaltung der Privatsphäre Acht. Bei der Regelung der sozialen Verhältnisse betont man die Differenzierung der interpersonellen Distanz. Dementsprechend wird je nach Grad der Bekanntschaft mit Fremden, Bekannten, Freunden und Kumpeln festgelegt, wie „tief“ man sich in ein Gespräch mit seinen Mitmenschen einlassen kann. Im Allgemeinen gilt dabei zudem der Grundsatz, je größer die soziale Distanz, desto kürzer wird miteinander gesprochen, je kürzer die soziale Distanz, desto länger wird geredet (vgl. Thomas 1993).

Schaut man sich die deutschen Verhaltensweisen genauer an, so kann man feststellen, dass die westlichen, deutschen Kulturwerte und Kulturstandards in vieler Hinsicht das deutsche Verhalten bestimmen, das die folgenden Besonderheiten und Merkmale in sich hat:

Regelorientiertheit, persönliche Verantwortung, Transparenz, Leistungsorientiertheit, Selbstbestimmtheit, Sachorientiertheit, Bestimmtheit, Direktheit, Termingebundenheit, Selbstprofilierung, Pünktlichkeit, prinzipientreues Handeln, unbedingtes Einhalten von Zusagen, Zeigen von Kompetenz, Vertreten der eigenen Meinung, geringe Flexibilität, „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, Aktivität oder sogar Aktionismus, Konfliktbereitschaft, Zielstrebigkeit, fehlende Scheu, auch mal Tacheles zu reden.

4. Zu den deutsch-chinesischen Verhaltensspezifka unter dem Aspekt der Kulturstandards in ihrer Gegensätzlichkeit

Wie oben dargestellt, stehen sich die chinesischen und deutschen Kulturwerte, Kulturstandards und Verhaltensnormen eher gegenüber, als dass sie einander ergänzen (vgl. Thomas 1993). Dies betrifft vor allem:

Sachbezogenheit vs. Personenbezogenheit, Sachorientierung vs. Beziehungsorientierung, nicht verschwommene vs. verschwommene Verhaltensweise, Jurisprudenz vs. Ritusprudenz, Individualität vs. Kollektivität, Gleichheit vs. Hierar- chie, Ehrlichleit/Direktheit vs. Höflichkeit/Indirektheit, Selbstprofilierung vs. Fremdprofilierung, Bestimmtheit vs. Unbestimmtheit, Konflikt/Konkurrenzbewusstsein vs. Harmoniestreben/Harmoniebewusstsein, Sachkompetenz vor Sozialkompetenz vs. Sozialkompetenz vor Sachkompetenz, abchecken vs. abwarten, Privatsphäre beachten vs. Privatsphäre geringschätzen, niedriger Kontextualisierungsgrad vs. höherer Kontextualisierungsgrad, monochrone Zeiteinstellung vs. polychrone Zeiteinstellung, Tacheles-Reden vs. Drumherum-Reden, starkes Entscheidungsbewusstsein vs. schwaches Entscheidungsbewusstsein etc.

← 62 | 63 → Solche Gegensätzlichkeiten werden, wie die folgende vergleichende Be- trachtung zeigt, in der chinesisch-deutschen interkulturellen Kommunikation und Begegnung zu Problemen, wenn sie nur nach den je vertrauten eigenkulturellen Werten und Einstellungen wahrgenommen werden:

• Sachbezogenheit vi Personenbezogenheit

Bei Behandlung eines Themas neigen die Deutschen zur Sachbezogenheit. Man betont, Geschäft ist Geschäft, und Freundschaft ist Freundschaft. Aus der Sicht des Deutschen sollten beide klar getrennt werden. Man besteht eher auf der Ausblendung der persönlichen Faktoren aus der Sache, befürwortet eine rationale Problem-Lösung, und hat weniger Angst davor, dass die persönliche Beziehung durch die sachbezogene Vorgehensweise und die sachbezogene Kritik oder den sachbezogenen Streit beeinträchtigt würde. Hinsichtlich der latenten Beeinflussung der Sacharbeit durch menschliche Gefühle und Emotionen verlangt man in Deutschland, von den Prinzipien und Gesetzen auszugehen und auf dieser Basis die Probleme zu lösen. Dies betrifft auch die Haltung von Deutschen bei Kritik und Streit. Diese werden als sachbezogene Überprüfung wahrgenommen und in diesem Verständnis als sachliche Auseinandersetzung von Deutschen zugelassen, praktiziert und akzeptiert. Kritik ist gleichsam die Prüfung des Sachverhalts. Man hört und akzeptiert daher die Kritik anderer Menschen. Sie impliziert für die Deutschen auch die Anteilnahme am Gegenüber, den Ausdruck der aktiven Teilnahme und der individuellen Sachkompetenz.

Im Vergleich zu Deutschen tendieren dagegen die Chinesen zur Verknüpfung von Sache und Person. Davon ausgehend wendet man sich in China bei der Sachbehandlung zunächst der Person zu und versucht in erster Linie, die Personen und die Personenkreise zu sondieren, die hinter der Sache stehen, und auf dieser Grundlage wird festgelegt, wie weit man mit der Sachbehandlung gehen darf, ohne die Beziehung mit der betreffenden Person zu beeinträchtigen. Sachverhalt und Prinzipien werden im Vergleich zu Deutschen von Chinesen eher geringer geschätzt als die Beziehung. Ein weiterer Faktor bei der personenbezogenen Sachbehandlung ist die Angst vor sozialen Sanktionen, die eine gerechte Vorgehensweise mehr oder weniger verbauen kann. Aus Angst vor möglichen späteren Sanktionen denkt man schon jetzt in erster Linie nicht genau darüber nach, was recht und unrecht ist. Daher sind Kritik und Streit in der Art der offenen Meinungsäußerung für Chinesen schwer möglich, gilt es doch, Kritik zu vermeiden, denn sie wird von den Chinesen meist als personenbezogen wahrgenommen. Im Rahmen dieser Einstellung zu Kritik und Streit werden selbst aktive und konstruktive Vorschläge als personenbezogene indirekte Kritik wahrgenommen. Es ist deshalb in China schwer, direkte Kommunikation und offene ← 63 | 64 → Kritik zu praktizieren, denn selbst die fürsorgliche Kritik wird in vielen Fällen nicht akzeptiert. In solchen Situationen reagiert man wohl eher mit Schweigen, das den Deutschen jedoch zu schaffen macht, denn Schweigen wird von Deutschen eher als Ausdruck sachlicher Inkompetenz und von Desinteresse interpretiert.

• Individualität vs. Kollektivität

Die Individualität gilt als ein wesentliches Merkmal der deutschen Gesellschaft. So bildet der Individualismus den zentralen abendländischen gesellschaftlichen Leitwert. Man betont das Ich, die individuellen Leistungen, akzeptiert die Selbstprofilierung, die Konkurrenz und die frontale Auseinandersetzung um die persönlichen Interessen. Demgegenüber ist die chinesische Gesellschaft durch die Kollektivität geprägt. Man betont das Wir, die Kollektivorientierung und das Gruppenbewusstsein. Die Selbstprofilierung deutscher Art wird in China nicht positiv wahrgenommen, wie schon zwei chinesische Sprichworte nahelegt:,.der Vogel, der versucht, als erster in die Höhe zu fliegen, wird als erster erschossen“ und,ein Schwein, das fett ist, wird als erstes geschlachtet, landet als erstes auf den Esstisch“. Obendrein wird der Wir-Individualismus in der Art von Zirkel/ Kreis toleriert, man betont die Verwandtschaft, die Familien-, die landsmannschaftliche Gemeinschaftszugehörigkeit und die Fremdprofilierung/Gruppenprofilierung.3

• Direktheit vs Indirektheit

Die Direktheit gilt als eines der wichtigen Merkmale der Deutschen. Sie wird als Ausdruck der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit angesehen, und zwar nach dem Motto: Wer direkt ist, gilt als ehrlich. Also verhalten sich die Deutschen im Umgang mit Anderen, bei der Aufgabenbewältigung und der Sachbehandlung direkt. Sie sagen, was sie meinen; sie meinen, was sie sagen. Die Abweichung zwischen Sagen und Meinen ist erfahrungsmäßig nicht groß. Dagegen ist die Indirektheit maßgebend für die chinesische Gesellschaft und für den Umgang von Chinesen miteinander im sozialen und zwischenmenschlichen Leben. So spricht man nicht gleich alles aus, sondern informiert sein Gegenüber tröpfchenweise über die Sache. Man will sich so einerseits dadurch vor potentieller sozialer Sanktion schützen, andererseits aber eine Gesichtsverletzung bei den Anderen vermeiden. Vor diesem Hintergrund wirkt die direkte deutsche Verhaltensweise in den Augen der Chinesen häufig gesichtgefährdend und harmonie- ← 64 | 65 → störend. Die indirekte Verhaltensweise wirkt dagegen in den Augen der Deutschen leistungsbehindernd und unaufrichtig.

1. Nicht verschwommene vs. verschwommene Verhaltensweise

Die Deutschen tendieren zur nicht verschwommenen/klaren Verhaltensweise. So legt man gern die Wahrheit offen und sagt sie direkt. Im Allgemeinen spricht man auch dann direkt, wenn ein Problem aufkommt, denn für den Deutschen geht es ja v.a. um die Sache, weniger um die Person. Man plädiert auch für eine nicht verschwommene Einstellung zurzeit und vereinbart genaue Termine. Anders als die Deutschen ziehen die Chinesen dagegen die verschwommene Verhaltensweise und Art zu reden vor. Demzufolge legt man in der Regel nicht gern direkt auf dem kurzen Weg seine Gründe offen und versucht eher auf dem Umweg eine Sache zu verneinen, denn für die Chinesen ist es wegen der Gebundenheit an die Prinzipien der Gesichtswahrung und der Beziehungsorientierung schwer, das BU-Nein verbal direkt auszusprechen. Das sich hinter der verbalen Form versteckende wahre Ziel lässt sich oft nur durch Fühlen sondieren. Im Sprachgebrauch neigt man zur andeutenden Redeform, verpackt seine Bitte in schönen Worten, um sein Gesicht zu wahren. Auch Kritik wird gern in Hoffnung verpackt. Des Weiteren wird im Alltagsleben die verschwommene Einstellung zurzeit bevorzugt.

2. Niedriger Kontextualisierungsgrad vs. höherer Kontextualisierungsgrad

Das Verhalten von Deutschen ist durch den niedrigen Kontextualisierungsgrad gekennzeichnet: Es ist direkt und weist weniger Andeutungsmomente auf. Anders als das deutsche Verhalten ist das chinesische durch den höheren Kontextualisierungsgrad geprägt: Man lässt durch Andeutungsmittel und Körpersprache sein Gegenüber erfühlen, was hinter dem Gesagten steckt. Dahinter stehen die chinesischen Kulturstandards der Gesichtswahrung und des Sanktionsbewusstseins. Ein solcher indirekter Kommunikationsstil bereitet den Deutschen in vielen Kommunikationsmomenten einige Verlegenheiten.

• Bestimmtheit vs. Unbestimmtheit

Die Bestimmtheit prägt insoweit das deutsche Verhalten, als man im sozialen und beruflichen Bereich Deutlichkeit und Zuversicht verlangt und erwartet. Anders als in Deutschland neigt man in China in seinem Verhalten und im Umgang mit anderen Menschen eher zur Unbestimmtheit, die die Deutschen in vielen Momenten in Verwirrung bringt und zu Unsicherheit führt, denn man weiß nicht, wie man situationsgerecht reagieren sollte.!

← 65 | 66 → 5. Einige Vorschläge zum interkulturellen Verstehen und zur interkulturellen Kommunikation

Angesichts der oben geschilderten chinesischen und deutschen Kulturwertund Verhaltensunterschiede stellt sich die Frage, wie wir uns gegenseitig kulturgerecht und kulturadäquat verstehen, wie wir kulturgerecht die kulturbedingte Verhaltensweise unseres Gegenübers betrachten und wie wir die Verhaltensunterschiede von Menschen unterschiedlicher Kulturen wahrnehmen können, welche Verstehensbedingungen wir dazu benötigen. Beim Erreichen dieser Ziele können uns m.E. die epistemische Raum-, Zeit-, und Menschengebundenheit, interkulturelle Kompetenz sowie Einverständnis und Fremdkulturerwerb als epistemische Vorschläge dabei helfen, die Fremdkultur besser zu verstehen:

• Die epistemische Raum-, Zeit-, und Menschengebundenheit als interkulturelles Bewusstsein

Das Sichbewusstmachen, dass Kultur raum-, menschenund zeitgebunden ist, stellt eine wichtige epistemische Voraussetzung für das Fremdverstehen dar. Bei der Raumgebundenheit ist es wichtig zu wissen, wo die Normen zur Geltung kommen, bei der Zeitgebundenheit geht es darum, sich klar zu machen, wann die betreffenden Kulturnormen und die Kulturstandards wichtig werden, und die Menschengebundenheit verlangt von uns zu fragen, mit wem wir zusammenarbeiten und es zu tun haben. Mit dem Wissen um die Raum-, Zeitund Men- schengebundenheit soll man bestrebt sein, im Umgang mit Menschen anderer Kulturen deren kulturspezifisches Orientierungssystem und die für diese Kultur und Menschen geltenden Kulturstandards zu ermitteln, zu verstehen und die kulturellen Phänomene unter Heranziehung der entsprechenden fremdkulturellen Kulturstandards zu bewerten.

• Interkulturelle Kompetenz

Neben dem Wissen über die Kulturstandards und das Orientierungssystem der Zielkultur ist interkulturelle Kompetenz eine weitere Grundvoraussetzung für ein angemessenes kulturgerechtes Fremdverstehen. Sie verlangt im Konkreten von uns: Einsicht in die Kulturabhängigkeit unseres Denkens, Wertens und Verhaltens, nicht zuletzt unseres kommunikativen Handelns und unseres emotionalen Erlebens; Ermittlung der Dimension der Differenz zwischen den Kulturen; die Kenntnis über kulturdifferente Sprechhandlungsmuster und Kommunikationsstile; Einsicht in den Einfluss der soziokulturellen Determinanten auf kommunikatives Handeln und Verhalten; Wissen um die Dimension der kulturellen Komplexität eines Menschen aus einer Kultur (vgl. Wang 2008b); kulturbewusste Vermeidung von Stereotypenbildung; die Fähigkeit zur Ermittlung der eigenkulturellen Werte auf dem Weg des Fremdverstehens.

← 66 | 67 → • Einverständnis

Die Kommunikation (vgl. Wierlacher 2000) setzt Verstehen voraus. Verstehen setzt seinerseits das Einverständnis (vgl. Ple 2003) voraus, Menschen anderer Kulturen als gleichberechtigte Partner zu akzeptieren, die Eigenart einer Kultur so bestehen zu lassen, wie sie ist, und anzuerkennen (vgl. Wierlacher 2003). Dementsprechend sollten Menschen anderer Kulturen das Recht haben, sich anders zu verhalten.

• Fremdkulturbezogener Wissenserwerb

Um die fremdkulturellen Phänomene kulturgerecht wahrzunehmen und zu interpretieren, ist es wichtig, kulturelles Wissen sowohl über die fremdkulturellen als auch über die eigenkulturellen Kulturstandards zu erwerben. Dabei verhilft uns das bewusste Ermitteln der eigenkulturellen Kulturstandards, die fremdkulturellen im Rückblick auf die eigenkulturellen wahrzunehmen und auf diesem epistemischen Weg die dazwischen bestehende Differenz zu verdeutlichen. Das trägt dazu bei, die kulturdifferenzbedingten interkulturellen Missverständnisse abzubauen (vgl. Wierlacher 1985).

Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass man differenziertes Fremdkulturwissen durch die persönliche Erfahrung in der Fremde überprüfen soll, um das bisherige Fremdkulturwissen kulturgerecht zu ergänzen, andernfalls wird das bisher im eigenen Land erworbene Fremdwissen zu festem Wissen, das mit der Zeit zu Vorurteilen und Stereotypen gerinnt und dadurch die interkulturelle Kommunikation eher verhindert, als für sie nützlich ist.

Literatur

Hansen, Klaus P. (1995): Kultur und Kulturwissenschaft. Tübingen.

Hansen, Klaus P. (2003): Kultur und Kulturwissenschaft. Tübingen, 3. Aufl.

Henze, Jürgen (2008): Die Rolle von Vertrauen in sozialen Beziehungen – das Beispiel chinesischsprachiger Kulturräume. In: Jammal, Elias (Hrsg.): Vertrauen im interkulturellen Kontext. Wiesbaden, 193–212.

Liang, Yong/Kammhuber, Stefan (2003): Ostasien: China. In: Thomas, Alexander/Kammhuber, Stefan/Schroll-Machl, Sylvia (Hrsg.): Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation, Bd.2.: Länder, Kulturen und interkulturelle Berufstätigkeit. Göttingen, 171–185.

Oksaar, Els (1991): Problematik im interkulturellen Verstehen. In: Müller, Bernd (Hrsg.): Interkulturelle Wirtschaftskommunikation, München, 13–26.

Ple, Bernd (2003): Empathie. In: Wierlacher, Alois/Bogner, Andrea (Hrsg.): Handbuch interkulturelle Germanistik. Stuttgart, 227–232.

Schroll-Machl, Sylvia (2003): Deutschland. In: Thomas, Alexander/Kammhuber, Stefan/ Schroll-Machl, Sylvia (Hrsg.): Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation, Bd.2.: Länder, Kulturen und interkulturelle Berufstätigkeit. Göttingen, 72–89.

← 67 | 68 → Thomas, Alexander (1996): Psychologische Aspekte interkulturellen Lernens. In: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 22, 125–139.

Thomas, Alexander (1993): Wie verhandelt man mit Chinesen? Warum erleben Amerikaner Deutsche als stur. Psychologie der Begegnung mit fremden Kulturen. In: Blick in die Wissenschaft. Forschungsmagazin der Universität Regensburg, Heft 2, 2. Jahrgang, 1421.

Thomas, Alexander (1991): Psychologische Wirksamkeit von Kulturstandards im interkulturellen Handeln. In: ders. (Hrsg.): Kulturstandards in der internationalen Begegnung, Saarbrücken, 55–69.

Wang, Zhiqiang (2008a): Das Fremdaufnehmen aus Sicht interkultureller Hermeneutik: Epistemische Formen und epistemische Hypothesen. In: Deguoyanjiu/DeutschlandStudien 1, 47–54.

Wang, Zhiqiang (2008b): Kulturepistemik und interkulturelles Verstehen am Beispiel einiger Fälle aus der chinesisch-deutschen Kommunikationssituation. In: Deutsch-chinesisches Forum interkultureller Bildung. Bd. 1: Wissenschaftskommunikation im internationalen Kontext. München, 161–168.

Wang, Zhiqiang (2007): Kulturwertorientierung und Kulturverhalten. Unter Betrachtung der Divergenz zwischen chinesischen und abendländischen Kulturwerten und Kulturverhaltensarten. In: Deguoyanjiu/Deutschland-Studien 1, 43–55.

Wang, Zhiqiang (2006a): Fremdheit und Fremdverstehen aus Sicht interkultureller Germanistik. In: Zhu, Jianhua u.a. (Hrsg.): Interkulturelle Kommunikation Deutsch-Chinesisch. Frankfurt/Main, 75–85.

Wang, Zhiqiang (2006b): Das Eigene und das Fremde. Zur epistemischen Reziprozität der Fremdheit aus Sicht interkultureller Germanistik. In: Deguoyanjiu/Deutschland-Studien

2, 64–70.

Wang, Zhiqiang (2005): Kulturepistemik und interkulturelles Verstehen am Beispiel einiger Fälle aus sino-german interkultureller Kommunikation. In: Deguoyanjiu/DeutschlandStudien 3, 71–76.

Wang, Zhiqiang (2000): Fremdheitsprofile moderner deutscher China-Reiseführer. Frankfurt/ Main.

Wierlacher, Alois (2003): Anerkennung. In: ders./Bogner, Andrea (Hrsg.): Handbuch interkulturelle Germanistik. Stuttgart 2003, 199–203.

Wierlacher, Alois (Hrsg.) (2000): Kulturthema Kommunikation. Möhnesee.

Wierlacher, Alois/Wiedemann, Ursula (1996): Blickwinkel der Interkulturalität. In: Wierlacher, Alois/Stötzel, Georg (Hrsg.): Blickwinkel. Kulturelle Optik und interkulturelle Gegenstandskonstitution. München, 23–64.

Wierlacher, Alois (1985): Mit fremden Augen oder: Fremdheit als Ferment. In: ders. (Hrsg.): Das Fremde und das Eigene. München, 3–28.

← 68 | 69 → Adresse des Autors:

Prof. Dr. Zhiqiang Wang

Shanghai International Studies University

Deutsche Fakultät

Dalian Xilu 550 Hao

200083 Shanghai

V.R. China

wangzq@gmx.de← 69 | 70 →

__________

1 Der vorliegende Beitrag ist aus einem Vortrag hervorgegangen, der zunächst auf der Chinesisch-Deutschen Konferenz zur Interkulturellen Kommunikation an der HumboldtUniversität zu Berlin/Deutschland (29-31.3.2010) gehalten wurde.

2 Der Begriff Ritusprudenz steht der Jurisprudenz gegenüber. Damit gemeint ist die auf den geltenden sozialen Normen beruhende Regelung der zwischenmenschlichen sozialen Verhältnisse in der traditionellen chinesischen Gesellschaft und der chinesischen Kultur. Es geht dabei um das Prinzip der chinesischen Gesellschaft, dass man eher von allgemeingültigen sozialen Normen und gesellschaftlichen Anforderungen und Erwartungen ausgeht, die zwischenmenschlichen Probleme zu lösen, statt sich auf die Gesetze zu berufen.

3 Mit der Gruppenprofilierung gemeint ist, dass in der chinesischen Gesellschaft immer das Kollektiv betont und sich die einzelne Person in der Gruppe bzw. im öffentlichen Leben eher zurückhält.

← 70 | 71 → Selbststilisierung und Fremdwahrnehmung in einer globalisierten Welt

Analyse des deutschen Live-Kommentars zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2008 in Beijing1

Jin Zhao (Shanghai)

Abstract

Durch die Analyse des deutschen Live-Kommentars zur Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2008 in Beijing wird gezeigt, dass die chinesische Selbststilisierung nicht erwartungsentsprechend von dem deutschen Fernsehmedium wahrgenommen wurde. Viel mehr war der deutsche Live-Kommentar durch Nichtverstehen, Kritik und Vorurteile geprägt. Dies besagt weiterhin, dass die im Globalisierungsprozess entstandene Hyperkultur nicht automatisch zum Aufheben von Kulturbarrieren führt.

1. Einleitung

Im Zuge der Globalisierung ist unsere Welt in zunehmendem Maße miteinander verflochten, sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen und kulturellen Leben. Dies betrifft nicht nur die Staaten und die einzelnen Institutionen, son- dern auch jeder Einzelne ist in diesen Prozess eingebunden. Wesentlich dazu beigetragen haben die modernen Kommunikationsund Transporttechniken wie die des Luft-, Zugund Automobiltransports, das Internet zur elektronischen Verbindung oder der Rundfunk und das Fernsehen, die von wichtigen Ereignissen berichten oder sie übertragen können. Sie ermöglichen den weltweiten schnellen Personenverkehr, den Informationsaustausch und das Live-Erlebnis. Auch im Fernsehjournalismus stehen Live-Berichterstattungen dank der Satelliten-Übertragungstechnik fast täglich im Programm. Die Live-Übertragung bringt nämlich das fernste Geschehen aktuell in die unmittelbare Nähe der Zuschauer, so dass sie in Echtzeit die Veranstaltungen oder Ereignisse miterleben bzw. mit verfolgen können.

Somit wird die Kultur, die als Standardisierung in einem Kollektiv (vgl. Hansen 20033: 39) oder als „Lebenswelt“ (Bolten 2001: 12) verstanden wird, auch „ent-grenzt, ent-schränkt, ent-näht zu einer Hyperkultur“ (Han 2005: 17). Mit,Hyperkultur“ beschreibt Byung-Chul Han die neue Entwicklung der Kultur im Globalisierungsprozess, dass sich heterogene kulturelle Inhalte in einem Nebeneinander drängen und sich kulturelle Räume überlagern und durchdringen (vgl. ebd.: 17). Allerdings drängt sich in diesem Kontext die Frage auf, ob der ← 71 | 72 → weltweite Zugang zu Elementen verschiedener Kulturen dementsprechend zu einer geglückten Aneignung der fremden Kultur bzw. zur Bereicherung der eigenen Kultur führt. Oder sichert der Hyperraum der Kultur auch ein verstärktes Kulturverständnis? Durch die Analyse der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2008 in Beijing und des entsprechenden deutschen LiveKommentars wird im Folgenden versucht, diesen Fragen nachzugehen.

2. Selbststilisierung Chinas durch die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2008

Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele ist eine Veranstaltung, bei der Sportereignis und kulturelle Unterhaltung kombiniert werden. Neben den hoch ritualisierten Teilen wie Hissen der Olympiafahne und der Nationalflagge des Gastgeberlandes, Einmarsch der Sportdelegationen aller beteiligten Länder und Regionen oder das symbolische Ablegen eines Eides durch die Sportlerund Schiedsrichtervertreter gibt es dabei einen großen Spielraum für das Gastgeberland, sich selbst zu stilisieren, d.h. sich so darzustellen, wie man selbst gern gesehen werden möchte. Da die Eröffnungsfeier weltweit übertragen wird, bietet die Eröffnungsfeier dem Gastgeberland nicht zuletzt auch die beste PR- oder Stil-Bühne und damit eine gute Gelegenheit, sich der ganzen Welt zu präsentieren.

Die Eröffnungszeremonie der 29. Olympischen Spiele in Beijing war stark medialisiert und digitalisiert. Auf audiovisuelle Weise wurden die chinesische Kultur, die chinesische Geschichte und die chinesische Zivilisation inszeniert und im ästhetisierenden Umgang damit die chinesische Identität dargestellt.

Die ganze Eröffnungsfeier kann in Voraufführung (vom Countdown bis zum Hissen der chinesischen Nationalflagge), Kulturshow, Nachaufführung (vom Einmarsch der Sportler bis zum Entzünden des olympischen Feuers) und Aftershowprogramm gegliedert werden, wobei Letzteres von den einzelnen Sendeanstalten nicht vollständig oder auch gar nicht übertragen wurde. Die Kulturshow besteht weiterhin aus sieben Teilen, nämlich Malerei, Schriftzeichen, Opern, Seidenstraße, Sternenlicht, Natur und dem olympischen Traum. Dabei wurden in der Kulturshow, aber auch in der Voraufführung zahlreiche chinesische Kulturzeichen demonstriert, wie Sonnenuhr, Fou-Trommel, altes Zupfinstrument, chinesische Schriftzeichen, chinesische Tuschmalerei, Schriftrolle aus Bambus, chinesische Opern, Tai Chi oder Kong Fu usw. Auf ästhetische und symbolische Weise wurde zudem der Sinn des chinesischen Kunstverständnisses und der chinesischen Weltanschauungen zum Ausdruck gebracht. Beispielsweise wurden der Reiz sowie die Stimmung der chinesischen Tuschmalerei durch die einzigar- ← 72 | 73 → tige Körpersprache von Tänzern präsentiert oder das chinesische Weltverständnis bzw. Lebensgefühl - das Vereinen von Himmel und Mensch - durch die Aufführung von 2008 Tai-Chi-Akteuren artikuliert, die in der Mitte des Stadions eine riesige Runde bildeten. All dies stellt Bemühungen dar, die chinesische Kultur in ihren wesentlichen Grundstrukturen zu charakterisieren und die chinesische Identität herzustellen und zu zeigen.

3. Fremdwahrnehmung im deutschen Live-Kommentar

Der Live-Kommentar ist ein vom Reporter parallel zu der Live-Übertragung produzierter sprachlicher Beitrag und stellt eine öffentliche Kommunikationsform zwischen dem Reporter und den Fernsehzuschauern dar. Der Reporter soll in seinem Live-Kommentar versuchen, die visuelle Wahrnehmung der Zuschauer zu bereichern bzw. zu unterstützen, Hintergrundinformationen zu ergänzen, Sachverhalte zu kommentieren und möglicherweise die Empfindungen der Zuschauer zu artikulieren.

Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2008 in Beijing wurde von der deutschen Sendeanstalt ARD live übertragen und von ihren zwei Reportern kommentiert. Durch die Analyse des deutschen Live-Kommentars, der nach dem Prinzip des Basistranskriptes im Rahmen des gesprächsanalytischen Transkriptionssystems verschriftet worden ist2, wird im Folgenden versucht zu ermitteln, wie die chinesische Selbststilisierung vom deutschen Fernsehmedium wahrgenommen wurde.

3.1 Fehlinterpretationen

Ein Live-Kommentar soll die wichtigsten Bildinhalte beschreiben und zusätzliche Informationen dazu ergänzen. Dabei sind in dem deutschen LiveKommentar allerdings viele Fehler aufgetreten:

Beispiel 1 (Kulturshow: Malerei)

1 M:

und DIEses instrument (–) nennt man gu QIN;

2

3000 jahre alt,

3

es ist (-) als zupfinstrument (-) in china wohl bekannt?=

4

=dieses SPEZIELLe (–) instrument=

5

=das sie sehen,=

6

=ist über TAUsend jahr alt.

← 73 | 74 → 07

(31.0)

08 W:

und versuchen SIE zu erKEnnen;

09

was ist hier: wirkliche maleREI?

10

was ist projekTION?

11

was bleibt übrig.

12

(2.0)

13

und was (–-) ver!SCH!wimmt (-) in der traumartigen musik-

14

dieses altertümlichen instruMENtes.

15

(93.0)

16 M:

was hier vor ihren augen entsteht=

17

=ist übrigens (2.5) ein BILD au:s ( – ) tinte (-) und !WA!sser.

18

traditionelle chinesische malerei;

19

und gleich werden sie eines (–) der be!RÜHM!testen bilder (–-) DIEser (-)

20

chinesischen kunst sehen,

Beispiel 2 (Kulturshow: Schriftzeichen)

9 M:

getragen werden diese rollen von (–) den !DREI!tausend schülern des

10

konfuzius,

11

(1.5)

12

und was sie da rezitieren=

13

=ist wiederum ein spruch des alten meisters?

14

(2.0)

15

er heißt,

16

(1.0)

17

innerhalb der 4 meere sind alle menschen brüder.

18 W:

und die 4 meere stehen (-) für CHIna.

19

(43.0)

20

das ganz MÜNdet(–)

21

in die wo:hl (–) SPEKtakulärste demonstration, (2.0)

22

der ersten !DRUCK!maschineerfindung(–-) mit (–) chiNEsischen

23

schriftzeichen.

Beispiel 3 (Kulturshow: Natur)

10 W:

in einem giGANtischen wasserfall? (3.0)

11

und in einem ge!DICHT! (1.0) von li bai. (2.0)

12

einem der GROßen romantischen dich ter (1.0) der TANG-dynastie? (–-)

13

etwa SIEbenhundert jahre (-) vor christus.

Im Beispiel 1 wurde das 1000 Jahre alte Zupfinstrument Gu Qin für 3000 Jahre alt erklärt (02) und das durch den dynamischen Tanz auf der Papierrolle geschaffene Bild, das eigens zum Zweck dieser Eröffnungsfeier gezeichnet wurde, wurde für „eines der berühmtesten Bilder dieser chinesischen Kunst“ gehalten (19 und 20). Außerdem wurde der klassische Spruch von Konfuzius - „innerhalb der vier Meere sind alle Menschen Brüder“ - auch ganz falsch erklärt. Denn „die vier Meer“ steht für die ganze Welt und nicht - wie die Reporterin erläutert hat - „für China“ (18 im Beispiel 2). Dieser Fehler ist besonders gravie- ← 74 | 75 → rend, wenn man daran denkt, dass dieser Spruch ansonsten gar nicht zur olympischen Eröffnungsfeier passen würde, auf der Sportler aus der ganzen Welt und nicht bloß chinesische begrüßt werden. Im Beispiel 3 ist den Reportern ebenfalls ein grober Fehler unterlaufen. Der große romantische Dichter der Tang-Dynastie Li Bai wurde zeitlich „etwa siebenhundert Jahre vor Christus“ eingeordnet (12 und 13), obwohl die Tang-Dynastie zwischen 618 und 907 nach Christus be- stand. Diese Interpretationsfehler dürfen allerdings nicht einfach als Versprecher der Reporter angesehen werden, die in einer mündlichen Äußerung schon mal vorkommen können. Sie deuten eher darauf hin, dass die deutschen Reporter nicht einmal über grobe Kenntnisse der chinesischen Geschichte verfügten und wenig Ahnung von der chinesischen Kultur hatten. Man hat es offenbar nicht für nötig gehalten, sich in dieser Hinsicht bei der Vorbereitung auf den LiveKommentar zielgerichtet zu informieren.

3.2 Mangelnde Ergänzungen durch Hintergrundinformationen

Wie in 2 schon erwähnt, wurde in der chinesischen Selbststilisierung eine Reihe von chinesischen Kultursymbolen aufgeführt. Allerdings ist der deutsche LiveKommentar wenig darauf eingegangen und hat zur Unterstützung der Zuschauer bei ihrer Bildwahrnehmung auch nur wenige Hintergrundinformationen angeboten.

Beispiel 1 zeigt, dass die Beschreibung des auf der Bildrolle geschaffenen Bildes im deutschen Live-Kommentar durch vier Fragesätze ersetzt wurde, nämlich: „Was ist hier wirkliche Malerei? Was ist Projektion? Was bleibt übrig? Und was verschwimmt in der traumartigen Musik dieses altertümlichen Instru- mentes?“ (08 bis 14). Dabei haben die gezeichneten Kultursymbole wie Felszeichnung, Porzellan und Bronzegüsse gar keine Erwähnung gefunden. In ähnlicher Weise wurde die Bedeutung der chinesischen Malerei lediglich auf „ein Bild aus Tinte und Wasser“ reduziert (16 bis 18). Der Sinn der Tuschmalerei, nämlich Geist durch Form auszudrücken, wie gerade durch die Körpersprache der Tänzer auf der Bühne inszeniert, wurde von den Reportern nicht erkannt.

Darüber hinaus ist es völlig verfehlt, die Darstellung der variierenden Form des Zeichens,,He“ (Harmonie) lediglich als „spektakulärste Demonstration der ersten Druckmaschinenerfindung mit chinesischen Schriftzeichen“ zu interpretieren (21 bis 23 im Beispiel 2). Denn neben der Hindeutung auf die chinesische Erfindung der Drucktechnik mit bewegten Lettern wurde zugleich auch präsentiert, wie sich die chinesischen Schriftzeichen und die lange Geschichte der chinesischen Zivilisation zauberhaft umgewandelt hatten.

← 75 | 76 → Nicht zuletzt können die Reporter, wie das Beispiel 3 gezeigt hat (11), das Gedicht von Li Ba, das in herausragender Weise mittels des Motivs Wasserfall die Natur thematisiert, nicht übersetzen oder annähernd erklären.

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass die deutschen Reporter nicht in der Lage waren, die chinesischen Kultursymbole zu entschlüsseln und die Bildaussagen für die Fernsehzuschauer mit genügend Zusatzinformationen zu versehen und in ausreichendem Maße zu interpretieren.

3.3 Politisieren der Themen

Das Fehlen der Kulturkenntnisse über China, die in diesem Live-Kommentar eigentlich erforderlich gewesen wären, aber mangelhaft angeboten wurden, haben die beiden Reporter mit politisch und sozioökonomisch kritischen Kommentaren zu kompensieren versucht. Auf diese Weise ist der Live-Kommentar stark politisiert geworden.

Schon beim Thema Natur in der Kulturshow, in dem das chinesische Verständnis der Beziehung zwischen Mensch und Natur sowie der Wunsch nach einer grünen Welt veranschaulicht wurden, wurde im deutschen Live-Kommentar mit belehrendem Ton die Umweltverschmutzung in China kritisiert:

Beispiel 4 (Kulturshow: Natur)

15 M:

und die einheit zwischen mensch und natur, (1.0)

16

ist (.) das thema auch dieser KINder. (3.0)

17

denn sie lernen(4.5)

18

ihre welt wieder grün zu machen?

19

und blau zu machen? (2.0)

20

die einheit von (–) mensch und natur ist den chinesen (-) in den letzten 30

21

jahren (–-) etwas verLORen gegangen.

 

32

ein umweltschutzgedanke-

33

den: man den chiNESEN: (–-) nur wünschen kann.

34

dass er nicht nur hier gemalt und formuliert wird=

35

=sondern tatsächlich (–) in die schwierige situation (.) der gegenwart

36

umgesetzt wird.

Mit dem Wort „wieder“ (18) wurde präsupponiert, dass die Welt der chinesischen Kinder schon längst nicht mehr grün sei, denn „die Einheit von Mensch und Natur ist den Chinesen in den letzten 30 Jahren etwas verloren gegangen“ (20 und 21). Dabei wurde einerseits der Verdacht geäußert, dass die Chinesen den Umweltschutzgedanken wohl nicht hätten (32 und 33). Andererseits wurde dazu aufgefordert, nicht nur bei der Theorie zu bleiben (34), sondern tatkräftig zu handeln (35 und 36).

← 76 | 77 → Des Weiteren kommt der Erwartung der deutschen Reporter anscheinend entgegen, dass die kommunistische Partei und die Ära Mao Zedong im Teil Kulturshow nicht thematisiert wurden:

Beispiel 5 (Kuturshow: Ubergang zum Thema Natur)

01 W:

mit einem knalleffekt springen wir hinein,

02

in die gegenwart-

03

in die moDERNe?

04

in (–) das WEISen der zukunft, (–)

05

und auch hier muss man sagen,

06

100 jahre geschichte-

07

in denen ja Eigentlich die !BASIS! gelegt wurde für die volksrepublick china einfa:ch

08

(.) AUSgelassen? (–)

09

!WEG!.

10

!KEIN MAO!?

11

keine entSTEHung der kommunistischen partei?=

12

=nichts dergleichen? (–)

Mit viel Emotion, die im Beispiel durch Akzentuierung und Anhebung des Tons am Ende der Redeeinheit zum Ausdruck kam, wurde Erstaunen oder Enttäuschung zum Ausdruck gebracht. Das Thema Mao Zedong wurde dann aber am Ende der Übertragung beim Einmarsch der chinesischen Delegation wieder aufgegriffen:

Beispiel 6 (Einmarsch der chinesischen Delegation)

294 M:

beTONT wurde immer harmoNIE:;

295

dieses !FRIED!volle zusammenleben-

296

der WUNsch eine gemeinschaft zu sein,

297

das sind naTÜRlich !NUR! die HIGHlights.

298

auch der chinesischen geschichte.=

299

=so hat das auch der (-) chin. regisseur (-) zhang yimou vorher gesagt;=

300

=die hier präsentier werden.

301

nicht das;=

302

=was schiefgelaufen ist,

303

nicht das;=

304

=worüber man noch nicht genau weiß;=

305

=wie man es historisch einordnen soll.

306

MAO auf !JEDEM! geldschein;

307

die wir in der hand halten;

308

Abgebildet-

309

aber !NICHT! in dieser (-) GROßen,=

310

=auch geSCHICHTsschau zu sehen gewesen;

311

eine intereSSANte kleine lücke.

Mit dem Zurückgreifen auf die Äußerung von Zhang Yimou (299 bis 305) im Beispiel 6, dass nicht präsentiert werde, was in der chinesischen Geschichte ← 77 | 78 → schiefgelaufen ist oder historisch schwer eingeordnet werden kann, hat der Reporter versucht, über den Grund für das Fehlen von Mao Zedong als Thema im Teil Kulturshow zu spekulieren. Dies hat er indirekt auszudrücken versucht, indem er die Abwesenheit Maos als,,interessant“ bezeichnet (311). An dieser Formulierung ist die politisch kritische Perspektive des Reporters unschwer abzulesen.

Auf andere kritische Themen wie Menschenrechtsverletzungen oder Doping wurde im deutschen Live-Kommentar ebenfalls Bezug genommen:

Beispiel 7 (Einmarsch der deutschen Delegation)

48 M:

einige sind nicht dabei?

49

nicht viele sagte man mir,

50

aber eine zum beispiel imke (.) duplizer hat gesagt-=

51

=sie wird !NICHT ! an dieser eröffnungsfeier teilnehmen wollen-=

52

=aus protest eben gegen die menschenrechtsverLETZungen-

53

man konnte einige athleten VORher sehen-

54

in ihrem protest gegen das,=

55

=was passiert? ( – )

56

aber dieses ist nicht der platz dafür.

Beispiel 8 (Einmarsch der chinesischen Delegation)

50

M: schaffen sie jetzt schon den sprung nach GANZ vorne:: in der

51

medaillenbilanz? u:nd (.) diese frage muss !AUCH! in diesem

52

stimmungsvollen moment erlaubt

53

sein-

54

wie SAUBer ist (–) der sportapparat (–) in China? (1.5)

55

W: !VIEL!e ANzeichen (–-) sprechen:: für !DOCH! einige unsaubere meTHOden, Aber

56

!VIEL!e belege und !VIEL!e positive dopingfälle (-)

57

ha:ben sie in china NICHT. ()

Im Beispiel 7 wurde ausdrücklich die Information ergänzt, dass eine deutsche Sportlerin nicht zur Eröffnungsfeier gekommen ist, um gegen die Menschrechtsverletzungen in China zu protestieren (51 bis 52), obwohl der Reporter schließlich sogar zugibt, dass die Eröffnungsfeier nicht der geeignete Ort für den Protest ist (56). Auch beim Einmarsch der chinesischen Sportler im Beispiel 8 wurden Kommentare eingeschoben, die besagen, dass es Anzeichen für unsaubere Sportmethoden gebe (55 und 56), obwohl es sich dabei wiederum nur um Vermutungen handelt, denn,viele Belege und viele positive Dopingfälle haben sie in China nicht.“ (56 und 57).

Nicht zuletzt wurde auch die choreographische Darstellung, in der sich eine große Menschmenge synchronisch bewegt, kritisch betrachtet:

← 78 | 79 → Beispiel 9 (Einmarsch der chinesischen Delegation)

183 M:

u:nd (1.0) vielleicht um eine kleine Zwischenbalance (–) de:s unterhaltsamen,

184

des showteils zu ziehen(1.0)

185

man sieht-=

Details

Seiten
349
ISBN (PDF)
9783653043686
ISBN (ePUB)
9783653992014
ISBN (MOBI)
9783653992007
ISBN (Buch)
9783631647349
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Mai)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 349 S., 2 farb. Abb., 3 s/w Abb., 8 Tab.

Biographische Angaben

Armin Burkhardt (Band-Herausgeber) Jin Zhao (Band-Herausgeber) Jianhua Zhu (Band-Herausgeber)

Armin Burkhardt ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Magdeburg und Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache. Jin Zhao ist Professorin für Deutsche Sprachwissenschaft an der Tongji-Universität Shanghai und Dekanin der Deutschen Fakultät. Jianhua Zhu ist Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Tongji-Universität Shanghai und Vorsitzender der Internationalen Vereinigung für Germanistik.

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Titel: Alltags- und Fachkommunikation in der globalisierten Welt